2013 Katharina Prinz und Christian Herwartz, Wo sehen wir weg?

Die Verletzung durch (männliche) Gewalt in der Kirche
Die Wirklichkeit der Übergriffe auf Schutzbefohlene (entsetzt) wahrzuneh-
men, nach den notwendigen Lebensänderungen zu suchen und sie anzu-
gehen sind Bekehrungsschritte, die uns zu einem neuen Hinsehen auch in
anderen Lebensbereichen führen. Wir Herausgeber haben deshalb einen
Artikel aufgenommen, der exemplarisch zu diesem sich ausweitenden Hin-
sehen einlädt.
Noch immer machen Menschen in der Kirche die Erfahrung, nicht angehört
zu werden, wenn sie von ihren ureigenen Anliegen erzählen: Neben Frauen
sprechen auch Homosexuelle, wiederverheiratete Geschiedene und in der
Exerzitienbegleitung gedemütigte Menschen und andere von Gefühlen der
Ohnmacht angesichts der strukturellen Gewalt, der sie sich in der Kirche
ausgeliefert sehen. Wir Jesuiten lernen aus den Diskussionen der vergan-
genen beiden Jahre, neu hinzuhören. Stellvertretend für viele Menschen
geht es in diesem Artikel um die Stimme einer Frau, die zu Gehör gebracht
werden soll.
Untersuchungen in den USA über die Ursachen sexuell motivierter Über-
griffe gegen Kinder und Jugendliche zeigen, dass die meisten Täter unfähig
sind zu bedeutungsvollen, „intimen“ Beziehungen. Dabei meint „Intimität“
beim zölibatär lebenden Priester und Ordensmann nicht körperliche, son-
dern emotional nahe und bedeutungsvolle Beziehungen, in denen er so sein
kann, wie er wirklich ist, also ohne Masken und ohne dass er vorrangig in
seiner beruflichen Rolle und seiner kirchlichen Funktion gesehen wird. Wel-
chen Erfahrungen sind Frauen ausgesetzt, die sich auf solche Beziehungen
einlassen?

(Katharina und Christian)
In diesem Briefwechsel stellen wir uns unserem Leben, indem wir der
Stimme unserer Herzen als Frau und als Mann Raum geben. Dabei stoßen
wir auf viele Tabus und geraten in Konflikte. Wenn wir einander zuhören,
öffnet sich mitten in allen Ängsten eine Tür. Wir ringen um den Aus-
druck der Würde aller Menschen, in dem männliche und weibliche An-
teile gleichberechtigt ihren Ausdruck finden.
Wie kann ich als Frau im Kontext der Kirche (mit ihrer patriarchalen
Struktur) meine Würde leben? Und wie kann ich als Mann (zölibatär le-
bend) in kirchlicher Verantwortung mich nicht in vorgeschobenen Loya-
litäten vergraben, sondern mit dem Geist Gottes ins Handeln kommen?
Wir bemerken, wie die Christusliebe in uns die scheinbar unversöhnlich
gegenüberstehenden Positionen in die Kommunikation führt.
7. April 2012 (Katharina)
Bevor wir uns das erste Mal begegneten, arbeiteten die Mosegeschichte
vom brennenden Dornbusch, Deine Geschichte und die der Exerzitien
auf der Straße, schon 4 Jahre in mir. Ich hatte Dein Buch „Auf nack-
ten Sohlen“ gelesen und war in meinem Innersten berührt. An Deiner
persönlichen Geschichte hat mich besonders fasziniert, wie Du mit den
politischen Gefangenen in den 80er Jahren Kontakt hieltest. Du bekamst
für Dein politisches Engagement in dem Haus der Mitbrüder Hausverbot.
Dennoch bliebst Du im Berlin dieser Zeit dem Orden und Deinen Ge-
lübden treu …
Seit fünf Jahren sind wir miteinander in Freundschaft verbunden. Da-
bei erlebe ich Deine Hingabe an Christus in dieser engen Bindung an den
Orden. Du lebst diese Treue – der Preis ist hoch. Um diese Treue leben zu
können, gibt es Tabus, die nach meinem Erleben einen Teil unseres ge-
meinsamen Seins, der Begegnung von Dir und mir, von uns abschneiden.
Das Innerste in uns, die Liebe, ist ein uns verbindender Raum, der frei
ist von Hierarchie und Denkverboten. Doch wenn ich in unsere Lebens-
wirklichkeit schaue, werde ich zu einer Illegalen, die es nicht geben darf.
Schweigen über Jahre. Nun hast Du unsere Freundschaft öffentlich ge-
macht – das ist ein großer Schritt.
Doch wie kann ein Provinzial darauf reagieren? Genau genommen gar
nicht. Ich erlebe im Orden / in der Kirche zwei Varianten: die Liebe nicht
ernst nehmen – die Frau als Störfaktor ansehen, eine Versuchung, die
„Mann“ überwinden muss; oder die Frau wird zur heimlich gehaltenen
„Geliebten“, Illegalen. Beide Varianten zerschneiden den tiefsten Herzens-
bereich! Christus hat uns jedoch in die volle Menschwerdung berufen.
Ich möchte Dich in Würde lieben, nicht im Dunkel der Heimlich-
keit und Illegalität. Und ich will von Dir in achtsamer Bewusstheit ge-
liebt werden. Wir sind als Kinder des Lichts mit der Wahrheit betraut; ich
möchte in voller Verantwortung und Wahrhaftigkeit den Weg, den der
Himmel uns führt, gehen.
