1998 Christian Herwartz Wie und mit welchen Menschen lebst du zusammen?

Auf diese Frage antworte ich spontan mit Erzählungen von unserer Wohngemeinschaft, in der ich mit Menschen aus vielen Ländern und vielen Lebenslagen zusammenwohne: Muslime, Christen, Distanzierte, Flüchtlinge, Obdachlose, Rauschabhängige, Suchende, Alte, Kranke,… Da haben die meisten Menschen – auch jene aus anderen gesellschaftlichen Schichten -Anknüpfungspunkte in ihrem Leben, über die sich ein Gespräch entwickeln kann.

Doch einen großen Teil meines Lebens verbringe ich auf der Arbeit. Wir Arbeitenden werden von manchen als „Arbeitsplatzbesitzer“ zu der wohlhabenderen Schicht in der Gesellschaft gezählt; manche politischen Menschen sehen uns als Handlanger von oft sehr fragwürdigen Geschäftsinteressen. Auch ohne diese Schablonen scheint mir das Leben mit meinen Arbeitskolleginnen und Kollegen kaum vermittelbar für Menschen zu sein, die nicht in solchen außerdemokratischen Betriebsstrukturen leben. Kollegen und Kolleginnen verstehen unsere Situation auf der Arbeit meist ohne viele Worte, auch über Ländergrenzen hinweg. Wir leben auf der Arbeit in einer Internationalität und nicht nur in einer globalen Konkurrenz. Wir kennen unsere oft ausgenutzte Abhängigkeit, die Mühen der Arbeit und den Stolz über unsere Leistungen. Ich habe dieses spontane gemeinsame Empfinden auch unter Gefangenen, unter Frauen, unter Homosexuellen bemerkt. Diese Einheit ist in einer gemeinsamen Lebenserfahrung begründet, in der viele angedeutete Situationen einfach verstanden werden. Ein Hungerstreik in Chile muß Gefangenen in Europa nicht umständlich erklärt werden; sie haben einen spontanen Zugang dazu. Dasselbe gilt für Berichte von einem Streik in einem anderen Land.

Nach den drei Jahren in Frankreich, wo ich in verschiedenen Betrieben und Berufen, als Ausländer unter Franzosen und Menschen aus vielen anderen Ländern gearbeitet habe, bin ich die letzten zwanzig Jahre im selben Betrieb in Berlin beschäftigt. Er gehört zu einem multinationalen Konzern, der in Berlin etwa 15000 Beschäftigte hat. Ich arbeite in einer Werkstatt mit etwa 300 Mitarbeitern, die ersten 15 Jahre als Dreher an einer konventionellen Drehbank und jetzt als Lagerarbeiter, der alleine für einen Bereich verantwortlich ist: Einlagerung, Kommissionierung, Inventur, … Es ist ein Palettenlager mit etwa 15000 unterschiedlichen Lagerpositionen. Die meisten Kollegen sind Deutsche – jetzt auch einige Ostdeutsche -‚ manche stammen aus Jugoslawien oder der Türkei.

Wenn ich anderen Jesuiten von meiner Arbeit als Dreher oder Lagerarbeiter erzähle, erscheint ihnen das oft wie ein Spiel oder wie eine Methode, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Mein eigentliches Leben muß doch etwas anderes sein. Wir kommen dann – von ihren Anknüpfungspunkten her – auf die Funktionen zu sprechen, die ich wahrgenommen habe: ja, ich bin in der Gewerkschaft, der IG-Metall, wohl der mitgliederstärksten in der Welt; ich bin in ihr Vertrauensmann und wurde für zwei Wahlperioden ins Berliner „Parlament“ meiner Gewerkschaft gewählt. Dabei entdeckte ich Fragen und Freunde über meinen kleinen Arbeitsbereich hinaus. Trotz wiederholter Aufforderung habe ich mich nicht in den Betriebsrat wählen lassen. Ich wollte im Betrieb mit meinen Kolleginnen und Kollegen möglichst unter gleichen Voraussetzungen leben und kein teilweise oder ganz freigestellter Funktionär werden. Meine Verantwortung sehe ich darin, daß ich mich auch ohne besonderen Schutz zu Wort melde und andere dazu ermuntere, es ähnlich zu tun.

