2016 Autorenlesung mit Christian Herwartz

Mehr zuhören statt zu reden

Berlin. Pater Christian Herwartz hat mit „Exerzitien auf der Straße“ Spuren im katholischen Berlin hinterlassen. Gemeinsam mit Teilnehmern und Exerzitienbegleitern hat der Jesuit nun ein Buch dazu veröffentlicht – vielleicht sein letztes zum Thema. Denn nach 40 Jahren verlässt er Berlin.

Aufmerksam hört Pater Christian Herwartz (rechts) der Musik von Rolf Kutschera zu. Foto: Cornelia Klaebe

„Wir hören erst einmal ein bisschen Straßenmusik, damit wir ins Thema kommen.“ Pater Christian Herwartz ist keiner, der immer selbst im Vordergrund stehen will.  Im Gegenteil: „Mehr zuhören statt zu reden“ ist die Quintessenz seiner Exerzitien auf der Straße, die er über viele Jahre in Berlin begleitet hat. Und so lauscht er aufmerksam auch dem Lied, das Rolf „Rock‘n Rollf Berlin“ Kutschera aus Pater Herwartz‘ offener Wohngemeinschaft den Abend über erklingen lässt.
Dann beginnt die Autorenlesung in der Krypta der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum. Neben Rolf Kutschera sitzt Christian Herwartz auf einer einfachen Bank, die vor dem Altar aufgestellt ist. Karmelitin Schwester Mirjam sagt zu dem Jesuiten, der in Jeans und einem Strickpulli undefinierbarer Farbe gekommen ist, bei der Begrüßung: „Es ist dein Thema, dein Weg, auf dem du viele Menschen mitgenommen hast.“

Student Ludger und der Mauerstreifen
Das merkt man, als Herwartz die Entstehungsgeschichte der Exerzitien auf der Straße vorliest. Sein Blick geht in die Ferne, als wenn vor seinem inneren Auge die Erinnerung als Film abläuft. Der Mann mit Glatze und Rauschebart erzählt, wie der Theologiestudent Ludger ihn 1996 überredete, Exerzitien in seiner Wohnung machen zu dürfen. Wie er, Herwartz, zunächst ablehnte: keine Kapelle, kein stiller Raum, nicht die Bedingungen für Exerzitien. Und wie Ludger ihn dann doch überredete. Dass er abends, nach der Arbeit, dem jungen Mann zugehört habe, als der ihm erzählte, wie er auf dem ehemaligen Mauerstreifen entlanggelaufen sei, mit einem Fuß rechts und einem links des Streifens, und dabei seine innere Zerrissenheit gespürt habe.
Hier steht Herwartz auf, und jetzt ist er quasi Ludger, mit einem Fuß im Westen, dem anderen im Osten, obwohl er doch in der kleinen Krypta steht. Sein Blick geht nicht mehr ins Buch – er erzählt aus dem Kopf, wie Ludger in den Exerzitien seine Entscheidung für die Arbeit im Hospiz treffen konnte. Aber dann, als es um den weiteren Verlauf der Exerzitien auf der Straße geht, lässt Pater Herwartz auch andere zu Wort kommen. Immer wieder fordert er Mitglieder seiner Wohngemeinschaft auf, die Berichte der verschiedenen Autoren zu lesen, oder Schwestern aus dem Karmel, „damit wir auch mal eine andere Stimme hören“.

Reisen, Freunde besuchen, sich bedanken
Zwischendurch fasst er lange Passagen der Geschichte zusammen in einem Satz und sagt: „Aber das könnt ihr selber lesen.“ Er greift Bibeltexte auf, wie die Aussendung der 72 Jünger nach Lukas, die er als Sendung der Menschen in die Welt ausdeutet. Und er lässt zum inneren Nachklingen immer wieder Rolf Kutschera mit Gitarre, Mundharmonika und Stimme Musik machen – egal, ob John Lennons „You’ve got to hide your love away“ – zu deutsch: Du musst deine Liebe verstecken – oder, als „Penner-Song“ tituliert, das Bob-Dylan-Stück „You’ve got a lot of nerve to say you’re my friend“ – zu deutsch etwa: Du hast vielleicht Nerven, dich meinen Freund zu nennen. Herwartz hört aufmerksam zu und sieht den Mann an, als ob es in diesem Moment keinen anderen Menschen gäbe.
Nur am Rande der Veranstaltung und auf direkte Nachfrage erzählt der Jesuit, wie es für ihn weitergeht: Ein halbes Jahr will er reisen, Freunde besuchen, sich bedanken. Danach, sagt Pater Herwartz, komme es darauf an, wohin Gott ihn führt.

Buchtipp
Christian Herwartz u.a.:  Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen. Persönliche Begegnungen in Straßenexerzitien; Neukirchener Aussaat Neukirchen 2016; ISBN: 978-3-7615-6270-3; 11,99 Euro.

Von Cornelia Klaebe

Die Lesung fand am 24.03.16 statt, Bericht im Tag des Herrn am 27.3.16 Seite 12