13. April 2012 (Christian)
In der Liebe zu dir entdecke ich meine erste Liebe neu: Gott kann mich
an jeden Ort der Welt rufen. Er führte mich in den Orden. Diese Liebe zu
Christus finde ich auch bei dir. Sie ist die Brücke unter uns. In ihr kann
ich dich so annehmen, wie du bist.
Aber durch sie spüre ich deutlicher den Paternalismus in der Gesell-
schaft und auch in der Kirche. Die katholische Kirche stützt oft den damit
verbundenen Machtmissbrauch – und ich bin ein Teil davon – besonders
gegenüber Frauen. Sie werden angebetet als reine Wesen wie Maria oder
vielleicht besonders von uns ehelosen Männern gedemütigt als mögliche
Verführerinnen.
Jesus hat alle Hierarchisierungen überwunden. Seine eifersüchtige Lie-
be zu allen Menschen stellt Über- und Unterordnungen infrage. In die
von ihm gelebte Befreiungsgeschichte wurde ich am Ende meines drei-
jährigen Theologiestudiums gerufen. Vier Professoren leiteten gemeinsam
die Abschlussprüfung. Jeder von ihnen durfte mich 15 Minuten ausfragen.
1975 begann der erste Prüfer: „Ist das Jungfernhäutchen von Maria durch-
stoßen worden?“ „Ich bin nicht in einer biologischen Prüfung“, antwor-
tete ich etwa zwanzig Mal, denn er wiederholte die Frage immer neu. Die
drei anderen Professoren schwiegen. Das Erschrecken darüber verdrängte
ich lange. Ich fühlte mich lange nicht berechtigt über sexuelle Fragen zu
sprechen und wurde Arbeiter in der Metallindustrie.
Die Zeit ist reif, nicht mehr auszuweichen: Mose ging über die Steppe
hinaus zum Berg Gottes (Ex 3,1). Gott wartete abseits in einem brennen-
den, aber nicht verbrennenden Dornbusch. Dort entdeckten ihn viele in
den Exerzitien auf der Straße. Davon wurden wir zusammen Zeugen.
Wenn ich auf die Zukunft unserer Liebe sehe, die uns Gott ungefragt
schenkt, dann frage ich wie Maria: „Wie soll das geschehen?“ (Lk 1,34)
16. April 2012 (Katharina)
Ja, wie soll das geschehen? Das fragen wir uns und doch geschieht es ein-
fach. Die Liebe geschieht und wir lassen sie zu – wie Maria dieses Vertrau-
en zulässt. So werden sie und das in ihr wachsende Leben geheiligt.
Wie Maria nicht die Geliebte ist, bin auch ich nicht Deine Geliebte.
Ich bin die Frau, die Dich, den Mann liebt und von Dir geliebt wird. Das
ist etwas anderes – und doch stehe ich an der Klippe – was kann ich, was
kannst Du tun, damit es nicht doch ein Missbrauch ist?
Wir haben darüber oft miteinander gesprochen. Viele Männer, die sich
als Priester oder Ordensleute für das Leben im Zölibat entschieden haben,
werden von einer oder mehreren Frauen geliebt und lassen dies zu. Sie
nehmen die Liebe, aber leben sie nicht in Verantwortung und Würdi-
gung, sondern sie lassen lieben, heimlich – und basteln, auch mithilfe der
Kraft durch die liebenden Frauen, an ihrer Ordenskarriere oder schreiben
wichtige Bücher. Wilfried Wieck titelt: Männer lassen lieben. Die Sucht
nach der Frau (Stuttgart 1987). Vielleicht gäbe es manchen Orden nicht
mehr – ohne die vielen Frauen, die lieben; die anwesend sind und auffan-
gen, die trösten, die ermutigen und Ideen einbringen und dabei unsicht-
bar bleiben. So viel Leid, das da leise getragen wird. Noch stiller leiden
Kinder, die aus solch einer Liebe geboren wurden und die niemanden
haben, zu dem sie Papa sagen dürfen.
Auch ich versuche hier, aus der Dunkelheit herauszutreten, wir beide,
denn „bei Dir ist die Dunkelheit nicht finster, sondern Licht.“ Das ist
meine Hoffnung.
Ich habe bei der Durchsicht der vielen Zeitungsartikel im Januar 2010
einen mit großem Interesse gelesen. Eine Frau, die katholische Priester
begleitet und supervidiert, sagt, dass die Männer nicht allein am Zölibat
zerbrechen, sondern auch an der Beliebigkeit und doppelten Moral, mit
der er gehandhabt wird. Das ist wiederum der strukturelle Machtmiss-
brauch und unter diesem Machtmissbrauch leiden natürlich auch die be-
troffenen Männer! Es ist ja ein Schmerz an dem einen Leib, der Christus
ist. Gerade junge Männer müssen entscheiden: entweder ihrer Berufung
zum Priester zu folgen oder der Liebe zu einer Frau. Der Zölibat als Zwang
zerschneidet die Menschwerdung in ihrem Zentrum – in ihrer tiefsten
Mitte.
In diese Realität sind auch wir gestellt. Wir vollziehen seit Jahren eine
Gratwanderung, doch unsere Liebe ist ungeschützt.
Tröstlicherweise ging es darin Maria nicht besser. Gott selbst begleitete
und schützte sie durch Joseph, sie und das in ihr wachsende Leben. So
gehe ich in diesem grundlosen Vertrauen, das doch seinen Grund im Ver-
trauen selbst hat.
