2013 Christian Herwartz Das klebrige Aber verlieren

Wir Jesuiten und Kirchenleute in Leitungsfunktionen spüren unsere Uneinigkeit nach dem Offenlegen des sexuellen Missbrauches durch einige Jesuiten an Kindern und Jugendlichen und das Verschweigen dieser Verbrechen.
Diesen Prozess der Uneinigkeit hat Jesus vorausgesehen und seine Offenlegung gewünscht (Mt 10,34-39; Lk 12,49-53). Er selbst hat den Prozess der Spaltung durchlaufen: Einerseits wurde sein Erneuerungsweg in der abgelegenen Provinz Galiläa freudig aufgenommen. Doch andererseits wurden sein Verhalten und seine Predigt von den Meinungsführern in Jerusalem zunehmend als politisch gefährlich und als religiös unrein eingestuft. Daraufhin stellte Jesus, wie Matthäus erzählt (13,10f), das Predigen ein und redete nur noch in Gleichnissen, um wenigstens den Jüngern und Jüngerinnen Einblick in seine Botschaft zu geben. Da verließen ihn viele seiner Anhänger, und er fragte die Jünger: „Wollt auch ihr gehen?“ (Joh 6,68) Petrus bekennt sich – vielleicht schon im Namen des verbliebenen Restes – zu Jesus als dem Messias, dem „Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,13-26). Dieses Bekenntnis eröffnet einen Raum des Vertrauens, in dem Jesus von seinem bevorstehenden Leiden erzählt. Da bricht die bisher verdeckte Uneinigkeit zwischen den Freunden auf: Petrus nimmt Jesus zur Seite und will ihn von seinem Weg nach Jerusalem abbringen, der ja ein Weg des Offenlegens der ganzen Realität unter uns Menschen ist. Sehr energisch – „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen“ – weist er Petrus ab und macht seine Einheit mit dem Ursprung des Lebens deutlich, den wir Gläubigen mit ihm Vater nennen. Danach ermahnt Jesus uns alle: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“ (Mt 16,34) Auf seinem weiteren Weg erfährt Jesus, wie ihn alle Freunde verlassen. Auch er selbst spürt die Gefahr der Abspaltung vom Willen des Vaters in der Nacht vor seinem Tod (Mt 26,39). Doch Jesus weicht vor der ganzen Wirklichkeit in dieser Welt und vor dem Angesicht des Vaters nicht aus.
Wir Jesuiten leben nach der Offenlegung des sexuellen Missbrauchs an den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen mitten in dieser Zerrissenheit, die uns Jesus vorausgesagt hat. Der Kommunikationsabbruch und unser gegensätzliches Verhalten werden jetzt deutlich. Manche ältere Mitbrüder bangen um ihr Lebenswerk; die in der Verantwortung Stehenden suchen den Neuanfang auch in der Begegnung mit den in der Geschichte verletzten Menschen, einige Jüngere sagen: „Das war vor unserer Zeit.“ Den notwendigen Reinigungsprozess wünschte uns Jesus: Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brenne! Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist! Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern
Zwietracht. Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei. Es wird der Vater gegen den Sohn sein und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwieger-mutter gegen die Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter. (12,49-53)
Die Uneinigkeit unter uns ist auf vielfältige Weise zu spüren, denn jeder von uns versucht, sich spontan hinter einem der vielen Abers zu verstecken: Aber ich habe so etwas nicht gemacht. – Aber ich habe davon nichts gewusst. – Aber ich war kein Amtsträger, der hätte handeln müssen. – Aber ich hatte die Dramatik der Übergriffe in der damaligen Zeit
nicht begriffen. – Aber ich wollte klug reagieren. – Aber ich war weit weg und habe deshalb nichts gewusst. – Aber ich war noch kein Jesuit. – Aber ich war im Ausland. – Aber ich bin jetzt krank oder zu alt, um mich an irgendetwas erinnern zu können. Diese Aber-Liste kann leicht verlängert werden.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – ich habe sie als Kind in Deutschland erlebt – wurde ausweichend von der guten alten Zeit und auch von der Kameradschaft im Krieg erzählt. Über den Verlust der vielen Menschen, die von Deutschen im Namen Deutschlands umgebracht wurden, sollte geschwiegen werden. Viele leugneten gar die systematische Vernichtung von Behinderten, Roma, Juden, Kriegsgefangenen oder
Menschen in den besetzten Gebieten. Wenn das Geschehen nicht mehr geleugnet werden konnte, dann begann litaneiartig die Aufzählung der Abers. Die Verbrechen oder wenigstens doch das Wegsehen wurden als notwendig gerechtfertigt. Die Schmerzen der Überlebenden kamen nicht in den Blick und dauern doch oft bis heute an, wie wir in den Berichten der Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen immer wieder lesen können.
