1978 Christian Herwartz, Durchbruch eines Interesses

Durchbruch

eines

Interesses

Materialsammlung zu einer Schlüsselfrage der Christologie:

die Entdeckung menschlicher Identität

Paris

August 1978

Christian Herwartz

Für Mario, Michael, Peter

und alle anderen Freunde

in Frankreich und Deutschland

Teil I

HEUTE – DIE ERFAHRUNGEN MIT EINIGEN FRAGEN

Identität – Berührung mit Gott Seite 7

Worin besteht meine Orginalität und wie werde ich ihr in meinem Leben

in der konkreten Situation unserer Gesellschaft mit ihren Möglichkeiten,

aber auch ihrem Unfrieden zusammen mit anderen gerecht? Seite 7

Warum ist die Frage nach der Identität für mich so wichtig? Seite 9

Ein gehorsamer, absondernder, Freude schenkender Schritt Seite 12

Wie ist es zu diesem Schritt in die Fremde gekommen? Seite 12

Wie entscheidend war dieser Schritt? Seite 13

War der Schritt Ausdruck der Konversion zu einer Klasse? Seite 14

Gehört die Rede vom „Einsatz für die Gerechtigkeit“ unter „linken Christen“

jetzt auch im Orden zum guten Ton; ist sie nicht ein sich selbst gegebenes

Gütezeichen aufgeklärter, intelligenter Humanisten oder nicht nur eine mehr

oder weniger nichts sagende Glaubensformel? Seite 14

Mit welcher Sicherheit hinsichtlich der Richtigkeit deines Tuns bist du nach Frankreich gegangen? Seite 15

Ein gehorsamer – heißt das ein endgültiger Schritt? Seite 17

Die zentrale religiöse Versuchung, sich für etwas Besseres zu halten Seite 17

Sich entscheiden, Arbeiter zu werden – ist das nicht ein Widerspruch? Seite 18

Wirst du nicht in der Fabrik immer ein Fremder bleiben? Seite 18

Warum gehst du in die Fabrik? Seite 19

Der Schmerz des fehlenden Engagements Seite 21

Ist der Wunsch nach Aktion nicht schon wieder die alte Versuchung zur Flucht

aus dem Alltag, das Jemand sein wollen, ein Militanter, das Mehr-Sein

als die Masse? Seite 22

Ist die Geduld wirklich eine Tugend und nicht nur eine Beschönigung der eigenen Faulheit, von Ängstlichkeit oder Ziel- und Empfindungslosigkeit? Seite 23

Werden die Geduldigen nicht ständig von den Mächtigen in Dienst genommen und missbraucht, statt dass ihr Handeln dem Treiben jener Einhalt gebieten würde? Seite 26

Wo stoße ich in meiner Dialogbereitschaft auf eine Grenze? Seite 27

Der Mechanismus fortschrittlicher Götzenverehrung – die Fabrikstruktur Seite 29

Die Rangfolge: Besitzer, Intermediär, Maschine, Arbeitskraft – ist das nicht eine böswillige Karikatur? Seite 29

Ist damit die Arbeiterklasse durch die Arbeit an der Maschine gekennzeichnet? Seite 30

Machen sich die Arbeiter nicht durch ihr Verhalten selbst lächerlich? Seite 34

Ist im Betrieb nicht eine Autorität und Hierarchie notwendig? Seite 35

Bist du in der Fabrik zur Aufgabe deines Glaubens gezwungen? Seite 36

Die erlösende Wende zum horizontalen Sehen Seite 38

Schiebst du jetzt nicht auf Grund einer Freundschaft deine Hoffnungen

auf die Veränderung der schier aussichtslosen Lage beiseite? Seite 38

Einer mitten in unserer Werkstatt ist wirklich allein! Seite 39

Die Entlassung aus der Fabrik bedeutete Isolation; warum sprichst du von einem Fest? Seite 40

Ein Meilenstein, wohin geht es weiter Seite 42

Leben als Minorität Seite 43

Was gibt die Rede vom Klassenkampf wirklich her? Seite 43

Wie lebendig ist die Hoffnung auf eine Überwindung des Klassenkampfes? Seite 45

Wir leben in einer atomisierten Welt – ist das nicht nur eine Schutzbehauptung? Seite 46

Tausend Minoritäten – wo gibt es Sammelbewegungen, Einheiten? Seite 46

In welchen Minderheiten findest du dich vor? Seite 47

Wie suchst du mit einer so zerstückelten Identität Einheit? Seite 50

Wo siehst du Zeichen am Weg? Seite 51

Leben in einer sich langsam realisierenden Gemeinschaft Seite 52

Von woher findet ihr Gemeinschaft? Seite 52

Wie erfolgt die Eingliederung in die Gemeinschaft der Glaubenden? Seite 54

Bist du durch deine Erfahrungen mehr ein Eigenbrödler, ein ewiger Junggeselle

oder mehr den Wünschen anderer verfügbar geworden? Seite 55

Inwieweit lebst du in einer erst in Vorgesprächen umrissenen Gemeinschaft? Seite 56

TEIL II

GESTERN – IN WELCHER TRADITION ICH MICH VORFINDE Seite 58

Mit welcher Frage suchst du in der Geschichte eine Antwort? Seite 58

Gefundene Identität Jesu von Nazaret Seite 59

In welcher Tradition hat sich Jesus vorgefunden? Seite 59

Wann und wo sagt Jesus Ja zu seiner Identität? Seite 60

Wo weist Jesus Fragen und Wünsche an ihn zurück? Seite 61

Woraufhin lebt Jesus? Seite 61

Gewaltfreiheit – Anarchie – Arbeiterbewegung Seite 62

Wo finde ich heute eine geschichtliche Matrize, die meine Hoffnung Seite 62

aussagbar macht?

Das Ringen um welche Ziele ist mit einer herrschafts- und gewaltfreien Seite 63

Sprache möglich?

Ist der Rückgriff in die Geschichte des Anarchismus und der Gewaltlosigkeit Seite 63

nicht eine Entfremdung vom Heute?

Geschichtliche Identität einer internationalen Gruppe: die Kirche Seite 63

Wie hat die Kirche ihre Identität entdeckt? Seite 64

Führt der Glaube in die Fremde? Seite 65

Welche Menschen in der Geschichte der Kirche weisen dir vor allem Seite 65

den weiteren Weg

TEIL III

AUFGABEN, DIE MORGEN VOR UNS LIEGEN Seite 67

Worauf kommt es in der Begegnung mit den Menschen auf der Arbeit Seite67 und im Stadtviertel an?

Welche Rolle spielt das persönliche Gebet unter uns? Seite 68

Inwieweit seid ihr dem speziellen Auftrag des Ordens, nämlich dem Seite 69

Kampf gegen den Atheismus, verpflichtet?

Was erhofft ihr euch von der begonnenen kleinen Jesuitengemeinschaft? Seite 69

Sofort vorweg

Schon lange hatte ich mich dazu verpflichtet, am Ende meines dreijährigen Frankreichaufenthaltes im Rahmen des Aufbaustudiums – Cyclus B – eine Arbeit anzufertigen. In ihr sollten die Studienergebnisse der Ausbildungszeit in Frankreich festgehalten werden.

Nach einem Jahr hatte sich als ein zentrales Thema – das Schweigen Jesu – herausgestellt. Hierbei war vor allem an das tagtäglich in der Fabrik erfahrene Schweigen Jesu vor Pilatus gedacht.

Dieses Thema hätte in der Abschlussarbeit zum Beispiel in der Form eines Kommentars zur Leidensgeschichte Jesus aufgegriffen werden können.

Bei den Vorbesprechungen im dritten Jahr des Aufenthaltes hat dann Paul Corset darauf gedrängt, lieber die persönlichen, in den letzten drei Jahren aufgetauchten Fragen zusammengetragen und eine Antwort versuchen.

Dieser Weg hat sich für mich als fruchtbar erwiesen. Einige bohrende Fragen haben bei der schriftlichen Fixierung noch manches zutage gefördert. Manche können jetzt als erledigt einmal beiseite gelegt werden, andere warten noch auf eine Antwort.

Sicherlich, ich habe versucht zu allen Fragen, die ich dann schließlich ausgewählt habe, etwas zu schreiben. Zu vielem kann ich stehen, manche Antworten sind mehr ein Versuchsballon und eine ganze Reihe davon ist noch sehr schwammig. Besonders hier muss die weitergehende Diskussion noch mehr Klarheit bringen. Diese erhoffe ich mir in der neuen Kommunität in Berlin, in die ich jetzt geschickt bin. Vielleicht kann die vorliegende Materialsammlung eine Hilfe für unser Gespräch dort sein.

Viele Erfahrungen dieser drei Jahre in Frankreich sind für mich auch noch frisch, um sie recht greifen zu können und sie in einem größeren Zusammenhang zu sehen. So fehlen viele Dinge aus der Straßburger und der Pariser Zeit, die wichtig wären. Vor allem aber habe ich mich nicht an das Phänomen Arbeitslosigkeit herangewagt, vielleicht auch deshalb, weil ich jetzt in Berlin wieder in eine neue Phase der Arbeitslosigkeit stoßen könnte. Die damit verbundenen Ängste blockieren eine gründliche Reflexion.

Die vorliegenden Seiten sind keine Arbeit geworden, die man veröffentlichen könnte. Sie ist mehr ein fragender Brief an Leute in einer ähnlichen Situation oder ein erstes Konzept für eine spätere schriftliche Fixierung. Im ersten Teil müsste vieles gestrafft und manche Frage vielleicht wieder hinaus geschmissen werden. Der zweite Teil hat noch kein Fleisch. Die angegebene Literatur enthält aber viel Material, das an dieser Stelle eingebracht werden kann. Die im dritten Teil zusammengetragenen Zeilen sind nur ein rudimentärer Platzhalter. Die Zeit ist noch nicht reif gewesen, in Einzelheiten zu gehen. Hier müssten eine Menge Diskussionspapiere angefügt werden, denn dieser Teil kann genauso genommen nicht von einem allein geschrieben werden.

Die vorliegende Materialsammlung ist also unfertig und sollte deshalb nicht in jedermanns Hände gelangen. Ich möchte ausdrücklich darum bitten, die brauchbaren Ideen gegebenenfalls aufzugreifen, Unklarheiten in den anstehenden Diskussionen zu klären versuchen und die Arbeit selbst nicht an jedermann weiterzuleiten. Sie ist in der vorliegenden Form nur für den Hausgebrauch bestimmt. Für das Nachkommen dieser Bitte: Vielen Dank.

Christian

Teil I

HEUTE – DIE ERFAHRUNGEN MIT EINIGEN FRAGEN

Identität – Berührung mit Gott

Die letzten drei Jahre – August 1975 bis Juli 1978 – habe ich in Frankreich verbracht: in Besancon, Toulouse, Straßburg und Paris. Um diesen Auslandsaufenthalt hatte ich auf den Rat mehrerer Mitbrüder hin gebeten und bin vom Orden mit zwei Aufträgen hierhin geschickt worden:

  • erstens, um Erfahrungen als Arbeiter zu sammeln, genauer: meine Berufung als Arbeiter zu leben und im praktischen Vollzug zu prüfen, um später mit einer Erfahrung als ausländischer Arbeiter ein Engagement in Deutschland zu suchen;

  • und zweitens, um in einer dem Milieu entsprechenden kleinen Jesuitenkommunität zu leben und sensibler dafür zu werden, welche Rolle solche kleinen Kommunitäten für die einzelnen Mitglieder, die Arbeitskollegen, den Orden und die Kirche vor Ort spielen können.

Mit den folgenden Aufzeichnungen möchte ich auf einige mir schon greifbare Früchte dieser drei Jahre hinweisen – Antworten, neue Fragen und Hoffnungen – und meine Hände zum weiterführenden Dialog ausstrecken.

Vielleicht die allerwichtigste Entdeckung dieser Zeit ist es für mich, dass ich meine geheimen, ureigenen Wünsche, Vorstellungen, mein Suchen in denjenigen anderer Menschen wieder gefunden habe, sowohl in heute Lebenden wie auch bei schon lange Gestorbenen. Ich habe sie wiederentdeckt in unterschiedlichen geschichtlichen Bewegungen. So bin ich – wenn auch oft noch nicht deutlich genug sichtbar – in, vielleicht nur scheinbar mehreren Traditionen verwurzelt und weiß jetzt auch darum. Das bedeutet das Ende einer Isolation, einer Ängstlichkeit, verlacht zu werden, ein Schritt geschenkter Befreiung. Ein neues Moment bewusster Eigenständigkeit ist zutage getreten, der nächste Schritt bahnt sich an.

Lieber K.M.!

Bei unserer letzten Zusammenkunft hast Du mir erklärt, warum Du das Theologiestudium unterbrochen und mit einer provisorischen Arbeit im Krankenhaus begonnen hast. Du sagst, die Zeit ist reif, Dich einigen grundlegenden Fragen hinsichtlich Deines weiteren Lebens zu stellen, sie nicht länger vor Dir her zu schieben oder sie nebenbei erledigen zu wollen. Hinter den aktuell zur Entscheidung anstehenden Fragen hast Du eine zentrale Unruhe entdeckt:

Worin besteht meine Originalität und wie werde ich ihr in meinem Leben in der konkreten Situation unserer Gesellschaft mit ihren Möglichkeiten, aber auch mit ihrem Unfrieden zusammen mit anderen gerecht?

Mir hat Freude gemacht, dass Du einen Ort der Reflexion, des Gebetes, des Hineinlebens in eine zu fällende Entscheidung und einen umsichtigen und erfahrenen Begleiter bei diesem aufregenden Unternehmen gesucht und gefunden hast. Oft habe ich in anderen Fällen eine deutlich sichtbare Verantwortung für die Wahl des Ortes und der Begleitung bei ähnlichen Fragen vermisst. Du hast ja auch meinen Weg nach Frankreich in diesem Sinn zu verstehen gesucht. Es ist jedoch ganz offensichtlich, dass durch den Ort, an dem wir leben und arbeiten, und die Freunde, die wir dort entdecken, einzelne in uns streitende Interessen verstärkt werden und andere an Wichtigkeit verlieren. Kommt es nicht immer darauf an, im Gehen zu suchen und zu finden? Wir sollten unsere Verantwortung hinsichtlich des Einflusses, dem wir uns aussetzen, und dem Erproben unserer Entscheidung in kleinen Schritten, nicht zu gering ansetzen. Ein Gespür dafür hast du bewiesen.

Zurück zu deiner Frage: Worin besteht meine Originalität und wie werde ich ihr konkret in den jetzt anstehenden Herausforderungen gerecht?

Diese Frage ist mir in den letzten Wochen an meinem Meditationsort an der Drehbank häufig nachgegangen. Ich bin auf eine Menge einzelner Erlebnisse und Begabungen gestoßen und habe die Frage zu differenzieren versucht, bis mir dann schlagartig, befreiend klar wurde: Du bist für Deine Originalität nicht verantwortlich, Du brauchst nicht ein in unserer gesellschaftlichen Situation notwendig gebrauchtes Original zu erfinden und es dann zu werden, sondern Du hast eine Originalität, Du bist jemand – das gilt es zu entdecken. Diese Entdeckung war für mich befreiend. Ich brauche keine Verantwortung für meine Identität, auf die mein Leben hin angelegt ist, also meine Personalität zu übernehmen. Ich darf mich als Geschaffener, als ein Geschenk annehmen und brauche nicht ein Ziel, einen Sinn meines Lebens in dieser unserer Gesellschaft erst noch zu produzieren, sondern darf mich entdecken in einem Strom des Bemühens, des Erfolges und Misserfolgs, einer Tradition. Lange genug hat mich mein Wunsch nach Eigenständigkeit, Selbstwerdung der ja auch immer gerechterweise ein Drang nach anders-, nach neu Sein ist, durch eine missverstandene – und heute erkenne ich: anmaßende Verantwortlichkeit blockiert. Kurz: Jeder von uns hat eine angelegte, geformte Originalität, wir brauchen sie nicht erst noch zu schaffen.

Worin besteht dann aber unsere Verantwortung?

Sowenig wie die Originalität Einzelner, Gruppen, ganzer Völker gesellschaftlich ableitbar oder produzierbar ist, so ist sie doch entscheidend durch die vorhandenen, von bestimmten Fakten und Verhaltensmodellen geprägten Erwartungen geformt. Und diese von uns vorgefundenen Erwartungen sind vielfältig, stehen oft im Widerspruch zueinander und decken sich keineswegs mit der in mir, in anderen, in der Geschichte entdeckten Hoffnungen der Menschheit. Wird aber nicht gerade in diesen Hoffnungen entscheidend die Originalität der Einzelnen, der Gruppen und Völker sichtbar? Ich meine: Ja. Und hier scheint mir genau unsere Verantwortung zu liegen, nämlich in dem Wechselspiel der uns prägenden gesellschaftlichen Erwartung und der angelegten Hoffnung, letzterer Raum und Zeit zu geben, sich in unserem Leben zu manifestieren, d.h. dass wir uns von ihr ganz in Besitz nehmen lassen, so dass wir uns mehr und mehr zu ihr öffentlich bekennen und ihr insgesamt zum Durchbruch verhelfen können.

Ich möchte die beiden angedeuteten Schritte klar und deutlich voneinander trennen:

In einem ersten immer wieder neu geforderten Stadium geht es darum, Stück für Stück die eigene gelebte und die noch nicht realisierte Identität zu entdecken und zu akzeptieren. Es fällt natürlich leichter, wird wahrscheinlich sogar erst möglich, dieses Ja zu sich selbst zu sagen, zur eigenen Gruppe, zu seinem Volk, wenn wir uns – so wie wir sind – angenommen wissen. Da wo wir auf die Liebe antworten und sei es nur ein kleines Stück weit, da können wir zugreifen und ganz wir selbst werden.

Ich glaube wir tragen Verantwortung dafür, diese Liebe zu entdecken. Deshalb bin ich froh, dass du von Deinen Büchern ein wenig aufgeschaut und einen Ortswechsel vorgenommen hast. Das ist auch der Grund meiner Freude in der Fabrik mit der wirklich den Menschen zerreibenden und zerstörenden Herrschaftsstruktur; ich habe dort im Vertrauen der Kollegen einen Ort gefunden, mich mit meinen Hoffnungen innerhalb gemeinschaftlicher, ja weltweiter Erwartungen akzeptieren zu lernen. Sie haben mich aus einer inneren Gefangenschaft befreit und mich meine Individualität und unsere Zukunft mehr anzunehmen gelehrt.

In dieser ersten Etappe des Erkennens und Akzeptierens brauchen wir oft viel Geduld. Manchmal müssen wir durch mancherlei Stürme hindurch mit einem schon lange gefundenen neuen Ja leben, ohne dass wir es offen aussprechen können. Ein andermal glauben wir, dass gar nichts mehr wächst, obwohl doch noch soviel aussteht. Oft genug lassen wir uns unsere Erwartungen ausreden, so dass wir nicht mehr hungrig sind nach einem menschenwürdigeren Leben; und ein andermal scheuen wir uns, uns zu dem öffentlich zu bekennen, was wir schon vielleicht lange als richtig, mit uns selbst übereinstimmend erkannt haben. Wir haben nicht den Mut zu der jeweils zweiten Etappe:

Wenn etwas in einem selbst, in der Gruppe, im Volk reif geworden ist und die konkreten Gegebenheiten dazu herausfordern, dass wir uns Schritt für Schritt dazu bekennen, dann müssen wir das auch tun, wenn wir nicht krank und hoffnungslos werden wollen.

Ich möchte damit auf eine zweite ebene der Verantwortung hinweisen, die ich im Prozess der Selbstwerdung sehe, nämlich den Zeitpunkt zum öffentlichen Bekenntnis der in mir gewachsenen Hoffnungen zu sehen und zu nutzen. Das hört sich ganz einfach an, macht mir aber immer wieder Kummer: Ist die Zeit wirklich schon reif, ist dir die Entscheidung in ihren Konsequenzen schon klar, hast du genug Geduld mit dem inneren Wachstumsprozess gehabt, besteht eine Notwendigkeit zu einem Schritt in der Öffentlichkeit? Oder kann ich die Geburtswehen von einem solchen Schritt nicht länger ertragen, will ich ungeduldig abkürzen oder umgekehrt, warte ich ungerechtfertigter weise auf weitere Zeichen, womöglich Wunder, bis ich bereit bin, auch zu dem zu stehen, was ich gesehen habe?

Einschub:

Eine andere Frage ist es, ob ich eine große Entscheidung in kleinere einzelne Schritte zerlegen soll, um mit ihr nach und nach leben zu lernen. Ich habe damit immer wieder gute Erfahrungen gemacht. Das gibt dir und anderen Zeit zur Prüfung und zur Ausbildung, mit der sichtbar gewordenen Identität umzugehen. Auf dem Weg bis dorthin, mich als Arbeiter zu akzeptieren, könnte ich dir zum Beispiel eine Reihe Etappen aufzählen, wie die erste Zeit der Praxis auf einer Schiffswerft, über die Anfrage eines Mitbruders, nach dem Philosophiestudium zwei Jahre in die Fabrik zu gehen, die Ferienarbeiten, der Beginn regelmäßiger Arbeit in Umzugswesen bis hin zu dem Schritt nach Frankreich. Anfangs hätte ich leicht – mir untreu werdend – noch einen anderen Weg einschlagen können, ohne viele Fragen bei anderen aufzuwerfen. Ich habe mich in dieser Frage jeweils von einer anfänglichen zu einer weitergehenden Praxis entschieden.

Dagegen wurden andere Entscheidungen in meinem Leben plötzlicher sichtbar, auch wenn sie jahrelang innerlich vorbereitet wurden. Ich denke da an den Ordenseintritt, die Priesterweihe, den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung.

Unser Leben hat meiner Ansicht nach eine starke soziale Angewiesenheit und Verpflichtung. Zur letzteren zähle ich diesen zweiten Schritt: das Bekenntnis der eigenen Identität; damit meine ich kein Zur-Schau-Stellen, keine Fassaden-, keine Möchtegernidentität, sondern das Freilegen unserer Hoffnung, unserer „Träume“, dem Fundament unseres Lebens.

Jedes öffentliche Bekenntnis ist natürlich auch eine Proklamation noch nicht eingeholter, nur gewünschter Identität. Bestände aber diese Proklamation nur aus guten Vorsätzen, d.h. aus einem überdeckten schlechten Gewissen, dann wäre ich skeptisch. Der Weg zur Hölle ist mit solchen guten Vorsätzen gepflastert.

(Die Sakramente sind oft solches öffentliches Einstehen für eine im Stillen gewachsene Identität, ein nun sichtbares Fundament für das weitere Leben. Wirklich ein Grund zur Freude. So wird zum Beispiel am Hochzeitstag ein schon lange gegebenes Ja zur Freude alle öffentlich ausgesprochen.)

K.M., ich weiß nicht, ob Dir diese Überlegungen in Deiner Situation viel sagen. Für mich war es aber wichtig, meine Verantwortung im Kontext der Entscheidungen anderer zu sehen, für die ich persönlich keine Verantwortung trage. Das hat mir viel Gelassenheit geschenkt. Ich habe keine Verantwortung und auch keinen Grund zum Stolz für die mir geschenkte Originalität; auch nicht dafür, dass sie langsam heranwächst und nur schrittweise belastbar ist, so sehr ich alles dafür tun muss, dass sie erwachsen wird; und ebenso nicht für den Zeitpunkt, wann ich für sie öffentlich ein zu stehen habe. Erst ihn zu verpassen, macht mich schuldig. Diese Unterscheidungen haben mich dazu befreit, meine Verantwortung zu sehen und mich auch als Sünder anzunehmen, wo ich in diesem Prozess der Selbstfindung bei mir, in einzelnen Gruppen, der Kirche, unserem Volk, einzeln und mit anderen versagt habe; wo wir die Kette der Schuld, an die wir geschmiedet sind, nicht von der Tradition der Hoffnung her, in der wir doch stehen, wo immer möglich mit aller Gewalt zerrissen haben.

Gefundene Identität zeigt sich für mich gerade darin,

  • die Versuchungen, Scheinidentitäten zu übernehmen, klar abzuweisen und

  • sich – alle Grenzen überschreitend – selbstwerdend, selbstvergessend – mit anderen Menschen zu identifizieren,

  • sie liebend zu verstehen, sich in sie hineinversetzen zu können, selbst in Gefangene, Fremde, Kranke, Verlassene, Verachtete… –

  • also die Rolle des anderen in und für sich zu akzeptieren,

  • den Nächsten nicht mehr beherrschen zu wollen.

Dann fallen Schranken, Isolationen werden aufgehoben, in uns selbst und im Blick auf andere Menschen.

Mein Herz ist voll und so würde ich gern noch einige Überlegungen hinzufügen, die mir wichtig geworden sind. Auf der anderen Seite möchte ich aber doch jetzt erst Deine Antwort abwarten und sehen, wie Du die Dinge darstellst. Vielleicht finden wir Berührungspunkte, die uns darauf aufmerksam machen, wie es weitergeht.

Also bis dann Christian

Warum ist die Frage nach der Identität für mich so wichtig?

Identität ist ein Begriff aus einem größeren Wortfeld – Person, Persönlichkeit, Individuum, Subjekt, Selbstverwirklichung, Orginalität, Identifikation – und sein Bedeutungsfeld ist nicht immer leicht abgrenzbar. Zwar kann Identität vom lateinischen ‚idem’ – dasselbe mit Sichselbstgleichheit übersetzt werden- oder für die Psychologie: die in sich und in der Zeit als beständig erlebte Einheit der Person; für sie ist Ich-Identität ein Kennzeichen der reifen und normalen Persönlichkeit – doch soll im Folgenden unter diesem Stichwort vornehmlich nach dem leitenden befreienden Interesse, der richtungweisenden Hoffnung in uns gefragt werden, über die wir geworden sind und weiter werden- selbst, als Gruppe und als Gesellschaft. Es geht um die Wurzeln und die Ziele gefundener und zu findender Identität.

Dabei ist vorausgesetzt, dass wir das Geschenk der Identität in der Begegnung mit dem Nächsten – in Übereinstimmung und Abgrenzung – und letztlich mit Gott entdecken.

In uns und in der durch uns gebildeten Gesellschaft ist ein leitendes Interesse angelegt und es besteht die Möglichkeit zur Realisierung. Dieses leitende Interesse zeigt sich in meiner Reflexion vor der Reise nach Frankreich in dem Wunsch, solidarisch zu leben. Die in einem Artikel niedergelegten Überlegungen dazu haben für mich an Aktualität nichts verloren (Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien 25 (1975) 70-77).

Doch wie hat sich dieser Wunsch nach weiterer Menschwerdung in den letzten drei Jahren erfüllt und in welcher Richtung weist er weiter?

Nebenbei: ich suche keine neue, sich auf das Gebot der Solidarität gründende Moral, sondern die kindliche Annahme des Geschenkes, aufgenommen zu sein und aufnehmen zu dürfen.

Mit dem Wunsch, Solidarität zu leben, diesem mich – von meinem Kleinglauben einmal abgesehen – durchgängig leitenden, mich konstituierenden Interesse, finde ich mich in einer müde gewordenen, um ihre Existenz ringenden westeuropäischen Gesellschaft vor. Der Untergang ihrer Herrschaft, auf die sie so stolz ist, hat sich angekündigt. Die gesellschaftliche Desorganisation, kaschiert durch eine gut funktionierende Bürokratie, wird an vielen Stellen deutlich. Viele Untersuchungen und Reflexionen über die Ursachen dieser Entwicklung sind vorgelegt worden. Darüber hinaus hat manchem der Terrorismus die Augen geöffnet.

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Einschub:

Ein Beispiel: Spiegel 17.4.78 Seite 118 „Narren, Träumer und Verzweifelte – Westdeutsche Vergangenheitsbewältigung: Die Such nach den Ursachen des Terrorismus“:

Der Züricher Soziologie-Professor Schmidtchen formulierte ‚drei Bereiche gesellschaftlicher Desorganisation’ als Ursachen des Terrors:

Die erste ist Verwilderung im religiösen Bereich. Mit einem Machtverlust der Kirchen schwindet ein Moment der Rationalität in der Behandlung des Religiösen. Merkmale dieser Rationalisierungsleistung der Kirchen sind: 1. Öffentlichkeit und 2. Produktivität der religiösen Lösungen. Ein wesentlicher Aspekt dieser Rationalität des Religiösen ist die Abwehr menschenfeindlicher Entwicklungen. Die große Zeit destruktiver Sekten bricht an, die zum Schrecken der Eltern Heranwachsender werden.’

Als zweites Beispiel von Desorganisation schildert Schmidtchen den ‚Zerfall der gesellschaftlichen Moral’, der sich an steigenden Kriminalitätsraten, höherer Aggressivität und dem Ersatz moralischen Handlungskriterien durch Effektivitätskriterien festmache: ‚Die Gesellschaft scheint in einen hoch organisierten, disziplinierten Teil zu zerfallen. Die hoch organisierte Gesellschaft, im Besitz der Produktionsmittel, des Wissens und der Machtmittel, bezieht sich auf den desorganisierten Teil der Gesellschaft nur noch defensiv. Verteilungspolitik, Separierung und polizeiliche Kontrolle sind die Instrumente dafür.’

Durch die ‚Desorganisation der Persönlichkeitssysteme’ sei es schließlich Millionen Menschen ‚verwehrt, ein positives Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten.’ Es mangele an ‚lohnenden Interaktionsbezügen’, in denen Maßstäbe für die Eigen- und Fremdbewertung enthalten seien. Kriterien für die Selbstbewertung dürften nicht nur in der Gruppe gesucht werden, sondern müssten auch vom gesellschaftlichen System angeboten werden.“

Manchmal scheint mir unsere heutige Situation ähnlich mit der Zeit der ausgehenden römischen Herrschaft, die dann durch das Eindringen junger, unternehmungsfreudiger Völker besiegelt wurde. Wie mögen vorausschauende Menschen damals gelebt haben?

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Wie man die einzelnen Phänomene unserer Zeit auch gruppieren mag, das Ergebnis der Analyse sieht immer wieder ähnlich aus: Hilfen zur Annahme der eigenen Identität und in Dienst nehmende, begeisternde Hoffnungen werden von der Gesellschaft – und ebenso wenig von der Kirche, soweit sie sich damit kritiklos identifiziert – nicht herausgestellt. Von einigen zu verwirklichenden Reformen abgesehen, die oft genug sogar recht fragwürdige Neuerungen anstreben, scheint keine Veränderung in unserem gesellschaftlichen Leben mehr notwendig zu sein. Gibt es nur noch technokratische Probleme? Das ist – kurz gesagt – die Weise der Reichen, die Welt zu sehen. Ist die Menschheitshoffnung nach einer Welt ohne Hunger, ohne verurteilendes Gesetz, ohne Herrschaft eines Menschen über den anderen in unseren Ländern mundtot gemacht? Wo erheben die säkularen und die religiösen Propheten ihre Stimmer angesichts des Hungers nach Gerechtigkeit in der Welt?

Das zentrale „Angebot“ unserer Gesellschaft, Identität in ihr zu finden, ist mir – ein wenig vereinfachend – folgenderweise begegnet: wir sollen aufsteigend an der Macht teilnehmen und die Mechanismen der Verachtung gegenüber weniger erfolgreichen oder gar weniger wertvollen Menschen akzeptieren. Wie mancher andere möchte ich mich diesem versucherischen „Angebot“ auf meine Weise klar und deutlich verweigern, Es kann hier nicht darum gehen, alle Möglichkeiten der Verweigerung auf zu zeigen; ich will den Weg verdeutlichen, den ich gesehen habe. Die Zurückweisung von – über Aufstieg und Besitz gefundenen – Scheinidentitäten scheint mir eine wichtige Rolle im Prozess der Menschwerdung jedes Einzelnen und von Gruppen zu spielen. Dabei hat die Verweigerung notwendig ebenso viele Gesichter, wie Versuchungen auf uns zu kommen.

Wie können wir den Mut aufbringen, Lebensraum und Phantasie durch die Verweigerung in einer müde gewordenen Gesellschaft, d.h. jener, die sich auf Macht und Besitz zurückgezogen hat, wirkungsvoll freikämpfen?

Ignatius von Loyola hat in einer ähnlichen Zeit des Umbruchs gelebt. Nach seiner Bekehrung und einer Zeit extremer Verweigerung und des Gebetes hat er seine Erfahrungen auf dem Weg der persönlichen Identitätsentdeckung niedergeschrieben und uns eine keinesfalls überholte Anleitung für diesen Prozess des Suchens und Findens des Willens Gottes in die Hand gegeben: die Exerzitien.

Was geben wir Christen heute den Menschen in unserer Umbruchssituation mit ihren Fragen hinsichtlich einer neuen, sich auf eine lebendige Hoffnung gründenden Gesellschaft an die Hand? Welche Anhaltspunkte gibt es für die Identitätsfindung in unserer oft verrannten Situation? Wo sagen wir Halt, wo spornen wir an?

Um eine Antwort zu suchen, müssen wir wohl – wie Ignatius und alle anderen Menschen guten Willens – durch das Feuer der Verweigerung und des Gebetes gehen. Darauf möchte ich später genauer eingehen. Hier nur schnell schon einige Mut machende Erfahrungen:

  • Die Verweigerung, weniger angesehene Menschen und einen scheinbar fernen, idealisten, unempfindlichen Gott nicht zu verachten, schafft einen großen Freiraum der Begegnung, in den wir uns mehr und mehr nicht nur in unseren idealen Eigenschaften und Erfolgen, sondern als Sünder, Kranke, Hungernde angenommen wissen. Die Dummheit der Armen besteht ja gerade darin, nicht vollkommen zu sein und aus diesem Wissen heraus, ohne die Bedingung der Sündenlosigkeit – oder was die Mächtigen dazu erklären mögen – den ihnen Begegnenden aufzunehmen. Angehalten durch die unterschiedlichsten Repressionen gegen die Armen und wegen unserer Verweigerung der Anbetung des Aufstiegs wird uns unter den Armen ein großes Feld geschenkt, eine ganze Reihe Schritte auf eine größere menschliche Identität hin zu probieren und dabei alte Verhaltensmuster abzulegen und neue aufzugreifen.

In diesem Prozess und vorrangig in der dabei erlebten Einheit ist mir die Wichtigkeit des vorliegenden Themas deutlich geworden.

  • Während dieser Zeit wurde mir ein neuer Schlüssel zum Lesen der Bibel in die Hände gegeben. Ich habe Jesus, die Jünger, die Gemeinden in den vorliegenden, uns tradierten Zeugnissen bei ihrem Entdecken der ihnen geschenkten Identität verfolgt, besonders angesichts der Tradition, in der sie sich vorfanden und ihrer Begegnung mit Christus und seiner lebendigen Botschaft unter ihnen. Immer neue Entdeckungen wurden mir zugespielt, die mich einmal in meinem Suchen kritisch herausforderten und ein andermal -trotz dem mir entgegengebrachten Unverständnis- ruhig werden ließen. Darin liegt ein weiterer Grund, dieses Thema aufzugreifen.

  • Doch den entscheidenden Grund habe ich trotzdem noch nicht genannt: In der Entdeckung der uns geschenkten Identität als Menschen – mancher würde vielleicht lieber vom Sinn des Lebens oder ähnlichem reden – trete ich mit aller Vorsicht dem Willen Gottes entgegen, seiner Schöpfung in mir und in der Tradition, die mich prägt, seiner Schöpfung in den Nächsten, die mich herausfordern, ich oder wir selbst zu werden, und in all den Anlässen, uns zu dieser Schöpfung zu bekennen. Der Wille Gottes ist die Wurzel unserer je eigenen Identität und die Hoffnung auf das Reich Gottes, die Sinnspitze all unserer geläuterten Interessen als Einzelne, als Gruppen, als Völker. Die Frage nach der Identität könnte also auch heißen: wie gehen wir die weitere Geschichte von dem in ihr manifesten Willen Gottes her an und lassen ihn sich ganz realisieren? Doch seien wir vorsichtig, unsere oft egoistischen und anerkennungssüchtigen Interessen als diejenigen Gottes auszugeben und respektieren wir auch jene Menschen, die für eine solche religiöse Sprache in ihrem Leben kein Verständnis zeigen. Sie sehen mit ihrer Sprache vielleicht manche Dinge klarer als wir sie mit der heutigen religiösen Sprache greifen können. Außerdem bedeutet das Erlernen der Sprache eines anderen sehr viel Mühe; beginnen wir mit dem Sprachstudium, bevor wir jemanden anders darum bitten, unsere religiöse Sprache zu erlernen.

Meine Überlegungen werden oft in einer sehr subjektiven Sichtweise stecken bleiben. Das liegt einerseits daran, dass mir oft genug noch kollektive Erfahrungen fehlen oder nicht genügend bewusst sind. Andererseits ist mein eigenes subjektives Suchen, zu dem ich mich bekennen möchte, durch die Begegnung mit vielen geprägt, die nicht immer eigens genannt werden. Ich bin in dem, was ich bin, durch andere und ich darf, so wie ich bin, mich in anderen wieder finden. Um diese Dialektik wissend und auf ein ausgeprägteres kollektives Engagement hoffend, wage ich diese Überlegungen niederzuschreiben. Interesse zu haben heißt ja auch, hungrig, noch nicht fertig sein und den Einsatz für eine größere Gerechtigkeit unter uns wünschen. So werden diese Zeilen hoffentlich vorläufigen Charakter behalten.

Ein gehorsamer, absondernder, Freude schenkender Schritt

Anfang August 1975 stand ich mit all meiner Habe auf dem Bahnhof in Besancon, allein, ohne ein Wort der hier gesprochenen Sprache zu verstehen. Ich war von zuhause aufgebrochen mit einem Dreijahresvertrag. Es war wirklich gelungen. Doch jetzt, wo sich orientieren?

Da kam ein japanischer Freund, ein Jesuit aus Frankfurt auf mich zu. Ich hatte ihm nicht geschrieben, wann ich kommen wollte, doch er hatte an diesem und nur an diesem Zug auf mich gewartet: Ich war in Frankreich nachhause gekommen. (Ganz ähnlich ist es mir später bei der Ankunft in Toulouse geschehen.)

Wie ist es zu diesem Schritt in die Fremde gekommen?

All die Namen der Mitbrüder kann ich hier nicht aufführen, die mir zu diesem Schritt Mut gemacht haben. Doch möchte ich auf zwei entscheidende Momente bei der Entscheidungsfindung hinweisen:

  • Das Studium, vor allem der Theologie der Befreiung

  • Die regelmäßige Arbeit im Umzugswesen.

Beides begann etwa zur selben Zeit 1973 und hat sich gegenseitig bedingt. Durch das Studium habe ich erfahren, dass eine lebendige Kirche, eine Kirche der Hoffnung für die Armen, die Ausgebeuteten…heute existiert. Ich habe viele Berichte über Basisgemeinden gelesen. Die Theologie der Befreiung wendet moderne Methoden der Analyse unserer heutigen Situation der Abhängigkeit an – auf Weltebene und innerhalb einzelner Länder – und befragt vom Engagement der verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften für die Gerechtigkeit in ihren Ländern her den Glauben und seine Geschichte, um von daher das eigene Engagement je neu zu korrigieren und verstärkt fortzusetzen. Ich habe dabei gelernt, konsequent nach dem Interesse – dem persönlichen und gesellschaftlichen – Ausschau zu halten.

