2011 Der Misereorkreuzweg

Kreuzweg zur Misereor-Fastenaktion 2011 – Druckfassung

Weg der Liebe Gottes unter uns

Den Auferstandenen Jesus unter uns sehen lernen

Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesem Kreuzweg möchte ich anregen, den Blick des Glaubens in unseren Städten einzuüben. Wir dürfen mitten in der Welt sehen und hören, wie Gott uns entgegen- kommt. Die Begegnungen in unserem kleinen, überschaubaren Lebensbereich ermutigen uns, ihn auch weltweit wahrzunehmen. Ja, wir dürfen das Leben mit den Menschen über alle Grenzen hinaus teilen. Dazu lädt uns MISEREOR mit der Fastenaktion 2011 auch in diesem Jahr wieder ein: „Menschenwürdig leben. Überall!“ Alle gehören wir ja zu der einen Familie in Christus.
– Jesus ist uns nahe. Wir dürfen ihn wie in einer Familie mit „Du“ ansprechen. Schon in den Psalmengebeten lernen wir: Gott schreckt nicht vor uns zurück, auch dann nicht, wenn wir schlecht drauf sind, ihn gar beschimpfen oder fragend beiseite stehen. In Jesus kommt Gott uns ganz nahe. Direkt neben, ja in uns dürfen wir ihn ent- decken. In gläubiger Verbundenheit fallen wir geradezu in ein „Selbstgespräch“ mit ihm, unserem Menschenbruder, und können uns geschwisterlich von ihm leiten lassen. In diesem Sinne wagt der Kreuzweg durchgängig das „Du“, spricht Christus direkt an, sucht seine Nähe und so auch die Nähe unserer Schwestern und Brüder, die irgendwo auf der Welt heute den Kreuzweg gehen.
– Tatsächlich lässt sich Gott häufig in den Lebensbereichen entdecken, mit denen wir uns nicht gern beschäftigen. Die Not in der nahen und ferneren Umgebung in unse- rem Herzen zu spüren, schmerzt kräftig. Darum gehen wir dieser Not eher aus dem
Weg. Wir verschließen unsere Augen – und bleiben im Tiefsten doch nicht unberührt von dem, was uns an Armut, Verzweiflung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und (verdeckter) Not in der Welt begegnet. Diese Sensibilität wollen wir im gemeinsamen Gehen des Kreuzwegs zum Leben kommen lassen.
– Im Kreuzweg gehen wir den Spuren der Not Gottes in unserer Welt nach. Heute. Wir sehen, wie Jesus ungerecht verurteilt wird, ähnlich etwa den Fischern, die
44 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot retten und dafür zu Unrecht verurteilt werden (vgl. Station 1). Ja, Jesus wurde nicht nur vor 2000 Jahren ausgegrenzt und getötet, sondern er wird auch heute noch Opfer menschlicher Hartherzigkeit. Er lebt als Auferstandener auch in den Opfern heutiger Ungerechtigkeit. So reiht sich eine Kreuzweg-Station an die andere. Damals wie heute.
– Die Bilder für den vorliegenden Kreuzweg weisen auf einige ausgewählte Situationen unseres Alltags hin: um die Ecke und weltweit. In einer geteilten Welt
des Nordens und des Südens können wir Jesus begleiten und sehen, wie er das Kreuz mit den Menschen trägt. Das geschieht erschreckend nahe: in unseren Straßen und in den Hinterhöfen unserer Häuser; in der Fußgängerzone und in den sozialen Einrichtungen, an denen wir täglich vorbeikommen; im Gefängnis oder an Gedenk- stätten, die uns an unsere gemeinsame Verantwortung für das Leben der Welt
erinnern.
Kreuz-Wegbegleitung mit Jesus ruft uns auch weit in die Welt hinaus: in die Armuts- viertel der Städte; auf die ungewissen Wege der Flüchtlinge; in die Familien der Armen, deren Kinder hungern; zu den Kranken, die an vermeidbaren Krankheiten leiden; zu den verlassenen Kindern und Jugendlichen, die sich auf unseren Straßen durchschlagen oder „einfach“ weggesperrt werden, weil sie so schlecht ins Bild eines
guten Lebens passen, das wir uns alle wünschen. Überall dorthin führt uns der Kreuzweg – für den andere vielleicht andere Motive ausgewählt hätten, die hier zum Teil in ganz einfachen, alltäglichen Bildern gezeigt werden, die jede/r von uns hätte
machen können. Und genau darum geht es:
– Der Kreuzweg will den gläubigen Blick auf unsere Welt unterstützen, so dass wir die Not Jesu unter uns entdecken. Wir können wegsehen. Doch wir können auch aus der Zuschauerrolle heraustreten und mit Jesus gehen. Dies ist nicht nur in besonderen Situationen möglich, sondern alltäglich. Jede/r von uns ist auf eigene Weise einge- laden, das Leid Jesu in sich und im Nächsten anzunehmen und mitzutragen.
– Seit einigen Jahren begleite ich in verschiedenen Städten Deutschlands Geistliche Übungen auf der Straße. Dort hat sich Jesus uns in Flüchtlingen, Drogenabhängigen,
Bettlern, Bauarbeitern, Prostituierten, Kindern und vielen andern Menschen gezeigt.
Wir pilgern und meditieren einzeln den Tag über auf den „Straßen“, tragen abends unsere Erfahrungen zusammen und fragen, wie Gott sich uns heute zeigen wollte. All diese Begegnungen mit der oft versteckten Armut entdecke ich auf dem Kreuzweg Jesu. Er ist die Straße zu allen Menschen und zum Ursprung des Lebens im Vater (Joh 14,6). Diese Erfahrung möchte ich im hier vorliegenden Kreuzweg weitergeben und öffnen: dass es möglich ist, Jesus in Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu begegnen, wenn ich im Gebet den Kontakt mit ihnen suche und mich ihrer Not stelle. Wenn sie mir nicht mehr egal sind, ich aus der Resignation, nichts tun zu können, aufwache, werde ich hungrig nach Gerechtigkeit und nach einer echten Begegnung mit den Menschen, die ich nun neu wahrnehme (www.con-spiration.de/exerzitien).
– Unser unterschiedliches Sehen und Hören ergänzt sich und kann im Mitgehen des Kreuzweges zu einem gemeinschaftlichen Wahrnehmen der weltweiten Wirklichkeit werden. Um einen Austausch darüber zu ermöglichen, habe ich für den MISEREOR-Kreuzweg 2011 einen Blog eingerichtet: https://nacktesohlen.wordpress.com
Dort hat jede/r Gelegenheit, Erfahrungen mit dem vorliegenden Kreuzweg, Unver- ständnis, Rückfragen, Anregungen und Hinweise (z.B. auf ergänzende Bilder aus dem eigenen nahen und fernen Alltag) festzuhalten und sich mit anderen darüber auszutauschen. Der Blog ist bereits ab November 2010 eingerichtet, da schon seine Entstehung zu ersten intensiven Gesprächen geführt hat.

