Leseprobe Mann Gottes

November
MARTIN VON TOURS:
ENGAGIERT DIE GLEICHHEIT MIT DEM NÄCHSTEN LEBEN
Christian Herwartz

Martin wurde 336 in Ungarn geboren und wuchs in Pavia (Oberitalien) auf. Gegen den Willen der Eltern begann er mit 12 Jahren sich auf seine Taufe vorzubereiten. Mit 15 Jahren folgte er dem Wunsch seines Vaters, der ihn nach dem Kriegsgott Mars nannte, trat ins kaiserliche Heer ein und wurde Offizier in der römischen Reiterei. Besonders bekannt
ist eine Geschichte aus seinem Leben: Nachdem in einem kalten Winter viele an einem unbekleideten Bettler vorbeigingen, die ihn leicht mit ihrem Überfluss hätten bekleiden
können, nahm er seinen Offiziersmantel, zerschnitt ihn mit dem Schwert und überließ dem Bettler die Hälfte. Als ihm Jesus mit der Hälfte seines Militärmantels erschien, ließ er sich 354 in Amiens taufen. Konsequenterweise suchte er zwei Jahre danach den Abschied vom Militär. Dies werteten seine Vorgesetzten als Desertion. Daraufhin wollte sich Martin bei
der nächsten Schlacht ohne Waffen vor die eigenen Truppen stellen. Dieser Vorschlag wurde akzeptiert. Aber das gegnerische Heer sandte Boten und unterwarf sich ohne in die
Schlacht zu gehen.
Der christliche Glaube, bisher geächtet, wurde in diesem Jahrhundert nach der Bekehrung des Kaisers zur staatlich geförderten Religion. Die Kirche stand vor einer großen missionarischen Aufgabe und vor einer enormen Gefahr. Sie war gespalten in die Anhänger von Arius (um 260–336), für den Jesus ausschließlich ein Geschöpf des einen Gottes war, und die Rechtgläubigen. Kaiser Konstantin rief 235 das Konzil von Nicäa ein. Dort wurde die Einheit Gottes – Vater, Sohn und Hl. Geist  – herausgestellt. Aber auch die Verbindung
von Kaiser und Christenheit war ein Problem. Viele gebildete Frauen und Männer gingen in dieser Zeit als Einsiedler in die Wüste, um dem Sog der staatlichen Macht zu entgehen.
Mitten in diesen Auseinandersetzungen fand Martin in Bischof Hilarius von Portiers einen Lehrer. Er baute sich in seiner Nähe an einem schwer zugänglichen Flussufer eine
Einsiedelei. Nach sieben Jahren wünschten sich die Gläubigen in Tours Martin zum Bischof. Daraufhin suchten einige Bischöfe die Wahl dieses asketisch lebenden Menschen zu verhindern, der sich vom kaiserlichen Hof fernhielt. Doch das Volk setzte sich durch und Martin wurde zum Bischof geweiht. Auch in der Nähe von Tours lebte er weiter in einer Einsiedelei. Am 8. November 397 starb er in Candes und wurde in Tours beigesetzt.