1.Mai 2012 (Christian)
Beim Lesen deines Briefes stand ich vor einer großen Hürde. Wie kann ich
in die Liebe zurückkehren, wenn du behauptest, dass sich junge Menschen
– Männer wie Frauen – zwischen ihrer Berufung als Ordensleute oder als
Priester und der Liebe entscheiden müssen? Du schreibst, die Menschwer-
dung wird dadurch im Zentrum zerschnitten. Diese Aussage widerspricht
dem, was ich in der Bibel lese und der in meinem Leben gewachsenen
Überzeugung.
Doch Halt! Ich will auf deine Wahrnehmung hören. Besonders weil
ich um das „Erbe systematischer Diskriminierung von Frauen“ weiß. So
hat das höchste Gremium im Jesuitenorden den andauernden Skandal
1995 benannt. Die jetzige Situation in der Kirche, die sündhaft ist, be-
hindert ein unverstelltes Wahrnehmen in meiner priesterlichen Macht-
position, selbst wenn ich sie dienend nutze.
Auf eine ähnliche Situation stoßen Kinder und Jugendliche, die von
einem sexuellen Machtmissbrauch erzählen wollen. Oft werden ihre Er-
fahrungen mit Lehrern, Jugendgruppenleitern, nahen Familienangehö-
rigen nicht für möglich gehalten. Die Angesprochenen verlassen ihre
Lebensbilder, die sie blind machen, nicht und bleiben außerhalb von den
Konfliktsituationen. Glaubwürdigkeit wird hierarchisch abgestuft: je wei-
ter oben in der Hierarchie, um so glaubwürdiger. Diese eingeübten Glaub-
würdigkeitshierarchien müssen verlassen werden.
„Mit Sorgfalt und Mut“ sind alle Jesuiten eingeladen, „auf die Erfahrun-
gen von Frauen zu hören“, lese ich in dem 14. Dekret der letzten General-
kongregation. In vielen Bereichen der Gesellschaft sollen wir „in Soli-
darität mit Frauen eintreten“. Einiges ist „durch den – oft nur um einen
hohen Preis möglichen – Kampf für eine gerechtere Beziehung zwischen
Frauen und Männern erreicht.“ Das Dekret spricht viele Aktionsfelder in
der zivilen Gesellschaft an. Doch das Machtgefälle zwischen Männern
und Frauen besteht in besonderer Weise in der katholischen Kirche und
im Orden. Ich suche auch hier die Beziehung mit „unserem Gott der Lie-
be und Gerechtigkeit“, „der alles versöhnt und uns eine Welt verheißt, in
der ‚es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht
Mann und Frau gibt; denn ihr seid einer in Christus Jesus‘ (Gal 3,28)“.
Mit diesem Hintergrund komme ich auf deinen Brief zurück und fra-
ge dich: Welchen Missstand siehst du vordringlich, der leicht zum Miss-
brauch der Liebe unter uns werden kann?
Liebe – auch die zu dir – ist für mich nur in einem Prozess der Mensch-
werdung auf dem Weg der Freiheit und Wahrheit anstrebbar. Er liegt of-
fen vor uns, auch wenn wir ihn erst im Nachhinein beschreiben können.
Ich will Dir von dem Weg der Liebe in mir erzählen:
Im Licht der Menschwerdung Gottes sehe ich Christen in der An-
fangszeit der Kirche, die Sklaven befreiten, indem sie an ihrer Stelle den
Sklavendienst übernahmen. Sie antworteten mit diesem Schritt auf die
erlebte Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen in der Einheit mit Jesus.
Ihm, der das ängstliche Opfern überwunden hatte, wollten sie nahe sein.
Kein Gesetz hielt sie dazu an.
Ähnlich wollte ich auf die Liebe Gottes mit dem Geloben von Armut,
Keuschheit und Gehorsam beim Eintritt in den Orden antworten. Diese
Gelübde öffneten mich für die Einheit mit Menschen, die von Geburt
an oder durch die Gewalt anderer „verschnitten“ wurden (Mt 19,12). Ich
durfte den Weg der Menschwerdung mit Jesus gehen, der ihn über die
Grenzen der Gesellschaft Angesehener zu Abgedrängten und zu „Unrei-
nen“ führte. Sonst wäre seine Menschwerdung begrenzt geblieben. Dies
schloss für mich die Weisung Gottes mit ein, die Jeremias hörte (16,2)
und auch Paulus in sich spürte (1 Kor 7,7), keine Familie zu gründen, um
für die Verkündigung der Botschaft Gottes ganz frei zu sein.
Die Menschwerdung in uns ist erst in der Offenheit zu allen Menschen
vollständig. Mit dieser Sehnsucht bin ich wie Mose über die bekannte
Steppe hinaus gegangen (Ex 3,1) und Arbeiter geworden. Ich wollte für
die Einheit Gottes mit uns Menschen bis an die Enden der Welt offen
sein. Die Liebe Jesu über die gesellschaftlich Anerkannten hinaus zu den
Zöllnern, Sündern, Unreinen und Kindern hat mich auf dem Weg in die
Arbeitswelt, ins Ausland und nach Berlin-Kreuzberg begleitet.
Eine besondere Glaubensfreude erlebte ich bei der Inhaftierung wegen
meines Widerstandes gegen die Volkszählung. Die nachgezogenen Fami-
lienangehörigen aus der Türkei sollten gefunden und ausgewiesen wer-
den. Dieser Familientrennung widersetzte ich mich mit vielen anderen im
Stadtteil. Die staatliche Repression hatte ihre Macht verloren. Das Joch
Jesu war in diesem Moment für mich leicht geworden (Mt 11,30).
