2011 Sandra Lassak Volk Gottes-Theologie in Der doppelte Bruch

Das Institut für Theologie und Politik in Münster hat 2011 ein beindruckende Werkbuch herausgeberacht: Das umkämpfte Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Hier hat Sandra Lassak einen Artikel geschrieben (Seite36 bis 41), in dem sie an das Wirken des Hl. Geistes erinnert und darauf auch in unserer heutigen Situation hofft.

Volk Gottes-Theologie

Das Zweite Vatikanische Konzil hat ein neues Selbstverständnis von Kirche erarbeitet und versucht durch eine Neuverortung der Kirche in der Welt einen Paradigmen-wechsel einzuleiten. Die sogenannten Nachbarn, die Welt und die Menschen außerhalb der traditionellen Pfarreien, rücken ins Zentrum der Pastoral, wie es die Pastoralkonstitution Gaudium et spes gleich zu Beginn deutlich macht:
Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung der Jünger (und Jüngerinnen) Christi. (GS 1)
Es geht also um eine „existenzielle Solidarität der Menschen in der Kirche mit den Menschen in der Welt“1.
Darüber hinaus führt das Dokument einen Begriff ein, der für das Verständnis dieser Verhältnisbestimmung von Bedeutung und bis heute wohl einer der am meisten rezipierten Begriffe ist. So steht die Kirche in der Pflicht, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.“ (GS 4)

Gottesdienst, Abschiebeknast in Berlin

Die Kirche steht nicht nur der Welt gegenüber, sondern ist selbst eine Gestalt von Welt, die sich aus der Erfahrung von Befreiung und Erlösung formt. Kirche sollte so auch ihren Ort verändern und unter den Menschen und gemeinsam mit ihnen Gestalt annehmen. Die Kirche wurde nicht mehr als societas perfecta verstanden, als Leib Christi, zu dem nur die entsprechenden Glieder gehörten. Konstitiutiv für die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden, die als Subjekte und nicht als bloße AdressatInnen pastoraler und lehramtlicher Sorge begriffen wurden. Damit änderte sich das Selbstverständnis von Kirche auf dem Zweiten Vatikanum grundlegend: Von einer Kirche, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigte, hin zu einer Kirche, die sich nach außen und den Schreien und Nöten der Menschen zuwendet und versucht, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Das bedeutet auch geschichtliche Prozesse ernstzunehmen und sich auf das Risiko möglicher Irrtümer einzulassen. Dadurch wandelt sich die Kirche von einer ‚irrtumslosen‘ societas perfecta hin zu einer prophetischen Kirche: „Es geht darum, vom Podest zeitloser Werte und Wahrheiten jenseits der Geschichte herabzusteigen, und in die ‚Erforschung und Deutung‘ der alltäglichen Geschichte einzutreten.“2

Luís Flávio Cappio, Bischof von Barra/Brasilien,
kämpft gegen die Zerstörung der Umwelt durch
Staudammgroßprojekte und Flussumleitungen

