2014 Christian Herwartz, Dem Auferstandenen heute begegnen

Exerzitien auf der Straße

Die jährlichen Studientagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Diözesan-Exerzitien-Sekretariate fand 2000 in Hamburg statt: „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit – die gesellschaftliche Dimension der Exerzitien“. Frau Dr. Marianne Tigges kam nach Berlin, um mich zum Mitmachen zu überreden. P. Alex Lefrank SJ übernahm die theologischen Reflexionen. Die knapp 50 Teilnehmerinnen gingen in kleinen Gruppen an soziale Brennpunkte, um dort einige Stunden mit zu leben. Zehn Personen schickte ich ohne festes Ziel in die Stadt. Sie meditierten vor einem Gefängnis oder einem Asylbewerberschiff im Hafen. Am Spätnachmittag trafen wir uns zum Erfahrungsaustausch vor der Bahnhofsmission.
Entsetzt sagte Liudger, Direktor eines Exerzitienhauses: Ich habe drei Stunden lang nicht existiert. Auf einer Bahnhofstreppe saß er zusammen mit einer Gruppe Obdachloser. Sogar Kursteilnehmer gingen vorbei und sahen ihn nicht. Aber eine Frau schrie die Gruppe an: Können Sie nicht aufstehen und meinen Koffer tragen? Da stand er auf und trug den Koffer die Treppe hinunter. Er bekam fünf Mark mit der Anweisung, das Geld nicht zu versaufen. Auch sie sah ihn nicht.
Später erzählte Hans Sanders in der Austauschrunde: Am Abend verspürte ich einen großen Hunger und Sehnsucht nach der ersten Maisonne vor dem Bahnhof. Mit einem Döner und einer Dose Bier gewappnet suchte ich einen Sitzplatz an der Sonne. Auf einer Steinbank direkt in Sichtweite mit einer Gruppe „Hirten“, wie sie in der Bibel heißen würden, fand ich einen Platz. Ich aß meinen Döner und trank genüsslich mein Bier. 
Da löste sich plötzlich aus der Gruppe der „Penner und Säufer“ ein noch junger Mann, kam zu mir und fragte: „Darf ich mich dazu setzen?“ – „Ja natürlich, bitte!“ Und dann erzählte mir dieser Mensch unvermittelt und ohne weitere Umstände sein Leben: Wie er vor Jahren aus der sog. bürgerlichen Welt ausgestiegen sei, fast die ganze Welt bereist hatte – über Afrika und Indien bis ins Hochgebirge in Tibet! Irgendwann sei er dann ans Rauschgift gekommen und süchtig und abhängig geworden. Seit fast zehn Jahren habe er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, die ihn sozusagen für tot erklärt habe.
Vor einigen Tagen habe er – von Aids infiziert – von den Ärzten die Nachricht erhalten, dass er höchstens noch drei Monate zu leben habe. Und dann kam er zum Kern seines Anliegens: Schau, sagte er und wies auf die Gruppe, aus der er herausgetreten war, das sind meine einzigen Freunde, die ich noch auf der Welt habe. Und das ist gut so, dass ich wenigstens sie habe. Aber: wenn ich in einigen Wochen tot bin, dann wissen auch diese Kumpels nach drei / vier Tagen nicht mehr, dass es mich je gegeben hat! Kein Mensch auf der Welt denkt noch an mich! Ich habe doch auch hier auf dieser Erde gelebt! Es muss doch wenigstens einen geben, der um mich weiß, mit meinen Lebensträumen und Hoffnungen! Ich bin doch ein MENSCH!
Schwer atmend zeigt er mir dann seinen spindeldürren Arm mit vielen silbernen Armreifen und fuhr fort: Wenn ich dir einen dieser Reifen gebe, versprichst du mir, ihn in Erinnerung an mich zu tragen? Ihn eben nicht nur mit in deine „andere Welt“ zu nehmen, in die Nachttischlade zu legen und vielleicht zufällig einmal im Jahr eine Erinnerung an diesen Tag und einen der Penner in HH zu haben!