Radikaler Egalität verpflichtet

Schon in Martins Todesjahr schrieb Sulpicius Severus eine ausführliche Lebensgeschichte. Darin wird uns die Begebenheit der Mantelteilung erzählt, die mich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter erinnert, der einem unter die Räuber gefallenen Menschen hilft (Lk 10,30–37). Martin rettete einen Menschen vor dem Erfrieren. Aber Martins selbstloses Handeln betont besonders die Gleichheit unter uns Menschen. Jedem Mensch schenkt Gott seine einmalige Würde. Martin teilte seinen Mantel in zwei gleiche Teile und erkannte die von Jesus gelehrte radikale Egalität mitten in allen individuellen Unterschieden an. Einen besonderen Symbolgehalt bekommt die Geschichte für mich dadurch, dass sie auf der Straße stattfindet. Die meisten Geschichten in den Evangelien finden in der Öffentlichkeit statt, wo wir von der Begegnung mit anderen Menschen und darin von Gott überrascht werden. Die Straße fordert uns zu einem Leben ohne Sicherheitsschlösser und Mauern heraus. Deshalb sagt Jesus von sich: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.« (Joh 14,6) Auch uns lädt er ein, Straße fürs Leben zu sein. Auf ihr dürfen wir vertrauensvoll pilgern und Pilgernde empfangen.
Jesus beschreibt sich auf dieser Straße der Begegnung als Obdachlosen: »Die Füchse haben Höhlen, die Vögel Nester, ich weiß nicht wohin ich meinen Kopf legen soll.« (Mt 8,20)
Martin begegnete diesem Jesus im Bettler, der ihm später im Traum mit seinem halben Mantel anspricht. Er verfing sich nicht in langen Überlegungen, sondern nahm sein Schwert und teilte den Rock seines kaiserlichen Dienstherren. Martin war durch und durch ein Krieger, der nun zur christlichen Lehre stand und mit seinem Schwert dieser Wirklichkeit diente. Er schnitt die Distanz zum Bettler ab und trat in die Nähe zu Jesu, der im Bettler lebt. Diese Nähe gab ihm die Kraft, zwei Jahre später den Kriegsdienst ganz zu verweigern, auch wenn dieser Schritt ihm das Leben kosten sollte. Ein Krieger überwindet die Angst um sein eigenes Wohlbefinden, wenn er für eine gerechte Sache unterwegs ist.
Das christliche Menschenbild, an das wir bei der Taufe erinnert werden, wird mit den Begriffen König, Prophet und Priester umschrieben. Das Prophetische ähnelt dem männlichen Archetyp des Kriegers. Ohne eigene Vorteilnahme trennen wir mit dieser Kraft die Geister, die das Leben fördern, von denen die das Leben hemmen. Im Vertrauen auf diese Unterscheidungsfähigkeit übertrug Bischof Hilarius dem jungen Christen das Amt des Exorzisten und berief ihn damit in den Dienst der Abwehr von dämonischen Kräften, die
Krankheiten auslösen.
Als Einsiedler führte Martin ein asketisches Leben der Reinigung. Einige Brüder schlossen sich seiner Lebensweise an. Es entstand eine Gemeinschaft. Martin wurde Abt des entstehenden Klosters Marmoutier und damit zur einem Pionier des gallischen Mönchtums. Das Volk in Tours entdeckte ihn. Sie spürten seine königlichen Leitungsfähigkeiten, mit denen er aus einer inneren Klarheit heraus Entscheidungen fällte und sich der Sorgen seiner Mitmenschen annahm. Auch als Bischof lebte Martin in einer Einsiedelei und blieb seiner monastischen Berufung treu. Seine Neigung zum kontemplativen Leben und die Demut eines Mönches halfen ihm bei seinen pastoralen Verpflichtungen. Dabei lag ihm besonders die Heilung der Kranken am Herzen, wie Sulpicius Servus immer wieder erzählt. Er berührte die Kranken wie ein Liebender und im Gebet fanden selbst Tote wieder zum
Leben.
Seine Mission sah Martin darin, an den alten Orten der Götterverehrung Kirchen zu bauen. Die Kraftlosigkeit der alten Kulte sollte deutlich werden und das Volk mit seinem
religiösen Suchen nicht allein bleiben. Als ein Dorf nicht zuließ, dass ihr heiliger Baum gefällt wird, bot Martin an, sich dorthin zu stellen, wo der Baum niederfallen würde. Auf
diesen Handel ließ sich die Bevölkerung ein. Als der Baum schon einknickte, wurde Martin gefesselt dorthin gebracht, damit er von ihm erschlagen würde. Doch der Baum fiel an
einer anderen Stelle zu Boden. Diese Weise missionarisch zu handeln ist uns fremd. Doch auch heute fordert das Gestalten menschlicher Lebensräume den Mut, sich z. B. kapitalistischen Interessen entgegen zu stellen. Gegen die Verlegung des wasserreichen Fluss Sao Francisco trat bspw., aus Liebe zu den dort lebenden Menschen, der brasilianische Bischofs Cappio in einen Hungerstreik.
Ohne Gesten der Unterwürfigkeit setzte sich Martin beim Kaiser für Leidende ein. Als er bei einem Empfang die Trinkschale als Erster bekam, gab er sie nicht  – der Höflichkeit
entsprechend – an den Kaiser zurück, sondern reichte sie seinem Bruder im Priesteramt, weil er ihm näher stand als der Herrscher.
Ebenso setzte sich Martin für Gefangene und Unterdrückte ein. Er wollte sich nicht in der Welt einrichten, weil er die Behaglichkeit für trügerisch und unsicher hielt. Als Priszillian, der ebenfalls asketisch lebende Bischof von Avila, wegen seiner mangelnden Rechtgläubigkeit vor Gericht stand, setzte sich Martin beim Kaiser für seine Begnadigung
ein. Sie wurde ihm zugestanden, doch nach seiner Abreise wieder verworfen. Priszillian wurde hingerichtet.

