2005 Vera Rüttimann, Ränder, Grenzen, Übergänge

Seit 25 Jahren existiert in Berlin-Kreuzberg eine ungewöhnliche Jesuiten-Kommunität. Sie öffnet ihre Wohnung für Randständige jeglicher Art, hält Kontakt mit Strafgefangenen und organisiertExerzitien auf der Strasse.
Naunynstrasse 60, eine Adresse mitten in Kreuzberg. In dem Stadtviertel, in dem hauptsächlich Menschen türkischer Abstammung leben, befindet sich an dieser Stelle eine scheinbar gewöhnliche Wohnung. Hier wohnt auch der Jesuit Christian Herwartz. Bei seinem Äusseren denkt man zuerst nicht an Geheimlogen und an hagere Gestalten mit drei Hochschulstudien. Herwartz sieht eher aus wie ein Sozialarbeiter, tatsächlich hat er jahrelang als Arbeiterpriester gearbeitet. Einer Idee der Jesuitenfolgend, hat er als Arbeiterpriester als Lastwagenfahrer, als Möbelträger und als Dreher gearbeitet, lange Zeit in Frankreich. Seit 1978 war er zusammen mit Menschen unterschiedlicher Nationalität in der Berliner Elektroindustrie tätig und hat auch die Geschichtem hinter den Gesichtern kennen gelernt. „Ich weiss, was es heisst, Gastarbeiter zu sein“, sagt er. Seine Arbeitskollegen wussten meist gar nicht, dass er Jesuit war. Seine Arbeit in der Fabrik sah er nicht als herkömmlichen missionarischer Auftrag. Sein Anliegen und das seiner Weggefährten war und ist vielmehr, versuchen gesellschaftliche Veränderungen zu schaffen in Betrieben, in Wohnvierteln, überall dort, wo unmenschliche, ungerechte Strukturen herrschen. Aus dieser Empfindung heraus gründete Herwartz zusammen mit Mitbrüdern in den siebziger Jahren eine kleine Kommunität. Zusammen mit Menschen, die ihren vorgezeichneten akademisch
oder klerikal geprägten Weg verlassen und bewusst manuell arbeiten wollten. „Diesen Standortwechsel verstanden wirals radikale Umsetzung des Evangeliums“, umschreibt Herwartzden damaligen Schritt. Seit 25 Jahren lebt die Jesuiten-Gemeinschaft an der Naunynstrasse. Alsinteressierte Menschen nahmen sie damals schnell Kontakt auf zu verschiedenen Gruppen in der Stadt, vorrangig zu Menschen, die nicht zu der in der Politik und der Kultur tonangebenden Gesellschaft gehörten: Zu Gefangenen, Obdachlosen und Drogenabhängigen. Mit einigen von ihnen leben die Jesuiten bis heute in der Mietwohnung aus dem 19. Jahrhundert zusammen.
Einzelne Jesuiten in Deutschland bekundeten zu Beginn Probleme ob der unkonventionellen und für sie auch provozierenden Lebensform ihrer Glaubenbrüder, obwohl die Kreuzberger Jesuiten von der Ordensleitung in Rom Unterstützung erfahren hatten. Provinzial Franz Meures steht bis heute zu diesem Projekt und schreibt in einer Jubiläumsschrift aus dem Jahre 2002: „Es war und ist ein spezielles Sendungsprojekt der deutschsprachigen Provinzen.“ Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs schliesslich, Klaus Mertes, berichtet, wie sich sein anfängliches Befremden inAnerkennung gewandelt hat: „Diese Erfahrungen müssten auch nach innen in den Orden zurückwirken, damit die Kreuzberger nicht einfach als Feigenblatt instrumentalisiert werden.“