Doch wenn die Verleugneten von den Ereignissen erzählen konnten, fanden sie – selbst im feindlich gesinnten Umfeld – zu der ihnen abgespro chenen Würde zurück.
Die Uneinigkeit im Orden und in der Kirche erlebe ich nicht so kämpferisch wie nach dem Krieg, als selbst die Märtyrer aus dem Widerstand gegen die Nazidiktatur weggedrängt wurden, jene Frauen und Männer, die uns 1945 die Chance des Neuanfangs eröffnet haben. Oft legten sie noch im Gefängnis im Angesicht des Todes Zeugnis davon ab, dass die Feindschaft zwischen Völkern, Ideologien und zwischen den christlichen Konfessionen in ihnen überwunden ist. Ihr Zeugnis war ähnlich wie bei Jesus systemsprengend und musste deswegen von den Systemhörigen beiseitegeschoben oder infrage gestellt werden. Das Engagement der Widerstand Leistenden schien nicht tauglich zu sein, der neuen Gesellschaft im Kalten Krieg und im Wirtschaftswunder beizustehen.
Nach den schweren Verletzungen stießen die sexuell missbrauchten Kinder und Jugend-lichen in ihrem Umfeld auf eine ähnliche Schweigemauer. Sie wurden in ihrer Not mit Hinweis auf die Verdienste des Ordens allein gelassen oder beschwichtigt. Die notwendigen Fragen an die Verantwortlichen und an die Ideologie der unbegrenzten Bedürfnisbefriedung, die auch nicht haltmacht vor den grundlegend zu schützenden
Belangen anderer Menschen, durften nicht gestellt werden. Die Opfer der gewalttätigen Grenzüberschreitungen wurden beschuldigt, den Tatbestand zu übertreiben oder sich selbst mit ihrem Verhalten schuldig gemacht zu haben. (Eine Frau schrieb in ihrem Lebensbericht, wie sie bis zu ihrem 40. Lebensjahr unter dem Schuldgefühl litt, als 12-jährige einen 60-jährigen Mann verführt zu haben.) Die kirchlichen und gesellschaft-
lichen Autoritäten sollten geschützt werden. Die weiter offenen Wunden bremsten die Opfer in ihrem Leben häufig aus, menschliche Beziehungen kamen nicht zustande oder nahmen tragische Verläufe auch für ihre Kinder. Sie leben oft weiter in einer verdeckten Verstörtheit.
Die neue Situation
Anfang 2010 konnte das Ausmaß des Verbrechens geahnt werden, und der Orden übernahm die Verantwortung. Die Opfer wurden gehört. Sie hatten ein Gegenüber bekommen. Die Macht ihrer Erzählungen wurde deutlich und sie ist auch jetzt nicht zu begrenzen. Ihre Würde war der kirchlichen Macht geopfert worden, und dieses Unrecht schrie nun gen 0Himmel. Als das Unrecht sichtbar wurde, musste jeder Jesuit in Deutsch-
land mitten in seiner Angst einen inneren Prozess durchlaufen: Will ich jetzt auf die Erzählungen der Opfer hören oder halte ich die Ausführungen für übertrieben und kann sie beiseiteschieben? So unglaublich es klingen mag, manche von uns zogen sich hinter eines der Aber zurück und hatten die Illusion, dass bald Gras über den Skandal wachsen und das Leben weiter gehen würde. Was für ein hohles Leben sollte da weitergehen?
