2012 Ein Stück Himmel über der Hölle

Drei Berliner Jesuiten leben das Evangelium radikal

Mit dem Erinnern an die Geburt Jesus ist es für drei Berliner Jesuiten nicht getan. Sie leben das Evangelium radikal – in einer Wohngemeinschaft mit an den Rand Gedrängten. Seit 30 Jahren geht das so.

24.12.2012

  • von ELISABETH ZOLL

Samuel steht an der Wohnungstür. Aus seinem dunklen Gesicht strahlen zwei wache Augen. „Komm rein.“ Hinter mir steigt eine grauhaarige Frau die Treppen in die zweite Etage hoch. Feste Schritte. Sie hat die Nacht in einem Zelt auf dem Pariser Platz in Berlin verbracht. Unterwegs sein ist für die drahtige Frau in den 60ern eine Art Mission – Informationen verteilen für die Asylbewerber, die in diesen Wochen in Berlin kampieren, Faltblätter über Aktionen, in denen es um Frieden geht und eine bessere Welt. Was immer Menschen an diesem Morgen in die Naunynstraße 60 im Stadtteil Kreuzberg treibt, ist ohne Belang. Rechtfertigen muss sich keiner, erklären ebenso wenig. Da sein reicht. Ein jeder ist willkommen. Auf dem Tisch sind Semmeln und süße Stückchen, welche Bäckereien am Abend davor kostenlos abgegeben haben.

Es ist eine radikale Gastfreundschaft, die die „WG-Herwartz“ pflegt. In der Wohngemeinschaft über der Punkkneipe „Tor zur Hölle“ arbeiten sie an ihrer Vorstellung vom Himmel. Wobei Christian Herwartz, einer der drei Jesuitenpatres um die sich die Wohngemeinschaft für Bedürftige seit nun rund 30 Jahren schart, Überhöhungen nicht duldet. „Wir machen hier nichts Besonderes“, sagt er knapp. Man lebt zusammen auf engstem Raum – Menschen, die an den Rand gedrängt wurden: Flüchtlinge lebten schon hier, Obdachlose, Männer und Frauen mit Beziehungsproblemen, selbst Kinder, die geschlagen oder missbraucht worden waren, Ausländer und Hartz-IV-Empfänger, Straffällige und psychisch Kranke.

Manche kommen für Tage, andere bleiben Jahre. „So lange Platz ist, helfen wir“, sagt Herwartz. Viel mehr sagt er nicht. Auf die Zahl der Mitbewohner festlegen will er sich nicht. Sie schwankt. Mal sind es 15, mal mehr. Die WG-Mitglieder teilen sich in drei kleinen Wohnungen mit drei Toiletten, zwei Duschen eine Küche. Geschlafen wird überwiegend in Stockbetten. Privatsphäre im üblichen Sinn gibt es kaum. „Man kann überall für sich sein“, wehrt Pater Christian ab. Er teilt sein Zimmer mit sieben Männern. Nur einmal, als ein Zimmergenosse unter Verfolgungswahn litt und Tüten mit Essen in seinem Bett versteckte, ist der Jesuit an seine Grenzen gekommen.

Mit Menschen aus 70 unterschiedlichen Nationen hat Herwartz in den vergangenen Jahrzehnten zusammengelebt. „Das heißt 70 Mal lernen, was Gastfreundschaft heißt.“ Es ist dieses Miteinander, in dem für Herwartz Gottesbegegnung geschieht. „Menschwerdung“ nennt das Christian Herwartz.

An Weihnachten hat dieses Wort einen ganz besonderen Klang. In den Kirchen ist von der Geburt Jesu die Rede, und damit von der Menschwerdung Christi. Das fordert Herwartz zum Widerspruch heraus: „Menschwerdung geschieht nicht durch die Geburt.“ Menschwerdung hat für Herwartz mit Mut zu tun, sich dunklen Stellen im Leben – dem eigenen und dem Leben anderer – zu stellen und sich für die Not der Welt zu öffnen. „Das heißt, nicht wegzuschauen, wenn etwas weh tut.“ Diese Ahnung werde verdrängt. Weihnachten werde auf das Wunder des Geborenwerdens reduziert. Das Wohlfühlen stehe im Zentrum mit all dem Konsum. „Da wird unser Glaube von der Wirtschaft missbraucht.“ Herwartz schaut lieber auf den 6. Januar, wenn das Kind Jesus im Tempel erstmals mit der Gesellschaft in Kontakt kommt.

