2011 Geht dahin, wo es euch berührt – Gespräch mit Christian Herwartz

Die Eckkneipen Berlins, auch eine vom Aussterben bedrohte Spezies, haben oft Namen, die nicht drumrumreden, nichts beschönigen, sondern sofort deutlich werden lassen, um was es geht. „Trinkteufel“, heißt die im Haus der Wohngemeinschaft Naunynstraße, in der Christian Herwartz seit mehr als 32 Jahren lebt, in jenem Teil Kreuzbergs, der auch als „Klein Istanbul“ über die Grenzen Berlins hinaus bekannt ist. Es ist eine Jesuiten-Kommunität – in den Orden ist Christian 1969 eingetreten -, die sich daran orientiert, inmitten der Armen und Entrechteten zu leben, zu arbeiten und Solidarität zu üben. Er ist Arbeiterpriester, aufgebrochen, wie er sagt, „mein Leben mit Menschen zu teilen, mitten im Volk zu leben, mitten in allen Ausgrenzungen“. Mittlerweile ist er 67 Jahre alt, ein großer, kräftiger Mann mit grauen Haaren, grauem Bart und einem klaren, durchdringenden Blick. Anfangs verunsichert mich dieser Blick, da ich ihn als prüfend interpretiere, im Laufe unseres Gesprächs habe ich immer mehr das Gefühl, in diesem Blick ruhen zu können, aufgehoben, gehalten zu sein.

Als ich die Wohnung betrete, ist es zunächst wie eine Reise in die Vergangenheit für mich. Vor 30 Jahren habe ich in Kreuzberg in einer Wohngemeinschaft gelebt in einer Wohnung mit ganz ähnlichem Schnitt, ähnlichem Komfort und ähnlich einfachem, zusammengewürfeltem Mobiliar. Zwei Männer sitzen am Küchentisch und schneiden Zwiebeln, einer telefoniert im Wohnzimmer, ein weiterer zieht sich den Mantel an und geht. Mit Christian und mir sind wir hier in diesem Moment Menschen aus fünf verschiedenen Nationen. „Stadt bedeutet für mich Internationalität, es sind keine überschaubaren Räume mehr. Ich habe in meinem Schlafzimmer schon mit Leuten aus über 60 Nationen übernachtet. Das ist für mich das, was Stadt bedeutet. Wir versuchen hier in dieser Gemeinschaft offen zu leben, sind aber keine Institution, die Offenheit ist nicht wie die Offenheit eines Rathauses, eines öffentlichen Raums. Wir sind eine Privatwohnung, und es stellt sich für uns immer wieder neu die Frage, wie können wir in dem Rahmen einer Privatwohnung gastfreundlich sein?“

Ich bin gekommen, um mit Christian über die Straßenexerzitien zu sprechen, die er seit zehn Jahren regelmäßig durchführt, und wir setzen uns dazu ins Wohnzimmer und trinken Kaffee. Exerzitien auf der Straße verbinden zwei spirituelle Stränge: in die Stille gehen, sich hinsetzen, und pilgern, unterwegs sein. „Mitten in der Stadt hörend werden“ – lese ich auf seiner Hompepage. Oder sehend, denn es geht um ein Wahrnehmen mit allen Sinnen, wie Christian später sagt. „Wenn die Leute durch die Straßen gehen und auf einmal anhalten und sagen, in den Hinterhof sollte ich jetzt, dann ist es wichtig, diese Stimme in sich wahrzunehmen und dann auch zu gehen. Vielleicht ist es auch ein Kind oder eine Blume, was den nächsten Schritt auslöst, oder ein Graffiti oder eine Werbung.“ Die Straße ist Begegnungs- und Ausgrenzungsort in einem, in der Begegnung mit anderen, mit ungewohnten Situationen begegnen wir immer auch uns selbst in unseren eigenen Begrenzungen und Ausgrenzungen. Und hier auf der Straße können wir, wie ich an anderer Stelle lese “ diese überschreiten, Heilung finden und neue Perspektiven für unser Leben sehen“.