Die praktische Arbeit hat mir in meinem mir immer deutlicher sichtbaren Konflikt mit der unhaltbaren Situation, in der wir uns als Kirche und Volk in Deutschland befinden und in meinem Unmut über die mangelnde eigene Integration im Kampf für die Gerechtigkeit ein Stück Leben geschenkt – zum einen stellte sie für mich ein „Lesezeichen“ in meinem Leben dar, ein Zeichen meines Wunsches nach konkreter, mich ganz hinreißender, nach befreiender Solidarität mit allen Menschen – zum rückhaltlosen Vertrauen auch gegenüber den „Nichtvertrauenswürdigen“, den scheinbar ständig zu Kontrollierenden und zum anderen wurde mir mit der Arbeit die Freude am Lesen der Bibel geschenkt; ihre Texte legten mir die gegenwärtige Situation aus und zeigten sich dadurch in ihrer befreienden Kraft.

Zusammenfassen:

Das Studium und die noch unerhebliche aber doch regelmäßige praktische Arbeit im Umzugswesen in einem Kontext mich nicht befriedigender gesellschaftlicher Zustände haben entscheidend dazu beigetragen, am Ende der Studien aufzubrechen. Ich durfte nicht in de reinen Reaktion, im ständigen Nörgeln stecken bleiben.

Wie entscheidend war dieser Schritt?

Es war für mich eine zwar noch vorläufige und gegenüber anderen relativ leicht zu verharmlosende Proklamation. Sie muss auf folgendem Hintergrund gesehen werden, nämlich meinem Unmut über die Zerteilung der Welt, der einzelnen Gesellschaften, in Klassen; diese Unterdrückung der Armen durch die Reichen und den Unmut gegenüber weiten Kreisen der Kirche, wo trotz besseren Wissens – Pius XI hat schon 1931 in Quadragesimo anno (Nr.114) diesen „verwerflichen Klassenkampf“ angeprangert und zur Umkehr aufgerufen – mit den Mechanismen der Unterdrückung nicht deutlich gebrochen wird und selbst in den eigenen Bereichen, Gemeinden, Kommunitäten nicht in der Form einer „realisierten Gegengesellschaft“ anderen Mut machend auf das Reich Gottes hingelebt wird.

Auswandern oder/und den Glauben an Jesus Christus und seine Kirche fallen zu lassen, waren keine Lösungen für mich, mit meinem Unmut fertig zu werden. Ein Zurück zu meinem Kindheitsglauben an eine heile Gesellschaft und eine gutmütige Mutter Kirche war nicht mehr möglich. In meinem Leben war die Zeit reif für ein Zeichen, das die Verweigerung kritikloser Integration in das bestehende Unrecht und die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme in dieser Gesellschaft und Kirche verdeutlichen konnte und das auf einen Freiraum für positive, tragende Erfahrungen hinwies. Ein solches Zeichen war für mich die Annahme des dreijährigen „Ausbildungsvertrages“ in Frankreich. Ja, es sollte eine Zeit der Ausbildung vor Ort werden, der Beginn einer beständigen Fortbildung.

Das Moment der Verweigerung in diesem Schritt nach Frankreich habe ich angedeutet – ein klares Nein zu einer Rückkehr in mich nicht überzeugende Strukturen. Aber noch entscheidender war die wissende Hoffnung auf das Engagement von Christen in der Arbeiterklasse, bei dem ich lernend mittun wollte.

War der Schritt also Ausdruck einer Konversion zu einer Klasse?

Die Zugehörigkeit zu einer Klasse bedeutet das Stehen an einem konkreten gesellschaftlichen Ort. Ja, die Wahl oder besser: das Akzeptieren dieses Ortes für mein Leben war mit dem Schritt nach Frankreich angezeigt: ich sollte Erfahrungen als Arbeiter sammeln, Arbeiter werden und im Gehen dieses Weges überprüfen, ob sich in dieser Entscheidung die in mir angelegte Identität und der Impuls durch den Orden ausdrückt.

Doch ich ahne bei der gestellten Frage Böses.

  • In unserer Gesellschaft gibt es ganz sicher Herrschende und Abhängige; und ich möchte letztere nicht in unterschiedliche Gruppen zerteilen, um sie dann im Sinn der Herrschenden – darauf beruht ja ihre Macht – gegeneinander auszuspielen. Doch scheint es mir nicht der Wirklichkeit zu entsprechen, dass die Gesellschaft in eine Klasse der Herrschenden und eine der Beherrschten auseinander fällt oder sogar noch naiver: in eine Klasse der Bösen und eine der Guten. Eine solche Sichtweise deckt allzuschnell die Unterschiedlichkeit der Einzelnen und der von ihnen gebildeten Gruppen zu und ist letztlich unmenschlich. Frauen-, Ausländergruppen,… wehren sich mit Recht dagegen, dass eine generelle, für Einzelheiten blindmachende Klassenkampfthese ihr je eigentümliches Engagement aufsaugt, ja missbraucht. Die Wahl der Klasse bedeutet für mich nicht das Eintauchen in eine graue Masse, sondern das Gewinnen von Individualität.

  • Außerdem bedeutet das Akzeptieren meines gesellschaftlichen Ortes nicht das Eintreten in den Raum der Heiligen. Ich hänge keinem Mythos der Arbeiterklasse an (Bei der Entmythologisierung des Begriffs der Arbeiterklasse bin ich ganz eins mit dem Anarchisten Rocker, Tagebuch eines Deutschen Anarchisten, Frankfurt 197 ,…..). Abhängig zu sein ist doch noch kein Gütezeichen. Aber selbstbewusst Arbeiter zu sein, eine engagierte Arbeiterklasse bedeutet an der Realität gewachsene Identität, die ich sehr schätze, zumal wenn sie nicht nur in der Reaktion auf die Ausbeuter hin besteht. Sie kann Unrecht zurückweisen, auf bessere Verteilung der Güter drängen und auch Kranken, Alten, Jugendlichen Schutz geben. Doch möchte ich betonen, dass für mich das einigende Band unter engagierten Menschen im täglichen Leben ihr Einsatz für Gerechtigkeit ist. Hier liegt der Ansatzpunkt, die nicht zu übersehende Zerteilung der Gesellschaft in Klassen auf Dauer zu überwinden und sie nicht festzuschreiben oder auf idealisierende Hilfskonstruktionen wie „Arbeiter der Stirn und Faust“ angewiesen zu sein, wie das in privat- oder staatskapitalistischen Systemen geschieht.

Zusammenfassend: Zur Menschwerdung gehört es, dass wir uns an einem geschichtlichen und gesellschaftlichen Ort akzeptieren lernen. Wenn auch bedingt, tragen wir Verantwortung für die Wahl dieses Ortes, besonders wir als Ordensleute, die wir durch unsere Ausbildung, die Ehelosigkeit, die Berufung in eine Gemeinschaft einen größeren Entscheidungsspielraum bekommen haben. Der Schritt nach Frankreich war Ausdruck einer solchen Wahl, wenn auch vorerst bis auf Widerruf. Die Einheit im Engagement für die Gerechtigkeit endet für mich aber nicht an der Grenze der Klasse, in der ich lebe.

Gehört die Rede vom „Einsatz für die Gerechtigkeit“ unter „linken Christen“ jetzt auch

im Orden zum guten Ton; ist sie nicht ein sich selbst gegebenes Gütezeichen

aufgeklärter, intelligenter Humanisten oder nicht nur eine mehr oder weniger

nichts sagende Glaubensformel?

Ja, ähnlich wie der Basisbegriff im politischen Reden Rechter wie Linker oder in Kirchenkreisen der Begriff „die Armen“ oder oft genug anderswo der Begriff der „Arbeiterklasse“ wird auch das Schlagwort „Einsatz für die Gerechtigkeit“ oft als Joker bei fehlenden Argumenten und Perspektiven gebraucht. Irgendwie ist dabei ein gemeinsames Suchen und Ringen angesprochen, auch dann, wenn es noch nicht klar umschrieben werden kann. Doch darin liegt ähnlich wie beim Sozialismusbegriff Gefahr und Chance. Nicht weil wir schon ein gemeinsames Wort haben, was auf unser Ziel hinweist, sind wir schon einig über die einzelnen Inhalte und den Weg, der einzuschlagen ist. Soll mit dem Schlagwort „Einsatz für die Gerechtigkeit“ die Frage nach dem Ziel, dem Sinn, dem gemeinsamen konkreten Weg überspielt werden, so ist größte Vorsicht geboten.

Dagegen kann das Wort vom Einsatz für Gerechtigkeit eine ganz wichtige positive Rolle spielen, nämlich wenn es ein Grenzen überschreitendes gemeinsames Ringen stimuliert; besonders wir Christen können mit dem Wort unseren Wunsch nicht nur nach Respektierung sondern nach Achtung des Anliegens unseres Nächsten signalisieren trotz eigener Apathien oder gar Feindschaften ihm gegenüber, wenn wir seinen Einsatz für die Gerechtigkeit glaubwürdig herausstellen. Dieses Bemühen ist besonders im Hinblick auf die Einheit des Ordens, aber auch der Gemeinden und der ganzen Kirche von großer Wichtigkeit, denn wir Christen sind trotz alles kritischen Abstandes zu dieser konkreten Welt und des Bekenntnisses unserer Schuld nicht nur durch unsere Zeit, Nationalität, Sprache, sondern auch durch die befeindeten Klassen gespalten, in deren Kontakt wir auch als Ordensleute leben. Wenn wir uns im Orden auf die Arbeit – ja das alltägliche Leben – in verschiedenen Klassen einlassen, ist damit ohne dieses Ringen um gegenseitige Anerkennung im Einsatz für die Gerechtigkeit – oder was dem im Blick auf das Kommen des Reiches Gottes entspricht: der Einsatz für den Glauben – die Spaltung unter uns vorausgeplant.

Nebenbei: die Wahl der Arbeiterklasse für das Engagement des ganzen Ordens würde die Gefahr nicht bannen, wie sich leicht an der tausendfachen Spaltung linker Gruppen zeigen lässt. Die absolute Wahrheit im politischen Bereich gibt es nun mal nicht. Im besten Fall geht es um das Ringen, welche der möglichen Entscheidungen konsequenter auf dein gerechtere Welt abzielt – oder um es in der Sprache christlicher Verheißung zu sagen: in welcher das Werden des Reiches Gottes besser zum Ausdruck kommt. Menschliche Utopien und Realisierungsvorschläge sind überlebensnotwendig, aber nie absolute Wahrheiten.

Noch eins: Die Wahl des gesellschaftlichen Ortes, der Klasse für mein Engagement ist nicht mit dem Einsatz für die Gerechtigkeit gleichzusetzen. Ich halte die Anerkennung, die Freundschaft mit meinen Kameraden – sie sind oft genug die in unserer Gesellschaft Verachteten – für ganz wichtig und für eine Verpflichtung. Sie ist die konkrete Verwurzelung an dem Ort, an den ich gerufen bin. Doch worin einmal mein Einsatz für die Gerechtigkeit an diesem Ort bestehen könnte, das ist für mich eine auch am Ende der Zeit in Frankreich offene Frage. Vielleicht sehe ich von meinem gesellschaftlichen Ort manches Unrecht leichter. Doch auch das ist nicht von vornherein sicher. Ein Arbeiter muss ich ja an die Herrschenden verkaufen, er steht in ihren Diensten. Das bindet – bis zur erhofften und verheißenen Veränderung – auch ihn in eigentümlicher Weise an die ihn und andere oft missachtenden Interessen der Herrschenden; und diese manchmal blind machende Prostitution beginnt nicht erst bei der Produktion von Waffen.

Meinen spezifischen Einsatz für die Gerechtigkeit und entsprechend für den Glauben kenne ich also noch nicht; doch kann ich heute ein wenig besser den Ort beschreiben, an den ich gerufen bin. Nicht viel, aber doch ein Ergebnis.

Mit welcher Sicherheit hinsichtlich der Richtigkeit deines Tun bist du nach Frankreich gegangen?

Einige Wegweiser auf meinem Lebensweg, aber noch mehr die Anfragen der Mitbrüder und dann besonders die Dekrete der letzten Generalkongregation – die für mich gerade im richtigen Moment eintrafen – haben mir Mut gemacht in den Exerzitien die rote Linie in meinem Leben ein Stück weiter auszuziehen. (Manches sprach natürlich auch scheinbar dagegen: ich habe kein „Händchen für Arbeiter“ und bin nicht an Kneipenbesuchen, Glückspielen, usw. besonders interessiert.) Auch die Unterstützung des Provinzials blieb dann nicht aus. Ich habe, glaube ich, nicht verantwortungslos gehandelt. Die Zeit war reif, ein Stück weiterzugehen.

Mit dem Wunsch nach Frankreich in die Welt der Arbeit zu ziehen, hatte ich mich zu einem Stück meiner Identität öffentlich bekannt. Jetzt galt es, damit leben zu lernen. Es ist wohl typisch, dass ein solches Bekenntnis erst einmal in die Wüste und – in diesem Fall ganz real – in die Sprachlosigkeit führt.

Hast du dich nicht übernommen? Warst du nicht zu anmaßend? Du Pharisäer! Größere Gerechtigkeit ist doch nur ein Wunschbild! Solche und eine Reihe ähnlicher Fragen tauchten in Scharen auf. Körperlich wurde immer wieder ein Rückzugsgefecht in die Krankheit angeboten und vielfältige Gründe nahe gelegt, das Sprachstudium hintanzustellen. Dies war aber doch der entscheidende Kontakt mit der Welt in die ich aufgebrochen war. Würde ich den Versuchungen widerstehen können?

In dieser Wüstenphase sind all meine Sicherheiten trotz vieler Gebete nochmals in Frage gestellt worden. Alle meine gescheiten Reden hatten keinen Sinn mehr. Wirklich keine sonnige Urlaubszeit – soviel Freude mir auch viele Dinge in dem schönen Städtchen Besancon gemacht haben – sondern ein Ringen um geduldige Gelassenheit im Gebet und um die tägliche Rückkehr in das Sprachlabor. Nach sechs Wochen konnte ich auf der Straße noch immer keinen französischen Satz sprechen. Würde es einmal klappen?

Ich war in dieser Zeit nicht alleine; ich hatte Freunde und fand neue Freunde. Außerdem wurde ich in dieser Zeit auf eine innere Gewissheit aufmerksam, die mich in dieser Phase der Versuchungen, Hilflosigkeit und oft Niedergeschlagenheit dann sehr frohgemacht hat: Auch wenn du jetzt nicht recht weißt, was die Zukunft bringt, wie du Christus begegnen wirst, der dich hierher ruft, sei aber gewiss, der Schritt nach Frankreich ist kein ertrotzter, unreifer, sondern ein gehorsamer.

Das war eine entscheidende Wende: Menschwerdung bedeutet Gehorsam. Eine Wahrheit, die mir dann im Neuen Testament auf Schritt und Tritt begegnete. Das war die Befreiung: ich durfte gehorsam sein, innerlich und äußerlich. Ja, ich hatte Sicherheit gefunden, doch keine verbale, rezeptartige, sonder mehr eine vergangene: dieser getane, jetzt im täglichen Leben einzuholende war ein gehorsamer Schritt. Verlass dich darauf! Geh weiter! Geh weiter, ohne nach neuen Zeichen und Wundern zur Bestätigung dieses Schrittes zu fragen!

Zwei Anmerkungen noch zu diesem Punkt:

  • In dieser Zeit ist mir weiterhin die Sicherheit geschenkt worden, dass ich – auch ohne die

Gründe der Kirche im Einzelnen zu kennen – ihren Wunsch, mich zum Priester zu weihen, akzeptieren darf. Knapp zwanzig Jahre habe ich Gegengründe hinsichtlich eines solchen Ansinnens aufgehäuft. Sie sind nicht widerlegt, doch sie sind mir alle aus den Händen genommen worden. Ich brauche mich nicht mehr hinter meinen Vorbehalten zu verschanzen.

Gehorsam spielt die Vernunft nicht aus, sondern fordert sie heraus; sie ist aber auf mehr als das selbst oder mit anderen Ausgedachte gerichtet. So hatte zum Beispiel mein Ja zur Priesterweihe für mich bei aller angezeigten Bescheidenheit eine gewisse Ähnlichkeit mit der Entschiedenheit aber auch mit der Verständnislosigkeit, die mir bei Abraham aufgefallen ist, als er von Gott ins Ausland, die Heimatlosigkeit, geschickt wurde oder bei Jesus, als er – um die Abwendung des Kreuzestodes bis zur letzten Minute am Ölberg bittend – gefangen genommen wurde.

  • Das Wissen um einen gehorsamen Schritt hat natürlich Rückwirkungen auf die

gegenwärtig erfahrene Identität. Dabei setzt das Wissen darum, dass wir in unserer ganzen Persönlichkeit Geschaffene, von Gott Verdankte sind, sondern auch jenes, dass wir gehorsam und darin weiterhin – also nicht nur von der Anlage her – Wille Gottes sein dürfen, von den aktuellen Lebensumständen her gesehen scheinbar ungerechtfertigte Freude frei. Vielleicht wird jeder echte Schritt der Selbstwerdung – in diesem Fall in eine abhängige Klasse, also unter von anderen ausgebeutete Menschen durch solche freudigen Augenblicke bestätigt. Mir ist es jedenfalls immer wieder so geschehen.

Suchen und Finden eines persönlichen Anrufs, dem wir vertrauend gehorchen können, geschieht innerhalb eines Wechselspiels oder besser in einem dialektischen Vorgang, der einerseits angestoßen wird durch das Hinhören auf die eigenen Anlagen und Erfahrungen und anderseits in dem Sich stellen der Impulse, Anfragen, und Prüfungen der eigenen Vorstellungen durch die Umwelt in Gang gehalten wird. Gehorsames Handeln findet unter den Stürmen tausendstimmigen Geschwätzes in inner Übereinstimmung beider statt: nämlich dem in jedem selbst und den in der Geschichte und der ganzen Gesellschaft angelegten Willen Gottes. Das Stehen zur eigenen Identität ist also die realistische Antwort auf die Anfrage der Umwelt. Wir verwirklichen uns im Gehorsam ihr und uns selbst gegenüber. Im Gehorsam liegt der Angelpunkt und nicht in der mehr oder weniger vollkommenen Befolgung moralischer Verhaltensmuster.

An verschiedenen Stellen der Gesellschaft zeigt sich dieses Wechselspiel, in dem wir den Willen Gottes finden können. Ordensleute stellen sich zum Beispiel ganz bewusst in die folgende Dialektik: verantwortliches Suchen des Willens Gottes jedes Einzelnen in den Exerzitien und Gehorsam gegenüber dem Orden, wobei sich im Befehl des Oberen der Wille Gottes ausdrücken soll. Dass ein Leben zwischen diesen beiden Feuern Konflikte mit sich bringen muss, da Irrtümer auf beiden Seiten vorkommen, scheint mir selbstverständlich. Doch drückt sich mit diesem Ja zu beiden Seiten für Ordensleute ihr Glaube aus, dass Gott letztlich durch beide spricht, derselbe Gott und nicht zwei verschiedene. Und das ist nicht nur der Glaube von Ordensleuten.

Auch im vorliegenden Fall hat sich in den letzten drei Jahren das Ringen um den Willen Gottes in diesem Wechselspiel Orden insgesamt und Obere – eigene Erfahrungen und Exerzitien fortgesetzt, wobei Impulse und Reaktionen von beiden Seiten kamen. Ähnliches galt für andere Wechselspiele, in denen ich mich vorgefunden habe: Freundschaften, Aktionsgruppen…

Ein gehorsamer- heißt das, ein endgültiger Schritt?

Jede Entscheidung in der Geschichte ist endgültig und nicht mehr rückgängig zu machen, wenn sie auch in ihrer Außergewöhnlichkeit durch andere Entscheidungen relativiert wird. Jeder getane Schritt ist sozusagen der Boden, auf dem wir stehen, auch dann noch, wenn wir versuchen, uns von ihm abzusetzen. In der gestellten Frage geht es nun um das jetzige und vielleicht zukünftige Verhältnis zu einem gegangenen Schritt.

Ein sich als gehorsam erweisender Schritt eröffnet Zukunft, die nicht in allen Einzelheiten sichtbar wird, die sogar manchmal völlig verstellt zu sein scheint, auf die hin er aber erst zu einem gehorsamen wird. Die gehorsam, nicht selbst gesuchte Bereitschaft zum Tod war der letzte öffentliche Akt der gefundenen Identität Jesu, die Ansatzpunkt für das Leben in der Auferstehung und für die Zukunft der Kirche wurde.

Eine gehorsame Tat eröffnet Zukunft, Leben und verpflichtet dem damit gegebenen Geschenk der Freude treu zu bleiben. Wir haben nun Rechenschaft abzulegen, inwiefern weitergehende Schritte der ergangenen Verheißung in unserem Leben gerecht werden.

Im gegebenen Fall heißt das für mich, soweit ich es heute sehe, dass ich vor den Kameraden, zu denen ich gerufen bin, Rechenschaft ablegen muss, wenn ich anderswohin weiterziehe.

Ein gehorsamer Schritt – und damit ein Stück Selbst- oder Menschwerdung – beinhaltet eine Verpflichtung gegenüber dem darin gewordenen Leben. Das in uns und beim Nächsten ehrlich zu respektieren und zu leben, ist ein Auftrag, hinter den wir nur unter Strafe der Verkrüppelung zurückkönnen. Das Rückgängig machen wollen des gehorsamen Auszugs Israels aus Ägypten bedeutet den Tod.

Eine zweite Antwort muss ich noch hinzufügen. Als ich nach Toulouse kam, war mir am ersten Abend, in all der Freude der freudigen Aufnahme und des Beginns, schlagartig ganz deutlich klar, die Zeit in Toulouse wird nur ein Ausbildungsabschnitt sein, eine vorübergehende Unterkunft; dein Leben ist hier nicht am Ziel. Diese Vorläufigkeit, diese Relativität des lange herbeigesehnten Schrittes zu sehen, war ein Schlag ins Gesicht. Mein Hunger war nicht gestillt und sollte nicht gestillt werden; das war mir vom ersten Abend an klar; trotzdem war ich froh, nun diese vor mir liegende Etappe leben zu dürfen und aktiv auf das zu warten, was später noch kommen sollte.

Zusammenfassend möchte ich die drei Jahre in Frankreich als ein Einholen der in dem gehorsamen Schritt liegenden Proklamation kennzeichnen, also ein vorsichtiges, nicht zu Ende kommendes Ausbuchstabieren der Hoffnung auf eine neue Zukunft.

Die zentrale religiöse Versuchung, sich für etwas Besseres zu halten

Nach einem Monat Arbeitslosigkeit in Toulouse, auf die ich gern später einmal zurückkommen würde, und einem Monat Arbeit im Umzugswesen, als Möbelträger und LKW-Fahrer, hatte ich eine Anstellung in der Aluminiumsverarbeitung als Pressenführer gefunden. Die Ausbildungszeit an der 2000 t Presse in Deutschland und die Zeit der Montage – insgesamt gut zwei Monate – soll hier einmal überschlagen werden.

Der Alltag in einem Zweischichtbetrieb als angelernter Arbeiter hat begonnen. Die gleichmäßige, immer wiederkehrende Tätigkeit lässt es zu, dass viele Fragen auftauchen und ich ihnen in ruhe nachgehen kann.

Sich entscheiden, Arbeiter zu werden – ist das nicht ein Widerspruch?

Sind nicht jene Menschen Arbeiter“, so hatte ich oft gehört, „die sich eben nicht entschieden und keine weiterführenden Schulen besucht haben? Sie sind gezwungen in die Fabrik zu gehen. Vielleicht sind sie intelligent genug, etwas zu lernen, doch sie waren zu faul oder widrige Lebensumstände, zu frühe Heirat, Glücksspiel, Schulden haben ihnen den Freiraum genommen, sich auszubilden und nicht dort unten in der Fabrik zu landen.“

Leicht kann man diese Sichtweise noch weiter entfalten und dann vor allem den Spieß umdrehen und mir auch ganz direkt sagen, dass ich anders sei, da ich ein Studium gemacht hätte, wieder aussteigen oder zumindest im Betrieb oder wenn schon nicht dort so in der Gewerkschaft aufsteigen könnte, usw. Auf einen Nenner gebracht: ich sei in diesen Zustand nicht wie die anderen hineingeschlittert. Wer geht schon freiwillig durch dieses Gefängnistor in die Fabrik? Ja gerade die Unfreiwilligkeit, der Zwang sei typisches Kennzeichen des Arbeiters.

Die ganze Argumentationskette dieser Schmeichler kann man schnell durchschauen, denn ungesagt steht am Ende: Du bist kein Arbeiter, ja du bist äußerlich auch dreckig, müde,… doch du bist etwas Besseres. (Der Hinweis auf die Ängste bei der Einstellung, die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes, den Abbau der Persönlichkeit in den Zeiten der Arbeitslosigkeit, die arbeitsbedingten Krankheiten usw. überzeugen sie natürlich nicht vom Gegenteil. Das „Wesen“, das „Eigentliche“ des Menschen, meine Seele würde dadurch ja nicht berührt.)

Diese Schmeichelei geht – ich muss es zu meiner Schande gestehen – wie Honig ein. Was soll ich jemandem sagen, der scheinbar eine so hohe Meinung von mir hat? Zwar hatte ich bald die Mechanismen dieser Versuchung durchschaut, doch ich musste noch einige Zeit kämpfen. Welch brutales, verzerrtes Bild von meinen Kollegen wird da gezeichnet, diese Untermenschen, zu dumm, lustgeleitet oder faul, um aufzusteigen und Mensch zu werden. Sie sind ja selbst Schuld an ihren Lebensumständen.

Sicherlich, manch einer hat Dummheiten begangen – wer eigentlich nicht? Manche haben Kontakt mit der Polizei bekommen, mancher muss fehlende Sicherheiten oder Bildungslücken mit großen Gesten vertuschen – aber das ist nicht nur bei manchen Arbeitern so. Ist das wirklich der Grund, die Arbeiter insgesamt so abzuqualifizieren? Steckt dahinter nicht ein ganz anderes Interesse, was nicht genannt sein will? Zwar sind die Motive leicht zu durchschauen, die zu solch einem Verhalten führen; und doch bleibt irgendwie immer etwas von den Verleumdungen hängen, da ja auch in ihnen ein Funken Wahrheit steckt. Und wen wundert es am Ende, dass man besser dastehen will, als diese Karikatur des „typischen“ Arbeiters?

Diese Art Versuchung konnte ich erst leichter zurückweisen, als ich langsam gelernt hatte, die Entscheidungen meiner Kollegen zu achten, zum Beispiel jene treu befolgte Entscheidung, jeden Monat eisern zu sparen, den Lohn an die Frau zu schicken, auch wenn er seine Familie nur einmal im Jahr sehen konnte.

Wirst du nicht in der Fabrik immer ein Fremder bleiben?

Das ist der zweite Angelhaken derselben Versuchung. Ich bin ein Fremder und hoffentlich bleibe ich das auch und integriere mich nicht allzu sehr in die Fabrikstruktur. Hoffentlich behalte ich Abstand, kann beobachten, bin nicht völlig fremdbestimmt; hoffentlich verleugne ich nicht meine Geschichte, Ausbildung, meinen Glauben. Innerlich lehnt sich in mir eine Menge gegen die geforderte quasi göttliche Verehrung des Direktors und seiner Vorgesetzten auf. Und das ist auch nicht schlecht. Viele sorgsam zurecht gelegte Ideologien kommen auf Grund der neuen Erfahrungen in der Fabrik durcheinander und werden unbrauchbar; doch ich werde mich bemühen, die Zusammenhänge neu zu erkennen, besser durchzublicken. Spätestens dann setzt der Frager nach: Du bist also kein richtiger Arbeiter!

(oder in einem etwas anderen Kontext: du bist kein richtiger ausländischer Arbeiter, da du dieselbe Hautfarbe wie die Franzosen hast, auch Europäer bist, die Vorteile des Europäischen Marktes genießt, deine Muttersprache dem Französischen näher ist als eine der afrikanischen oder asiatischen Sprachen, du nicht aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen gezwungen warst, in Frankreich Arbeit zu suchen, usw. Aber dass ich wie meine Kollegen zu einer partiellen Verantwortungslosigkeit gezwungen bin, die mich formt, dass ich nämlich kein Wahlrecht mehr habe, kein Bürger hier in Frankreich bin, das wird leicht übersehen, ganz abgesehen von dem oben angesprochenen „Zwang“ zum Ortswechsel.)

Oft habe ich auf die vorausgehende Versuchung etwas trotzig geantwortet: „Für mich trifft dieselbe Unfallgefahr zu wie für die Kollegen; das ist kein Spiel.“ Und innerlich habe ich eine zweite Antwort gewusst: „Ich bin genauso wie die meisten Kollegen gezwungener weise in diesem Loch; ich müsste gegen den Willen Gottes und damit gegen mich selbst handeln, also ungehorsam werden, wenn ich jetzt ohne ein entsprechendes Zeichen meine Papiere nehmen würde.“ Doch das nur am Rande.

Mit dem leise gesprochenen Satz – du bist kein richtiger Arbeiter – ist schwieriger fertig zu werden als mit der ersten Versuchung. Kann es im Kontakt mit den Kollegen nur um eine äußere Angleichung in Sprache, Kleidung, Wohnen, Freizeit gehen? Wenn ja, dann kommt sofort die nächste Frage: mit welchem Interesse geschieht diese Bauernfängerei? Nein, es geht nicht um eine äußere Angleichung, also nur um eine Fassadenidentität als Arbeiter: vorne macht man sich dreckig, ist ein Niemand und hinten ist man „eigentlich“ doch ein Jemand, ein Anerkannter, etwas Besseres als es von vornherein scheint.

Mit dieser Versuchung habe ich besonders im Zusammenhang mit der Priesterweihe ringen müssen, die in diese Monate fiel. Habe ich durch die Weihe nicht eine doppelte Identität: Arbeiter und Priester? Sind wir nicht gespalten in eine profane und eine wirkliche, wir selbst seiende Hälfte? (vgl. auch die Diskussionen der Arbeiterpriester in Frankreich aus Anlass des Nationalkongresses Pfingsten 1976 und jene im Orden aus Anlass der zunehmenden Professionalisierung der Jesuiten, Treffen Cyclus B Paris März 1978) Vielleicht überziehe ich den Bogen; doch auf jeden Fall werde ich nicht so leicht fertig mit dem Satz: du bist kein richtiger Arbeiter.

Ich habe weiter meine Pflicht getan und bin im Alltag untergetaucht. Erst sehr viel später konnte ich eine Antwort formulieren, die vielleicht auch jetzt noch nicht allgemein überzeugen mag. Ich habe gesehen, wie jeder meiner Kollegen eine lange, reiche Geschichte hat; einen Reichtum, den wir miteinander zu teilen suchen. In diesem Prozess ist auch meine Geschichte gefragt und ich darf sie wie alle anderen auch unter uns Kollegen einbringen. Ihr Vertrauen hat die Frage nach dem wahren Arbeiter überflüssig gemacht. (Wieder einmal ist mir klar geworden, dass nicht die Herkunft das entscheidende Band der Einheit ist, sondern das Annehmen der eigenen Realität – jenes Ortes, für dessen Wahl wir bedingt Verantwortung tragen – und das im Kontext mit anderen gefundene Engagement). In dem Satz – Du bist kein wirklicher Arbeiter- wird eine Schablone vom „richtigen“ Arbeiter nahe gelegt, so weiß ich heute, die eine reine Fiktion ist oder genau genommen eine Diffamierung. Sie will die Aussage herauslocken: „Ich bin etwas Besseres“ – Ja, ich bin etwas Besseres als diese Unterstellung; aber meine Kollegen auch.

Warum gehst du in die Fabrik?

Das ist die dritte Frage im Bunde der anfänglichen Versuchungen. Ihr kann man noch schwerer auf den ersten Blick hin ansehen, wohin sie die Eitelkeit lenken will. Ist es nicht wichtig, dass ich nach dem Interesse frage, mit dem ich diese oder eine andere Arbeit gesucht habe?

Ja, es ist wichtig, nicht nur nach dem Startinteresse zu fragen, den mitgebrachten Vorstellungen, sondern auch dem Interesse, das sich erst nach und nach entpuppt und neu einstellt. Inwieweit ist eine anderswo nicht befriedigte Anerkennungssucht im Spiel oder der Wunsch, eine ruhige Kugel zu schieben? Inwieweit gehst du von fremdkulturellen Vorstellungen aus oder hängst einem von wirklichkeitsfremden Ideologien gespeistem Bekehrungswahn an, usw.? Ganz recht, die Erforschung der in mir kämpfenden Interessen – und jener, auf die ich bei anderen stoße, oft bedingt durch ihren gesellschaftlichen, arbeitstechnischen …Ort – und die auf diese Analyse hin eingeleitete Bereinigung meiner Motive ist für mich lebensnotwendig. Solange die Frage: Warum gehst du in die Fabrik? diesen Prozess des Eingeständnisses der tatsächlichen Triebfedern meines Handelns und der notwendigen Umkehr anstößt (er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Arbeit eines Psychoanalytikers), leistet diese Frage einen wertvollen Dienst.

Doch es ist oft genug wichtig, nach den oft kaum reflektierten Voraussetzungen zu forschen, von denen her die Frage gestellt wird und mit denen man später bei der Beantwortung ringen muss. Oft bin ich dabei auf die Vorstellung gestoßen, ich hätte ja keine Familie, wäre durch den Orden abgesichert oder ich hätte ja ein Studium und es deshalb nicht nötig, solcher Arbeit in der Fabrik nachzugehen. Es wird also nicht davon ausgegangen, dass alle Menschen mit ihren Händen ihr Brot verdienen müssen, und nur einige, weil sie zu jung, krank oder alt sind oder andere, weil sie für den hauptamtlichen Dienst an der Gemeinschaft freigestellt sind, dieser Verpflichtung gerechtfertigter weise nicht unterliegen, da andere die Arbeit für sie mit übernehmen, sondern vom Gegenteil. Die Fragesteller mögen ganz ausgezeichnete Arbeit in der Gesellschaft leisten, doch vor wem rechtfertigen sie ihr Verhalten? Oft drückt sich das ganz materiell aus: wie viel nehmen sie sich von dem gemeinsam erwirtschafteten Geld des Volkes? Das Brot kostet für jeden das gleiche Geld. Vielleicht haben sie Medikamente, Bücher …notwendig und brauchen deshalb einen höheren Lohn. Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse, richtig. Doch wo finden wir den Maßstab für die Verteilung der Güter und Dienstleistungen, wenn nicht auch in Verantwortung vor jenen, die sie produzieren?

Gibt man also nicht Acht bei der Auseinandersetzung mit der Anfrage „du hast es eigentlich nicht nötig, warum gehst du in die Fabrik arbeiten?“ – so hat man schnell das ganze Gift der Eitelkeit geschluckt. Der Vorgang geschieht leicht unbemerkt, doch er produziert die unmöglichsten Verhaltensweisen und verbalen Antworten. Meist beginnt es damit, nach einem Motiv für die Arbeit außerhalb der Arbeit selbst zu suchen. Das ist oft genug eine Überlebensnotwendigkeit, da die Arbeit manchmal der letzte Dreck, überflüssig, idiotische (du wirst in der Fabrik ja vornehmlich nicht für die Arbeit sondern für deine anderen zur Verfügung gestellte Anwesenheit bezahlt) und wenn auch meist irgendwie sinnvoll, doch in der Regel fremdbestimmt ist. Wenn nun aber als Motiv für den Verkauf der Arbeitskraft – und damit ein gut Teil der Freiheit, der Selbstverwirklichung…- der Unterhalt für die Familie, ein größerer Wagen usw. weitgehend entfällt, – kurz gesagt der Lohn seine überragende, unangetastete Schlüsselstellung bei der Begründung der Arbeit verliert, ohne dass sein entscheidende Funktion infrage gestellt werden soll – dann treten andere Zusatzmotive auf den Plan, um der Arbeit einen Sinn zu geben.

Vielleicht fasst jemand seine Arbeit als Buße für die Schuld der Klasse auf, aus der er stammt und deren Bereicherungen er lang genug genießen konnte, oder er wünscht die Wiedergutmachung jener Schuld, die die Kirche und damit er selbst angesichts der Arbeiterklasse auf sich geladen hat oder er wünscht mit seinem ganzen Herzen Freiheit, die ja nicht existiert, solange noch ein Mensch unfrei ist. Für wieder einen anderen ist die Arbeit in der Fabrik vielleicht sein konkreter Bezug zur Realität, der er sich stellen, die er analysieren, über die er mit dem hohen Ethos eines Wissenschaftlers oder Journalisten schreiben will. Wieder andere suchen vornehmlich über die tägliche Arbeit den Kontakt mit den Kollegen, in deren Kampf um mehr Anerkennung und Lebenschancen sie sich eingliedern oder mit denen sie den ihnen geschenkten Reichtum – sei es der der wissenschaftlichen Reflexion in der Psychologie, der Soziologie,…oder dem der politischen Konzeption oder dem des Glaubens – teilen und nutzbar machen wollen.

Darüber hinaus wird es noch andere Achtung abverlangende Zusatzmotive bei der Arbeit geben. Ich greife sie natürlich nicht an, da das Nachdenken darüber zur Unaufmerksamkeit bei der Arbeit führe, ihre Produktivität schwäche und Unfallgefahren heraufbeschwöre. Diese Zusatzmotive sind wie gesagt oft notwendig, um als Mensch in der Maschine zu überleben. Doch sie scheinen mir oft nur Notanker zu sein, die sich unter der Hand wiederholt als Versuchungen entpuppt haben; einmal den kleinen Finger hingehalten, nehmen sie die ganze Hand und sagen: wir begründen deine wirkliche Identität. Die Arbeit, dein Leben in der Fabrik ist nur etwas äußerliches, sozusagen Mittel zum Zweck, ein pädagogisches Vorgehen. In Wirklichkeit bist du kein Arbeiter, sondern ein Pädagoge, Wissenschaftler, Journalist, Politiker…., ein ganz edler, sich selbst vergessender, sich aufopfernder Mensch, ein Märtyrer für eine bessere Welt.

Und dann ist es wieder soweit. Es hat sich diese typische religiöse pharisäische Versuchung wieder eingeschlichen, sich für etwas Besseres zu halten, für etwas Edleres, Heiligeres. Sie lädt zur Angleichung an das Verhalten der Herrschenden ein, nämlich der Verachtung der Nicht-Aufgestiegenen, der Armen und Hungernden – nicht auf dem Weg der materiellen Ausbeutung, sondern dem der herablassenden Betreuung oder der Degradierung der Kollegen zu Versuchs-, Selbstfindungs- oder Beschreibungsobjekten.

Nicht jedem mag diese Versuchung – manchmal eingepackt in einer schalen Leidensmystik – begegnet sein, doch mich hat sie lange genug gehänselt. Wir dürfen uns nicht selbst zu Märtyrern oder sonstigen Heiligen berufen wollen. Das ist die Sache Gottes. Und Feinde Gottes gibt es genug, die jede nur erdenkliche Prüfung seines Auftrages anstellen.