Nun war ich der, der mit großem Herzklopfen und schwer atmend neben diesem Menschen mit seiner riesigen Not saß! In solch einer mir bisher nie begegneten Not konnte ich doch um Himmelswillen nicht NEIN sagen! Aber, so ging es mir rasend schnell durch Kopf: Was werden meine Gemeindemitglieder denken, wenn ich auf einmal mit einen solchen Armreif auftauche, der ja nicht zu übersehen ist, den man auch am Altar und bei Spendung anderer Sakramente sieht! In diese Denkpause hinein fragte der Mann: Was überlegst du so lange? Willst du nicht? Ich erzählte ihm wer ich sei und meine Fragen, die mir durch den Kopf gingen und bat ihn mir noch einen Augenblick Zeit zu lassen. Denn, so sagte ich, ich möchte dich nicht belügen! Wenn ich JA sage, dann soll es auch ein wirkliches JA sein, auf das du dich verlassen kannst. Und dann nach einer längeren Denkpause sagte ich: JA!
Geradezu andächtig löste Dieter (inzwischen hatte wir uns mit Namen bekannt gemacht) einen seiner Armreife und befestigte ihn an diesem meinem rechten Arm – hier!! Spontan nahm mich dann der mir eben noch völlig unbekannte Mensch aus einer mir fremden und völlig anderen Welt in seine Arme, drückte mich so fest er todkrank konnte und sagte: „Jetzt habe ich wieder einen Bruder!“
Beide tief bewegt hielten wir uns eine gute Zeit so umarmt. Wieder nebeneinander sitzend fragte ich dann diesen Bruder Dieter: „Wie bist du eigentlich darauf gekommen, gerade mich anzusprechen?“ Seine Antwort: „Du bist seit langem der erste aus der anderen Welt, der uns Penner mit guten Augen angesehen hat!“ 
Der Schreck fuhr mir in die Glieder: Welch ein Glück für mich und diesen Menschen, dass wir so gut geistlich vorbereitet in diesen Tag gegangen sind! Nicht auszudenken, wenn ich an diesem Tag „schlechte“ Augen gehabt hätte – wie an so vielen anderen Tagen des Jahres.
Die Vorgeschichte
Auf der 32. gesetzgebenden Weltversammlung der Jesuiten (Generalkongregation) benannten die Delegierten 1975 die Ordensidentität knapp: Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit. In den Dekreten finden sich die Früchte unterschiedlicher Befreiungswege. Für mich wurde der Anstoß der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) – sehen, urteilen, handeln – aufgegriffen und der Arbeiterpriester, die den Weg der Solidarität vom FÜR zum MIT suchen. Der Weg der Befreiung wird in den südamerikanischen Basisgemeinden fortgeführt. Doch ihr Engagement konnte scheinbar in den deutschsprachigen Ländern nicht fortgesetzt werden. Der Generalobere P. Arrupe unterstützte daher die Initiative der Provinziäle, mit zwei interprovinziellen Kommunitäten in Frankfurt/M und Berlin (West) die spirituelle und die soziale Dimension dieser Neuausrichtung aufzugreifen. Michael Walzer aus dem Süden, Peter Musto heute aus der ungarischen Provinz und ich aus dem Norden wollten uns der gesellschaftlichen Spaltung zwischen Arbeitern und Intellektuellen stellen. Ab 1978 arbeiteten wir in manuellen Berufen und gründeten eine Kommunität in Berlin-Kreuzberg. Mit Peter hatten wir bald eine Außenstelle in Bogota unter Straßenkindern. Schnell engagierten sich Menschen aus der Nachbarschaft mit in der Kommunität. 1980 kam Franz Keller (+2014) aus der Schweiz dazu. Michael (+1986) gründete die CAJ in Berlin neu.
Wir übernahmen 1982 die Räume einer fast leer gewordenen Taizé-Wohngemeinschaft. In ihrem Schlafzimmer lagen 12 Matratzen. Dort lebten wir nach und nach mit Menschen aus 70 Nationen zusammen und lernten Gastfreundschaft in ihrer kulturellen Vielfalt kennen. Für männliche Besucher war immer ein Schlafplatz frei. 1984 zogen wir in die Naunynstraße um. Dort reduzierten wir das Matratzenlager auf sieben Betten. Die Wohnung war größer. Frauen zogen mit ein.