Hinweise zur Nutzung des Kreuzweges
– Die Motive der einzelnen Kreuzweg-Stationen finden sich auf der DVD zur MISEREOR-Fastenaktion 2011 unter: Liturgische Bausteine/Kreuzweg.
– Die Motive, die aus der Nachbarschaft des Autors für einzelne Stationen ausgewählt wurden, könnten durch eigene Fotos aus dem Gemeindegebiet oder umliegenden Stadtvierteln ersetzt werden und dem Kreuzweggebet eine noch größere Nähe geben.
– Der „Weg“ von einer Kreuzweg-Station zur nächsten wird immer wieder von einfachen Taizé-Gesängen begleitet. Jede Gruppe sollte sehen, ob die vorgeschlage- nen Lieder „stimmen“ oder ob sich andere, vertrautere Lieder oder nur ein immer wiederkehrender Gesang besser eignen.

Grüß Gott!

Eingang zum Jüdischen Museum in München – mitten in der Fußgängerzone
Gott finden, den ich begrüßen kann.

L: Jesus Christus, wir begrüßen Dich
in unserer Mitte: Grüß Gott!
Als Auferstandener lebst Du unter uns.
Oft bemerken wir Dich nicht.
Doch durch Deine Frohe Botschaft, die Du selbst bist,
willst Du uns die Augen öffnen.
Jesus, in deiner Rede vom Weltgericht sagst Du uns (Mt 25,31-46), wie Du uns in jedem Durstigen, Hungrigen oder Nackten begegnest, dem wir das Notwendige
geben oder wie wir Dich besuchen, wenn wir zu einem kranken oder gefangenen Menschen gehen. Diese Beispiele lassen sich durch viele andere ergänzen. Denn in jedem Armen, Fremden oder für unmündig Erklärten können wir Dir begegnen.
Jesus, Du überschreitest unsere Grenzen, die wir ängstlich ziehen. Du hast mit denen zusammen gesessen, von denen man eigentlich Abstand zu halten hatte. Darum wurdest Du zum Tod verurteilt. Auch Frauen, die in der Gesellschaftsmitte oft nicht sichtbar waren, schenktest Du Achtung und ermahntest Deine Zuhörer, auf sie zu hören. Die abgelehnte Frau, die mit ihren Tränen Deine Füße wusch und Dich salbte,
stelltest Du als Lehrerin vor (Lk 7,44-47), mit der Frau am Jakobsbrunnen teiltest Du das Leben spendende Wasser (Joh 4,4-26), die klugen jungen Frauen nahmst Du in Schutz vor den geizigen, die das Geld für das notwendige Öl sparen wollten (Mt 25,-13).
Jesus, Du eröffnest uns die Verbindung zur befreienden Geschichte deines Volkes, das Gott aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt und sicher durch die Wüste geleitet hat: in ein Land voll Milch und Honig (Ex 3,8).
S T I L L E
L: Jesus, Du gehst unter uns den Weg der Liebe, der uns in die Offenheit zu all unseren Geschwistern ruft. Deine Liebe in uns öffnet unsere Verschlossenheit.
Sie befreit uns zum Sehen der Realität und zum Handeln aus Deiner Liebe heraus. Sie ist ja in uns verborgen. Wenn wir in Kontakt mit Dir kommen, dann wird jede Blindheit von uns abfallen. Öffne uns für die Begegnung mit Dir in jedem Menschen.
Jesus, wir spüren in uns viele Widerstände, Deinen Weg unter uns mitzugehen. Ängste stellen sich ein. Gern fliehen wir mit unseren Gedanken. Lange trainierten
wir eine innere Distanz zum Leben und konnten Dich unter uns nicht bemerken. Nimm endlich die Binde von unseren Augen und befreie uns von unserem Versteckspiel vor dem Leben.

Gemeinsames Lied: nach der Melodie von GL 113 wird folgender Text gesungen:

Von Gott will ich nicht lassen
1. Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir,
führt mich durch alle Gassen, da ich sonst eilte sehr.
Er sieht mich täglich an, in Armen und in Fremden,
mit ausgestreckten Händen, bis ich sie greifen kann.
2. Auf Gott will ich vertrauen, weil er so menschlich ist.
Er will auf Menschen bauen, die man sonst oft vergisst.
Für ihn sind Schiefe schön, die Ausgegrenzten wichtig,
Und die Verwirrten richtig, die Lahmen werden gehn.
3. Vor Gott habe ich nichts mehr, als meine bloße Hand,
nicht Geld, nicht Stolz, nicht Abwehr und auch nicht den Verstand.
Die Hand, die offen bleibt, wird Wunder miterleben
und Segen weitergeben,  und spür’n der Menschen Leid.
4. Gott hält dich in den Armen, wenn Dunkel dich umgibt,
dir gilt all sein Erbarmen, weil er dich so sehr liebt,
Er schenkt dir Wasser ein, er singt dir seine Lieder,
Erscheint dir immer wieder In Licht und Brot und Wein.
5. Von Gott will ich erzählen mit Herzen, Mund und Hand.
Sonst würde es ja Fehlen, was ich von ihm verstand.
Gott lebt!, das ist nun klar. Wie es Maria hörte,
wie Thomas es auch spürte, es ist noch heute wahr.
Text: Marita Lersner, Jugendpfarrerin Berlin-Neukölln, Juli 2007.

1. Station   Jesus wird zum Tode verurteilt

Afrikanisches Flüchtlingsboot im Mittelmeer.