Doch bis dahin war ein weiter Weg. Die ersten drei Jahre habe ich im Betrieb wohl kaum ein Wort gesagt, sondern gelernt besser zu arbeiten und zuzuhören. Dann war ein Konflikt mit dem Betriebsrat und ich konnte die Meinung unserer Gruppe zusammenfassen und vortragen. Das war ein großes Erlebnis für mich, aus dieser Gemeinsamkeit heraus reden und handeln zu können. Diesen Weg bin ich mit vielen Ängsten und Konflikten weitergegangen. Heute wird auf den großen Betriebsversammlungen von über 1000 Teilnehmer/innen darauf gewartet, daß ich mich zu Wort melde und aktuelle Themen anspreche. Und auch bei anderen Kämpfen – Warnstreiks, Demonstrationen – wird mir das Wort gegeben. Doch das sind Ausnahmesituationen und ich brauche meist mehrere Tage Einsamkeit in der Arbeit, um nach diesen öffentlichen Auftritten auf den Boden des Alltag zurückzukommen.

Was bedeutet dieser Alltag des Mitarbeitens und Mitlebens im Betrieb? Die Arbeit strukturiert unser Leben. Wir brauchen und dürfen nicht überlegen, wie in bürgerlichen Berufen weitgehend notwendig, wie, wann, wo wir unsere Arbeit gestalten. Wir sind einfach da: müde, mit Kummer oder Freude, übermütig oder mit Angst, egal, wir sind anwesend und sollen/wollen eine Leistung fachgerecht erbringen. Jeder hat seine Fragen mitgebracht; und ich kaue, wenn die Arbeit es zuläßt, auf meinen Problemen oft wie eine Kuh herum. Da ist die Arbeit ein meditativer Freiraum in meinem Leben. Ich werde müde und vieles wird einfacher. Manchmal kann ich auch über meine Probleme sprechen oder die von anderen hören.

Ich brauche auf der Arbeit nichts besonderes zu sein und vieles in den Beziehungen untereinander hat Zeit zu wachsen. Wir lernen mit unseren Schwächen zu leben. Sie bleiben in vielen Bereichen nicht verborgen. Aber die Glaubwürdigkeit wächst auch inmitten des Unkrautes. Viele sagen: Wir sind wegen unserer Unfähigkeit hier, sonst säßen wir in den Büros oder brauchten nicht zu arbeiten. Solche Sätze machen mich traurig. Aber sie geben das Lebensgefühl von vielen gut wieder. Sie fühlen sich als die Übriggebliebenen. Und auch für mich ist es wichtig, meine Schwäche nicht zu verbergen, über die ich ja auch an diesen Ort berufen wurde.

Es gibt auf der Arbeit nicht nur die mitgebrachten Fragen, die jeder schultert. Doch die – materielle – Verantwortung für die Familie und sich selbst kann nie ausgeblendet werden. „Habt ihr noch Arbeit?“ ist eine häufig gestellte Frage. Die Angst um den Arbeitsplatz ist ein individuelles und ein gemeinsames Problem. In der Metallindustrie sind in Berlin in den ersten vier Jahren nach der Wende (1990) über 100000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Kaum einer von uns hat die Chance in seinem Beruf wieder Arbeit zu finden, wenn er arbeitslos wird. Teile des Unternehmens wurden – wie es zur Zeit auf Druck der Aktionäre modern ist – als eigene Betriebe ausgegliedert. Häufig gibt es sie heute nicht mehr. Viele Kollegen sind schon bei der Ausgliederung arbeitslos geworden. Alle hatten Lohnverluste und mußten auf Absicherungen verzichten, länger arbeiten, usw. Manchmal konnten wir mit viel Engagement Schlimmeres verhindern.

In diesen Kämpfen werden Beziehungen gefestigt, Hoffnungen ausgesprochen, aber auch Resignation deutlich. Mir fallen dabei besonders die Kollegen aus dem Osten Deutschlands auf Wie damals bei den Kollegen, die sich nicht in der Gewerkschaft organisierten, weil ihr Vertrauen unter den Nationalsozialisten einmal mißbraucht wurde, geht es jetzt diesen Kollegen aus der ehemaligen DDR ähnlich. Das Wort Gewerkschaft hat für sie keinen positiven Klang mehr. Auch wird die gewerkschaftliche Erfahrung nur selten an die Jüngeren weitergegeben. Mir fällt es schwer die damit verbundenen Spaltungen auszuhalten und nicht darüber blind wütend zu werden.