Das Ergebnis dieser Erfahrungen heißt heute für mich: Ich bin vorsichtig geworden, auf die Frage – Warum gehst du in die Fabrik? – eines dieser edlen Zusatzmotive vor mir selbst und anderen zu nennen. Da schleichen sich allzu leicht ungenannte Voraussetzungen – oft genug begründet in der verachteten sozialen Stellung der Arbeiter in unserer Gesellschaft – in die Argumentation mit ein, denen gegenüber Vorsicht geboten ist. Meine Antwort lautet heute: In der Fabrik arbeite ich, um meinen – und vielleicht den anderer –Lebensunterhalt zu verdienen und weil ich von meinen Kollegen davon nicht freigestellt worden bin, zum Beispiel für einen hauptamtlichen Dienst in einer christlichen Gemeinde unter uns.

(in unserer Toulouser Jesuitenkommunität ist mir sofort die Selbstverständlichkeit aufgefallen, zur Arbeit im Bauwesen, Krankenhaus, usw. zu gehen. Ideologische Diskussionen darüber sind höchstens einmal durch Gäste provoziert worden, wohl immer Christen, meist aus Deutschland. Der kommunitäre Freiraum gegenüber dieser mir früher geläufigen ständigen Diskussion der Rechtfertigung hat mich aufleben lassen.)

Da ich mich besonders auch von jenen Kollegen herausgefordert fühle, die einer fremden Religionsgemeinschaft angehören oder fern der kirchlichen Praxis in den Gemeinden stehen, ist eine Freistellung von der Arbeit in der Fabrik auch in naher Zukunft unwahrscheinlich.

Auf die Frage – warum gehst du in die Fabrik? – antworte ich also etwas vereinfachend: Wer hat dich von diesem oft genug den Menschen entwürdigenden Leben – Fabrikstruktur,-arbeit, entsprechendem Wohnen,… – bewahrt und dich für eine andere, besser geachtete Arbeit freigestellt? Welche Interessen leiten dich dabei? Hinsichtlich der Ehrlichkeit seines persönlichen Bemühens – und darum geht es ja erst einmal – kann der Befragte von mir einen großen Vorschuss des Vertrauens erwarten. Die Qualität der Früchte seiner Anstrengungen liegt nun mal nicht nur in seiner persönlichen Verantwortung.

Der Schmerz des fehlenden Engagements

Nach dieser Phase von etwa drei oder vier Monaten, in der es vor allem darum ging, die on meinen Kameraden trennenden Erklärungsversuche für meine tägliche Arbeit in der Fabrik zurückzuweisen, also die Versuchung: du bist etwas Besseres! Zu durchschauen und ihr Widerstand zu leisten, trat mehr und mehr der Wunsch in den Vordergrund, mich an Aktionen zu beteiligen. Ich hoffte, dass darüber meine Identität in der Arbeiterklasse wachsen und ich mehr Standfestigkeit hinsichtlich der verschiedenen Versuchungen finden würde. Die folgende Phase möchte ich deshalb kennzeichnen als „das Warten auf eine Einladung“ zu einem Besuch, einer Versammlung oder einer größeren Aktion; oder als Gebet formuliert: „Was willst Du, Herr, hier an diesem Ort mit mir?“

Ist der Wunsch nach Aktion nicht schon wieder die alte Versuchung zur Flucht aus dem Alltag, das Jemand sein wollen, ein Militanter, das Mehr-Sein als die Masse?

Ein wenig überempfindlich geworden, habe ich mir diese Frage wiederholt gestellt und Gründe für diese Fluchtthese gefunden. Gleichzeitig habe ich mich aber auch gefragt: spricht da nicht die Angst in dir, dich mitzuteilen; vergräbst du dich nicht hochmütig in dir selbst, willst du alles allein erkennen und errichtest du nicht Mauern, die du immer als Symbole des Egoismus gebrandmarkt hast?

Der Wunsch nach einem Engagement mag das eine oder andere von mir moralisch abgelehnte und vielleicht dadurch verdrängte, aber doch weiter wirksame Interesse zutage fördern; doch will ich die in mir aufgetauchte Unruhe nutzen, damit Neues in Bewegung kommt.

Ich lehne es ab, meinen Hunger nach Identität durch den Verkauf meiner Mündigkeit an einen Führer oder eine Bewegung stillen zu wollen, so sehr ich auch weiß, das Identifikationen mit Personen und Ideen Lebensmöglichkeiten aussprechende Phantasien freisetzen und dass größere Gruppen Zukunftsperspektiven im gesellschaftlichen Leben realisieren können. Deshalb habe ich einmal für die Zeit, in der ich noch keine größere Klarheit hinsichtlich eines konkreten Engagements habe, folgende Marschrichtung festgelegt: ich will mich von meinen Kameraden nicht trennen – mit ihnen ausharren in der Ausgeliefertheit gegenüber den Befehlen unserer Vorgesetzten und mich nach Möglichkeit nur mit ihnen zusammen für einen größeren Freiheits- und damit Lebensraum gegenüber jenen zu engagieren, die uns ausbeuten. Da ist etwas geschehen. Über den Wunsch nach einem Engagement hat zu mindestens eine vorläufige Blickwendung auf meine Kameraden hin stattgefunden. Endlich sollte eine Meditation der Welt, in der ich lebe, beginnen, eine neue Aufmerksamkeit. Dieses gewandelte, schon lange proklamierte aber nun wirksam werdende Interesse drückte sich natürlich noch vornehmlich in meinen mehr privaten Fragen aus. Ich hatte ja erst begonnen, als Arbeiter leben zu lernen. Die über dreißigjährige Ausbildung in einem anderen oft sehr individualisierten Lebensmilieu ist nicht durch einige Erfahrungen im Arbeiter-, Gastarbeiter-, Wanderarbeitermilieu aufzuheben, auch wenn die einzelnen durchgemachten Ausbildungsabschnitte, besonders den der Arbeitslosigkeit nicht ohne Folgen geblieben sind.

Mein Interesse zielte damals darauf ab, mir mit meinem Vorwissen – wenn auch ganz offen für säkularisierte Ausdrucksformen – den uns Hoffnung gebenden Glauben von meinen Kollegen neu erzählen zu lassen, auch aus meiner Hilflosigkeit heraus, ihn selbst in dem für mich neuen Milieu noch nicht aussprechen zu können; außerdem suchte ich nach Orten und Zeiten, wo meine Kollegen möglichst weithin hörbar ihren Unmut über die uns gängelnde Abhängigkeit nannten und Abhilfe forderten; ich wollte meinen Ärger mit deutlich machen.

Bald durfte ich erste Gehversuche machen: ich wurde zu meist jüngeren Kollegen eingeladen, andere kamen zu uns in die Wohnung (die Ideologie des typischen und nichttypischen Arbeiters zeigte sich in ihren spalterischen Wirkungen im Kontakt mit den Kollegen und ihr war gar nicht so schnell die Tür zu weisen.) und ich durfte an einigen „Wallfahrtsgottesdiensten“ – wie dem der 1.Mai Demonstration – oder Wahlkundgebungen teilnehmen. (Diese Zeremonien erinnerten mich in ihrem Ablauf immer wieder an die kirchlichen Feiern und führten mir ihre Wichtigkeit für unser tägliches Leben deutlicher vor Augen.)

Zusammenfassend: Der Wunsch nach der Aktion schien mir einem ganz gesunden Empfinden zu entspringen, nämlich über das Tun auch im mehr öffentlichen Bereich meine gefundene Identität auszudrücken. Doch das durfte nicht mit Geschrei geschehen, sondern musste das nur langsam Wachsen meines Selbstverständnisses und des Kontaktes mit den Kollegen respektieren, auch wenn die damit geforderte Geduld gegen Widerstände hart zu erringen war. Sie sollte sich später für mich neben der Diskretion als eine der Haupttugenden im Arbeitermilieu herausstellen. Wer sie nicht aufbrachte, konnte schwer auf das Vertrauen meiner Kollegen bauen.

Ist die Geduld wirklich eine Tugend und nicht nur eine Beschönigung der eigenen Faulheit, von Ängstlichkeit oder Ziel- und Empfindungslosigkeit?

Der Bauer pflügt, eggt, sät und wartet dann geduldig auf den Zeitpunkt der Ernte. Er hat Zeit und muss sich Zeit lassen, bis der Weizen und auch das Unkraut reif geworden ist. Dann wird gemäht, gedroschen und die Ernte eingefahren. Trotz der nicht zu unterschätzenden Arbeit ist aber die eingebrachte, nicht verdorbene Frucht ein Geschenk der Natur.

In diesem Bild ist die vom Bauern geforderte Arbeit und Geduld vergleichbar mit den geduldigen, dem anderen Zeit und Wachstum schenkenden Anstrengungen eines Erziehers gegenüber den ihm anvertrauten Kindern und auch sich selbst gegenüber. Da ist unter gewissen Voraussetzungen Geduld eine Tugend.

Doch in der Fabrik und anderswo, wo Unrecht herrscht, da drängt doch die Zeit, die Situation ist auf eine Veränderung hin überfällig. Bedeutet warten da nicht Schuld, die Rede von der Geduld Opium fürs Volk, ein Verschließen der Augen und der Ratschlag, sich Zeit zu lassen, den Herrschenden für das Fortsetzen der Ausbeutung und die weitere Stabilisierung ihrer Macht Zeit zu geben?

Die Zeit drängt: Hört auf Güter zu stapeln, zu heiraten, zu…; die Zeit ist reif; das Reich Gottes hat seinen Anfang gemacht – je, es ist wahr, wir dürfen keine Zeit verlieren. Es hat keinen Zweck mehr, sich in dieser Welt einzurichten; da und dort mit Gefälligkeiten oder Redereien Freunde und Auskommen zu suchen, sich zweifelhaften Sitten anzugleichen und, wenn vielleicht oft davon sprechende, die Hoffnung auf Glaube und Gerechtigkeit als lebens- begründende und erhaltende Kraft zu domestizieren, d.h. nur noch für den Kirchgang bereitzuhalten. Ja, es gibt ein Schweigen im gesellschaftlichen und privaten Bereich, das Zeichen tief greifender Verachtung ist; es gibt ein Schweigen, das das Recht des anderen niederknüppelt, ihn nicht zur Sprache kommen, taub werden lässt. Das Schweigen gegenüber demjenigen, dem Unrecht geschieht, der hungert…., um ihn mundtot zu machen, statt sich auf seine Seite zu schlagen – dieser Zerstörungskrieg gegen mich selbst – ist Unrecht. Jede Verharmlosung dieser Tatsache steht im Dienst des Unrechts.

Wie reagieren wir auf das Schweigen der Hungrigen, Entrechteten, Geschlagenen… zu dem sie aus Kraftlosigkeit, Angst vor größerem Elend, usw. gezwungen sind? Gibt es nur die beiden Möglichkeiten: für sie sprechen zu wollen ihr Recht einzuklagen, damit sie nicht mehr ausgestoßen leben müssen, oder sie zur Revolte gegenüber den sie Beherrschenden, den sie Verachtenden oder den gedankenlos Dahinlebenden aufzufordern, damit sie gemeinsam ihr Recht einklagen und in diesem Kampf ihr menschliches Selbstbewusstsein wieder finden? Vielleicht nicht; aber eins steht ganz sicher fest: wir dürfen keine Zeit verlieren, denn an jedem Tag sterben Menschen in diesem Schweigen, in das sie von anderen gestoßen werden; jene Menschen, die für andere keine Frage mehr darstellen, die nicht um Rat angegangen werden, von denen keiner mehr etwas erwartet, die nicht interessant, die nicht besuchenswert sind, kurz: die zu schweigen haben.

Nochmals: zu sagen, betäube geduldig dein Gewissen und vergiss diese Menschen, denn sie haben es ja nicht anders verdient, sie sind glücklich so oder sie hätten etwas aus sich machen sollen, das ist Unrecht und Unrecht ist es auch, ihnen zu sagen, sie sollten nur Geduld haben, es würde sich schon jemand um sie kümmern und spätestens im Tod würde ihnen auf die Verheißung Gottes hin Gerechtigkeit widerfahren. Und damit keine Unklarheiten aufkommen: In unserer Welt gibt es viele Menschen, die von anderen ins Schweigen – diesem Vorboten des Todes – und in den Tod selbst getrieben werden, und es gibt die schale, diese Tatsachen vertuschende Predigt zum geduldigen Schweigen, zum Verschweigen dieser Not; es existieren die verschiedensten Weisen der Beschönigung dieses Unrechts (übertünchte Gräber) bis hin zu der sich in Gott versetzenden Antwort: das sei gottgewollt. Wir haben wirklich keine Zeit zu verlieren, die Umkehr hat sofort zu geschehen.

Was ist zu tun?

Ich sehen nur zwei miteinander verbundene Wege zum Ziel (Analyse und Aktion): auf der einen Seite müssen wir ungerechte Taten und Strukturen – die wohl immer Ausdruck von Unglauben sind – den Kampf ansagen, auch auf den Vorwurf ihn, dass wir damit ständig in der Reaktion auf reaktionäres Verhalten stecken bleiben würden (offen bleibt hier die Form des Kampfes: selbst Sprachrohr zu werden, Sprecher auszubilden,…); auf der anderen Seite müssen wir eine Utopie benennen, die sich auf die Erfahrungen der Geschichte und unseres täglichen Lebens mit Recht berufen kann, auch auf die Gefahr hin, dass man uns vorhält, unsere Utopie sei noch nie verwirklicht worden und hätte deshalb immer Schiffbruch erlitten, weil sie unrealistisch sei (offen bleibt hier der Streit um die Utopien einer klassenlosen Gesellschaft, des Reiches Gottes,… und die Erfahrungen, auf die sie sich berufen.)

Nach all dem, was ich bis jetzt geschrieben habe, scheint es verwunderlich, dass die Tugend der Geduld für mich einen ganz hohen Stellenwert besitzt. Zwar hatte ich ja schon darauf hingewiesen, dass wir bei all den zu fordernden Anstrengungen, Geduld aufbringen müssen, wenn etwas wachsen soll. Das ist nicht nur beim Getreide so, sondern auch beim Sich-zeigen der eigenen Identität (Brief an K.M.) oder den Beziehungen zum Nächsten (Kameraden in der Fabrik); wir können nicht von uns aus festlegen, wann die Zeit reif ist zur Ernte, zum öffentlichen Bekennen, zu einem Gespräch oder einer Aktion mit anderen. Mir ist es wichtig, werdendes, sich entfaltendes Leben zu respektieren. Doch neben dem bisher angesprochenen Schweigen, zu dem die Abhängigen verurteilt werden oder das ein Zeichen des Desinteresses am Anderen darstellt und ihn an den Rand schiebt, gibt es auch das Schweigen der Betroffenheit. Ich denke dabei an Situationen, in denen nicht gesprochen werden braucht, weil man sich gut versteht (oder etwas von der Sache kennt) und Worte nur stören würden – zum Beispiel unter Liebenden oder auch in einer eingespielten Arbeitsgruppe – oder – was mir an dieser Stelle noch wichtiger ist – in Situationen, wo uns angesichts des Leides unseres Nächsten die Kehle zugeschnürt ist und wir nicht sprechen können, wo wir – wollen wir ihm nicht noch mehr weh tun- nicht sprechen dürfen oder – weil wir ihn gut kennen, nicht zu sprechen brauchen. Diesem nicht abweisenden, missachtenden oder verurteilenden sondern diesem betroffenen Schweigen weichen wir wohl alle gern aus. In diesem Schweigen bleibt in uns kein Stein auf dem anderen, alles dreht sich; wie soll das Leben angesichts des darin erfahrenen Schmerzes weitergehen? In eine solche Betroffenheit bin ich bei einem Unfall, einer Krankheit, der Entlassung eines Kollegen oder seiner tagtäglichen Missachtung geraten. Manchmal kann ich etwas tun, helfen, die Not lindern, ausgleichen, doch oft genug stehe ich auch getroffen da: manchmal gibt es unter uns in der Produktion eine ganze Sprache – aber oft genug ist auch das nicht möglich.

Irgendwann war der Moment da, und ich wusste, dass ich in dieses Schweigen der Betroffenheit in der Fabrik gerufen war. Das konnte ich nicht mehr abschütteln; Geduld war gefordert, die Identifikation nicht nur mit Idealen, sondern mit dem Leid hatte neu begonnen.

Noch einmal: ich meine an dieser Stelle nicht das Schweigen, in das ich persönlich als Arbeiter gestoßen war. Das hatte mich bis dahin in der Fabrik nicht so stark geschmerzt. Ich habe auch solche Situationen kennen gelernt. Es geht mir an dieser Stelle um das Wachsen der Betroffenheit in mir: diese innerlich anschwellende Wut, das totale Unverständnis, die Hilflosigkeit gegenüber der Diskriminierung eines Kollegen. Und ich möchte, dass in der zugefügten offenen Wunde nicht gerührt wird, dass nicht alles zerredet wird. Schweigen bedeutet in diesem Fall wohl soviel wie das Aushalten der Betroffenheit, das Nichtwegwischen des eigenen Schmerzes. Dieses Schweigen gibt manchmal dem Anderen die Gelegenheit zu sprechen, sich Luft zu machen, neue Brücken zu bauen. Dann wird es zu einem Zuhören nicht nur mit den Augen, den Gefühlen, dem Herzen, sondern auch mit den Ohren.

In dieses geduldige, sich betreffen lassende Zuhören, oder mit dem religiösen Wort: in die Kontemplation, sah ich mich gerufen. Kontemplation und Kampf gehören zusammen. Der Verlust einer Seite dieser Gleichung tut weh. Doch ich hatte nicht zu wählen: die Kontemplation war die jetzt anstehende, vorrangige Aufgabe. Diese Erfahrung ist vielleicht ganz typisch zumindest für viele Arbeiterpriester; ich habe oft davon sprechen hören.

Einen ausgesprochen kontemplativen Schritt musste ich jetzt also gehen und mich von Grund auf umformen lassen; eine Zeit des Gebetes; vielleicht eine äußerlich ruhige, aber doch ereignisreiche Zeit. Es lag in der Natur der Sache, dass ein Ende, ein Ergebnis dieser Zeit schwer auszumachen war. Wollte ich nicht fliehen, so musste ich mich jetzt ganz stellen, nicht nur mit meiner Arbeitskraft, nicht nur als Beobachtender, als technisch Interessierter, als…sondern ganz mit Haut und Haar, mit all meinen Wünschen, Hoffnungen und Gefühlen. Ich behaupte nicht, dass ich nicht immer wieder Schlupflöcher gesucht habe, um zu fliehen, oder Techniken erfunden habe, mich taub zu stellen – hinzu kommt noch meine begrenzte Aufnahmefähigkeit, Müdigkeit oder – ganz schlicht – meine Dummheit; trotzdem, die folgende Zeit wurde eine ausgesprochene Zeit des Gebetes, die Arbeit ein Eintauchen in eine internationale Betroffenheit und sie war trotz aller Entfremdung oft genug ein ausgesprochener Gottesdienst. Die Fabrik wurde für mich zum vorrangigen Ort der Meditation und der Einheit. Das mag manchen verwundern, zumal wenn ich noch ein wenig die Brutalität der Fabrikstruktur beschreibe. Und doch ist es wahr. Ich hatte das Leid nicht gesucht, doch es hatte begonnen, mich zu formen. Und ich wurde nicht zerrieben.

In dieser Zeit habe ich mich manches Mal über die Geschäftigkeit gewundert, mit der in manchen Kreisen nach Gründen dafür gesucht wird, weshalb Priester in der Fabrik arbeiten. Mir war sonnenklar, dass ich zur Rechtfertigung dieses Schrittes weder eine Beteiligung beim Gründen einer Gewerkschaft im Betrieb, noch eine stattliche Anzahl von geleisteten Hilfestellungen zur Überwindung der Notlage meiner Kollegen vorweisen musste. Dieser Schritt in die Fabrik zeigte schon Frucht im Gebet vor Ort. Und wäre ich auch bei einem der Beinaheunfälle umgekommen, der Schritt in die Fabrik wäre sinnvoll gewesen. Er brauchte keine nachträgliche Rechtfertigung; er begann Früchte zu tragen. Wirklich eine Freude. Mir ist bis heute unklar, wie viel wir Christen wirklich auf die Wirksamkeit des Gebetes bauen, von der so oft die Rede ist. Ich weiß nicht, wie fruchtbar meine Gebet war und ist, aber ich wusste, dass es notwendig ist inmitten dieser atheistischen Struktur einer Fabrik.

Zusammenfassend.

Ich stehen einer vertröstenden, andere zur Geduld auffordernden Predigt skeptisch oder oft genug rigoros ablehnend gegenüber, doch ist manchmal von mir selbst Geduld und hier konkreter: ein geduldiger Schritt gefordert.

Zwei Zusätze:

1. Das Schweigen der Kontemplation setzt im Zuhören, im Angesprochensein, beim Verkosten der Dinge viel Freude frei. Natürlich ist dieses auferlegte Schweigen der Betroffenheit, diese Aushalten der Stille als Frucht des Vertrauens auf die Umformung der Welt und einem selbst, letztlich von der Gerechtigkeit Gottes her, oft genug eine verflixt harte Kost –

Keine Mühe sollten wir scheuen, um zu erfahren, was es heißt: In Liebe bei einer Person ausharren, im Schweigen den andern, Gott selbst anzunehmen, weniger schöne Worte zu machen, als zuzuhören. Das Aushalten der Stille kann schwer sein, harte Kost. Aber sie wird leicht für den, der im Schweigen zu lernen weiß, ‚wem er vertraut’. Schweigen heißt nicht nur, sich der Worte enthalten. Kontemplatives Schweigen ist nicht nur Vollzug einer Vorschrift, sondern unser inneres Leersein von Vordergründigem, Leben aus der Tiefe, frei sein für den Nächsten, personale Hingabe.“ (Waltraud Herbstrith, Da-sein für andere, Frankfurt 1977)

  • der Kontemplative muss mit einer schmerzhaften Verletzung leben, die vielleicht nie heilen wird und die ihn oft genug vom handgreiflichen Kampf für die Gerechtigkeit ausschließt. Es wurde zu einer offenen und auch heute noch nur vorläufig zu beantwortenden Frage für mich, wie ich persönlich mit dieser Verletzung zu leben habe. Zwar darf ich meine Antwortlosigkeit nicht resignierend als Grund vorschieben, an dem mir mit dieser Behinderung möglichen Kampf für die Gerechtigkeit auf allen Ebenen teilzunehmen, doch wie soll ich mit ihr in einer Gemeinschaft oder in einer – vielleicht durch die Realität erzwungenen – Eremitage – wie es eine ganze Reihe Arbeiterpriester tun- weiterleben? Ich habe für beide Möglichkeiten in mir und in der Welt, in die ich vorgestoßen bin, deutliche Hinweise gefunden.

Heute ist diese Frage für mich zumindest vorläufig beantwortet: Ich soll beim Aufbau einer Kommunität im Arbeitermilieu mittun und ich habe ja gesagt.

2. Durch einen Brief von A. nach einem Besuch in unserer Toulouser Kommunität bin ich noch auf eine andere Auslegung unserer damaligen Situation aufmerksam gemacht worden. Sie sah uns in einer Phase der Inkarnation. Vielleicht sollte ich auch besser statt Kontemplation Inkarnation sagen.

Ich fügen den Brieftext noch aus einem zweiten Grund an: mir ist in dieser Zeit aufgefallen, wie wichtig es ist, menschliches, von Gott in die Hand genommenes Leben – das der Kameraden und auch das eigene – in seiner Gesamtheit als Gleichnis lesen zu lernen und nicht nur bei Einzelaussagen, wie Worten, Gesten…stehen zu bleiben. Zu dieser Einsicht hat vielleicht auch beigetragen, dass ich als Ausländer mit geringen Sprachkenntnissen vor allem auf das Sehen der Gesamtaussagen angewiesen war. Ich habe erst spät die einzelnen Worte verstehen und sprechen gelernt. So musste ich mich an dem Gesamtverhalten des anderen, an seiner ausgestreckten Hand, an ganzen Sätzen orientieren. Das Zerteilen der Worte kam erst nach und nach und gelingt mir auch heute nur unvollkommen. A. konnte kein Französisch. Sie musste unser Leben beobachten. Ihr Brief war dann für mich ein Hinweis darauf, wie unser Leben als Gleichnis gelesen werden konnte:

Es war ganz besonders schön bei euch. Vielleicht haben wir auch endlich ein ganz klein wenig von dem kapiert, was ihr denkt. Jesus kam nicht nur zu den Menschen, um ihnen zu predigen, sie zu verändern, usw.. Er wurde erst einmal Mensch. Alles andere folgerte sich daraus. So also auch. Einer von ihnen werden, von diesen Nicht-Geachteten, Miesen Niedrigen. Und vielleicht folgert sich weiteres daraus.

Ist es so? Unser Nützlichkeitsdenken hat es da schwer. Aber Ihr habt schon Wesentliches entdeckt. Habt Geduld.“

Werden die Geduldigen nicht ständig von den Mächtigen in Dienst genommen und missbraucht, statt dass ihr Handeln dem Treiben jener Einhalt gebieten würde?

Kontemplation bedeutet ganz-menschliche bis zu den letzten Gründen vorstoßende Wahrnehmung. Das damit verbundene Schweigen begründet sich aus dem Wunsch, sich der ganzen Wirklichkeit in all ihren Einzelheiten und in ihrer Einheit zu öffnen; und somit ist es mehr eine Frage an die Welt, eine Bitte, ein Akzeptieren der eigenen Unwissenheit und Kleinheit, das Bemühen um eine dem Nächsten gerecht werdende Kommunikation, denn eine lautstarke Proklamation für die Gerechtigkeit oder eine Werbekampagne in Zeitung und Fernsehen für den Glauben. Das Bemühen der Kontemplativen kann man übersehen, wenn man nicht mit diesen Hörenden aufmerksam wird. Doch haben wir einmal ihre entscheidende Rolle in der Gesellschaft und der Kirche verstanden, so sind sie ein Stachel im Fleisch, den wir oft herausziehen wollen. Wir drängen die Kontemplativen dann an den Rand, aufs Land, belächeln sie, halten sie für überflüssig, und sollten sie uns mit der Wahrheit, die sich in ihrem Leben ausdrückt, sollten wir durch sie auf die schmerzende aber oft verdrängte Betroffenheit in uns aufmerksam werden, dann bezeichnen wir sie als arbeitsscheues Pack, als Nichtengagierte, als Parasiten oder ähnliches. Wir haben als über andere Menschen Herrschende, als sich nicht ganz auf den Willen Gottes Verlassende ein Interesse daran, diese stillen Störenfriede aus dem Weg zu räumen, sich zu integrieren, sie unschädlich zu machen. Sie halten bei der Eskalation unseres Geschreis nicht mit, überlassen uns die Kampfarena und geben uns damit anscheinend Recht, denn sie setzen unseren Argumenten nichts entgegen.

Nichts? Doch, sie stellen etwas dagegen: ihr Schweigen.

Neben den bisher angesprochenen Formen des Schweigens gibt es das Schweigen als Ausdruck der Verweigerung, der Nichtkollaboration, des Abstandnehmens, der Nichtintegration in Unrechtsstrukturen. Dieses Schweigen darf nicht verwechselt werden mit dem verachtenden Schweigen von Menschen, die sich für mächtig oder höher stehend halten, sondern es ist Ausdruck von Liebe oder etwas bescheidener: Zeichen ehrlicher Diskretion.

Einige meiner Kollegen sind wirklich Meister der Diskretion. Sie sprechen gern, erzählen ausführlich, unterstreichen ihre Aussagen nach südländischer Art mit vielen Gesten; doch sie wissen, wem sie was zu sagen und wo sie notfalls sogar ganz eisern zu schweigen haben. Sie lassen sich nicht zur Kollaboration mit den Herrschenden zum Schaden der Kollegen missbrauchen. Vielleicht sind sie manchmal auf die Tricks unserer Vorgesetzten, auf eine einladende Geste oder die schmeichelhafte Rede eines ihrer Informanten hereingefallen und haben sich ungeschickter weise oder um ihre eigene Haut zu retten hin und wieder eine Information entlocken lassen, die später missbraucht werden konnte, doch in der Regel ist das Gespür für die Nichtkollaboration mit der Macht sehr stark ausgeprägt.

Die Rede von der Dialogbereitschaft der Christen mit allen Menschen ist manchmal verführerisch. Das Angebot zum Dialog wird als Zeichen der Offenheit allen Menschen gegenüber gewertet und von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes her begründet, die er allen seinen Geschöpfen zukommen lässt. Im Blick auf Gott verstehen wir Menschen uns alle als Schwestern und Brüder über alle Rassen- und Klassenschranken hinweg. Unser Wunsch als Christen nach einem Dialog unter uns Brüdern und Schwestern als Zeichen unserer Einheit ist prinzipiell unbegrenzt.

Doch dieser Wunsch wird durch unsere Schuld, die Schuld des Nächsten und die manifest gewordene Schuld in Strukturen und Systemen begrenzt. Diese Grenze haben wir zu respektieren. Schon das Hinüberstrecken des kleinen Fingers hat den Verlust der ganzen Hand zur Folge. Dialogbereitschaft bedeutet immer das wenigstens partielle Anerkennen meines Gesprächspartners. Ohne diesen Vorschuss an Vertrauen wäre mein Angebot eine Täuschung. Wir müssen uns also zumindest ein Stück weit mit unserem Gesprächspartner identifizieren, seine Interessen auch zu den unsrigen machen, wenn wir uns ehrlich um Einheit und um einen Erfolg des Gespräches bemühen. Als Christ weiß ich, dass diese Brücke der Übereinstimmung mit jedem Menschen – aus der Tatsache heraus, dass wir von Gott geschaffen sind und von ihm begleitet werden – gefunden werden kann. Aus meiner persönlichen Erfahrung habe ich viele Belege dafür. Auch dort, wo aufgrund verschiedener Temperamente, Ideologien… alle Verbindungen schwierig oder unmöglich erschienen, hat sich mit ein wenig Geduld eine Brücke der Freundschaft gezeigt.

Und trotzdem gibt es eine im Alltag nicht immer ganz leicht auszumachende Grenze der Dialogbereitschaft, ein „Dialogverbot“, das wir zu respektieren haben. Andernfalls fallen wir auf die Versuchung des Seinwollens wie Gott herein und lassen uns von den Mächtigen bei ihrem Spiel der Verachtung des Nächsten missbrauchen. Hat diese Prostitution erst einmal begonnen, dann gibt es ein Zurück nur noch als Verstümmelter. Wir müssen eine Hand, ein Auge, ein Bein zurücklassen und umkehren.

Wo stoße ich mit meiner Dialogbereitschaft auf eine Grenze?

Dort, wo ich mich mit dem Interesse des anderen oder wo ich in mir selbst auf ein Interesse stoße, mit dem ich mich nicht identifizieren darf, dort stoße ich auf eine Grenze. Ich habe gesehen, wie ein Mann auf dem Bürgersteig lag und von einem anderen ins Gesicht getreten wurde oder wie eine Gruppe um einen jungen Kollegen aus Afrika stand und ihm, unter dem Gelächter aller, einer vor die Hoden schlug, usw. Ich kann mich mit diesem Sadismus, Rassismus, Sexualismus,…nicht identifizieren und darf es auch nicht. Dort wo mir ein Kontakt nur unter einer solchen Voraussetzung angeboten wird, muss ich ablehnen. Ich verweigere nicht den Dialog mit jemandem der Fehler begeht. Ich selbst mach viele Fehler. Doch ich muss den Dialog ablehnen, wenn die Anerkennung von etwas Schlechtem als etwas Gutem die Basis des Kontaktes sein soll. Es würde daraus nie ein befreiender Dialog entstehen, sondern die gegenseitige Hilfestellung im Unrecht tun, z.B. der Bereicherung, der Ausbeutung. Diese Verweigerung betrifft nie den anderen Menschen als Ganzem sondern nur einen Teil von ihm. Sie bedeutet darum nicht Verachtung sondern Achtung des Nächsten als Menschen, da es ihn nicht in dem bestärkt, was ihn versklavt.

Die Fähigkeit zum verweigernden Schweigen verlangt eine stark ausgeprägte Identität. In wieweit darüber hinaus ein aktives Einschreiten für das Opfer gegen den Aggressor notwendig ist, kann ich nicht generell beantworten. Dazu müssen die Fähigkeiten des Einzelnen, der Gruppe,…d.h. die konkreten Möglichkeiten in Klugheit abgewogen werden. Doch ist der erste Schritt zur Beantwortung dieser Frage getan, wenn wir bei einer Aggression nicht mittun und über die Identifikation mit dem Opfer zu Betroffenen werden.

Es fällt mir jeweils schwer, jenen Menschen zu vertrauen, die ohne diesen Schritt zu gehen, über Aktionen zur Verbesserung der Lage nachdenken. Werden sie sich in dieser Sache wirklich auf Dauer für eine Veränderung zum Nutzen der Opfer einsetzen und nicht nach kurzer Zeit ganz andere noch nicht offenbar gewordene Interessen vertreten?

Dieses begründete Misstrauen findet sich bei uns Arbeitern besonders gegenüber jenen Menschen, die Nutznießer der bestehenden Ausbeutungsmechanismen unserer Arbeit sind. Vielleicht steigt der eine oder andere einmal aus, schreit nicht mehr mit den Wölfen und lässt sich von unserer Lage in der Fabrik treffen. Wird er dann noch lange Nutznießer bleiben? Vielleicht. Es sei ihm gegönnt. Doch jenen, die tagtäglich ihre Verachtung uns gegenüber aussprechen, ihnen sollen wir vertrauen, dass sie einmal, ohne dazu gezwungen zu werden, unsere Lage und die der noch schlechter Gestellten verbessern werden? Hier zeigt sich im Alltag eine Grenze des Dialogs.

Alle (illusionären) Hoffnungen, dass vielleicht doch einmal ein Gespräch über diese oder jene Verbesserung aus gegenseitigem Interesse eingeführt wird und dass es darüber nach und nach zu einem Dialog zwischen Herrschenden und Beherrschten kommen konnte, finden dann ein Ende, wenn ein anders Interesse als das der Ausbeutung oder gar der Vernichtung ausgemacht werden kann. In der Fabrik sind manchmal Rollen ausgeprägt worden, die jedes andere Interesse abblenden oder zumindest für den Arbeiter nicht mehr sichtbar werden lassen. Dann ist eine Identifikation mit dem Interesse des Vorgesetzten ohne Verrat der Kameraden nicht mehr möglich und die Verweigerung jedes Dialogangebotes angezeigt. Jeder Fall liegt ein wenig anders. Doch ist es für unsere Lage in der Fabrik typisch, dass wir auf Schritt und Tritt zur Diskretion verpflichtet sind und zu schweigen haben.

Natürlich bekommen wir Angebote, die meist mit der Klassengrenze identische Linie zu überschreiten und die Diskretion zu brechen. Leider gelingt es nur selten jemandem in der Hierarchie auch nur ein wenig aufzusteigen, ohne dass er sich von den ausgelegten Lockködern nicht gefangen nehmen lässt. Darin besteht eine der Brutalitäten unseres Alltags in der Fabrik, unserer Schule der Geduld und Diskretion.

Es ist nicht leicht, sich nicht – wenn auch nur in kleinen Dingen – mit einem Teilaspekt der Ausbeutung zu identifizieren; wir werden dabei jeweils selbst zu Ausbeutern. Ich möchte nur auf das Verhältnis von Facharbeitern und angelernten Arbeitern hinweisen. Wir werden gegen unseren Willen missbraucht; sagen wir nicht auch noch ja dazu, wie es von uns gewünscht wird; bestärken wir uns also gegenseitig darin, zu unserer das Unrecht einschränkenden Verweigerung konsequent zu stehen. Und es wird sich hoffentlich einmal eine Brücke für den lebensbejahenden Dialog zeigen.

Ist der Glaube nicht eine solche Brücke für die Identifikation mit meinem Bruder, mit meiner Schwester? Ja, das ist eine ganz herrliche Sache, wenn der Glaube zum Zeichen der Einheit zwischen auch weit voneinander entfernt lebenden, recht unterschiedlichen Menschen wird. Doch der Glaube – sei es nun der christliche, islamitische oder die buddhistisch geprägte Philosophie – ist so gut wie ganz aus der Fabrik verdrängt worden. Er stört, weil er den Menschen als Ganzen im Blick hat. Es musste ein neuer erfunden werden, der dem Menschen nur unter einer Hinsicht gerecht zu werden braucht und ihn so leichter die zugewiesenen Rollen akzeptieren lehrt. Der Glaube ist in das Privatleben abgedrängt worden und in die Gemeinden weit ab von den Fabriktoren, die nun überfordert sind, den Krieg in den Produktionsgefängnissen zwischen Brüdern und Schwestern eines Glaubens zu schlichten. Die ehrliche Konfliktbereinigung und der Beginn eines Dialoges zwischen Menschen verschiedener Klassen im Betrieb unter Berufung auf ihren gemeinsamen Glauben findet – soweit ich sehen kann – nicht statt. Das ist ein Skandal. Hat der Glaube, die gemeinsame Identifikation mit Christus keine Kraft mehr? Warum wird er tagtäglich beim Eintritt in die Knie gezwungen? Warum sind wir Christen gezwungen, unsere Rechtshändel vor weltlichen Gerichten auszutragen, statt sie brüderlich unter uns beizulegen.

Diese Fragen legen die Wunde in ihrer ganzen Tiefe frei, die mir in der Betroffenheit angesichts der Diskriminierung meiner Kameraden geschlagen wurde. Die Brücke auf eine Aufhebung des begangenen Unrechtes hin und auf den Beginn einer neuen Praxis, die mir der Glaube zeigt, ist in der Fabrik so gut wie völlig abgebrochen. Die alten Pläne, die Brücke wieder aufzubauen, sind verdorben. Die Konflikte haben die Landschaft immer stärker verändert. Wir müssen den Glauben, seine heutige Gestalt und seine grundlegende Erneuerung unseres Lebens neu entdecken.

Der Mechanismus fortschrittlicher Götzenverehrung – die Fabrikstruktur

Natürlich sind die Arbeitsabläufe, Lohnstaffelungen und sozialen Kontakte in jedem Produktionsbetrieb unterschiedlich. Von der „Fabrikstruktur“ zu sprechen ist also gefährlich und lässt starke, von der Wirklichkeit abhebende Ideologiebildung vermuten, die nicht mehr im Dienst der Realitätsfindung steht, sondern eine politische Meinung oder gar einen von eigenen Fehlern ablenkenden Hass gegen jemanden nachträglich zu rechtfertigen, sich mit einer wirkkräftigen Gruppe oder sogar der Masse zu solidarisieren, oder sich gar bei ihr anzubiedern sucht. Doch gerade weil ich im engen Kontakt mit der Realität bleiben will, der ich begegnet bin, deshalb muss ich von der Struktur der Fabrik reden. Es ist einfach ungerechtfertigt, die tagtägliche Diskriminierung in der Fabrik allein im persönlichen Versagen der einzelnen Belegschaftsmitglieder begründet zu sehen. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, dass sich ein Mensch tagtäglich bewusst dafür entscheidet, andere Menschen zu verachten; und sein Verhalten wird doch mit Recht als Missachtung der eigenen Person und jener des Nachbarn erfahren. Ich sehe, wie Menschen in Rollenerwartungen gefesselt sind. Jene können ihn als Menschen knebeln und in die Verbitterung treiben. Sich aus dieser Deformation nicht befreien zu lassen, bedeutet für den Einzelnen oft, dass er schuldig wird. Doch darüber bei anderen zu Gericht zu sitzen, ist nicht meine Aufgabe, sondern vielmehr das Angebot der Verzeihung und schließlich der Befreiung zur Umkehr herauszustreichen.