1987/8 fuhr ich häufig nach Frankreich in eine Arche-Gemeinschaft, lebte dort mit geistig behinderten Menschen zusammen und schloss meine Ordensausbildung (Terziat) – einschließlich der großen Exerzitien – ab. Im Dezember 1989 folgten die feierlichen Gelübde. Ich engagierte mich als Vertrauensmann im Betrieb und seit 1989 auch für politische Gefangene aus der RAF. Die Freude über das Fallen der Grenzmauer zur DDR, über das Leben auf der Straße mit Menschen, deren Wagenburg auf dem alten Grenzstreifen zerstört wurde, die jahrelange Begleitung junger Erwachsener in ihrem sozialen Jahr waren weitere Etappen. Durch alle Krisen hindurch blieb mein zentrales Gebet: „Zeig mir, wie Du Auferstandener mir heute unter meinen Kollegen und Kolleginnen begegnest“ und „Wie können Menschen den Glauben entdecken, ohne vorher aus ihrer Kultur oder ihrer Klasse aussteigen zu müssen, um mit Dir Gott zu sprechen?“
Überraschende Anfragen
1996 klopfte Ludger Viefhues mit der Frage an: Soll ich nach meinem Theologiestudium ein Jahr in einem Aidshospiz arbeiten? Die Antwort wollte der junge Mitbruder bei uns in Exerzitien finden. Ich konnte mir das nicht vorstellen, denn wir hatten nur in unserem großen Schlafzimmer einen Schlafplatz, keinen stillen Meditationsraum, usw. Außerdem begleitete ich noch nie Exerzitien. Alle meine Einwände kamen bei ihm nicht an. Da lud ich ihn wie alle anderen Menschen ein. Tagsüber hielt er sich auf der Straße auf und erzählte mir abends davon, wenn ich aus der Fabrik zurück war. Einmal ging er auf dem Mauerstreifen mit dem einen Bein auf der einen und mit dem anderen Bein auf der anderen Seite der Markierung und meditierte seine Zerrissenheit, ein andermal seine Verletzungen mit Blick auf die Trümmergrundstücke in der Stadt. Auf dem stark ausgeleuchteten Potsdamer Platz waren die Menschen schattenlos. So sieht die Hölle aus? Dann begegnete er „Mafze“ mit seinem „haste mal ne Mark“ Spruch. Der nahm ihn mit auf eine zwanzig minütige Tour durch Kreuzberg. Bewegt erzählte Ludger abends von der seiner Gastfreundschaft. „Mafze nahm mich den Eindringling in seine Welt hinein. Ich konnte ihm nichts geben, nur mit ihm gehen. Meine Frage – Wo begegne ich Jesus? – hatte ein Antwort.“ Und ich ahnte als Zuhörer, an welch privilegierten Exerzitienort wir leben. Ludger arbeitete für ein Jahr im Hospiz. Jetzt lehrt er Philosophie, Gender und Kultur in den USA.
Als die oben erwähnte Kommunität in Frankfurt/M schloss, kam Alexander Lefrank, um 1997 bei uns Exerzitien zu machen. Ich wehrte mich nochmals heftig, denn er bildete
ExerzitienbegleiterInnen aus. Außerdem wollte er mit mir zusammen im nächsten Jahr einen Kurs für Jesuiten in Berlin-Kreuzberg anbieten. Doch ich willigte ein. Franz Keller, Klaus Mertes und Johannes König ließen sich auf das Experiment ein. Christian Müller bot uns während der Sommerpause die Räume der Wärmestube „Villa Krause“ an. Am Abend feierten wir Gottesdienst und aßen danach zusammen. Ein Mitbrüder schlug vor, den Austausch gemeinsam zu beginnen. Dieses Vorgehen bewährte sich. Wir beschränkten uns auf drei Impulse, die bis heute den Weg der Exerzitien auf der Straße kennzeichnen. Trotz der guten Erfahrungen während dieser Tage planten wir keine Fortsetzung.