Die Ordensgelübde fordern mich in meinem Lebensstil und meiner
Offenheit besonders den Verspotteten gegenüber heraus. Im Gegensatz
zu den kirchlichen Gesetzen, die ich möglichst befolgte, wurde mir bei
den staatlichen schnell deutlich, wie sie das Leben zerstückeln können.
Illegale Menschen gibt es nicht, auch wenn die staatlichen Weisungen
dies behaupten. Leider gilt Ähnliches für kirchliche Gesetze. Die Barm-
herzigkeit Gottes wird auch in der Kirche durch vielerlei Gesetze infrage
gestellt. Sie schützen nicht mehr die Opfer. Wenn diese Gesetze mit der
Barmherzigkeit Gottes begründet werden, dann spreche ich von Miss-
brauch: Dieser strukturelle Missbrauch der Barmherzigkeit Gottes ver-
festigt das Wegsehen von der Wirklichkeit. Ein Beispiel: Schon lange for-
dern einige deutsche Bischöfe die Aufhebung starrer Gesetze, damit die
Versöhnung mit Wiederverheirateten auch in der Kirche möglich wird.
Aber sie werden nicht gehört.
In Treue zu der ehelosen Lebensform, mit der ich auf den Ruf Gottes
antworte und von seiner Liebe zu uns Menschen weiter Zeugnis ablegen
will, wird mir die Liebe zu dir geschenkt. Ich spüre Unsicherheiten, doch
die Situation unter uns und in unserer Umgebung ist friedvoll. Wen dür-
fen wir an dieser freudigen Wahrheit teilnehmen lassen? Du spürst einen
Mangel, eine Unredlichkeit. Ich möchte auf Deine Wahrnehmung hören.
Die Opfer sexueller Gewalt machten uns Jesuiten einen ähnlichen
Vorwurf und warfen uns Vertuschen vor. Auf welche Schritte hoffst du,
damit wir einen versöhnlichen Weg gehen können?
14. Mai 2012 (Katharina)
Du sprichst vom Zuhören, doch ich fühle mich erst mal mit zwei Seiten
Selbstrechtfertigung und sachlich distanzierter Abhandlung über Orden
und Zölibat überschüttet.
Die Liebe, wie ich sie erlebe, will uns über uns selbst hinausführen. Sie
ermöglicht es uns, unsere eigenen Grenzen zu sehen und zu überschreiten.
Das erleben wir beide. Ich erlebe, dass in uns Heilung geschieht, indem
wir voreinander Schwäche und Schmerzen zeigen können. Unsere Liebe
ist viel weiter und tiefer, als die Grenzen, an denen wir stehen. Sie hat
sehr viel Kraft – sonst hätte ich längst das Handtuch geschmissen und du
vielleicht auch. Bloß: Wir geben auch ein Stück Kontrolle aus der Hand,
wenn wir uns dieser Liebe anvertrauen, denn die Liebe treibt die Furcht
aus. Wir sind immer wieder an der Frage, ob wir das zulassen.
Du bist im Außen sehr weit, sehr weich, sehr offen, aber wenn es um
Dich geht, um den Orden, um die Kirche konkret, dann ist Schluss. Du
fragst ehrlich: „Wo schaue ich weg?“, aber wenn ich es sage, wie ich es er-
lebe, dann bekomme ich durch Deine Antworten den Eindruck, Du hörst
mir nicht wirklich zu. Doch, Du hörst mir zu, aber es ist Dir nicht nach-
vollziehbar, was ich sage. Da bleibt die Frage, ob Du mir glaubst.
Ich liebe Dich in Deiner Hingabe an Christus. Ich achte und respek-
tiere Dich und Deinen Lebensweg, aber das für mich deutlich wahrnehm-
bare Machtgefälle in der Kirche zwischen dem geweihten Priester und der
Frau an sich verhindert oft vertrauensvolles Miteinander. Zwischen uns
erlebe ich Liebe, Nähe und Vertrauen, doch solange die Zweiklassenge-
sellschaft in geistlicher Hinsicht auch von Dir gelebt wird, bleibt die Spal-
tung und die Verletzung – und das subjektive Erleben struktureller Ge-
walt. Du schreibst: „Ich spüre Unsicherheiten, doch die Situation unter
uns und in unserer Umgebung ist friedvoll.“ Das erlebe ich eben nur zum
Teil so, denn es ist schwierig das Friedvolle in einem Rahmen zu leben, der
unsere Liebe als unzulässig erklärt.
Du schreibst: „Die Menschwerdung in uns ist erst in der Offenheit
zu allen Menschen vollständig. Mit dieser Sehnsucht bin ich über die
Steppe hinaus gegangen (Ex 3,1) und Arbeiter geworden. Ich wollte für
die Einheit Gottes mit uns Menschen bis an die Enden der Welt offen
sein. Die Liebe Jesu … hat mich … über die Grenzen der gesellschaftlich
Anerkannten hinweg zu den Zöllnern, Sündern, Unreinen..begleitet.“ …
und jetzt zu der Liebe einer Frau – als Gipfel der Zumutung. Jetzt ist es die
Liebe zu einer Frau, die Dich in die „vollständige Offenheit“ führen, „über
die Steppe hinaus“ ziehen will – jetzt ist der Arbeiterpriester nicht mehr
in der Arbeitswelt herausgefordert, sondern durch eine einfache, starke
Liebe zu mir als Frau. Die gesellschaftliche Anerkennung hast Du da auch
nicht. Es ist Deine Frage an Dich.