Zentral ist in diesem veränderten Kirchenverständnis auch die Rezeption der biblischen Rede vom Volk Gottes. Kirche als Volk Gottes auf dem Weg zu verstehen, relativiert die unantastbare sakramentale, unveränderbare Gestalt von Kirche. Gegenüber dem trriumphalistischen Kirchenbild der societas perfecta impliziert der geschichtliche und eschatologische Charakter der Volk-Gottes-Theologie die Notwendigkeit der ständigen Umkehr und Erneuerung der Kirche, „weil sie in aller unzerstörbaren Heiligkeit doch als Kirche der Sünder auch selbst immer wieder v[on] der Macht der Sünde entstellt wird.“3
Volk Gottes wird auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum zentralen Begriff von Kirche. Im Zentrum steht der Mensch, für den die Kirche da sein muss. Der Mensch, das Volk Gottes wird zum Weg der Kirche erklärt. Nicht der Mensch ist um der Kirche willen da. Von den Menschen, vom Volk Gottes her baut Kirche sich auf und ist von dort aus zu verstehen.
Die grundlegende Autorität der Kirche ist damit nicht mehr im Lehramt begründet, sondern in den lebendigen Zeugnissen aller Glaubenden (vgl. LG 12 und 13). Es geht um eine Kirche, die sich zur Botschaft Jesu bekehren muss und aus dem Volk geboren wird. Die Hierarchie muss im Dienst des Volkes stehen, wie Pedro Casaldáliga in seiner Beschreibung des Verhältnisses zwischen Basis und Hierarchie betont:
„Die Kirche ‚hat‘ eine Hierarchie, aber sie ist Volk, Volk Gottes. Die Hierarchie ist eine Minderheit in der Kirche. Sie ist Dienst an der Kirche und durch die Kirche Dienst an der Welt, während das Volk, dieses Volk Gottes, die Mehrheit der Kirche im Ganzen bildet. Darüber hinaus würde das Sprechen von der Volkskirche bedeuten und bedeutet es auch, eine ‚Kirche an den Graswurzeln‘, wo die Armen leben. Eine Kirche, wo Jesus sie hingestellt hat. Eine Kirche in einem Volk, das sich selbst entdeckt, seine Identität erneuert und weitermacht auf seinem Weg.“4
Dabei handelt es sich nicht um eine Trennung von Amtskirche und Basiskirche, sondern es ging um eine gänzlich neue Art und Weise, Kirche zu sein und ihren Ort inmitten der Menschen, besonders der Armen, einzunehmen. „Zum neuen Gottesvolk werden alle Menschen gerufen. […] Alle über den Erdkreis hin verstreuten Gläubigen stehen mit den übrigen im Heiligen Geiste in Gemeinschaft, und so weiß ‚der, welcher zu Rom wohnt, daß die Inder seine Glieder sind‘5. Da aber das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), so entzieht die Kirche oder das Gottesvolk mit der Verwirklichung dieses Reiches nichts dem zeitlichen Wohl irgendeines Volkes. Vielmehr fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. […]“ (LG 13).
Damit geht die Perspektive des Volk Gottes auch über den Kreis von ChristInnen hinaus und schließt alle Menschen und Völker ein. Kirche als Volk Gottes zu begreifen ist zugleich die Provokation, dass in der Perspektive einer Kirche auf Seiten der Armen die Kirche zu allen geschickt ist, unabhängig davon, ob sie einen Glauben haben oder nicht. Diese Sendung zu allen Menschen bedeutet jedoch nicht, andere Religionen zu vereinnahmen oder Missionierung im Sinne religiöser Bekehrung anzustreben. Vielmehr gilt die Anerkennung der gottgegebenen Würde des Menschen allen, ohne Ansehen des religiösen Bekenntnisses. Deshalb ist die Kirche verpflichtet, sich für die Verwirklichung eines würdigen Lebens für alle Menschen unablässig einzusetzen. Kirchenbildung ist somit ein dynamischer Prozess, in dem sich immer wieder neue Gemeinschaften bilden, an denen alle gleichermaßen teilhaben. Teilhabe ist notwendig für Kirche und „steht im Zentrum der Konzeption einer Kirche als handelndem Kollektiv.“6

Mahnwache vor dem Abschiebeknast in Berlin; Liste gewaltsam
oder durch Selbstmord umgekommener MigrantInnen

Das Konzil spricht deshalb auch vom Volk Gottes auf dem Weg. Es handelt sich um ein pilgerndes, messianisches und prophetisches Volk. Deshalb ist Volk Gottes auch immer eine Aufgabe und nicht als bereits gegebene Institution zu sehen: Gemeinsam müssen Wege für die Bildung von kirchlichen Strukturen gesucht werden. Nach der Lehre des Zweiten Vatikanums hat die Kirche eine polare Struktur, ad intra und ad extra. Nach innen ist sie Gemeinschaft der Mitglieder und nach außen Institution der Gemeinschaft aller Menschen in Gott und Christus. Dies wird an den beiden Konstitutionen Gaudium et Spes und Lumen Gentium deutlich, deren Kern jeweils diese beiden Dimensionen von Kirche sind. Das Volk Gottes ist der Ursprung dieser Polarität, denn um seinetwillen existiert die Kirche. Sie erschöpft sich nicht in sich selber, sondern wendet sich immer Menschen zu und hat daher zwangsläufig eine Außenperspektive und -orientierung. In dieser Außenorientierung geht es um den Aufbau des Reiches Gottes, eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Daran mitzuwirken, dazu ruft Kirche die Menschen auf. Deshalb verwirklicht sich die Volk-Gottes-Theologie besonders in einer Kirche der Armen. Denn es geht um eine Erneuerung, die sich aus der Antwort des Glaubens in den Kreisen des Volkes auf Gottes befreiendes Handeln in der Geschichte erhebt.7 Das Volk Gottes ist das Volk, das die befreiende Botschaft in Wort und Tat verkündet. Es verkündet einen Gott, der auf Seiten der Armen ist, der Gerechtigkeit will und Hoffnung auf Überwindung von Hunger, Leid und jeglichen Ungerechtigkeiten verheißt. In diesem Sinne hat die Rede vom Volk Gottes auch prophetischen Charakter.