Aber es kam anderes: Schwester Teresa Jans-Wenstrup aus Vechta lebte während ihrer Sommerferien 1998 in unserer Kommunität. Im Jahr darauf kam sie mit Schülerinnen auf einer Radtour vorbei und erzählte: Ihre Gemeinschaft feiere im nächsten Jahr 150jähriges Bestehen mit vielen kulturellen Veranstaltungen. Doch ihre Ordensgemeinschaft sei unter armen Menschen gegründet worden. Wie kann daran erinnert werden? Heute ist sie für Gymnasien und viele andere Institutionen verantwortlich. Können einige Schwestern in Berlin-Kreuzberg Exerzitien machen? – In der kath. Gemeinde St. Michael bekamen wir den Keller, der im Winter eine Notschlafstelle ist. Zwei Frauen und zwei Männer von den Ordensleuten gegen Ausgrenzung, die regelmäßig zu Mahnwachengottesdiensten vor der Abschiebehaft einladen, begleiten die TeilnehmerInnen im Sommer 2000 in zwei Untergruppen. Anschließend drängten mich die BegleiterInnen: „Christian, du bist jetzt arbeitslos; lade im nächsten Jahr wieder zu einem solchen Kurs ein.“ – Kurz darauf bekam ich aus Rom den Auftrag, einen Artikel für das Jahrbuch der Jesuiten zu schreiben. – Der Name Exerzitien auf der Straße bürgerte sich ein. Doch nahmen wir den Mund nicht zu voll, wenn wir diese Zeiten auf der Straße in der Tradition vom Hl. Ignatius Exerzitien nannten? Ich war unsicher. Einige Jesuiten und andere, die in unserer Spiritualität verankert sind, nahmen an den Kursen teil und bestätigten unsere Entdeckung.
Exerzitien in drei Etappen
Die erste Etappe nenne ich die Fundamentphase. Die TeilnehmerInnen gehen langsam und ohne Druck aus dem zielgerichteten Handeln in das gegenwärtige absichtslose Wahrnehmen mit den Anweisungen Jesu: „Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keine Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemanden unterwegs!“ (Lk 10, 3f) Die JüngerInnen sollen kein Futter (Geld) für die Wölfe und auch kein ängstlich eingekauftes Überlebenspaket in der Tasche mitnehmen. Wenn sie in die Häuser kommen, um den Menschen Frieden zu wünschen, werden sie die Schuhe ausziehen. Dieser respektvolle Schritt ist sofort dran. Dann warnt Jesus die Jünger vor der Höflichkeitsfalle. Verbergt eure Absicht nicht, sondern nennt eure offenen Fragen.
Wiederkehrender Ärger oder andauernde Traurigkeit sind Hinweise auf die sie auslösende Sehnsucht, die uns ins Herz geschrieben ist. Gott legte damit einen seiner Namen in jede/n von uns, den wir entdecken dürfen und womit wir ihn ansprechen können. Dieser Name begleitet jede/n Übenden und ruft ins Gebet.
In der zweiten Etappe suchen die Übenden den Auferstandenen oder seinen Boten. Der Text vom brennenden Dornbusch (Ex 3, 1 – 9) gibt Hilfestellung: Mose geht „über die Steppe hinaus“ – wir gehen über das Bekannte hinaus und werden neugierig – warum verbrennt der „Dornbusch“ nicht? Er ist ein Zeichen der Liebe Gottes, denn alles Materielle verbrennt, wenn es brennt. Welchen „heiligen Boden“ entdecke ich vor dieser Erscheinung, auf dem ich seine Botschaft hören darf? Welche „Schuhe“ soll ich im Gespräch mit einem Drogenabhängigen oder einer kranken Frau ausziehen? Turnschuhe, mit denen ich immer schnell weglaufe oder Schuhe mit Stahlkappen, die zur Waffe werden können, oder jene mit hohen Hacken, die mich auf andere hinunter sehen lassen?