Ab und zu kommen Menschen ins Zimmer herein, grüßen freundlich und verschwinden hinter Türen, die in weitere Räume führen. Ein großer Kachelofen steht in der Ecke. So haben wir damals auch geheizt; anfangs fand ich es sehr romantisch und so alternativ, aber oft war es mir dann viel zu mühselig, morgens vor der Arbeit noch den Ofen anzuheizen, und so war ich im Winter oft dauererkältet und verbrachte viel Zeit im Bett. Nach zehn Jahren zogen wir in eine Wohnung mit Zentralheizung, und ich war heilfroh. Mehr und mehr verschwanden im Laufe der Jahre die kleinen Kohlehandlungen aus dem Stadtbild, ebenso wie die kohlegeschwärzten Männer, die auf ihren Kiepen die Briketts in die Wohnungen hoch trugen. Hier in der Naunynstraße sind die Kachelöfen keine nostalgischen Überbleibsel längst vergangener Zeiten, sondern werden gebraucht und genutzt, und sie geben diese wunderbare Art von Wärme ab, die nur von solchen Öfen ausgehen kann.

„Die Straßenexerzitien sind mir geschenkt worden. Ein junger Jesuit fragte an, ob er seine jährlichen Exerzitien bei uns in der Wohnung machen könne. Ich wollte das zuerst nicht, mochte aber auch unsere Gastfreundschaft nicht in Frage stellen. Und so stimmte ich zu. Wir vereinbarten dann ein Gespräch pro Abend nach meiner Arbeit in der Fabrik und ich schlug ihm jeden Tag einen Bibeltext zur Meditation vor. Er hat die Stadt durchstreift, fand in Baulücken ruhige Meditationsorte, sah die Bauarbeiten am Potsdamer Platz, protzige Gebäude, heruntergekommene Häuser. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass er einen Weg entlang der Markierung, da, wo früher die Berliner Mauer war, wählte, ein schmaler, gepflasteter Streifen, und er ist dann mit einem Bein im Osten, mit dem anderen im Westen gegangen und hat so über die Zerrissenheit der Welt und seine eigene Zerrissenheit meditiert. Er hat in den Brachen der Stadt, den alten Verwundungen vom Krieg, seine eigenen Verwundungen erkannt. So hat er sich Stück für Stück mit der Stadt vertraut gemacht und darin sich selbst gesehen. Aber mit der Frage, die ihn hergeführt hat, ist er nicht weitergekommen, der Frage, wohin sein Weg im nächsten Jahr gehen werde, ob er in einem Aidshospiz mitarbeiten solle. Eines Abends fuhr er dann mit der U-Bahn, und auf der Treppe kam er an einem Bettler vorbei, es war nur eine ganz flüchtige Begegnung, aber danach wusste er, was er tun sollte.

Und ich konnte nun nicht mehr sagen, das geht hier nicht mit den Exerzitien, sondern verstand, dass ich an einem sehr privilegierten Ort dafür lebe. Und dann sind andere gekommen und die haben es so ähnlich gemacht. Und dann kam jemand, der wollte mit einer Gruppe Exerzitien machen; ich habe das zwar organisiert, aber im Grunde immer noch nichts verstanden. Den ersten Kurs haben wir dann 2000 mit vier Begleitern gemacht, zwei Gruppen mit jeweils einem Mann und einer Frau als Begleitung. Und in den zehn Jahren ist das dann gewachsen und hat auch verschiedene Formen angenommen. Die Grundform ist aber immer die gleiche geblieben: Der Kurs dauert zehn Tage. Es gibt zwei Untergruppen. Übernachtet wird in Räumen, die uns z. B. kirchliche Gemeinden zur Verfügung stellen, (im Winter werden sie oft als Notunterkünfte genutzt). Drei Impulse während der ganzen Zeit sollen helfen, ins Sehen zu kommen, ins Sehen nach außen, aber auch ins Sehen nach innen. Und dann machen sich die Menschen auf den Weg, wohin auch immer, vielleicht haben sie ein Ziel, vielleicht lassen sie sich treiben. Und abends treffen sich die Gruppen und jeder und jede erzählt von den Erlebnissen des Tages. An diesen Gesprächen teilzunehmen ist die einzige Bedingung, alles andere ist frei. Oft erleben wir, dass wir erst beim Erzählen wirklich etwas verstehen, sonst bleiben wir meist in unseren Vorurteilen stecken. Es ist wichtig, dass wir das Erlebte, und auch unsere Gefühle, vor anderen ausbreiten und wir dann hören, was sie sagen. Sonst kann der Prozess nicht weitergehen.“

Wo ist mein persönlicher Dornbusch?