Auch die gegenüber den Vorgesetzten geschwätzigen Kollegen verärgern mich. Sehen sie die Struktur des Unrechts im Betrieb nicht? Ich habe viele Fragen an die Kolleginnen und Kollegen. Ebenso können sie meist meinen mangelnden Nationalismus, mein Nichtabgrenzen von Gefangenen, Obdachlosen, Linken politischen Gruppen, Drogenabhängigen, Asylsuchenden, … nicht verstehen und vermeiden den Konflikt bei diesen Themen mit mir. Ich spüre schmerzhaft den schwer zu überwindender Graben zwischen meinem Wohn- und Arbeitsbereich, diesen beiden Welten zwischen denen ich täglich unterwegs bin.

Auf der Arbeit wird mir besonders bewußt, wie jeder von uns irgendwo der Struktur des Geldes widersteht, aber ihr auch verfallen ist. Das zu entdecken ist für mich der Weg, die Würde vieler zu ahnen. So missionieren mich die Kollegen. Ich sehe meinen Unglauben und brauche ihn nicht schnell zu verbergen. Auch bei mir gibt es die Versuchung, die Arbeit zeitweise nur als Job zum Lebenserhalt unserer Wohngemeinschaft zu sehen oder mich so in Arbeitsabläufe hineinzusteigern, daß ich für die Gnade nicht mehr offen bin, mich durch meine Kollegen ansprechen zu lassen.

Unter ihnen Gott zu entdecken, war der mich dorthin treibende Wunsch und ist es heute noch.

In diesem Suchen ist jedes Jahr trotz der „Großwetterlage Kapitalismus“ für mich persönlich ganz anders und jeweils voll neuer Entdeckungen. Die Produktionsabläufe, das eigene fachliche Können, die Einbindung in die Fragen der Zielorte der Produkte, die Firmengeschichte besonders in der Zeit des Dritten Reiches, die immer neuen Kämpfe, die gewerkschaftliche Verbundenheit und Organisation, die fachliche, gewerkschaftliche, betriebliche Sprache und die Übersetzungen, die Fragen und Kulturen der Herkunftsländer meiner Kolleginnen und Kollegen, die neuen Fragen der Lehrlinge, Leiharbeiter‚ die Auswirkungen der „großen“ Fragen vor Ort (Neoliberalismus, Aktienrenditensteigerung, Zusammenbruch der 2. Welt, der staatliche und betriebliche Sozialabbau,…) und vieles mehr.

Es gibt für mich kein Antwortschema mehr und auch nicht, wie ein Ordenspriester dort zu leben hat. Die eigenen Talente – der Kommunikation, der Schriftstellerei, der Organisation, der Kontemplation, … -‚ die Arbeitssituationen, die Kollegen sind sehr unterschiedlich und fordern je eigen zum neuen Hinhören, Suchen und gemeinsamen Handeln heraus. Aber ich hoffe, daß es für jeden von uns Menschen im Betrieb einen Weg der Befreiung, einen persönlichen, einen einsamen, aber auch einen gemeinsamen, einen kollektiven gibt, der ungerechte Strukturen in sich zusammenstürzen läßt.

Mauern müssen fallen.
Ja Mauern, Gefängnismauern müssen auch im Betrieb und um ihn herum fallen. Trotz aller Freude an der Arbeit, ist das Thema Gefangenschaft für mich eng mit meinem Arbeitsleben verknüpft. Wir sind gefangen in Wirtschaftsstrukturen, die demokratische Ansätze in der Gesellschaft aushöhlen. Das ist im Betrieb schwer zu thematisieren, weil eine Änderung kaum in den Blick kommt. Außerdem wird uns mit Entlassung oder auch mit Gefängnis gedroht, wenn wir uns engagieren. Diese Möglichkeit wurde für mich im letzten Jahr real. Wegen einer Gewerkschaftsdemonstration vor unserem Werkstor bin ich 10 Tage schuldlos ins Gefängnis gegangen. Da habe ich erlebt, was die Solidarität der Kolleginnen und Kollegen bedeuten kann. Sie eröffnet Perspektiven, schenkt Mut und Freude. Diese Erfahrung ist nicht alltäglich, aber zentral für die Erfahrung des Mitlebens auf der Arbeit.

Neapel 1998, Beitrag auf einer internationalen Tagung von Jesuiten