Das ist Motor auch für Herwartz – an 365 Tagen im Jahr. „Jesus wäre an die Ränder der Gesellschaft gegangen.“ Herwartz lebt da, wo Berlin hart ist, in Kreuzberg. Marode die Fassaden, viele Menschen abgestürzt. Schon in den frühen Stunden des neblig-kalten Wintermorgens halten sich zwei Männer und eine Frau an ihrer Flasche Bier. Sie haben sich vor einer Schänke niedergelassen. Zwei Ecken weiter bettelt eine in schwarzes Tuch gehüllte Muslimin in fremder Sprache um Münzen. Für den jungen Mann, der Schritte von ihr entfernt im Mülleimer nach Verwertbarem wühlt, hat sie keinen Blick. Jeder bleibt für sich im Kampf ums Überleben. Dagegen engagiert sich Herwartz auch in der Berliner Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“. Sie trifft sich seit 1995 regelmäßig zu Gebets- und Mahnwachen vor dem Abschiebegefängnis Berlin-Köpenick. Der gesellschaftliche Rand besteht aus vielen Facetten.

Der Jesuit und seine Mitbrüder Christian Schmidt und Franz Keller stehen in der Tradition der Arbeitergeschwister. Christian Schmidt ist Künstler und betreibt in der WG seine kleine Galerie. Franz Keller, einst Mitbegründer der kleinen Jesuitengemeinschaft, ist heute mit seinen 87 Jahren der älteste Bewohner der WG.

Die entschiedene Interpretation des Evangeliums verbindet sie. Sich gleichmachen mit den Armen, nicht mehr haben wollen als andere. „Jeder von uns ist Lernender und Lehrer für den anderen.“ Wirklich jeder. „Ich kann auch von einem Verbrecher etwas lernen, weil auch er eine Würde hat“, sagt Herwartz. Deshalb teilt er Wohnung und Leben mit Menschen. Auf das Wort „mit“ kommt es dem Jesuiten an. „Wir leben nicht „für“ Andere. Das stünde für eine Hierarchie von oben nach unten, wie sie in der Sozialarbeit zum Ausdruck kommt. Herwartz geht es radikal um Augenhöhe.

Der Priester Herwartz ist seinen geistlichen Vorbildern treu – nicht in den Studierzimmern seines Ordens, sondern als Lkw-Fahrer und Pressenführer, als Dreher und Lagerarbeiter in Fabriken. Seine kräftigen Hände zeugen von der langen körperlichen Arbeit. Inzwischen ist auch er in Rente. Seine Altersversorgung und die ein oder andere kleine Einnahme sind der finanzielle Grundstock der WG. Auch darüber wird nicht gesprochen. Jeder tut was er kann. Während Samuel, ein Mann aus dem Niger, in der Küche das Frühstücksgeschirr abwäscht, löffelt eine junge Frau am Tisch daneben Suppe. Regeln gibt es keine, sieht man vom strikten Verbot von Alkohol und Drogen einmal ab. „Soll ich ehemalige Strafgefangene etwa in einen Putzplan pressen?“ Christian Herwartz winkt genervt ab. Es fügt sich schon. Irgendwie. „Sich dem Leben überlassen“. Da ist wieder so ein Satz. Für Pater Herwartz hat er großes Gewicht: „Wenn das Jetzt im Alltag gelingt, dann lebst Du im Himmel.“ Nicht bloß an Weihnachten.

Drei Berliner Jesuiten leben das Evangelium radikal
Christian Herwartz: „Man kann von jedem Menschen etwas lernen.“ Über der Kneipe „Tor zur Hölle“ arbeitet er an seiner Vorstellung vom Himmel. Foto: Ralf Herzig
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