In den fünf Räumen lebtauch FranzKeller, er ist ebenfalls Jesuit. Der Schweizer hat als Handlanger bei Elektolux gearbeitet. Noch vor Schliessung des Werkes hat der 79-Jährige mitgeholfen bei der Sanierung baufälliger Häuser in Kreuzberg. Ein anderer Mitbewohner hat Wagenburgen bewohnt, Essen für Arme ausgefahren, Kindercircus gemacht. Immer wieder besuchen Menschen die Wohnung, die Jahre im Gefängnis verbracht haben, darunter auch ehemalige RAF-Häftlinge. Eine von ihnen sagt: „In dieser Wohnung wird etwas völlig Radikales gelebt: Jeder kann hier so sein, wie er ist.“ Die Wohnung ist für viele eine bekannte Adresse. Leute aus 50 Nationen haben hier schon gelebt. Die Jesuiten öffneten ihre Tür sperrigen Einzelgängern, Spielern und Menschen mit Beziehungsproblemen. Menschen, die ohne Elektrizität leben und kommen, um sich aufzuwärmen. Oder jungen Ausländern, die auf die notwendigen Papiere vom Sozialamt warten. Die Jesuiten erleben in diesen Tagen oft, was die Arbeitsmarktreform Harz lV aus Menschen machen kann und wohin sie ihr Schicksal führt. Sie erleben deren Verzweiflungund Desillusionierung mit, wobei sich Christian Herwartz schon mal laut fragt, wohin diese Gesellschaft wohl steuert. Was die Jesuiten Betroffenen geben können, ist eine Bleibe auf Zeit, ein warmes Wort.
„Wer anklopft, wird in seiner Wahrheit aufgenommen, ohne Bedingungen, wasauch sein Elend, seine Schwierigkeiten oder das Urteil sein mögen, dass die Gesellschaft über ihnoder sie fällt“, sagt Franz Keller. Mehrfach stand auch schon die Berliner Polizei nächtens unangemeldet vor der Tür, weil sie diese Adresse, an deren Briefkasten manchmal zwanzig Namen kleben, nicht einordnen können.. Die Wohnung liegt direkt über der Kneipe, die den Namen „Tor zur Hölle“ trägt. Manche von ihnen, die hier auf Zeit ein Dach über dem Kopf finden, haben die Hölle meist hinter sich. Kreuzberg war seit jeher ein Hort der Randständigen, zumal die Gegend
selbst in den 70er Jahren zum Ort des Widerstandes wurde: Damals war Kahlschlagsanierung im Kreuzberger Südosten angesagt, um Platz zu schaffen für die Stadtautobahn. SO 36 sollte von der Stadtkarte getilgt werden, denn hier landeten sie alle, die die grosse Stadt an den Rand schob: Gastarbeiter, Suchtgefährdete, Sozialhilfeempfänger, Haftentlassene. Gegenwehr wuchs aus der Trauer über die Vernichtung von Heimat –
und das ist, in veränderter Form, bis heute so geblieben. Viel vom alten Kreuzberger Widerstandsgeist ist auch in diesen widrigen Tagen noch vorhanden in der Jesuiten-Kommunität. Aufgrund der deprimierenden Grundstimmung in Deutschland, fragtsich Christian Herwartz: „Wie können sich die einzelnen Basisgruppen wieder intensiver vernetzen, damit eine brüderlich-schwesterliche Gesellschaft wieder mehr Konturen erhält?“
Angesichts einer durch den wirtschaftlichen Druck immer individualisierter werdenden Gesellschaft, macht sich der Jesuit Sorgen, dass sich immer mehr Teile voneinander abschotten.
Christian Herwartz – ein Anhänger der Befreiungs-Theologie – sass vor einigen Jahren selbst im Gefängnis: ihm wurde vorgeworfen, während einer Demonstration der IG-Metall eine Polizistin beleidigt zu haben, nachdem Kollegen von ihr türkische Arbeiter zusammengeschlagen hatten. Der Jesuit sass die Strafe ohne Prozess ab. „Zu Unrecht im Gefängnis zu sitzen, ist für mich nichts ehrenrühriges“, schrieb er dem Berliner Polizeipräsidenten.
