2008 Christian Herwartz „Wer in Christus eintaucht, taucht bei den Armen auf“ – Warum geschieht das nicht immer?

Lernen, äußere und innere Wege zu gehen

Staunend sehen wir einem Kind zu, wenn es Laufen übt. Immer wieder fällt es, aber es stellt sich neu auf und wird sicherer. Wir kennen alle den inneren Impuls, etwas lernen zu wollen. Auch wenn wir müde werden, begleitet uns weiter der Hunger nach einer größeren Fertigkeit oder einem besseren Wissen. Alte Vorstellungen müssen beiseite gelegt, ja, oft gegen viele Widerstände überwunden werden.

Auf dem Weg des Lernens finden wir Vorbilder, an denen wir uns nachahmend orientieren. Wir sehen bei ihnen etwas, das wir uns aneignen wollen. Anfangs lernen wir dabei eher äußerlich: eine Turnübung, das Erkennen von Zahlenfolgen oder bescheiden zu leben. Wir ahmen etwas nach, wir kopieren das, was wir für erstrebenswert halten. Auch wenn wir später über einzelne Schritte auf unserem Weg schmunzeln, so waren sie doch Etappen unseres Suchens nach dem eigenen Leben. Dem sind wir jeweils näher gekommen, wenn uns mitten im Nachahmen ein inneres Lernen geschenkt wurde. Dieses Entdecken und Staunen ist ein Verkosten der inneren Zusammenhänge. Zuerst bemerken wir vielleicht einen Gedankenblitz, ein ahnendes Weinen oder eine „unbegründete“ Fröhlichkeit. Die Tür ist geöffnet, durch die wir gehen dürfen. Diese Momente erleben wir als Sternstunden des Lebens.
Die eigene Armut entdecken

Auf dem Weg des Lernens stoßen wir häufig auf unser Unvermögen. Wir fühlen uns steif, begriffsstutzig, wenig begabt oder benachteiligt. Manchmal bleiben wir im stillen Jammern hängen und können uns kaum gegen die aufkommende Wut in uns wehren. Über Schuldzuweisungen oder Vergleiche mit den Bevorzugten geraten wir immer tiefer in den Keller unserer Gefühle. Keiner kennt unsere Armut besser als wir selbst. Meist verdecken wir sie schnell wieder, da wir uns ihrer schämen.

Jesus lädt uns ein, unsere Armut nicht zu verstecken, sondern sie auszusprechen. Die Hilfesuchenden fragt er: „Was wollt ihr?“ (Mt 20,32; Jo 5,5) Er ist gekommen, denn „nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ (Lk 5,31) Doch bis zu diesem einfachen Schritt in die Offenheit stoßen wir auf viele innere Widerstände. Oft wollen wir im Schein der Wirklichkeit, im äußeren Glanz bleiben, in dem wir eingeübt sind. Wir haben lange Verhaltensweisen nachgeahmt, die wir für anerkannt hielten. Wir sehen den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, deren Armut sichtbar ist. Das erschreckt uns.

Jesus hat seine Armut nicht verborgen. Doch ihn haben wir trotz seines oft unmöglichen Verhaltens gegenüber den anerkannten Menschen in seiner Gesellschaft, wie Schriftgelehrte oder Pharisäer, und seiner materiellen Armut auf einen inneren Sockel gesetzt, damit er viel größer ist, als wir uns selbst wahrnehmen. Jesus lädt dazu ein, uns nicht zu verbergen, sondern uns von ihm und der Gesellschaft ansehen zu lassen. Unsere Armut wird dann zur Chance. Das Gefängnis des Nichtkönnens wird aufgebrochen und wir lernen Schritte in einer wachsenden Freiheit zu gehen. Diese Lebenswende wird allen angeboten, doch keiner kann in jedem Moment danach greifen. Oft bleiben wir trotzig jammernd in der Gefängniszelle sitzen, obwohl die Tür entriegelt ist oder sogar schon offen steht. Die Zelle wird dann geradezu als Hotel wahrgenommen und die erhoffte Freiheit wird zurückgewiesen. Das Unbehagen, in der eigenen Armut gesehen zu werden, blockiert unser Leben. Sie wird in den ersten Texten der Bibel beschrieben: Adam und Eva hatten Angst, dass Gott sie in ihrer Nacktheit sieht (Gen 3,10).

Wenn wir uns in unserem Unvermögen und in unseren außergewöhnlichen Lebenslagen selbst liebevoll ansehen und von anderen ansehen lassen, dann ergreifen wir eine große Chance auf dem Weg zum Leben. Wir können die Einheit mit vielen Menschen und mit Gott entdecken lernen. Manche Schritte auf diesem Weg fallen leichter, wie das Bett bei einem Fieberanfall zu hüten oder im Krankenhaus nach einem Sportunfall zu liegen. Wir spüren die Gemeinsamkeit mit anderen und hoffen auf Heilung. Andere Krankheiten oder soziales Fehlverhalten führen zu gesellschaftlicher Ächtung. Sich mit ihnen zu zeigen, kommt einem coming out gleich, wie es Menschen durchlaufen, die sich nicht heterosexuell angezogen fühlen.