Jeden von uns traf die Nachricht in einer anderen Situation. Der oft aussaugende berufliche Alltag musste weiter gehen. Wann konnte sich der Einzelne die Zeit nehmen, den eigenen Verstrickungen in das nun sichtbare Unrecht nachzuspüren? Da wir alle religiöse Menschen sind, war Vielen bald klar: Wir brauchen nicht unsere eigene Ehre retten, sondern dürfen uns in das schmerzhafte Wir des Ordens stellen. Für jeden von
uns stand eine notwendige Bekehrung an. Dieser Prozess ist nicht planbar und braucht bei jedem seine Zeit. Aber es gibt auch ein verständliches Drängen der Opfer, sie nicht in ihren Leiden warten zu lassen. Wenn Jesus künscht, ein Feuer anzuzünden, dann will er diesen Prozess vorantreiben. Die persönliche Bekehrung ist eingebettet in die Offenheit, auch auf andere Machtmissbräuche im kirchlichen System und in den Ordensstrukturen unverstellt zu sehen. In ihnen leben wir ja weiter. Den Weg der Bekehrung zu gehen braucht den Mut, die Wirklichkeit ganz zu sehen, auch lieb gewordene Privilegien zu bemerken und die erkannten Fehler nicht wiederholen zu wollen. Bekehrung ist ein individueller und ein gemeinschaftlicher Prozess, in dem der Orden und die Kirche ihre Praxis ändern müssen. Ähnlich waren sie nach der systematischen Vernichtung
der jüdischen Geschwister herausgefordert, die ganze eigene Geschichte
kritisch anzusehen. Die Christen hatten jahrhundertelang dieses Verbrechen mit verachtendem Reden und Gewalttaten gegenüber dem Volk Jesu mit vorbereitet. Sie haben dann gegenüber dem Holocaust weitgehend geschwiegen. – Auch bei den Jesuiten durfte jahrhundertelang weltweit kein getaufter Jude in den Orden aufgenommen werden. Dieses Verbot – eine strukturelle Sünde – wurde nach dem Krieg aufgehoben und wir
kehrten langsam zu der besonderen Liebe unseres Gründers, Ignatius von Loyola, zu dem Volk Jesu zurück. Am Ende des 16. Jahrhunderts war ein Drittel aller Jesuiten jüdischer Herkunft gewesen. Auch der Papst legte zum Jahreswechsel 2000 ein Schuldbekenntnis für die ganze Kirche ab.
Doch die eingefleischten Vorurteile gegenüber dem jüdischen Volk und anderen ausgegrenzten Gruppen zu überwinden, bleibt eine andauernde Aufgabe wie bei einem trocken gewordenen Trinker, der sich dem Rückfall täglich neu widersetzen muss.
Ein ähnliches Schuldbekenntnis ist von den christlichen Konfessionen für 2017 geplant. Vor 500 Jahren veröffentlichte Luther seine kirchenreformerischen Thesen in Wittenberg. In diesen Bekenntnissen soll die Geschichte der Verletzungen benannt und ein Weg gegenseitiger Achtung gesucht werden.
Wir Jesuiten in Deutschland müssen weiter einen glaubwürdigen Weg der Sühne gehen, damit wir uns weiter öffnen für den Weg der Versöhnung. Demütig bitten wir die Opfer um dieses Geschenk. Jeder von uns wird seine Schritte gehen und wir als Gemeinschaft wollen weiter unsere Strukturen und eingeschliffenen Verhaltensweisen erneuern.

Das Schweigen überwinden
Nach einem erkannten Skandal wieder ins Sprechen zu kommen ist nicht einfach. Jesus erzählt in diesem Zusammenhang die Geschichte vom königlichen Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14). Ein Gast kann an der Freude über die eröffnete Liebe zwischen zwei Menschen keinen Anteil nehmen. Er hat kein hochzeitliches Gewand an. Darin drückt sich seine Not aus. Vielleicht lebt er in Scheidung, oder er trauert um ein verstorbenes Kind? Der Hausherr spürt intuitiv die Blockade dieses Menschen, der dem Fest fremd bleibt, und fragt ihn nach dem Grund. Doch er bleibt stumm vielleicht vor Scham über das Erlöschen seiner Liebe. Wenn wir verstockt schweigen, kommt keine heilende Luft an die eitrige Wunde der Täter, der Mitwisser, der kirchlich Verantwortlichen oder der aus welchen Gründen auch immer nicht ins Vertrauen Gezogenen. Dieses Schweigen, das die Barm-
herzigkeit Gottes verneint, schließt innerlich aus der Gemeinschaft der Kirche aus. Der Hausherr lässt dem Mann Hände und Füße binden und ihn in die Finsternis bringen. Er lebte mit seinem Verhalten längst mitten in der Hochzeitsgesellschaft im Dunkeln.
Auch das gesellschaftliche Schweigen in der Kirche ist lebenszerstörend. Der Evangelist Markus erzählt davon (3,1-6). Jesus bittet am Sabbat einen Mann mit einer steif  gewordenen Hand in der Synagoge aufzustehen. Dann fragt er die Gesetzestreuen: „Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten?“ Die Anwesenden schwiegen. Jesus sieht sie der Reihe nach an, voll Zorn und
Trauer über ihr verstocktes Herz. Doch er findet zurück zur Liebe, achtet das Gesetz des Lebens und heilt den Kranken. – Die Pharisäer und die Anhänger des Herodes beschließen daraufhin, Jesus umzubringen.
