2012 Thomas Weißer trifft Christian Herwartz

Sonntag, 29. Januar 2012 [Druckversion]
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Teil 1. Bewusst leben aus dem Glauben

Christian Herwartz wohnt über einer Kneipe in Berlin mit dem Namen »Tor zur Hölle«. Größer könnte der Kontrast nicht sein: Denn Herwartz ist Ordensmann, gehört den Jesuiten an – und seine Wohnung ist für die meisten ein Tor zum Paradies.

Gastfreundschaft heißt das Evangelium – und die Gastfreundschaft zu leben. Und ich bin halt in der besonderen Situation, dass ich das lernen darf von Menschen aus vielen, vielen Ländern. Ich glaube, ich hab in meinem Schlafzimmer schon mit Menschen aus 70 Ländern zusammengelebt. Und jeder hat eine andere Art der Gastfreundschaft. Und das ist unheimlich bereichernd.

Ich bin doch ziemlich überrascht, als ich Christian Herwartz besuche. Denn Herwartz ist Ordenspriester und ich hatte irgendeine Art von Kloster erwartet. Tatsächlich aber wohnt der Jesuit mitten in Berlin-Kreuzberg. Unheimlich viele Leute drängen sich da in der Wohnung und ich muss mich gedulden. Christian Herwartz telefoniert mit dem Gefängnis. Will eine Besuchserlaubnis für einen Schützling. Wobei er das ehrenamtlich macht.

Ich bin Arbeiterpriester und irgendwann ist in einem Betrieb dann Schluss. Dann wird man rausgeschmissen oder auf Rente oder was auch immer. Und deshalb bin ich jetzt auf Rente.

Arbeiterpriester, das macht mich neugierig. Herwartz klärt mich auf: Während des Krieges kamen Fremdarbeiter aus Frankreich:

Und da sind die Franzosen hervorgetreten, dass sie Priester oder Priesteramtskandidaten mitgeschickt haben für die Seelsorge. Aber dieses Hineingehen in die Arbeitswelt hat sich nach dem Krieg fortgesetzt. Und auch in Deutschland.

Ich habe noch keine richtige Vorstellung, was das heißt: Arbeiterpriester. Christian Herwartz macht mir aber deutlich: Das sind Priester, die eben nicht in einer Gemeinde arbeiten. Priester, die nicht ihren Priesterberuf leben, sondern in vielen anderen Berufen arbeiten – und dabei Priester sind.

Ich hab hier in Berlin in einer großen Firma gearbeitet. Und das Priester-Sein ist ja nicht am Rock zu erkennen. Ich hab als LKW-Fahrer gearbeitet, als Pressenführer, als Dreher habe ich lange Zeit gearbeitet, als Lagerarbeiter, also ganz verschiedene Arbeiten, wie jeder andere Kollege auch. Das kann man nicht sehen. Denn jeder ist ja durch die Taufe Priester.

Da weitet sich für mich die Perspektive. Herwartz lebt sein Priester-Sein als Christ-Sein. So wie jeder Christ aufgefordert ist, christlich zu leben – egal was und wie er es macht. Mit dem kleinen Wort „mit“ verdeutlich Herwartz, was das heißt: Es geht darum, „mit“ Menschen zu leben. Nicht „für“ Menschen irgendetwas tun, sondern „mit“ ihnen zu leben. Wer „für“ andere lebt, der bleibt nämlich letztlich immer ein Helfer.

Jesus ist nicht Helfer geworden. Der hat keine Caritas aufgebaut oder sonst was, sondern er ist Mensch geworden. Und genau diesen Punkt vom Evangelium zu erwischen, das ist ja doch die Mission der Arbeiterpriester. Und das ist mir auch bis heute wichtig.