Es geht im Folgenden also darum, wie mir die Taktik der Versklavung in der Fabrik begegnet ist und inwiefern ich meine Erfahrungen in unterschiedlichen Fabriken – hinterfragt im Kontakt mit oft in ganz anderen Situationen beschäftigten Kollegen – für typisch halte, so sehr sie sich auch von an anderen Orten und in anderen Industriezweigen gemachten Erfahrungen unterscheiden mögen. Dass viele aus einer unterschiedlichen Interessenslage heraus mit meiner Interpretation der Ereignisse nicht einverstanden sind, muss ich respektieren. Doch möchte ich zu Bedenken geben, dass es ja gerade die privaten und von der Gesellschaft nahe gebrachten unterschiedlichen Interessen sind, die zum Klassenkampf führen, von dem im Folgenden in einem kleinen Ausschnitt die Rede ist. Und in wiefern sich das Interesse der Menschwerdung in diesem gestörten sozialen Kontakt noch realisieren kann – und von daher müssen sich doch alle partikulären Interessen hinterfragen lassen – , das scheint mir eine offene Frage zu sein.

Eine Bemerkung zur Erkenntniskritik:

Wer einen Staat beurteilen will, muss ihn von seinen Gefängnissen aus sehen“ (Leo Tostoi) oder etwas allgemeiner: um eine Situation in ihren Auswirkungen beurteilen zu können und nicht bei den lautstark vorgetragenen ideologisierenden Beschönigungen, also den sich mit einer Gloriole schmückenden Herrschaftsinteressen hängen zu bleiben, sind wir zu einem Ortswechsel auf jene Menschen hin gezwungen, die von der Lage betroffen, verletzt oder unfrei geworden sind.

Die Rangfolge: Besitzer, Intermediär, Maschine, Arbeitskraft – ist das nicht eine böswillige Karikatur?

Wohl keiner wird ehrlicherweise leugnen können, dass in den bei uns existierenden Fabriken Hierarchien existieren, die sich keineswegs in all ihren Ausprägungen vom Produktionsprozess her begründen lassen. Um die Interaktionen in einer Fabrik beschreiben zu können, sind wir gezwungen, zwischen einzelnen Interessensgruppen zu unterscheiden. So können wir zum Bespiel das unterschiedliche Interesse des Kapitaleigners und der kaufmännisch und technischen Intelligenz in einem Betrieb herausstellen. Für den Arbeiter ändert sich meist nicht viel dadurch, dass er die Auseinandersetzungen zwischen den Kapitaleignern und den Angestellten und die vielen Reibereien, ja den ständigen Konkurrenzkampf in dem mehr oder weniger weisungsbefugten Angestelltenkörper tagtäglich sieht; ihm gegenüber verhalten sie sich in der Regel auffallend geschlossen. Und da ich nicht genügend Erfahrungen habe, die einzelnen Stufen der Vermittlung des Kapitaleignerinteresses bis hin zur Einzelanweisung im Produktionsablauf zu analysieren und ein solches Bemühen für die folgenden Überlegungen nicht allzuwichtig ist, möchte ich alle in diesem Bereich der Anweisungsauffächerung und dem Verkauf beschäftigten Betriebsmitglieder als Intermediäre zusammenfassen. Sie sind nicht von dem in der Produktion Arbeitenden gewählt und damit für die Organisation des Betriebes Freigestellte, sondern vom Kapitaleigner angestellt, damit produziert wird und der Betrieb Gewinn abwirft.

Nun läuft die Produktion aber nur, wenn die produzierenden Maschinen störungsfrei laufen. Jeder Ausfall, jede Reparatur oder Neuanschaffung einer Maschine kostet Zeit und Geld.

Mögliche Störmomente in der Produktion müssen deshalb nach Möglichkeit vorausschauend eliminiert werden. Maschinen sind zu ölen, Verschleißteile auszuwechseln, bevor sie zu Bruch gehen, usw. Eines der Störelemente sind die Arbeiter in der Produktion: Maschinenarbeiter, Fließbandarbeiter, Transporteure,… Der Ausfall dieser lebenden Maschinenteile muss vermieden werden.

………………………………

Einschub:

Aus der Sicht des Kapitaleigners können natürlich auch die Intermediäre als mögliche Störfaktoren und eine zur Steuerung der Produktion oder – wie später zu zeigen ist – zu ihrer Beherrschung nicht notwendige Betriebsbürokratie als lästige Mitesser gesehen werden. Die aus dieser Sichtweise resultierenden Aktionen des Kapitaleigners oder des Weisungsbefugten und die Reaktionen der Angestellten sowie daraus folgernde Interaktionen unter Letzteren lassen sich natürlich nicht von dem von mir direkt erlebten Konflikt Angestellte – Produktionsmitarbeiter trennen, Es finden wechselseitig wirksame Ausbildungen oder Prägungen statt. Trotzdem möchte ich ganz bewusst auf eine Gesamtanalyse verzichten.

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Eine Maschine oder ein Aggregat arbeitet mit voller, verminderter oder nicht ausreichender Leistung. Unter dieser Rücksicht wird auch das Teil „Arbeiter“ bewertet. Die verschiedensten Maßnahmen gegen Ermüdungserscheinungen, Krankheiten und Unfall könnten an dieser Stelle genannt werden. Sie müssen natürlich rentabel sein. Wo de Austausch eines durch den Arbeitsprozess krank gewordenen Arbeiters, die riskierten Strafen bei einer Gesetzüberschreitung oder die Umstellung auf eine mehr automatisierte Produktion auf Dauer gesehen billiger sind als die Kosten für einen entsprechenden Unfallschutz, eine Erleichterung am Arbeitsplatz oder eine Weiterbeschäftigung in einer zu hohen Lohngruppe, da kommt es zum Konflikt, der wohl in der Regel von der Kostenseite her entschieden wird. In den allermeisten Fällen ist aber ein zweites Bündel von Maßnahmen wichtiger, um den Ausfall des Störfaktors menschliche Arbeit im Produktionsprozess in den Griff zu bekommen: ein ganzes Sortiment von Einschüchterungsmaßnahmen, die verschiedensten Formen der Drohung und der Isolation. (Lob ist im Prinzip überflüssig, da das Eigenteil „Mensch“ in der Regel erst in den Blick kommt, wenn es nicht funktioniert.)

In vielen Fällen lässt sich ein Arbeiter viel leichter – dazu oft noch ohne Produktionsausfall – auswechseln, als eine Maschine oder ein wichtiges Maschinenteil. Das trägt dazu bei, dass ihm in der betrieblichen Rangfolge einem der Produktionsmaschine nach geordneter Platz zugewiesen wird. Es ist also keineswegs eine böswillige Karikatur, die in einem Betrieb Beschäftigten in eine Gruppe diesseits und jenseits der den Arbeitstakt vorgebenden Produktionsmaschine einzuteilen. Hingegen falsch wäre es aber, dass nur die eine und nicht auch die andere Gruppe vom Produktionsprozess abhängig sei und dass die situationstypische Prägung der Produktionsarbeiter nicht bis hineine in weite Bereiche der Beschäftigten im intermediären Bereich anzutreffen sei. Ohne diese Tatsache zu übersehen, möchte ich mich hier auf die Gruppe der möglicherweise oder wirklich den Produktionsablauf „störenden“ Arbeiter beschränken.

Einschub: Die Hierarchie der Heizung in der Toulouser Firma:

Das Büro des Direktors und seiner Sekretäre war winters wie sommers klimatisiert; die Werkstatt einiger Spezialisten – auch durch ihre Arbeitskleidung von uns abgehoben – wurde im Winter geheizt; da die Presse bei den niedrigen Temperaturen im Winter nicht regelmäßig arbeitete, wurde eine Heizung es Hydrauliköls beraten. Ein Heizung der Halle oder einige Wärmeöfen für uns Schichtarbeiter wurden nie erwägt.

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Ist damit die Arbeiterklasse durch die Arbeit an der Maschine gekennzeichnet?

Am besten gehen wir davon aus, so scheint mir, dass in einem Produktionsbetrieb in der ersten Phase keine Arbeiterklasse existiert. Die Arbeiter werden nicht verachtet, weil sie als Menschen überhaupt nicht existieren. Sie sind einige bewegliche und damit anfällige Teile im Produktionsablauf. Eine Maschine verachtet man nicht und man erwartet auch nichts von ihr: sie soll laufen, Fehlerquellen müssen ausgemerzt, Stillstände vermieden werden. In dem Moment, wo ich meine Arbeitskraft an den Betrieb verkaufe – und darüber täuscht auch ein freundlich geführtes Einstellungsgespräch nicht hinweg – existiere ich nicht mehr als ein Mensch, sonder bin ein mehr oder weniger kompliziertes für die Produktion wichtiges Maschinenteil. Mein Preis richtet sich danach, wie leicht auf dem Arbeitsmarkt ein Austauschteil aufzufinden ist. Ein paar freundliche Worte des Direktors mit diesem Maschinenteil Arbeiter, vielleicht sogar ein tägliches Händeschütteln, kann nicht über die Lage des Arbeiters, nämlich der einer Sache, hinwegtäuschen; ja seine spezifische Materialbeschaffenheit fordert eine eigene Behandlungsweise (Psychologie), so wie Lagerbuchsen aus unterschiedlichsten Materialien, bei bestimmten Belastungen und für festgesetzte Drehbereiche jeweils entsprechend geschmiert werden müssen.

Ein vorausschauender Betriebsleiter lässt eine verschlissene Kette austauschen, bevor sie zu Bruch geht; ähnlich verhält es sich auch gegenüber dem Maschinenteil Arbeiter. Das ist ein so genannter Sachzwang. Wohlgemerkt, der Arbeiter wird nicht verachtet; man setzt ihn möglichst sachgerecht ein; er wird auch nicht ausgebeutet; denn er existiert als Mensch überhaupt nicht.

Es bleibt nicht aus, dass der Arbeiter mit der Zeit Wünsche anmeldet. Eine Toilette, ein Umkleideraum soll eingerichtet werden. Diese kindlich unschuldigen Bedürfnisse lassen sich auf Dauer nicht zurückweisen und die Verantwortlichen können sich mit ihren väterlichen Gefühlen angesprochen fühlen. Damit hat sich ein Lichtstrahl menschlicher Identifizierung in der Fabrikhalle gezeigt. Unterschätzen wir das nicht. Auch wenn es jetzt getrennte Toiletten für Angestellte und Arbeiter gibt, so brauchen wir uns nun doch nicht mehr irgendwo oftmals im Regen ein stilles Örtchen suchen. In dieser Phase des Paternalismus können wir wenigstens Wünsche äußern. Ein Fortschritt. Später werden wir uns oft in diese ruhigen Zeiten zurücksehnen, in der wir als Kinder angenommen waren. Natürlich durften wir in dieser Zeit einige Fragen nicht stellen. Sie hätten den Frieden gestört. Dazu gehört besonders die Lohnfrage, die Einstellung zusätzlicher entlastender Arbeitskräfte, Widerstand gegen Entlassungen, Neufestlegung des Taktes oder der Arbeitszeit. Für das Brot bezahlt jeder Franzose beim Bäcker denselben Preis. Warum gibt es so unterschiedliche Gehälter und Löhne? Das war und ist bis heute eine politische den innerbetrieblichen Frieden störende Frage. Ebenso die Infragestellung der diktatorischen Struktur im Betrieb oder die Forderung nach dem möglichen gegenseitigen Austausch des Arbeitsplatzes unter allen Betriebsangehörigen.

Die Sehnsucht und auch Wiedereinführung dieser paternalistischen Phase ist in der Industrie weit verbreitet. „Es ist so schön, wenn die Kinder noch klein sind; mit den Heranwachsenden gibt es immer neue Schwierigkeiten; das ist nervenaufreibende,“ so kann man hören. In dieser paternalistischen Phase spielt die Caritas eine ganz wichtige Rolle. Die die Gesellschaft vergiftenden Notlagen können von ihr gelindert werden. In der Regel fügt sich aber die Caritas in das paternalistische Gehabe ganz gut ein.

Das sind doch Fieberträume, wenn du das sich um den Arbeiter sorgende Bemühen in der Industrie und in den Hilfsorganisationen nur unter diesem Gesichtspunkt siehst! Das ist eine Missachtung ehrlicher Anstrengungen zur Verbesserung der Lage des Arbeiters! – In Toulouse habe ich über ein Jahr in einer neu beginnenden Firma gearbeitet. Ich war der erste Produktionsarbeiter der eingestellt wurde. Aus nächster Nähe konnte ich den sich um uns sorgenden Direktor beobachten. Ich spreche ihm seinen guten Willen und seine Kultur nicht ab. In Diskussionen habe ich sehr oft darauf hingewiesen. Doch um die Realität, unsere Lage als Arbeiter zu verstehen, genügt es nicht, seine Hoffnung allein auf diese guten Taten zu richten. Wir werden durch die Einschätzung unserer Umwelt geprägt. Und wenn man von uns erwartet, nach Möglichkeit in der Fabrik als Menschen gar nicht zu existieren oder – zuvorkommend – uns brav als – nötigenfalls mit Strenge zu erziehende – Kinder zu verhalten, dann stehen wir bei wachsendem Selbstverständnis vor der Entscheidung, dieser Erwartung zu entsprechen oder ihr zu widersprechen.

Bis zu diesem Moment könnte von einer Ausbeutung der Arbeitskraft oder einer Verachtung des Arbeiters noch nicht explizit die Rede sein. Sobald wir uns aber vor die Entscheidung gestellt sehen, die uns zugewiesene Rolle anzunehmen oder zurückzuweisen, da tritt sie offen zu tage. Der soziale Konflikt hat begonnen.

Oft genug kann durch geeignete Maßnahmen das Aufbrechen des sozialen Konfliktes vom Kapitaleigner noch einmal verhindert werden. Manchmal wird der Konflikt auch heraufbeschworen, um dann leichter die guten Teile von den schlechten, den schwarzen Schafen, den Aufwieglern, den Ordnungsstörern trennen zu können. Doch gibt es in der Regel im Vorfeld einer solchen Taktik eine Reihe anderer Maßnahmen, den Drank nach Menschwerdung unter den Arbeitern zu beruhigen oder gar aufzulösen. Menschwerdung bedeutet – so kann der Kapitaleigner sich wohl von der Geschichte her in der Regel nichts anderes vorstellen – Produktionsausfall und damit Gewinneinbuße oder anders ausgedrückt: Machteinbuße der bisherigen Entscheidungsträger und Nutznießer der Sklaverei.

Um die Selbstfindung des Arbeiters zu blockieren und – wo möglich – rückgängig zu machen oder zumindest ihn in seinen Überlegungen zu isolieren, so dass er mangels geeignetem sozialen Kontaktes wenigstens die Hoffnung auf Selbstverwirklichung im Betrieb auf ein langsam mit anderen zu erringendes Erwachsensein praktisch fallen lässt und seine Kindrolle womöglich selbst festschreibt, hat der Kapitaleigener mit der ihm hörigen innerbetrieblichen Bürokratie einen Katalog von Maßnahmen aufgestellt. Auf einige Tonlagen dieses innerbetrieblichen Repressionsinstrumentes zur Eindämmung oder totalen Verdrängung des sozialen Konfliktes will ich hier aufmerksam machen:

  • Es gibt eine Liste erzieherischer Maßnahmen, die oft genug ganz materielle Auswirkungen haben. Sie sollen den Arbeiter ständig auf seine Abhängigkeit aufmerksam machen und umgekehrt die Abhängigkeit des Hauptnutznießers verschleiern. Unser schwaches Arbeiterfleisch muss mit seltenem Lob und viel Tadel erzogen werden. Symbol für diesen Erziehungsauftrag ist die Stempeluhr oder die nicht auf die Rente angerechneten, weil nicht zum Lohn gehörenden Prämien und Sondervergütungen, mit deren Streichung jederzeit gedroht werden kann.

  • Die Palette der Einschüchterungen, Drohungen und beispielhafter Bestrafungen hat natürlich ihren Höhepunkt in der Entlassung eines Sündenbockes. Der ganze Prozess bis hin zum Fußtritt in die Arbeitslosigkeit oder der provozierten eigenen Kündigung hat einen hohen erzieherischen wert im Betrieb. Gesellschaftliche Arbeitslosigkeit – aus der innerbetrieblichen Sichtweise: je mehr, desto besser – ist die tagtägliche Zuchtrute im Leben eines Arbeiters, auch wenn es zu Entlassungen im Betrieb – aus Gnade gegenüber den Betriebsmitgliedern – nicht zu oft kommen sollte.

  • Nach Möglichkeit wird das Vergehen, einer Gewerkschaft anzugehören und sich womöglich als Vertrauensmann wählen zu lassen, möglichst wirksam geahndet: Festschreiben oder manchmal herabsetzten der Lohnstufe, Isolierung am Arbeitsplatz, Redeverbot, Entlassung, Warnung anderer Betriebe bei Einstellung.

  • Die Aufteilung der Arbeiter in kleine, sich möglichst gegenseitig misstrauende Gruppen ist die wirksamste Strategie, sich vor Überraschungen zu schützen. Wichtigstes Instrument ist ein kompliziertes Lohnsystem mit vielen kleinen Lohnsprüngen, über die möglichst wenig geredet wird. Weiterhin sind die Arbeitsplätze aus „Sachgesichtspunkten“ – Produktionsablauf, Sicherheit, usw. – möglichst so gestaltet, das ein leichter Kontakt unter den Arbeitern erschwert oder sogar unmöglich gemacht wird. Eine wiederholte Abwesenheit vom Arbeitsplatz zwecks Besuchs eines Kollegen wird geahndet. Eine ständige Kontrolle des Arbeiters durch seine Vorgesetzten – möglichst für ihn unsichtbar rückwärts in einem Glaskasten sitzend – ist zu gewährleisten.

  • Unterschiedliche Arbeitszeiten erschweren den Kontakt, ebenso die Einstellung von Arbeitern verschiedenster Nationalitäten, jeweils mit möglichst geringen Kenntnissen der Sprache des Arbeitslandes.

  • Die Interessen der Arbeiter lassen sich auch durch Arbeitsverträge in verschiedene Richtungen lenken. Unterschiedliche Laufzeiten, Anstellung durch Leihfirmen oder auch Dauereinstellung durch eine Schwesterfirma zeigen ihre Wirkungen.

Eine Erläuterung der von mir erlebten Maßnahmen der Domestizierung meiner Kollegen, d.h. des Festschreibens einer künstlichen Unselbständigkeit, kann ich hier nicht im Einzelnen leisten. Die Liste ist unvollständig. Die Ausbildung und Bezahlung von Informanten und Hilfspolizisten im Betrieb und damit das Säen eines Misstrauens blieb zum Beispiel unerwähnt. Besonders fehlt der Hinweis auf die vielen kleinen alltäglichen Routinebemerkungen, um die Vaterfigur dieses oder jenes Vorgesetzten herauszustreichen. Er zeigt uns immer wieder, wie er uns in der Hand hat und wie wir notwendigerweise auf ihn zu hören haben. Nur in Andeutungen weist er auf sein Wissen von Produktionsverlauf, den Vertrieb, den vielen Sachzwängen hin, das zu einem uns auch in kleinsten Entscheidungen gängelnden Herrschaftswissen wird. Wir sollen unmündige Kinder sein und bleiben; deshalb wird uns die typische kindliche, auf Emanzipation drängende Frage nach dem Warum ausdrücklich verboten oder zumindest nur bis zu einer den anderen in seiner Rolle nicht infrage stellenden Grenze erlaubt. Dieses stände Zu-fragen-haben und dieses dadurch dem Vorgesetzten Lästigfallen gibt ihm immer neu die Gelegenheit, uns unsere Dummheit vor Augen zu führen. Besonders in dieser alltäglichen Behandlung wird der Glaube an die eigene Person, die Fähigkeit, um eine bessere Zukunft zu wissen und sich dafür einsetzen zu können, mürbe gemacht. Jeden Tag sehe ich doch, welch ein Dummkopf ich bin; wie anmaßend sind wir Arbeiter doch, wenn wir nur im Produktionsablauf und nicht auch in den unterschiedlichen betrieblichen Entscheidungen und ebenso in der Politik auf die Anweisungen des Chefs hören wollen, da er doch den größeren Überblick hat. Wir Arbeiter – oder kurz: die Arbeiterklasse – beginnen erste in der schmerzhaften Aufkündigung dieser Bevormundung als erwachsene Menschen zu existieren. Die Befreiung aus der Unterordnung all unserer Gefühle, Wünsche und Hoffnungen unter den Takt der Maschine, die Befreiung aus der kritiklosen Integrierung in die uns zugewiesene Rolle des gehorchenden oder andernfalls geschlagenen, vereinzelten Kindes ist ein schwieriger, alle Kräfte fordernder Prozess. Wir wissen, dass alles getan wird, um uns völlig überfordert resignieren zu lassen. Doch wir wissen uns andererseits mit allen eins, die sich in diesen Prozess der Befreiung stellen. Darin liegt der Grund, warum die Arbeiterklasse oft schwer gegen jene, die diesen Prozess behindern, abzugrenzen ist. Jeder von uns selbst ist gespalten. Es geht ja gerade darum, dass wir mehr und mehr aus unserer Entfremdung heraustreten, erwachsene Menschen werden. Und wir wissen, dass letztendlich nur die Menschwerdung aller die Chance für die Selbstfindung jedes Einzelnen eröffnet.

So schwierig es deshalb ist, die Arbeiterklasse – oder vielleicht von einer noch ausstehenden Begründung her besser: die vielen um Freiheit in unserer Gesellschaft kämpfenden marginalen Gruppen – von jener ihnen gegenüberstehenden, durch das Interesse am Status quo zusammen gebündelten Menschen theoretisch säuberlich abzutrennen, so wird doch im tagtäglichen Leben eine Grenze sichtbar; besonders, wo der soziale Konflikt aufbricht, scheiden sich bald die Gruppen voneinander. In diesem auf die Erde geworfenen Feuer tritt das uns zentral leitende Interesse ganz deutlich zutage. Wir brauchen dann keine Grenze zwischen den um die Menschwerdung Ringenden und sie gerade darin Verspottenden und Verachtenden zu ziehen. Sie zeigt sich im alltäglichen Verhalten. Für uns ist es wichtig, die eigene und gesellschaftlich vorhandene Entfremdung zu sehen und uns aus ihr zu des-integrieren, ja auch unter der Androhung, dahineine zurückgestoßen zu werden, d.h. konsequent mit anderen auszubrechen. In diesem Prozess ist die Produktionsmaschine ein Zeichen, das auf Orte der Entfremdung hinweist, doch kein Schert, für die Gerechten von den Ungerechten, die Guten von den Bösen, die Heiligen von den Unheiligen zu trennen. Die Maschine ist kein Symbol der Einheit, sondern der greifbar gewordenen Sachzwänge, hinter denen wir sich scheu verbergende Interessen entdecken können. Wollten wir die Maschinen zerstören, wo würden wir uns wie Kinder verhalten, die den Gegenstand ausschimpfen, an dem sie sich gestoßen haben. Doch wo wir die verborgenen Herrschaftsinteressen aufdecken und uns nicht mehr von ihnen fangen lassen, dort entstehen die oft recht zerbrechlichen Zeichen der Einheit.

Machen die Arbeiter sich durch ihr Verhalten nicht selbst lächerlich?

Kindisches, lächerliches ja sogar fahrlässiges, zerstörerisches Verhalten kann uns jeder Vorgesetzte nach einigen Tagen Beobachtung unter die Nase reiben. Er hat Anschauungsmaterial genug, um seine These zu erhärten, dass wir von Natur aus untauglich seien und nur langsam zu verantwortlichen Menschen herangezüchtet werden könnten.

Ja, es ist wahr, die dauernde schülerhafte Abhängigkeit ohne greifbares Ende hat zu einer Deformation geführt. Das Erwartungsfeld Fabrik hat uns in ihren Mauern geformt und uns unselbständig gemacht. Der tägliche Gang ins Gefängnis zeigt seine Früchte. Ich selbst habe bei meiner Arbeit diesen Prozess der inneren Entwürdigung bemerkt. Anfangs hatten mich an der Presse alle Einzelheiten interessiert. Jeder neuen Frage bin ich nachgegangen und ich habe versucht, die Lösung auch anderen möglichst klar und einfach zu erklären. Nach der Ausbildungs- und Montagezeit tragen zu Anfang viele Pannen auf. Ich habe nach den Ursachen gefragt und oft genug den heißen Tipp für die Beseitigung der Störung gefunden. Besonders den zweiten Ingenieur im Betrieb musste ich nach und nach mit der Funktion der Presse vertraut machen. Eine interessante Zeit. – Einen Monat später trat wieder einmal eine Panne auf. Be der Fehlersuche habe ich auf ein Steuerventil aufmerksam gemacht, das meiner Ansicht nach nicht korrekt funktionierte und dessen Ausfall Ursache für den Stillstand sei. Die Antwort des Ingenieurs, der nun die Maschine gut genug zu kennen glaubte, war kurz und bündig: „Nicht Sie sondern ich habe hier zu denken.“ – Nach einiger Zeit ist mir aufgefallen, wie ich bei Pannen mich nicht mehr gefragt habe, warum sie wohl aufgetreten sind. Die Arbeitsteilung in jene, die denken, und jene, die arbeiten, hatte seine Früchte gezeigt. Ähnlich ließ mit der Zeit das Interesse an der Qualität der Arbeit nach und die Freude an ihrem Gelingen. An der Säge wurden die von mir hergestellten Profile oft genug lieber weggeschmissen als verpackt, da ersteres leichter war.

Zwar habe ich die von uns gelieferten Profile in der Stadt schnell wieder erkannt. Das bedeutet eine Freude. Doch meist fand ich sie an Bank- und Bürohochhäusern. Sie waren eingearbeitet in den Fortschrittssymbolen des Geldadels. Bei uns im Stadtteil habe ich keine Aluminiumfensterrahmen gefunden. Vielleicht spielt diese Tatsache auch eine Rolle, dass ich mich mit dem Produkt unserer Arbeit zunehmend schwerer identifizieren konnte. Sicherlich spielt es eine Rolle, dass wir Arbeiter das Produkt nicht auf dem Markt absetzen, die Anerkennung des Käufers nicht erfahren, die Nützlichkeit des Produktes nicht sehen können. Da wir entlohnt wurden und nun keine Verfügungsgewalt über unsere Arbeit haben, hat unser Tun für uns eine entwürdigende Ziellosigkeit bekommen, wir sind Sklaven, die man einmal hier, fünf Minuten später dorthin schicken kann. Über diesen Sachverhalt habe ich selbst noch nicht genügend nachgedacht. (Vgl. zu diesen Überlegungen Paul Göhre, Drei Monate Fabrikarbeit, Gütersloh 1978, 44-48); doch ist mir später in einer Elektrofirma aufgefallen, wie kindisch die Kollegen reagierten Sie wussten, dass ihre Arbeit unproduktiv war. Jeder Tag war eine Anhäufung von Albernheiten. Für die meisten hatte die Arbeit – viele waren Facharbeiter – überhaupt keinen Geschmack. Sie schoben eine ruhige Kugel.- Die produzierten Teile wurden in der Waffenindustrie gebraucht.

Zwar sind wir als Arbeiter nicht gezwungen, uns ganz mit dem Verhalten des Kapitaleigners zu identifizieren und seinen Wucher für gut zu heißen. Doch jede unsere Arbeit soll ihm einen Gewinn bringen. Wir stehen im Dienst seines Gewinnzuwachses. Für unseren Lohn würde er nie arbeiten wollen. Welch eine Anmaßung, sich so etwas ausdenken zu können? Der mangelnde Lohn spielt natürlich auch eine wichtige Rolle hinsichtlich des Interessenwandels in den ersten Fabrikjahren.

Das Erwartungsfeld Fabrik hat uns geprägt; wir werden für dumm und unwürdig gehalten. Es wird für uns gedacht, wir werden zu Marktpreisen eingekauft und wir reagieren darauf. Die Arbeitsteilung in „Verantwortliche“ und „Unverantwortliche“ ist beleidigend. Und manchmal staut sich die Wut darüber; dann sind wir unachtsam, melden uns krank, usw. Dann passen wir endgültig ins Schema: der Arbeiter ist arbeitsscheu, dumm, liederlich, kindisch, kulturlos,…Hat er nicht seine Lage selbst verdient? Nach einiger Zeit der Aktion und Reaktion ist es dann scheinbar schwer im sozialen Konflikt zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden.

Neben der Reaktion auf die mangelnde Möglichkeit, sich mit der Arbeit und Struktur in der Fabrik zu identifizieren, solange man sich selbst noch ein wenig ernst nimmt – dh. Nicht die mit dem Lohn erkaufte Anwesenheitszeit in der Fabrik nur totschlagen will – gibt es aber vielleicht noch einen zweiten Grund für das belächelte Verhalten vieler Arbeiter. Die tausend kindlichen Dummheiten bilden einen Freiraum der Harmlosigkeit, in den wir uns aus dem produktionsgerechten entfremdenden Verhalten zurückziehen können. Dieser Wunsch nach harmlosen Augenblicke wird oft von den Ideologen übersehen. Doch sie sind rudimentäre Feste, die nicht gegen ein ernsthaftes Engagement stehen, sondern die es oft erst ermöglichen. Ideologisieren wir also diese Luftblasen der Harmlosigkeit nicht oder machen wir sie nicht lächerlich. Sie sind freudige Augenblicke zum Luftholen.

Ist im Betrieb nicht eine Autorität und Hierarchie notwendig?

Von einigen Verbesserungen abgesehen, scheint es vielen undenkbar, dass sich im Fabrikalltag einmal im sozialen Kontakt zwischen der Gruppe der Intermediäre und der in der Produktion Arbeitenden viel ändern könnte. Die Schranken mögen sich für einzelne öffnen – wobei an einen Aufstieg gedacht wird – doch eine wirkliche Interaktion sei von der Sache – d.h. dem Sachverstand – her nicht möglich. Eine Autorität des Sachverstandes – eingesetzt von der Gnade des Kapitals – wäre zur wirksamen Leitung eines Betriebs unbedingt notwendig. Mir leuchtet diese Ansicht nicht ein, denn die Verantwortung der Betriebsleitung gegenüber dem Kapitaleigner führt oft genug zu einem Missbrauch des so hochgeschätzten Sachverstandes. Das Kapitalinteresse muss sich nicht immer mit dem Interesse des Betriebes decken, wenn ich einmal davon ausgehe, dass er den in ihm Beschäftigten Arbeit und Brot erwirtschaften soll. Vielleicht würde eine von der Belegschaft gewählte und ihr gegenüber verantwortliche Betriebsleitung auch in der Ausübung ihres Sachverstandes gehindert. Aber immerhin würde sie gegenüber einer größeren Gruppe der vom Wohl und Wehe des Betriebes Abhängigen Rechenschaft ablegen müssen und nicht nur von einem oder einer Gruppe Anteileigner außerhalb des Betriebes. In beiden Fällen wird es auch in Zukunft in einem Industriebetrieb eine eingesetzte und zur Rechenschaft verpflichtete Autorität und eine Hierarchie in Planung, Verkauf, Produktion, Forschung, usw. geben. Die entscheidende Frage heißt heute für mich: vor wem muss diese Autorität ihre Entscheidungen verantworten?

In der Fabrik habe ich gesehen, wie der Direktor quasi göttliche Anbetung von uns und der ihm hörigen Hierarchie forderte; letztere ließ er ein wenig in seinem Glanz leben. Er nahm den Platz Gottes ein. Dabei war für uns schwer erkennbar, ob er für sich selbst diese Anbetung forderte oder stellvertretend für den hinter ihm stehenden Gott, das Kapital, das er zu vertreten hatte.

Mit allen Eigenschaften eines Herrschergottes schien er ausgestattet zu sein: er war der alles Sehende hinter seiner Fensterscheibe im ersten Stock; kein Arbeiter konnte sich vor ihm lange verbergen. Er war der Alles Hörende- wie er selbst sagte; damit spielte er auf seine Informanten an. Er war der alles Wissende; andeutungsweise machte er auf sein Herrschaftswissen regelmäßig aufmerksam. Er war der alles Könnende, usw. Die Liste der Tugenden und der uns geschenkten Gunsterweise ließe sich einige Zeit fortsetzen. Das Ja-Ja der Verehrung war also nicht unbegründet gefordert. Undenkbar natürlich, dass wir Unwürdige, Nichtswissende…von ihm Rechenschaft fordern könnten. Wir waren Werkzeuge seines planenden Geistes, bestenfalls trotz unserer Unwürdigkeit sorgend angenommene Kinder. Schande über uns, wenn wir diesen alles-besser-wissenden Gott und seinen Hofstab nicht scheu verehrten. Seine gerechte, ordnungschaffende Verachtung war furchtbar bis hin zum Todesurteil, dem Entzug seiner Gunst, arbeiten zu dürfen, die Entlassung aus dem Betrieb.

Durch die Arbeitsteilung in wertvolle und weniger wertvolle Beschäftigungen war ein Klima geschaffen worden, in dem die Pflanze des Auch-sein-wollens-wie-Gott sehr gut gedieh. Auch bei mir selbst habe ich bemerkt, wie ich gegenüber den anzulernenden, später mit mir konkurrierenden Pressenführern immer versucht war, mir ein Herrschaftswissen aufzuheben.

Die hier angedeutete Fabrikreligion wurde nirgendwo durch das Christentum infragegestellt. Der Glaube war ja schon lange zur Privatsache erklärt worden. Als solcher stand er dann aber in sehr hohem Kurs, da er die private Sitte und die Zuverlässigkeit garantierte. Zum anderen war ja in der Fabrik eine neue Welt geschaffen. Man hatte sich beim Einkauf nur auf die Arbeitskraft bezogen und alle anderen Rücksichten, unter denen der Mensch gesehen werden konnte, draußen vor dem Tor gelassen. In dieser neuen, heilen Welt der Fabrik war nun neben dem hoch gepriesenen Sachverstand, eingesetzt im Interesse des Kapitals, zur Stabilisierung der Hierarchie wie in der alten Welt die Befriedigung religiöser Gefühle notwendig. Der Direktor gab sich – vielleicht innerlich wider seinen Willen- dazu her, dieses Vakuum durch die Übernahme der Rolle des Hohenpriesters zu füllen. Mit einem hohen Ethos gab er seinen Kindern wirklich alles, was sie nötig hatten, um glücklich zu sein, glaubte er. Und er scheute keine Mühe; sein privates Leben opferte er sogar weitgehend dem Wohl der Fabrik, wo er auch abends lange, samstags oft sonntags anzutreffen war.

Die Fabrik ist keine areligiöse Welt, sondern stark religiös geprägt. All die – jetzt von Beiwerk gereinigten – Forderungen zur Verehrung eines Herrschergottes, wie wir sie auch in der christlichen Verkündigung leider noch oft genug finden, habe ich im Betrieb wieder gefunden. Sie waren ein wichtiges Element in der innerbetrieblichen Erziehung. Diese Religion wurde tagtäglich gepflegt und manchmal auch gepredigt. Auf jeden Fall schien ihre Respektierung zu den authentischen Zeichen der Betriebszugehörigkeit zu gehören.

Die bestehende Fabrikstruktur scheint sich völlig installiert zu haben, ausgestattet mit dem weltlichen Schwert des Sachverstandes und dem geistlichen Schwert der ihn stützenden Moral. Die Fabrik ist zu einer neuen, selbständigen Welt geworden und nicht mehr ein Werkzeug der alten Gesellschaft. Letztere mag sie als eine atheistische oder als eine materialistische Welt bezeichnen, doch sie ist eine religiöse Welt, in der es keinen anderen Gott als den einen – den Chef – geben darf.

Dieser Zustand ist für mich unerträglich. Und nicht nur allein für mich. Deshalb ist die Frage der Begründung der Autorität im Betrieb ganz wichtig geworden. Die Religion der Fabrik unterdrückt den Menschen.

Bist du in der Fabrik zur Aufgabe deines Glaubens gezwungen?

Mehrfach habe ich gesehen, wie Christen, Mohammedaner, Buddhisten, engagierte junge Menschen ihren Glauben in der Fabrik aufgegeben haben. Es mag in einer Hinterkammer als Vergangenheitserinnerung weiterexistieren. Doch im Fabrikalltag hat er völlig an Bedeutung verloren. ER ist nicht mehr gefragt, durch die neue Religion verdrängt, ja- was noch viel tragischer ist – er hat keinen menschlichen Boden mehr in der alltäglichen Erfahrung, auf dem er neu gedeihen könnte (wenigstens global gesehen). In der Fabrik existierst du als Arbeitskraft oder als Kind. Da hat der Glaube eines Erwachsenen keinen Platz. Der Glaube an die Liebe Gottes zu allen Menschen ist außerdem durch die Zerteilung des Betriebes in mindestens zwei Klassen völlig diskriminiert, denn eine Identifikation mit dem Interesse der anderen Seite, d.h. dem Suchen der Einheit mit allen anderen Betriebsangehörigen, die Liebe zum Nächsten ist zwar von der Autorität gefordert, aber aus Selbstachtung und Ablehnung der innerbetrieblichen Götzenverehrung kaum möglich, und eine Vertauschen der Rollen, also das Werden zu Brüdern und Schwestern das Aufgeben der Statussymbole, der Annehmlichkeiten, der Macht schier unvorstellbar. Gegenwärtige sozial-mitmenschliche Kontakte, die vom Glauben auf das begonnene Reich Gottes hin legitim ausgelegt werden können, sind in der Fabrik zumindest im Blick auf die herrschende, d.h. die den Status quo stabilisierende Ideologie und der sie verteidigenden Personen unterbrochen und wir finden uns in der Eindimensionalität des Verkaufes unserer Arbeitskraft wieder. Mit einem Geldwert können wir gleichgesetzt werden. Wenn wir diese unsere Materialisierung annehmen, dann haben wir es nicht mehr weit, uns die innerbetriebliche angeordnete Götzenverehrung des Geldes zu integrieren und uns durch Prämien oder deren Entzug steuern zu lassen.

Der Glaube lebt in einer Praxis der Menschwerdung mit anderen. Der Wunsch danach ist in der Fabrik für die dem Kapital verpflichtete Autorität in der Regel eine Störfaktor. Der in die Verbannung getriebene Glaube kann entweder die Sklavenrolle akzeptieren und sich abkapselnd (Getto) zu schützen suchen oder zu einem ständigen Unruheherd auch gegen die Autorität werden. Die Erfahrung lehrt, dass der Glaube sich bald totläuft und die Sklavenrolle ohne jede religiöse Leidensmystik passiv übernommen wird. Manchmal kommt es auch zur „Bekehrung zum Hass“. Er stimuliert manchmal eine ungeheure Kampfkraft für eine neue Gesellschaft.