Dieses an den äußeren Geboten und Strukturen hängende Schweigen erleben wir auch jetzt. Es sind oft scheinbar vorbildlich lebende Mitbrüder mit hohem Ansehen, die sich aber fernhalten wollen von dem schmutzigen Geschehen des sexuellen Missbrauchs. Eine innere und äußere Distanzierung wird offenbar und spaltet den Orden und die Kirche
in der Nachfolge Jesu.
Der Jesuitenorden und wohl auch die Kirche ist weltweit gespalten in die Länder, die vor uns diesen Prozess der Offenlegung gegangen sind, und uns hier in Deutschland, die wir sie dabei allein gelassen haben. Wir dachten wohl, dass bei uns so etwas nicht vorkommen kann. Noch vor einigen Jahren meinten Menschen in der Kirche: „Das ist nur ein Problem
in den angelsächsischen Ländern.“ Diese Spaltung des Ordens besteht auch nach den Ereignissen in Deutschland weiter. Große Teile der Weltkirche halten ein solches Verbrechen in ihren Reihen weiter für unmöglich.
Um nicht missverstanden zu werden: Nicht jeder von uns ist gehalten, öffentlich zu den hier angesprochenen Ereignissen Stellung zu nehmen. Die Umkehr ist wie alle anderen Glaubenswege vielfältig. Gemeinsam gilt für uns alle, mit unseren Fähigkeiten ins Hören auf die Bedrängten zu kommen, in ihnen Gott zu finden und in diesem Hören trotz aller klugen Unterscheidungen zu bleiben. Den Opfern ohne ein ängstliches Aber zuzuhören und ihnen zu glauben, ist der erste Schritt auf dem Weg der Umkehr. Wenn wir uns gegenseitig in diesem Bemühen sehen, beginnt mitten im greifbaren Leid auch bald ein Weg der Freude. Eine neue Solidarität wächst von dieser Leid anerkennenden Praxis her, die zum Austausch drängt, ein ähnliches Sehen der Wirklichkeit wahrnimmt und zu
übereinstimmenden Beurteilungen findet. Dabei wird manchen von uns das Vertrauen von Menschen geschenkt, die sexuell missbraucht wurden. Andere hören den direkten Tätern und anderen Verantwortlichen zu. Andere entdecken den vielfältigen Machtmissbrauch in Kirche und Gesellschaft und sehen nicht weg. Sie entdecken, wie sie die beobachtende Sicht auf die Not anderer Menschen verlassen und neben den Be-
troffenen stehen.
Fassungslos hören wir von der nun meist jahrzehntelang zurückliegenden und doch ganz gegenwärtig gespürten Einsamkeit der damaligen Kinder und Jugendlichen, von ihren andauernden oder wieder aufbrechenden Schmerzen in ihrer heutigen Umgebung. Diese bis ins Unterbewusste dringende Destabilisierung wurde ihnen von Jesuiten oder uns
nachstehenden Personen zugefügt.
Da der sexuelle Missbrauch ein weitverbreitetes Unrecht in unserer Gesellschaft ist – Schätzungen sprechen von solchen Erfahrungen im Leben jeder dritten bis vierten Frau und jeden siebten Mannes in Deutschland – werden wir von Menschen aus ganz unterschiedlichen Kreisen angesprochen, die über ihre Not sprechen oder uns auf anderen Machtmissbrauch in Kirche und Gesellschaft hinweisen. Sie bitten uns um solidari-
schen Widerstand. Mitten in dieser tendenziellen Überforderung stoßen wir auch auf ungerechtfertigte Forderungen und verständlichen Hass der Verletzten, deren Anliegen lange beiseitegeschoben wurden. Wenn wir uns davon nicht verhärten lassen, beginnt eine neue Zeit des Zuhörens und auch des Wahrnehmens der eigenen Verletzungen durch die Opfer, in denen wir manchmal deutlich nein gegenüber ihren Übergriffigkeiten sagen müssen. Ich sehe keinen Grund, nun selbst als Opfer beleidigt zu reagieren, wie ich es auch in der Kirche bei einigen Verantwortlichen bemerkt habe. Wir sollten den Ursprung des Konfliktes nicht aus den Augen verlieren. Wenn Mitbrüder sich in ihrer Eitelkeit verletzt fühlen, spalten sie die Gemeinschaft aufs Neue. Auch sie bestärken uns indirekt,
im Bekehrungsprozess weiter zu gehen. In die schmerzhafte Solidarität mit vielen gerufen Ganz unerwartet stehen uns Menschen aus oft gegensätzlich agierenden gesellschaftlichen Gruppen bei, da das Thema Machtmissbrauch alle trifft. Die sexualwissenschaftliche Ambulanz der Universität plakatiert in München: Lieben sie Kinder mehr als ihnen lieb ist? Nicht nur unser hörendes Mitgefühl, sondern auch therapeutische Hilfe ist für Opfer und Täter wichtig, um aus Depressionen herauszufinden.