Die biblische Geschichte vom brennenden Dornbusch erhielt für mich erstmals eine tiefere Bedeutung, als sie der Benediktiner Bruder David Steindl-Rast 2008 in der tunesischen Wüste erzählte. „Zieh deine Schuhe aus, hier ist heiliger Boden“, sprach Gott zu Moses, als der sich dem brennenden Dornbusch näherte. „Das bedeutet: Alles, wirklich alles ist heiliger Boden“, sagte Bruder David, und er selbst ging auf eine Weise durch den Wüstensand, dass ich spürte, es sind dies nicht nur Worte, nicht nur Interpretation einer alten Geschichte, nein, für ihn ist das alles hier heiliger Boden.

Wiederbegegnet bin ich dieser Geschichte bei Christian Herwartz, und zwar in weiteren Facetten, sie zu verstehen und zu leben. Bei den Straßenexerzitien ist sie ein zentraler Impuls, führt sie doch unmittelbar zu zwei Fragen, die nicht nur für die Exerzitien, sondern für das Leben selbst ungemein wichtig sind: Wo ist mein persönlicher Dornbusch und was sind die Schuhe, die ich ausziehen muss? Er erzählt diese Geschichte oft, wie er überhaupt gerne Geschichten erzählt, wie er sagt. Und so erzählt er sie auch an diesem Nachmittag: „Moses ging eines Tages mit seiner Herde über die Steppe hinaus. Ich glaube, das ist ein gutes Bild für die Straßenexerzitien, nicht im Gewohnten zu bleiben, sondern darüber hinauszugehen. Von außen sieht das vielleicht unprofessionell aus, eine Herde durch die Wüste zu treiben, ohne Wasser und ohne Futter, das ist nicht sehr professionell. Es geht darum, die Angst zu verlieren, nicht immer nur Abgesichertes zu tun und eine Offenheit zu entwickeln, und in dieser Offenheit sieht man dann Neues. Und Moses hat einen Dornbusch gesehen, der brannte. Er hat hingeguckt und gesehen, der verbrennt ja gar nicht. Ein anderer, der schon länger in der Wüste lebte, hätte vielleicht gesagt, ach, da ist ja schon wieder so ein Dornbusch, der sich selbst entzündet hat. Aber dadurch, dass es für Moses neu war, hat er ganz anders hingesehen und ist neugierig geworden. Das Feuer in dem Dornbusch, das brennt und nicht verbrennt, ist ja ein Symbol der Liebe, denn die Liebe ist ja das Einzige im Leben, was brennt, aber nicht verbrennt. Er geht also darauf zu. Und er merkt dann, hier muss ich stehen bleiben. In der Bibel heißt es, dass er auf heiligem Boden steht. Und heiliger Boden ist ja nur ein anderes Wort für ‚hier ist was, was du hören sollst, was du wahrnehmen sollst‘. Und als Erstes hat er die Schuhe ausgezogen. Er hat also mit diesem Boden, mit der Realität, Kontakt aufgenommen. Und das ist entscheidend, diesen Kontakt zu suchen. Im Fuß ist ja der ganze Körper abgebildet; es geht also darum, sich mit der ganzen Existenz in diese Realität zu stellen, das ist der erste Schritt in dieser Geschichte. Und dann hört er etwas, was er schon längst weiß. In den Exerzitien geht es zunächst gar nicht darum, etwas völlig Neues zu verstehen, sondern das, was verdrängt wurde, zu sehen. Und das, was er hört, ist, dass sein Volk in Sklaverei ist. Das wusste er mit Sicherheit, das wird nichts Neues für ihn gewesen sein, vielleicht hatte er es aber auch verdrängt. Er steht nun vor der Wirklichkeit, dass er heimatlos ist, dass er aus einem Volk kommt, was unterdrückt ist. Und gesehen zu werden in der Unterdrückung und nicht davor wegzulaufen, das ist der Schritt, zu dem wir in den Exerzitien eingeladen sind.“