Aus der Sicht der Autorität ist sowohl dieser Hass-Glaube auf eine neue Welt als auch der Glaube an das Reich Gottes eine Bedrohung der Fabrikstruktur. Sie versucht beide zu eliminieren. Der Einfachheit halber benennt sie alle diese sie bedrohenden Engagierten als Kommunisten. Mit dem Hinweis auf den Ostblock wird dann eine Liste von Begründungen angeführt, die die Verteufelung dieser Störenfriede der neuen heilen Fabrikwelt und die die Anwendung auch faschistischer Methoden zu ihrer Eliminierung rechtfertigen sollen.

In Paris bin ich auf eine Reihe junger Menschen gestoßen, die nach einigen Jahren der Arbeit nur noch den einen Gedanken haben, aus dieser Welt der Fabrikarbeit zu fliehen. Sie haben die Hoffnung aufgegeben, dass sie dort etwas ändern können. Sie wollen – auch zum Heil unserer Gesellschaft, wie sie meinen – als Menschen leben und suchen ein Handwerk, einen Ort auf dem Lande, eine Arbeit als Verkäufer mit einem Stand auf dem Markt- kurz: einen Ort, wo sie wieder ein und ausatmen dürfen. Einer von ihnen hat mich einmal gefragt: „Alle, die ich kenne, sagen nach einiger Zeit, dass sie die Gängelung in der Fabrik, durch die Reklame…usw. satt hätten und als Menschen leben wollten; warum beginnen sie nicht? Warum laufen wir alle weiter im Strom mit? Und du – warum bist du noch in der Fabrik? Ich sehe da keine Chance mehr für mich; ich will neu anfangen.“ Ich konnte ihm auch keine Patentrezepte angeben. Welches Engagement notwendig war, wie der Weg der Menschwerdung in der Fabrik aussehen könnte, das wusste ich ja selbst oft nicht. Doch als er bemerkte, dass ich nicht allein war, dass ich mit anderen zusammen wohnte und wir zusammen einen Weg suchten und ein Stück weit lebten, da machte er mir plötzlich Mut, in der Fabrik zu bleiben: „Wenn du nicht allein bist, dann darfst du bleiben.“

Ob jemand in der Fabrik Christ bleiben oder sogar mehr werden kann, ist also eine offene Frage für mich. Die Erfahrung spricht oft genug dagegen. Die Forderung, nicht nur die weit entfernten sondern die tagtäglichen Feinde zu lieben, ist aus eigener Kraft eine Überforderung.

Zu allem Überfluss sind unsere Vorgesetzten im Betrieb oft in ihrem Privatleben vor dem Fabriktor praktizierende Kirchgänger. Sie erziehen ihre Kinder gläubig und sind weithin als gastfreundliche Menschen mit einer hohen Kultur angesehen. Auch ich will ihnen diese Anerkennung nicht verweigern, aber ich kann meinen Glauben nicht am Fabriktor aufbewahren lassen. Ich bin als Mensch unteilbar. Die Aufteilung von mir selbst ist aber eine Einstellungsvoraussetzung in die Fabrik.

Offiziell verkaufe ich nur einen Teil von mir, meine Arbeitskraft. Für mich bleibt es einen offene Frage, ob ich mich nicht als Ganzes verkaufe. Auf jeden Fall bin ich von diesem Verkauf der Arbeitskraft als Ganzer betroffen. Mir scheint es außerdem eine gefährlich Vertröstung zu sein, das Leben in einen uneigentlichen Teil – die Gefängniszeit in der Fabrik- und in einen eigentlichen Teil zu zerlegen, d.h. in die Zeit der Autonomie, der Freiheit, der Familie, des Lebens. Dabei wird die durchgängige – nur im Fabrikalltag besonders leicht auszumachende – alle Lebensbereiche prägende Entfremdung übersehen.

Als Christ habe ich keine Eintrittserlaubnis in die Fabrik. Doch es gilt auch: Gott lebt überall und besonders durch jene sichtbar, die nach Gerechtigkeit hungern. Ja, es gibt eine Stellvertretung Gottes, aber keine Selbsternannte. Solange du mit anderen ihm gehorsam bist, darfst du es versuchen, selbst in der Fabrik oder wohin der Weg dich noch weiter führen mag.

Anhang:

Mit dem Eintritt in die Fabrik stellt sich verschärft die Frage nach dem Glauben. Die Prägung durch den Atheismus oder besser durch den Götzendienst des Fabrikalltags, die sich dort in der Struktur manifestiert hat, produziert Unmenschlichkeit oder umgekehrt. Die Frage nach dem Glauben und die nach der Gerechtigkeit sind miteinander verbunden. Die Hoffnung auf den liebenden Gott der Gerechtigkeit ist eine von jenem Angst eintreibenden Götzenbild abgedrängte aber doch noch lebendige Sehnsucht. Wir müssen diese immer wieder aufbrechende Sehnsucht als den roten Faden der Geschichte in ihrer ganzen Realität ernst nehmen. Dann sind wir gewappnet, die Arbeiterfrage nicht nur auf die Lohnfrage zu verkürzen, sondern uns ganz mitzuteilen, als Mensch zu teilen, d.h. zu vervielfachen, zu vermehren.

Die erlösende Wende zum Horizontalen Sehen

Geradezu hypnotisiert habe ich – in der zuletzt beschriebenen Phase der Eingliederung in den Fabrikalltag – gebannt auf die mir deutlich werdende Struktur im Betrieb gesehen. Nicht mehr soviel mit meinen Gefühlen beschäftigt, musste ich immer wieder hinsehen, denn ich hilet sie einfach nicht für möglich, mitten im doch so zivilisierten Europa, diese sich keinen Moment in Frage stellende brutale Verachtung der Arbeiter, diese Herrschaft von Menschen über Maschinen und die sie bedienenden Menschen. Wo war ich gelandet? Manchmal kam ich mir wie ein Mondkalb vor, das es auf die Erde verschlagen hat; die Augen habe ich aufgerissen und konnte nicht begreifen; das musste doch alles ein Traum sein.

In dieser Zeit entdeckte ich einen Freund, dem ich erzählen konnte, was ich täglich sah. Wir arbeiteten ein halbes Jahr zusammen an derselben Maschine in der gleichen Schicht. Ich hatte ihm alles erklärt, was ich von der Presse kannte, und wir arbeiteten – oft ohne ein Wort zu verlieren – Hand in Hand. Sein Zuvorkommendheit und Verschwiegenheit haben mich immer aufs Neue bestochen. Uns so konnten wir uns im Arbeitsprozess auch über Verhaltensweisen verständigen, die kein anderer im Betrieb wissen durfte. Mit der Zeit kannte ich seine Familie und später habe ich sie auch einmal zu uns eingeladen. Ich bin sehr froh über diese gemeinsame Zeit.

Schiebst du jetzt nicht auf Grund einer Freundschaft deine Hoffnungen auf die Veränderung der schier auswegslosen Lage beiseite?

Die Arbeit, der Austausch, das harmlose Spiel mit meinem besten Freund B. – und nach und nach auch mit den anderen Kollegen derselben Schicht – hat mir viel geholfen. Doch schon bald wurde mir die Frage von Freunden in Deutschland gestellt: richtest du dich jetzt nicht nett ein, suchst dein privates Glück, privatisierst du nicht? Die Freundschaft mit B wurde nicht direkt verdächtigt – dafür passte er auch zu gut in eine gewisse ideologische Schablone: er und seine Frau Italiener (2. Generation), ungelernt, Kinder, usw.-, doch es wurde ständig nachgebohrt: Ist das alles? – Ja, das ist erstmal alles; eine Freundschaft ist nicht verwendbar.

Den Vorwurf, ich hätte mich privatisiert, weise ich zurück, weil ich gerade in dieser Zeit durch meine Kollegen sehr viel aufgeschlossener wurde. Sie haben mich aus der mich fesselnden Fixierung auf die Betriebshierarchie herausgeholt, mich an der Hand genommen und mir gezeigt: „Sieh, du bist nicht allein, wir sind da.“ Wie konnte ich das vergessen? Doch ich hatte es wirklich aus den Augen verloren, dass ich auf meine zukünftigen Kameraden hin nach Frankreich in die Fabrikarbeit aufgebrochen war. Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: lauf nicht weg vor der Situation, in der du gefordert bist. Mein Bemühen, das Verhalten des Direktors und seiner Untergebenen, all die Interaktionen und verschiedenen Interessen verstehen zu wollen, trat mehr und mehr in den Hintergrund und vor allem waren alle Versuchungen zu einem „Alleingang“ für die Verbesserung der Lage verflogen. Das Hineinwachsen in eine noch ganz zarte Kollektivität hatte begonnen. Ich wurde mit in das sich gegenseitig vertrauende Schweigen aufgenommen. Und die Reaktion blieb auch nicht aus: früher wurde ich in manche technische Zusammenhänge vom Direktor auf deutsch eingeweiht – zu Ende; ich bekam jeweils eine Photokopie der schriftlichen Anweisungen – zu Ende; eine mir zugesagte Lohnerhöhung wurde ohne jede Diskussion zurückgenommen; nur noch kurze Begrüßungen ohne Wortwechsel durch den Direktor; später offizielles Redeverbot mit den Kollegen and der drei Meter entfernten Maschine. Im Gegensatz zu anderen wurde ich selten beschimpft; es blieb bis zum Schluss ein gewisser Respekt. Doch sonst war ich mehr und mehr eingegliedert: Äußerlich und vor allem innerlich.

Mehr und mehr waren wir uns gegenseitig sicher, welcher der Kameraden mit in dem gemeinsamen Schweigen lebte, also der Anbetungsforderung Widerstand leistete und wer den Mund nicht halten konnte und ständig dem Direktor „Gewissensrechenschaft“ ablegte. Besonders freute mich, dass ich nicht mehr so oft auf die Taktik hereinfiel, uns Arbeiter in der Produktion durch die Arbeit, den Lohn, den Anstellungsvertrag, die Nationalität, usw. voneinander zu trennen. Das ist nicht so selbstverständlich, denn auch ich suchte unbewusst ständig jemanden, auf den ich hinabschauen konnte; auch ich meinte, dass ich meine Identität in dem Sich-über-den-anderen-stellen begründen müsse. In diesem Mechanismus des Aufsteigens wird doch in unserer Gesellschaft die wichtigste Möglichkeit der Identitätsbegründung gesehen. Ich war von dieser Untugend nicht frei und als bestbezahltes- ter Arbeiter in der Produktion hatte ich konkret die Gelegenheit, eine solche lächerlich wirkende Unterscheidung zwischen den Kollegen und mir vorzunehmen, oder besser: zuzulassen, denn jeder Neue hielt mich wegen meiner Arbeit für eine Stufe höher stehend. Das Geschenk der beginnenden Freundschaften belehrte mich nicht mehr vertikal, sondern horizontal zu sehen. Ein Schritt der Befreiung.

Doch diese Freundschaften sind nicht nur ein Ausbildungsabschnitt. Freund zu sein, wo andere verachten, das ist der Schatz, den ich gesucht hatte. Ist er ausgegraben – so bin ich ganz sicher – wird alles andere daraus folgen. In dieser Zeit der Blickwendung, in der unter uns das Wir wuchs, da ist mir mein Lebensmotiv ein wenig klarer geworden, jener Motor, der mich treibt: Menschen zu achten, die verachtet sind und in der geschenkten Freundschaft die gemeinsame Betroffenheit leben. Warum will ich das? Um etwas wieder gut zu machen? Weil ich Anerkennung wünscht? Um später diese oder jene Aktion zu starten?… Das ist mir noch unklar. Doch die Freude in der Begegnung mit meinen Kollegen und zur selben Zeit auch bei Besuchen in der Zigeunersiedlung, im Stadtviertel,…zeigten mir einen Weg. Ich bringe Freude und mir wird Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit geschenkt. Ich habe kein Recht ungeduldig zu werden oder mich vorschnell von einem von irgendwoher auferlegten Mehr fremd bestimmen zu lassen. Ich bin mit unserer Situation nicht zufrieden geworden, habe mich nicht vertrösten lassen. Aber ich habe begonnen darin freier zu leben. Das Teilen von Brot und Wein und vielen anderen Dingen ist zum täglichen Brot geworden. Alles ist noch unvollkommen, doch die Hoffnung lebt.

Einer mitten in unserer Werkstatt ist wirklich allein!

Nicht nur wir in der Produktion lebten in einer Gruppe, sondern es gibt im Betrieb auch noch andere Zirkel und Kreise, zusammengeführt durch gemeinsame Interessen. In der Mitte all dieser Gruppierungen war einer „um des gemeinsamen Heils willen“ allein geblieben. Er hatte keinen Kollegen im Betrieb, keine Chance zu leben. Sehr oft stand er mitten in der Halle ganz allein, nachdem er zwei Gruppen zusammengestaucht hatte. Da konnte ich ihn ruhig beobachten; wie ein gehetztes Tier stand er zwischen seinen Verfolgern. Ein andermal suchte er freundlich Kontakt und wollte Atmosphäre schaffen; doch auch da völlig verkrampft. Monat für Monat wurde er steifer, unbeweglicher. Welch ein Opfer brachte er für den Betrieb? Wie lange mochte es noch dauern, bis er die letzte Spur von Menschlichkeit verdrängt hatte? Ein noch junger Mann, allein, allein, nochmals allein. Und wie viele Schläge mochte er vom Unternehmer bekommen, weil die Produktion noch nicht den angezielten Stand erreicht hatte? Wie zärtlich mochte er mit seiner Frau umgehen? Vielleicht auch aus Ängstlichkeit, sie zu verlieren, erzählte er vielleicht kein einziges Wort über seine Verlassenheit im Betrieb. Ob sie wusste, dass sie der letzte Notanker in seinem Leben sein könnte, dass er täglich von der Zuchtrute, seine unmenschliche, menschenverachtende Pflicht zu tun, geschlagen wurde, dass der Titel Direktor und das damit der Gesellschaft abgetrotzte Ansehen teuer erkauft war.

Auf diese Fragen weiß ich natürlich keine Antwort. Doch ich sah, wie er in eine Falle gelaufen war. Vielleicht hatte ich auch jetzt noch manchmal vor ihm und seinen Helfern Angst. Doch in meinem trotzigen, brutal schweigenden Widerstand, nicht auch in diese Falle zu gehen, hatte ich Mitleid mit ihm. Hass war unmöglich. Meine Gefühle des Bedauerns konnte ich ihm gegenüber nicht verständlich ausdrücken. Doch ich habe ihn bis zum Schluss, auch als er mich mit der härtesten Strafe belegte, als er mich entlassen, verbannt, d.h. in seinem Machtbereich quasi zum Tode verurteilt hat, nie hassen können. Er war wirklich das ärmste Schwein in der Firma. Ein scheinbar ganz freier Mensch, der Entscheidungen fällen durfte und dem die meisten Annehmlichkeiten und Privilegien zustanden. Doch in Wirklichkeit war er unter uns jener, der am wenigsten Mensch sein durfte. Vielleicht würde ich an seiner Stelle anders handeln und Entscheidungsbefugnisse abtreten, die Mitarbeiter mehr um ihren Rat fragen, Betriebsversammlungen abhalten, nicht mit allen Mitteln die Gründung einer Gewerkschaft verhindern, usw. Vielleicht würde ich meine Emotionen besser kontrollieren und auch mal einen Fehler eingestehen können. Doch ob ich die Rolle des Direktors wirklich sprengen und im Betrieb unter Freunden leben könnte, das bezweifle ich stark. Er hatte eine bessere technische und wohl auch kulturelle Ausbildung als ich. Ich hätte keine besseren Talente zur Betriebsleitung gehabt und wäre genauso wie er zwischen den bestimmenden Interessen des Kapitaleigners und den meist unausgesprochenen Wünschen der Beschäftigten zerrieben worden. Hassen konnte ich den Direktor also nicht, weil ich wusste, dass ich an seiner Stelle auch nicht die Kraft hätte, die Struktur der Verachtung zu durchbrechen, in die er aufgestiegen, von der er geformt war und in der er jetzt einen wichtigen Platz einnahm. Manchmal spürte ich fernes Mitleid doch bis zur (Feindes)-Liebe war es noch ein weiter Weg. Wie dieser Schritt der Menschwerdung, des Christseins in der innerbetrieblichen Religionsstruktur dieses Götzendienstes des Geldes, der Ausbeutung, der misstrauischen Herrschaft von Menschen über Menschen einmal möglich sein wird, ist für mich noch eine ganz offene Frage. Da bleibt noch viel zu tun. Doch in diesem Moment war ich erst einmal froh, dass ich die Hoffnung auf dieses Geschenk der Feindesliebe nicht durch Hass zerstören musste, um in der Situation im Betrieb Widerstand zu leisten.

Die Entlassung aus der Fabrik bedeutet doch eine Isolation; warum sprichst du von einem Fest?

Anfang Januar 1977 war ich zwei Wochen krank. In dieser Zeit wurde mein Freund Schichtführer. Der alte hatte es in der Firma schon bald satt bekommen und gekündigt. Als ich in den Betrieb zurückkam, erhielt B. sofort den Auftrag, einen Grund für meine geplante Entlassung zu suchen und zu melden. In der Hierarchie aufgestiegen, war das nun der erste Auftrag an ihn, der mich betraf. Da auch noch andere mich beobachten sollten, war es B unmöglich, bei einer auftretenden Unregelmäßigkeit in der Arbeit nicht sofort Meldung zu machen, wollte er seinen neuen Platz, ja seine Anstellung, nicht verlieren; er hatte nur einen zeitlich begrenzten Arbeitsvertrag mit der Mutterfirma unseres Betriebes. Diese Anweisung des Direktors hatte er für unmöglich gehalten. Ein gewaltiger Schock für ihn. B erzählte brühwarm von seinem Auftrag. Wir waren gewarnt. Sofort bildeten die Kollegen geradezu eine Mauer um mich. Alle möglichen von mir sonst mit erledigten Arbeiten nahmen sie mir wortlos aus der Hand, so dass ich nur noch eine regelmäßig wiederkehrende Tätigkeit verrichten musste. Sie hatten damit die Verantwortung für eine große Zahl möglicher Unregelmäßigkeiten in der Produktion übernommen. Darüber hinaus ließen sie es meist gar nicht soweit kommen, dass einer der Beobachter bis an meinen Arbeitsplatz vordrang. Sie lenkten ihn vorher ab. Eine Woche habe ich so im hautnahen Schutz der Kollegen gearbeitet. Noch nie konnte ich ihnen so tief in ihre Gesichter sehen wie in diesen Tagen. Über das Geschehene habe ich mich unheimlich gefreut. – Dann wurde ich an eine neue – anderen und auch mir offiziell schriftlich verbotene – Arbeit gestellt und zwar auf die ausdrückliche Anweisung des Direktors hin. Ich sollte ohne eine entsprechende Einweisung den Kran fahren. Nach zwei Tagen geschah eine häufig mal auftauchende harmlose Unregelmäßigkeit. Prompt wurde meine Entlassung unterschrieben; sofortiges mündliches Arbeitsverbot. Das Entsetzen der Kollegen machte sie fast alle völlig sprachlos: das ist doch nicht möglich, es liegt doch gar kein Entlassungsgrund vor. Sie waren wie gelähmt, obwohl sie das Vorhaben des Direktors doch schon einige Zeit kannten und – seit der Einteilung zu der neuen Arbeit – sicher wussten, dass jetzt die letzten Stunden im Betrieb für mich angebrochen waren. In einer neuen Arbeit ist man nun mal nicht so geschickt, wie in einer lange gewohnten. Da war die Chance größer, dass einmal etwas Unvorhergesehenes eintrat. Außerdem kannten sie den Grund für meine Entlassung ganz genau. Immer wieder war es ja zu Nichtweiterbeschäftigungen von Kollegen mit Zeitverträgen gekommen. Wir wurden ausgetauscht, damit keinem auf Grund längerer Betriebszugehörigkeit größere Rechte zuwüchsen. Nachdem ich selbst auf Grund meiner Sprachkenntnisse in Deutschland leicht auszubilden war und nun fünf Pressenführer angelernt hatte, war ich für den Betrieb nicht mehr so interessant, dass ich nicht auch unter die Regelung des Austausches der Produktionsarbeiter fallen könnte. Im Februar 1977 wäre der letzte Monat gewesen, mich auf einfache Weise loszuwerden. Ab März hätte ich auch nach der zu meinem Nachteil erstellten Rechnung des Direktors einen gewissen Kündigungsschutz gehabt. Auch eine Vertrauensleutewahl wäre ab diesem Moment im Betrieb möglich geworden. Ich wäre praktisch der erste gewesen, der sich hätte zur Wahl stellen können.

Da der Entlassungsbrief am folgenden Tag noch nicht eingetroffen war, nahm ich die Arbeit wieder auf. Sie wurde mir natürlich bald – nun auf meinen Wunsch hin schriftlich – verboten. Ich verabschiedete mich von den Kollegen bis zum Schichtende um 21 Uhr. Danach geschah etwas für mich Unvergessliches: als ich abends in die Fabrik zurückkam – der Direktor war glücklicherweise schon weggefahren – hatten die Kollegen die Sprache wieder gefunden. Jeder hatte ein persönliches Wort auf Lager. Sie machten mir Mut und wiesen mich auf meine Möglichkeiten hin, beim Arbeitsgericht zu klagen und so jetzt wenigsten dem willkürlichen Verhalten der Betriebsleitung auch um ihrer willen einen Stein in den Weg zu rollen. Und dann – nach der Arbeit, ja noch ohne Abendessen hungrig, die Frauen warteten auf sie – sind sie dageblieben und wir haben ein Fest gefeiert. B. hatte dafür schon vorsorglich alles am Morgen eingepackt; vor allem Champagner und Kuchen.

Nach diesem Freitagabend sind mir am Wochenende tausend Dinge durch den Kopf gegangen, zumal der Brief mit der Entlassung wegen eines eintägigen Poststreiks nicht eintraf. Wie schon in der Zeit vorher hat mir die Kommunität geholfen, die Nerven nicht zu verlieren, denn am Montag morgen um fünf Uhr musste ich – um meine Rechte hinsichtlich eines späteren Prozesses nicht zu verlieren – mit Schichtbeginn die Arbeit wieder aufnehmen. Ich habe nicht lange gearbeitet, aber es war für die Kollegen und mich ein unverhofftes Zeichen, dass ich bereit war, nicht zurück zu stecken, sondern zu kämpfen. Noch nicht offiziell schriftlich entlassen, doch für die Betriebsleitung ein eigentlich schon erledigter Fall, wurde mir mit der Polizei wegen Hausfriedensbruch gedroht. Sie wurde dann aber doch nicht gerufen, sondern ich wurde in einen ungeheizten Raum gesteckt und hatte dort zu warten. Nach einigen Stunden traf ein Notar ein, um mir offiziell die Entlassung mitzuteilen. Ein Stück Vieh hätte der Notar bei dieser Zeremonie besser behandelt.

Nachmittags bin ich mit zwei Gewerkschaftsvertretern nochmals in den Betrieb zurückgekehrt, um ein letztes Mal die Chance für eine Wiedereingliederung zu prüfen. Das Gespräch ergab, dass bei meiner Entlassung zwar gegen das Gesetz verstoßen worden war, aber eine Weiterbeschäftigung nicht infrage käme. Der staatlich angestellte Arbeitsinspektor bestätigte die Grenzüberschreitungen, wollte aber in diesem Fall nicht einschreiten, wie es seine Pflicht gewesen wäre, weil er wegen Arbeitsüberlastung keine Zeit hätte, bei Einzelentlassungen einzuschreiten. Jetzt läuft die Klage beim Arbeitsgericht.

Ja, ich bin von meinen alten Arbeitskollegen jetzt isoliert. Wir arbeiten nicht mehr tagtäglich zusammen und die meisten habe ich nie wieder gesehen. Mit einem Flugblatt in der Mutterfirma, deren Hallen auf demselben Grundstück stehen, wurden viele über meinen Fall informiert. Doch ich täusche mich nicht darüber hinweg, dass ich für sie alle in ihrem Alltag gestorben bin. Und doch haben meine Kollegen und ich in der ja von anderen beschlossenen Entlassung ein Fest der Hoffnung gefeiert, in der die Vergangenheit – mit ihren mir vielfach in dieser Weise unbekannten Beziehungen zu mir – in einem neuen Licht erschien und die deutlich den Blick auf die Zukunft lenkte. Von einem solchen Fest kehrt keiner unverändert in den Alltag zurück. Er muss sich entscheiden, ob er der erfahrenen Hoffnung treu bleibt oder sie wieder beiseite schiebt. Ich musste und konnte mich jetzt entscheiden, ob ich der unter uns greifbaren Hoffnung treu bleiben wollte oder nicht.

Ein Meilenstein, wohin geht es weiter?

Als ich mich auf dem Arbeitsamt als Arbeitsloser einschrieb, wurde ich – für mich ganz überraschend – wieder erkannt, sehr freundlich begrüßt und gefragt, ob ich mich jetzt nicht umschulen lassen wolle. Ich wurde über die einzelnen Möglichkeiten informiert und beantragte vorsichtshalber eine Ausbildung als Dreher. Nachdem ich dann einige Wochen später ein wenig Abstand zu all den Vorgängen dieses Januar 1977 gekommen hatte – in dieser ereignisreichen Zeit erklärte ich auch meine Kriegsdienstverweigerung und beantragte die Anerkennung in Bonn; außerdem besuchte uns mein Provinzial aus Köln für ein Wochenende – zog ich mich in eine Einsiedelei in die Berge zu Exerzitien zurück. Hier begann ich dann zu begreifen, was ich schon ahnte aber noch nicht auszusprechen wagte: Mit der Entlassung – dieser Phase der Angst aber auch eines großen Friedens – ist mein Noviziat als Arbeiter zu Ende gegangen, die Zeit der Ausbildung hatte begonnen.

Wie damals am Tag der Gelübde war die Zeit reif und ich war froh, dass sich die gefundene, natürlich erst anfängliche Identität als Jesuit oder jetzt als Arbeiter ausdrücken konnte. In beiden Fällen war die Reaktion der Mitbrüder oder der Kollegen ein wirklich frohes Fest. Sie nahmen mich in ihre Mitte. Ich war zu Hause. Beides geschah natürlich auf eine Zukunft hin, auf etwas noch ausstehendes, ohne dass dieses Etwas klar und deutlich zu umschreiben war. Ein Sein wurde gefeiert und nicht ein Erfolg oder Verdienst. Der Zeitpunkt war jeweils nicht von mir festgelegt worden – ähnliches gilt für die Diakonats- und die Priesterweihe, auch im ersten Jahr in Toulouse -, doch ich war froh, dass wieder eine offene Frage zu den Akten gelegt werden konnte – oder vielleicht besser: dass ich mit meiner Lebensfrage eine Frageebene durchstoßen und so hinter mir lassen konnte. Ich durfte konkreter, bestimmter, freier mehr selbst werden, ein wenig unbekümmert meinem gegebenen Ja treu bleiben.

Das Noviziat als Arbeiter war zu Ende, die Entlassung endgültig, das Fest vorbei – ich begann voll Freude mit meiner neuen Identität zu experimentieren. In Straßburg nahm diese Freude über das Geschenk der neuen Identität weiter zu. Noch nie hatte ich so ohne Hülle, ohne Schutzwall mitten im Volk, mitten im Volk Gottes gelebt, wie dort im Arbeiterwohnheim. Ich durfte hierhin und dorthin schwimmen, dies und das versuchen. Dabei wurde ich mir nach und nach bewusst, dass ich die Identität eines Gastarbeiters geschenkt bekommen hatte. Aber während der Exerzitien wurde mir nicht nur klar, dass ich auf meinem Weg einen Meilenstein passiert hatte, sondern ich musste mich jetzt neu fragen, wohin es weiter gehen sollte. Wie immer nach einem solchen Schritt – vergleiche Abitur, Ordenseintritt, Heirat, Priesterweihe – stehe erst einmal wieder die ganze Welt offen. Viele Richtungen können eingeschlagen werden. Und wir dürfen mit dem von uns eingegangenen Versprechen in einer gewissen Ungebundenheit suchen, wie wir uns mit der erhaltenen Kreditwürdigkeit am besten einsetzen können. Zum Glück brauchte ich nicht lange theoretisieren; es lag eine Anfrage auf dem Tisch: Umschulung. In das Für und Wider habe ich nie recht Ordnung bringen können. Und auch heute weiß ich keine objektiven Gründe anzugeben, ob es für mich günstiger ist, in einer Fabrik als Gelernter oder Ungelernter zu arbeiten. Doch um diese Wahlmöglichkeit zu haben, zumal ich meinen späteren Wohnort noch schwer ausmachen konnte, nahm ich das Angebot an, mich umschulen zu lassen. Die Exerzitien brachten die notwendige Klarheit. Ich sollte eine berufliche Ausbildung durchlaufen. Diese Entscheidung brachte den mich und die anderen ein wenig überraschenden Abschied von Toulouse: eine liebgewordene Kommunität, Kameraden, den Süden,… Er war nicht leicht zu verkraften, doch ich war ohne Zweifel, ja froh, einen nächsten Schritt tun zu dürfen.

Mit dem Schritt nach Frankreich bin ich ein wenig in meinem eigenen Leben zurückgegangen, nämlich in die Fabrik; bei der Berufswahl habe ich ebenso gehandelt. Die alte Entscheidung für den Maschinenbau war ganz richtig, auch wenn sie sich heute in einem neuen Kontext wieder findet.

Leben als Minorität

Eine gute Ausbildung ist wohl auch daran erkennbar, dass vieles von dem, was dem Lernenden bisher als selbstverständlich galt, infrage gestellt wird. Oft gehören dazu sogar jene Vorstellungen, Interessen, Ideologien, die zur Aufnahme des Studiums angeleitet hatten. In einem guten Philosophie- und Theologiestudium muss zum Beispiel wohl notgedrungen der zu reflektierende eigene Glaube ins Schwimmen geraten. In eine Krise gekommen, geben dann manche das Studium auf, da sie glauben, dass sie sich damals geirrt hätten. Das mag im einen oder anderen Fall richtig sein. Doch rate ich zur Vorsicht. All unsere Vorstellungen, Meinungen und Ideologien erweisen sich in ihrer konkreten Form nach einiger Zeit als vorläufig. Wir müssen uns immer neu auf den Weg machen, den Kern der Dinge, unseres Interesses und unserer Ansichten zu erforschen und das tragende Fundament unter allem Schutt der Zeit freizulegen. Dieser ständige Neuaufbruch ohne Stab, Schuhe und zweitem Mantel erscheint oft hart und unmenschlich, denn keiner von uns gibt gern all seine Sicherheiten aus der Hand und wird wieder ein Wanderer, Fremder, Heimatloser.

Im Theologiestudium wurde ich durch die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Reflexionen über den Glauben zu einem solchen Aufbruch gezwungen und jetzt sollte meine gefundene Identität als Arbeiter und Jesuit aufs Neue infrage gestellt werden. Eine ganze Reihe motivierender Ideologien waren schon korrigiert oder sogar als falsch entlarvt worden. Jetzt musste ich mir die Frage stellen:

Was gibt die Idee vom Klassenkampf wirklich her?

Wie schon oben gezeigt, ist es oft schwierig vom grünen Tisch aus, die Grenze zwischen den einzelnen Klassen zu bestimmen. Gehört der kleine Angestellte mit zur Arbeiterklasse oder nicht? Außerdem kann man wohl nicht davon ausgehen, dass sich jeder Arbeiter in der Produktion zur Arbeiterklasse gehörig fühlt. Ich habe in Paris gesehen, wie ein Kollege, der an einer kleinen Bohrmaschine arbeitete und daneben die Aufgabe hatte, auch die Aufträge für die drei anderen Bohrer entgegenzunehmen und unter sie zu verteilen, Flugblätter für die politisch rechts stehende Angestelltengewerkschaft verteilte. Er fühlte sich dort zuhause und nicht in den klassenkämpferischen Organisationen, für die seine „niedrig stehenden“ Kollegen eintraten. Doch im ausgebrochenen sozialen Konflikt zeigen sich schlagartig die Grenze und das Selbstverständnis der Einzelnen. Die Ausbeutung und Verachtung besteht schon lange, doch bei einer Demonstration, einer Gegenkampfmaßnahme der Ausgebeuteten, einem Streik im Betrieb, da muss man sich bekennen und zeigen, wo das eigene Herz schlägt. Spätestens dann wird offensichtlich, dass Klassen mit unterschiedlichen und miteinander unvereinbaren Interessen bestehen. Die oft brutalen Maßnahmen der herrschenden Klasse gegen die von ihr ausgebeuteten – natürlich zum Schutz ihrer Privilegien – sind dann ehrlicherweise nicht mehr zu leugnen.

Mit dem Wort Klassenkampf wird eine Realität beschrieben. Doch kommt dabei mehr in den Blick als das, was wir immer schon wussten, dass sich nämlich Einzelne ungerechtfertigter weise auf Kosten der Unterlegenen, Schwächeren und Ärmeren bereichern? Dieses ungerechte, abscheuliche Verhalten haben die Propheten Israels angeprangert und mit ihnen viele andere mutige Menschen in der Geschichte; das ist nicht erst der Verdienst von Marx und seinen direkten Vorläufern und Mitstreitern. Ohne das Verdienst von Marx bei der Beschreibung der einzelnen Ausbeutungsmechanismen schmälern zu wollen, muss ich mich also fragen lassen, ob das Beschreiben der Realität im Modell des Klassenkampfes viel Neues abwirft. Sollten wir nicht liebe von den „Armen“ sprechen, statt von der Arbeiterklasse, wie das in kirchlichen Kreisen oft geschieht, oder von der Basis, wie man es in politischen Reden aller Schattierungen hört? Diese viel weiteren Begriffe – Arme, Basis – werden doch der vielfältigen Wirklichkeit scheinbar mehr gerecht als jeder der Arbeiterklasse, der einzig vom Mechanismus der Produktion abgeleitet ist? Vielleicht stimuliert die Rede von der Arbeiterklasse besser die zur Überwindung der Ausbeutung notwendigen Aktionen; doch ist es gerecht dabei abfällig auf das schwer in den Kampf zu integrierende Lumpenproletariat hinab zu sehen und seine Interessen und auch die vielfältigen Interessen unter den Arbeitern einer davon stark abstrahierenden Ideologie zu opfern? Ist der Mensch – auch der Ausgebeutete – nicht mehr als eine zu befreiende Arbeitskraft? Ist er nicht auch von seinem Familienstand, Nationalität, seinem Hobby, seinen Talenten her zu unterscheiden? Mit diesen Fragen wird mein noch zaghaftes Klassenbewusstsein auf die Probe gestellt. Ich kann nicht leugnen, dass es in unserer Gesellschaft eine ganze Reihe von ins Abseits gedrängten Gruppen und einzelner Menschen gibt und dass es schwer fällt, alle ihre berechtigten Interessen zu einem Interesse – nämlich das der Arbeiterklasse – zusammen zu fassen und sich dafür einzusetzen. Und da ich nicht gern für unsere Anliegen als Arbeiter auf Kosten von schwächeren Gruppen eintreten möchte – ich würde mich dadurch ja selbst weiter in den Mechanismus der Ausbeutung integrieren, statt ihm den Kampf anzusagen – muss ich mich also fragen lassen, ob es nicht falsch war, von der Arbeiterklasse zu reden.

Mir persönlich ist es zu einfach, die aufgebrochene Frage mit dem Hinweis auf eine Sozialenzyklika beiseite zu schieben, wo ja auf die Realität des „verwerflichen Klassenkampfes“ hingewiesen wird (Quadragesimo anno 114).

Dem Christen in mir möchte ich ganz direkt antworten, dass mir die Rede von den Armen in unserer heutigen Situation recht verfänglich erscheit. Sie ist in der Regel an das Mitleid der Reichen gereichtet. Dass viele arm sind, weil andere reich sind und bleiben wollen, wird nicht gesagt. Die Rede von der Armut verschleiert oft genug die Ursache der Armut und – was vielleicht noch schlimmer ist – sie weist auf kein neues Selbstverständnis im Kampf zu Überwindung der Armut hin, es sei denn das der geduldigen Annehme. Im konkreten Fall des Produktionsarbeiters hieße das, sich als Maschinenteil anzunehmen. Armut ist kein Ziel, wenn auch manchmal – zumal im spirituellen Gebrauch des Wortes – ein Weg. Mir scheint das Wort deshalb wenig geeignet, um eine Richtung unseres Engagements anzugeben.

Außerdem ist die Rede von den Armen, auf die man sich in kirchlichen Kreisen gern beruft, vergleichbar mit dem Anrufen der Basis in politischen Reden. Fehlt es an Argumenten, so lässt sich vortrefflich auf einen heißen Draht zur Basis hinweisen, über den man Verbindung zu diesen Reinen – noch von der Politik Unverdorbenen- aufgenommen hat. Wer will dagegen schon etwas sagen (Dazu: Bernd Guggenberger, Überdruss an der Demokratie, Die Anrufung der Basis, in: Wohin treibt die Protestbewegung, Freiburg 1975) Doch kann ich dieser Art der Berufung auf die Basis, die auf ein Diskussionsverbot hinausläuft und die eigenen Interessen tarnt, nicht gutheißen. Wir dürfen uns nicht auf das Interesse der Armen berufen, ihnen unsere Sprache leihen – wie es dann öfters heißt – ohne dass wir wirklich Freunde unter ihnen haben. Dann scheit es nach meinen Erfahrungen aber nicht auszubleiben, dass wir klar und deutlich jene sehen, durch die sie in dieser oder jener Weise benachteiligt sind. Wir werden unterschiedliche gesellschaftliche Minderheiten entdecken, die in menschenunwürdigen Situationen leben. Ja, das Wort Arbeiterklasse reicht nicht aus, um die Situation zu beschreiben, aber es gibt wenigstens eine der von den Herrschenden in ungerechtfertigter weise Abhängigen eine Identitätsmöglichkeit und weist auf ein reales soziales Gefälle hin. Dieses Wort macht auf einen gravierenden, andere Ungerechtigkeiten nach sich ziehenden Missstand aufmerksam und fordert Abhilfe. Es wird ein Subjekt genannt, das den anstehenden Kampf zu führen hat. In der kirchlichen Sprache von den Armen – quasi ihre Heiligsprechung – wird mir zu wenig die Ursache ihrer Armut deutlich und ich sehe als Handlungssubjekt vornehmlich eine paternalistisch auftretende Kirche. Ich möchte hier die oft vorbildliche Praxis der Kirche nicht angreifen, doch ich bin etwas vorsichtig geworden, undifferenziert von den Armen zu sprechen.

In unserer Gesellschaft existiert eine konzertierte Aktion der Ausbeutung, eine Vernichtungsstrategie. Um das zu behaupten braucht man kein Jünger von Marx zu sein. Wer in diesem Klassenkampf nach einem Subjekt sucht, das Widerstand leisten kann, wird wohl über kurz oder lang von der Arbeiterklasse sprechen müssen, auch wenn er in und neben ihr Einzelgruppen ausmacht, die ebenfalls als selbstständige Subjekte den Herrschenden Widerstand entgegensetzen können und sollten, ja die Zersplitterung der Gesellschaft in Minoritäten ist ja gerade ein Erfolg der Strategie der Herrschenden. Die alte Devise, zerteile und herrsche, gilt weiterhin.

Wie lebendig ist die Hoffnung auf eine Überwindung des Klassenkampfes?