V: Im August 2007 retteten sieben Fischer aus Tunesien auf ihren beiden Booten kurz vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa 44 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot und brachten sie bei bewegter See an Land. Dort angekommen wurden den Fischern von den italienischen Behörden die Boote abgenommen; inzwischen sind sie unbrauchbar geworden. Sie selbst wurden verhaftet und für ihr lebensrettendes
Tun vor Gericht gebracht. Über zwei Jahre saßen sie auf der Anklagebank. Sie wurden als Schlepper diffamiert. Dann wurden die beiden Kapitäne unter ihnen
von einem modernen Pilatus zu 30 Monaten Haft und 440.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Unter Beifall der Europäischen Union hat Italien mit dem Gerichtsurteil
deutlich gemacht: Hilfe für Flüchtlinge ist unerwünscht, ist politisch nicht gewollt.
Die Fischer aber hatten vom Standpunkt der Mit-Menschlichkeit aus das einzig Mögliche in ihrer Situation getan: Sie hatten nicht von der Not der Ertrinkenden
weggesehen.
Die EU-Behörde Frontex (Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen) dagegen drängt die oft unzureichend ausgestatteten Flüchtlings- boote nach Möglichkeit schon in internationalen Gewässern zur Umkehr – und nimmt damit in Kauf, dass jedes Jahr etwa 3.000 Menschen im Mittelmeer
ertrinken. Jeder innerlich freie Kapitän aber, der schiffbrüchige Flüchtlinge rettet, muss mit seiner Verurteilung rechnen.
S T I L L E
L: Jesus, Du wirst unter uns immer neu verurteilt, wenn Du Deinem Bruder und Deiner Schwester mehr Aufmerksamkeit widmest als den abschirmenden Gesetzen zum Schutz eines höheren Lebensstandards. Du forderst uns auf, die Reichtümer der Welt zu teilen und mit unseren Geschwistern in Frieden zu leben. Auch wir wünschen uns in fremden Ländern Schutz und Unversehrtheit. „Alles, was ihr also von andern erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12), hast Du uns gelehrt und vorgelebt.
Jesus, viele Gründe fallen uns ein, Unrecht zu rechtfertigen oder uns von den Hilferufen anderer abzuwenden. Mit den Opfern unserer Hartherzigkeit bist Du solidarisch und als Auferstandener wieder ein vom Unrecht Betroffener in unserer Mitte. Oft gibt es keine schnelle Abhilfe. Aber wir wollen auf Dich sehen und Unrecht nicht Recht nennen. Verstecken wir uns nicht hinter einer Mauer von Ängsten. Der Staatsanwalt, der von der Unschuld der tunesischen Fischer vor Lampedusa persönlich überzeugt war, sagte ihnen: „Ich mache nur meinen Job!“
Wir erinnern uns an Pilatus, der seine Hände in Unschuld zu waschen versuchte (vgl. Mt 27,24). Jesus, lass uns auf Deine Weisungen hören, die uns den Weg zur Befreiung aller Menschen weisen.
L lädt zum Weitergehen ein mit allen von Jesus selig Gepriesenen (Mt 5,3-11), die bis heute mit ihm vor Gericht stehen und zu Unrecht verurteilt werden.
Gemeinsamer Gesang: Misericordias Domini (Taizé 58)

2. Station  Jesus nimmt das Kreuz an

„Verborgener“ Eingang zu einem FKK-Club, irgendwo im Hinterhof unserer Wohngebiete.

V: Jesus Du trägst heute das Kreuz mit Menschen am Rande unserer Aufmerksam- keit. Wir schauen auf den versteckten Eingang zu einem FKK-Club. Wir können
auf dem Bild nicht sehen, was hinter den Mauern geschieht. Wer eintreten will, kann klingeln und mit seiner EC-Karte „anonym“ bezahlen. Die Reklame mit
einer liegenden, nackten Frau hängt dort – wie zufällig.
Jesus, Du bist in den abertausenden Frauen – und auch Kindern – anwesend, die in solchen Clubs, in Bordellen und in Privatwohnungen gegen ihren Willen zur sexuellen Befriedigung der Kunden festgehalten werden. Kommen sie aus den armen Ländern des Südens, müssen oft ganze Familien die Schulden der „Reisekosten“ für eine versprochene Arbeit im vermeintlich reichen Norden der Welt abarbeiten. Die
Missbrauchten selbst leben unter dem Druck, mindestens bis zur „Schuldenfreiheit“ aushalten zu müssen – und werden doch abgeschoben, sobald sie ihren „Arbeitgebern“ unerwünscht sind. Ganz still „entsorgen“ wir dann die Entwürdigten durch die Ausländerbehörde in ihre Heimatländer.
S T I L L E
L: Jesus, Du begegnest uns in den vielen verschleppten Menschen weltweit. Doch bewacht und abgeschirmt können wir uns Dir nur sehr schwer nähern. Gern würden wir Dir begegnen. Es gibt kleine Gruppen in unserem Land, die Fluchtwohnungen bereit halten und nach Wegen suchen, den Menschen beizustehen, wenn sie aus der Gewalt geflohen sind. Manchmal haben sie die Kraft, ihre Folterer anzuzeigen und
finden Gehör bei den Gerichten. Dann wird der Teufelskreis unterbrochen, in dem Menschen immer neu entwürdigt werden. Wir wollen auf die Gesichter dieser
Menschen unter uns achten lernen – und auf Dich in ihnen.
Jesus, es gibt noch viele andere Situationen, in denen Du in all den Menschen leidest, die irgendwo auf der Welt ohne legalen Aufenthaltsstatus leben. Besonders wenn sie krank, ohne Arbeit, alt oder für Kinder verantwortlich sind, werden sie leicht erpressbar. Du lebst mitten in ihrer Angst, entdeckt zu werden. Aber Du kennst auch die Menschen, die Dir in dieser Situation begegnen und Dir beistehen. Lass uns Dir nahe Deinen Kreuzweg mitgehen – wann und wo auch immer Du uns dazu einlädst.
L lädt Teilnehmenden ein, bis zur nächsten Station ein Gebet für die versteckt und verachtet unter uns lebenden Frauen, Männer und Kinder zu sprechen – laut
oder leise.

3. Station  Jesus fällt zum ersten Mal

Oft im Leben bleiben wir Zuschauer, die sich schwer zum Mit-Tun bewegen lassen.

V: Jesus, Du gehst mit uns Menschen auch durch unsere Krisen. In den letzten Monaten sehen wir Dich in einer solchen Zeit des Verlorenseins. Viele Kinder und Jugendliche erleben sie, wenn sie durch sexuelle Gewalt gedemütigt werden. Jede vierte Frau und jeder siebte Mann in unserem Land soll in jüngeren Lebensjahren
solch eine Erfahrung in der Familie, in einer Jugendgruppe, im Sportverein oder in einer kirchlichen Einrichtung erlitten haben. Sehen wir in die Gesichter dieser Menschen: der Opfer und der Täter. Irgendwo stehen jene, die von diesen Verbrechen wissen und schweigen oder die Taten vertuschen. Missstände sollten oder sollen nicht öffentlich, Amtsträger in ihrer Autorität nicht beschädigt werden. Auch Du, Jesus, wirst mit den Betroffenen in ein Schweigen gedrückt, das das „Ich“ nachhaltig beschädigt. Die Betroffenen können oft erst dann wieder in menschliche
Beziehungen zurückfinden, wenn ihnen geglaubt wird und sie ihre Geschichte ehrlich erzählen dürfen. Auch für die Täter beginnt der Heilungsweg dann, wenn sie ihr schuldhaftes Handeln einsehen und den Schmerz bei sich annehmen.
S T I L L E
L: Jesus, Du gehst mit uns durch die schmerzhaften Etappen unseres Lebens hindurch. Nach Deinem Tod bist Du sogar durch die Unterwelt gegangen, um alle
Menschen aus der Krise des Todes zu holen, damit sie das Leben finden können. Heute begleitest Du uns und lässt uns durch das Offenlegen unserer schmerzhaften
Geschichte zu Überlebenden werden. Du lässt uns aus dem Leid mit Dir auferstehen. Doch im Augenblick liegst Du mit uns Geschundenen am Boden – überall auf der Welt.
Jesus, oft sagen wir, dass wir nichts wissen vom Leid unserer Nächsten – nah oder fern. Wir hören nicht. Wir sehen nicht. Doch warum bemerken wir so wenig von
dem, was wir doch wissen können? Über die Armut der Menschen in Deutschland und in der Welt; über die Not der Kranken, die Einsamkeit der Alten, die Verzweiflung der Gefangenen, den Schmerz der Hungernden, das versteckte Leid unserer Kinder und aller sexuell Ausgebeuteten. Wie können wir heute sehend
und hörend werden? Dein Leiden zeigt sich in den Menschen in der nahen und fernen Welt, die uns umgibt. Wir wissen es doch, wenn wir uns dafür öffnen. Nimm uns mit auf den Weg zu Dir.
L lädt in den nun folgenden Stationen zur Begegnungen mit Maria, Simon und Veronika ein.
Gemeinsamer Gesang: Bonum est confidere (Taizé 35)

