2001 Christian Herwartz, Exerzitien an städtischen Brennpunkten

Für einen Exerzitienkurs hatten wir in der letzten Juliwoche 2000 nach Kreuzberg eingeladen – wir, die ‚Ordensleute gegen Ausgrenzung‘ in Berlin. Das ist eine klei- ne Gruppe von Menschen aus verschiedenen religiösen Frauen- und Männerge- meinschaften. Wir tauschen uns über die Praxis unseres Glaubens im Kontakt mit Menschen aus, die in unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden. Manchmal meditie- ren und beten wir zusammen, besonders alle drei Monate vor den Mauern des Ab- schiebegefängnisses in Köpenik. Hinter ihnen werden Menschen, die nicht straffäl- lig wurden, bis zu 18 Monaten festgehalten. Unser Gebet, unsere Klage wandelt sich im Laufe der Jahre. Wir finden immer neue Zeichen, unsere Anliegen auf den Punkt zu bringen: Blumen für die BesucherInnen am Eingang des furchterregenden langen Ganges zu den Sprechkabinen (kleine Boxen, in denen man Gefangene hinter Glas sehen kann), Steine (Bitten) zusammengelegt zu einem großen Kreuz, flackernde Kerzen auf einer langen Tapetenrolle mit unseren Wünschen in vielen Sprachen, Transparente mit der Aufschrift ‚Palast deutscher Gastfreundschaft‘, ‚Menschen- recht für alle‘, usw. Die Hochsicherheitswelt ist nicht die uns von Gott verheißene Welt, nach der wir uns ausstrecken wollen. Vor dem Gefängnis ist die Ungerechtig- keit besonders greifbar. Doch ich will nicht länger von unseren Erfahrungen vor dem Abschiebegewahrsam an der Grünauerstraße schreiben, obwohl ich damit schon mitten beim Erzählen von den Exerzitien bin.

Eine Jubiläumsveranstaltung

Vor einem Jahr hat Schwester Teresa aus Vechta gefragt, ob wir einen Exerzitien- kurs in Kreuzberg für die ‚Schwestern unserer lieben Frau‘ anbieten könnten. Ihre Gemeinschaft feiert ihr 150jähriges Jubiläum. Auf der Suche nach ihren Ursprün- gen wäre Berlin-Kreuzberg doch ein guter Ort, fündig zu werden. Von ihrer Grün- dung her sei besonders das Leben mit und für die Armen zentral gewesen. Jetzt sei- en sie dabei, sich neu auf diese Ursprungsidee zu besinnen. Schwester Teresa hatte im Jahr zuvor einen Monat in unserer Kreuzberger Jesuitenkommunität und in der Wagenburg bei Schwester Barbara gelebt. Davon hat sie ihren Mitschwestern viel erzählt. Jetzt wünschte sich Sr. Teresa, dass auch diese hier eigene Erfahrungen ma- chen können.

Fünf Schwestern hatten sich zu dem Exerzitienkurs angemeldet. Dazu kam noch eine Frau aus Dortmund, ein junger peruanischer Comboni-Missionar aus Nürnberg und ein Jesuit aus Berlin, der leider nach einigen Tagen mit einer fiebrigen Er- kältung nach Hause ins Bett mußte. Wir BegleiterInnen waren zu viert: Kleine Schwester Ulrike (Putzfrau), Annette Westermann von der Gemeinschaft Charles de Foucauld (Frauenseelsorgerin im Bistum), Stefan Taeubner (Seelsorger beson- ders für die hier illegal lebenden Vietnamesen) und ich (Lagerarbeiter; seit 1.4. 2000 arbeitslos) von den Jesuiten. Wir hatten in unserer Gruppe im letzten Jahr wiederholt von unseren eigenen Exerzitienerfahrungen gesprochen und danach ge- sucht, wie wir die Gruppe empfangen und begleiten könnten. Der Ort für die Exer- zitien war bewusst gewählt und sollte mit seinen Herausforderungen genutzt wer- den: die Schönheit des Zusammenlebens von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen und der Schmerz vielfältiger Ausgrenzung.