Die Jesuiten engagieren sich dort, wo Menschen ungerecht behandelt werden. Sie engagieren sich immer wieder für „politische Gefangene“ aus dem linken Spektrum. Mit der Berliner Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ hält die Gruppe seit 1995 regelmässig Gebets- und Mahnwachen vor dem Abschiebegewahrsam in Berlin-Köpenick ab. Die Ordensleute laden dazu ein, mit ihnen vor Ort aus der Bibel zu lesen, still zu werden, Informationen über das Leben an diesem Ort auszutauschen und zu beten. Oftmals machen sie auch mit Transparenten deutlich, was ihnen wichtig ist. „Menschen, die keiner Straftat beschuldigt werden, werden unter unerträglichen Bedingungen weggeschlossen. Werden damit nicht auch Anfragen an uns weg geschlossen und verdrängt, denen wir uns im direkten Kontakt mit Menschen aus Krisenländern stellen sollten? Wir sind doch mit ihnen über weltweite ungerechte Wirtschaftsstrukturen verbunden?“, schrieb Christian Herwartz in einem Aufruf zur Mahnwache. Die Mahnwachen sollen auch Protest sein gegen das Vergessen der Inhaftierten und – nach Meinung der Jesuiten – der vielen diskriminierenden Praktiken und Gesetze im derzeitigen Deutschland. Zum Frühstück sind denn auch immer wieder Menschen zu Gast, die in offenem Vollzug leben oder lange Haftstrafen hinter sich haben und nur hier ein Zuhause gefunden haben. Immer wieder besuchen dabei auch Glaubensbrüder aus anderen Nationen die Gemeinschaft, wie z.B. die Kleinen Schwestern von Charles de Fouculd oder Brüder aus Taizé und anderswo.
Auch das Miteinander der Religionen Christian Herwartz ein Anliegen, doch er weiss: „Wer nach einer Auslegung des Korans – oder auch der Bibel – für heute sucht, gerät automatisch in den Strudel der Verdächtigungen und Ausgrenzung.“ Mit seinen Mitbrüdern engagiert er sich deshalbin der „Gruppe interreligiöses Friedensgebet“, die sich einmal im Monat auf dem Berliner Gendarmenmarkt zu einem öffentlichen Gebet trifft. Wenn es um das Miteinander der Religionen geht, ärgert sich Herwartz derzeit über Schlüsselbegriffe wie „Toleranz“. Für ihn wie für sein Mitbruder Stefan Täubner ist dies ein oftmals blosses Nebeneinanderherleben, die oft zitierte Parallelgesellschaft. Täubner sagt: „Toleranz, das klingt nach einem gesetzlich fest geschriebenen Minimalkonsen. Statt dessen muss es darum gehen, den anderen zu „sehen.“
Immer wieder sind junge Leute der Organisation Jesuit European Volunteers (JEV’s) in der Naunynstrasse zu Gast, um am Leben mit Randständigen teilnehmen zu können. Junge Frauen und Männer, die ein Jahr lang ein „anderes“ Leben wagen. Die Grundsätze der Organisation: Einsatz für Gerechtigkeit, Leben in Gemeinschaft, einfacher Lebensstil und gelebter Glaube. Christian Herwartz ist seit Jahren bei den begleitenden Seminaren der JEV’s dabei. „Die Symbiose Naunyn-JEV ist fruchtbar“, resümiert der Jesuit zufrieden. Der Versuch, ein Leben in Gerechtigkeit zu leben, sei für die Jugendlichen faszinierend, jedoch auch herausfordernd.
Christian Herwartz versucht ihnen zu vermitteln, dass die Randständigen in seiner Wohnung die Lehrerinnen und Lehrer der Kommunität sind. In der Begegnung mit ihnen entdecke er die menschenverachtenden Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Religionen, die er nicht nur in der Gesellschaft beim Verhalten von anderen und in den Texten staatlicher Gesetze bemerke, sondern die er auch selbst in sich trage, sagt er. Stets spricht er in diesem Zusammenhang von den „Schuhen“ der Mächtigen, die man ausziehen müsse, um mit seinen Mitbewohnern oder mit anderen Randständigen kommunizieren zu können. „Die Schuhe auszuziehen ist der Beginn, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden vor der Wirklichkeit und den Menschen in ihr“, erläutert der Jesuit in einem Aufsatz einer seiner Grundgedanken.
