1983 Michael Walzer, Besinnung – Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit

Ich lade Dich ein, einen Augenblick nachzudenken! Kennst Du so etwas wie Hunger oder Durst nach Gerechtigkeit? Gibt es dieses Gefühl einer alle Sinne beherrschenden Sehnsucht nach der Gerechtigkeit in Dir?

Ich selbst kann nur zögernd und mit einem eingeschränkten „Ja“ auf diese Frage antworten. Im großen und ganzen habe ich bisher die Sonnenseite des Lebens genossen. Am eigenen Leibe habe ich kein schmerzliches Unrecht erfahren. Aber ich begegne immer wieder Menschen, die von solchem Unrecht gezeichnet sind. Ich denke an einige Mitglieder unserer kleinen, noch jungen Berliner CAJ, die weder einen Ausbildungsplatz noch einen Arbeitsplatz haben. In ihnen ist dieser Hunger nach einer gerechteren Verteilung der Arbeit lebendig. In ihrem Reden ist die Hoffnung zu spüren auf eine andere, gerechtere Welt.

Ich denke an einen Nachbarn, einen griechischen Bauschlosser, der seit über zwei Jahre keine Arbeit mehr hat. Immer wieder erlebte er es in dieser Zeit, wie unter den zahlreichen Bewerbern für eine angebotene Stelle einem der Deutschen der Vorzug gegeben wurde. Selbst in der Verbitterung noch, die ihn immer mehr auffrisst, entdecke ich diesen Hunger nach mehr Gerechtigkeit.

Ich denke an die Jugendlichen unseres Stadtteils, Berlin-Kreuzberg. Etwa zwei Drittel von denen, die zwischen fünfzehn und zwanzig sind und Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen, finden weder das eine noch das andere. In ihrer Ratlosigkeit und Ungewissheit, in ihrer Sorge und manchmal schon Hoffnungslosigkeit ist dieser Hunger spürbar, lebt die Hoffnung, dass es einmal anders, besser und gerechter werden wird.

ARBEITSLOSIGKEIT MACHT HUNGRIG NACH EINER GERECHTEREN WELT – das stimmt, auch dann, wenn dieser Hunger unter Gleichgültigkeit oder Betäubung, unter Verzweiflung oder Wut begraben ist.

Keiner von uns wünscht sich solch ein Schicksal. Denen, die davon betroffen sind, gehen wir oft lieber aus dem Weg. Die Bibel aber preist diese Menschen, die den Hunger nach Gerechtigkeit kennen, selig. Im Matthäusevangelium, am Beginn der Bergpredigt heißt es in der vierten der acht Seligpreisungen:

„SELIG, DIE HUNGERN UND DÜRSTEN NACH DER GERECHTIGKEIT, DENN SIE WERDEN SATT WERDEN“:

Hier wird denen, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, die auf eine Welt hoffen, in der wir alle als Schwestern und Brüder, als Kinder Gottes miteinander leben, ihnen wird verheißen, dass ihr Hunger und ihr Durst einmal gestillt sein werden. Bis diese Verheißung in Erfüllung geht, das hat uns Gott in Jesus zu verstehen gegeben, hungert und dürstet er selbst, hofft er in diesen von Unrecht betroffenen Menschen auf mehr Gerechtigkeit.

Und wenn wir diesem Hunger nicht verdrängen, nicht totschweigen, sondern beim Namen nennen, von ihm reden und ihn hinausschreien, dann wird darin Gott beim Namen genannt.

Indem wir unsern Hunger Raum geben, geben wir ihm Raum in unserer Welt. Der Hunger, den wir mit Gott teilen, wird uns die Kraft schenken zu handeln, für die Gerechtigkeit einzustehen, für sie zu kämpfen auch unter Opfern. Hier, das ist meine Überzeugung, liegt der Ursprung einer gerechteren Zukunft und die Quelle all unserer Kraft im Dienst und Kampf für sie.

Michael Walzer, Diözesankaplan der CAJ in Berlin Aktion –
Monatszeitung junger Arbeiter, Juli/August 1983

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CAJ-Berlin
Nachruf

Michel Walzer SJ

28. 5. 1948 Karlsruhe + 29.1.1986 Berlin
Aufgewachsen in Marxzell
1968 Eintritt in den Jesuitenorden
Theologiestudium und CAJ-Arbeit in Innsbruck
1977 Priesterweihe
Arbeiterpriester in Toulouse
Seit 1978 AEG-Arbeiter in Berlin
Neugründung der CAJ Berlin

„Von guten Mächten treu und still umgeben“. Dieses Lied haben wir für Michael gesungen, bevor er zu seiner Operation ins Krankenhaus musste. Es gab keine Heilung und trotzdem bewahrte Michael bis zuletzt die zuversichtliche Grundstimmung, wie sie diesem Text, der unter so unglücklichen Umständen entstand, zugrunde liegt.

Uns hat Michael ein Lebensgefühl nähergebracht, das einer unserer CAJler so umschrieb: „Eine Revolution ohne Liebe kann keine guten Veränderungen bringen“. Wir wollten und wollen die Welt verändern und in diesen Kampf hat uns Michael gestärkt. Als Arbeiterpriester war er den Arbeiterjugendlichen sehr nah, weil er ih-


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re Situation aus eigener Erfahrung kannte. Er hat uns eine christliche Lebenshaltung nicht vorgetragen, er hat mit uns gelebt. Michael hat sich auf den Tod vorbereitet und hat uns an seinen Erfahrungen teilnehmen lassen. Er hat uns immer wieder vermittelt, dass wir über die Trauer um seinen Zustand die Zukunft nicht vergessen sollen. Wir werden die Impulse, die uns Michael in unserer Arbeit und im privaten Leben gegeben hat, weitertragen und bei allen unseren Anstrengungen, Enttäuschungen und Erfolgen den Glauben an das „Gute“ nicht verlieren.

März 1989
veröffentlicht in: Aktion – Monatszeitung junger Arbeiter

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