Mit starken Worten wird bei Demonstrationen und Parteiversammlungen die Einheit der Arbeiterklasse beschworen und das Kommen einer neuen Gesellschaft anvisiert. Doch auf wie viel Gewachsenes, auf wie viel Glauben bauen diese liturgischen Reden auf? Auch die Zeremonien der Arbeiterbewegung berufen sich wie die kirchlichen auf eine Wirklichkeit und sollen davon ausgehend auf etwas Kommendes hinweisen. Wenn das Wort nicht mehr von einer Gemeinde getragen wird, hat es keine Kraft mehr.

Besonders als Christ muss ich mich hier einer Gewissenserforschung stellen: In wieweit habe ich mich so schlecht und recht in unserer Gesellschaft mentalitätsmäßig eingerichtet, dass ich nicht mehr bereit bin, mich für eine Veränderung zum Heil aller einzusetzen? In wieweit hoffe ich noch – alles andere dem unterordnend – au eine gerechtere Gesellschaft, ja noch mehr: auf ein Wachsen des Reich Gottes in unserer Zeit? Damit verbunden sind noch zwei weitere Fragen: Wo sehe ich das Reich Gottes – Glaube, Gerechtigkeit – heute heranwachsen und wie stelle ich mich in seinen Dienst? Wie formuliert sich von diesem Engagement her heute die Zielvision: Reich Gottes für uns?

Reich Gottes bedeutet in diesem Zusammenhang für mich die Überwindung der Spaltungen, des Klassenkampfes, der Herrschaft eines Menschen über den anderen oder positiv: das freudige Erfahren des Angenommenseins als Brüder und Schwestern angesichts Gottes, der sich mit uns in der Menschwerdung neu identifiziert, uns angenommen hat. Die gegenwärtige Situation steht im Widerspruch mit dieser Verheißung.

Sowohl in Russland wie in Chile sitzen Christen/Menschen guten Willens im Gefängnis, weil sie der Verheißung /ihrem Glauben an die Zukunft treu geblieben sind. In Westdeutschland habe ich selten von solchen Fällen gehört. Sollte die Situation dort mit der Hoffnung auf das Reich Gottes nicht in Widerspruch stehen? Ich kann das kaum glauben. Vielleicht sind die Herrschenden geschickter und lassen es nicht zu öffentlich bekannten Märtyrern kommen oder sie können von ihrem Treiben durch Brot und Spiele geschickter ablenken.

Ich persönlich habe mich auf jeden Fall oft genug hinter das Licht führen lassen oder war zu bequem, um mich zu informieren und einzusetzen. Andere verhalten sich vielleicht ähnlich, denn sogar die kommunistische Partei scheint sich im Parlamentarismus eingerichtet zu haben. Sicherlich, sie ist ein gebranntes Kind. Ähnlich wie die Kirchen bei den Ketzerverbrennungen hat sie sich im Stalinismus schuldig gemacht. Jetzt will sie einen demokratischen Kurs verfolgen, doch ohne den verheerenden ungläubigen Zentralismus aufzugeben.

Es gibt kleinere politische Gruppen, die noch wirklich an eine zukünftige gerechte Gesellschaft glauben und dafür Opfer bringen. Es gibt Menschen, die nicht nur die Mächtigen ersetzen also austauschen wollen, sondern auf Gleichheit hoffen, d.h. die Revolution wollen. Sie können ein Ziel angeben.

Wie lebendig in uns die Hoffnung auf die Überwindung des Klassenkampfes – oder allgemeiner: die Hoffnung auf das Reich Gottes – ist, können wir vielleicht auch daran messen, ob wir ein richtungweisendes Ziel unseres Bemühens angeben können. Ich bewundere jene Menschen in Südamerika – auch viele Christen mit ihren Bischöfen sind darunter -, die ein solches auf die Befreiung aller Menschen gerichtetes Engagement angeben können. Ich erkenne ihren Glauben, Hoffnung und Liebe; doch ich will nicht ihre Worte nachplappern……………………………..Engagement gedeckt.

Uns fällt es schwer – hier in Westeuropa – ein Ziel unseres Handelns anzugeben. Hier mangelt es an Phantasie. Ein wenig resignativ, weinerlich komme ich zu dem Schluss, dass meine Hoffnung auf das Reich Gottes nicht sehr groß ist. Ich fühle mich von den Festen der Militanten in Parteien, Gewerkschaften, sozialen Organisationen, usw. angezogen, aber ich weiß ganz genau: es sind noch nicht meine Feste. Die Mitgliedschaft in gewissen Gruppen habe ich abgelehnt, mich einigen Methoden verweigert und angebotene Rollen zurückgewiesen, bin weder dies och das geworden. Es besteht ein Mangel, Hunger nach Identität in mir. In diesen Hunger setze ich zur zeit mein Vertrauen. Er wird mich weiter treiben in die konkrete Hoffnung auf das Reich Gottes, auch wenn ich heute eine Antwort schuldig bleiben muss. Erst wenn ich selbst in dieser Hoffnung stark bin, kann ich sie bei anderen wiederentdecken und auf die Frage eine Antwort geben, wie lebendig die Hoffnung auf die Überwindung des Klassenkampfes in unserer Gesellschaft ist.

Zusatz: Warum die Überwindung des Klassenkampfes geschichtsnotwendig eintreten soll, ist mir nicht recht einsichtig. Natürlich ist dieser säkulare Naherwartungsglaube zur Unterstützung eines entschiedenen Engagements nicht unwichtig, er gehört geradezu zu jedem Glauben. Doch darf er nicht zu einer falschen Hast oder zur Passivität sondern zu einer engagierten Gelassenheit einladen. Unter dieser Voraussetzung glaube ich dann wirklich, dass das Reich Gottes sich geschichtsnotwendig verwirklicht, ohne dass ich meinen Beitrag genau einzuordnen weiß.

Wir leben in einer atomisierten Welt – ist das nicht nur eine Schutzbehauptung?

Tatsächlich existieren auch bei uns viele Gruppen, die sich für mehr Gerechtigkeit und eine neue Gesellschaft einsetzen, ja, es kann sein, dass ich eine geschichtswirksame Einheit dieser verschiedenen Bewegungen nicht sehe, obwohl sie sich an vielen Stellen auch in der Aktion berühren und überschneiden, oder nicht sehen will, weil ich mich nicht mit ihren Hoffnungen genügend identifiziere. Ja, es kann wirklich eine Schutzbehauptung von mir sein, wenn ich von einer in viele marginale Gruppen und isolierten Menschen zerfallene Gesellschaft spreche. Doch andererseits möchte ich keine Einheit herbeireden, wo ich noch keine sehe. Besonders in den Städten, wo die Menschen dicht aufeinander leben ist das ganz auffällig. Die Metro in Paris ist geradezu ein Wahrzeichen dafür. Ganz, ganz selten einmal findet hier ein Gespräch zwischen Unbekannten statt. In diesen dicht gepackten Metrowagen ist man geradezu einen Augenblick im sozialen Niemandsland.

Ich habe nicht vor, alles Moderne zu verteufeln und in einem Katzenjammer die scheinbar gute alte Zeit herbeizusehnen. Doch dürfen wir auch nicht die Augen verschließen, vor den immer neuen Spaltungen, in die wir um einer größeren Zivilisation willen getrieben werden: Großfamilien in kleine Familien, diese in einzelne Individuen, letztere in Bewusstes und Unbewusstes zerteilt. Wer wagt in einer solchen Situation noch die Hoffnung auf Einheit, auf ein Ziel aller? Materialisiert, ohne eine solche Hoffnung müde geworden erscheint mir unsere Gesellschaft. Sie versucht ihre Macht zu erhalten, aber sie produziert keine richtungweisenden Ideen mehr.

Eine der zerteilten Gruppen unserer Gesellschaft ist die aus einem Interesse der Unternehmer heraus entstandene Gruppe der ausländischen Arbeiter. Sie ist unter mehreren Rücksichten zersplittert: Die Heimatsprachen und Nationalitäten isolieren die ausländischen Arbeiter voneinander. Ebenso das Syndrom Rückkehr: einige bleiben wirklich nur kurz, andere sprechen von der Rückkehr und lassen deshalb ihre Familien nicht nachkommen, wieder andere sprechen auch davon, sind aber jetzt durch ihre Kinder im Arbeitsland gebunden. Die damit verbundene Art der Unterbringung, das quasi unverheiratete Leben, ihre kulturelle Einschätzung der Familie zerteilt sie ebenfalls. Die Hautfarbe spielt auch eine wichtige Rolle. Weiterhin ist ganz wichtig zu nennen, mit welchen Motiven die Einzelnen ins Arbeitsland gekommen sind: zum Beispiel um den materiellen Lebensunterhalt zu verdienen oder weil die politische Lage eine zumindest vorübergehende Auswanderung notwendig machte. Die heranwachsende zweite und dritte Generation bringt darüber hinaus neue Probleme mit sich.

Die zerteilte Gruppe ist ein Spielball in den Händen jener, die die Arbeit verteilen. Gemeinsame Interessen bestehen und könnten zu einer gemeinsamen Aktion genutzt werden, über die sich eine Gruppe ausländischer Arbeiter finden kann. Ein solcher für unsere Gesellschaft modellhafter Zusammenschluss wäre eine große Chance. Manchmal gelingt ein Fest, ein Hungerstreik. Doch meist ist die zersplitterte Gruppe der ausländischen Arbeiter ein getreues Spiegelbild der herrschenden Kräfte, die sie geformt hat.

Tausend Minoritäten – wo gibt es Sammelbewegungen, Einheiten?

Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Standesverbände und Vereine spielen natürlich weiterhin eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Sie bündeln – manchmal durch etablierte Bürokratie und isoliert lebende Funktionäre ein wenig verdreht – immer noch die Interessen jeweils eine größeren Gruppe Bürger, auch wenn ihr Einfluss auf die Meinungsbildung im Volk auf Grund der Staatsverdrossenheit heute schwinden mag. Aber es existieren in unserer Gesellschaft auch Fragen, die nicht nur von einer Partei vertreten werden, sondern die Menschen aller Schichten und politischen Richtungen zur Stellungnahme und Aktion herausfordern. Minoritäten in und außerhalb bestehender Organisationen engagieren sich zu gemeinsamen Demonstrationen. Der Bau von Atomkraftwerken hat zum Beispiel die vielfältigen Gegner zu gemeinsamen Stellungnahmen herausgefordert – ein ganz bunter Haufen von Grüppchen, die sich auch durch starke Repressionen der Polizei nicht so schnell auseinanderdividieren ließen.

Eine andere Sammelbewegung in der Reaktion auf ein bestehendes Unrecht sehe ich in den vielen sich gegenseitig ergänzenden Aktionen der zahlreichen Dritte-Welt-Gruppen. Vielen Initiativen sieht sich zum Beispiel ein Dritte-Welt-Laden verpflichtet? Ein anderes Stichwort heißt: Frieden. Auch dort gibt es Bündnisse und gemeinsame Demonstrationen über Partei- und Kirchengrenzen hinweg.

Eine andere weltweite Sammlung von Betroffenen erkenne ich in der überall aufgebrochenen Frauenbewegung. Auch in diesem Bereich kommt es zu ganz bunten Demonstrationen im Gegensatz zu dem geradezu uniformierten Parteitagpublikum. Die Phantasie dieser einzelnen Gruppen, ja jedes Einzelnen darf noch neue Blüten hervorbringen.

In allen Fällen sprechen Betroffene und die mit ihnen Verbündeten. Missbräuche bleiben nicht aus. Mächtige haben ein Gespür für Machtkonstellationen und wollen jeweils die einzelnen Bewegungen als Wahllokomotive vor ihren Wagen spannen. Vorsicht ist geboten. Auf diesen Tatbestand hat einmal eine Frau aufmerksam gemacht und in diesem Fall auf die linken Parteien hin gesagt: „Wenn Männer stellvertretend für Frauen kämpfen, werden sie deren Interessen so lange abstrahieren, bis sie sich in der Allgemeinheit des Klassenkampfes aufgelöst haben.“ (Courage, Berliner Frauenzeitung 3 (19778) April Seite 23)

Eine ganz ähnliche Reaktion habe ich beim nun schon vier Jahre andauernden Streik in französischen Gastarbeiterwohnheimen angetroffen. In diesen Kasernen ist etwas in Bewegung geraten; man hat begonnen, sich zu wehren, ist bedrängt worden, Ausweisungen haben stattgefunden und die Streikbewegung breitete sich gegen den Widerstand der Parteien und Gewerkschaften weiter aus. Nachdem der Kampf nun lange andauert und nicht mehr nur eine spontane Unruhe ist, da kommen die bestehenden Organisationen und wollen die freiwerdenden Kräfte für ihre Interessen einfangen. Doch die Reaktion der ausländischen Arbeiter ist klar und deutlich; sie weisen eine sich leise einschleichende Bevormundung ab, so sehr sie auch die Mithilfe Einheimischer notwendig brauchen und so sehr die Ursachen für den Streik nur von letzteren politisch aus dem Weg geräumt werden können. Eine ganz ähnliche Reaktion habe ich bei den nun schon acht Jahre lang kämpfenden Bauern im französischen Zentralmassiv in Larcac gefunden. Ein Militärübungsplatz soll erweitert werden. Die Bauern widersetzen sich der Vertreibung von ihrem Land. Sie weigern sich, Spielball des Militärs und der Regierung zu sein und ebenso der ihnen jetzt in ihrem Kampf helfenden Organisationen und Parteien. Sie wollen mit Recht die Marschrichtung ihres gemeinschaftlichen Engagements selbst bestimmen, denn sie sind ja die Betroffenen. Ich habe gesehen, wie dort einfache, alte Schafzüchter zu einem gesunden, widerstand aufbringenden Selbstbewusstsein gefunden haben. Das hat mich fasziniert.

In welchen Minderheiten findest du dich vor?

  1. Allen soziologischen Erhebungen zum Trotz, die mit mehr oder weniger Recht in den

Kirchen ein Ghettoverhalten diagnostizieren und sie zunehmend in gesellschaftlich minoritären Rollen vorfinden, fühle ich mich als Christ nicht als Mitglied einer Minorität. Als Gläubiger bin ich ja gerade nicht in die völlige Sprachlosigkeit gedrängt, sondern ich habe das Geschenk einer die ganze Wirklichkeit ergreifenden Hoffnung erhalten. In der Gesellschaft ist mir oft eine Verschwiegenheit auferlegt; doch dadurch habe ich noch nicht das Gefühl bekommen, als Christ, Jesuit, Priester einer Minderheit anzugehören…, so sehr das statistisch richtig sein mag. Ähnliches gilt hinsichtlich meines Berufes als LKW-Fahrer oder als Dreher. Mein Beruf, die Situation im Betrieb und vieles, vieles andere prägt mich, zeigt mir die Einmaligkeit meines Lebens; doch der Glaube, Beruf, Familienstand, usw. drängt mich nicht in die Marginalisation. Dass ich mich da und dort in der Kirche, unter Drehern, unter Jesuiten in einer abgedrängten Gruppe vorfinde, widerspricht dem bisher Gesagten meiner Ansicht nach nicht.

  1. Von einer ganzen Reihe engagierten Persönlichkeiten in „befreundeten Minoritäten“

habe ich größte Hochachtung, zum Beispiel vor den Chilenen, die für die Freilassung ihrer Kameraden in den Hungerstreik getreten sind und andere Dritt-Welt-Gruppen, oder vor den in der Gefangenenorganisation CAP Engagierten, die sich für Verbesserungen in den französischen Gefängnissen einsetzen, ebenso von der Organisation ‚amnesty international’, oder vor den vielen inhaftierten Kriegsdienstgegnern und ihren Verbänden oder vor den Freiwilligen in der Organisation ATD, die eine Art Gewerkschaftsbewegung in der Vierten-Welt innerhalb der reichen Länder darstellt. Durch diese freundschaftlichen Beziehungen bin ich von minoritären Situationen betroffen. Wenn ich mich im Bereich der Weltkirchen oder ganz allgemein der Welt des Glaubens oder in der Arbeiterbewegung umsehe, so entdecke ich noch eine ganze Reihe mich begeisternder Einsätze in und für Minderheiten. Weiterhin möchte ich Minderheiten nennen, die mich gastfreundlich beherbergt haben – Zigeuner, Alkoholiker, Tippelbrüder, psychisch Kranke, usw. – und denen ich deshalb zu Dank verpflichtet bin. Von ihnen habe ich vieles gelernt und manche Freiheit geschenkt bekommen.

  1. Über diese Beziehungen zu Minderheiten gehöre ich aber auch selbst an den Rand

gedrückten Gruppen an, in denen ich mich zu akzeptieren habe. Typisch scheint mir für diese Gruppen, dass ihnen die eigentlich zustehende gesellschaftliche Verantwortung teilweise oder ganz abgesprochen wird und sie so in eine mindestens partielle Verantwortungslosigkeit, in eine entwürdigende Situation abgedrängt werden. Es gibt vorübergehende Entmündigungen, oft genug in den Zeiten der Ausbildung, Umschulung, Militärdienst, usw. wo man sich durch das Zählen der noch ausstehenden Tage über seinen Misstrost hinweg zu trösten versteht. Doch sollten wir diese Phasen der Entmündigung hinsichtlich der Formung einer wenig widerstandsfähigen Persönlichkeit nicht unterschätzen. In der Straßburger Zeit – während der Umschulung und im Heim – bin ich auf diese Punkt wiederholt mit der Nase gestoßen worden. Wir haben auch über die eigene Zeit der Ausbildung hinaus eine Verantwortung für den Bildungssektor. Ich möchte ihr mit meinen Mitteln unter uns Jesuiten und den erwachsenen Christen gerecht werden. Doch den Fragen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen stehe ich weithin hilflos gegenüber, obwohl ich besonders durch den Eintritt in eine zweite Kindheit in Frankreich den Kindern in ihrer abgedrängten oft belächelten Rolle wieder ein wenig näher gerückt bin – ich musste aufs Neue Sitten, Essgewohnheiten, Sprache bei anderen absehen, mich identifizieren, nachzumachen suchen und so Stück für Stück einen von Kindern durchgemachten Entwicklungsprozess neu durchlaufen.

  1. Durch meine Sexualität gehöre ich auch einer großen an den Rand gedrängten Gruppe

an. Die Frauenbewegung weist ganz deutlich auf die Entmündigung der Sexualität hin. Sie ist einerseits kommerzialisiert worden, andererseits kommt sie – zum Thema Nummer eins geworden – gerade dadurch in ihrer konstitutiven Kraft nicht mehr zur Geltung. Die vielen Berührungsängste in unserer heutigen Gesellschaft, die zu ständig neuen Isolierungen führen, haben vielleicht weitgehend ihren Grund in einer nicht recht angenommenen Sexualität. Identität, Liebe ist nichts rein Abstraktes und auch nichts rein Geschlechtliches, sondern sie betrifft den ganzen Menschen in all seinen Bezügen. Auch in den letzten drei Jahren konnte ich im Kontakt mit einer Vielzahl von befreundeten Menschen einige Schritte dahingehend tun, mich in der Minorität Mann als Christ, im Orden, als Priester anzunehmen. Und ich werde weiterhin in dieser oft genug andere beherrschenden und in sich gespaltenen Minorität leben und darin meine Identität zu suchen haben. Ähnlich wie ich mir im Hinblick auf mein Zusammenleben mit den Kameraden in anderen Minoritäten die Frage nach meinen geheimen Befriedigungs- und Anerkennungswünschen stellen muss, so ist es natürlich auch hier wichtig, nach den mich leitenden sexuellen Interessen zu fragen. Drängen mich zum Beispiel meine vorhandenen aber vielleicht nicht eingestandenen Wünsche zu einer „Zoobesuchersexualität“, die sich rein über das Beobachten, das Hinsehen mit dem anderen identifiziert und sich darüber befriedigt, sich also zwar vereinigt aber den andern doch nur Opfer, Nichthandelndes, nicht etwas beitragendes Material sein lässt? Die Übereinstimmung dieser Frage mit der oben beschriebenen und zurückgewiesenen Versuchung – du wirst in der Fabrik doch immer ein Fremder bleiben – ist für mich ganz auffällig. Doch mit diesem Hinweis ist die Frage für mich noch nicht erledigt, denn wir Ordensleute werden immer wieder einer verklemmten Sexualität oder auch Homosexualität verdächtigt; und diese Fremdeinschätzung trägt ihre Früchte, die ähnlich wie die Fremdeinschätzung unter anderen Aspekten – Glaube, Beruf, Nationalität…- gesellschaftliche Realitäten darstellen. Diese Urteile und Vorurteile können Grenzen und Brücken für die Verständigung sein. Oft genug bin ich gezwungen, mich ihnen gegenüber zusammen mit anderen in meiner minoritären Rolle anzunehmen und ggf. zu verändern suchen oder – weil ich mich geirrt habe oder aus Schwäche – zur herrschenden Meinung überzuwechseln. Wie auch immer, mir scheint es ein Unfug zu sein, das mich leitende sexuelle Interesse nicht sehen zu wollen, zumal es auf das mir so oft als wichtig herausgestellte Ziel der Vereinigung, der Einheit schlechthin drängt; es stellt einerseits die Einmaligkeit jedes einzelnen Menschen heraus und duldet andererseits keine Zerteilung des Menschen. Sexualität ist eine frieden stiftende Anlage, ihre Verdrängung oder Missbrauch ein Schlag ins Gesicht.

In den letzten drei Jahren konnte ich wie gesagt in dieser Frage ein wenig weiter kommen. Besonders dadurch, dass sich einerseits die blockierenden Berührungsängste ein wenig auflösten und ich neue Erfahrungen des Zusammenlebens mit Freunden, in der Kommunität, in der Arbeit und in Aktionen sammelte und dass ich andererseits meinen zentralen Wunsch nach Vereinigung in der Kontemplation – selbst wenn er mich in die Einsiedelei führen sollte – besser zu respektieren lernte. Ich bin also ganz guter Dinge beim Gehen meines einmaligen Weges, auch wenn ich von einer solch befreienden Erfahrung zur Horizontalität wie hinsichtlich meiner Identität als Arbeiter hinsichtlich meiner sexuellen Anlagen nicht zu berichten weiß. Zusammenfassend möchte ich zum Thema Sexualität hier sagen, dass wir uns – Mann oder Frau – in einer Minorität vorfinden, wenn wir die in uns liegenden sexuellen Wünsche respektieren und uns nicht kommerziell oder anderswie billig abspeisen lassen wollen. Der breite Weg mag leichter zu gehen sein, ist aber unbefriedigend, scheint mir.

e) Auch als Arbeiter und noch viel mehr als ausländischer Arbeiter finde ich mich in einer marginalen Gruppe vor. Eine Reihe Vertröstungsangebote existieren, die über die Marginalisation hinweghelfen sollen:

– Flucht in die Eigentlichkeit: dein eigentliches Leben ist außerhalb der Fabrik in deiner Familie, in deinem Heimatland; es beginnt im Urlaub, nach der Pensionierung…

– Flucht ins Glück: Lotto, Toto…

– Flucht ins Thema Nr. 1: die Heldenrolle

– Flucht in die Identifikation mit dem Idol, Fußballverein…

Wir sollen uns irgendwo gut aufgehoben fühlen, um dann genügend Kraft zu haben, auch in den Menschen entwürdigenden Situationen am Arbeitsplatz, im Wohnbereich, in der Gemeinde oder der Politik durchzuhalten und nicht aufzumucken. Die Annahme der Realität und der Wunsch nach Veränderung marginalisiert erst einmal notgedrungen. Wird der Arbeiter schon als jemand angesehen, der nur eine nachgeordnete, so gut wie keine Verantwortung hat, so wird sie einem ausländischen Arbeiter so gut wie ganz abgesprochen, am Arbeitsplatz und im gesamtgesellschaftlichen Bereich. Er ist oft nicht nur nicht weiß, ohne ein Recht auf Arbeit, Familienzusammenführung, usw., sondern auch ein Nichtwähler. Er ist in ein Nicht-, Nicht-, Nicht-, gedrängt in einen Bereich abgesprochener Verantwortlichkeit. Der Reichtum seiner mitgebrachten Kultur, seiner Arbeit, sein sozialer Einsatz für seine Familie, usw. bleibt ausländisch, unbekannt, wird einfach übersehen.

Lange habe ich persönlich gebraucht mich in einem solchen Leben abgesprochener Verantwortlichkeit anzunehmen. Anfangs blieb mir nichts anderes übrig als den Mund zu halten. Später hätte ich gern Verantwortung übernommen, doch war ich schon stolz genug, um nicht von den Einheimischen Anerkennung zu erbetteln. Viel später erst konnte ich ihnen gegenüber im Kontakt mit andren als ausländischer Arbeiter auftreten, auch mit der klaren Forderung, dass wir – Einheimische und Ausländer, Menschen mit unterschiedlicher Geschichte, Kultur, Hautfarbe,…- in diesem Land, dessen Einwohner wir waren, zusammen eine neue Identität als Bürger suchen mussten. Die Rassenschranken hatten zu fallen. Doch erst einmal musste ich sie als Realität annehmen. Der Rassismus ist brutal. Die Fremdeinschätzung durch die Ausländerpolizei ist demütigend. Eine Integration in die Sitten des Landes – ohne Veränderungsmöglichkeit dieser uns entgegen gebrachten Einschätzung – war entwürdigend. Wir sind vom Zentrum, den Herrschenden zu Bürgern ohne Wahlrecht marginalisiert worden; jetzt gilt es trotz der großen Zersplitterung sich als Subjekt der notwendigen Veränderung zu begreifen und eine kollektive, auf das Ganze hin ausgestreckte Identität zu finden.

Meine Geschichte in dieser Marginalität ausländischer Arbeiter wird mir vielleicht die Möglichkeit geben, zurückzukehren um als Einheimischer weiter nach einer neuen gemeinsamen Identität aller Bürger der verschiedensten Herkunft zu suchen, so dass die Marginalisation ausländischer Familien überwunden wird.

f) Meine Nationalität als Deutscher könnte mich auch einmal marginalisieren. Am 8. Mai standen alle Betriebsangehörigen in dem Pariser Betrieb vor der Tafel der im letzten Krieg Gefallenen. Überall in der Stadt hingen Plakate, die auf den 8. Mai aufmerksam machten. Lange hatte ich nicht mehr daran gedacht: wir Deutsche zeichnen für eine zerstörerische Geschichte in diesem Jahrhundert verantwortlich. Davon sind wir – ob wir es wollen oder nicht – geprägt. Bewusst von dieser Geschichte her zu leben und verantwortlich zu handeln, würde vielleicht auch im tagtäglichen Leben eine Marginalisation mit sich bringen, da man oft genug Widerstand leisten und einem anderswo unterstützten oder im eigenen Volk aufkommenden Faschismus entgegentreten müsste. Ein Gedanke am 8. Mai, der bisher aber ohne weitere Folgen geblieben ist.

g) Ähnliche Gedanken sind mir hinsichtlich meiner weißen Hautfarbe gekommen. In meinem Verhalten gegenüber Menschen anderer Rasen spielt oft unbemerkt die Geschichte der Rassentrennung und des Imperialismus eine Rolle. Wie können wir uns mit unserer Hautfarbe in dieser Geschichte so annehmen, dass zwischen den Rassen neu Einheit wachsen kann? Wenn wir dieser Frage ernsthaft nachgehen, werden wir wohl auch bald marginalisiert sein.

Anhang: Jede angenommene Marginalisation und die Geschichte ihrer Überwindung kann einen Ansatzpunkt für eine ideologische und eine theologische Überlegung darstellen. Doch möchte ich für meinen Teil vorsichtig sein, um diese vielen kleinen Pflanzen nicht womöglich mit großen systematischen Darlegungen zu zertreten.

Wie suchst du mit einer so zerstückelten Identität Einheit?

Je länger ich darüber nachdenke, was mich eigentlich treibt, worin ich dann meine Identität finde, desto mehr einzelne Teile kann ich nennen. Ich kann aufzählen, dass ich weder das noch jenes bin oder dass ich dies oder jenes Ansinnen zurückgewiesen habe oder dass ich von Fragen dieser oder jener Minorität auf unterschiedliche Weise betroffen bin. Eine ganze Menge Elemente liegen da aufgeschichtet, doch wo ist die Einheit, die alles zusammenhält? Ohne dieses Band der Einheit musst du doch in dem Gefängnis der Marginalität bald verzweifeln und zugrunde gehen?

Ja richtig, doch Einheit können wir nicht herbei denken, in Auftrag geben, sie ist ein Geschenk. Ich möchte deshalb sagen, wie ich konkret auf die Einheit warte:

Oft finde ich mich in einer Marginalität zuerst einmal als Einzelner vor. Mir wird klar, dass ich hier oder dort ein altes Vorurteil aufheben muss und nicht mehr auf dem breiten Strom mitschwimmen darf. Bundesgenossen scheinen weit zu sein. Manchmal beginne ich zu lesen, um meine Situation klarer zu erkennen. Doch einen wichtigen Schritt weiter komme ich, wenn ich meine Frage bei anderen wieder entdecke und sehe – was ich zwar auch schon vorher wusste – dass ich nicht allein in der neu erkannten Situation lebe. Wenn ich dann auch noch nach einiger Zeit das Problem in seiner internationalen Weite in den Blick bekomme, dann ist eine neue Chance da. Eine Frage in ihrer ganzen Horizontalität zu sehen, und damit die vielen von ihr betroffenen Menschen bedeutet für mich eine Befreiung. Mir wird klar, dass ich wichtig bin, aber auch nicht so furchtbar wichtig, denn es gibt noch viele, die an dieser Frage arbeiten. Die Marginalität ist ernst genommen und gleichzeitig ihrer Internationalität aufgehoben. Ein, wenn man so will, sehr weites Gefängnis.

Dieser grenzüberschreitenden Internationalität in den einzelnen Problemen entspricht für mich die Allgemeinheit, die Katholizität des Glaubens und meine Zugehörigkeit zum Orden. Sie ist für mich Zeichen der Kirche.

Das Wissen um die aus der Isolation herausreißenden Internationalität gibt mir den Mut, mich auch auf die nächste Marginalisation einzulassen. Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass die Kraft der Identifikation mit vielen marginalen Situationen eine Frucht der in uns angelegten Einheit ist. Durch jede neue Bindung werde ich als Mensch freier. Jeder von uns wird nahe liegender weise Anerkennung und nicht das Gegenteil suchen. Doch wenn wir uns in einer Marginalisation vorfinden: Nehmen wir sie doch an! Sie ist ein Bindeglied zu vielen.

In einem Vorgriff auf den Zweiten Teil möchte ich hier anfügen, dass meiner Ansicht nach Jesus die Kraft der Identifikation mit vielen Minoritäten hatte: den Verzweifelten, Hungernden, Kranken, Gefangenen und dass er sie dadurch aus ihrer Isolation befreit hat. Er hat wirklich Heilung gebracht, ohne dass man ihn als politischen Befreier, Sozialgesetzreformer, Krankenhausbauer, usw. bezeichnen könnte. Die Einheit seiner sich in unterschiedlichsten Richtungen identifizierenden Person ist auf den Willen Gottes hin offen geblieben. Deshalb habe ich heute auch nicht so viel Angst, wenn mir der Schlussstein meiner Orginalität fehlt. Wichtiger ist mir, mich so weit wie möglich mit meinem Nächsten – hoffentlich einmal hin bis zu meinen Feinden – zu identifizieren und dabei nicht in einer überfordernden Isolation stecken zu bleiben.

So wie es für mich eine „Befreiung zur Horizontalität“ gibt, durch die ich mich in einem internationalen Zusammenhang wieder finde so ähnlich werde ich aus der Isolation befreit, wenn ich mich mit meinen Hoffnungen in einer geschichtlichen Tradition wiederentdecke. Doch möchte ich auf diese zweite „Horizontalität“ mit dem zweiten Teil antworten. Sowohl beim Ausstrecken auf den Nächsten in seiner ganzen Internationalität als auch auf die Geschichtlichkeit finde ich mit meiner Identität in Berührung mit Gott.

Wo siehst du Zeichen auf dem Weg?

Wollte ich an dieser Stelle alle Zeichen heute und in der Geschichte aufzählen, die mir Mut machen, zusammen mit anderen den in der Geschichte begonnenen Weg der Einheit weiter zu gehen und dadurch auch selbst in mir Ganzheit zu finden, so käme ich sicherlich an kein Ende. Dabei müsste ich heute auf so ganz verschiedene Momente hingewiesen werden, wie die von den Arbeitern übernommene Fabrik Lip in Besancon oder das Automuseum in Moulouse oder der Kampf eines Vertrauensmannes sechs Jahre lang vor dem Arbeitsgericht nach seiner Entlassung ohne einen Pfennig Lohn oder die prophetischen Gemeinschaften in Spanien oder die Basisgemeinden in der Dritten Welt oder… oder… Auch das Zeichen der Arbeiterpriester zähle ich dazu. Daneben gibt es in meinem eigenen Leben Zeichen, die mir den Weg zeigen. Dabei will ich herausgreifen. Bevor ich nach Frankreich gegangen bin, habe ich einen Versuchsballon gestartet und mich in Ludwigshafen zur Hautspende gemeldet. Nach der Operation musste ich zehn Tage im Krankenhaus bleiben, den größten Teil dieser Zeit ans Bett gefesselt. Die gespendete Haut wird gebraucht, um Schwerstverbrannten das Leben zu retten. Grund genug die mit der Hautspende verbundenen Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen.

Diese zehn Tage waren trotz aller Schmerzen ein Fest für mich, denn ich durfte zwei wichtige Erfahrungen machen. Zum einen habe ich mich über die ganz selbstverständliche Kameradschaft mit den anderen Hautspendern gefreut. Das beim anderen wiederentdeckte eigene Tun verbindet. Nicht die ganz unterschiedlichen Motive des Einzelnen, also seine „Berufungsgeschichte“, sondern das soziale Tun ist der Identifikationspunkt für die Gemeinschaftlichkeit. Erst in einem zweiten Schritt wird vielleicht nach den Interessen des Einzelnen gefragt. Sie sind nicht unwichtig, überzeugend aber erst im Tun. Zum anderen ist mir in diesen zehn Tagen klar geworden, dass ich dabei war, einen Krankenbesuch zu machen. So wenigstens haben die meisten selbst Schwerverbrannten der Station unsere Operation gesehen, mit der wir uns vorübergehend in ihr Leben eingegliedert hatten und sie zeigten ihre Freude darüber. Unsere Identifikation mit diesem doch recht unbedeutenden Tun hatte – mir für spätere Unternehmungen mut machende – Beziehungen unter uns Spendern und mit den Kranken angestoßen. Nebenbei kann noch erwähnt werden, dass auch das Personal durch die Freude der Kranken angesteckt wurde und wir überall offene Türen fanden.

Nach einem Jahr Arbeit in Toulouse wurde mir klar, dass ich mich hinsichtlich der Frage der Kriegsdienstverweigerung nun entscheiden musste. Wollte ich wirklich ohne Hintertür mit meinen Kameraden für unsere berechtigten Interessen einsehen oder nicht? Da ich bemerkt hatte, wie das Militär und die Polizei immer wieder zum Schutz der Herrschaftsinteressen eingesetzt wurde und ganz offensichtlich dabei oft genug einen Bütteldienst bei der Ausbeutung übernehmen musste, stand ich nun vor einer Entscheidung, ob ich weiterhin bereit sein sollte, auf den Ruf der Regierung hin, einen Dienst im Militär zu übernehmen. Ich wollte mich für den Frieden zwischen den Völkern und Klassen einsetzen und sah meinen Schritt nach Frankreich auch unter dieser Rücksicht. Durfte ich da noch bereit sein, im Notfall, wenn also die von den Regierungen verfolgten Interessen berührt wurden, mich ihrer Leitung anvertrauen? Die Zeit war reif, unter den gegebenen Umständen öffentlich Nein zu sagen und meine mangelnde Bereitschaft zum Waffendienst von einer Kommission prüfen zu lassen.

Schlagartig hatten sich damit die Beziehungen zu einigen Menschen verändert. Dieses Zeichen wurde von ihnen als Wachsen in einer gemeinsamen Hoffnung gesehen. Es war nicht so wichtig, dass sie dasselbe Zeichen in ihrem Leben setzten, um meinen Schritt als Befreiung zu erfahren. Mit anderen Kriegsdienstverweigerern war natürlich eine neue menschliche Ebene freigelegt. Freundschaften vertieften sich, wurden einen Grad selbstverständlicher. Auch diese Entscheidung zur Kriegsdienstverweigerung hat mir Mut gemacht ein reif gewordenes Ja auszusprechen, zu handeln, zu der damit verbundenen Marginalisation zu stehen und darüber dann sich unverdienterweise größere Gemeinschaft schenken zu lassen.

Leben in einer sich langsam realisierenden Gemeinschaft

Schon mehrfach war von einzelnen persönlichen Beziehungen, Freundschaften, Gemeinschaften in der Fabrik, im Heim, Stadtteil, mit Afrikanern, Spaniern,… die Rede. Sie haben alle einen wichtigen Einfluss auf meine Entwicklung genommen und ich habe mich in ihnen ausdrücken dürfen. In ihnen lebt ein Stück von mir selbst und ich habe Anteile vom Leben der anderen mitgenommen. In all dem durfte ich auch mehr Jesuit werden. Davon soll jetzt die Rede sein.

Mein konkretes Leben als Jesuit muss dem entsprechen, auf das ich hoffe und von dem ich rede. Das gilt für das konkrete Engagement und die konkrete Lebensweise. Beide bedingen sich bis zu einem bestimmten Grad gegenseitig. Da mein Wunsch nach Gemeinschaft, Vereinigung, Einheit immer wieder an klang, möchte ich hier hinsichtlich der Ordenskommunität folgende Frage aufgreifen:

Von woher findet ihr Gemeinschaft?

In den drei Jahren in Frankreich habe ich in verschiedenen Gemeinschaften des Ordens gewohnt. Doch die folgenden Überlegungen gehen vor allem von den wichtigsten Erfahrungen in Toulouse aus (Eine Beschreibung der Toulouser Kommunität: Korrespondenz der Spiritualität der Exerzitien 26 (1977) 22f ). Denn dort schon ist mir klar geworden, dass eine sich als missionarisch verstehende Kommunität von ihrem Ziel aus, nämlich dem Apostolat, zusammengehalten wird und wächst. Zweierlei Wünsche sind damit zurückgedrängt, stehen nicht im Vordergrund:

Wir leben nicht eines gruppendynamischen Spiels wegen zusammen. Jeder von uns hat natürlich ein Interesse an Anerkennung, Ruhe, Verstandensein, usw. Auch ist es gut, gruppendynamische Zusammenhänge erkennen zu können. Doch die Kommunität ist kein permanentes gruppendynamisches Labor. Die von der Gruppendynamik weitgehend ausgeklammerte Zielfrage unseres Lebens hat eine entscheidende Funktion in der Kommunität. Um sie wird gerungen und von diesem Ziel her zu entscheiden versucht.

