2013 Christian Herwartz, Die Gleichheit spüren

Seit vielen Jahren wohne ich mit noch zwei Jesuiten und etwa 14 Personen in einer Wohngemeinschaft im Berliner Bezirk Kreuzberg. Vor einigen Jahren klingelte ein 45jähriger Mann. An der Hand hieltereindreieinhalbjähriges Mädchen und stellte sich vor: „Dies Kind habe ich entführt. Wir sind schon vier Monate unterwegs. Ich möchte hier wohnen.“ Ich denke spontan an den Schmerz der Mutter und bin unsicher, wie ich mich verhalten soll. Auf der Treppe können wir nicht bleiben. Sollte ich die beiden empört wegschicken oder einlassen? -In der Wohngemeinschaft üben wir uns mit einer offenen Tür zu leben. Die beiden kamen rein. Für eine schwangere Frau wargeradederGeburtstagstisch gedeckt. SiekonnteihremExfreund noch nicht sagen, dass sie bei der Geburt Distanz brauche. Auch der Vater des entführten Mädchens, der kein Sorgerecht hat, wollte an diesem Tag seinen Geburtstag feiern. So begingen wir einen doppelten.Wie fand der Unbekannte zu unserer Wohnung? Er traf zwei Sozialarbeiterinnen, die ihm seine Geschichte glaubten: Die Mutter des Kindes ist schwere Alkoholikerin und lebt mit einem Mann zusammen, der mehrfach wegen Kindesmissbrauch inhaftiert war. Der Ex-Mann will das Kind aus der Gefahrenzone holen. Die beiden Frauen suchen einen Weg aus dieser schwierigen Situation. Sie brauchen Zeit, wenn sie nicht einfach zur Polizei gehen und das Vertrauen der Flüchtenden missachten wollen. Die beiden Obdachlosen suchen Ruhe. Die Helfenden können sie auf keinen Fall aufnehmen. Es ist ihnen sogar verboten. Dann würden sie arbeitslos. Ein Unbekannter, der uns wohl einiges zutraute, gab unsere Adresse weiter. Die beiden blieben zwei Monate. Nach anfänglicher Unsicherheit, ob mir diese Aktion eine Bestrafung wegen Beihilfe zur Kindesentführung wert sein, sah ich, wie das Kind zu malen und immer besser zu sprechen begann. Ich beruhigte mich innerlich und freute mich über die Entwicklung des Kindes. Der Vater suchte nach einer Lösung, um aus der Fahndung heraus zu kommen und gab sein Kind ineineGastfamilie. Dort wurde es schnell vom Jugendamt entdeckt und wieder zur Mutter gebracht. Daraufhin strengte der Vater eine Gerichtsverhandlung an, um das Sorgerecht für die Tochter zu bekommen. Die Richterin entschied, dass die beiden älteren Söhne in ein Heim kommen sollten und das Mädchen in der schwierigen Situation bei der Mutter bleiben könne. Ein Jahr später in der Adventszeit kippte eine Kerze auf ihrem Küchentisch um und alle drei – Mutter, Freund, Kind – verbrannten. Der Alkohol fand seine Opfer. An ihrem fünften Geburtstag beerdigten wir Yvonne.Das ist keine alltägliche Geschichte. Doch in ihr wird etwasAlltägliches sichtbar: Wenn wir die auf Gewalt fußendenAlltagslösungen, die Welt derSicherheitsschlösser und des steigenden Konsums ein wenig verlassen, dann sehen wir durch die Angst in Gesichter voller Hoffnung und entdecken unsere eigene Sehnsucht.Eine weitere Geschichte: Im vergangenen Sommer wurden zwei indische Bürger bei ihrer Ankunft in Berlin festgenommen. Vor den Mauern der Abschiebehaft, die uns an die Todesgrenze um Europa erinnern, stehen wir seit 1995 regelmäßig mit der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“. Schreiendes Unrecht ist es, Menschen der Freiheit bis zu 18 Monaten zu berauben, die keiner kriminelle Tat angeklagt werden. Wir hoffen auf den Einsturz dieser Mauern. Die Behörden wissen, dass Indien keine Abschiebung duldet. Trotzdem bleiben die Inder zur „Abschreckung“ sechs Monate inhaftiert. Bei der Festnahme trugen sie Turnhosen. Neue Kleidung bekamen sie nicht. So konnten sie im Winter das Gebäude nicht einmal zur Freistunde verlassen. An einem Abend im Januar wurden sie um 22 Uhr entlassen und standen vor dem Gefängnis am Rande von Berlin, nicht nur unangemessen bekleidet sondern auch ohne Geld für ein Verkehrsmittel. Wohin sollten sie auch fahren? Die Behörden verhielten sich sicherlich dem Gesetz gemäß. Sie folgen einer zerstörerischen Ordnung, die auch bei den großen Fragen der Reichtumsanhäufung und dem würdelosen Umgang mit der Mehrheit der Bevölkerung sichtbar wird. Eine Frau sah die frierenden Männer und kam mit ihnen zu uns. Bis sich eine Perspektive zeigte, blieben sie.