4. Station  Jesus begegnet seiner Mutter

Lomas de Carabayllo, ein Armenviertel am Stadtrand von Lima/Peru. Hierhin sind viele Menschen abgeschoben aus der Stadtmitte an den Rand. Hier bist Du, Jesus, zu Hause.

V: Jesus, auf Deinem Weg mit den Kreuz tragenden Menschen stößt Du auf Begleiter und Begleiterinnen, die hinhören und hinschauen. Sie fühlen in den Leidenden und Ausgestoßenen mit Dir, sie fühlen geradezu in ihrem eigenen Fleisch mit und harren etwa in einem Sterbehospiz oder in einem Armenviertel bei Dir aus und packen dort mit an.
Ähnlich wird damals Deine Mutter mit Dir gefühlt haben, als Ihr Euch am Kreuzweg begegnet seid. Menschen wie Maria, Deine Mutter, sind oft sehr still, sodass wir sie leicht übersehen. Doch die Begegnungen mit ihnen sind wie Oasen in den Wüsten des
Lebens. Bei ihnen zeigen sich Solidarität, Freundschaft, Liebe bis in ihre Fundamente. Sie tragen das Leben auch noch an den Todesorten mit.
S T I L L E
L: Jesus, es ist eine Freude, Dir in diesen mitfühlenden Menschen zu begegnen. In ihrer Nähe finden wir die Kraft, wieder aufzustehen und das Leben aus Deiner Hand neu anzunehmen. Sie sind wie Engel am Weg.
Manchmal entdecken wir an unseren eigenen Kreuzwegen unsere leiblichen Verwandten neu. Sie besuchen uns oft noch in schwierigen Situationen im Kranken- haus oder im Gefängnis, wenn sonst keiner mehr kommen mag oder wir keinen Fremden mehr ertragen können. Oder wir lernen Freunde, Kollegen, Nachbarn
plötzlich als Boten der Mitmenschlichkeit kennen, die zum Beispiel über MISEREOR Menschen in den Armenvierteln der Welt unterstützen und uns die Welt
mit neuen Augen sehen lassen.
Jesus, wenn wir die stillen Menschen in unserer näheren und weiteren Umgebung wahrnehmen und ihre Botschaft hören lernen, dann öffnet sich eine neue Dimension des Lebens. Die Mauern fallen, die zwischen der oft rauen Wirklichkeit des Lebens und uns selbst stehen. Mach Du uns bereit für die Begegnung mit dem Ursprung unseres Lebens. Du hast uns beigebracht, diesen Ursprung, diese Gerechtigkeit, diese
Liebe „Abba“, „Vater“, zu nennen. Durch Dich ist ER für uns erlebbar. Unser Dank dafür wird im Begreifen immer wortloser und verbindet uns mit den Stillen in
unserem Land und in der Welt.
L lädt zum Weitergehen ein im stillen Er-spüren des bis hierher Ungesagten.

5. Station
Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Treppenaufgang zum Drogennotdienst in Berlin-Tiergarten. Es könnte auch in unserer Stadt sein. Oder in jeder anderen Stadt der Welt.

V: Jesus, Du stehst oft an diesem Ort mit Menschen, die aus ihrer Sucht aussteigen, die ihr Kreuz ablegen wollen. Durch wie viele Ängste müssen sie gehen? Schnell noch eine Zigarettenlänge Zeit. Dann geht es die Treppe hinauf – hoffentlich in eine neue Etappe des Lebens hinein. Die einzige Hilfe ist ein schmerzhafter Entzug und ein sich anschließendes, lebenslanges Fasten. Es ist eine schmerzliche Wahrheit: Nie wieder das, was jetzt noch (fast) alles ist!
Jesus, Du hast die von den Soldaten erzwungene Hilfe durch Simon von Zyrene angenommen und Dein Kreuz auf seine Schultern gelegt. So stärkst Du auch uns, unsere Leben bedrohenden Abhängigkeiten abzulegen – und die nicht zu verurteilen, die in Abhängigkeiten leben. Mit einem offenen und ehrlichen Blick für die Abgründe des Lebens wollen wir versuchen, uns und auch fremden Menschen die nächsten
Schritte zu erleichtern.
S T I L L E
L: Jesus, wie oft musstest Du auf Deinem Weg der Liebe umkehren zum Leben? Unser Weg liegt nicht immer einsichtig vor uns. Doch wir werden eingeladen, wenn es sein muss, den Sprung „ins kalte Wasser“, in den neuen Lebensabschnitt zu wagen. Oft haben wir dieses Vertrauen in die Zukunft nicht. Dann lass uns die Hilfe anderer annehmen, damit wir nicht verzweifeln, so wie Du die Hilfe von Simon angenommen
hast und Deinen Weg fortsetzen konntest.
Jesus, Du kennst die Notwendigkeit für uns Menschen, angemessen Nähe und Distanz zum Leid anderer zu finden, wenn wir ihnen beistehen und helfen wollen. Du hast uns beigebracht, dass wir Kinder Gottes sind und dass uns das Leid anderer so betrifft, wie es auch Dich betroffen hat. Wir alle sind Geschwister. Stehe uns bei, dass wir zu der Leben spendenden Nähe finden, die wir als Menschheitsfamilien brauchen, damit alle unsere Glieder in Würde leben können – überall auf der Welt.
L spricht die Einladung zum Weitergehen aus neben einem/einer mir beistehenden Nächsten, dem/der ich heute meine Hilfe anbiete.

6. Station Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Lachendes Mädchen in den Armenvierteln von Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas.