Mose wird als Achtzigjähriger von seiner Sehnsucht nach Heimat motiviert, über die vertraute Steppe hinaus (Ex 3,1) zu ziehen, um Gott am Berg Horeb anzubeten. Auch ich suche in den Exerzitien nach meiner Sehnsucht, diese Handschrift Gottes in mir. Seine Liebe führt mich an den heiligen Ort, wo er auf mich wartet. Dazu verlasse ich den privaten Bereich, in dem ich die Gestaltungshoheit habe und gehe auf die Straße, wo ich jedem begegnen kann. Dieser Schritt führt mich ins Angesicht Gottes, der sich jeder meiner Vorstellungen entzieht.
Entsprechend beschreibt sich Jesus selbst als Weg oder Straße (Joh 14, 6), auf der er als Obdachloser lebt (Mt 8, 20) und ein Mensch für alle wird, auch für die beiseite gedrängten Zöllner und Sünder. (Lk 15, 1f) Die Liebe Gottes leuchtet Mose aus dem brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch entgegen. Ähnlich kann ich in das Gesicht Jesu nach der Folterung – mit dem kleinen Dornbusch auf dem Kopf – sehen und die Liebe Gottes ahnen. Die biblischen Aussagen eröffnen ein neues Hinsehen und Entdecken. 
Wenn ich im Kontakt mit Gott bleibe und zu ihm mit meinen Worten bete, werte ich Hinweise nicht leichtfertig als Zufälle ab. Auch Übende, die das Wort Gott nicht benutzen, finden den Weg zu ihrem Ort der Begegnung, an dem sie auf die befreiende Liebe stoßen, die als einzige brennt und nicht verbrennt. Dies kann an einem „zufällig“ entdeckten Ort in der Stadt oder auf dem Land sein, ebenso in mir selbst, wo Christus mit seiner Liebe anwesend ist. Auch finde ich Gott in einer innigen Beziehung zu einem anderen Menschen, der uns mit seiner Liebe Leben schenkt. Der auferstandene Jesus begegnet den JüngerInnen: als Gärtner (Joh 20, 15), fremder Wanderer (Lk 24, 15), Besucher (Mt 28, 9ff; Lk 16, 14) oder als Wartender am See Genezareth an einem Kohlenfeuer. (Joh 21, 9) Zum morgendlichen Aufbruch lockt in vielen Städten mit längeren Kursen eine Liste mit Aufbruchorten. Um einige von ihnen mache ich gewöhnlich einen Bogen. Dorthin sollte ich vielleicht einmal genauer sehen.
In dieser Etappe kommt es zu Heilungen von Krankheiten aber auch von Blickverengungen. Sind sie überwunden dann stellt die Frage: Wie und für was setzen wir die uns neu geschenkte Beweglichkeit ein? Die in uns lebendige Liebe des Auferstandenen wird aktiv und drängt weiter. Die Exerzitienetappe endet mit einem Gottesdienst, bei dem Jedem/r die Füße gewaschen werden und er oder sie die eines/r Anderen reinigt und salbt.
Die dritte Etappe bereitet die Rückkehr in den Alltag vor. Wie können wir dort im Hören bleiben? Da hilft die Emmausgeschichte. (Lk 24, 13-36) Kleopas und vielleicht seine Frau Maria brechen auf und reden miteinander auf der Straße nach Emmaus. Da begegnet den beiden, die sich mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen wohl fremd waren, ein Fremder. Sie klären ihn über ihr Gesprächsthema auf. Der Fremde legt ihnen die Hinweise der Propheten aus, deren Aussagen sie wohl nur mit dem Verstand und nicht mit dem Herzen wahrnahmen. Als sie die ihnen verlorengegangene Liebe zu Jesus, beim Brotbrechen wiederentdecken, laufen sie sofort zurück nach Jerusalem. Dort hören sie nun Petrus zu. (Lk 24, 34 ) Und Jesus tritt wieder in ihre Mitte und wünscht ihnen den Frieden. Das ist die Bestätigung: Sie sind im Hören geblieben. Wir üben in dieser Etappe das gemeinsame Hören, gehen an einen bekannten Ort und entdecken, wie wir ihn neu erleben. Mit unseren Erfahrungen stellen wir uns dort den aufkommenmden Fragen. Meist besuchen wir einen Gottesdienst. Häufig übernehmen die BegleiterInnen die Predigt.
