2016 Philipp Mangold, Einer für alle

Vor rund vierzig Jahren gründete Christian Herwartz in Kreuzberg eine WG, in der er jeden wohnen ließ, dem es schlecht ging. Jetzt ist der Jesuit ausgezogen. Die Geschichte eines Mannes, der fehlen wird

Text: Philipp Mangold
Rolf kneift die Augen zusammen, das Papier blendet. Er entziffert die Schrift auf dem zerknitterten Zettel. Die Adresse stimmt. Naunynstraße 60, Kreuzberg. Rolf ist nervös, er schwitzt. Er hat keine Ahnung, was ihn erwartet. Alles, was er weiß, ist: Hier lebt ein Mann, der Menschen bei sich wohnen lässt, denen es schlecht geht. Rolf klingelt.

ChristianHerwartz citty

Obdachgeber Christian Herwartz: Er duzte alle, alle duzten ihn
Foto: Luke Sonnenglanz
In der Küche stapelt sich Geschirr in der Spüle, Thermoskannen stehen dicht an dicht auf dem Kühlschrank. Vier Menschen schauen Rolf an, den zierlichen Mann mit den tätowierten Händen und dem Stoppelbart. Das erste, was sie ihm sagen, ist: Christian ist nicht hier. Aber du kannst hier schlafen. Jeder kann bei Christian schlafen.

Drei Tage nach Rolfs Ankunft kehrt Christian Herwartz von seiner Reise zurück. Rolf geht zu ihm, will sich vorstellen, ihm erklären, warum er hier ist. Herwartz legt ihm den Arm auf die Schulter und sagt, er solle erst einmal in Ruhe ankommen. Da reift in Rolf zum ersten Mal der Gedanke, dass er hier bleiben will.

So wie Rolf ist es allen ergangen, die an Christian Herwartz’ Tür klingelten. Sie alle erfuhren, was es heißt, einfach so aufgenommen zu werden, bedingungslos. Ein paar von ihnen sind immer noch hier, jetzt, wo Herwartz weg ist, seit ein paar Wochen, für immer. Er fehlt, sagen sie, natürlich. Sie haben seine Verantwortung aufgeteilt. Sie versuchen, alles so fortzuführen wie zu den Zeiten, als er noch mit ihnen hier lebte.

Fast vierzig Jahre lang nahm Christian Herwartz Menschen in seiner WG auf, Flüchtlinge, aus dem Gefängnis Geflohene, Drogenabhängige, Obdachlose. Er führte das vielleicht unnormalste und inspirierendste Leben aller Berliner. Ein Leben, das heute, da Menschen wieder Nationalismus und Abschottung preisen, wie ein altes Licht in der Düsternis flackert. Herwartz würde das abstreiten, es wäre ihm zu pathetisch, es idealisiere ihn zu sehr. Wer ihn fragte, wie es zu der WG kam, dem sagte er: „Es hat sich einfach so ergeben.“

1978 zog Christian Herwartz mit zwei anderen Jesuiten in eine WG in Kreuzberg. Immer wieder klingelten Bedürftige bei ihnen. Die Jesuiten fragten nicht, woher sie kamen. Wenn sie ein Bett frei hatten, ließen sie sie rein.

Den Jesuitenorden hatte ­Ignatius von Loyola 1534 gegründet. Seine Mitglieder verpflichten sich, arm und keusch zu leben. Sie tragen keine Kutten wie Mönche und leben nicht in Klöstern. Sie wollen sichtbar sein, unter ihren Mitmenschen wirken, darum preisen sie Gott nicht in Kirchen, sondern auf der Straße.

Herwartz versammelte zum Beispiel einmal im Monat Anhänger verschiedener Religionen für ein „interreligiöses Friedensgebet“ vor dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Alle standen dann im Kreis, beteten, sangen. Herwartz sang in seinen Jesuitenbart hinein, so leise, dass niemand ihn heraushörte. Dabei stützte er sich auf seinen Stock. Anfangs sprach er einige Worte, mit leiser, brüchiger Stimme, doch wer nicht wusste, dass Herwartz die Begegnung organisierte, der erriet es nicht.

Das bedeutet für Christian Herwartz Christentum: einer von allen sein. Für­einander da sein und kein Aufhebens da­rum machen. So war es auch in seiner WG. Er duzte jeden, jeder duzte ihn, den mit über 70 Jahren ältesten und mit seinem Rauschebart auffälligsten WG-Bewohner.

Krippe city
Hölzerne Flüchtlingsfamilie Jesu in der WG: Grenzen überwinden
Foto: Luke Sonnenglanz
Um mehr Platz zu haben, zogen die Jesuiten bald in eine größere Wohnung, ein paar Straßen weiter. Hier richteten sie Zimmer für sieben Männer ein und zwei Zweierzimmer für Frauen. Die Regeln sind bis heute dieselben: niemanden fragen, woher er kommt. Keine Drogen, keine Gewalt. Jeden reinlassen, außer Polizisten.