Diese Geschichten könnte jemand als Beispiele des Helfens lesen. Das ist für mich eine äußerliche Lesart. Stimmiger scheint mir, dass wir uns hier alle als Gäste wahrnehmen, die in der einen oder anderen Situation dem anderen gegenüber zu Gastgebern werden. Dazu gehört, dass wir auch mal das eigene Bett hergeben, wenn es gebraucht wird. Jeder kann darauf vertrauen, anderswo in der Wohnung oder in der Nachbarschaft Unterkunft zu finden. Manchmal tut es mir gut, für eine längere Zeit ohne Wohnungsschlüssel darauf zu vertrauen, dass mir geöffnet wird.

Regelmäßig wohnen Menschen aus sechs bis zehn Nationen in unserer Wohngemeinschaft. Unser Vergleichspunkt, was normal und nicht normal ist, ist kein idealtypisch deutscher. Aber den gibt es ja in Wirklichkeit auch nicht. Doch fallen wir durch die Rückfragen anderer und unsere Wünsche Allgemeingültiges zu sagen in überholte Vorstellungen zurück. Wie finden wir dann wieder zu einer befreiende Sicht auf die Welt?

Helfen kann uns, auf die Straße zu gehen, auf der wir Menschen begegnen, die wir uns nicht ausgesucht haben. In der Offenheit für mögliche Begegnungen überwinden wir unsere Blickverengungen und ziehen die Schuhe der unterschiedlichen Vorurteile aus (Ex 3,5). Dann stehen wir im Bodenkontakt mit der Wirklichkeit. Hier lebt Jesus, der sich als Straße (Jo 14,6) und als Obdachloser beschreibt (Lk 9,58). Er ist kein Helfer, der Krankenhäuser oder Sozialstationen gründete. Er will ganz Mensch sein und geht deshalb zu den als unrein bezeichneten Menschen an den Rändern der angesehenen Gesellschaft. Andernfalls würden die herrschenden Vorstellungen, man müsse so oder so sein, seinen Weg der Menschwerdung domestizieren. Erst wenn die Zöllner, die der römischen Besatzung dienen, ja alle die sich an der Gemeinschaft versündigen, auch die Gefangenen, Fremden und Kranken in den Blick kommen, ist der Weg zur Menschwerdung für alle offen.

Die Straße fordert jede/n auf andere Weise heraus, eigene kulturelle Vorstellungen zurück zu lassen und die Wahrheit des Lebens zu entdecken. In einem gastfreundlichen Haus kann die befreiende Dimension der Straße sogar, wenn wir Vertrauen spüren, im eigenen Wohnzimmer entdeckt werden (Mk 2,4; Lk 7,50). Das Pilgern ist auch in anderen Religionen eine wichtige Praxis, Menschen zu begegnen und die uns allen gemeinsame mystische Dimension – die Liebe in uns und zu anderen – wahr zu nehmen. Besonders deutlich wird sie mir bei dem interreligiösen Friedensgebet auf dem Gendarmenmarkt in Berlin an jedem ersten Sonntag im Monat {1}.

