2001 Christian Herwartz, Die Größte, der Größte von uns

Ein gastliches Leben. Mensch werden – menschlich leben
Kein Mensch konnte sich aussuchen, wo und wann er oder sie geboren und aufgewachsen ist. Wir sind ungefragt in Situationen geraten, die uns sehr geprägt haben. Bin ich ohne oder mit Geschwistern aufgewachsen? Habe ich meine Eltern gekannt oder auch nicht? Wieviel Zeit hatten sie für mich; welche Interessen haben sie verfolgt? Bin ich als Ältester aufgewachsen, der sich für die jüngeren Geschwister mit verantwortlich fühlte, oder als Zweite, die sich gegen den dominierenden Älteren behaupten mußte, oder als Jüngster, der es mit schon erfahrenen und vielleicht großzügigeren Eltern zu tun hatte? In welche Generation bin ich hineingeboren; bin ich in ihr mit den anderen mitgezogen oder war ich mehr Außenseiter/in? In jeder dieser Situa-tionen habe ich mir spontane Verhaltensweisen zugelegt, die ich bis ins hohe Alter dann hoffentlich schmunzelnd wiederentdecken werde.

Einerseits freue ich mich darüber, wie gut ich mich mit mir allein beschäftige oder wie ich mich unter anderen durchsetze, andererseits ärgere ich mich auch oftgenug, lustlos durch die Gegend zu laufen oder im Streit mit anderen zu verlieren. Es ist gar nicht einfach, mir auf die Schliche zu kommen. Die eingeübten Verhaltensmuster werden ja in mir nicht nur durch äußere Reize und Erwartungen in Gang gesetzt, die mich befähigen reale und vermeintliche Gefahren abzuwehren, sondern ebenso bei aufkommenden Fragen in mir selbst. Alles, was so typisch für mich ist, brauche ich zur Lebensbewältigung; es kann aber auch zum Gefängnis werden, aus dem ich schlecht herausfinde.

Besonders dramatisch wird die Situation, wenn Menschen, die ich gerne habe, an meinem Verhalten leiden. Ich gehe ihnen auf den Wecker. Wenn sie mich dann trotzdem annehmen, bekomme ich eine Chance, mich mit ihren Augen zu sehen. Oft wehre ich mich gegen ihre Sicht; doch besonders sie zeigen mir die blinden Flecken in meiner Wahrnehmung. Es ist meist schmerzhaft, die ungeschminkte Realität zu sehen und sie nicht schnell wieder beiseite zu schieben. Ich fühle mich dann oft elend und blind, denn ich sehe ja auch den Schmerz der anderen über mein Verhalten.

Durch diese Krisen hindurch werde ich verändert und lerne hoffentlich, mich mehr anzunehmen. Dann versuche ich mich mit meinen Stärken so einzubringen, dass ich andere nicht erdrücke. Außerdem will ich meine Schwächen nicht so stark verbergen, dass mich andere nicht mehr als Lernender sehen können. Trotzdem wird es weiter Krisen geben, weil ich auf entsprechende Reizwörter oder Situationen direkt mit meinem typischen Verhalten antworte. Anderen geht es ähnlich. Sie werden durch meine Art und Weise vielleicht an ihre Mutter, ihren älteren Bruder oder an eine andere „Nervensäge“ erinnert und wollen sich gegen diese Bedrohung behaupten. Diesen Hintergründen auf die Schliche zu kommen, ist befreiend und dann Grund für ein schallendes Gelächter.

Der Wunsch nach Anerkennung zieht sich durch die verschiedenen Spielarten unseres eingeübten Verhaltens. Jeder Mensch will gehört werden, will etwas sagen und zu sagen haben. In einer dramatischen Situation, nämlich an dem letzten Abend Jesu mit seinen Jüngern, schildert Lukas folgende Begebenheit:

Das feierliche Essen, das Passamahl, war gerade beendet. „Da kam unter den Jüngern ein Streit darüber auf, wer von ihnen als der Größte zu gelten habe. Jesus sagte zu ihnen: Die Könige der Welt unterdrücken ihre Völker und die Tyrannen lassen sich `Wohltäter des Volkes´ nennen. Bei euch soll es anders sein! Der Größte unter euch muß wie der Geringste werden und der Führende wie einer, der dient.“ (22,24f)

Jesus kennt das Beiseiteschieben der Schwächeren und die Mechanismen der Unterdrückung und Ausgrenzung in der Gesellschaft. Er ist selbst Opfer davon. Jesus hat diese Ausgrenzung zugelassen, denn längst nicht alle menschenverachtende Handlungen können durch Gegengewalt zu begrenzt werden. In Kenntnis der tradierten und eingeübten Verhaltensweisen ermahnt Jesus die Jünger deshalb zur Umkehr dieser Traditionen im eigenen Kreis, damit von ihnen eine Gegenbeeinflussung ausgeht. Wir sollen bewahrendes aber auch reinigendes, ausbrennendes Salz in der Gesellschaft sein. Zu diesem Selbstvertrauen dürfen wir finden, wenn wir uns nicht nur auf unsere eigenen Kräfte verlassen, sondern auch auf die Hilfe von Freundinnen und Freunde, die sich um den Geist Lebens, den Geist Gottes bemühen.

Was sind meine typischen Verhaltensweisen des mangelnden oder übersteigerten und damit andere beiseiteschiebenden Selbstvertrauens? Wie können sich diese beiden Übertreibungen im Blick auf die Aufforderung Jesu umdrehen lassen? Wie will ich den Weg der Gegenbeeinflussung gehen, damit ich weniger Sklave meiner Macken bin?

Jesus, du bist als Jude unter römischer Fremdherrschaft aufgewachsen. Du hast dich prägen lassen von der Geschichte Gottes mit Deinem Volk. Auch ich bin froh über die Formung durch meine Kultur, meine Zeit, mein Geschlecht, meinen suchenden Glauben. Du lädst mich in der Beziehung mit dir und der Offenheit zu allen Menschen dazu ein, die familiären, gesellschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Grenzen zu überschreiten. So möchte ich die Beziehung zu dir und jedem Mensch, in dem du mir begegnen willst, mehr annehmen. Amen.

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