Entdeckungen und Absprachen
Exerzitien sind Chefsache. Wir suchen den Dialog mit dem Urgrund des Lebens. Von dieser Ausrichtung wollen wir uns leiten lassen. Eine hohe Eigenverantwortung, ein erwachsenes Handeln der Übenden ist gefordert. Durch möglichst wenige Regeln werden die Übenden ermutigt, in Freiheit ihren persönlichen Weg zu gehen.
Dabei ist „Schweigen“ wichtig, um ins Hören zu kommen. In konfliktreichen Gesprächen, in denen ich im Alltag genötigt bin, mein Fachwissen einzubringen oder bei Diskriminierungen deutlich zu widersprechen, will ich im Hören bleiben, um auch versteckte Botschaften wahrzunehmen. Ich will den anderen nicht ausfragen sondern lieber von meinem Suchen erzählen und wie beim Pilgern betteln, also um Beistand bitten bei der Suche nach Gott. Mit dem Erzählen meiner Erfahrungen warte ich bis zur Austauschrunde am Abend. Auch die Diskretion über das in der Gruppe Gehörte ist ein Schweigen.
Verpflichtend ist nur der abendliche Austausch und die Teilnahme an den drei Impulsen: Fundamentbetrachtung, Dornbuschgeschichte und Emmauserzählung. Frühstück, Morgengebet und Abendessen richten die Teilnehmer selbst her. Diese Mithilfe stärkt die Entscheidungshoheit der Exerzitiengruppe und jedes Einzelnen darin. Die BegleiterInnen kommen oft erst gegen 17 Uhr hinzu und sind verantwortlich für den Gottesdienst. Bewährt haben sich Gesprächsgruppen von höchstens 5 Übenden, da das Erzählen und Zuhören der Geschichten eine hohe Konzentration erfordert. Jede eigenständige Gruppe wird von einer Frau und einem Mann begleitete. Die Unterkunft ist häufig in einem Pfarrsaal. Großzügige Gastgeber sind ein motivierendes Geschenk.
Die Exerzitien auf der Straße haben keine Zugangsbedingungen. Die Teilnahme ist kostenlos. 2011 beteiligten sich in Hamburg spontan fünf obdachlose Menschen von der Reeperbahn. Ich erfahre diese Nähe bis zum Teilen des Quartiers als intensivierend. Auch ein Kurs mit Strafentlassenen in Berlin war herausfordernd offen und führte die Teilnehmer an ungewöhnliche Orte. 2005 nahmen in Fulda einundzwanzig junge Erwachsene aus Taiwan, Frankreich und Texas teil. Trotz der Sprachbarrieren konnten wir uns verständigen. Die Geschichte vom brennenden nicht verbrennenden Dornbusch spielten wir vor einem riesigen Dornbusch, dem Gefängnis. In der Stille und dem anschließenden Fürbittengebet wurde deutlich: Jede/r hatte die Geschichte in der eigenen Sprache verstanden. Der Abschluss dieser Exerzitien fand auf einem Friedhof statt, weil die Übenden bemerkten: Die Deutschen begraben ihre Toten im (Blumen)Paradies und erinnern so an die Auferstehung. Angebote für spezielle Gruppen sind möglich, weil die TeilnehmerInnen den Ablauf ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten anpassen.
Marita und Michael Herwartz begannen 2009 Exerzitien für Paare anzubieten. Sie fragen nicht nur die Übenden einzeln sondern auch die liebende Gemeinsamkeit der Paare nach ihrer Erfahrungen.
Nach den Kursen sprechen die Begleitenden jene an, die durch ihr Zuhören auffielen, und fragen sie, ob sie sich den Dienst des Begleitens vorstellen können. Wenn sie zusagen, wird ihr Name in die schon lange Liste möglicher BegleiterInnen eingeschrieben. Sie werden zum jährlichen Begleitertreffen eingeladen, bei dem Erfahrungen ausgetauscht und anstehende Fragen beraten werden. Auch persönliche Fragen kommen zur Sprache, neuer Kontakt mit der Straße wird gesucht und ein Gottesdienst gefeiert.