Eine gastfreundliche Gemeinde

In der Gemeinde St. Michael wurden wir herzlich aufgenommen. In den Kellerräu- men des Gemeindehauses gibt es jeweils während des Winters eine Notübernach- tung für obdachlose Männer. (Später wurde mir erzählt, dass Peter Faber – einer der ersten Jesuiten – bewusst während seiner Exerzitien in den Kohlenkeller gezogen ist. Dieser Ortswechsel hat ihm sicherlich geholfen. Auch Ignatius hatte in Höhlen gehaust, als er die Grundzüge der Exerzitien entdeckt hat. Manche nennen diese Zeit die ‚Urexerzitien‘. Wir durften die Kellerräume der Notübernachtung nutzen, ja sogar das ganze Gemeindezentrum zum Schlafen, Essen, Beten, für den Aus- tausch, Begegnungen; und auch die Kirche, die sich sehr gut mit ihren vielen Win- keln und Ecken für das stille Gebet, für das Nachhausekommen, für die gemeinsa- men Gottesdienste eignete. Wir konnten dort jederzeit aus- und eingehen. Die Ge- meinde hat sich gefreut, dass unsere Exerzitien in ihrer Mitte stattfanden. Dazu gehören auch die Franziskanerinnen, die in einer kleinen Gemeinschaft in den Ge- meinderäumen wohnen. Mit ihnen feierten wir einmal einen Gottesdienst und sie lu- den uns danach zum Abendessen ein. Dabei erzählten sie uns, wie sie in der Zeit hier in Kreuzberg einen neuen Blickwinkel auf die Wirklichkeit bekommen haben.

Das Ankommen und einige Entscheidungen

Die Tage begannen mit der Begrüßung am Freitag den 21. Juli 2000 und einem ein- fachen Abendessen: Spaghetti und Tomatensoße. Manche waren noch nie in Berlin gewesen, andere schon einige Male. „Was mag uns hier erwarten?“ Vieles war fremd, auch befremdend. Aber es gab gegenseitige Hilfe unter den TeilnehmerIn- nen, so dass die Hindernisse bald beiseite geräumt waren. Vieles ist uns erst hinter- her erzählt worden. Zum Beispiel unser selbstverständliches Duzen der Gruppe. Am Abend haben wir uns gegenseitig vorgestellt, etwas von Berlin und Kreuzberg er- zählt und vorgeschlagen, den Samstag zum Ankommen zu nutzen. (Manches ist für mich durch die folgenden Erfahrungen schon so weit weg, daß es mir nicht mehr spontan einfällt). An diesem ersten Abend haben wir auch dargelegt, wie wir uns den äußeren Ablauf der nächsten Tage vorstellen und die Gruppe gebeten, am Samstag Abend eine Entscheidung zu treffen.

Es sollten keine Service-Exerzitien werden. Hier gibt es keine Dienstleister im Hintergrund, die z.B. am Nachmittag einen Teewagen mit Kaffee, Kuchen und Ge- schirr diskret bereitstellen und wieder hinausfahren. Eine Zeit für das Frühstück, Morgengebet, Abendessen mit wechselnder Vorbereitung wurde vereinbart. Fürs Mittagessen hat jede/r selbst unterwegs gesorgt. Das war kein Problem. Abends um 17 Uhr war jeweils die Eucharistiefeier – meistens von den BegleiterInnen vorbe- reitet. Es wurde gern gesungen.