Wir leben auch nicht zusammen, um bestimmter asketischer Verhaltensweisen wegen, d.h. wir sind nicht zuerst möglichst vollkommen, abgetötet, arm, vegetarisch,… und dann apostolisch, sondern umgekehrt. So sind wir zum Beispiel in die Welt der Arbeiter gerufen. Wir haben in einem volkstümlichen Stadtviertel eine Wohnung und in einem größeren Betrieb Arbeit gesucht. Im Kontakt mit den Nachbarn und Kollegen oder Kolleginnen ist von uns ein bestimmter Lebensstil und eine Offenheit gefordert. Es muss als eine entsprechende Lebensweise von uns mit all unseren individuellen Geschichten, unseren Charakteren und den vielen Einzelwünschen gefunden werden. Das Ziel prägt die Kommunität, gibt ihr einen Stil, lässt sie zu so etwas wie eine Persönlichkeit werden, die sich öffnet und gastfreundlich aufnehmen kann. Hier haben jene, zu denen wir gerufen sind, Heimatrecht.

Doch die Nächstenliebe hebt nicht die Eigenliebe auf, sondern gibt ihr einen Maßstab; und so gibt die Kommunität natürlich den einzelnen Mitgliedern eine Heimat. Hier kann jeder von dem erzählen, was er erlebt hat, kann etwas loswerden und den Anstoß erhalten, wieder aufzubrechen. Zum Beispiel haben sie mir immer wieder Mut gemacht, aufzubrechen und neu Arbeit zu suchen: Bon courage. Besonders in der Zeit der Arbeitslosigkeit, wo es wegen der mangelnden sozialen Integration nach und nach zu einem Persönlichkeitsabbau kommt und man sich gerne irgendwohin, selbst in die Krankheit flüchte, habe ich den Rückhalt durch die Kommunität gespürt. Sie hat mich immer wieder auf das gemeinsame Ziel hin aufbrechen lassen. Die Kommunität ist zumindest ein wichtiger Ort in der weitgehend zur Sprachlosigkeit verurteilten Arbeitswelt eine der Umwelt entsprechende Sprache des eigenen Glaubens zu finden. In der industriellen, säkularen Umwelt sind wir mit unserem Glauben oft Neubeginnende, die wie Kinder nach und nach ihre Sprache suchen. Sprache findet natürlich keiner alleine. Je mehr das ihr gelingt, desto mehr kann sie für die einzelnen Bewohner und Besucher zu einem Stück sichtbare Kirche werden, in der die vorhandenen materiellen und geistigen Gaben geteilt werden und Friede über alle weiter bestehenden Unterschiede herrscht.

Damit ist das noch nicht erreichte Ziel angesprochen. Die Wirklichkeit nimmt sich bescheidener aus. Doch ist es wohl schwierig, das Suchen und Ringen um den gemeinsamen Weg ein wenig zu verstehen, wenn man nicht dieses weitgesteckte Ziel mit der Wirklichkeit vergleicht. Wie können wir die bestehende Diskrepanz ein wenig verkleinern, damit wir mit unserem Bemühen als Einzelne einen Rückhalt in der Kommunität finden, d.h. den in ihr lebendigen Geist mit unseren Anstrengungen unterstützen? Keiner ist von uns allein Kirche, aber zusammen können wir zeigen, was Kirche uns bedeutet.

Von daher ist dann auch verständlich, dass wir unsere Kommunität nicht nur in dem gesellschaftlichen Kontext der Arbeitswelt sehen, sondern auch in einem kirchlichen: der Ortsgemeinde, mit dem Bischof, dem Orden, ja der ganzen Kirche. Besonders nahe verbunden sind wir natürlich jenen, die in einem ähnlichen Kontext leben, mit den Arbeiterpriestern, engagierten religiösen Gruppen in der Arbeiterklasse, mission ouvriers im Orden (in Rundbriefen und bei regelmäßigen Treffen tauchen wir unsere Erfahrungen aus.). Ganz wichtig war für mich auch der Kontakt der Jesuiten in Katalanien, die dort in der Fabrik arbeiteten. Sie haben mir ihre Kontakte auch zu Basisgemeinden nutzbar gemacht. Ebenso war der Besuch eines argentinischen Mitbruders bei uns ganz wichtig, der trotz aller Unterschiede unser gemeinschaftliches Suchen mit ihnen in Lateinamerika herausgestellt hat.

Der gemeinsame Wunsch aller, nämlich offen für die Fragen am Arbeitsplatz zu sein, ihnen mit all unseren Mitteln nachzugehen und kirchlich in einer Kommunität zu leben, über die wir zusammen Gemeinschaft finden, prägt natürlich interne Strukturen und Normen. Ganz wichtig sind dabei die regelmäßigen wöchentlichen und die längeren monatlichen Treffen zu nennen, Zeiten der Reflexion und der Feste. An dieser Stelle möchte ich nicht auf die Eigentümlichkeiten der einzelnen Kommunitäten eingehen, bedingt durch die Stadt, einzelne Charaktere, Berufe, Nachbar und Freunde, die Spiritualitäten, Herkunft, Alter, usw. Zusammengehalten werden sie, so wollte ich hier herausstellen, in ihrer spezifischen Eigentümlichkeit vor allem durch das gemeinsame Ziel. Sich um die Realisierung bemühen, also mit diesem Ziel leben zu wollen, ist quasi die „Eintrittskarte“ für die Mitgliedschaft in dieser Kommunität.

Wie erfolgt die Eingliederung in die Gemeinschaft der Glaubenden?

In welchem kirchlichen Kontext die Kommunität steht, ist schon angedeutet worden. Nachzutragen ist vielleicht noch, dass sie der Bischof von Toulouse gerufen und sie vom Orden gesendet wurde. Dieses ihr im Voraus gegebene Vertrauen ist neben den Talenten der Einzelnen ein wichtiges Kapital, mit dem sie arbeiten soll. Doch ob die Kirche die zu erwartenden Früchte in ihren Schatz eingliedern oder sie zurückweisen wird, das liegt nicht allein am Verhalten der Kommunität. Sie muss sich um eine ehrliche Arbeit bemühen und ihre Ergebnisse mit anderen zu teilen versuchen. Die Annahme ihres Glaubens durch die Kirche steht dann nicht mehr in ihrer Verantwortung.

Konkret heißt das: Die Eingliederung in die Gemeinschaft der Gläubigen ist keine Rekrutierung von Unmündigen, die durch eine Uniform zu jemandem werden, sondern die jeweilige Beauftragung von Herangewachsenen. Wir haben den Auftrag mehr und mehr, jemand zu sein, damit wir je neu beauftragt werden können. Die Kirche wächst in jedem Einzelnen – hierarchisch gesehen: von unten. Aber die Eingliederung des Gewachsenen kann nicht von uns gefordert werden, sonder bleibt Geschenk der Gemeinschaft. Die Bischöfe und Konzilien haben die Aufgabe, die guten Stücke auszuwählen und in der Tradition aufzubewahren.

Dieser Vorgang ist mir besonders anlässlich meiner eigenen Priesterweihe ganz deutlich vor Augen getreten. Knapp zwanzig Jahre habe ich mich innerlich gegen meine Priesterweihe gestellt. Ich hatte genügend Gründe gesammelt, um meine Ablehnung einsichtig zu machen: eigene Unvollkommenheit, verbreitete machtpolitische und soziologische Rolle der Priester, die Einschränkung auf männliche, unverheiratete, gesunde Personen, die fast selbstverständliche Koppelung mit einem akademischen Beruf, usw. Diese Ärgerlichkeiten bestehen für mich weiterhin. Außerdem wusste ich jetzt als Arbeiter und Jesuit gar nicht, was sich in meinem Leben durch die Priesterweihe ändern sollte und ich könnte das auch heute noch nicht recht angeben. Trotzdem bestand nun der deutliche Wunsch der Kirche, mich – so wie ich bis jetzt konkret herangewachsen war und mein weiteres Leben – durch die Priesterweihe in ihren Dienst zu nehmen; und mir war ganz klar, dass ich diese konkrete weitere Eingliederung in die Gemeinschaft nicht ablehnen durfte. Warum sie das getan hat, ich weiß es nicht recht. Doch habe ich in der Glaubensgeschichte immer wieder gesehen, dass Gläubige oft nicht wussten, warum sie diesen oder jenen Weg zu gehen hatten: Ob Abraham wusste, warum er in die Fremde ziehen sollte? Oder ob Jesus wusste, warum er nach der Nacht am Ölberg sich gefangen nehmen lassen sollte, um dann am Kreuz zu sterben? Ich glaube nicht. Nachträglich können wir diese gehorsamen Schritte zu begreifen suchen. In meinem Fall hat die Kirche durch diese spezielle Indienstnahme vielleicht darauf hinweisen wollen, dass Christus überall lebt, auch dort, wo von ihm nicht gesprochen wird und dass auch dort sie die Aufgabe hat, auf ihn aufmerksam zu machen. Doch das ist eine nachträgliche, sicher den Vorgang nur teilweise ausleuchtende Erklärung.

Die Kirche ist keine Idee, sondern wachsendes Leben der Gläubigen. Um diese Wahrheit zu sagen, beauftragt sie lebendige Menschen – auch im Vertrauen auf ihr zukünftiges Leben. Durch diese Bindung sagt sie Ja zu dem die ganze Kirche ständig verändernden Geist. Die Beauftragung bedeutet also ein gewaltiges Vertrauen auf den Geist, auf den sie in mir baut. Das er mich wirklich weiter formen kann, dafür trage ich wie jeder Christ Verantwortung. Und ich habe ja gesagt, dass ich seine Früchte der Kirche in einer gewissen öffentlichen Weise zur Verfügung stellen will. Und auch sie – diese sich öffentlich zeigende Kirche – hat ihr Treueversprechen gegeben.

Zusammenfassend: Die Eingliederung in die Gemeinschaft der sichtbaren Kirche geschieht immer wieder nachträglich, nach der Geburt sozusagen. Wir tragen Verantwortung dem Wirken und Wachsen des Geistes in uns nichts in den Weg zu stellen, je es zu fördern und uns je neu der Gemeinschaft zur Verfügung zustellen; wir selbst können uns nicht in Dienst nehmen. Das handelnde Subjekt ist die Kirche. Von unserer Angewiesenheit auf das Handeln der Kirche können wir uns nicht suspendieren.

Auch die Priesterweihe bedeutet keine größere Autonomie als Christ, sondern eine der vielen Formen, wie die Kirche die Gläubigen konkret in Dienst nimmt. Der Priester ist kein Berufschrist, jemand der es gelernt hat; Beruf und Christ – die soziale, fachliche Verantwortung und die kirchliche Beauftragung als Gläubiger – sind zweierlei Stiefel. Viele Priester sind zu Gemeindeleitern, Lehrern, usw. ausgebildet; doch ist auch eine andere Berufswahl möglich, bei der Talent, sozialer Kontext, Geschlecht, usw. eine wichtige Rolle spielt. Jeder Jesuit hat die Verpflichtung übernommen, ernsthaft in den Exerzitien oder anderswo nach dem Willen Gottes zu forschen. Aber dieser Wille Gottes drückt sich nicht nur in der Führung des Einzelnen, sondern auch der der Gemeinschaft aus. Wenn dann aber der Einzelne und der Obere ihre jeweiligen wohl immer mangelhaften Forschungsergebnisse hinsichtlich des Willens Gottes vergleichen, zeigen sich Unterschiede und es kann zu Konflikten kommen. Eine wirkliche Lösung finden wir nur im ungetrübten Blick auf den Willen Gottes. Ähnliches gilt umgekehrt für die Gemeinschaft.

Bist du durch deine Erfahrungen mehr ein Eigenbrötler, ein ewiger Junggeselle oder mehr den Wünschen anderer verfügbarer geworden?

Diese Frage kann ich natürlich nicht alleine beantworten. Inwiefern ich die Wünsche anderer überhaupt wahrnehme und ob ich sachgerecht reagiere, kann nicht ich entscheiden. Doch möchte ich die Herausforderung annehmen und das provozierende Gespräch mit meiner Darstellung beginnen.

Jeder Mensch ist mit seinen Talenten, Aussehen, Kräften, in seinem sozialen Kontext einmalig und wir kommen unser ganzes Leben nicht ans Ende diese eigene Identität zu entdecken und anzunehmen und sie ins Spiel zu bringen. Auch mir ist meine Einmaligkeit in den letzten Jahren stärker bewusst geworden und ich habe versucht mich mehr als Mensch, Christ, Arbeiter, Ordensmann, Priester, Deutscher, Mann,… anzunehmen. Das war Stück für Stück möglich, weil ich Gemeinschaft mit den verschiedensten Menschen erfahren habe. Durch ihre Gastfreundschaft angehalten, habe ich mich in ihrer Kultur eingliedern lassen. In diese Verwurzelung oder diese Inkulturation bin ich konkreter und damit für einen Auftrag der Gesellschaft an diesem Ort verfügbarer geworden. Offen bleibt dabei die Frage, ob ich gerade an diesem Platz mit meinen Talenten gebraucht werde, welches Interesse mich hierher geführt hat. Doch möchte ich nochmals hervorheben, dass ich – meiner Ansicht nach – durch die Verwurzelung als Arbeiter für einen Auftrag verfügbarer geworden bin.

Apostolische Verfügbarkeit bedeutet für mich nicht Beliebigkeit, nicht Desintegration, nicht Gefügigkeit gegenüber jedem denkbaren Auftrag eines Oberen, sondern konkrete Menschwerdung an einem Ort nach dem Willen Gottes. Bei der Inkulturation haben wir auf die Aufnahmebereitschaft der Menschen gebaut, zu denen wir gegangen sind. Spätere Entscheidungen müssen sich an den gemachten Erfahrungen orientieren. Und an dieser Stelle möchte ich ganz deutlich darum bitten, jene Menschen, die mich aufgenommen haben, mit ihren Hoffnungen zu respektieren, auch jene, dies sie in mich gesetzt haben. Meine Verfügbarkeit ist dadurch konkret möglich und nicht etwa begrenzt worden. (Interessant wäre eine Untersuchung über den Sprachgebrauch von Verfügbarkeit in der Ordensgeschichte)

Mit meinen Erfahrungen ist mir nun auch Gemeinschaft über meine eigenen Lebensbereich hinaus möglich, besonders mit anderen marginalen Gruppen im In- und Ausland und es ist wichtig, diese Gemeinschaft mit anderen auch immer wieder einzugehen, denn ich will trotz aller mich manchmal stark auf eine Angelegenheit fixierende Entschiedenheit kein Eigenbrötler werden. Als Beispiel sei hier ein Brief ins Krankenhaus angefügt:

Liebe A.!

Nun ist des doch wahr geworden, was Du schon lange befürchtet hast. Musstest Du stark die Zähne zusammenbeißen oder waren die Schmerzen so groß, dass für Dich alles mehr oder weniger automatisch, geradezu von Ferne ablief?

Nun, wie auch immer, Du kommst jetzt nicht mehr daran vorbei: Du bist krank; und das ist ja nur der Anfang der Geschichte. Das Bangen um die erhoffte Gesundheit zermürbt sicherlich. Das ist ein Gefängnis der Gedanken, Wünsche, Meinungen, Kontakte. Jetzt brauchst du von Armut nicht mehr zu Reden. Du bist hineingestoßen. Wer arm werden will ist wohl ein komischer Kauz. Dein Gelübde der Armut war sicherlich Dein aus allem herausreißender Wunsch, mit Gott, mit Jesus Christus ganz konkret hier und heute und in alle Zukunft in Gemeinschaft mit anderen eins zu werden. Die Gelübdefeier ist ein Fest der erahnten und des gefundenen Lebenssinns, ein Meilenstein.

Doch wie hart, dunkel, wich, kalt ,nass, heiß, hell trocken…konkret wird dieses Hineingenommenwerden ins Leben Jesu hier und heute. Er, der uns begegnet in den Hungernden, Kranken, Gefangenen, Kindern und all den anderen auf den Nächsten Angewiesenen, er hält uns für würdig, ihnen behilflich zu sein, ihnen zu begegnen, mit ihnen zu sprechen, zu lachen, zu weinen, ganz bei ihnen zu sein; ja er hält uns manchmal sogar für würdig, ganz er selbst für andere zu sein, ihn stell zu vertreten.

Wohlgemerkt, seine Armut können wir nicht wollen; doch er kann uns rufen, ihm ganz gleich zu sein, und zwar nicht nur mit dem Herzen, sondern ganz materiell.

A., das ist nicht leicht, wenn ich arbeitslos bin, dann dreht sich bei mir alles im Kopf; und wie viel mehr muss der Schmerz all Deine Aktivität hinwegfegen und Deinen Willen zersetzen. Vertuschen wir das nicht. Es wäre Unrecht, würden wir diese Fesselung der Krankheit nicht mit allen Kräften zu sprengen suchen. Auch Jesus wollte nicht Gefangener, Gefolteter, Gekreuzigter werden, doch nachdem er mit den Armen, mit den nach Gerechtigkeit Hungernden, mit…eins geworden war und damit das Reich Gottes begründete, da wurde er auch bis an die Enden der Erde, bis in das Elend der Volksverspottung und des zum Tode Verurteilten geschickt, auch um noch sie, die Gefangenen, zu befreien.

Christus ist diesen Weg vorausgegangen. ER ist schon dort, wohin es uns verschlägt. Lassen wir es zu, dass das Ja, was wir gegeben haben, konkret wird – nicht nach unserem Willen, sondern so, wie es uns ähnlich mit ihm werden lässt.

Mir tut weh, dass du krank bist. Hoffentlich wirst du bald wieder gesund und ich wünsche mit ganzem Herzen, dass Du in Deinem Leid nicht allein bist, sondern Christus neu begegnest, den Du stellvertrittst. Christian

Den Mut zur eigenen Einmaligkeit in meiner konkreten Situation finde ich aber nicht nur im Kontakt mit den Kollegen, Bekannten und Freunden, sondern zu einem sehr guten Teil im Hinblick auf die Gemeinschaft der Menschen guten Willens, der Kirche und in ihr des Ordens. Ohne seine Auftrag und das Bemühen in ihm, das Werden des Reiches Gottes besser zu begreifen, wären meine Schritte in der letzten Zeit nicht möglich gewesen oder zumindest ganz anders verlaufen. Trotzdem ist die Frage zu stellen, ob ich mit der Konkretisierung meines Lebens seinen Erwartungen entsprochen habe und auch inwieweit sich die Hoffnung des Ordens hinsichtlich seiner eigenen Zukunft im Auftrag der Kirche mit dem Bild der Gemeinschaft deckt, auf das hin ich mich um Realisierung bemühe. Meine Träume mögen an der Wirklichkeit all zu stark vorbeigehen. Hinsichtlich dieser Frage bin ich auf die Auseinandersetzung mit den Mitbrüdern angewiesen.

Inwieweit lebst du in einer erst in Vorgesprächen umrissenen Gemeinschaft?

In Frankreich habe ich sehr gern gelebt, viel Lebensfreude gefunden, mich in Entscheidungen hinein gelebt und es fällt schwer, von den Freunden Abschied zu nehmen; es sind mehr als jene, die hier bisher zur Sprache kamen. Und doch drängt mich eine Unzufriedenheit weiter. Ich lebe schon lange in dem – nun konkret ausgesprochenen – Auftrag des Ordens, mit anderen zusammen eine neue Kommunität im Arbeitermilieu von Berlin zu gründen. In der Hand dieser zukünftigen Kommunität liegt schon lange meine noch offene und oft verwundete Identität. Auf sie hin habe ich zu handeln versucht. Mit diesem Schritt nach Berlin beginnt eine neue Etappe des Verfügbarseins. Die Ausbildung im Orden ist zu einem gewissen Abschluss gekommen.

Eine weitere mich bedrängende Frage stellt sich hinsichtlich meiner gefundenen Identität als ausländischer Arbeiter. In Berlin werde ich soziologisch wieder zu den Einheimischen gehören. Wie werde ich mit diesem Identitätsverlust fertig werden? Auf welche Situationen werde ich mit dieser geschlagenen Wunde besonders empfindlich reagieren? Wo kommt es zu Überforderungen, die ich glaube, verdrängen zu müssen? Der Schritt nach Berlin ist nur aus dem durch die Vergangenheit motivierten Vertrauen auf die in Aussicht stehende Gemeinschaft hin möglich, mit den Kollegen, Nachbarn, Gemeinde, Orden, Aktionsgruppen,… Unter ihnen hoffe ich auf das zuhause der neuen Kommunität, diesem Ort der Ermutigung beim Wachsen in der neuen Umgebung.

Ich lebe genau genommen schon lange in ihr und ich bin froh, dass die Zeit reif ist, wo sie sich konkret zeigen kann, als mein heutiger Ort in dieser Welt und der lebenden Hoffnung auf eine neue Gesellschaft, das Reich Gottes, auf das die Kirche und in ihr der Orden hinweisen will. Dort erst wird unser Bemühen um Gerechtigkeit und Glauben ein sein und nicht mehr gegeneinander ausspielbar sein, dort erst wird Gemeinschafts- und Einzelinteresse ganz eins sein.

Auch die geplante Kommunität in Berlin hat nur einen vorläufigen Charakter. Sie bleibt hoffentlich auf dem Weg, verändert sich. Keiner von uns wird in sie eintreten, wie in eine Abtei. Doch setzt sie hoffentlich so viele Kräfte frei, dass die größere Zukunft sichtbar wird und jeder von uns dahin neu in alter oder neuer Zusammensetzung aufbrechen kann. Sie ist nur ein Teil einer größeren Gemeinschaft, einer größeren Kirche, einer größeren von ihr allein nie ganz ausformulierbaren Hoffnung. Ich hoffe, in ihr einen Auftrag und Rückhalt zu bekommen und ich hoffe, dass sie wirklich in unserer Welt ein Zeichen für das Wachsen des Reiches Gottes ist.

TEIL II

GESTERN – IN WELCHER TRADITION ICH MICH VORFINDE

Jede sich um den Dialog bemühende theologische Reflexion muss zwei theologische Orte angeben können. Erst wenn sie jeweils die fragen hier und dort erhoben hat, kann sie sich der Auseinandersetzung stellen und die Ergebnisse als Angebote für eine Bestärkung und Korrektur weiterführender Praxis zur Verfügung stellen.

Im ersten Teil der hier vorgelegten Materialsammlung habe ich ein wenig Rechenschaft abgelegt über ein Bündel Fragen an meinem ersten theologischen Ort, nämlich der Arbeitswelt. Viele Aspekte bei der Entdeckung meiner Identität an diesem Ort konnten nicht angesprochen werden. Doch hoffe ich genügend deutlich gemacht zu haben, mit welchen Fragen ich nun auf den zweiten theologischen Ort, nämlich den der Geschichte des Glaubens, zugehe. Ich habe mich mit meinen Fragen in dieser Geschichte wieder gefunden. Meine Individualisierung wurde nicht wie vorher nur in der Begegnung mit meinen Freunden und Kameraden, sondern jetzt auch in der ganzen geschichtlichen Dimension aufgehoben. Bei einem solchen Vorgehen besteht die Gefahr, dass der zweite theologische Ort nur als ein Steinbruch gebraucht wird; er würde in jenem Fall nur aufgesucht, um die anderswo gefundenen Ansichten nur zu untermauern; die Eigenständigkeit der geschichtlichen Aussage würde missachtet. Diese Gefahr existiert wirklich. Doch ich fühle mich eingeengt, wenn ich zu diesem oder jenem Thema mit Zitatensammlungen aus der Bibel und Kirchengeschichte bombardiert werde. Trotzdem gibt es keinen anderen Weg, als von den eigenen Fragen her, die Geschichte zu befragen. Wir studieren die Geschichte immer mit einem Interesse. Und darüber müssen wir auch Rechenschaft ablegen. Denn das eigene Interesse grenzt im hermeneutischen Wechselspiel von geschichtlichen Aussage und heutigem Kontext die Fragestellung ein, schärft den Blick, spornt die Forschung an, ja macht sie überhaupt erst möglich. Das Interesse entscheidet auch wesentlich darüber, wem die Ergebnisse der Untersuchung dienen sollen. Es gibt eine klassenbezogene Theologie; also eine Theologie, die oft genug aus gutem Grund ihre Interessen verschleiert, um bestehende Herrschaft zu rechtfertigen – sie gibt sich her, gefällte Entscheidungen derer, die gegenwärtig das Sagen haben, nachträglich zu begründen – und demgegenüber eine Theologie im Dienst der vielfältigen, bunten Armut. Auch letztere kann ihr Geschäft unsachgemäß betreiben, und zur nachhinkenden sich anbiedernden Rechtfertigungsideologie von oppositionellen Kräften entarten. In beiden Fällen würde die Geschichte ein Munitionslager für die gegenwärtige gesellschaftliche Auseinandersetzung missbraucht. Wenn wir auf unsere heute gegebenen Antworten im gesellschaftlichen, religiösen und familiären Bereich geschichtliche Begründungen suchen, betreiben wir keine Theologie, sondern Rechtfertigungsstrategien.

Deshalb ist es nicht nur wichtig, nach den eigenen Interessen zu fragen, wenn ich auf den zweiten theologischen Ort zugehe, sondern auch danach, inwieweit meine Frage eine wirklich offene Frage ist, die ich an die Geschichte stelle. Wenn ich mich schon gegenüber allen möglichen Überraschungen abgesichert habe, die Geschichte also nur meine eigene Ansicht bestätigen und nicht sie auch fundamental infrage stellen kann, dass ist zwischen dem ersten und dem zweiten theologischen Ort kein echter Dialog möglich. Die teuflische, technokratische Eindimensionalität hätte gesiegt.

Mit welcher Frage suchst du in der Geschichte eine Antwort?

Als eine fruchtbare Frage hat sich in den letzten Jahren die folgende herausgestellt: Wie haben die Menschen und vor allem Christus und die Kirche, an ihrem konkreten historischen Ort ihre Identität entdeckt und wie hat sich diese ausgedrückt? Dies ist eine offene Frage für mich, da ich mich selbst und auch meine Umgebung in einem Identitäts-Entdeckungsprozess vorfinde, der noch nicht abgeschlossen ist. Die gefundenen Ergebnisse am zweiten theologischen Ort werden als – auch über eine Identifikation mit den geschichtlichen Personen – Einfluss auf meine weiteren Entscheidungen nehmen. Weiterhin zeigt mein eigener geschichtlicher Ort an, für wen ich eine Antwort suche. Ich lebe ja in Gemeinschaft mit Kollegen, Mitbrüdern, Christen…

Meine Frage lässt sich gut in die Christologie einordnen. Hier hat sie sich auch als besonders fruchtbar erwiesen. Wie ist Jesus in der Menschwerdung vorangeschritten und wie ist er immer deutlicher zum Gleichnis des Willens Gottes geworden? Wie finde ich mich mit meinem Wunsch der Nachfolge in seinem Suchen und Handeln wieder und wo bin ich ein Unverständiger, ein Sünder, ein Hindernis bei der Konkretisierung des Willens Gottes heute?

Ich habe gern die Bibel zur Hand genommen und bin den Weg Jesu und seines Volkes nachgegangen und habe gesehen, wofür und wogegen er sich entschieden hat. Ich hatte einen Schlüssel gefunden, viele Aussagen aufzuschließen.

Mehr indirekt ist meine Frage auch eine ekklesiologische, denn die Kirche sucht und findet ja ihre Identität immer wieder neu in Christus. In ihm begründet sich nicht nur das Leben eines jeden Christen, sondern auch das Leben unserer kirchlichen Gemeinschaften.

Menschen guten Willens, die Kirche oder ganz allgemein: Glaubenszeugnisse finde ich in der Geschichte aber nicht nur in der Bibel und in den offiziellen Dokumenten der Kirche. Die Auferstehung Christi und die Aussendung des Geistes machen eine klare Grenzziehung in Glaubende und Unglaubende praktisch unmöglich. Ich muss darauf gefasst sein, in der Geschichte überall auf Elemente einer Identitätsentdeckung angesichts des Willens Gottes zu stoßen, also auf Menschen, die sich von dem sie befreienden Interesse der größeren Offenheit und Entschiedenheit unter den Beiseite gestoßenen leiten lassen.

Gefundene Identität Jesu von Nazaret

Das Neue Testament ist in einem wirtschaftlichen, politischen und religiösen Konflikt geschrieben worden. Die Schreiber standen im Dienst der Einheit unter den Christen. Wenn man so will, sind die Schriften des Neuen Testaments Zeugnisse des Ringens um die Identität der jungen Kirche. Die Spannung von arm und reich in der Gemeinde zum Beispiel und das ungeklärte Verhältnis zur Obrigkeit oder zu den vornehmlich von Pharisäern geleiteten Synagogen forderte heraus, sich je neu auf die Orginalität der Gemeinden zu besinnen. In diesen Auseinandersetzungen kommt Jesus Christus unter jeweils neuen Aspekten in den Blick. Eine Beschreibung seines Lebens in Palästina oder als Auferstandener losgelöst von den legitimen Interessen der einzelnen Schreiber gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Das Bild Jesu ist durch die Evangelien und die vielen Briefe nicht verfälscht, auch wenn ich mit meinem heutigen Interesse ihn neu entdecken muss und ähnlich wie die Evangelisten manches auch ohne sichere historische Grundlage aus der palästinensischen Zeit Jesu verstärkt darstellen muss und anderes unberücksichtigt bleibt. Außerdem bleibt die Darstellung bruchstückhaft. Viel lieber würde ich an dieser Stelle die Bibel Stück für Stück gemeinsam mit anderen lesen und all den vielen Einzelheiten von der schon gestellten Frage her nachgehen. Meine Auswahl der geschichtlichen Zeugnisse bleibt ein wenig willkürlich und ist nur ein erster Hinweis.

In welcher Tradition hat sich Jesus vorgefunden?

Jesus ist an einem konkreten geschichtlichen Ort geboren und aufgewachsen und bringt eine bestimmte Anlage und Formung durch die Erziehung mit, als er in unserem Gesichtskreis auftaucht. Dieses Moment der Menschwerdung wird in den Kindheitsgeschichten bei Matthäus und Lukas ganz deutlich ausgedrückt. Wie jeder andere Mensch hat sich Jesus in diesem Geschenktsein anzunehmen. Von diesem sich schrittweise realisierenden Vorgang bis hin zu seinem Tod haben wir einige Zeugnisse. Er hat sich als Jude, als Gläubige, als Unterdrückter, als Gefangener, als Jesus von Nazaret angenommen und ist dafür eingestanden. Nicht die Flucht, sondern die Annahme und damit die Aufhebung vom Gesetz (kein Jota des Gesetzes soll verändert werden), von den Landesgrenzen (Jüngeraussendung speziell zu den Juden, bitte der nicht jüdischen Frau wird zurückgewiesen), von der kaiserlichen Steuer (gebt dem Kaiser was des Kaisers ist) war Grundlage seiner Identität.

Wenn wir ein wenig genauer die konkrete Tradition in Israel bestimmen wollen, in der sich Jesus mit seinen Talenten wiedergefunden hat, so kööen wir einmal die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in Israel durchgehen, die zur Zeit Jesu Einfluss hatten. Ich nehme einmal an, dass er sich geprüft hat, ob er sich zur Gruppe der Schriftgelehrten oder der Pharisäer oder der Sadduzäer oder der Essener oder der Zeloten zählen sollte. Er hat keine volle innere Stimmigkeit mit diesen Gruppen gefunden. Auch die Einordnung seiner Person unter modernen Kategorien wie Revolutionär, Sozialreformer, usw. versagt. Manch einer sagt deshalb, Jesus wäre der ganz andere und hätte als Mensch gar keine Identität gefunden. Er sei der weder dies noch das. Er sei eben der Sohn Gottes. Diese Vorgangsweise erscheint mir als Flucht vor der konkreten Menschwerdung Gottes. Sie ist außerdem nicht notwendig. Die Geburt Jesu ist vorbereitet. Er findet eine geschichtliche Matrize vor, mit der er seine Identität entdecken kann, auch wenn er diese – wie wohl jeder andere Mensch auch – im konkreten Vollzug zu sprengen hat. Edward Schillebeeckx hat recht gut dargelegt, dass sich Jesus in der prophetisch- eschatologischen Tradition seines Volkes wieder gefunden und angenommen hat. Er war damit in das Zentrum der Heilserwartung seines Volkes vorgedrungen und hatte alle Angebote abgeschlagen, siech für achtenswerte Teillösungen einzusetzen. Lesen wir einmal die Bibel neu mit der Frage, wie Jesus Schritt für Schritt in der prophetisch eschatologischen Geschichte seines Volkes gelesen, sich mit ihr identifiziert und zu ihr als er selbst ja gesagt hat und wie er nach und nach durch die Herausforderung seiner Umwelt zu einem Bekenntnis seiner gefundenen Identität gezwungen wurde. Viele Einzelheiten haben für mich neu zu sprechen begonnen.

Wann und wo und wie sagt Jesus Ja zu seiner Identität?

Jeder Text des Neuen Testamentes spricht direkt oder indirekt von der Identität Jesu, seinem Ursprung und Ziel. Vielleicht können einige Beispiele Mut machen zu vielen neuen Entdeckungen:

  • Jesus lässt sich von Johannes taufen. Die Zeit war reif, sich zu der Tradition zu bekennen in der Jesus steht.

  • Lukas (Kap 4) sieht Jesus als einen Mann, der in der Synagoge einen messianischen Text aus dem Jesajabuch liest und ihn auf sich bezieht. Jesus hat, wenn auch vielleicht historisch an anderer Stelle und auf andere Weise, zu seiner prophetischen Tradition Ja gesagt.

  • Jesus hat sich in der Rolle des Heilenden angenommen.

  • Mit der Berufung der Jünger und ihre spätere Aussendung wird ein neues Stück seiner Identität öffentlich sichtbar.

  • Noch fehlende öffentliche Identität wird nicht verwischt: Jesus ist noch nicht zum Gefangenen geworden und sagt deshalb den Johannesjüngern (Lk 7) auch noch nichts über die Befreiung der Gefangenen, wie es das Jeremia-Zitat (Lk 4) nahe legen würde. Die Identität mit den Armen, Blinden, Lahmen, Tauben… ist aber schon öffentlich.

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Die Liste möchte ich hier abbrechen. Sie lässt sich leicht vervollständigen bis hin zu dem Ja zu seinem Tod in den Leidensankündigungen, dem Aufbruch nach Jerusalem und dem Bleiben am Ölberg in der Nacht seiner Verhaftung.

Die Vorbereitung zum öffentlichen Ja seiner Selbst finde ich im Gebet Jesu. Hier ringt Jesus um seine Identität und findet Ruhe im Wissen um den Vater. Er kann abwarten, bis die Zeit reif ist den nächsten Schritt zu tun. Interessant ist es, im Einzelnen nachzulesen, wie Jesus jeweils herausgefordert wird, einen Schritt weiter zu gehen und sich im Volk, unter den Jüngern und im engsten Kreis – oft vielleicht ganz ungewollt auch für ihn überraschend – zu erkennen zu geben. Jesus hat sein Leben nach und nach bis ins Wort hinein, bis hin zur Vergebung der Schuld geteilt und die Hoffnung der Menschen ganz offen gelegt, natürlich in dem Wechselspiel von Fragenden und Sprechenden.

Wer nicht fragt, glaubend hofft, kann auch keine Antwort erwarten. Doch oft sind unsere Fragen und Wünsche kleingläubig. Deshalb ist es auch sehr wichtig, auf jene Fragen im Neuen Testament acht zu geben, die von Jesus zurückgewiesen werden.

Wo weist Jesus Fragen und Wünsche an ihn zurück?

Drei häufig auftretende Versuchungen aus dem ökonomischen, politischen und religiösen oder ideologischen Bereich sind von Lukas und Matthäus noch vor dem Bericht über das Wirken Jesu behandelt. Jesus wird seiner Berufung treu bleiben und das Volk nicht missachten oder – wie es Dostojewskij in seiner ausgezeichneten Interpretation (Der Großinquisitor – ein Kapitel aus dem Roman ‚Die Brüder Karamasow’) der Versuchungsgeschichte herausstellt – er will die ganze Freiheit für jeden Menschen. Diese Achtung des Nächsten und seiner Selbst lässt ihn die Angebote des Teufels zurückweisen, die uns in unterschiedlichen Formen tattäglich begegnen.

Jesus ist auch nicht gekommen, um in Erbstreitigkeiten zu vermitteln, Steuerfragen zu regeln, usw. Er verweigert sich auch darüber hinaus Rollen zu übernehmen, in denen seine Anliegen völlig zum Gegenteil verdreht würden. Auch bei der Messiasfrage stoße ich auf eine Zurückhaltung Jesu. Bei der Beantwortung einer Frage wird ja auch immer der Fragehintergrund mit aktiviert. So list Jesus oft zum Schweigen gezwungen und belegt auch andere mit dem Schweigegebot.

Besonders deutlich tritt mir das Schweigen Jesu vor Augen, als er vor Pilatus steht. Mit gewissen Fragevoraussetzungen kann er sich nicht identifizieren und hat zu schweigen.

Doch seine Verweigerung wird auch noch bei vielen anderen Gelegenheiten deutlich. Interessant ist es, all den Fällen nachzugehen, wo er mit Schriftgelehrten oder Wohlhabenden spricht. Oft stellt er eine Gegenfrage oder erzählt ein Gleichnis. Er lässt sich nicht mit in ihre Interessen hineinreißen. Erst danach mit den Jüngern alleine, da entdecken wir eine größere Vertrautheit und gläubige Übereinstimmung, so dass Jesus die Gleichnisse erklären kann. Jesus respektiert immer wieder die Schwelle der Umkehr, so sehr er auch für alle Menschen da sein will und jede Einladung annimmt, auch wenn man ihn deshalb als Fresser und Säufer beschimpft. Er tut das nie, um sich anzubiedern, er hat immer ein Gespür, was mit seinem Auftrag vereinbar, was unvereinbar ist.

Woraufhin lebt Jesus?

So sehr Jesus in der Geschichte seines Volkes lebt und in ihr seine Identität gefunden hat, so öffnet er diese Geschichte doch auch durch sein Leben. Diesem Moment der Befreiung müsste ich auch etwas ausführlicher nachgehen. Doch will ich es hier bei drei Notizen bewenden lassen:

  • Jesus lebt auf Gott zu als seinem Vater. Diese Beziehung zu Gott öffnet die Geschichte des Glaubens und macht eine neue Zukunft möglich.

  • Konkret lebt Jesus als jemand ohne Haus und Hof. Er ist offen für den völlig an den Rand Gedrückten. Ich, den Hungernden, Dürstenden stellt er in die Mitte. Er ist für ihn der Stellvertreter Gottes. Ihm gegenüber werden wir gerecht oder sind wir ungerecht. Diese Aussage ist im Leben Jesu keine nette Ideologie, sondern Praxis bis hinein in den Tod. Er hat seine Identifikation mit Mördern und politischen Rebellen angenommen.

  • Jesus lebte nicht die Vertröstung der Armen auf eine spätere heile Welt, sondern das beginnende Reich Gottes. Von dem Gnadenjahr wird schon im Jesajazitat (Lukas 4) gesprochen, doch in seinen ersten Anzeichen greifbar ist es dann in der jungen Gemeinde in Jerusalem (Apostelgeschichte 3). Doch das ist kein vom Leben Jesu abhebbares Geschehen, auch wenn vielleicht trotz aller früheren Hinweise erst mit der Auferstehung die Voraussetzungen ganz da sind, das Reich Gottes zu leben. Nicht nur das Brot, sondern Jesus selbst ist als Geteilter durch die Auferstehung unter uns.

