2008 Gespräch zwischen Klaus Mertes und Christian Herwartz

KM: Christian, ich gehöre ja eher zur 68er-Spätlese. 1973 habe ich Abitur gemacht. Als ich 1977 in den Orden eintrat, hoffte ich, den ideologischen Auseinandersetzungen an der Uni entfliehen zu können. Ich erinnere mich an einen Besuch im Noviziat von Dir. Du kamst aus Frankreich und redetest über Deine Sympathien mit der Französischen Kommunistischen Partei. Das war für mich ein Schock.

CH: Klaus, ich bin wohl ein richtiger 68er. Mindestens kann ich das in der Rückschau so sehen. In Frankreich habe ich mit anderen Arbeiterpriestern zusammen gelebt und in der Produktion gearbeitet. Ich wollte mit den KollegInnen zusammen Mensch werden – angestachelt durch die Menschwerdung Gottes in Jesus, unserem Bruder.

KM: Ich war ein Diplomatenkind und hatte aus meinen Moskauer Jahren die Sowjetunion in Erinnerung. 1966 war ich nach Deutschland zurückgekehrt. Ich erinnere mich immer an das tiefe Aufatmen, wenn wir den Eisernen Vorhang von Osten nach Westen überquerten. Ich habe dann später sehr viel von der Dissidentenliteratur gelesen, Solschenizyn und andere, und ich konnte einfach nicht verstehen, wenn man im Westen mit Kommunisten politisch sympathisierte.

CH: Ich habe in meiner Entwicklung Identität gesucht durch die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen Hitler. Über solche Menschen und Gruppen habe ich gelernt, wie wichtig ein klarer Blick auf die Wirklichkeit ist. Jesus tat es ähnlich und fand sein Nein zu den Versuchungen in der Wüste mitten in seinem Hunger nach Leben.

KM: Kannst Du mehr davon erzählen?

CH: Unsere unterschiedlichen Neins auf dem Weg zum Leben ergänzen sich wohl. Meins ist mir greifbar in der Aussage Jesu: Lasst euch nicht Meister, Vater oder Lehrer nennen! (Mt 23,8-10) Dieses Nein, die vorderen Sitze zu beanspruchen, öffnet den Blick auf die Mitmenschen als Geschwister. Das Wissen darum ist mir zum Leitfaden geworden.

KM: Wozu konkret wolltest Du Nein sagen? Ich hatte mein großes Nein gegen den Kommunismus. Das unterschied mich damals von Dir – so habe ich es jedenfalls bei unserer ersten Begegnung im Noviziat empfunden. Oder insistiere ich jetzt zu sehr auf einen Nebenaspekt?

CH: Ja, da verrennst du dich aus meiner Sicht. Mir ging es darum, mich nicht von den Kollegen zu distanzieren, die in die Kommunistische Partei eingetreten sind und mit uns allen für eine Verbesserung des Lebens gekämpft haben. Ich habe mich entschieden gegen eine Entsolidarisierung gewehrt. Zwar war ich in keiner Partei, aber in einer Gewerkschaft. Mit wem warst du solidarisch?

KM: Ja, das ist eine gute Frage. Ich lebte damals sozusagen im meinen gewachsenen Solidaritäten: Familie, Gemeinde, Kirche, Schule. Politisch dachte und lebte ich in der Dankbarkeit gegenüber den Alliierten, die uns von Hitler befreit hatten, vor allem den Westalliierten, die danach mit uns eine Demokratie und einen Rechtsstaat erbaut hatten. Die Solidaritäten der 68er gingen über meinen Rahmen hinaus. Am schwierigsten war es für mich, als ich Deine Gesprächskontakte mit den RAF-Gefangenen verfolgen musste. Dagegen stand meine persönliche Familienerfahrung, weil mein Vater auch im Fadenkreuz der RAF stand und unser Haus deswegen abgesichert werden musste.
Was hast Du denn in der Solidarität mit den anderen gelernt?