Volk Gottes als prophetische Gemeinschaft
Grundlage dieser Ekklesiologie ist also das Volk Gottes und damit ein Projekt, in dem es darum geht, wieder neu von Gott zu sprechen. Gott ist ein Gott, der sein Volk zusammenführt.
Damit einher geht ein neues Menschenbild. Überwunden werden der Naturalismus der Anthropologie und sein Dualismus von Körper und Geist, Leib und Seele, Mann und Frau. Im Mittelpunkt stehen die Würde des Menschen und seine Berufung zur Gemeinschaft mit anderen Menschen und mit Gott. Der Mensch ist Ebenbild Gottes und personales Wesen. Standesunterschiede sollen überwunden und Menschenrechte für alle eingeklagt werden. Das neue Gottes- und Menschenbild sind Grundlage der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums. Das Volk Gottes ist Ausgangspunkt der Kontitution Lumen Gentium und das Zweite Vatikanum versteht sich ausgehend von dieser Perspektive. Politik und Humanität sind so die zentralen Themen dieser Ekklesiologie, denn um sie herum entstehen die Basisfragen von Kirche. Die Botschaft, die die Kirche zu verkünden hat, richtet sich an die Menschen und kann nur durch sie und ihr Leben vermittelt werden. Durch sie wird die Hoffnung auf Befreiung und neues Leben verkündet. In ihrem Einsatz für Gerechtigkeit vollziehen sie den Willen Gottes und werden so zu Propheten und Prophetinnen. Alle Menschen, alle ChristInnen sind dazu berufen und haben dadurch Anteil am Priestertum Christi. Kirche ist somit ein Kollektiv von Laien und Amtsträgern, die nur gemeinsam Volk Gottes und damit Kirche werden können.
Die Widersprüche und Konflikte innerhalb der Kirche gründen, so Elmar Klinger, in einem verkürzten Verständnis des „Volk Gottes“. Klinger verweist darauf, dass der Begriff „Volk“ eine politisch-soziale und zugleich theologische Kategorie ist, „ein urbiblischer Begriff mit empirischer und zugleich prophetischer Bedeutung.“8 Aufgrund verkürzter Verständnisweisen dieses Begriffs und des Ausklammerns der politisch-sozialen Dimension aus dem Theologischen entstehen Konflikte um das Verhältnis von „Volk Gottes“ und „Kirche“, Basis und Hierarchie, Partizipation von Laien und kirchliche Ämter. Die Konflikte darum zeigen sich besonders in den Auseinandersetzungen um die Theologie der Befreiung und ihr basisgemeindliches Verständnis von Kirche. Und auch in verschiedenen nachkonziliaren Dokumenten zeigt sich, wie die Volk Gottes-Theologie bekämpft wird und dem Volk Gottes abgesprochen wird, konstitutives Subjekt ekklesialer Gemeinschaft zu sein. Auch nach Johann Baptist Metz liegt die Krise von Kirche und Theologie vor allem darin begründet, „daß das Volk selbst bisher zu wenig zum Subjekt in der Kirche geworden ist; […] daß in der Sprache der Kirche die Lebens- und Leidensgeschichte des Volkes zu wenig laut und verlautbar wurde: […] daß die Kirche zwar Kirche des Volkes sein will, aber zu wenig Kirche des Volkes ist.“9
Gerade weil die lateinamerikanische Befreiungstheologie das Volk Gottes und besonders die Armen zum Ort und Subjekt von Theologie und Kirche gemacht hat und eine Kirche von unten, von der Basis des Volk Gottes, aufbaute, wurde sie bekämpft.

