1989 Hungerstreik-Info Beitrag der Jesuitenkommunität Berlin-Kreuzberg

Warum sind wir heute hier und setzen uns für die Gefangnen ein? Wir sind hier, meine ich, nicht nur wegen eines humanen Strafvollzugs etwa für Verbesserung, für Radios mit oder ohne Kassettenteil, Sportgeräte, Backöfen – wie der Bundesanwalt Rebmann aufgelistet hat – sondern wir setzen uns dafür ein, die Gefangenen als Menschen, auch als politische Menschen ernstzunehmen. Das Nichternstnehmen, die Ruhigstellung ist inhuman, Diskussionsverbote in den Gefängnissen und draußen sind inhuman. Gegen unsere gefangennehmende Gesellschaft, gegen Gefängnisdirektoren, gegen Gefängniswärter in Politik, in der Wirtschaft, auf der Behörde stehen wir hier und laufen durch das Hauptdorf Bonn, in dem die scheinbar Mächtigen regieren. Doch wir wissen, die Mächtigen, die Privilegierten, die die Gefängnisse für ihren Machterhalt brauchen, werden uns hier nicht begegnen. Ihre Machtanmaßung führt zu Ausgrenzung Andersdenkender, zu Aussperrung, zu Gefängnissen und zu Gefängnissen in den Gefängnissen.

Die Zentren der Machtanmaßungen sind nicht nur in Bonn, sondern über das ganze Land verteilt. Hier ist die Behörde der Legalisierung dieser Machtanmaßung und der Ausgrenzung, der Verachtung, des Pokerns mit Menschenleben, nicht nur von Hungerstreikenden. Diese Erfahrung haben Gefangene, Asylbewerber, Kranke, die Länder der III. Welt hier in Bonn oft gemacht.

Ich denke, wir sind hier, um laut zu schreien, um laut zu schreien, halt, so geht es nicht weiter:

Die Gefangenen, ich meine alle, die Ausländer, die Kranken und die sonst Beiseitegeschafften und in den Tod Getriebenen und die Ausgewiesenen, sie alle gehören zu uns. Wir lassen uns nicht trennen. Es geht nicht nur um ihre Freiheit, ihre Menschenwürde, sondern auch um unsere.

Ich bin hier als Christ. Die Christen – so lese ich in der Bibel – sind aufgerufen, die Befreiung der Gefangenen zu verkündigen. Das steht bei den Propheten, und das ist ein wichtiger Programmpunkt im Leben Jesu. Jesus hat den ersten Schritt getan, er hat sich nicht trennen lassen von den Gefangenen, ist selbst Gefangener geworden, gefoltert, umgebracht worden. Die Aufforderung, die Befreiung der Gefangenen zu verkündigen, heißt also für mich als Christ erst einmal, mich nicht innerlich von den Gefangenen zu trennen, mich nicht für etwas Besseres zu halten, sondern notfalls bereit zu sein, selbst Gefangener zu werden. Notfalls – das ist nicht das Ziel, sondern das Ziel ist eine Gesellschaft, in der Privilegien, Machtanmaßung abgebaut werden und damit Gefängnisse und Polizisten mehr und mehr überflüssig werden. Mich diesem Konflikt zu stellen, dazu fühle ich mich durch meinen Glauben besonders aufgefordert. Deshalb bin ich heute hier: Laut zu schreien: Halt, so geht es nicht weiter!

Aber ich bin auch hier mit meiner Erfahrung als Arbeiter in einem großen Konzern. Ich spreche nicht als Vertreter einer Gewerkschaft. Natürlich habe ich mich darüber gefreut, dass in meiner Gewerkschaft, der IG Metall, diesen Monat eine Bundesjugendkonferenz stattgefunden hat und die Delegierten aus Hamburg und Berlin durchgesetzt haben, dass die 900 Teilnehmer über den Hungerstreik der Gefangenen diskutierten. Sie waren der Meinung, dass wir nicht nur nach Chile, El Salvador, Iran oder Türkei sehen dürfen und protestieren, sondern auch in unsere Knäste und reagieren.

Als Arbeiter habe ich Erfahrungen mit der Gewalt des Kapitals. Das oberste Gebot heißt Ruhe. Das ist unmenschlich. Die unmenschlichen Lebensbedingungen fangen auf der Arbeit, im Stadtteil, auf dem Sozialamt usw. an und enden im Gefängnis. Ich will keine Ruhigstellung. Den Arbeitern wird echtes Mitspracherecht verweigert und den Gefangenen sogar die Diskussion untereinander. Wegen dieser Zusammenhänge bin ich heute hier. Der Zusammenschluss von Mercedes und MBB und die Härte gegen die Gefangenen, da gibt es einen Zusammenhang.

Das Verdrängen der Christen, dass im Mittelpunkt des Glaubens ein Gefangener, ein Gefolterter, ein Ermordeter steht, und das gesellschaftliche Unvermögen, sich vom Hungerstreik der vielen Gefangenen nicht herausfordern zu lassen, so die eigene

verrannte Geschichte der letzten 20 Jahre neu zu sehen, da besteht ein Zusammenhang. Unsere abgefütterte, ruhiggehaltene Gesellschaft und die Ausbeutung der III. Welt, da besteht ein Zusammenhang.

Wir erleben heute neu die staatliche Gewalt und vielleicht auch deren Gewalttäter. Lassen wir uns nicht zu Taten provozieren, die wir im Interesse unserer Anliegen über den heutigen Tag hinaus nicht wollen.

Sehen wir auf die Gefangenen!
Sehen wir auf die Ausbeutung der Gesellschaft, und setzen wir uns für eine Gesellschaft ein, die keine Gefangenen mehr nötig hat.

Bonn 1989, dokumentiert in: Hungerstreik – Info 12 (4.5.89)