Wir haben vorgeschlagen, dass wir vier BegleiterInnen uns zu je zwei aufteilen und jeweils vier von den Exerzitanten gemeinsam begleiten wollten. Über diesen Vorschlag sollte am Samstag abend in der Gruppe entschieden werden. Die Alter- native wäre Einzelbegleitung (vielleicht nur teilweise) und Wegfall der Gruppen- treffen am Abend gewesen. Keine/r hatte mit einem solchen Vorschlag gerechnet, aber alle haben sich einmütig auf diese Form der Begleitung eingelassen, die dann am Sonntagabend begann. Der Samstag Morgen begann mit einem Gebet und einer Meditation, die Annette angeleitet hat. Anschließend sind wir in die Kirche gegan- gen, in der an verschiedenen Stellen an die ehemals ganz nahe Berliner Mauer, die zerrissene Gemeinde, die Gemeindebeziehungen nach Brasilien erinnert wird.

Der Einstieg in die Exerzitien

Die Austauschrunde am Samstag Abend schloß mit einer Anregung für die Medita- tion am nächsten Tag: Wo sind eigene Unrechtserfahrungen, Unrecht, das mich in- nerlich wütend macht? Warum rege ich mich gerade darüber so auf? Sehne ich mich nach einem anderen Verhalten? Will Gott, der diese Sehnsucht in mein Herz gelegt hat, darüber seinen Namen für mich offenbaren, mit dem ich ihn anrufen darf? (Bei Ignatius wird dieser Einstieg in die Exerzitien Fundamentbetrachtung genannt, in der ich mir nochmals klar mache, von welchem Glauben ich in diesen Tagen ausge- he und auf den ich auch in Krisensituationen zurückkommen kann). Manchmal ge- schieht es, daß die/der Übende in den folgenden Tagen immer wieder auf den jetzt entdeckten Namen Gottes zurückgreift und Gott sie/ihn so auf eine ganz direkte Weise begleitet. Die menschlichen ExerzitienbegleiterInnen sind ja nur HelferInnen dabei, die das Geschenk bekommen, die Spuren des Wirkens Gottes und aller Ge- genkräfte sehen zu dürfen. Sie werden dadurch selbst bewegt, auf einiges hinzuwei- sen, was beim Suchen und Annehmen des eigenen Charismas helfen könnte. Die BegleiterInnen steuern die Exerzitien nicht. Sie gestalten sich vom Inneren jeder/s Übenden her. „Sich vom inneren Auge leiten lassen“, so hat eine Teilnehmerin den Exerzitienprozess beschrieben. Durch die Kleingruppenbegleitung haben die Teil- nehmerInnen sich auch gegenseitig Anstöße gegeben. Die Gruppengröße von drei bis vier Personen hat sich als sehr gut erwiesen.

Orte der besonderen Aufmerksamkeit, der Meditation und des Gebetes

Wo sind die Orte in Berlin, in Kreuzberg, an denen ich besonders zu diesem inneren Sehen herausgefordert werde? Das war schon bald die Frage der TeilnehmerInnen. Sie waren auf manches in der näheren oder weiteren Umgebung von St. Michael selbst aufmerksam geworden: die Ausstellung Topographie des Terrors; der Raum der Stille im Brandenburger Tor, in dem Menschen aller Religionen zum Gebet ein- geladen sind; die Hinrichtungsstätte Plötzensee; der Kinderbauernhof in der Nähe. Solche Orte sind Heilige Orte für mich, so wie die Umgebung des brennenden Dornbusches für Moses zu einem Heiligen Ort wurde. Moses war neugierig dorthin gelaufen, weil er etwas Unwöhnliches wahrnahm. Als er näher kam, sollte er die Schuhe ausziehen, da es ein Heiliger Ort war, an dem Gott mit ihm sprechen wollte. Welche privilegierten Orte gibt es hier, die für einzelne zu heiligen Orten werden könnten, an denen Gott zu ihnen sprechen will? Wie mögen die unscheinbaren ‚Dornbüsche‘ hier aussehen? Die TeilnehmerInnen haben nach Anregungen ge- fragt. So habe ich auf Orte hingewiesen, die ich mir vorstellen kann. Sie werden zu Heiligen Orten, wenn wir sie mit Respekt betreten, die Schuhe unserer Herzen aus- ziehen – die des Besserwissens, des Analysierens, die Abschirmenden, die Respekt Einflößenden, die zum Verstummen Bringenden – uns einladen lassen und zuhören. Das Papier mit den Ortsnamen war schnell voll geschrieben. Und dabei hatte ich wohl die wichtigsten Orte noch nicht notiert, diejenigen nämlich, wohin die Exerzi- tanten aus ihrem inneren Gespür heraus – sei es Liebe oder Angst – von ganz allein gehen und verweilen. Trotzdem habe ich ihnen die Liste gezeigt, die ja nur eine An- regung für das eigene Suchen ist. Es geht nicht darum, viele Orte aufzusuchen, son- dern diejenigen, an denen sich in mir etwas bewegt, nachdem ich sie als heilig ent- deckt habe. Vielleicht ist es in der ganzen Woche nur ein Ort. Dann ist es gut so. Ig- natius rät immer vom Vielwissenwollen in den Exerzitien ab und ermuntert dazu, bei einer Übung zu bleiben, in der ich bewegt werde. Das gilt ebenso für diese Peri- kopen der Straße. Auch hier sind die Wiederholungsbetrachtungen am selben Ort oder anderswo in der Stille sehr wichtig, um dem Geist Gottes auf die Spur zu kom- men und ihm Wirkmöglichkeit einzuräumen. Dabei gibt es sehr schmerzhafte und freudige Etappen.