Eines Tages wollte ein junger Mitbruder vor seiner Priesterweihe in der Jesuiten-Kommunität seine Exerzitien machen. Jene geistige Übung, die letzte Klarheit bringen sollte, ob er zum Priester berufen war. „Er wollte keine heile Welt, sondern das alltägliche Durcheinander unserer Stadt, um hier nach heiligen Orten zu suchen“, erinnert sich Franz Keller. Die Begegnungen mit den Menschen in diesem Viertel hätten den Theologiestudenten so berührt, dass er dem Schweizer sagte: „Jetzt weiss ich, wofür ich mich zum Priester weihen lasse!“ Als andere Priester ähnliche Erfahrungen machten, entstand die Idee der Strassen-Exerzitien und der Wille, diese besondere
Form der geistlichen Übung auch anderen zugänglich zu machen. Im Sommer 2000 fanden sie erstmals statt. Damit begann ein Abenteuer, das bis heute andauert und immer grössere Kreise zieht – im letzten Herbst mit Fribourg bis in die Schweiz.
Für meist zehn Tage kommen die Exerzitanten in die jeweilige Gastgeberstadt und wohnen in dieser Zeit in einfachen Unterkünften. Hier beginnen und enden die Teilnehmer ihren Tag. Zwischen Morgengebet und gemeinsamen Gesprächsrunden am Abend ist jeder für sich unterwegs auf den Strassen der Stadt. Grundgedanke sei dabei stets die Forderung, die eigenen Schuhe auszuziehen, so Herwartz. Dieses Bild ist einer biblischen Geschichte entnommen: Auch Moses musste seine Schuhe ausziehen, als er den heiligen Boden betrat, auf dem Gott ihn zum Dienst für sein Volk berufen hat. „Jeder Boden wird heilig, wo Gott uns begegnen will. Ob dies in einem unscheinbaren kratzigen Dornbusch oder in einem bettelnden Obdachlosen geschehen soll, können
nicht wir entscheiden“, erläutert Herwartz. Glücklicherweise sei Moses ein neugieriger Mensch gewesen uns sei nicht weggelaufen, interpretiert der Jesuit. „Seine Schuhe ausziehen, das heisst: sich der Realität stellen, Fluchtmöglichkeiten aufgeben. Sich nicht über andere erheben oder auf einer entsprechenden Überlegenheit zu bestehen“, ergänzt er. Manche brauchen einige Tage, bis sie sich an Orte führen lassen können, um die sie früher einen Bogen gemacht haben. „Dornbusch, das ist ja eigentlich nichts Schönes, nichts Bequemes. Es ist etwas, dass weh tun kann und von dem man eigentlich lieber davonläuft“, sagt ein Teilnehmer. „Jeder Mensch fürchtet sich vor bestimmten Orten. Mancher kann sich Obdachlosen nicht nähern. Wenn er dann doch stehen bleibt, beginnt er, die Schuhe zu öffnen. Er sieht sich den Schauplatz der Meditation an, würde unser Ordensgründer Ignatius sagen“, sagt Herwartz. Jeder bekommt eine Liste mit möglichen Dornbusch-Orten. Darauf stehen Suppenküchen, das Sozial- und das Arbeitsamt, Gefängnisse oder soziale Brennpunkte wie Drogenumschlagplätze. Bei manchen kommen an diesen Orten lange verdrängte Episoden der eigenen Lebensgeschichte hoch – und oft ist dies der Beginn eines Prozesses, mit dem Verdrängten Frieden zu schliessen.
Während das Jahr hindurch feste Termine für Gruppenexerzitien angeboten werden, hält die Jesuiten-Kommunität auch stets die Tür für Einzelpersonen offen, die in der Kreuzberger Wohnung zu Gast auf Zeit sein wollen. „Gott wartet auf uns, wo wir ihn nicht erwartet“, sagt Christian Herwartz und spricht damit die Strassen von Kreuzberg an. Und darum sind für ihn und seine Mitbrüder Einsame, Strafentlassene oder Obdachlose „Gottesboten“ und „Helfer für Menschwerdung“.
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