Rezeption der Volk Gottes-Theologie in Lateinamerika
Der auf dem Zweiten Vatikanum angestoßene Wandlungs- und Umkehrungsprozess von Kirche wurde besonders von den Kirchen Lateinamerikas aufgenommen und umgesetzt. Auf der II. Generalversammlung in Medellín im Jahr 1968 wurde die Realität des lateinamerikanischen Kontinents zum Ausgangspunkt allen kirchlich-pastoralen Handelns erklärt. Medellín verhalf der lateinamerikanischen Kirche dazu, das Konzil von der eigenen Realität aus zu interpretieren. Lateinamerikanische Bischöfe, die das Zweite Vatikanische Konzil mitgestaltet hatten, stießen diesen Richtungswechsel auf der Konferenz in Medellín an, in deren Zentrum eine Auseinandersetzung mit der lateinamerikanischen Realität stand, um angesichts dieser Situation nach Wegen der Befreiung zu suchen. Diese Realität war von vielfältigen Situationen der Repression und Gewalt, wirtschaftlicher Ausbeutung, Armut und Unterdrückung geprägt. Die Bischöfe konstatieren:
Als Hirten mit einer gemeinsamen Verantwortung möchten wir uns mit dem Leben aller unserer Völker verpflichtend verbinden in der angstvollen Suche nach geeigneten Lösungen für ihre vielfachen Probleme. Unsere Sendung ist es, zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen und der Gemeinschaft des Kontinents beizutragen.“10
In den entstehenden Basisgemeinden wurde das gemeinschaftliche, prophetische, auf Befreiung zielende und missionarische Modell von Kirche sichtbar, und so realisierten sie die auf dem Vatikanum grundgelegte Vorstellung einer Kirche, die sich von der Basis her konstituiert. Denn in der Kirche als Volk Gottes sollte es darum gehen, sich in die Welt der Armen zu inkarnieren, sie zu durchdringen und zu verstehen und von dort aus kirchliche Gemeinschaft mit den Armen, sozusagen von unten, entstehen zu lassen.
Eines der bekanntesten Beispiele einer Kirche von unten aus jener Zeit ist die von Ernesto Cardenal gegründete Gemeinschaft auf Solentiname. Mit einem Team von Laien und Priestern wurde gemeinsam mit den Bauern eine neue Lesart des Evangeliums praktiziert, in der die Wechselseitigkeit von Bibel und Leben im Zentrum stand. Von der Analyse der Realität im Licht des Glaubens gemäß des Dreischritts „Sehen-Urteilen-Handeln“ wurden Konsequenzen für das konkrete Engagement gezogen.
Ausgehend von der Option für die Armen entsteht die Kirche vom unterdrückten Volk her:
„Die kirchlichen Basisgemeinschaften sind zweifellos der organisch gegebene Ort des Christen, des unterdrückten Volkes und des ‚Volk Gottes‘; sie machen einen Teil der Armen und einen Teil der Kirche aus. Nicht alle Glieder der Kirche stellen sich auf Seite der Armen oder sind arm. Die Basisgemeinschaft ist der eigentliche Ort des Kirche-Seins, des ‚Volk Gottes‘-Seins der Armen, des Volks der Armen und derjenigen, die sich für die Armen entscheiden. Diese Armen und diejenigen Glieder des ‚Volkes Gottes‘, die sich auf ihre Seite stellen, könnten ganz richtig als ‚Volkskirche‘ bezeichnet werden, als Kirche (‚Volk Gottes‘ nach Lumen Gentium) und als Volk (Einsatz für die Armen, Ausgebeuteten, für das geschichtliche Volk, den Gesellschaftsblock der Unterdrückten). Der Begriff ‚Volkskirche‘ würde so innerhalb der einen, offiziellen und institutionellen Kirche diejenigen Christen bezeichnen, die ein anderes ‚Modell‘ – wenn man unter ‚Modell‘ eine gewisse Sicht und Praxis des Typus der Evangelisierung versteht, die von der Kirche in der Welt und unter den Armen vorzunehmen ist – von Kirche haben, der sie aber als Teil voll und ganz und legitim angehören.“
(Dussel, Enrique, „Populus Dei“ in populo pauperum. Vom Zweiten Vatikanum zu Medellín und Puebla, in Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie, 20. Jg., Heft 6, Dez. 1984, 474f.)