Einige Hinweise

An manchen heiligen Orten muss ich vielleicht lange am Rande stehen bleiben, an anderen kann ich mich schneller ins Geschehen einreihen wie in die Schlange vor einer Suppenküche oder im Sozialamt.

Ohne in die Einzelheiten zu gehen, schreibe ich mal einige Stichworte von der Liste auf: Der Drogenplatz am Kottbusser Tor oder am Bahnhof Zoo – Obdachlo- sengruppen am Alexanderplatz, Görlitzer U-Bahnhof – Türkische Frauengruppen in den Parks – Türkisches Bad für Frauen in der Schokoladenfabrik – Vietnamesen- großmarkt in der Rhinstraße – Abschiebehaft Frauen (Kontakt Weiße Schwestern) und Männer (Kontakt JRS) – Wagenburgen – Kaffee positiv – Regenbogenfabrik – Kinderzirkus – Jugendzentrum Böcklerpark – Versammlungshaus der Aleviten in der Waldemarstr. – Camii z.B. Mevlanamoschee am Kottbusser Tor mit der Teestu- be nur für Männer – für Frauen Kontakte über die deutsch-muslimische Gemein- schaft – Synagoge Fränklinstraße – Grab von Domprobst Lichtenberg in der Hed- wigskirche – Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park – Stasigefängnis in Ho- henschönhausen – Stasizentrale – Mauermuseum/Mahnmal/Versöhnungskirche aus Lehm an der Bernauerstraße. Diese Liste von Namen ist für mich wie eine Samm- lung der Titel von biblischen Erzählungen. Die Punkte der Heiligen Orte verdichte- ten sich, und ich ahnte mehr vom Evangelium der Straße. Bei der Auswertung hat eine Teilnehmerin später von Exerzitien auf der Straße gesprochen.