V: Jesus, Du gehst oft an uns vorbei in Menschen, die uns fremd sind. Sie sind so ganz anders als unsere Freunde und Freundinnen. Sie benehmen sich anders, sind anders gekleidet, sprechen nicht unsere Sprache. Wie können wir einander begegnen, besonders wenn wir die Not des anderen sehen? Sie begegnet uns an vielen Orten in der Welt. Täglich.
An Deinem Kreuzweg stand Veronika und sah Deine Not. „Machtlos“ wie alle anderen am Wegesrand wurde sie doch erfinderisch. Sie gab Dir ein Schweißtuch, damit Du Dir wenigstens das Gesicht abtrocknen konntest. Veronika hat in dem Tuch das Bild Deines Gesichtes als Dank von Dir bekommen. Ihr habt Euch angesehen und die schweißtreibende Angst war einen Moment unterbrochen.
In Kambodscha, einem der Länder, die im Mittelpunkt der MISEREOR-Fastenaktion 2011 stehen, hebt das Lächeln eines Mädchens in den Armenvierteln der Hauptstadt Phnom Penh plötzlich die Anonymität der großen Zahlen von Armut und Elend der Menschen auf. Ihr Lächeln bringt uns neu in Beziehung zu den Menschen der Welt: unseren Schwestern und Brüdern. Das Lächeln des Mädchens wird zum Zeichen
der Freude mitten im Leid – und lässt auch unser Herz wieder lächeln. Wir müssen nicht länger zurückschrecken.
S T I L L E
L: Jesus, wir sehen Dich in der Not unserer Nächsten. Häufig wenden wir uns davon ab, weil wir uns hilflos fühlen. Doch wenn wir einander anschauen, dann gibt es manchmal die Chance, dass wir uns zu einem kranken oder bettelnden Menschen setzen – und bleiben können. Auge in Auge beginnen wir wieder einander zu sehen, ahnen Dich im anderen Leid und werden erfinderisch im Blickkontakt zu bleiben, der
das Leben ein wenig erleichtert, ihm ein Lächeln schenkt.
Das Aufschauen aus dem Erdrückenden ermöglichen kleine Anlässe. Ein Blumen- kasten vorm Fenster der Nachbarn kann Anlass zur Freude sein, das Grüßen eines Nachbarn in der Bahn, das Singen eines Vogels, das Lachen eines Kindes. Nehmen wir es wahr und reagieren wir spontan darauf? Dann können wir oft überraschend das zarte Herz unseres Nächsten spüren. Der Reichtum einer ungeplanten Begegnung liegt vor uns. Hier und überall auf der Welt.
L spricht die Einladung zum Weitergehen aus in der Ermutigung zur Offenheit für überraschende Begegnungen.

7. Station  Jesus fällt zum zweiten Mal

Satellitenschüsseln für den Fernsehempfang an fast jeder Wohnung einer Hochhaussiedlung – nebenan oder irgendwo auf der Welt.

V: Jesus, Du bist auf Deinem Weg Deiner Mutter, Simon, Veronika und vielen Menschen begegnet, die Dir Zuwendung geschenkt haben. Doch auch sie konnten Dich nicht vor einem weiteren Zusammenbruch schützen. Wir finden Dich erneut bei jenen, die den Kontakt zu dem Weg, den sie gehen, zu ihrem Leben verloren haben. In dieser Einsamkeit liegst Du mit ihnen am Boden.
Die vielen Satellitenschüsseln zeigen den Hunger nach Begegnung in jeder Wohnung. Alle wollen am Leben teilhaben. Doch viele bleiben nur Publikum in den begrenzten Möglichkeiten, die ihnen gegeben sind. Sie gehen nur mit den Erfahrungen und Gefühlen anderer mit, ereifern sich für nur Erahntes, ewig Unerreichbares.  Notwen- digen Veränderungen im Lebensgefüge der Welt scheitern am mangelnden Teilen
der bestehenden Reichtümer. Die Lebensgüter in der Hand weniger zu sehen, macht mutlos. Jesus, mit Dir liegen wir am Boden. Doch für Dich sind wir nicht nur Objekte, Konsumenten, Einschaltquote, sondern Geschwister. Und Du stehst mit uns wieder auf.
S T I L L E
L: Jesus, das Leben geht weiter mit all seinen Sorgen und Freuden. Da übersehen wir leicht unsere Mitmenschen, die fallen und liegen bleiben. Wir sind in Eile und müssen zahlreiche Termine einhalten, zu denen die Menschen am Boden nicht gehören. Wir machen einen Bogen um Behinderte, Gefangene, Kranke, Fremde. So bleibst auch Du eine Nachricht unter vielen, eine Zahl in der Statistik.
Jesus, überfordere uns nicht, mit Dir in den Alltag der Welt einzutreten und mit Dir zu kämpfen für eine gerechtere Welt. Wir wollen oft Zuschauer, Wissende, sich Aufregende bleiben, Abstand halten, nicht mit hineingezogen werden, unsere Pläne nicht stören lassen. Da ist es unbequem zu wissen, dass Du mit vielen Menschen am Boden liegst. „Steh auf und lass uns in Ruhe!“, würden wir Dir am liebsten sagen. Da
ist es gut, dass Du uns störst in unserer Geschäftigkeit. Ermutige uns zum Kontakt mit unseren Mitmenschen, zum Kontakt mit Dir.
L lädt zum Weitergehen ein mit all unseren Schmerzen und Verletzungen.
Gemeinsamer Gesang: Bei Gott bin ich geborgen (Taizé 32)

8. Station  Jesus begegnet den weinenden Frauen

Straßenjunge in New-Delhi/Indien.
V: Jesus, Du bist ein Prophet und konfrontierst uns mit der beiseite geschobenen Wahrheit: „Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder!“ (Lk 23,28), sagst Du. Wir sollen hinsehen in die kleine und große Welt, die uns umgibt. Darin werden weltweit auch die Kinder in die immer größer werdende Kluft von Arm und Reich hineingerissen – auch in unserem Land. Straßenkinder sind überall auf der
Welt das sichtbarste Zeichen dafür. Welche Mitverantwortung hinsichtlich ihrer fehlenden Lebenschancen tragen wir? Viele von ihnen werden früh sterben: an
vermeidbaren Krankheiten, an den Folgen von Drogenkonsum, durch Gewaltver-brechen, im Gefängnis. Sehen wir die Not, in deren Mitte Du anwesend bist?
Jesus, Du lehrst uns, Nein zu sagen zu allem, was Menschen Leben nimmt. Ohne dieses Nein finden auch wir nicht zum Leben. Wir wollen die traurigen Wahrheiten des Lebens nicht länger beiseite schieben. In dem dreimaligen Nein, das Du dem Teufel in der Wüste entgegenbringst (Mt 4,1-11), spiegelt sich Deine Entschiedenheit wieder, für die Würde jedes Menschen einzustehen. So können auch wir uns in Deiner Nähe immer neu den beiseite geschobenen Wahrheiten stellen.
S T I L L E
L: Jesus wenn wir Dich in den kämpfenden landlosen Bauern, in den Müttern gegen den Krieg, in den Umweltschützern entdecken, dann stoßen wir auf eine heraus-fordernde Entschiedenheit, die jeweils langsam gewachsen ist. Oft schrecken wir vor der Härte der Konflikte zurück, weil wir eher eine diplomatische Rolle einnehmen wollen. Doch wir verraten Deinen Weg des Friedens, Jesus, wenn wir Unbeteiligte
bleiben wollen und nur für alles einen Rat haben, ohne uns zu engagieren. Wir rutschen oft unbemerkt in den Strudel der Ausgrenzung unseres Nächsten und lassen damit auch Dich vor der Tür. Doch Du lebst mit Deiner entschiedenen Klarheit in uns. Hören wir auf Dich oder haben wir Angst vor dieser Klarheit? Du lehrst uns, dass die Wahrheit (Joh 8,32) uns frei macht. Von der Liebe getragen kann sie ihre Heilungskraft entfalten.
L lädt zum mutigen und bescheidenen Weitergehen ein – und dazu, uns nicht an aufkommende Ängste rechtfertigend zu klammern.
Gemeinsamer Gesang: Misericordias Domini (Taizé 58)