Um möglichst vielen diese Erfahrung der Gegenwart des Auferstandenen zugänglich zu machen, begleite ich suchende Menschen, in Weiterführung der „Geistlichen Übungen“ meines Ordensgründers Ignatius von Loyola, in „Exerzitien auf der Straße“ {2}.

Als Einstieg in diese Zeit der Aufmerksamkeit nutzen wir einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium (10,3f). Dort beschreibt Jesus die Straße als Ort der Wölfe, unter die er seine Jünger damals und uns heute als Schafe schickt. Meine eigene Erfahrung hat mich gelehrt, in den Raubtieren den Kapitalismus zu sehen, weil er durch seine Fixierung auf den eigenen Gewinn, die Menschen in Arme und Reiche aufteilt und damit den Unfrieden in der Gesellschaft Raum verschafft.

Jesus gibt uns vier Regeln zum Überleben mit:
Erstens: Lasst die Geldbörse weg, dann verlieren die Wölfe ihr Interesse. Die Beute fehlt.
Zweitens: Lasst auch den Rucksack mit Notproviant zurück. Als Menschen mit Drogenproblemen bei uns lebten, war das Küchenradio oft weg bis wir ein einfaches Gerät anschafften, das keinen Wiederverkaufswert hatte. So wurde diese Regel auch in unserem Alltag konkret.
Drittens ermahnt Jesus die Jünger und Jüngerinnen, ihre Schuhe zurück zu lassen. Sie sollen auf dem Weg nach Jerusalem anklopfen und den Bewohnern den Frieden wünschen. Beim Eintritt in die Häuser legen sie aus Respekt ihre Schuhe ab. Aber diese Mission des Hineingehens beginnt sofort. Das Wort – jetzt, gleich, sofort – weist in der Bibel auf diese unaufschiebbare Handlung hin. Der Weg des Vertrauens, das Öffnen der Tür findet jetzt statt. Doch unser Ja zu Gästen wird durch ein deutlichen Nein gegenüber all jenen, die unsere Gastfreundschaft bedrohen, verteidigt: Menschen, die durch unsere Tür kommen und von ihrer Not erzählen, müssen vor polizeilicher Anzeige oder Veröffentlichungen in den Medien geschützt sein. Da Polizisten – und die sich dafür halten – bei Unregelmäßigkeiten auch in ihrer Freizeit zur Anzeige verpflichtet sind, bitten wir sie um Abstand. Ähnliches gilt für Presseleute, die keinen Vertrauensschutz gewähren.
Schließlich spricht Jesus in der vierten Ermahnung eine der vielen kulturellen Konvention an: Grüßt nicht unterwegs. Ich höre die Empörung: Ich will doch nicht unhöflich sein! Unhinterfragte Regeln werden leicht zu Fremdbestimmungen. Ich nenne als Beispiel den Rassismus sowie die Berührungs- und Begegnungsverbote, die mit ihm verbunden sind und uns oft fremd bestimmen. Rassismus ist unserer Gesellschaft eine verbreitete menschenverachtende Gewohnheit. Da übersetze ich mir den Ratschlag Jesu folgendermaßen: Grüßt die Menschen, die beiseite geschoben werden, geht zwei Meilen mit ihnen, wenn sie euch drängen, eine Meile mit zu gehen (Mt 5,41). Lasst euch in die größere Wirklichkeit der Menschheit einladen. Und seid nicht von denen blockiert, die euch davon ablenken wollen. Grüßt sie nicht!

Das Gespür oder sogar die Einheit mit ausgegrenzten Menschen wächst im Stillen. Aber es gibt Anlässe, mit dieser Erfahrung aufzustehen und das Wort in der gesellschaftlichen oder kirchlichen Öffentlichkeit zu ergreifen. Dann hören wir das Knurren der Wölfe. Jetzt müssen wir zu der erkannten Wahrheit stehen und sollen die scheinbare Sicherheit des Geldes oder die angepassten Konventionen zurückweisen.