Unterwegs

Die Exerzitanten hatten schon längst begonnen, ihre Wege zu suchen und sich von innen her leiten zu lassen. In den Gesprächen nach den Tageserzählungen fielen mir dann noch viele andere Orte ein, die jetzt für die Einzelnen sinnvoll sein könnten. Oft waren es die scheinbar unwichtigen Begebenheiten, die Exerzitanten weiterge- führt haben: der ganz kurze Kontakt mit einem Bettler – der ‚lächerliche‘ Heirats- antrag eines Türken – die Fragen einer Bettlerin – der Rauswurf aus einer Wagen- burg – der geschäftliche Umgang im Abschiebeverwahrsam – die Antworten der Passanten vor dem Abschiebegefängnis auf die Frage, was sie vor diesem Gebäude empfinden würden (Da kann man sich nur schämen) – das fassungslose Stehen vor Gefängnismauern und ein Kind, das seine Hand durch einen Spalt entgegenstreckt – das Gesehenwerden vor/in der Suppenküche – die Einladung auf eine Wagenburg – die Einladung eines Obdachlosen. Scheinbar Unwichtiges deuten zu lernen, ist die große Chance der Exerzitien, denn Gott spricht gerade in diesen leisen Hinweisen, so wie er für Elia im ganz leichten Luftzug, im Säuseln anwesend war. Wieviel Wi- derstände setzen wir dem Kleinen, für die Herrschenden und Geschäftigen Un- scheinbaren, entgegen? Doch dann ist es mal eine Kinderhand oder die Frage eines Kindes, die uns entwaffnet. Und wir werden befreit aus dieser Welt der Terminplä- ne, aber auch der Verletzungen und Schwächen.

Exerzitienbegleitung am Abend

Wir haben uns jeden Abend in kleinen Gruppen getroffen und einander zugehört. Von wo mögen für die Einzelnen wichtige Impulse für das eigene Suchen gekom- men sein? Mehr von den Begleitern, mehr von den Mitexerzitanten? Ich weiß es nicht. Aber ich habe gesehen, wie wichtig für alle das Suchen aller anderen Exerzi- tanten in der Gruppe und ihr Erzählen war. So war der Bericht von einem Teilneh- mer, der fast täglich wegen seiner Hautfarbe von der Polizei unter dem Verdacht von Rauschgifthandel kontrolliert wird, wohl ein Anstoß, für die Meditation vor das Abschiebegefängnis zu gehen und sich von dort weiterführen zu lassen. Manchmal war in der Begleitrunde eine Pause oder ein Lied gut, um wieder neu zuhören zu können. Es wurde auch am Tag (zum Beispiel beim Essen) immer wieder still. Es gab kein formelles Stillschweigegebot. Aber keine/r wollte die Haltung des inneren Sehens verlassen, nichts totreden – und so wurde es ganz von allein ruhig. Alle hat- ten schon einige Male Exerzitien gemacht. Sie konnten schweigen. Trotzdem hat es alle neu überrascht, wie sehr sie in den Tagen durch verschiedene Etappen geführt wurden. Es gab Tage des Schmerzes, der Auferstehung, der Heilung, des Alltags. Viele sind wohl mit mehr Fragen als Antworten weggefahren. Eine Teilnehmerin sagte, dass sie eingebrochen sei in den Laufsteg des Alltags, auf dem sie sich über viele Fragen hinweggerettet hätte; eine andere, dass sie sich darauf freut, weiter das Geschenk ihrer Berufung auszupacken.

Diese Exerzitienbegleitung war eine tiefe Erfahrung für mich, in der ich die Freu- de gespürt habe, dass mein Leben eine Brücke sein kann, über die auch anderen das Geschenk der Begegnung mit den Menschen hier anvertraut wird, und dass sie über diese Kontakte heil werden dürfen. Es waren keine Vorträge nötig. Die Exerzitan- ten konnten selbst auf ihren Wegen diese Erfahrung machen. Es ist eine große Er- mutigung für mich, die Führung Gottes an ihren Früchten zu erkennen. Da gehe ich frohgemut weiter. Das Sprechen über diese Erfahrungen ist auch während der Exer- zitien immer ein dürftiges Unterfangen.

Abschied und Dank

Am Sonntag dem 30. Juli war Abreisetag. Den Abschlussgottesdienst nach einer letzten Austauschrunde hatten wir am Abend vorher gefeiert. Jetzt wollte sich die Gruppe für die Gastfreundschaft der Gemeinde bedanken, indem sie ihr von ihren Erfahrungen erzählte. Es war ein sehr schöner und bewegender Gottesdienst. Zwei Teilnehmerinnen blieben zum anschließenden Frühstück und konnten auf Rückfra- gen noch manches erzählen und neue Kontakte knüpfen.