Ich bin genauso herausgefordert: ich lebe hier 500km von Dir entfernt,
habe meine halbe Stelle im Bereich Spiritualität und fühle, dass dies hier
jetzt der Ort ist, wo Gott mich haben will. Jetzt – was werden will, weiß
ich nicht. Die für mich existenzielle Frage ist, ob ich offen bin und hin-
höre. Gott spricht nicht mit gespaltener Zunge. Wir hören nur so schwer.
Ich möchte mit Dir auf diese Stimme hören, die aus der Einheit der Liebe
Gottes kommt. Aus ihr heraus wird Wirklichkeit, was gut ist, für Dich,
für mich – auch wenn wir am Ende sehen, dass die Liebe so nicht lebbar
ist. Die Gefahr des Missbrauchs ist, dass Du es alles schon weißt, Du die Re-
geln vorgibst – mit der Begründung, … – ja, mit welcher eigentlich? Ist
die Gnade der Menschw-Erdung Dir denn mehr geschenkt als mir? In der
Liebe von zwei Menschen ist die Ganzheit durch das Gegenüber geschenkt
– da hört die Herrschaft auf, sonst bleibt es Ausbeutung.
Zu Deiner Frage: Ich habe noch nie den Wunsch geäußert und habe
den Wunsch nicht in mir, dass Du aus dem Orden gehst. Ich liebe Dich
als den, der Du bist, und da gehört Dein Ordensleben dazu. Außerdem
würde das die schmerzhafte Trennung von Orden und Ganzheitlichkeit
noch tiefer treiben; auch in uns. Ich habe jedoch geträumt: Wir gehen
zu Deinem Provinzial und sagen ihm von unserer Liebe – in aller Ernst-
haftigkeit. Da sagt er: ‚Gut, dann nehmen wir dich, Katharina, auf und
finden für euch beide einen Ort – den Ort eurer gemeinsamen Berufung.‘ ́
Komisch, wie die Seele weiß, was ginge, aber die Welt kann noch nicht.
Und wir sind Menschen, einfach auf dem Weg.
22. Mai 2012 (Christian)
Ja, Du schreibst mit Recht: Es gibt ein Machtgefälle in der Kirche, das ein
vertrauensvolles Miteinander zwischen dem geweihten Priester und der
Frau oft verhindert. Ich habe darunter lange Zeit nicht gelitten, weil ich
es anfangs als gegeben hingenommen, später mich mehr am Evangelium
orientiert habe, das diesen Zustand deutlich verurteilt. Ich hoffte auf eine
neue Bekehrung der Kirche, wie ich sie ja schon einmal während des letz-
ten Konzils miterlebte. Außerdem war ich an der Drehbank auf der Arbeit
oder im Stadtteil oft mit türkischen Nachbarn weit weg von den inner-
kirchlichen Strukturen, in denen das Machtgefälle – ähnlich wie an mei-
nem Arbeitsplatz – zur strukturellen Gewalt ausartet. Für mich existieren
in meiner Nähe viele Ungerechtigkeiten, bei denen ich aufschreien muss,
sodass ich über die Menschen froh bin, die sich dieser innerkirchlichen
Problematik und dort auch den Vorstellungen über Sexualität annehmen.
Jesus bezieht sich mit seinem ganzen Leben auf die Liebe, die uns in
unserer Würde voreinander gleich sein lässt. Dieser Wahrheit diente
er und wies jede Heuchelei und Wichtigtuerei zurück. Im Blick darauf
begriff ich die mir übertragenen Vollmachten als Priester im Dienst an
der Gemeinschaft und beherzigte seine Distanz zu Geld, Ansehen und
Macht möglichst konsequent. Die Liebe zu Jesus verankert mich in seiner
Botschaft. Die Gelübde der Armut, Keuschheit und Gehorsam erinnern
mich daran. Das gibt meinem Leben trotz ungewöhnlicher Herausforde-
rungen und der von Dir angesprochenen Zweiklassengesellschaft in der
Kirche eine innere Ruhe.
In der Liebe zu Dir bin ich nochmals herausgefordert „über die Steppe
hinaus“ zu ziehen, so schreibst du treffend. Wie Abraham, Mose und viele
andere in der Geschichte werde ich ebenfalls wie in einem Traum von der
Wirklichkeit überrascht. Meine Vorgänger wehrten sich manchmal heftig
gegen den Ruf Gottes, der sie aus ihren Lebenszusammenhängen heraus
rief. Auch ich habe mich gewehrt. Doch es ist eine Freude diesem Ruf der
von mir wahrgenommenen Liebe zu folgen, mitten in der Angst vor Miss-
deutungen und möglicher Verachtung. Als ich dies begriff, begann ich
die Geister zu unterscheiden, die mich aufwühlten. Wie ist es denn mög-
lich, dass Gott mich in eine so weite Liebe ruft, in der ich Dich finden
durfte? Das übersteigt meine Vorstellungswelt. Mir fehlen die Worte, wie
ich diese Liebe unter uns als Geschenk Gottes in unserer Mitte angemes-
sen begrüßen kann. Doch er schenkt sie und stiftet Einheit unter uns. Zu
gegebener Zeit wird sie ihre Früchte tragen.