9. Station  Jesus fällt zum dritten Mal

Ein „grauer“, leerer Hinterhof im Irgendwo unserer Städte – auch in unserer Stadt.
V: Jesus, wie oft fällst Du mit uns und verzeihst uns unsere Schuld. Nicht sieben Mal, sondern sieben mal siebzig Mal sollen wir dazu bereit sein (Mt 18,22). Jetzt, nach den schmerzlichen Erfahrungen des Unbeteiligt-Seins und des Nichtwissen-Wollens in der ersten Krise auf diesem Weg und der Verlassenheit in der zweiten, gehst Du mit uns nun durch eine bodenlose Leere: der dritte Fall. Auch Menschen unter uns kennen diesen Schmerz. Es ist ein Schmerz, den wir schnell mit den verschiedensten Drogen betäuben. Auf dem gepflasterten, sauber gefegten Hinterhof unseres Lebens finden wir hier die Reklame für Sex und Alkohol. Öde und leer liegst auch Du darin am Boden. Aber Du stehst wieder auf und gehst wie ein Schaf mitten unter die Wölfe. So beschreibst Du die Welt, als Du die Jünger aussendest (Lk 10,3). Ist diese
Erfahrung der Leere eine Etappe auf dem Weg des Glaubens, in dem wir Dir ähnlicher werden dürfen? Ja, Du schenkst uns Hoffnungen, die wir nicht für möglich
hielten. Du bist bei uns, selbst wenn uns andere dafür verspotten.
S T I L L E
L: Jesus, wir wollen oft den Schein wahren, dass alles in Ordnung ist und gut funktioniert. Überall ist aufgeräumt, die Fenster sind geputzt, der Hof ist sauber
gefegt. Aber die Rollläden sind fast ganz herunter gelassen. Vor Dir müssen wir unsere Not und Verzweiflung nicht verstecken. Du zeigst uns, wie sie zu dem in uns wachsenden Leben dazu gehören. Durch diese Geburtsschmerzen hindurch zeigt sich neues Lebens. Steh uns bei!
Weltweit, in allen Kulturen und Religionen berühren wir Menschen uns auch in dieser Erfahrung der Leere als Geschwister. Manchmal können wir sogar zusammenstehen
und gemeinsam Gott anrufen, ohne zu allen Themen eine gemeinsame Sprache zu haben. Wenn all unser Imponiergehabe von uns abfällt, dann stehen wir alle nackt vor Dir, wie immer Dich jede oder jeder Einzelne von uns auch nennen mag. Wir liegen mit Dir am Boden mit allen, die auf dem Weg zum Leben sind und suchen den Frieden mit Dir und unter uns.
L lädt zum Aufstehen und Weitergehen in diesen gemeinsamen Friedens- und Gerechtigkeitswunsch aller Menschen ein.
Gemeinsamer Gesang: Bonum est confidere (Taizé 35)

10. Station  Jesus wird seiner Kleider beraubt

Abgestellte Plastiktüten unter einer Brücke – in München oder an jedem anderen Ort der Welt.
V: Jesus, Du bist der Weg zur Wahrheit und die Straße zum Leben (Joh 14,6). Du kennst das Leben unterwegs. Wir finden Dich auf unseren Straßen, wo Du nach einem Schlafplatz suchst. Könnte es hier sein? Einige Obdachlose haben ihr Hab und Gut unter einer Brücke abgestellt und werden am Abend wieder hierher zurück-kommen. Bist Du dort etwas von den abschätzenden Blicken anderer geschützt? Wird dort kein Spott mit Dir getrieben? Wirst du dort Deine Schuhe, Deine Plastiktüte am Morgen wiederfinden? Wenigstens für einige Zeit scheint es einen sicheren Platz für Dich zu geben.
Wir finden Dich in unserer Mitte Deiner Kleider beraubt und den Blicken der Menschen ausgeliefert. Auch unsere Herzen sind oft verstockt: Wir sehen Deine Not und gehen doch weiter. Welch ein Kontrast zu Deinem Verhalten! Du lässt Dich eher in die eigene Würdelosigkeit abdrängen als die Hochachtung denen gegenüber aufzukündigen, die ohne Kleider, obdachlos, nackt sind.
S T I L L E
L: Jesus, Du hast Deinen Jüngern gesagt: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“
(Mt 8,20). Du kennst die Situation von heimatlosen Menschen in unserer Mitte und weit weg. Du bist einer davon. Auch Dir wird gesagt: „Selbst Schuld! Du hättest vorsorgen, Dich besser absichern müssen.“ Ja, Du bist auch solidarisch mit Menschen, die schuldig an ihrem eigenen Leben geworden sind. Bei Dir haben sie ihre Würde nicht verloren. Denn bei Dir hängt die Würde eines Menschen nicht ab von
einem Mehr oder Weniger an materiellen Gütern, auch nicht von gesellschaftlicher Anerkennung.
Jesus, wir sind nicht sicher, ob wir Dich auch dort treffen wollen, wo Du auf nicht auf einem Sockel stehst. Tatsächlich finden wir Dich ganz auf dem Boden der Realität. Wenn wir uns unserer eigenen Nacktheit vor Dir nicht schämen, dann kannst Du uns in Deine Nähe rufen – und in die Nähe aller Menschen.
L regt zum Weitergehen an im Austausch über unsere eigenen Erfahrungen von Nacktheit. Im stillen Gebet können wir heimatlosen Menschen vor Gott begegnen.