Im Wohnzimmer frühstückten sie zusammen am großen Tisch und unterhielten sich, Herwartz wortkarg, die anderen umso angeregter. Sie sprachen über Alltäglichkeiten und große Fragen: den Glauben, die Liebe, den Tod. An der Wand hängen Fotos früherer Bewohner, die nicht mehr leben. Zwei zeigen Kinder.

Manche wollten sogar in der WG sterben. Wie die junge Frau, die Aids hatte und die eigentlich schon woanders wohnte. Herwartz trug sie aus dem Krankenhaus in die WG, weil sie selbst zu schwach zum Gehen war.

Oder wie Franz, einer der Jesuiten, mit denen Herwartz hier eingezogen war. Zwei Jahre ist es her, sie haben Franz gepflegt, bis er starb. Der Tod des alten Mannes zog sich hin. „Erst als niemand mehr bei ihm im Zimmer war, konnte er sterben“, erinnert sich Herwartz. Das ­Leben in der WG lehrte ihn und die anderen Lektionen, nicht nur über das Miteinander-Leben, sondern auch über das Sterben.

Doch das Zimmer mit den Bildern der Toten ist kein Trauerraum. An die Wand gegenüber hat Herwartz eine Geschichte gemalt, in kräftigen Farben. Ein Bauernhof, ein Meer, ein Wal, Hochhäuser: die Geschichte von Jona, der zufrieden lebte, bis Gott ihn zwang, nach ­Ninive zu wandern.

Christian Herwartz ging überall freiwillig hin. Nach dem Philosophie- und Theologiestudium trat er den Jesuiten bei und arbeitete in Fabriken, erst in Frankreich, dann in Berlin-Siemensstadt. Er war ein Arbeiterpriester, wollte nicht nur für die Arbeiter da sein, sondern mit ihnen sein. Er streikte und demonstrierte ebenso wie sie, ging dazwischen, als Polizisten Demonstranten verprügelten. Ein Polizist zeigte ihn einmal an, Herwartz sollte eine Strafe zahlen. Er weigerte sich. Und kam ins Gefängnis.

„Manche sitzen im Gefängnis, weil sie was Falsches tun. Und manche, weil sie was Richtiges tun”, sagt Herwartz. Der Arrest verschafft ihm Zugang zu ­einer Welt, die ihm bis zu diesem Moment verschlossen gewesen war. Er freundete sich mit Insassen an, diskutierte mit RAFlern. Die Haft überwindet Grenzen, darum passt sie in Christian Herwartz’ Leben, dessen Leitmotiv es ist, gegen Grenzen zu kämpfen. Herwartz tat dies nicht nur mit seiner WG, sondern er tut das auch mit seinem Einsatz für Geflüchtete. Er demonstriert für sie, klagt für sie.

„Wir sind es doch, die die Menschen aus ihren Heimatländern vertreiben“, sagt er und meint damit Kriege, Ausbeutung und vom Klimawandel verursachte Naturkatastrophen. Erst im vergangenen Jahr erstritt er vor Gericht das Recht, auch vor dem Abschiebegewahrsam in Schönefeld zu demonstrieren. Heute gibt es den Gewahrsam nicht mehr.

Vor der Jona-Wand knien hölzerne Figuren vor der hölzernen Flüchtlings­familie Jesu – eine Krippe aus Simbabwe, deren Figuren verschiedene Kulturen und Religionen repräsentieren und friedlich miteinander beten. In der WG ist nicht immer alles friedlich gewesen. Bewohner klauten, spritzten, schlugen sich.

Man müsse darüber reden, sagt Christian Herwartz. Es gebe für alles Gründe. Wirklich schlimm sei es nur, wenn jemand nicht reden wolle. Wenn jemand wirklich nicht in die WG passt, merkt er das meistens selbst: „Die Leute haben Augen im Kopf.“ Als Herwartz einmal von einer Prügelei erfährt, erklärt er dem Schläger, dass er sich so nicht verhalten dürfe. Der knallt die Schlüssel auf den Tisch und rauscht davon.

Allerdings verlassen wenige Bewohner die WG im Streit. In der Regel fühlen sich Menschen, die einmal hier leben, schnell mit den anderen verbunden. „Die Leute sind dankbar, dass sie hier wohnen dürfen. Und wenn man ihre Dankbarkeit nicht missbraucht, bleiben sie es auch“, sagt Herwartz. Vielleicht ist das der Grund, warum diese unglaubliche WG funktioniert, in der alles freiwillig ist: Geld für Miete und Einkäufe beisteuern, kochen, putzen – jeder tut und gibt, was er kann oder will. „Wir leben normal“, sagt Herwartz. „Die, die alleine leben, die sich abschotten, die leben abnormal.“

Trotzdem ist er nun ausgezogen, nach 39 Jahren in der WG. Am 16. ­April feierte Herwartz seinen 73. Geburtstag in der WG. Es war sein Abschiedsfest. Jetzt ist er auf Wanderschaft, wie er es nennt, Freunde und Weggefährten besuchen. Er wird nicht zurückkehren. Die WG überließ er denen, die hier wohnen bleiben wollen. Rolf und allen anderen.

zitty Berlin 28.05.2016

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