Das trifft auch meinen Glauben: Dass es um den Menschen geht. Und in seiner Wohnung in Kreuzberg kriege ich ganz handfest mit, dass Christian Herwartz diese Überzeugung auch lebt. Seine Wohnung ist offen für Menschen aller Art: Ein Mitbruder wohnt bei ihm, Studenten, Menschen in Not, die von Freunden geschickt werden. Hier steht wirklich der Mensch im Mittelpunkt.

Also die Menschwerdung Gottes ist doch ein Mensch-werden und nicht einen Gott vor sich her zu tragen. Und die Erfahrung in der Arbeit ist eben diese Art Menschwerdung, die Gott uns vorgelebt hat.

Teil 2. Leben auf der Straße

Christian Herwartz ist auf den ersten Blick ein Mönch aus dem Bilderbuch. Groß gewachsen, ein dichter, grauer Bart. Nur die Umgebung passt irgendwie nicht dazu. Zumindest auf den ersten Blick. Denn Herwartz lebt in einer offenen Kommunität in Berlin-Kreuzberg. Und er begleitet dort, mitten in der Stadt, vor allem Menschen, die an den Rand gedrängt sind. Da entwickelte er auch die Idee von Exerzitien, also Besinnungstagen, auf der Straße.

Es ist überhaupt nichts Neues. Das ist ein Geschenk der Straße, weil Christus die Straße ist. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, steht im Evangelium. Also: ich bin Straße. Und er hat dort gelebt als Obdachloser. Also wenn wir in eine Christusbeziehung kommen möchten, dann müssen wir auf die Straße gehen.

Und so begleitet Herwartz Menschen, die auf die Straße gehen. Und das fällt vielen schwerer, als gedacht.

Die Leute haben Angst vor der Straße. Die Straße macht Angst. Weil sie eben wie Gott ist. Man kommt raus und kann es nicht planen. Gott kann man nicht planen – die Straße auch nicht.

Die Straße, das ist dann nicht mehr der Weg, den ich benutze, um von A nach B zu kommen, sondern sie ist der Ort, an dem ich Gott und den Menschen erfahren kann. Oft ganz unmittelbar.

Ein Bettler ist sofort da. Und ich kann reagieren oder kann es bleiben lassen. Ich kann mich daneben setzen und aus seiner Sicht die Welt angucken. Das ist immer eine Sache von „sofort“. Und in dieses „Sofort“ zu kommen, das macht uns Angst.

Fast 70 Jahre alt ist Christian Herwartz, aber so unglaublich wach, dass es mich fasziniert. Auf der Suche nach einem Leben, das trägt. Zum Beispiel auf der Straße. Für Herwartz ist dabei entscheidend:

Wo spüre ich, dass ich jetzt lebe. Und nicht gestern oder morgen, sondern jetzt. Und das ist schwierig. Für jeden von uns. Für mich auch. Und immer wieder in dieses Jetzt zurückkommen, das ist Aufgabe des Glaubens.

Im Gespräch mit Christian Herwartz, dem Arbeiterpriester aus Berlin-Kreuzberg, spüre ich zwei ganz unterschiedliche Empfindungen. Faszination und Zweifel. Ja, denke ich, ein Priester kann so leben, aber ich, mit Familie, mit Kindern, mit vielen Verpflichtungen, kann ich so im „Jetzt“, im „Heute“ leben? Herwartz ist sich ganz sicher, dass das geht.

Es geht darum: keine Konserve. Sondern das Leben findet jetzt statt und wir gehen an dem Leben immer wieder jetzt vorbei. Wir denken schon an den Einkaufsladen, wo wir hinwollen, oder die Schule oder sind noch in dem Ärger und gehen an der Begegnung auf dem Weg, wo Jesus als Auferstandener ist, vorbei. Das ist unser Alltag. Und es braucht eine gewisse Zusatzaufmerksamkeit, um zu merken: Oh, da ist ja eine Anfrage an mich. Da ist ein Spruch an der Wand, der ist für mich da hingeschrieben. Oder da ist jemand in Not, wo ich dran bin.

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