Um hörend oder sehend zu werden mitten in der Stadt, müssen wir also unsere Schuhe ausziehen, das, was uns immer wieder von der Wirklichkeit abtrennt, unsere Konzepte, Vorurteile, Bewertungen, die Schuhe, mit denen wir uns immer schnell abwenden oder nur unbeteiligt Zugucken, die Schuhe, des „später mal“, des „nicht schon wieder“, die Schuhe des „Ja aber“, wie Christian sagt. („Ja klar, ist ja auch ein Mensch, aber …“). Im Durchstreifen der Stadt spüren wir erst, wie viele Schuhe wir tragen, dazu bedarf es gar keiner Exerzitien, sondern nur ein waches Unterwegssein. Aber wir können sie, so wie Moses es tat, ausziehen und schauen, was passiert. Sie schnell wieder anziehen und weglaufen, geht meist immer noch, wenn uns nicht „Auf nackten Sohlen“, wie der Titel des Buches von Christian Herwartz über die Straßenexerzitien lautet, dann urplötzlich unser persönlicher Dornbusch begegnet. „Das Leben, ja Gott selbst will mit uns sprechen, an welchem Ort und aus welchem brennenden Dornbusch heraus auch immer. Dann stehen wir auf heiligem Boden, mitten auf den Straßen des Lebens. Straßenexerzitien sind eine Einladung, den heiligen Ort im Angesicht des persönlichen Dornbuschs zu finden. Und für manche Menschen bedeutet das, Gott zu finden.“

 

Wo ist hier Gott?

„Sich auf den Weg machen, das muss man letztlich alleine tun. Manchmal gehen auch zwei Menschen zusammen, z. B. ein Ehepaar, aber im Grunde genommen ist es wichtig, dass der Einzelne sich führen lässt, denn keiner weiß, wo der Ort ist, wo es passiert, aber ich habe noch nie erlebt, dass der nicht gefunden wurde. Das kann in der U-Bahn sein, auf der Straße, im Hinterhof. Wir haben eine Liste von Orten, die wir den Leuten geben, aber nicht, damit sie unbedingt dort hingehen, aber damit sie merken, das sind Orte, um die ich sonst immer einen Bogen mache. Das kann eine Psychiatrie sein, ein Kinderspielplatz, ein Gefängnis, und manchmal gehen die Leute auch dorthin, aber oft kommt schon auf dem Weg dorthin der Moment, in dem sie spüren, hier sollte ich anhalten.

Einmal stand ein Mann drei Tage vor einem Asylantenheim und hat gewartet, was da passiert, und da kam dann ein Araber zu ihm und fragte ihn, was er da tue, und er sagte, ich suche Gott, und da sagte der Araber: ‚Da bist du hier richtig.‘ Ein anderer hat einen Bauarbeiter in einer Baugrube gefragt: ‚Ich suche Gott, wo finde ich den eigentlich‘ und der hat gesagt: ‚Wenn du nichts auf dem Kerbholz hast, dann geh geradeaus. Geh geradeaus.‘ Einem weiteren wurde von einem Passanten gesagt: ‚Ich würde da und dahin gehen, um ihn zu finden` Wenn man den Mut hat, das, was man als Sehnsucht in sich trägt, was man als Frage hat, auch zu stellen und nicht in Konventionen steckenzubleiben, dann bewegt sich etwas. Und die, die das tun, bekommen meist auch wunderbare Antworten.

In Exerzitien geschieht Heilung, weil ich mich öffne für andere Orte, andere Erfahrungen, und ich darüber rede, es also nicht in mir vergrabe. Das ist ein Schritt. Spannend ist dann, wie es weitergeht, wie ich im Alltag weitergehe. Aber selbst die Wege, die man kennt, sehen dann anders aus. Wenn man sich in diese Langsamkeit hineinbegibt, kann man die Welt neu sehen.“

Ich möchte von Christian wissen, wie sich Elemente aus den Exerzitien im normalen Alltag leben lassen? „Einer hat es mal genannt, mit offenen Augen beten, eine Haltung, sich nicht zu verkriechen, sondern die Offenheit zu Gott oder wie immer man das nennen mag, zu leben. Jemand sagte mir, ich entdecke so viele Zeiten, in denen ich in die Offenheit gehen kann, wenn ich beim Zahnarzt warte, vielleicht sogar auf dem Behandlungsstuhl, in der Bahn, wo auch immer. Man kann viele Zeiten für sich so nutzen.“

Und wie kann ich meine Begrenzungen, mit denen ich in der Stadt tagtäglich konfrontiert werde, erweitern?