Wenn ich mich heute in meiner Umwelt und besonders in der jetzigen
Situation der Kirche umsehe, dann bemerke ich: Die Kirche ist mitten in
Deutschland – wo jede vierte erwachsene Frau und jeder siebte Mann in
der Kindheit sexuelle Gewalt ertragen musste – in besonderer Weise auf
einen Bekehrungsweg gerufen. Mitten in dieser Thematik irregeführter
besitzergreifender Sexualität wird uns Liebe ohne jeden Hintergedanken
geschenkt. Wir dürfen sie in diesem Konflikt nicht funktionalisieren.
Und doch ist sie ein Schritt in der anstehenden Bekehrung zum Hören
aufeinander und auf das Wort Gottes, das in der Liebe zueinander lebt.
Vorurteile und Verbote entdecke ich in mir, die mich beschämen.
Auch greife ich ängstlich nach Gesetzen und lasse sie wieder fallen, um
neu nach einer verantwortlichen Weise zu fragen, wie ich die Liebe unter
uns annehmen und darauf antworten kann.
Inmitten der strukturell ausgrenzenden Gewalt erfährst du dich ver-
ständlicherweise als statuslos, wie eine Frau ohne Personalpapiere. Im
Kontakt mit unerwünschten Flüchtlingen stoße ich oft auf diese erschre-
ckende Ablehnung, die eine große Verstörtheit bei den Betroffenen zur
Folge hat. Dann ist jeder Schritt Hoffnung ein großes Geschenk. Und
wie schnell kann sie wieder zerstört werden.
Danke, wie klar du wieder zu meinem Lebensweg im Orden stehst.
Auch ich singe gern von meiner Freude über deinen Weg und über dein
Engagement im Bereich Spiritualität. Ich sehe die Freude, die von dir aus-
geht und die ich auch bei vielen Menschen spüre, die uns begegnen. Ich
hoffe, dass sich in dieser heilenden Atmosphäre die Kraft vorbereitet, all
das mit anderen gewaltfrei zu ändern, was uns noch unbekannterweise
aufgetragen ist.
Zur Jahrtausendwende sprach Papst Johannes Paul II ein Schuldbe-
kenntnis gegenüber Menschen jüdischen Glaubens. Schon in den Texten
des Neuen Testamentes begann die oft blutige Zurückweisung unserer
älteren Brüder und Schwestern. Ähnlich wurde aus meiner Sicht mit
Frauen umgegangen, denen Jesus gleichwertig zugewandt war. Maria
Magdalena wird von Augustinus sogar „Apostelin der Apostel“ genannt.
Beim Verfassen und Tradieren der neutestamentlichen Texte werden aber
die Namen der Frauen oft weggelassen oder sogar vermännlicht. Nach
einem Schuldbekenntnis zu dieser Ausgrenzung müsste ein Konzil folgen,
auf dem um eine Gleichstellung von Mann und Frau in der kirchlichen
Verantwortung gerungen wird, die sich im Teilen der dazu notwendigen
Ämter ausdrückt. Vorbereitende Erfahrungen finden sich schon im Leben
der Kirche. Ein Beispiel aus der verfolgten Kirche in Tschechien: 1980
wurde in dieser lebensbedrohlichen pastoralen Situation Ludmila Javor-
ová zur Priesterin geweiht und später als Generalvikarin berufen; ihre
Erfahrungen und die anderer Frauen und Männer, die in dieser Zeit Ver-
antwortung übernahmen, damit die Menschen die Gegenwart Gottes in
Einheit mit der Weltkirche feiern konnten, schienen nach der politischen
Wende überflüssig zu sein. Doch diese verworfenen Ecksteine und die an-
gesammelten Reflexionen besonders in der feministischen Theologie sind
Vorarbeiten, die der Heilige Geist bei einem Konzil auf seine Weise nut-
zen wird. Wir werden einen steinigen Weg der Bekehrung gehen müssen,
besonders wenn wir in der Hoffnung auf eine Versammlung aller christli-
chen Gruppen und Kirchen bleiben wollen und der Hunger nach Glaube
und Gerechtigkeit für alle Menschen uns leiten soll.
13. Juni 2012 (Katharina)
Wie herausfordernd es ist, miteinander ins Gespräch zu kommen – obwohl
wir uns lieben: du, der das Männliche ausdrückt in Deiner Funktion, von
deinem Ort aus und meine Wahrnehmung als Frau. Wir l(i)eben in je
unserem Spannungsfeld, das an uns zieht.
Was hat das alles mit Missbrauch zu tun? Ich möchte jetzt noch vier
Punkte zu diesem Spannungsfeld aus meiner Perspektive als Frau her-
vorheben. Zunächst: Ich nenne es sexuelle Gewalt. Bei der Bahn stehen
neben der Notbremse drei Worte: Missbrauch wird bestraft. So einfach ist
das. Missbrauch impliziert „Ge“brauch – und sexueller „Ge“brauch wäre
ja Missbrauch.
1. Wut: Als in den 70er Jahren die Frauenbewegung Kraft bekam, ging
es in erheblichem Maße um den Widerstand gegen fremd- und män-
nerbestimmte Sexualität und sexuelle Gewalt gegen Mädchen und
Frauen. Wenn sich betroffene Frauen zu diesem Thema äußern, heißt
es oft: die „haben“ ein Problem … – und damit geht es „den“ Kirchen-
mann nichts an – und hat strukturell keine Folgen. Wenn jetzt Män-
ner, die vor 30, 40 Jahren sexuelle Gewalt erlitten, sich zu Wort melden,
erleidet die Gesellschaft einen Schock und sogar die Kirche gerät unter
Druck. Frauenfußball verkauft sich eben schlechter als Männerfußball.