Die priesterliche Berufung

In der Auseinandersetzung mit dem männlichen Archetypus des Magiers finden wir einen Zugang zu der priesterlichen Dimension unseres Lebens. Mit seinem Gespür für das Geheimnis des Lebens werden uns Zusammenhänge in der Welt greifbar. Wir nehmen uns die Zeit für die nach innen lauschende Meditation. Dies befähigt uns, in Krisenzeiten von Aufruhr und Chaos ruhig zu bleiben und das Lebenstempo zu verlangsamen. Oberflächliches Getöse gefällt dann nicht. Wir haben keine Angst vor unseren Gefühlen,
durch die wir im Leben verankert sind und die Verbindung zu anderen Menschen finden. Wenn wir aus der Ruhe heraus reagieren, können wir erleben, dass wir einfache Wahrheiten wie Kinder aussprechen können und damit dem Friede dienen.
Unsere priesterliche Berufung ist in der Liebe zu Jesus Christus verwurzelt. An ihn dürfen wir uns und andere erinnern, sodass er nicht nur in unseren Gedanken sondern greifbar gegenwärtig ist. Wir spüren seine Liebe in der kontemplativen Stille und bestätigend im Kontakt mit anderen Menschen. Diese Liebe hat Martin in der Askese gereinigt und in der Gemeinschaft der Einsiedler erfahren.
Der Auftrag des Priesters in uns geht bis dahin, das Gute im anderen Menschen durch den Segen Gottes zu unterstützen, die Bitte um Verzeihung wahrzunehmen und mit Vollmacht darauf zu antworten. Martins Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes ging so weit, dass Gott auch dem Teufel sein das Leben verachtendes Verhalten verzeiht, wenn er seine Taten bereut.
Der Magier und der Priester in uns sind immer in Gefahr, anderen Menschen die beglückenden inneren Wahrheiten vorzuenthalten und sie nicht beim eigenständigen Entdecken zu unterstützen. Dieser Machtmissbrauch tarnt sich im Herausstellen der eigenen Unwissenheit. Wie bei den anderen inneren Antriebskräften braucht es Mut, sich auf den Geist Gottes in uns einzulassen. Wir stehen dem Leben nicht als Zuschauer gegenüber, die im Zweifelsfall nur auf Funktionsträger verweisen.
Martin wehrte sich lange gegen ehrenvolle Aufgaben in der Kirche. Als das Volk ihn als Bischof rief, versteckte er sich in einem Gänsestall. Die Tiere verrieten ihn durch ihr
Geschnatter. Auch wir werden oft zu unserer Lebensaufgabe überlistet. Jesus wurde durch die Inhaftierung von Johannes dem Täufer (Mt 4,12) überrascht und nahm sie zum Anlass,
selbst an die Öffentlichkeit zu treten. Dann setzte er die Predigt vom nahen Reich Gottes mit seiner Begabung fort. Uns zeigt vielleicht ein Kind, die Familientradition oder ein Unfall den Weg.

Ein aufrüttelnder Bruder

Martin ist kein theologisch studierter Mensch. Er ist ein Mann, der sich auf seine Intuitionen verlässt und sich nicht ständig in einem reflektierenden Aber verfängt. Seine in der Askese geübte Bescheidenheit ermöglichte ihm ein Handeln ohne persönliche Vorteilnahme. Umso entschiedener trat er gegenüber dem Missbrauch des Religiösen auf, als der Kaiser statt durch Götterkulte nun mittels eines einheitlichen christlichen Glaubens seine ausgedehnte Macht festigte. Die Kirche wurde sesshaft im römischen Reich, ähnlich wie Israel nach der Lehrzeit des Glaubens während der Wüstenwanderung. Dann rief Israel ähnlich wie die Nachbarvölker nach einem König (Ri 9,7–17). Das Vertrauen auf Gottes Führung reichte nicht mehr. Wir sind in Deutschland im letzten Jahrhundert auch der Führermentalität erlegen. Die Religion und das Weltliche sollten eins gehen. Das war das Ideal der Deutschen Christen. Auch heute leben wir mit der Versuchung, erst nach den gesetzlichen oder finanziellen Absicherungen zu fragen und uns nicht entschieden von unseren inneren Intuitionen leiten zu lassen. Häufig bleiben wir im Irrglauben und verraten die von Gott in uns gelegte Sehnsucht aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Martin löste sich früh von seinem dominierenden Vater und legte mutig den Militärdienst nieder. Er besinnt sich auf die wesentlichen Aspekte des Lebens und übt seine neue
menschliche Perspektive ein. Deshalb erkennt er die heidnische Gefahr der neuen Abhängigkeit. Er meidet jede höfische Unterwürfigkeit, wie sie sich auch in der Kirche gegenüber dem Kaiser ausbreitete. Marin empfand dagegen Ekel, durch den er für alle gefährlich wurde, die von der kaiserlichen Gunst abhängig waren.