Herausforderungen an die Kirche von heute
Gerade in der aktuellen Krise wäre die katholische Kirche gut beraten, sich auf den Konzilsgeist des Zweiten Vatikanums zurückzubesinnen und offensiv den Kontakt mit allen gesellschaftlichen Gruppierungen zu suchen, und zwar immer unter der Prämisse, dass die Kirche eine den Menschen dienende Funktion hat.
Die Wiederentdeckung der Kirche als Volk Gottes muss Auswirkungen auf das Sein der Kirche und ihre strukturelle Verfasstheit haben. Neue Formen von Kirche können die verkümmerten Aspekte der Volk-Gottes-Theologie wieder neu beleben.

Kirche heute: Wo ist ihr Ort?
Hier auf dem S-Bahnsteig in Berlin,
ein Halt auf dem Weg zum Abschiebeknast

Ursprung der Kirche ist die Botschaft Jesu. Gerade in Zeiten der Kirchenkrise gilt es, sich darauf wieder neu zu besinnen und Kirche neu, von unten, zu schaffen. Gegenwärtig kann dies geschehen, wo Menschen den Mut haben, traditionelle pfarrgemeindliche Räume zu verlassen, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und sich an die Orte zu begeben, wo Unrecht, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung geschehen. Von diesen Orten aus und den Bedürfnissen, die Menschen haben, gilt es Kirche, kirchliche Gemeinschaft neu entstehen zu lassen und so Reich Gottes zu verkünden, denn darin besteht der eigentliche Auftrag von Kirche.
Die Glaubwürdigkeit von Kirche und ihre gesellschaftliche Relevanz hängen davon ab, inwiefern sie die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil sowie den lateinamerikanischen Bischofsversammlungen in Medellín, Puebla und auch in Aparecida vorgenommene Selbstverpflichtung als Volk Gottes auf dem Weg in solidarischer Verbundenheit mit den Menschen und ihren Nöten und Ängsten wieder in die Praxis umzusetzen versucht.
Wie kann Kirche heute, wie können ChristInnen ihre Sendung als „pilgerndes Volk Gottes auf dem Weg“ getreu den ekklesiologischen Aufbrüchen des Zweiten Vatikanischen Konzils umsetzen? Es muss bedeuten, an den jeweiligen Orten auf die konkreten sozialen und politischen Herausforderungen zu reagieren und sich in den Dienst der Menschen, derjenigen, die unter dem System zu leiden haben, zu stellen. Es geht darum, eine Praxis der Solidarität mit den Opfern der Geschichte zu entwickeln in einer Gemeinschaft, die sich gegen die zunehmende Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung organisiert. Auf diese Weise realisiert sich ekklesiale Gemeinschaft als „Leben im Widerspruch zum Geist des Systems.“11 Nur so kann Kirche als Volk Gottes prophetische und befreiende Gemeinschaft werden:
„Das Volk Gottes ist Ort der Befreiung von immer wieder neuen Zwängen eines menschlichen Erwartungsmechanismus, der die Menschen zu Opfern ihrer selbst machen kann. Das Volk Gottes ist aber auch Ort der konkret gelebten Solidarität und des gegenseitigen Zuspruchs in der Gemeinschaft der Glaubenden. Wo es gelingt, diese Befreiung spürbar zu machen und nachvollziehbar zu gestalten, fallen Schranken von Vorurteilen und Ängstlichkeiten.“12
Dies kann oder muss gegebenenfalls auch außerhalb bestehender traditioneller Kirchenräume und pfarreilicher Strukturen geschehen. Im Engagement von ChristInnen in sozialen Bewegungen, in Gruppen und Initiativen, die sich für gesellschaftliche Veränderungen einsetzen, nimmt Kirche in ihrer diakonischen und prophetischen Dimension konkrete Gestalt an.