– Frauen werden in ihrer Traumatisierung nicht nur weniger beachtet;
als Opfer sexueller Gewalt erleiden sie innerhalb der Kirche weiterhin
Diskriminierung in einem Kreislauf von nicht gesehen, nicht angehört,
wahrgenommen zu werden und keinen Ort zu haben, an dem sie sich
wehren können; sie haben kein Mandat. Sie haben fast 100 Jahre nach
Beginn des Frauenwahlrechts in Deutschland bisher keine Chance in
der katholischen Kirche, wenn es um Gleichstellung und Beteiligung
geht. Zudem sind sie von sexueller Gewalt wesentlich stärker betroffen,
von rein körperlicher Gewalt mal abgesehen.
2. Opfer: Mit Opfern reden, bzw. ihnen zuhören tut weh. Opfer ha-
ben eine schreckliche, das noch reifende Ich (fast) vernichtende Er-
fahrung gemacht, und so lange sie diese Erfahrung nicht an sich he-
ran lassen, sie neu erleiden und dann integrieren bleiben sie in der
Opferrolle – und das ist für jegliche Kommunikation schwierig. Der
Schmerz, das weiß ich aus der Begleitung, ist jedoch so immens, dass
manche Menschen lieber ihr Leben lang Opfer bleiben, anstatt, dass
sie es sich zumuten – oder es ihnen möglich wird – noch mal durch
diesen Schmerz zu gehen. Frauen zuzuhören tut besonders weh. Als
Opfer sexueller Gewalt kommen sie aus dem Kreislauf des Opfers oft
nicht heraus: nicht gesehen, nicht wahrgenommen werden, das Gefühl
der Ohnmacht. Das lähmt. Die Strukturen lähmen auch – da werden
viele mutlos, krank, bitter oder sie wenden sich ab.
3. Täter: Männer, die ihr Täter-sein nicht aufgearbeitet, sich nicht ver-
geben (lassen) haben, schleppen die Not der Schuld-Scham oft Jahr-
zehnte lang in sich, insofern sie Einsicht in ihr schuldhaftes Verhalten
haben. Während ich Sterbende im Krankenhaus begleitete, wurde ich
Zeugin von diesen bis zum Sterben verschwiegenen Qualen. Wir wis-
sen heute, dass unausgesprochene Schuld an die nächste und über-
nächste Generation weitergegeben wird. Erst wenn sie ans Licht dürfen,
wird Heilung möglich. Dessen bedürfen Opfer und Täter. Wenn wir
sexuelle Gewalt an Kindern versuchen vom inneren Bedürfnis her zu
verstehen, also das Leid, das da zugefügt wird, einmal außer Acht lassen,
dann lässt sich vielleicht eine Sehnsucht nach „reiner“, unverdorbener
Liebe, nach unschuldiger Herzensoffenheit erahnen – jedenfalls lese
ich solches von Tätern, die ihre Opfer subjektiv lieben. Ich erwäh-
ne dies, weil diese unverfälschte Liebe, körperliche, heile Nähe und
Geborgenheit, vertrauensvolle Räume nach meiner Wahrnehmung
sowohl in der Gesellschaft, als auch in kirchlichen Institutionen oft
fehlen. Es ist eine Herausforderung, in der Nähe zu jungen Menschen
bei eigener Einsamkeit oder Gefühlen der emotionalen Überforderung
zu leben. Wenn Menschen ihre eigene Schwachheit und Bedürftigkeit
nicht anschauen und ihre eigene Sexualität nicht verantwortungsvoll
leben, gefährden sie damit die Nähe zu den anvertrauten Kindern und
erhöhen die Gefahr von Übergriffen.
4. Einheit/Leib Christi: Gott hat in seiner Weisheit dem Adam nicht
lauter Brüder oder gar eine „Societas“ geschaffen, damit er nicht allein
sei, sondern eine Frau. Ein Gegenüber, die ihm gemäß, aber anders ist.
Voller Freude empfing er sie.
Als die großen Orden gegründet wurden, waren die männlichen und weib-
lichen Welten getrennt – heute sind sie es nicht mehr. Heute geht es ein-
fach um die Einheit in der Liebe, um die Integration der Pole, um Annah-
me der Verbundenheit, der Herzenswärme, der Teilhabe und Anteilnahme,
auch um das Zulassen der eigenen Geschöpflichkeit und Schwachheit. Ich
erlebe sehr stark die männlichen Attribute im Orden: Entschiedenheit,
Bedeutsamkeit, Strebsamkeit, harte Arbeit, Erfolgsorientierung, Unan-
tastbarkeit, Unzugänglichkeit, Konkurrenz. Der Preis ist hoch. Die Ritter-
burg kann zum Gefängnis werden.
Das erleben wir ja immer wieder: Wenn der eine Pol zu viel Gewicht
bekommt, macht der andere sich bemerkbar. Wenn wir zu sehr „Elite“,
zu perfekt und tüchtig, zu „saubere Weste“ und untadelig sein wollen,
schleicht sich unsere Schwachheit an anderer Stelle herein: als Sucht, als
Depression, als sexuelle Übergriffigkeit, als Krankheit … – das will uns
einladen unsere Schwachheit anzuschauen und anzunehmen, statt sie
wegzuschieben und zu ignorieren. Frauen sind stärker mit ihrer eigenen
Schwäche, nicht immer leistungsfähig und stark zu sein, verbunden. Ich
habe über fünf Jahre meines Lebens mit meinem Leib ein zweites Leben
genährt: in den Schwangerschaften und Stillzeiten. Da lebt ein zweiter
Mensch ausschließlich aus mir, meinem Körper. Dies „Leben teilen, Le-
ben schenken“ ist eine physische Erfahrung, die die Wahrnehmung und
den Begriff von Liebe und Leben existenziell prägt. Da haben Frauen
sicherlich einen anderen Zugang als Männer.