11. Station   Jesus wird ans Kreuz genagelt

Jugendliche in einem Gefängnis in Lateinamerika – weggesperrt, weil unerwünscht.
V: Jesus, Dir wird nicht nur aller Besitz genommen, hinter dem wir uns gern verstecken. Dir wird durch und durch misstraut. Und bis heute wirst Du immer
neu an eines der vielen Mordinstrumente gefesselt. Du bist bei den Menschen, die von anderen als Sicherheitsrisiko angesehen werden. Über Dich haben Menschen gesagt: Besser es stirbt einer, als das ganze Volk (Joh 18,14). Dein Schlüsselwort heißt „Vertrauen“. Unseres heißt oft „Sicherheit“.
Sicherheitsgedanken fesseln uns. Kontrolle und Gewalt sind weltweit ihre Früchte. In unseren Städten stehen inzwischen überall Überwachungskameras. Wir alle sind potentiell Verdächtige. Doch Gewalt führt nicht zur Sicherheit, hören wir von Dir, Jesus. „Versöhnt euch auf dem Weg zum Gericht“ (Lk 12,58), sagst Du. Gefängnisse sind Teil einer uns fesselnden Sicherheitsspirale. Vielerorts auf der Welt werden sogar Straßenkinder „einfach“ weggesperrt, weil sie das Bild der Innenstädte stören und die Wohlhabenden in ihrem Sicherheitsbedürfnis aufschrecken. Gern würden wir dem entkommen. Jesus, lass uns die Ritzen in den voneinander abgrenzenden Mauern unserer Weltgesellschaft finden.
S T I L L E
L: Jesus, wir versuchen uns immer wieder mit Mauern voreinander zu schützen. Du gehst durch die Mauern und die verschlossenen Türen (Joh 20,19) und ermutigst
auch uns, durch die Mauern zu gehen, um Gefangene, um Kranke, zu besuchen (Mt 25,36) und ihnen Entlassung zu verkünden (Lk 4,18). So sagst Du es in Deiner ersten Predigt in Nazaret. Und so lebst Du es bis heute unter uns.
Jesus, das Leben ohne Berührungsangst ist Dein Markenzeichen. In der Begegnung mit Dir fallen innere und äußere Mauern. Du schenkst eine Freiheit, die wir mit all unseren Gesetzen niemandem geben könnten. Sie ist eine andere Sicherheit als jene, die mit gesellschaftlichem Ausschluss oder mit immer neuen Waffen erzwungen wird. Deine Liebe entzieht jeder Berührungsangst den Boden.
L ermutigt zum Weitergehen trotz des drohenden Todes vor Augen.
Gemeinsamer Gesang: Bei Gott bin ich geborgen (Taizé 32)

12. Station  Jesus stirbt am Kreuz


Durch das Stacheldrahtkreuz des Konzentrationslagers Dachau sehen wir auf die orthodoxe Gedächtniskirche mit dem hohen Standkreuz.

V: Jesus, hinter dem Stacheldraht vom KZ Dachau steht neben der orthodoxen Gedächtniskapelle eine Erinnerung an Deinen Tod am Kreuz vor 2000 Jahren. Die Geschichte der Gewalt und Vernichtung setzt sich immer weiter fort. Über fünfzig Kriege werden weltweit zurzeit geführt. Sie fördern auch Deutschlands Wohlstand: als einer der größeren Waffenexporteure in der Welt. Doch die Kriegsbilder sind
uns unerträglich. Wir sehen lieber weg und loben andere Qualitäten: unsere gute „deutsche Wertarbeit“ zum Beispiel und das hohe Lohnniveau in vielen Branchen. Oder verarbeiten die Gewalt in Spielen oder Filmen, als wenn sie nicht wirklich sei.
Doch Dein Tod unter uns, Jesus, ist kein Happening, Dein Leidensweg kein Event. Wir sind keine Zuschauer, sondern Teil des Weltgeschehens. Todbringende Zusammenhänge zeigen sich nicht erst und nicht nur bei großen Katastrophen,
die weit weg irgendwo auf der Welt geschehen. Wir waren und wir sind Beteiligte am
Tod von Menschen, am Tod ganzer Völker.
STILLE
L: Jesus, Du hast aus Liebe zu uns Menschen alle Privilegien weggelegt und Dich ganz auf unser menschliches Dasein eingelassen. Ohne Vorbehalt (Phil 2,6f). Bei Dir gibt es keine Distanz. Auch und erst recht zu den Notleidenden nicht. Du bist zum Opfer der Gewalt geworden. Keine Hintertür hast Du Dir offen gelassen, von allen Podesten bist Du hinabgestiegen und alles ehrerbietige Reden ist verstummt.
Jesus, all unsere Klugheit hast Du uns mit der Torheit des Kreuzes aus der Hand genommen. Unsere faulen Kompromisse, in denen wir etwas von unseren Reichtümern und Privilegien retten wollten, sind entlarvt. Deine Mutter Maria und
Johannes, einer Deiner Jünger, sind den Weg bis zum Kreuz mit Dir gegangen – und bleiben auch jetzt noch bei Dir. Da vertrautest Du Deine Mutter Johannes an, dem Jünger, den Du besonders liebtest (Joh19,26f).
Jesus, lass uns Menschen in Liebe zueinander finden: als neue Familie. Begleite uns jetzt an ein Krankenbett, zu einem Bettler auf die Straße, zu einem vielleicht schuldig gewordenen Menschen im Gefängnis. Begleite uns in unserer Solidarität auch zu den Menschen auf den Südkontinenten, die millionenfach den Tod der Armut
sterben. Wir wollen von dort aus die Welt mit Deinen Augen sehen. Hilf uns heraus aus unserer Gefangenschaft, damit wir nicht länger in unserem distanzierten „Weiter-so“ vom Leben ausgeschlossen bleiben.
L lädt bis zum Weitergehen zum stillen Verweilen mit Maria und Johannes in der Mitte des Schmerzes, der die gesamte Menschheitsgeschichte durchzieht.

13. Station
Jesus wird in den Schoß seiner Mutter gelegt

Ein vom Tod bedrohtes Kind im Schoß seiner Mutter im ländlichen Indien.

L: Im Angesicht der Toten bleiben wir oft als Traumatisierte zurück. Der Schrecken Deines unnötigen Todes unter uns wird lebendig, wenn wir vom Tod durch Hunger,
Krieg, Vertreibung, vermeidbare Krankheit, Ausbeutung oder Folter hören. Den Älteren unter uns, die nahe stehende Menschen in einer Bombennacht verloren
haben, oder den Menschen, die vor einem Bürgerkrieg zu uns geflüchtet sind, kommt der Tod immer neu in Albträumen gespenstisch nahe. Traumata brechen in ihnen auf. Grausam ist die Verzweiflung, wenn die Angst vor einer Abschiebung neue, ganz konkrete Todesängste weckt. Jesus, wir möchten Dir in den Menschen voller Angst nahe sein. Doch wie leicht zerbrechlich ist unser Leben. Wenn wir Dich in unseren ausgegrenzten Schwestern und Brüdern schützen wollen, kommen wir schnell mit dem Gesetz in Konflikt.
Jesus, die meisten Deiner Freunde sind angesichts Deines Leides weggelaufen. Sie ertrugen diese Realität der Verlassenheit nicht. Nur wenige trauten sich zu bleiben, auch Deine Mutter. Sie ist Dir in diesem Verhalten ganz nahe, zu dem auch wir uns ermutigen lassen wollen. Getragen von Deiner Barmherzigkeit führt es uns zum Leben und in die Gemeinschaft der Menschen zurück.
L lädt zum Weitergehen ein im offenen Fürbittgebet für alle Menschen, die Opfer eines ungerechten, vermeidbaren Todes geworden sind. Die einzelnen Bitten werden mit Gesang begleitet:
Gemeinsamer Gesang: Oculi nostri (Taizé 11)