Auch gibt es Beispiele, dass Menschen Formen kirchlicher Gemeinschaften bilden, die von unten, von Menschen und ihren konkreten Anliegen, insbesondere von Menschen, die in den bürgerlich geprägten Pfarreien ihren Platz nicht finden, aufgebaut werden.
Beispiel dafür ist die Kommunität der Jesuiten in Berlin-Kreuzberg. Vor mehr als 25 Jahren wurde diese Wohngemeinschaft gegründet als ein „Ort der Begegnung, ein Ort der Kommunikation und des Austausches! Viele Menschen treffen dort aufeinander, manche bleiben, manche gehen wieder, doch was bleibt, ist die Liebe und die Wärme, die dieser Ort ausstrahlt.“13 Unzählige Menschen aus verschiedenen Nationen, mit ganz unterschiedlichen Geschichten haben dort zusammengelebt und leben dort zusammen. Menschen werden aufgenommen ohne nach ihrer Herkunft, ihrer sozialen Situation zu fragen. In der Gemeinschaft ist immer Platz, jeder ist willkommen. Dort wird konkret das Wort Jesu „was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40) gelebt. In der WG in Berlin-Kreuzberg gibt es Brot, ein Bett, menschliche Zuneigung und Annahme. Das Engagement der WG beschränkt sich aber nicht auf das gemeinsame Wohnen, sondern darüber hinaus beteiligen sich die BewohnerInnen an politischen und sozialen Kämpfen, z.B. treten sie ein gegen Abschiebehaft oder engagieren sich mit interreligiösen Gebeten für den Frieden.
Ein anderes Beispiel ist der Treff am Kapellchen (TaK) in Mönchengladbach. Im Jahr 2005 wurde dieser Treffpunkt in einer alten Kapelle eröffnet. Es ist ein Ort für Gemeinschaft, bietet Treffpunkt- und Austauschmöglichkeiten. Eine wachsende Zahl von Menschen verschiedener Nationen und Religionen und vor allem von Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Verhältnissen finden hier einen Ort für Teilhabe in Gesellschaft und Kirche. Die Idee dieses Treffpunkts entstand vor einigen Jahren in der Betriebsstätte des „Volksverein Mönchengladbach“. Neben Bildung, Arbeit und Beratung sollte der Begegnung und den geistlichen Angeboten im Volksverein mehr ‚Raum‘ gegeben werden. Es entstand der Wunsch nach einem Ort, an dem spirituelle und kreative Begegnungen der Menschen im Umfeld des Volksvereins möglich sind. Es sollte ein Ort der Teilhabe, des Mitwirkens und Mitgestaltens werden, offen für alle, die Gemeinschaft erleben und gestalten wollen, die Gott suchen und erfahrbar werden lassen möchten. Da das Brandts-Kapellchen und das Aloysiusstift in der Rudolfstraße eng mit dem historischen Volksverein für das Katholische Deutschland verbunden sind, sah man dort den idealen Ort, um die oben erwähnte Idee zu verwirklichen. Das Besondere an diesem Ort: Er wird organisiert von erwerbslosen Männern und Frauen. Sie haben einen Raum geschaffen, an dem sie Leben und Gemeinschaft miteinander teilen und so ihre Art und Weise von Kirche selbst gestalten.14
Kirche als pilgerndes Volk Gottes heißt also auch heute, die Zeichen der Zeit zu erkennen, Menschen in ihren Anliegen, Sorgen und Nöten ernst zu nehmen, und uns mit ihnen gemeinsam auf den Weg zu machen und im Kampf für Gerechtigkeit Kirche von unten her aufzubauen. Visionen einer Kirche als Volk Gottes auf dem Weg können Gestalt annehmen, indem Christen und Christinnen in Solidarität mit den Armen und Unterdrückten leben.