CH: Zuhören. In jedem Konflikt entsteht eine neue Sprache. Solidarität ist für mich der Ausstieg aus der Haltung einer Fürsorglichkeit, in der ich mich über den anderen stelle oder ganz in einer Funktion bleibe. In Konflikten kann ich eigene Vorurteile sehen und überwinden. Die Hungerstreikforderungen der politischen Gefangenen im Frühjahr 1989 wurden für mich dann verständlich: Kranke Gefangene zu entlassen oder eine gesellschaftliche Diskussion mit allen zu beginnen, damit Licht in den dunklen Teil unserer Geschichte der 70er Jahren fallen kann. Die Verantwortlichen konnten nicht darauf eingehen. Aber ich bin dankbar für die Begegnungen mit den Gefangenen, ihren Angehörigen und Unterstützern.
Du kennst dieses Erlebnis der Einheit doch auch im Zulassen der Missbrauchsgeschichten jetzt, in der dir Sprache geschenkt wurde.

KM: Ja, das stimmt. Vor allem habe ich besser begriffen, was eine Schweigespirale ist und dass sie einen systemischen Aspekt hat. „System“ war ja eines der Lieblingsworte der 68er. Eine Schweigespirale schweigt Menschen und ihre Erfahrungen tot. Übrigens begann ja bei vielen 68ern die Phase der Radikalisierung mit dem Protest gegen die Gewalt bei der Heimkindererziehung. Auch das finde ich einen interessanten Zusammenhang zwischen dem Thema Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und 68er-Bewegung. Und noch eines wird mir heute deutlich: Die Versuchung zur Gewalt bleibt. Diesen Slogan „macht kaputt, was Euch kaputt macht“ verstehe ich heute zwar besser als früher, doch es muss eine Alternative zur Gewalt gegen die Gewalt geben. Gab es bei Dir Punkte, wo Du versucht warst, Gewalt zu legitimieren oder selbst dreinzuschlagen?

CH: Ich komme aus einer Familie, in der gern und lange um angemessene Reaktionen gerungen wird. Gewaltlösungen waren geächtet. Diese eingeübte Blockade spüre ich zum Glück weiter in mir. Aber ich bin oft perplex über die Verlogenheit von Menschen, die vernichtende Gewalt anwenden, z.B. Familien Lebensgrundlagen entziehen und gleichzeitig brutal gegen Reaktionen darauf vorgehen. Merken sie den Zusammenhang nicht? Diese Verlogenheit macht mir Gewaltreaktionen verständlich, auch wenn ich sie für mich ablehne. Ich kann mich nicht so leicht davon distanzieren ohne praktisch die Gegenseite zu unterstützen, was ich nicht will.

KM: Den Zusammenhang kenne ich von den Missbrauchsopfern: Sie sind Opfer von Gewalt und werden auch noch totgeschwiegen, wenn sie sich gegen diese Gewalt wehren. Das Sprechen, Anklagen und Schreien der Opfer wird als Gewalt erlebt und überschreitet tatsächlich auch manchmal Grenzen.
Hat sich eigentlich durch den Fall der Mauer 1989 etwas an Deinem Blick auf die Zeit vorher geändert? Für mich hat sich etwas ganz Wesentliches verändert, weil der Ost-West-Konflikt mein Denken nicht mehr so stark beherrscht. Der machte es mir ja damals so schwer, den 68ern zuzuhören.

CH: Auch für mich hat sich viel geändert durch die neue Erfahrung, ohne eine staatliche Mauer vor der Tür zu leben. Darüber musste sich wieder einmal meine Sprache ändern. Dieser Verlust hatte etwas Schmerzhaftes mitten in der Freude neuer Begegnungen mit ehemaligen Bürgern der DDR. In diesem Sprachloch tummeln sich viele Verführer, die das Volk immer mehr in Reiche und Arme spalten, sogar unter einem christlichen Deckmantel. Solidarische Beziehungen werden unterlaufen. Ich hoffe auf ein neues Ringen, die Wirklichkeit solidarisch anzusprechen.

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