Doch ohne die engagierte Hoffnung auf das Reich Gottes wäre die Identität Jesus wohl nur schwer zu verstehen. In diesem Punkt sind wir aber oft wohl selbst ausgesprochen Kleingläubige, so dass uns nur mit Gleichnissen geantwortet wird.

Weiterführende Literatur:

Erhard Kunz, Christologie, Manuskript 1974

Leonardo Boff, Jésus-christ liberateur lumière et vie, 1977 Nr. 13

Edward Schillebeeckx, Jesus – die Geschichte eines Lebenden, Freiburg 1975

Michael Clévenot, So kennen wir die Bibel nicht, München 1978

GEWALTFREIHEIT – ANARCHIE – ARBEITERBEWEGUNG

Wenn ich mich mit meinem Suchen und Wissen um den Willen Gottes in Jesus Christus, seiner Geschichte und seiner Hoffnung wieder finde, so bedeutet das auch, dass ich ähnlich wie er nach der konkreten geschichtlichen Matrize suche, die unsere Hoffnung aussagbar macht. Jesus hat sich in der prophetisch eschatologischen Tradition vorgefunden. Durch die Nachfolge als Christ und besonders durch die Priesterweihe habe ich dazu ja gesagt, dieser durch Christus ausgeweiteten Tradition treu zu sein. Die christlich prophetisch eschatologische Matrize ist heut aber nicht leicht aufgreifbar. Wir müssen auf eine Entdeckungsfahrt gehen und die einzelnen Elemente nach und nach zu entdecken suchen.

Wo finde ich heute eine geschichtliche Matrize, die meine Hoffnung aussagbar macht?

Nachdem ich sehe, dass unser Wirtschaftssystem weiterhin versagt, die Arbeit und die produzierten Güter und Dienstleistungen so zu verteilen, dass alle Menschen daran Anteil haben, da werde ich auf die entscheidende Frage Engels gelenkt (Aufsatz: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, 1944), wie es geschehen kann, dass ein Volk im Überfluss verhungern kann? Die Kommunisten haben immer wieder bis heute bewiesen, dass sie in der Lage sind, konsequente Fragen zu stellen. Ihre Fähigkeit, die ökonomische und soziale Situation zu analysieren, spornt mich an. Es gibt wirklich, wie sie sagen, Klassen, die Arbeit hat Wahrencharakter, ihre Kritik der Religion ist notwendig,… Ich fordere mit ihnen das Recht auf Arbeit und Ausbildung.

Ohne mich moralisch zu entrüsten, denn die Kirche hat bei der Ketzerverbrennung auch eine sehr üble Rolle gespielt, kann ich nach einer Phase des Stalinismus hier in Europa doch nicht mehr einfach den Kommunismus als geschichtliche Matrize benutzen, um von meiner Hoffnung zu sprechen, so sehr ich mich mit vielen Kommunisten nach einem Sozialismus sehne.

Ich habe mich nicht nur in vielen Hoffnungen speziell der Kommunisten wieder gefunden, sondern vor allem ganz allgemein in dem unterschiedlichen Engagement der Arbeiterbewegung. Dieser Befreiungsprozess weist Leitlinien auf, die es wert sind, dass sie in die Zukunft verlängert werden und die für die Befreiung des ganzen Menschen eine wichtige Rolle spielen. Eine Aufzählung der vielfältigen Gruppen, Erfolge und Rückschläge möchte ich mir hier ersparen und mehr schlaglichtartig auf zwei Anliegen in den unterschiedlichsten Befreiungsbewegungen hinweisen, denen ich mich besonders verpflichtet fühle: dem Abbau von Herrschaft und dem Abbau von Gewalt.

Mit meiner Forderung: Willst du keine Herrschaft und Gewalt, so übe keine aus, habe ich mich zum einen in der Geschichte des Anarchismus wieder gefunden. In ihr faltet sich die Sehnsucht nach Gemeinschaft immer weiter aus. Von ihrer Sehnsucht nach Demokratie aus hinterfragt sie immer neu jeden eingegangenen Kompromiss. Anarchismus heißt positiv: Autonomie, Achtung der Person, Begründung aller Strukturen von unten nach oben.

In der Geschichte er Anarchie werden entscheidende Teile der christlichen Hoffnung freigelegt, die in der ideellen und praktischen Vereinigung von Staat und Kirche verschüttet wurden. Die Anarchie zeigt die Richtung, in der wir in Klassen zerteilten Menschen uns einmal als Brüder und Schwestern wieder treffen können.

Andererseits habe ich mich mit meiner Hoffnung in der Geschichte der Gewaltlosen wiederentdeckt; unter Menschen wie Franziskus, Gandhi, King,… Zwar stehe ich in dieser Geschichte noch unsicher da. Prüfungen werden noch kommen. Doch sehe ich deutlich in der Gewaltanwendung eine Form der Missachtung meines Nächsten. Die Möglichkeit zu einem Dialog wäre dann auch von mir aus blockiert. Das empfinde ich als Unrecht meinerseits. Doch fühle ich mich als Gewaltloser noch nicht erwachsen und habe noch weiter in die Schule zu gehen, um entsprechend viel Phantasie für einen entschiedenen Einsatz zu entwickeln.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich Elemente einer ausagebefähigenden Matrize in der neueren Geschichte gefunden habe, um einen Schritt in der christlich prophetisch eschatologischen Tradition weiter zu gehen:

  • Die Freiheitsbewegungen des Volkes und in ihr die Arbeiterbewegung

  • Der Anarchismus

  • Die Gewaltlosigkeit.

Das Ringen um welche Ziele ist mit einer herrschafts- und gewaltfreien Sprache möglich?

Wenn wir uns in der Geschichte mit unseren Hoffnungen wieder finden dürfen, bekommen wir eine Sprache geschenkt. Und jede neue Sprache macht fähig, manche Sachverhalte deutlicher zu sehen, andere verliert sie aus dem Blick. Übe sie können wir nach und nach zu einem Engagement mit anderen finden, das Schwerpunkte setzt. So stellt auch die Sprache der Gewalt- und Herrschaftslosen ein Mittel dar, das nicht zur Verwirklichung jedes Zieles verwendbar ist, ähnlich wie das Leben Jesu nicht als Beispiel für jede menschliche Praxis herangezogen werden kann, so sehr man das auch immer wieder versucht hat.

Die Reinigung der Sprache zu einer herrschafts- und gewaltfreien bedeutet die Notwendigkeit, die politischen und sozialen Ziele neu zu bestimmen und die eigene Lebensweise zu korrigieren. Dafür lassen sich viele Beispiele im Leben der Propheten bis hin zu den Gruppen der Kriegsdienstverweigerer aufweisen.

Nach einer Analyse der gegenwärtigen Situation lässt sich bald aufweisen, was sich mit einer herrschafts- und gewaltlosen Hoffnung nicht vereinbaren lässt. Doch bei den positiven Aussagen stoßen wir ähnlich wie bei der Beschreibung des Reiches Gottes schnell auf eine Grenze. Die Gleichheit aller Menschen – bei der all die unterschiedlichen Talente zum Tragen kommen – ist für uns oft unvorstellbar. Doch gerade das ist uns von Christus verheißen; die Anarchisten und die Gewaltlosen haben diesen weitgehend verlorenen Faden wieder aufgegriffen. Wie wir im Blick zum Beispiel auf die Ordensgeschichte sehen, war dieser Faden nicht gerissen – ist nicht in einem Kloster ganz anarchistisches Gedankengut lebendig? – doch fehlte der Kirche insgesamt – oft wie dem Volk Israel die Kraft, sich von der Macht zu distanzieren und nicht einen König zu fordern. Die Kirche hatte sich oft weitgehend dem staatlichen Denke unterworfen und ihre christlich befreiende Sprache in der Gesellschaft verloren.

Ist der Rückgriff in die Geschichte des Anarchismus und der Gewaltlosigkeit nicht eine Entfremdung vom Heute?

Sicherlich gibt es die Möglichkeit, sich mit seinen Fragen in die Geschichte zu flüchten und – besonders wenn man sich nicht der Mühe einer Analyse der Gegenwart unterzieht -, so mit Ideologien befrachtet zurückzukehren, dass ein sinnvolles Engagement erst einmal unmöglich ist. Dass ich dieser Gefahr unterlegen bin, möchte ich nicht ausschließen. Doch ich habe auch bemerkt, wie ich mich nach der Entdeckung der anarchischen Geschichte plötzlich, erstmalig bewusst, in meiner Generation wieder gefunden habe, von der die Studentenunruhen um 1968 ausgegangen sind. Die damals aufblitzende Hoffnung ist mir jetzt greifbarer in mir selbst geworden. Ähnliches gilt für die Kibbuzidee in Israel oder die Bewegung für Menschenrechte im Ostblock, die ja alle anarchistisches Gedankengut enthalten. Es war ein überwältigendes Erlebnis für mich, dass ich wirklich ganz heute lebe, wenn ich meine privaten Hoffnungen und ihre Entdeckung in der Geschichte ganz ernst nehme.

Weiterführende Literatur:

Daniel Guèrin, Anarchismus, Frankfurt/M 1977; Martin Buber, Der utopische Sozialismus, Köln 1967; Thomas Morus, Utopia; Leo Tolstoj, Auferstehung, Leipzig 1930; Jean-Mari Muller, Gewaltlos, Luzern/München 1971, Hildegard Grolss-Mayr, Der Mensch vor dem Unrecht – Spiritualität und Praxis gewaltloser Befreiung, Wien 1976.

Geschichtliche Identität einer internationalen Gruppe: Die Kirche

Die Entdeckung der uns geschenkten, in uns angelegten Identität geschieht nicht nur bei jedem Einzelnen im Kontakt mit seinen Mitmenschen und darüber hinaus mit Gott, als dessen Geschöpf wir uns erfahren, sondern auch als kleine oder größere Gruppe. Die gefundene, angenommene, sich in der Geschichte durchhaltende Identität einer Gruppe beeinflusst die in ihr lebenden Persönlichkeiten, ja sie verwirklichen sich in ihr. Ein entscheidender Teil meiner persönlichen Menschwerdung ist das Geschenk einer Gruppe, nämlich der Kirche. Ihre Geschichte ist der Boden für viele meiner Entscheidungen; Ihrer Hoffnung bin ich verpflichtet.

Wie hat die Kirche ihre Identität entdeckt?

Diese Frage könnte man auch für einzelne Teilbereiche stellen, zum Beispiel: wie haben die Gefährten des Ignatius von Loyola entdeckt, dass sie zusammenbleiben und einen Orden gründen sollten? Den Prozess könnte man in viele einzelne Schritte zerlegen. Er ist – zumindest was die Kirche betrifft – auch noch nicht abgeschlossen. Immer wieder formuliert sie sich und das ihr anvertraute Glaubensgut weiter aus. Trotzdem möchte ich versuchen, einmal auf vier Schritte hinzuweisen, die mir aufgefallen sind:

  1. Die Apostel und manche andere, die Jesus gekannt hatten, versammelten sich und „verharrten einmütig im Gebet“, wie es Lukas in der Apostelgeschichte schreibt (1,14). Die Versammelten haben schon eine Geschichte zusammen. Jenen Erfahrungen, die sie mit in das Gebet einbringen, möchte ich nicht im Einzelnen nachgehen. Fest steht aber für alle, dass sie vor einer neuen Epoche, vor einer wichtigen Entscheidung stehen. Sie finden sich in einer Wüste wieder. Ein neuer Wegweiser ist notwendig. Der Entdeckung des ausstehenden Ruf Gottes wollen sie sich nicht verschließen, sie wollen nicht mehr resigniert, überfordert fliehen (Emmausjünger), sie verharren geduldig im Gebet. Das Leben geht weiter, sie wählen einen Apostel, doch das entscheidende Erlebnis geschenkter Identität steht noch aus.

  2. Pfingsten habe sich die Apostel auf einem gemeinsamen sicheren Fundament wieder gefunden. Ihr vorher mehr geahnter einheitlicher Glaube ist nun sicher, er ist aussprechbar. Es ist nicht etwas von der Geschichte Losgelöstes, ganz Neues geschehen, sondern sie haben sich in der Geschichte ihres Volkes, der Propheten, Jesus Christus wieder gefunden: sie können nun Jesus als den Auferstandenen verkünden. Dieses Geschenk einer gemeinsamen, allen verständlichen Sprache ist die Proklamation der Einheit, ist ein Sakrament, das die weitere Zukunft möglich macht.

  3. Die Treue zu der neu gefundenen tieferen Gemeinschaft der Jünger Jesu und aller Bekehrten im Auferstandenen drückt sich im Leben der Gemeinde aus: „alle die gläubig geworden waren, hielten zusammen und hatten alles gemeinsam.“ (Apostelgeschichte 2,44). In einem solchen Leben bleibt die geschenkte Hoffnung lebendig und es ist selbst ein Zeichen dieses Glaubens. Wie sich das Leben in den einzelnen Gemeinden an ihrem geschichtlichen Ort ausformte, kann an dieser Stelle nicht ausgeführt werden. Das in der Bekehrung gegebene Ja musste unter vielen Schwierigkeiten von den Einzelnen und den Gemeinden eingeholt werden. In diesem Ringen sind die einzelnen Schriften des Neuen Testamentes entstanden. Sie legen von diesem Prozess vielfältiges Zeugnis ab.

  4. Noch eine zweite Konsequenz ergibt sich direkt aus dem Pfingsterlebnis, nämlich die der Verkündigung. Immer wieder sind einzelne Christen aufgebrochen, um von ihrem Glauben auch unter Nichtchristen Zeugnis abzulegen. Dieses Aufbrechen der Missionare im Vertrauen auf die sie aussendende Gemeinde ist ein Beweis ihrer Lebendigkeit. Sie hat sich weiter den Fragen ihrer – auch weiteren – Umgebung gestellt. Ihr Glaube konnte sich über diesen durch die Mission in Gang gehaltenen Prozess ständig weiter ausformulieren.

Bei der Beschreibung des Selbstfindungsprozesses der Kirche möchte ich hier abbrechen und nicht auf die ganze Dogmengeschichte, die Bildung von Missionsgruppen, Orden, Hierarchien,… eingehen, so interessant die Beobachtung dieses Fortgangs der Entdeckung und Ausbuchstabierung der in der Bekehrung geschenkten und angenommen Identität wäre, denn wir tragen ja bis heute Verantwortung für den Fortgang dieses Ringens in Treue zur Verheißung des Reich Gottes durch Christus.

Führt der Glaube in die Fremde?

Mit dieser Frage kommen eine Fülle von Situationen im alten und neuen Testament und auch der weiteren Kirchengeschichte in den Blick. Wie oft mussten Einzelne und das ganze Volk Israel in die Wüste ziehen und auch Jesus ist wie viele Propheten dorthin gezogen. Die Zeit des Gebetes, auch das der Gemeinde bedeutet in gewisser Weise die Fortsetzung dieser Wüstenzeit. Die Christen haben sich als Wanderer, Heimatlose, Fremde verstanden. Wer der damit gegebenen Armut aus dem Weg gehen will, verliert vielleicht sehr schnell seinen noch jungen Glauben. Mir scheine die Prüfung der anfänglichen Glaubensgewissheit fast konstitutiv zum Glaubensleben zu gehören. Vielleicht ist der Glaube geradezu die Fähigkeit in Heimatlosigkeit zu leben. „Habt keine Angst, wenn ihr vor den Gerichten steht!“ Warum ist das so? Glaube bedeutet der Vorstoß zum Leben in einer nicht nur vordergründig zu bestimmenden Heimat, der Identität über den Tod hinaus.

Die Wüstenzeit bedeutet Entbehrung und Verzicht. Doch durch den Glauben kann in dieser Fremde das Geschenk der Heimat erfahren werden. Ja Glaube führt in Heimatlosigkeit und eröffnet Heimat unter den Menschen in Gott. Beides ist richtig.

Diese These an möglichst vielen Beispielen zu prüfen und darzustellen bleibt hier leider keine Zeit. Sie hat mir aber schon viele Orte der Identifikation in der Geschichte eröffnet.

Welche Menschen in der Geschichte der Kirche weisen dir vor allem den weiteren Weg?

Viele Menschen in und außerhalb der offiziellen Kirche, Bücher, Bilder und Gespräche haben mich begeistert. Da ist es nicht leicht eine Wahl zu treffen. Trotzdem möchte ich es wagen – mir der Unvollständigkeit der Aufzählung von vornherein bewusst, Ignatius von Loyola wird zum Beispiel nicht eigens genannt werden – drei Hinweise zu geben:

  1. So sehr ich manche meiner Eigenschaften bei Petrus wiederentdecke, so spornt mich

doch das Verhalten besonders von Paulus immer wieder an. Wie und weshalb er auf sein Recht verzichtet, nicht zu arbeiten (1 Kor 9,6) fasziniert mich. Er steht unter einem Zwang (Vers 16) das Evangelium – unentgeltlich – zu verkünden (Vers 18) und wirklich allen alles zu werden. (Vers 22). In seiner Rede auf dem Tempelplatz in Athen (Apostelgeschichte 17) scheint mir ein Missionskonzept auf, dem ich mich verpflichtet weiß. Er nimmt die Menschen, auf die er stößt, in ihrer Kultur, in ihrem Glauben, in ihrer Freiheit ganz ernst und er selbst wird darüber eine immer reifere Persönlichkeit, so dass er mit dem Übertritt nach Europa die uns heute vorliegenden Briefe an seine Freunde und auch an ihn noch unbekannte Gemeinden schreiben kann. Sein Weg vom gläubigen, engagierten Juden, über seine Bekehrung, eine etwa sechszehnjährige Zeit der Zurückgezogenheit, die Aussendung zu Missionsreisen und die immer neue Inkulturation bis hin zu einem belastbaren, befreienden, eigenständigen Glauben gibt mir eine Richtung. Paulus hat Eigenständigkeit gefunden, er spielt eine Rolle, aber er wehrt sich persönlich gegen alle Ämter und bleibt seiner Berufung treu. Er ist für mich eine Ermahnung, konsequent von den eigenen Talenten her in den Herausforderungen der Zeit zu leben.

2) Weiterhin gibt mir die ganze Missionsgeschichte der Kirche und in ihr die Ordensgeschichte einen Rückhalt in meinem Leben. In ihr begeistern mich viele…(S. 107 unten……………….sie keine großen Namen. Ihr Leben ist für mich ein entscheidendes Lebenszeichen der Kirche. Durch sie wurde die Kirche in ihrem Kern immer wieder erneuert und der Glauben (vergleiche auch Dogmengeschichte) weiter ausformuliert. Unmöglich ihr vielfältiges Zeugnis des Glaubens auch nur in Umrissen hier darzustellen. Nur ein Beispiel möchte ich nennen, das mich besonders fasziniert:

Franz von Assisi geht durch die Frontlinie in das Lager des feindlichen islamischen Heeres; er versucht Frieden zu stiften und den Glauben zu verkünden. Franziskus ist kein Mann, den man umbringen braucht, um sich seines Reichtums zu bemächtigen. Er klammert sich an nichts, weil er den Mut gefunden hat, sich ganz auf Gott zu verlassen. Er kann wirklich die Menschen, ja die ganze Natur als Geschöpfe Gottes erfahren und von daher leben. Die Gewalt wird für ihn und gegenüber ihm lächerlich. Die Aggression hat keinen Ansatzpunkt in ihm. Dass er nicht verstanden und sogar bekämpft wird, schmälert nicht seine Verdienste. Franziskus hat sich seine Orginalität ganz schenken lassen und sie ausgelebt. Er war radikal; er ha sich – nebenbei an meinem späteren Geburtstag, nämlich dem 16. April – nackt vor seinen Vater und den Bischof auf den Marktplatz gestellt, um die Richtung seines weiteren Lebens anzudeuten und er ist dieser Proklamation treu geblieben. Franziskus ist kein Einzelfall; es gibt eine Geschichte solcher gläubiger Menschen in der Kirche.

  1. Mit dem letzten Hinweis möchte ich eine Gruppe von Menschen ansprechen, die sich

um die Fortsetzung des Glaubens in unserem Jahrhundert bemühen. Mir kommen de vielen Ungenannten in den Blick, die sich um die geistige Auseinandersetzung bemühen, so dass Sozialenzykliken oder entsprechende Dokumente des Weltkirchenrates geschrieben werden, ökumenischen Weltkonferenzen oder Konzilien abgehalten und eine Theologie der Befreiung oder andere ähnliche Bemühungen angefangen werden können. Doch das ist für mich nur die Spitze des Eisberges. Ohne das Heer der Menschen, die ihr Vertrauen tagtäglich auf das Volk setzen, auf ihre Nachbarn, di Kinder, die Hungernden, Gefangenen,… und so Schritt für Schritt neu in die Zukunft aufbrechen, wären all die offiziellen Dokumente und Verlautbarungen der Kirche Schal und Rauch. Diese Menschen im Volk leben weitgehend im Schweigen. Doch man kann ihnen begegnen. Ich denke vor allem an Christen in Basisgemeinden oder irgendwo in kleinen Gruppen am Stadtrand unter Ausgestoßenen oder gar im Gefängnis. Sie sind wirklich auch heute die Basis der sich immer notwendig zu erneuernden Kirche.

Ich möchte die Brutalität der Kirche als Institution, als Hure des Staates, als Vertröstungsmaschine nicht verschleiern. Doch ähnlich wie mir die Kameraden aus dem………………..(S. 108 unten)auf die Fabrikstruktur fixieren lasse und dann keine Kraft mehr finde, ihnen zu begegnen, so verliere ich auch die lebendige Kirche aus den Augen, wenn ich Kirche mit den mir unangenehmen Amtsträgern und den vielen versklavenden, herrschaftsstützenden Ideologien in ihr gleichsetze. Ja, es gibt in der Kirche auch eine Geschichte des Abfalls vom Glauben und der Sünde. Doch kann man keinen einzelnen Menschen, keine Gruppe und auch nicht die Kirche von ihren Fehlern her in ihrem heilsbedeutenden Sinn zu verstehen suchen. Ich muss mir in dem Schmerz über das Versagen die wirklich oft sehr versklavte Identität des anderen zeigen lassen, einen Schatz, dessen Bergung die Aufgabe des ganzen Vermögens lohnt. Wie die Kirche immer wieder in der Geschichte die alle Grenzen der Macht überwindende Prophetie der Tat findet und so ihre gestiftete Identität bewahrt, müsste natürlich genauer erforscht werden. Es ist keine Geschichte der Reinheit, sondern eine Geschichte des immer neuen Geschenkes, sich ein Stück weit von der Versuchung der Zeit absetzen zu können und in diesem Nein der Freude einen Freiraum zu erkämpfen, die uns in Fülle verheißen ist.

TEIL III

AUFGABEN, DIE MORGEN VOR UNS LIEGEN

Nach dem Erheben der Erfahrungen und Fragen am ersten theologischen Ort, unserem Engagement in der heutigen Welt und der leider nur kurzen Rückfrage mit dm nun bekannten Interesse an die Geschichte des Glabuens, dem zweiten theologischen Ort, soll nun andeutungsweise in einem dritten Schritt der theologische Dialog im Blick auf die vor uns liegenden Aufgaben begonnen werden. In einem strengen Sinn beginnt damit erst die theologische Arbeit. Sie kann nun von den bisherigen Erfahrungen her begrüdet innerhalb der Geschichte des Glaubens die christliche Hoffnung in unserer Zeit entfalten. Das ist immer wieder auf vielfältige Weise geschehen. Stellvertretend für andere Versuche möchte ich auf das Dokument „Unsere Hoffnung“ der Synode der Bistümer in der BRD (1972-1975) hinweisen und auch auf die Schrift von Johannes Batist Metz: Zeit der Orden? Zur Mytik und Politik der Nachfolge, Freiburg 1977.

Im Folgenden will ich mich nur mit einer recht begrenzten, mich aber doch ganz betreffenden Herausforderung auseinandersetzen.

Vor kurzem ist die Entscheidung gefallen, dass wir – zwei andere Jesuiten und ich – eine neue Kommunität in Berlin gründen sollen, die sich um die Inkulturation im Arbeitermilieu bemühen und den Glauben an Jesus Christus – eingebettet in einem dort konkret geforderten Einsatz für Gerechtigkeit – neu verkünden soll. Wir sind zu diesem Engagement vom Orden beauftragt und fühlen uns von den Menschen, auf die wir zugehen, gerufen. Doch worauf sollen wir im Einzelnen achten, wo besonders sensibel werden, damit wir wirklich einen Schritt weiter auf das hereingebrochene Reich Gottes tun? Das Unternehmen wird auch nach den folgenden Überlegungen ein Wagnis bleiben, doch kann vielleicht mit eine wenig Klugheit manche Leichtsinnigkeit vermieden werden. Die folgenden Zeilen sind nur ein Diskussionsbeitrag; ein gemeinsames Konzept und Absprachen für das konkrete Verhalten in diesem oder jenem Bereich werden das Ergebnis des Dialogs unter uns dreien mit dem Oberen und anderen Mitbrüdern, Christen, Nachbarn und Kollegen sein.

Worauf kommt es in der Begegnung mit den Menschen auf der Arbeit und im Stadtviertel an?

Der Schritt nach Berlin in ein Arbeiterviertel hat für mich eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem nach Frankreich, zumindest bis jetzt, wo er noch aussteht; es ist ein Schritt in die Fremde. Nicht nur die Stadt kenne ich nicht, ihre politische, soziale Lage, die Sprachen der Ausländer, usw. sondern ich werde vor allem kein Gastarbeiter mehr sein. Ich bin ein Einheimischer, Deutscher, Weißer, Nicht-Hungernder, Sünder,…- wie soll ich den Kollegen und unter ihnen den Fremden, Hungernden, Kranken, Ausgestoßenen, Verachteten gegenübertreten? Ja, ich habe Erfahrungen als Fremder, aber das reichte nicht aus, um sie in Deutschland in ihren Sorgen zu verstehen.

Ich weiß aus der Geschichte des alten Bundes, welche Hochachtung den Fremden gegenübergebracht wurde, wie Jesus und dann mit ihm die Kirche zu Fremden in der Welt geworden sind und kein Nest oder Höhle als ihre Heimat vorweisen konnten. Außerdem habe ich gesehen, wie der Glaube (Matthäus 4,1) selbst den Menschen in die Fremde führt und ihm die Kraft gibt, den Versuchungen zu widerstehen. Der Fremde – der Hungrige, Durstige, Obdachlose, Nackte, Kranke, Gefangene (Matthäus 25) – ist Stellvertreter Jesus, demgegenüber wir uns zum Heil oder Unheil entscheiden. Entdecken wir in uns die „Fremdheit als Heimat“ (interessantes missionstheologisches Werk von Richard Friedli, Freiburg/Schw. 1974), dann wird uns der Glaube einen Weg zeigen, dass wir uns dem Fremden wirklich wie Gott nähern, d.h. um Verzeihung bittend in der Gewissheit, dass uns die Menschwerdung der Begegnung geschenkt wird.

Die „Dummheit“ der Armen liegt ja gerade darin, dass sie sich nicht für Gott halten; sie binden ihre Gastfreundschaft nicht an die Sündenlosigkeit. Wenn wir uns nicht besser wissend, Almosen gebend, sondern ihnen wirklich mitteilend begegnen, werden wir zwar auch auf ein anerzogenes Misstrauen – die Fremdlenkung durch die Herrschaft anderer – stoßen, doch wir brauchen keine Angst zu haben; uns wird unsere Schuld vergeben. In diesem Vertrauen sollten wir uns gegenseitig bestärken.

Darüber hinaus lassen sie uns an dem Reichtum ihrer Erfahrungen teilnehmen. Uns wird ein neuer Lebenshorizont gezeigt werden. Ihn sich zeigen zu lassen, erscheint mir als die zweite wichtige Aufgabe. Der Fremde, Hungernde,…- sie sind unsere Lehrer. Wenn wir den Versuchungen der Besserwisserei, der Herrschaft und der Gewalt, der eigenen Prahlsucht, …widerstehen, so wird uns eines Tages die Gleichheit geschenkt werden. Wir werden uns mit all unseren Unterschieden im Milieu als Erwachsene wieder finden und selbstverständlich unser Leben teilen, aus der Freude des bekommenen Geschenkes unseres Lebens.

Welche Rolle spielt das persönliche Gebet unter uns?

Die Wüste ist vorrangiger Ort, wo wir um die Entdeckung der persönlichen Kontinuität und der Einheit mit anderen Menschen damit mit Gott selbst bitten und ihr treu bleiben. Parallel zur Antwort auf die vorangegangene Frage ist für mich das persönliche Gebet der Ort, von woher ich bereit werde, nicht nur mir Verzeihung schenken zu lassen sondern auch anderen aufrichtig zu verzeihen.

Auf eine weitere Frucht des Gebetes hoffe ich, nämlich auf die Fähigkeit, schweigen zu können. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass uns berechtigterweise Vertrauen geschenkt wird. In Brüderlichkeit und d.h. Gleichheit mit den Armen lebend ist es drittens wichtig, dass wir unseren Hunger nach Gerechtigkeit nicht verdrängen und uns nicht einrichten in unserer kleinen Welt. Ohne den Austausch unseres Glaubens und das persönliche Gebet verlieren wir bald unsere Hoffnung auf das Reich Gottes. Das Gebet ist ein vorrangiger Ort für jeden Einzelnen, die ihm geschenkte Identität als Heil zu erfahren, und von daher den Mut zu finden, immer wieder neu aufzubrechen. Die Begegnung mit dem Fremden und das Gebet erscheint mir als die zwei Seiten derselben Medaille, ja geradezu ein und dasselbe: in ihnen drückt sich jeweils die Gottes- und Nächstenliebe aus.

Anhang:

Auf der Ebene der Begegnung und des Gebetes lassen sich eine ganze Reihe von übernommenen Aufgaben reflektieren, zum Beispiel das persönliche missionarische Verhalten oder der priesterliche Dienst, die ja auf den in der prophetisch eschatologischen Tradition stehenden Jesus Christus in der Gemeinschaft der Gläubigen verweisen und ihn gegenwärtig setzen soll, oder der eigenen Verpflichtung, mit den Kameraden den Lebensunterhalt für unser Volk zu verdienen, usw. Eine solche Reflexion könnte sich als sehr fruchtbar erweisen, so sehr diese Fragen dann auf der nun folgenden Ebene von Gesellschaft und eigener Gemeinschaft nachmals aufgenommen werden müssten.

Anlage:

Die folgenden Notizen habe ich vor eine paar Monaten fest gehalten: „ Ich bin dabei mich in einem neuen Volk wieder zu finden und in ihm neu zu leben, einem verstreuten Volk, im Exil, ohne gemeinsame Hoffnung auf Rückkehr, zerteilt, missachtet, verfolgt, kaserniert, verschleppt, sich einrichtend vermischend mit der Stammbevölkerung, kulturell uneins, gegeneinander ausgespielt und doch ein Volk: Kinder, Leben, Tod, Krankheit, Tanz… ein Volk ohne politische Heimatrechte, proletarische Juden. Ich werde hier in Frankreich zu diesem Volk gezählt, habe darin Freunde gefunden. Ich liebe dieses Volk, mein Volk, mit seinen Farben, seinem andere beschämenden Einsatz für seine Familien in der Ferne, seinem Leben allem zum Trotz, sein Gezeichnetsein. Ich finde mich darin wieder: immigré; Darin nun ein wenig zuhause habe ich schon wieder Furcht, es zu verlassen und damit sein sooft verratenes Vertrauen in die Fremden auch zu verraten.

Zurück in Deutschland werde ich wieder alle politischen Rechte haben, die Sprache verstehen, mich ausdrücken können; steht damit meine neu entdeckte Identität auf dem Spiel? Werde ich von Christus in diesem von seinen Feinden zusammengetriebenen Volk der Nationen abständig oder gibt es eine Möglichkeit, ihm auch in diesem Volk treu zu bleiben?

In meine Identität immigrè geht meine Identität als Arbeiter und meine (internationale) Familienzugehörigkeit Jesuit mit ein – in dem Volk der Nationen sehe ich den Ansatz, Kirche in ihrer grenzüberschreitenden Hoffnung neu zu verstehen.“


Inwieweit seid ihr dem speziellen Auftrag des Ordens, nämlich dem

Kampf gegen den Atheismus, verpflichtet?

Der Jesuitenorden hat vor gut zwanzig Jahren den ausdrücklichen Auftrag vom Papst erhalten, sich mit dem Atheismus auseinander zu setzen. Dies geschieht auf verschiedensten Ebenen. In der Fabrik ist mir immer deutlicher geworden, wo die Wurzel für den modernen Atheismus zu suchen ist, oder besser: für die neue technokratische Religiosität. Dort wo die Einheit unter den Menschen grundsätzlich verneint wird, sie in Klassen leben und die Herrschaft sie immer zu zerteilen versucht, da ist die Basis für die christliche Hoffnung auf das wachsende Reich Gottes unter uns weitgehend zerstört, besonders noch dann, wenn die christliche Ideologie auf der Seite der Herrschenden zu stehen scheint. Wollen wir dem Atheismus begegnen, so müssen wir neu nach den menschlichen Voraussetzungen suchen, um für das Geschenk des Glaubens empfänglich zu werden.

Darin aber liegt immer das Anliegen der Mission. Sie sucht in der Kultur des Nächsten nach sprechenden Verhaltensbeispielen und Symbolen, von denen her sich der eigene Glaube neu aussagen lässt. Diesen missionarischen Weg – im Gegensatz zu dem auch wichtigen verteidigenden, apologetischen Bemühen in der Fundamentaltheologie – können wir gut mit dem Wort Inkulturation kennzeichnen. Inkulturation bedeutet die Verwurzelung in einem vielleicht bisher fremden Lebensbereich. Das Hineinwachsen in eine fremde Kultur ist eine langsame Assimilation von Lebensgewohnheiten, Sprache, Musik,… und kann berechtigterweise – gut marxistisch – unter den drei Perspektiven ökonomisch, politisch, ideologisch gesehen werden. Doch darf dabei nicht übersehen werden, dass die Inkulturation missglückt ist, wenn wir uns nur mit dem Kopf in die Lebensverhältnisse, die über sie gemachten Theorien und der sich aus ihr ableitbaren politischen Aktionen hineindenken und unsere Herzen nicht kräftige Wurzeln geschlagen haben.

Geschieht letzteres, so werden wir auch hinein genommen in eine Kollektivität, es wächst ein Wir und unsere einzelnen Talente werden gefragt sein. Dann hat der Kampf für die Gerechtigkeit und den Glauben einen wirklichen Ort bekommen.

Der Prozess der Inkulturation zielt also auf die Befähigung des einzelnen und der ganzen Gruppe ab, sich im Auftrag des Papstes einsetzen zu können. Es geht nicht um eine Therapie der Symptome, sondern um die Heilung der Wurzel des Unglaubens selbst. Und d.h. ein wenig genauer, um die Verstärkung aller menschlichen Hoffnung auf eine Überwindung der Feindschaft unter den Menschen, damit eine zwischenmenschliche Basis da ist, die weiterreichende Hoffnungen – wie sie uns im Leben Jesu begegnen – verständlich und lebbar machen zu können. In der Phase der Einwurzelung unserer Herzen in diese zerteilte Welt werden wir selbst sicherlich oft genug die Sprache verlieren, unseren Glauben auszudrücken. Im öffentlichen Bereich werden wir vielleicht geradezu zu Ungläubigen werden. Das scheint nicht verwunderlich, denn wir sind ja von derselben Situation wie unsere Kollegen und Nachbarn getroffen und oft genug ein Spielball jener, die uns ausbeuten. Und so sollten wir uns auf den Kampf mit der Unmenschlichkeit, der Wurzel des Unglaubens nur einlassen, wenn wir unsere Mittel geprüft haben, uns unserer Rückendeckung in der Kirche und im Orden hinreichend sicher sind.- Es liegt der Auftrag des Ordens zur Gründung einer kleinen Kommunität im Arbeitermilieu Berlins vor. Das ist ein wichtiges Zeichen. Dazu noch einige Bemerkungen

Was erhofft ihr euch von der begonnenen kleinen Jesuitengemeinschaft?

Die Kommunität in Berlin hat anfänglich schon begonnen, obwohl noch keiner von uns in Berlin ist. Mit den langen Vorbereitungen haben wir uns schon langsam in den sie begründenden Auftrag hinein gelebt. Sie soll der Ort sein, wo jeder von uns zur weiteren Inkulturation in das Milieu befähigt wird, weil er hier von seinen Erfahrungen berichten und mit den anderen nach neuen Wegen suchen kann. Die Gemeinschaft ist also der Ort, sich der nun mehr und mehr eigenen Kultur des Milieus zu stellen und den vielleicht oft bedrängten Glauben neu versuchen auszudrücken, d.h. die Hoffnung jedes einzelnen immer neu auszusprechen und vor allem ganz konkret zu leben. Durch diese Investition in das Leben der Gemeinschaft sollte nach und nach das Gleichnis von einer Art Gegengesellschaft entstehen, das unsere gemeinsame Hoffnung verständlich machen kann. Wenn die Eingliederung in die Kirche greifbar ist, so kann diese Gemeinschaft einmal selbst authentisches Zeichen der Kirche sein, in der wir unsere Kollegen und Nachbarn einladen und in der sie wirklich unseren Glauben in seiner ganzen Geschichte erfahren können. Ohne einen lebendigen Kontakt mit der Ortskirche und dem Orden ständig die Gemeinschaft in ständiger Gefahr, sich bei jeder inneren Krise die Frage nach der weiteren Existenz stellen zu müssen. Sie hätte es schwer, auch bei leichteren Wachstumskrisen die innere Gelassenheit zu bewahren und einen Schritt weiter zu gehen. (vergleiche auch die Geschichte der lernenden Jüngergemeinde mit Jesus, der tödliche Schlag gegen sie, d.h. die Hinrichtung Jesus, und ihr wachsendes Selbstverständnis – ohne die Eingliederung in die Freiheitsgeschichte Israels wäre sie bald eine Gruppe ohne Halt geworden und sie hätte keine Sprache für ihren Glauben gefunden. Ähnliches gilt für unsere Eingliederung in die Kirche).

Eine Menge einzelner Fragen, zum Beispiel die nach der Rolle des Oberen, könnte an dieser Stelle diskutiert werden. Das wird mündlich geschehen. Wichtig erscheint es mir an dieser Stelle aber nochmals das Ziel dieser Jesuitengemeinschaft aus meiner Sicht knapp heraus zu stellen:

Meine Hoffnung liegt darin, dass wir mit unseren Kollegen und Nachbarn mehr und mehr zu unserem gemeinsamen Vater beten können, so unterschiedlich wir auch sein mögen und dass wir auch als Gemeinschaft unter, ja zusammen mit ihnen Erfolg im Kampf für eine größere Gerechtigkeit haben. In der gegenseitigen Herausforderung unter uns können wir einen Weg mit all den anderen finden, weil dort, wo zwei oder drei im Namen Christi versammelt sind, er selbst unter uns ist, indem wir leben und sind, d.h. in dem wir letztlich unsere Identität entdecken dürfen. Hoffentlich wird die Kommunität oft zu einem Ort, an dem wir das Fest der Gegenwart – des Engagements, der Begegnung, der Anwesenheit Christi – feiern können. Bleiben wir deshalb dem Gebet um das Geschenk des Glaubens und der Gemeinschaft treu!

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