Neben den zehntägigen Exerzitien bieten wir seit dem Katholikentag in Osnabück 2008 anfangs mit heftigem Herzklopfen eintägige Exerzitientage an. Schon bei einer 2,5 stündigen Übungszeit – auch außerhalb der Stadt – stoßen die Teilnehmenden auf wesentlich Fragen. Die eigenen Erfahrungen werden im anschließenden Gespräch greifbar. Blockaden und Vorurteile lösen sich auf. Über diese Schnupperkurse finden einige den Mut zu einem längeren Exerzitienkurs.
Bei den Exerzitien auf der Straße entdecke ich drei Begleitebenen: 1. Die einladenden BegleiterInnen – sie stehen vor der erlebten Wirklichkeit ebenso unwissend wie die Übenden – kennen aber den äußeren Ablauf, laden mit den drei Grundimpulsen zum geistlichen Prozess ein und gestalten die Rückkehrgottesdienste. 2013 konnten wir einige in Hamburg (in einem Kaufhaus und unter Flüchtlingen), Straßburg, Ludwigshafen (vor einem Bunker und auf einer Brücke) und Berlin (auf der altenStalinallee und im Bahnhof) mit der Straße feiern. In den abendlichen Runden helfen ihnen die eigenen Erfahrungen und die Doppelbesetzung, im Hören zu bleiben und entgegengebrachtes Vertrauen nicht zu missbrauchen. 2. Die Mit-Übende sind am Abend eingeladen, auf das Erzählte ohne Belehrung zu reagieren. Sie können Konflikte häufig viel direkter ansprechen als die einladenden BegleiterInnen. 3. In den Begegnungen auf der Straße entdecken wir BegleiterInnen, die nachträglich zu Engeln werden. Manchmal fordert die Straße – Christus – direkt ohne ein Gespräch zu neuem Sehen heraus. Eine Hilfe ist es, wenn Übende auf Nachfrage ihr wirkliches Anliegen nennen – z.B. „Ich suche hier die Begegnung mit Jesus oder seinem Engel.“
Straße kann ich an jedem Ort wahrnehmen, an dem ich mich zum Leben, zur Barmherzigkeit, zur Gerechtigkeit, zur Liebe herausfordern lasse und meine abgrenzenden Gewohnheiten ausziehe. Enge sprengende Gemeinschaft kann erlebt werden. Diese Erfahrungen gehen mit in den Alltag.
Die Exerzitien auf der Straße wurden von Christen unterschiedlicher Gemeinschaften angenommen. Die Verwandtschaft zu Gläubigen aus anderen Religionen wurde sichtbar. Die Kurse werden gemeinsam von Frauen und Männern begleitet. Ganz unterschiedliche Menschen nehmen mit Gewinn an den Straßenexerzitien teil. Der Anteil von Männern und Frauen liegt nach meiner Schätzung etwa bei 40 zu 60 Prozent. Menschen zwischen 16 und 80 Jahren nehmen teil.
Ausblick und Experimente – die fünfte Etappe bei Ignatius von Loyola
Jeder Woche im Exerzitienbuch stellt Ignatius ein Fundament voran: Ausdrücklich wird es in der Ersten Woche benannt, in der wir uns den Lebensblockaden und Engführungen stellen und in der Barmherzigkeit Gottes Befreiung erfahren. Um dann nach der eigenen Berufung zu forschen, fordert Ignatius unsere Großherzigkeit heraus und eröffnet damit die 2. Etappe. In der 3. Etappe – sie beginnt im Abendmahlssaal – wird die getroffene Lebensentscheidung angesichts des Leidens Jesu geprüft. Im Haus Mariens beginnt die 4. Woche, in der die entdeckte Berufung dem Zweifel an der Gegenwart des Auferstandenen ausgesetzt wird.
