2013 Jochen-Martin Gutsch, Kreuzberger Brüder

ORTSTERMIN: In Berlin betreibt ein Pater, der auch mal Möbelpacker war, eine Jesuiten-WG.

Unten, im Hausflur, hängt ein Briefkasten, auf dem steht: „Jesuitengemeinschaft Herwartz“. Darunter sind zwölf Namen aufgeführt.

Vielleicht ist das ja rein symbolisch gemeint. Zwölf Namen wie die zwölf Jünger Jesu. In welcher Wohnung können zwölf Menschen wohnen?

Das Haus ist ein etwas heruntergekommenes Mietshaus in Kreuzberg. Im dritten Stock öffnet sich eine Tür, der Flur ist beklebt mit Postern, dann steht da eine Studentin und sagt: „Der Christian kommt gleich. Willst du was trinken?“

Es ist schwer zu sagen, was man sich vorstellt, wenn man eine Jesuiten-WG betritt. Jesuit – das klingt nach Geheimloge, nach Askese, nach Elitekader des Katholizismus und Missionarsdienst irgendwo in Afrika. Es taucht das Bild von Sean Connery auf, der im Film „Der Name der Rose“ einen Ordensbruder spielt. Aber war der Jesuit?

Das Bild der Jesuiten ist für Laien eher unscharf. Für die meisten Deutschen waren die Jesuiten auch ohne Bedeutung. Bis am Abend des 13. März plötzlich ein Mann in einem weißen Gewand die Loggia des Petersdoms betrat. Die Experten erklärten den neuen Papst Franziskus schnell zur Sensation. Auch, weil er der erste Papst ist, der von den Jesuiten kommt.

Seit diesem Abend in Rom ist das Interesse an den Jesuiten stark gestiegen. Wer sind die eigentlich? Wie leben die?

Christian Herwartz ist 69 Jahre alt. Er hat vom neuen Papst aus der „Frankfurter Rundschau“ erfahren. Er sitzt im Zimmer gegenüber der Küche an einem Holztisch. Er trägt Jeans, Strickpullover, einen weißen Vollbart. Er erinnert an einen Seemann. Oder an Harry Rowohlt.

In Berlin sollen angeblich 44 Jesuiten leben. Herwartz kann das nicht bestätigen, aber er weiß, dass in seiner WG drei Jesuiten wohnen. Der älteste ist 88 Jahre alt. Aber wer sind dann all die anderen Leute? Warum stehen unten zwölf Namen am Briefkasten?

„Wir haben uns für den Briefkasten auf zwölf Namen geeinigt“, sagt Herwartz.

Noch mehr Namen könnten womöglich Ärger mit dem Vermieter bringen. Denn Herwartz nimmt prinzipiell jeden auf, der an die Tür klopft. Auch Obdachlose, Drogenabhängige, entlassene Strafgefangene. Er fragt nicht nach den Gründen. Herwartz schaut nur, ob ein Bett frei ist.

Seit 1984 gibt es die WG, die Möbel sind abgenutzt, eine Behausung der Bescheidenheit, jesuitisch, sozusagen. In all den Jahren, schätzt Herwartz, habe er mit Menschen aus rund 70 Nationen zusammengelebt. Die WG war dabei nie ein Projekt oder eine Form von Protest. Es hat sich einfach ergeben, als Folge seines Glaubens. Herwartz teilt das, was er hat, mit anderen Menschen. Das sei die Lehre Jesu. Ganz einfach, sagt Herwartz.

Christian Herwartz hat kein eigenes Zimmer. Nur ein Bett. „Eine eigene Wohnung? Nee, ich will mich nicht so abschotten vom Leben“, sagt Herwartz.

Er hat lange als Arbeiterpriester in Frankreich und Deutschland gearbeitet. Herwartz war Lkw-Fahrer, Möbelpacker, Dreher in Fabriken. Es ging darum, im Kontakt mit den „normalen“ Menschen zu leben. „Wenn wir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können“, schreibt Herwartz in einem Buch mit dem Titel „Auf nackten Sohlen. Exerzitien auf der Straße“.

Exerzitien auf der Straße? Ja, sagt Herwartz. Die Straße sei ein guter Ort dafür.

Exerzitien sind geistliche Übungen. Man widmet sich dem Gebet und der Besinnung. Viele Menschen gehen dafür in ein Kloster, ziehen sich in die Stille zurück. Gerade jetzt, in der Osterzeit.

Manche kommen in die Jesuiten-WG nach Kreuzberg. Wenn ein Bett frei ist, können sie hier schlafen. Es kostet nichts. Pater Christian sagt, es gehe bei den Exerzitien im übertragenen Sinn darum, die „Schuhe auszuziehen“.

Schuhe sind, aus seiner Sicht, das Symbol für die Vorurteile, Ängste, Zweifel. Zieht man sie aus, bekommt man Kontakt mit der Realität, man kann den Alltag neu betrachten. Herwartz geht mit den Teilnehmern der Exerzitien deshalb zu Obdachlosen, Huren, in Moscheen oder in ein türkisches Café. Ins Leben. Abends reden sie darüber.

Man muss, während man Herwartz zuhört, an ein Foto denken, das in den Zeitungen zu sehen war: Papst Franziskus, damals noch Jorge Mario Bergoglio, küsst einem Aids-Kranken die Füße.

Jesus findet man eher unten. Ist das vielleicht die jesuitische Idee? In Kreuzberg und nun auch in Rom?

Ach, Rom, sagt Christian Herwartz. Wenn Papst Franziskus am Ostersonntag den Segen „Urbi et Orbi“ spricht, wird der Pater aus Kreuzberg davon nichts spüren. Er hat keinen Fernseher. An den Feiertagen sind junge Ordensleute zu Gast. Herwartz will das Abschiebegefängnis in Berlin-Köpenick besuchen und einen Info-Abend veranstalten, bei dem es um Prostitution in Afrika geht.

DER SPIEGEL 14/2013

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