14. Station  Jesus wird ins Grab gelegt


Weit außerhalb unseres Alltags liegen in der Regel unsere Felder der Toten.
V: Jesus, wir erleben in unserer Gesellschaft ganz unterschiedliche Weisen der Bestattung unserer Toten. Bei den einen wird an die Gestorbenen mit großer
Hochachtung gedacht. Bei der Beerdigung anderer begleitet niemand den Toten. Es sind arme Menschen, die keine Reichtümer zurücklassen, mit denen eine Beerdigung bezahlt werden kann. Ihr Leichnam wird verbrannt, in unseren Städten anonym verscharrt und dem Vergessen überlassen. Blumen sind nicht vorgesehen.
Bei Dir, Jesus, ist kein Mensch vergessen. Du bist den beiseite Geschobenen nachgegangen. Du hast mit ihnen gegessen und sie geachtet. Deshalb wurdest
Du umgebracht. Diese Aufmerksamkeit Gottes sollte nicht Schule machen. Die Gleichheit aller Menschen vor Dir scheint für manche Menschen oder ganze Regime eine gefährliche Realität zu sein. Ihr Selbstverständnis und ihre Macht gründen sich in der Ungleichheit von Menschen. In diesem Sog leben wir alle. Mit vielerlei Vorurteilen, Rechtfertigungen, Denkverboten und Ideologien haben wir uns einen scheinbar schuldfreien Raum geschaffen. Dich und Dein befreiendes Handeln müssen wir erst noch neu entdecken.
S T I L L E
L: Jesus, immer neue Mauern werden zwischen den Lebenden und den Toten in der Welt gebaut. Unterschiede werden selbst jetzt noch herausgestellt. Du aber hast zur unbedingten Solidarität mit all unseren Geschwistern weltweit aufgerufen. „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein“ (Mt 20,26-27), hast Du gesagt. Am Ort der Toten werden wir auf diese Wahrheit in besonderer Weise hingewiesen.
Jesus, Dein Weg der Menschwerdung führte Dich bis in die Gleichheit mit uns. Du bist Mensch wie wir, ohne Vorbehalt, um uns den Willen des Vaters zu verdeutlichen, der uns als seine Töchter und Söhne angenommen hat. In der Sprache des Glaubens-bekenntnisses bist Du hinabgestiegen bis in die Unterwelt. Auch die von uns Vergessenen, die schon lange Verstorbenen lädst Du zum Leben ein. Alle sollen an der göttlichen Befreiung Anteil bekommen – auch die Armen, deren Leben oft schon von vielerlei Tod umfangen ist. Auch wir möchten uns jetzt umschauen nach den Menschen, die vergessen sind, und sie in unsere Mitte einladen.
L lädt ein, uns unterwegs zur nächsten Station darüber auszutauschen, wie wir den Vergessenen nah und fern neu begegnen können.

15. Station   Auferstanden von den Toten

Ein Rollstuhlfahrer kommt uns mit ansteckendem Lachen entgegen.
V: Jesus, brannte nicht unser Herz, als wir Dir im Fremden begegneten, als wir in Deine leuchtenden, ein andermal in Deine traurigen Augen sahen und Deine
zärtliche Berührung entgegen nahmen?
Den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus brannte das Herz, als Du mit ihnen redetest und ihnen als Fremder das Brot brachst (Lk 24,32). Auch wir bemerken Dich mit Deinen Wunden unter uns und erkennen Dich trotzdem oft nicht. Du sitzt in Deinem Rollstuhl und wir sehen über Dich hinweg wie über ein Kind oder einen Bettler, der am Boden sitzt. Wie oft haben wir Dich übersehen?
Doch endlich sind unsere Augen nicht mehr gehalten und wir spüren die Kraft des Friedens, der Liebe und der Gerechtigkeit, die von Dir ausgeht. Jetzt sehen wir
die Chance, Dir in unseren nahen und fernen Nächsten zu begegnen, die uns den Weg zum Leben unter Deinem Himmel eröffnen.
Gemeinsamer Gesang:
Halleluja (Troubadour 1079, Unterwegs 167, Himmelsklang 219)
L: Jesus, Du lädst uns ein, über unsere Dummheiten zu lachen, und unser Gefangensein in Strukturen, die unser aller Leben lähmen, sehen zu lernen. Wir wollen Dich anschauen und Dich nicht nur in dem sehen, was Dein Leben einschränkt, und nicht beim Mitleid über Deinen kleinen Aktionsradius stehen bleiben, sondern
die Fülle der Begegnung spüren – über die Rollstühle des Lebens hinaus.
Manche sehen Dich mit Deinem Rollstuhl nur als Verkehrshindernis. Andere würden Dir am liebsten Deine leere Wasserflasche füllen, trauen sich aber nicht in Kontakt mit Dir. Du weißt um unsere vielen hilflosen Kontaktversuche. Darum schenkst Du uns immer neu die Freude Deiner Gegenwart.
Gemeinsamer Gesang: Halleluja (s.o.)
Jesus, von den Wunden unserer Hartherzigkeit gezeichnet kommst Du uns entgegen. Auferstanden vom Tod bringst Du uns die Einladung zum Fest des Lebens und Friedens mit Dir und mit allen Menschen. Du lenkst uns nicht mit Konsumgütern ab, sondern wir dürfen eintreten in die alles durchdringende Freude an der Liebe zu Dir – in welchem Menschen auch immer Du uns morgen entgegenkommst.
Zum Abschluss gemeinsamer Gesang des Liedes von Gott, den wir nicht lassen wollen (Angaben siehe Seite 60/61 in diesem Heft).
Anregung
Dieser Kreuzweg ist ein Angebot, einige Schritte mit Jesus auf seinem Weg der Liebe unter uns zu gehen. Für die Mitgehenden mag es gut sein, zu einer späteren Zeit gemeinsam auf jene Bilder und/oder Texte zurückzukommen, die ein Nachfragen-Wollen wachgerufen haben. Wenn es in kleinerer oder größerer Runde möglich ist, über die eigenen inneren Bewegungen zu sprechen und vielleicht ins spontane
Gebet zu kommen, dann wird ein neuer schritt ins Leben miteinander möglich. Das kann in verborgenen Bereichen der eigenen Person geschehen, in der Jugendgruppe, in der Familie, im Pfarrgemeinderat, unter Freunden – wo auch immer Gott auf uns wartet.

Hier liegt die Druckausgabe des Misereor-Kreuzweges als Datei