„Eine Möglichkeit ist, einen Bettler zu fragen, ob man sich neben ihn setzen darf, und die Welt aus dieser Sicht einmal zu betrachten. Und das heißt ja, dass man genauso angeguckt wird. Bei einem Retreat in Hamburg setzte sich der Leiter eines Exerzitienhauses im Bahnhof mit einer Flasche Bier zu einer Gruppe auf eine Treppe. Bei seiner Rückkehr sagte er fassungslos: ‚Ich habe drei Stunden nicht existiert.‘ Alle hatten über ihn und die anderen hinweggesehen.

Bei all unseren Meditationen geht es ja darum, dass der andere, um den ich vorher einen Bogen gemacht habe, zum Bruder, zur Schwester wird. Das aber kann ich nicht machen, das ist ein Geschenk, der in dem Prozess geschieht und das braucht manchmal Zeit.“

Was kann uns im Alltag unterstützen, so meine letzte Frage an Christian, im Mitmenschen Gott oder Christus zu sehen und sich nicht immer vorschnell abzuwenden?

„Bei den letzten Exerzitien war eine Frau dabei, die ist dahin gegangen, wo Frauen, auf den Strich gehen. Und es hat ein Auto angehalten, der Fahrer hat sie angegafft, sie hat abgelehnt, der Fahrer kam dann noch ein zweites Mal vorgefahren. Sie hat wieder abgelehnt. Und sie war ganz aufgewühlt. Abends hat sie dann gemerkt, dass sie durch den Mann zur Schwester der anderen Frauen geworden ist. Das war ein großes Glück für sie. Drei Tage später hat sie erkannt, dass sie in dem Mann Gott gesehen hat, denn durch ihn hat sie erleben dürfen, dass sie Schwester ist, und wer kann das schon. Es hat diesen Mann gebraucht, dass sie das erleben kann. Sie konnte in dem Mann Gott erleben, so ähnlich wie die Frauen das im Garten bei seinem Grab erleben konnten oder die Jünger als der Fremde, das Brot für sie brach. Er ist in diese Rolle des Freiers geschlüpft, um ihr etwas zu zeigen. Und das ist etwas, das man nicht machen kann. Man kann nicht sagen, jetzt möchte ich den Mann, den Freier als meinen Nächsten oder sogar als Gott oder in seiner Würde sehen. Das wäre nur eine Kopfsache. Aber dies konkret zu erleben, das war eine große Sache für sie. Und wenn so etwas einmal passiert ist, dann hält man noch andere Dinge für möglich. Dieses Versteckspiel Gottes, dem auf die Spur kommen und es nicht durch Rationalität runterbrechen, das ist das Entscheidende.

Einer hat bei seinen Exerzitien, die dauerten nur einen Tag, am Schluss mit einem Bier am Bahnhof gesessen und nach einer Weile kam ein junger Mann zu ihm rüber aus einer Gruppe Drogenabhängiger, die nicht weit von ihm saßen, und sagte: ‚Mir hat vor kurzem ein Arzt gesagt, dass ich bald sterben werde an Aids, kannst du immer an mich denken? Nimm diesen Ring, den ich stets trage, damit du an mich denkst.‘ ‚Du hast doch deine Freunde, die werden schon an dich denken‘, sagte der andere. Doch der junge Mann erwiderte: ‚Ja, ja, die denken an mich, aber nach drei Tagen haben die was anderes, die können das nicht.‘ Und da gab er sich einen Ruck und nahm den Ring an. Er trägt ihn heute nach elf Jahren immer noch. Und er sagt: ‚Ich teile mein Leben in vor und nach diesen fünf Minuten.‘
Und so etwas erlebt jeder vielleicht. Aber in der Regel schieben wir es wieder von uns. Ich kann das nicht machen, nicht planen, aber ich kann entdecken, wenn es passiert.“

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In ein „survival kit für die Stadt“ gehört für mich …
nach meinen Vorurteilen suchen.
Vorurteile können wir nicht verhindern, aber wir können merken, jetzt bin ich in meinem Vorurteil gefangen. Dann können wir fragen: Lass ich das Vorurteil fallen in dem Moment oder kann ich es nicht. Wenn ich die Vorurteile fallen lassen kann, dann ins Handeln kommen, nicht beim Gaffen stehen bleiben, bei der reinen Zuguck-Haltung, in der wir so oft verharren.
Christian Herwartz