Und da stehen wir mitten in Zerrissenheit und Hoffnung. Wir beide
sind radikal, indem wir jede/jeder wirklich den Weg, den wir uns geführt
sehen, gehen wollen. Wie und wohin, das wissen wir nicht – wir sind Su-
chende. Ich stehe in meinem Kontext mit meiner Geschichte, Du in dem
Deinen mit Deiner Geschichte.
Deine Versuchung ist es, Dich zurückzulehnen und Dich in sicherer
Position als Ordensmann und Rentner zu verschanzen – damit machst
Du mich zum Opfer. Oder Du läufst einfach weg und wirst damit selbst
Opfer. Meine Versuchung ist es, mich in der Frauen-Opferrolle einzu-
nisten und Dich in der Täterrolle festzuschreiben – oder selbst Opfer zu
werden, indem ich mich füge, als Deine Geliebte.
Seit 20 Jahren gehe ich den Weg des kontemplativen Gebets. Bei Dei-
nem Mitbruder bin ich in die Schule gegangen, und ich bin sehr dankbar
darüber. Da lerne ich, die Gegenwart Gottes in der Wirklichkeit wahr-
zunehmen – so wie wir es in den Exerzitien auf der Straße üben, bloß im
Innen, in der Stille. Es ist aber dieselbe Gegenwart, in der Gott lebendig
ist. Jesus hat die Starrheit der Pharisäer immer gegeißelt. Wir sind nicht
gerufen, noch härter, noch unnachgiebiger an unserem Gutsein zu feilen
–, wir dürfen uns in die Arme Gottes fallen lassen in unserer Hingabe,
ihm zu dienen. Ich wünsche mir und uns und der Kirche, dass wir die
Wirklichkeit schauen, Gott Seine Liebe glauben und uns auf die Macht
der Liebe einlassen.
4. Juli 2012 (Katharina und Christian)
Die von Lukas erzählte Emmausgeschichte (24,13-36) begleitet uns bei
der Reflexion unserer Beziehung: Nach dem Tod und der überraschenden
Auferstehung Jesu verlassen zwei fluchtartig die Gemeinschaft der Jünger
und Jüngerinnen in Jerusalem. Kleopas (Luk. 24,18) und Maria (Joh 19,25)
heißen sie. Maria war bis in die Todesstunde bei Jesus geblieben, als fast
alle Männer geflohen waren. Auch die ersten Zeuginnen der Auferstehung
waren Frauen.
Christian:
Ich spüre, wie es Kleopas nun zu viel wird. Er nimmt Maria – vielleicht
auch gegen ihren Willen – an die Hand und will mit ihr nach Hause.
Er kann die aktuelle Geschichte Jesu noch nicht zulassen.
Katharina:
Ich erahne, dass Maria diesen Ärger spürt, sie mit ihm geht und
Schmerz darüber empfindet, dass er ihre Trauer über die dunkle To-
desstunde und die aufkeimende Hoffnung auf Jesu Auferstehung nicht
teilen mag.
Christian:
Beide Gefährten Jesu machten in den letzten Tagen sehr unterschied-
liche Erfahrungen und sind sich darüber wohl auch fremd geworden.
Unterwegs werden sie von einem Wanderer angesprochen.
Kleopas verspottet den Mann anfangs, antwortet dann aber doch auf
seine Frage.
Katharina:
Doch ich als Maria erlebe die Freude unserer brennenden Herzen, als
Christus erscheint, uns seine Geschichte offenbart und der Einladung
in unser Haus folgt.
Christian:
Erst nachträglich beim Brotbrechen erkennen die beiden in dem Frem-
den und wohl auch in ihrer eigenen Fremdheit zueinander Jesu Gegen-
wart.
Katharina:
Im Brotbrechen verbindet er sich untrennbar mit beiden. Sie können
ihn nicht festhalten – er verschwindet vor ihren Augen.
Christian:
Jesus wird neu zur Straße zwischen ihnen und dann auch unter den
anderen in Jerusalem. In Jesus wird die verbindende Liebe sichtbar.
Wir haben es doch auch erlebt, er wurde für uns Straße, Wahrheit und
Leben, wie er den Jüngern und Jüngerinnen voraussagte (Joh 14,6).
Katharina:
Jesus hat uns gefunden, gesegnet, gebrochen und beauftragt. Das Paar
aus Emmaus geht zurück zu den anderen nach Jerusalem. Wir erleben
die Wechsel ebenso: eigenständig auf dem Weg, gemeinsam auf dem
Weg, Heimkommen und der Aufbruch zu den anderen. In Jesus ist die
sie verbindende Liebe sichtbar. Er fordert uns zu Hingabe und Nach-
folge heraus – ohne dass wir etwas fest in den Händen halten könnten.
Du hast kein Recht auf mich und ich keins auf Dich. Auch auf unsere
Liebe haben wir keinen Anspruch – wir gehen mit leeren Händen; sie
ist jeden Tag Geschenk. Ich habe Dir meine Wahrheit versprochen
und Du mir die Deine. Darin wird Er uns leiten, Weg sein.

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