Ignatius von Loyola legt mit der dann folgenden Betrachtung zur Erlangung der Liebe das Fundament für die nun beginnenden Experimente, die 5. Woche. Die Liebe drückt sich mehr in Werken als in Worten aus. Ihre Basis ist die Dankbarkeit. In der Mitte der Ausführungen steht das Gebet der Hingabe. Es folgt eine unüberbietbare Wertschätzung jedes von Gott bewohnten Menschen, der Tempel Gottes genannt wird. Krankenpflege, Pilgern, niedrige Dienste, öffentliche christliche Unterweisung von Kindern sind Beispiele für die Prüfung der Lebensentscheidung in dieser Etappe.
Überraschend entdeckte ich in den Exerzitien auf der Straße die Nähe zum schlichten Leben am Ursprungsort der Exerzitien in Manresa und den täglichen Aufbruch auf der Pilgerreise von Ignatius nach Jerusalem. Dies scheint mir ein besonderes Geschenk dieser Entdeckung zu sein, nach der Menschen ganz unterschiedlicher Prägung greifen und die Weite der Offenbarung entdecken.
Manche von uns nehmen regelmäßig als Übende oder Begleiter an kontemplativen Exerzitien teil. Sie spüren die Einheit zwischen den Exerzitienformen. Beide sind ausgerichtet auf die Betrachtung zur Erlangung der Liebe also auf das Leben mit dem Auferstandenen. Ihn auf den verschiedenen spirituellen Wegen zu entdecken ist ein Geschenk.
Voll Dankbarkeit erzählen die Übenden an vielen Orten von ihren Exerzitienerfahrungen: Im persönlichen Gespräch, in Gemeinden, in einer Obdachlosenzeitung, im Internet, in Büchern, mit Liedern, auf dem Symposium Geistliche Begleitung. Ein Filmprojekt startet. Die philosophische Dissertation von Susanne Szemerédy beschreibt die Exerzitienelemente und fordert dazu heraus, die interreligiöse Dimension wahr zu nehmen. Michael Schindler will 2014 in Tübingen eine praktisch-theologische Arbeit einreichen.
Durch einen Berufswechsel oder ein neues soziales Engagement wirkt die Neuausrichtung der Übenden in Kirche und Gesellschaft hinein. Das geistliche Suchen ist aus meiner Sicht mit einem Versteckspiel vergleichbar: Wie will mir der auferstandene Jesus heute begegnen? In welche Umkehr wird er mich rufen und mich aus abschirmenden privatisierenden Tendenzen befreien?

Fußnoten fehlen

Veröffentlicht in Geist und Leben 2014
87. Jahrgang – Heft 3 Juli/September 2014 (n. 472)
Inhalt der aktuellen Ausgabe
Der Ausbruch des ersten Weltkriegs vor 100 Jahren ist vielerorts Anlass für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Thema Krieg und Frieden: In GuL 3|2014 fragt Marie Madeleine Wagner OSB, Benediktinerin nahe Jerusalem, inwieweit die Psalmen Gebete für den Frieden sein können. Zeugnis gelebten Dienstes für den Frieden unter allen Menschen ist der Brief italienischer Trappistinnen in Syrien, den Albert Schmidt OSB übersetzt hat.
Eine weitere Übersetzung leistete Andreas Falkner SJ: Er stellt erstmals in deutscher Sprache einen Artikel zu Peter Faber zur Verfügung, den Michel de Certeau SJ in den 1950er Jahren geschrieben hat. Aus dem ignatianischen Themenspektrum enthält das Heft außerdem einen Beitrag zu Exerzitien auf der Straße (Christian Herwartz SJ) sowie eine Würdigung des ecuadorianischen Märtyrers Ignacio de Ellacuría SJ (Sebastian Pittl).
Wie hängen Spiritualität und Psychologie zusammen? Was bedeutet spiritual care? Diesen Fragen gehen Michael Utsch und Eckhard Frick in ihren Beiträgen nach.
Leben und Werk von Etty Hillesum, die 1943 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, nimmt Friederike Immanuela Popp in den Blick.
Abschließend berichten Manuela Steinemann und Christian Ströbele von zwei spannenden Tagungen: In Zürich ging es um Überschneidungen zwischen dem Heiligen und der Materialität. Die interreligiöse Lesart Meister Eckharts wurde in München diskutiert:

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