Wenn einige Jesuiten, die eine entsprechende Ausbildung haben, das Vertrauen für solch eine professionellen Begleitung bekommen, können sie entsprechende Angebote machen. Den meisten von uns wird wohl eher das Verhalten Jesu gegenüber der Frau, die widerrechtlich allein wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte, richtungweisend sein (Joh 8,1-11). Jesus bückt sich vor der Frau an dem Ort, wohin die Steine prasseln würden.
Er distanziert sich nicht von ihr. Da die aufgebrachten Männer sich nicht beruhigten, steht er auf und sagt: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Er selbst bleibt in der gefährlichen Nähe zu der Frau, deren Liebe mit einem Mann zum Skandal geworden ist. Wir sind in die Nähe unserer eigenen Opfer und aller beiseitegeschobenen Menschen gerufen, um Jesus dort neu zu entdecken, wohin wir ihn gedrängt haben.
Das kirchliche Schweigen steht auf dem Prüfstand. Wir religiöse Menschen üben im hörenden Schweigen den Willen Gottes wahrzunehmen und ihm zu folgen, in welche Not er uns auch rufen mag. Dieses hörende Schweigen sucht Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer – er will uns nicht mit Geschrei erreichen – sondern im sanften, leisen Säuseln, wie er mit Elija spricht (1 Kön 19,11f). Die erfahrene Wahrheit macht frei und soll nicht verborgen bleiben (Joh 8,30-39).
In der Begegnung mit anderen Menschen ist uns das gegenseitige Vertrauen wichtig, das Diskretion erfordert. Doch wann wird die Verschwiegenheit zum Vorwand, den Machtmissbrauch in den eigenen Reihen zu verschleiern? Die Regeln unserer Gemeinschaft, die Konstitutionen, legen großen Wert auf die gegenseitige Begleitung. Jesuiten sollen wie im Evangelium (Mk 6,7; Lk 10,1; Joh 8,17) sich zu zweit engagieren (Soziusregel). Die gegenseitige Offenheit, die nicht eine misstrauische Kontrolle ist, in der kein Vertrauen wachsen kann, will geübt sein. In der ausdifferenzierten und in immer größere Entscheidungsbereiche zusammengefassten Gesellschaft, in der wir alle leben, finden wir uns oft vereinsamt vor. Wir Jesuiten leben mit sehr unterschiedlichen Arbeitsfeldern und Bezugsgruppen zusammen und können uns nicht mehr leicht gegenseitig über die Schulter sehen, um unsere Freuden und Fragen miteinander aus-
zutauschen. Die in der Soziusregel angemahnte Begleitung ist in vielen Arbeiten von Jesuiten in Vergessenheit geraten. Die damit gegebene Vereinzelung hat – aus meiner Sicht – die Tür für viele Missstände geöffnet. Dabei geht es nicht nur um das Vermeiden von Fehlern, sondern auch um die Ermutigung, gemeinsam Missstände in Kirche und Gesellschaft anzusprechen.
Dazu gehört die Männern vorbehaltene Leitungsdomäne in der Kirche. Sie zu legitimieren ist in der Geschichte immer fragwürdiger geworden und schreibt gesellschaftliche Verhältnisse gegen die Offenheit des Evangeliums fest. Jesus hat Frauen und Männer um sich versammelt und sie zur Verkündigung der Frohen Botschaft ausgesandt. Doch das Übersehen der Frauen begann schon in den biblischen Texten. Denkverbote, die sich auf
diese Auslassungen berufen, blockieren das Wahrnehmen der Würde von Frauen und Männern in der Kirche heute.
Beziehungen sind greifbare Realisierungen der Liebe Gottes unter uns. Dazu gehören sowohl helfende funktionale Beziehungen als auch liebende Freundschaftsbeziehungen, ohne die Menschen seelisch austrocknen. Sie sind weltweit auch bei Amtsträgern real und für die Lebendigkeit im Glauben auf unterschiedliche Weise notwendig. Sie nicht nur schweigend zu dulden, sondern ohne Tabus über die Erfahrungen in einen Austausch
zu kommen, ist für ein gesundes Wachstum des Glaubens nötig. Das Wachsen der Liebe zu Gott und den Menschen braucht Schutzräume des Vertrauens – „Stört die Liebe nicht“ (Hohelied 3,5) –, in denen die leisen Impulse des Lebendigen hörbar werden und die eigenen Intuitionen im gegenseitigen Vertrauen geprüft werden können.

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