Kirche: Selbstorganisation im Treff am Kapellchen
in Mönchengladbach

Literatur
Bischof Leo Nowak, „…dem Menschen als solchen zu dienen…“. Das Vermächtnis Papst Johannes XXIII und die Kirche in der Diaspora, in: Keul, Hildegard/Sander, Hans-Joachim (Hg.), Das Volk Gottes – ein Ort der Befreiung, 21-33.
Casaldáliga, Pedro, In Pursuit of the Kingdom, Maryknoll, N.Y. 1990.
Castillo, Fernando, Evangelium, Kultur und Identität. Stationen und Themen eines befreiungstheologischen Diskurses (hg. von Michael Ramminger/Kuno Füssel), Luzern 2000).
CELAM, Die Kirche in der gegenwärtigen Umwandlung Lateinamerikas im Licht des Konzils. Sämtliche Beschlüsse der II Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopates in Medellin 24.8.–6.9.1968, in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Die Kirche Lateinamerikas. Dokumente der II. und III. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats in Medellin und Puebla, (Stimmen der Weltkirche) Bonn 1979.
Dussel, Enrique, „
Populus Dei“ in populo pauperum. Vom Zweiten Vatikanum zu Medellín und Puebla, in Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie, 20. Jg., Heft 6, Dez. 1984, 474.)
Kehl, Medard, Volk Gottes, in LTHK Bd. 10, durchgesehene Ausgabe der 3. Auflage, Freiburg i.Br. 2001, 848-849.
Klinger, Elmar, Das Volk Gottes auf dem Zweiten Vatikanum. Die Revolution in der Kirche , in: Jahrbuch für Biblische Theologie 7, 305-319.
Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, Mainz 1977.
Rahner, Karl / Vorgrimmler, Herbert, Kleines Konzilskompendium, Freiburg i.Br. 1966.
Richard, Pablo, Theologische Kritik an der Globalisierung, in: Kaltmeier, Olaf/Ramminger, Michael (Hg.), Links von Nord und Süd. Chilenisch deutsche Ortsbestimmungen im Neoliberalismus (Kontroversen 11), Münster 1999, 167–175.
http://www.con-spiration.de/wg-naunynstrasse/buch.html
http://www.stiftung-volksverein.de/index.php?id=61

1Dieses und alle folgenden Zitate aus Konzilstexten vgl. Rahner, Karl / Vorgrimler, Herbert, Kleines Konzilskompendium, Freiburg i.Br. 1966, hier 425.

2Castillo, Fernando, Evangelium, Kultur und Identität. Stationen und Themen eines befreiungstheologischen Diskurses, (hg. von Michael Ramminger/Kuno Füssel), Luzern 2000, 79.

3Kehl, Medard, Volk Gottes, in LTHK Bd. 10, durchgesehene Ausgabe der 3. Auflage, Freiburg i.Br. 2001, 849.

4Casaldáliga, Pedro, In Pursuit of the Kingdom, Maryknoll, N.Y. 1990, 137.

5Vgl. Johannes Chrysostomus, In Io. Hom. 65, 1: PG 59, 361.

6Fernando Castillo: Evangelium, Kultur und Identität. Stationen und Themen eines befreiungstheologischen Diskurses, hg. von Kuno Füssel und Michael Ramminger, Luzern 2000, 81.

7Vgl. Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft. Dokument der III. Generalkonferenz des Lateinamerikanischen Episkopates Puebla 26. 1.-13. 2. 1979, hg. Vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (= Stimmen der Weltkirche Nr. 8), Bonn o. J., Nr. 263, 192f.

8Klinger, Elmar, Das Volk Gottes auf dem Zweiten Vatikanum. Die Revolution in der Kirche, in: Jahrbuch für Biblische Theologie 7, Neukirchen-Vluyn 1992, 305-319, 305f.

9Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, Mainz 1977, 121.

10 CELAM, Die Kirche in der gegenwärtigen Umwandlung Lateinamerikas im Licht des Konzils. Sämtliche Beschlüsse der II Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopates in Medellin 24.8.–6.9.1968, in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Die Kirche Lateinamerikas. Dokumente der II. und III. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats in Medellin und Puebla, (Stimmen der Weltkirche) Bonn 1979, 15.

11Richard, Pablo, Theologische Kritik an der Globalisierung, in: Kaltmeier, Olaf/Ramminger, Michael (Hg.), Links von Nord und Süd. Chilenisch deutsche Ortsbestimmungen im Neoliberalismus (Kontroversen 11), Münster 1999, 167 – 175. Hier: 167.

12Bischof Leo Nowak, „…dem Menschen als solchen zu dienen…“. Das Vermächtnis Papst Johannes XXIII und die Kirche in der Diaspora, in: Keul, Hildegard/Sander, Hans-Joachim (Hg.), Das Volk Gottes – ein Ort der Befreiung, 31.

13http://www.con-spiration.de/wg-naunynstrasse/buch.html (letzter Zugriff am 01.03.2011)

14Vgl.: http://www.stiftung-volksverein.de/index.php?id=61 (letzter Zugriff am 01.03.2011)

(Gottes-)Dienst vor dem Abschiebeknast
Seite 76