2015 Christian Herwartz, In die Offenheit treten

Bis zur Lebensmitte ging Jesus neben mir und ich fragte den gleichaltrigen Bruder oft: Wie hast du das anstehende Problem gelöst, wie könnte ich mich verhalten? Fehlende biblische Berichte beflügelten meine Fantasie. – Der gleichaltrige Bruder wurde umgebracht. Die Kommunikation mit ihm kam in eine Krise. Die Lebenssituationen eines 40-, 50-, 60-, 70-Jährigen erlebte er nicht mehr. Ich konnte ihn nicht mehr unbefangen danach fragen. An wen sollte ich mich im Gebet wenden?

Doch Jesus kam mir als Auferstandener näher, als ich ihn vom Lesen der Bibel her kannte. Ich begegnete ihm mehr und mehr als Lebendigen in meinem Nächsten und in mir selbst. Ich suchte seine Gegenwart und entdeckte ihn – häufig erst nachträglich – in vielen Situationen. Mein Gebet wurde ein Zuhören. Ich nahm wahr, wie er in mir mit dem Vater sprach. Ich wurde ganz still. In solchen Momenten fühlte ich, wie ich mich seinem Gebet überlassen kann.

Heute bete ich oft mit Menschen aus verschiedenen religiösen Traditionen und mir fremden Lebensgrundsätzen. Ähnlich wie sich in Elisabeth und Maria die Kinder voll Freude begegneten, sucht der göttliche Funke in mir das Göttliche im Nächsten zu grüßen und umgekehrt. Der Auferstandene geht mit uns Schritte der Menschwerdung. Vor den verschlossenen Türen unserer Gesellschaft schenkt er uns trotz vieler innerer Widerstände in seiner Nachfolge Einheit mit „Zöllnern und Sündern“ (Lk 15,1). Dankbar für diese kleinen Schritte, preise ich seinen Beistand.

Christian Herwartz SJ, Berlin, geb. 1943

aus: Vitus Seibel (Hg.) Wie betest Du? – 80 Jesuiten geben eine persönliche Antwort, Ignatianische Impulse Bd. 68, Würzburg 2015