Dieses Buch dreht sich um Fragen von Kirche und Politik. In beiden Bereichen beziehen sich die Akteure auf Konstrukte, auf juristische oder theologische und nur noch selten auf die von vielen erlebte Wirklichkeit. Hierarchien haben sich gebildet und werden verteidigt. Sie zementieren die gesellschaftlichen Spaltungen. Die Politik ist oft Sklavin des Kapitalismus geworden und die Kirchen überholter Wertordnungen. Manchmal sind sie geradezu pseudo-konservative Hochburgen, die ein Fortschreiten im Leben verhindern.
In beiden Bereichen ist es wichtig, sich der Wirklichkeit ohne Scheuklappen zu stellen und alle Ängste abzulegen, um aus der Geschichte zu lernen und sich den neuen Fragen und Hoffnungen zu öffnen. Wenn wir Privilegien der Macht aufgeben und die Gleichheit aller Menschen wahrnehmbarer wird, dann sind wir auf einem guten Weg.
Im religiösen und im gesellschaftlichen Bereich gibt es viele Übungswege, die bestehenden Ungerechtigkeiten wahrzunehmen und die Hoffnung auf Veränderung wachsen zu lassen. Einer davon sind die Exerzitien auf der Straße, bei denen wir die befreiende Gleichheit unter uns spüren und unsere Geschwisterlichkeit neu wahrnehmen können. Der Weg der Inkulturation im Ausland aber auch im Inland in vorher fremde Lebensbereiche ist ein anderer Weg des Beziehungsaufbaus über bestehende gesellschaftliche Grenzen hinweg. Die Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen können dabei Hilfestellungen geben. Doch oft sind sie so in Eigeninteressen gefangen, dass ihnen dieser Dienst nicht leicht fällt. Oder sie werden von bestehenden Ungerechtigkeitsstrukturen zur Stabilisierung ihrer Interessen missbraucht. Die Übergriffigkeiten der Gesellschaft im religiösen Bereich machen mich machchmal sprachlos: Das Beschneidungsverbot entzieht Juden und Moslems die Berechtigung, mit ihrer Identität in Deutschland zu leben (hier Endnote: Landgericht in Köln am 7. Mai 2012). Die mangelnde Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Homosexuellen und Wiederverheirateten in der Kirche unterhöhlt entsprechende gesellschaftliche Fortschritte.
Die Reichtumsanhäufung im sogenannten privaten Bereich, der ja nicht persönlich erwirtschaftet ist, behindert das friedvollen Zusammenleben mit Menschen anderer Länder und Kontinente, denen dieser Reichtum ohne entsprechenden Gegenwert gestohlen wurde. Diese Kollektivschuld verdrängen wir oft, um die vor uns liegenden Verantwortlichkeiten wahr zu nehmen.

Eine letzte Geschichte: Eine Frau wurde obdachlos. Wir konnten sie aufzunehmen. Ihre Bescheidenheit half uns. Einige Jahre später, sie hatte längst eine eigene Wohnung, wollte sich diese mittelarme Frau für unsere Gastfreundschaft bedanken. Sie schlug zwei von uns für das Bundesverdienstkreuz vor. Wir fanden das keine gute Idee. Doch sie nahm das Buch Gastfreundschaft {3} mit vielen Erzählungen aus unserer Wohngemeinschaft und schickte es an den Bundespräsidenten. Dieser wies einen Staatssekretär an, uns die Auszeichnung zu bringen. Die Dankbarkeit der Frau fand einen Weg unsere Widerstände zu überwinden – und ebenso die Widerstände der staatlichen Stellen, die Wert auf rechtmäßiges Verhalten legen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Mit diesem Satz beginnt unser Grundgesetz. Die Realität sieht anders aus. Die Lebenswege der Menschen sind sehr verschieden. Manchmal können einige bei uns ihre Würde neu wahrnehmen und nach einem Weg zu größerer Gerechtigkeit suchen.

in: Jörg Alt(Hg.)
Entweltlichung oder Einmischung – wie viel Kirche braucht Gesellschaft?
Würzburg 2013, S. 40 – 46

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