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Am Ende meines Besuchs schenkt mir Christian ein Buch, es heißt Geschwister erleben und ist eine Sammlung von Beiträgen der Gemeinschaft Naunynstraße. Ich finde darin eine kleine Geschichte von Petra Maria Tollkötter über ihre Gottsuche, und sie gefällt mir so gut, weil sie so vollkommen unspektakulär, in gewisser Weise so alltäglich ist.
„Einmal saß ich zwei Stunden im Park zwischen zwei mir unbekannten, alkoholisierten Männern, die mich begrüßt hatten mit: ‚Auf dich haben wir gewartet.‘ Ich hatte an diesem Tag eine denkbar schlechte Stimmung, fühlte mich hohl und leer, ziellos und genervt. Ich hatte nichts zu bieten, ganz sicher nicht in irgendwelchen menschlichen Kontakten. Das Angebot der beiden nahm ich an, hockte mich müde zwischen sie, nuckelte an meiner Wasserflasche wie sie an ihrem Bier. Wir wechselten gelegentlich Ein- bis Dreiwortsätze. Meistens aber schwiegen wir. Sie hatten genauso wenig zu bieten wie ich und machten keinen Hehl daraus. Da entstand etwas zwischen uns jenseits der Worte, gerade im Ausgelaugtsein, in der Erschöpfung, im müden Schweigen. Als ich nach zwei Stunden weiterging, war ich auf eigenartige Weise getröstet und belebt. Da habe ich eine lebendig machende, sich Jahr für Jahr vertiefende Gottesspur entdeckt: Ich darf sein – ohne (Vor-)Leistung, ohne intellektuelle Schminke, ohne emotionale Kontur, ohne Anspruch, ohne Wollen. Und dieses Da-Sein einfach zuzulassen – dazu haben mich die beiden ganz elementar angesteckt und mir etwas von Gottes großem Ja zu mir vermittelt.“ {1}

Als ich mich verabschiede, wird in der Küche weiter gekocht, aber das Essen scheint bald fertig zu sein, denn die Teller stehen schon auf dem Tisch. Draußen ist die Straße voller Menschen, ein buntes Gemisch unterschiedlicher Nationalitäten. Während meines Gesprächs mit Christian habe ich anfangs immer wieder Gedanken an meine Brieftasche beiseite schieben müssen, die ich am Vortag mit relativ viel Geld und allen nur erdenklichen Karten im Bus habe liegen lassen. Bisher war sie nicht bei den Verkehrsbetrieben abgegeben worden, und ich rechnete auch kaum noch damit, dass dies noch passieren würde. Aber hier in der Naunynstraße erschienen mir meine Sorgen um Geld und Karten so banal und „kleinkariert“ und ich spürte ein Gefühl von Scham, dass ich anfangs noch mit einem Teil meiner Aufmerksamkeit damit befasst war, darüber nachzusinnen, wie viel Geld denn nun wirklich drin gewesen waren. Im Laufe des Gesprächs vergaß ich die Brieftasche, aber als jetzt ich auf der Straße stehe, kommt sie mir sofort wieder in den Sinn. Und gleichzeitig gehe ich ganz anders durch die Adalbertstraße zum Kottbusser Tor, als ich hergekommen bin. Empfinde mich mehr einfach als Teil dieses Gewusels an Menschen, Hunden, Autos, Hupen, Rufen, Rempeln, Roten Ampeln, Polizeisirenen. Als ich in meinem Büro ankomme, liegt ein dicker Briefumschlag auf dem Schreibtisch. Er enthält meine Brieftasche. Das Geld ist weg, aber alle Karten sind noch da, sogar die Monatskarte. Auf dem Briefumschlag ist eine Marke der Post, d. h., die Person, so wird mir schnell klar, hat sich die Mühe gemacht, zur Post zu gehen, vermutlich hat sie in der Schlange stehen müssen, so kurz vor Weihnachten, um mir meine Brieftasche zurückzuschicken. Sie hätte sie ja auch einfach wegwerfen können. Vielleicht war sie mir dankbar für das Geld, das sie jetzt hat, und ich bin ihr jetzt dankbar für ihre Freundlichkeit. Ein neues Band ist geknüpft in dieser Millionenstadt zwischen sich vollkommen unbekannten Personen, die sich jede auf ihre Art und nicht unbedingt freiwillig, etwas Gutes getan haben.

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{1} Petra Maria Tollkötter, Christian Herwartz, Renate Trobitzsch (Hg.) Geschwister erleben, Berlin 2010, S. 58

In: Ursula Richard, „Stille in der Stadt“ Kösel-Verlag,
München 2011, S. 107-118