Die Straße der Gleichheit entdecken

Der Archetypus des Liebhabers belebt das christliche Menschenbild um den entscheidenden Aspekt des Lebens. Die scheinbar kindliche Verehrung von Martin, der seinen Mantel teilt, betont die Liebe, die uns Menschen voreinander gleich werden lässt. Das Geheimnis der Menschwerdung wird uns durch Jesus und jedes menschliche Leben ausgelegt, dessen innere Verbundenheit wir trotz unserer unterschiedlichen Berufe, Kulturen und Lebensformen entdecken.
Wenn wir unsere Wohnung verlassen, in der wir entscheiden können, wen wir zulassen oder abweisen wollen, dann stehen wir auf der Straße. Dort begleitet uns Gott auf sehr unterschiedliche Weise. Der Auferstandene wurde als Gärtner am Grab, als Fremder auf dem Weg nach Emmaus oder am See Genezareth beim Grillfeuer gesehen. Jeder Mitmensch kann ihn uns heute repräsentieren.
Seit einigen Jahren versuchen geistlich Übende Jesus mitten in unseren Städten zu entdecken. Martin ist mir da ein Vorbild. Aber auch Ignatius von Loyola, der neun Monate
in Manresa auf der Straße lebte. Anschließend begleitet er viele Menschen in Geistlichen Übungen bei der Entdeckung ihres inneren Geheimnisses, das Antwort auf die in uns verborgene Sehnsucht gibt. Zuerst geht es in den Übungszeiten um das Erfahren der Barmherzigkeit Gottes und die Heilung vielerlei Abhängigkeiten. Sie ermöglicht uns, unser Leben zu ändern und uns von verbreiteten Glaubensgrundsätzen zu distanzieren, wie zum Beispiel: Vermögen könne arbeiten und sich dabei vermehren, oder Gewalt könne die Gewalt des Bösen ausrotten.
Ich nenne diese Übungen, ins Jetzt zu treten, »Exerzitien auf der Straße«. Viele erleben dabei Einheit mit sich selbst und mit der Umwelt. Am Abend erzählen die Übenden sich
gegenseitig in kleinen Gruppen die Erlebnisse des Tages. Sie werden zum Schlüssel, auch mit den biblischen Erfahrungen neu in Verbindung zu treten. Ja, Jesus ist der Weg und die
Wahrheit und das Leben (Joh 14,6) und er lebt dort als »Obdachloser« (Mt 8,20). Das erleben wir auch heute. Ebenso nehme ich die menschlichen Spuren in den Legenden über
das Leben von Martin wahr und er rückt mir näher. Diese Freude will ich teilen und wünsche allen Lesern, dass sie Martin trotz aller Unterschiede auf der Straße ebenerdig begegnen werdem.

Herausgelockt

Die Legende erzählt, dass Martin seine Einsiedelei nicht verlassen wollte. Doch das Volk lockte ihn nach Tour, um ihr Bischof zu werden. Ein Bote ging zu Martin und sagte, seine
Frau sei krank. So ließ er sich überreden, mit ihm zu gehen. Als er aber seine Absicht bemerkte, floh er in einen Gänsestall. Doch die Gänse verrieten ihn mit ihrem Geschnatter.
Unsere Kirchen sind oft erstarrt im einmal als richtig Erkannten. Auch Martin war glücklich in seiner Einsiedelei und musste doch aus ihr herausgelockt werden. Durch welche Ereignisse lassen wir uns aus unseren Gedankengebäuden und Liturgien wieder auf die Straße des Lebens locken?
Verwurzelt in der eigenen und der gemeinschaftlichen Glaubenserfahrung können wir mit offenen Händen aufbrechen und uns mit Dankbarkeit vom Leben beschenken lassen. Voll
Erschrecken werden wir wie Martin von Tours den Kleinglauben vieler Bischöfe entdecken, aber auch wie Gott über den historischen Jesus hinaus in allen Religionen wirkt und
doch unter uns der Frieden ist (Lk 24,36). Wenn ich dieser Gemeinsamkeit verpflichtet bin und alle Eigeninteressen beiseitelege, dann trete ich als Mann in meine Sehnsucht und
spüre meine Kraft.