2013 Christian Herwartz, Gottesdienst mit der Straße

Vom Spirituellen Zentrum St. Martin in München aus finden seit 2005 regelmäßig 10-tägige Kurse Geistliche Übungen – Exerzitien auf der Straße statt. Während dieser Straßenexerzitien gehen die ExerzitantInnen täglich in die Straßen der Stadt, um Gott zu suchen. Zum Abschluss bringen die TeilnehmerInnen sich mit ihrer Suche nach dem Auferstandenen in den Sonntagsgottesdienst und den anschließenden Austausch ein. Jede/r ist dem Engel Gottes an verschiedenen Orten in der Stadt, in der eigenen Geschichte oder in sich selbst begegnet, so wie Maria Jesus im Gärtner sah oder die Jünger ihn am Ufer des Sees entdeckten und von ihm zum Fischfang eingeladen wurden. Die Geschichten heute ähneln den biblischen Erzählungen (http://www.strassenexerzitien.de. Sie ermutigen uns weiter nach der Begegnung mit Jesus heute zu suchen.

An einem Beispiel möchte ich verdeutlichen, wie solch eine Begegnung lebendig werden kann:
Mitte August 2013 ging eine Gruppe auf die Straßen von Straßburg. Nach einer Zeit der Verlangsamung und des inneren Gebetes entdeckten die TeilnehmerInnen die sie herausfordernden, sie ansprechenden Orte in der Stadt. Abends kehrten sie zurück, um mit den BegleiterInnen gemeinsam Gottesdienst zu feiern und dann nach dem Abendessen mit ihnen über ihre Erfahrungen in kleinen Gruppen zu sprechen.

Am 11. August 2013 lasen wir die Geschichte (Jo 8,2-11), in der eine Frau beschuldigt wurde, Ehebruch begangen zu haben. Nur die Frau, der Mann wurde nicht vorgeführt, wie es das Gesetz Mose vorgeschrieben hätte. Sie brachten die Frau zu Jesus, um ihn auf seine Gesetzestreue zu prüfen. Doch er antwortete nicht, aber schrieb der Frau einen Text in den Sand. Dann stand er auf und sagte einen Satz, den auch ein Kind mit seinem unverstellten Blick hätte sagen können: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Als er wieder auf Augenhöhe mit der Frau war, gingen zuerst die Älteren – mit ihrem Wissen um die eigene Geschichte – zuletzt die jugendlichen Heißsporne. Keiner wollte den ersten Stein werfen. Der Frau gab Jesus den Rat, aus dieser Begebenheit zu lernen und keinen Anlass für eine neue Anklage zu geben.

Danach verlegten wir den Gottesdienst auf die Straße. Am Fluss neben einem großen Toilettenhaus mit Dusche und einem Glascontainer war ein kleiner freier Platz, auf dem sich oft eine Gruppe Obdachloser traf. Dorthin gingen wir. Kathrin, eine Begleiterin jener Straßenexerzitien, und ich wollten dort die Geschichte spielen. Kathrins Mann ergriff seine Frau und drückte sie zu Boden. Er hatte einen großen Pflasterstein mitgebracht. Ich sollte ihn nehmen und mit der Steinigung beginnen. Doch ich nahm ihn nicht, sondern beugte mich zu seiner Frau und sah in ihre Augen, aus denen mich ihre Angst anschrie. Ich bekam keinen Ton heraus und versuchte ihr mit Gesten meine Friedfertigkeit zu zeigen. Ich schrieb auf den Boden, doch es war nicht leserlich genug. Die Aufforderung mich zu entscheiden wurde aus dem Kreis der um mich stehenden lauter. Endlich stand ich auf und sagte den entwaffnenden Satz.

Ein Teilnehmer konnte ihn nicht mehr hören, er hatte die Situation nicht ausgehalten. Er ging zu einer Bank mit zwei Männern, die auf der Straße lebten. Sie spielten dort miteinander Schach. Vor ihnen stand einladend ein zweites Schachbrett. Dorthin flüchtete er. Passanten blieben stehen und griffen zu ihren Handys. Sie überlegten offensichtlich, ob sie die Polizei rufen sollten, weil die Gewalt so spürbar war.

In einem zweiten Durchgang spielten zwei Frauen das Verhalten von Jesus und der Vorgeführten. Wieder wurde Jesus der Stein angeboten und gesagt, dass er angeklagt würde, wenn er die Steinigung verweigere. Die Angreifer suchten ja einen Grund, ihn anzuklagen. Die Frau nahm den Stein, setzte sich darauf und sah in das Gesicht der vorgeführten Frau. Trotz des immer lauter werdenden Geschreis konnte sie sich nicht zu einer Verurteilung durchringen.

Beim dritten Durchgang spielten zwei Männer. Wieder wurde der Stein dem Spielenden aufgedrängt. Er nahm ihn und legte ihn beiseite. Auch er ging zu Boden und suchte Kontakt mit dem Angeklagten. Da kam einer der beiden Schachspieler von der Bank – sein Spielpartner hatte die Situation auch nicht mehr ausgehalten und war gegangen – nahm den am Boden liegenden Stein und warf ihn in den Fluss. Dieser überraschende Fortgang der Geschichte freute mich. Am Ende des Spiels ging ich zu ihm und dankte ihm. Für mich hatte Jesus, der von sich sagte, er sei Weg (oder Straße), Wahrheit und Leben, eingegriffen. Doch ich verstand das Geschehen noch nicht so recht und erklärte dem Mann der Straße, der in unser Spiel eingegriffen hatte, hilflos unser Anliegen. Doch davon wollte er nichts wissen und er sagte energisch: für ihn zähle in der Bibel nur 1 Kor 13.

Trotzdem lasen wir ihm unsere Textstelle vor. Da endlich verstand ich die Botschaft und wir hörten das 13. Kapitel aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth: “ … Die Liebe freut sich nicht über Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand….“ Mit dieser Botschaft kehrten wir in den Gemeindesaal zurück und beendeten unsere Gebetszeit mit einem Lied. Diese erlebte Gegenwart Gottes geht in uns weiter.

in: Schweigen, Reden, Handeln – Spirituelles Zentrum St. Martin, München 2004-2014, München 2013, S.58 – 60

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