Die Tage danach bedeuteten für mich, vom Berg der Hochstimmung in den All- tag hinabzusteigen. Die anderen BegleiterInnen waren ihrer Alltagsarbeit nachge- gangen und sind jeweils nur abends nach Kreuzberg gekommen. Ich lebe weiter hier. Die regelmäßige Fabrikarbeit hat für mich aufgehört. Wie sieht jetzt mein All- tag aus? Ich kann es noch nicht umschreiben. Es ist der Übergang von einem Le- bensabschnitt zum anderen. Ein ‚Umzug‘, bei dem viel Liegengebliebenes nochmals durchgegangen werden muss. Mit solch einem ‚Umzug‘ ist – religiös ge- sprochen – immer die Hoffnung verbunden, einen Schritt in die größere Armut, d.h. in die größere Offenheit Gott gegenüber zu treten. Und ich bin sehr gespannt, wel- che Hemmschuhe ich fallen lassen kann, welcher Armutsschritt mir geschenkt wird. Bei den Jesuit European Volunteers (JEV) heisst ein Grundsatz ‚Einfach leben‘. Ruth, mit der ich die Berliner JEV-Kommunität in den letzten zwei Jahren begleitet habe, formuliert diesen Grundsatz gerne so: „Nicht kompliziert leben!“ Das neue Loslassen von allem Komplizierten und falschen Anhänglichkeiten, von Gütern, Ansehen, usw. ist im Kern ein Ja, ein größeres Annehmen der Realität und darin auch des mir geschenkten Charismas.

Am Ende der Exerzitien stand die Bitte, solche Tage der Heiligen Orte zu wie- derholen. Das wäre ein Auftrag an mich, sagten mir die drei anderen BegleiterInnen. Ich will ihn annehmen. Auch Franz, mit dem ich zusammen wohne, ermuntert mich dazu und ist erstaunt, daß diese Exerzitien erst im nächsten Sommer am selben Ort stattfinden sollen. Doch vorher wären sie wohl schwer zu organisieren. Birgid Krause hat nach dem Lesen dieses Textes das Anliegen der Exerzitien treffend be- schrieben: „Als ich den Bericht Satz für Satz in der ganzen Intensität seiner Aussa- ge aufnahm, da war ich innerlich ganz aufgewühlt und ein wenig traurig, dass ich solche Exerzitien noch nicht erleben konnte. Die Menschen, die an diesen Exerzi- tien teilgenommen haben, müssen unaussprechlich reich beschenkt worden sein! Offenen Auges und mit weitem Herzen durch die Welt zu gehen, in sich hinein- zuhören und heilige Orte zu entdecken, das bleibt wohl den meisten Menschen ver- sagt in ihrer Hektik und Betriebsamkeit. Was für ein Verlust! – Als behindertem Menschen, wie ich einer bin, ist einem diese Fähigkeit und ich möchte fast sagen, diese Gnade, manchmal geschenkt. Ich lebe deshalb intensiver, sehe Vieles, was an- dere nicht sehen können und danke Gott mit vielen kleinen Stoßseufzern dafür, daß ich all das Schöne, all das Gute, die ganze Herrlichkeit seiner Schöpfung erleben kann; nicht selten sehe und spüre ich auch all die Tragik, die Trauer, die Schwierig- keiten, in denen Menschen stecken können, das Leid, das sie ertragen müssen und das an ihren Nerven zehrt, die Hoffnungslosigkeit, die sie fast verzweifeln läßt … Für mich ist seit 20 Jahren mein Arbeitsplatz hier im Pfarrbüro ein Heiliger Ort. Ich habe es nur bisher nicht gewusst! Deshalb wünsche ich allen, dass es noch viele hei- lige Orte zu entdecken gibt während der kommenden Exerzitien.“

Die nächsten Exerzitien an städtischen Brennpunkten finden vom 27. Juli bis 5. August 2001 statt. Als Veranstalter sind wieder die Ordensleute gegen Ausgrenzung vorgesehen.

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