Jesus lädt dazu ein, uns in dieser vorbehaltslosen Weise gegenüber Menschen des Vertrauens zu öffnen. Doch dieser Schritt hinaus aus den unterschiedlichen Verstecken, diesen Gräbern mitten im Alltag, in denen wir häufig gut funktionieren, ist sehr von Angst besetzt. Der angesehene Pharisäer Nikodemus konnte nur nachts zu Jesus kommen (Jo 3,1). Dieser erste Schritt noch im Verborgenen ist der Anfang auf einem vielleicht langen Weg des Vertrauens.

Das Zeigen der Armut, das eigene coming out, kann nicht verordnet werden. Aber Jesus bittet darum, weil dieser Schritt in die Barmherzigkeit Gottes entscheidend ist. Wenn wir sie erfahren haben, dann können wir sie auch anderen erweisen. Am barmherzigen Handeln können wir spirituelle Menschen erkennen. Ihre Klarheit und Gerechtigkeit verliert diesen Boden der Barmherzigkeit nicht, auf den wir mit unserer Armut auch angewiesen sind. Auf ihm kann unser Jammern verstummen, weil wir uns angenommen wissen. Auf ihm wissen wir um die Grenzen des Denkens und fühlen unseren Atem und unser Herz, das ohne jedes Vergleichen mit anderen das uns geschenkte Leben spürt.

Wenn wir uns ganz in unserer Armut ansehen lassen, dann gehen wir weiter auf dem Weg des Lebens auch mit Jesus, dessen Leiden besonders am Kreuz für alle sichtbar wurde. Nach und nach werden unsere Augen für das Leid und die Freuden anderer Menschen geöffnet und wir können mit unseren Talenten in der Einheit mit ihnen wachsen. Auf dem Weg des inneren Lernens warten wir auf das Öffnen der Tür, die uns darauf hinweist, wo wir mit unseren Fähigkeiten gebraucht werden. Anfangs vernehmen wir den Ruf zu einer neuen Etappe unserer Menschwerdung meist nur leise. Dieses Hören ist die Hoffnung jedes geistlich offenen Menschen.
Widerstände

In die Geschichte seines Volkes tauchte Jesus ein, sagte Ja zu Gottes Weg mit ihm und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Jesus zeigte sich und er wurde gesehen von seinem Verwandten Johannes, von vielen Menschen und auch von dem mitziehenden Gott (Mt 3,13-17; Lk 3,21f). Jesus spürte die Kraft, die ihm durch diesen Schritt in die Einheit geschenkt wurde und konnte anschließend 40 Tage in der Wüste fasten. Dadurch trat er aufs Neue in die Geschichte seines Volkes ein, das auf seinem Glaubenskurs nach der Befreiung aus Ägypten 40 Jahre durch die Wüste geführt wurde. Lukas berichtet von drei Widerständen, mit denen Jesus in dieser Zeit kämpfte (Lk 4,1-13). Mit ihnen müssen wir uns wohl alle auf unseren Wegen auseinandersetzen:

1. Jesus wird eingeladen ausschließlich den Weg des Helfens zu gehen und Steine in Brot zu verwandeln. Die materielle Versorgung soll das Leid der Menschen überwinden. Sie ist unbedingt nötig. Doch wir kennen auch die Gefahr, wenn Menschen sich über jene erhaben fühlen, denen sie helfen wollen. Dann werden Hilfsbedürftige funktionalisiert und die Helfenden, die für sie da sein wollen, brennen innerlich aus. Die Einheit aller Menschen als Arme vor Gott wird nicht weiter erlebt und geht nach und nach verloren. Dann lockt die in der Gesellschaft herrschende Ideologie der Geldvermehrung, den Weg der Gemeinsamkeit zu verlassen. Um Ruhe zu finden, suchen wir manchmal eine spirituelle Nische auf. Aber der Weg des Lebens wird damit gespalten in heile und unheile Zeiten.

2. Ebenso verweigert Jesus den Weg der Macht. Auf ihm würde er sich von uns trennen und uns zu verstehen geben, dass wir an unserem Leid selbst Schuld seien und nur mit Gewalt – also nur gegen unseren Willen – glücklich werden könnten. Doch Jesus achtet unsere Freiheit und will nicht für sondern mit uns solidarisch den Weg ins Leben zum Vater gehen. Dieses Mitgehen ist für uns Menschen oft schwer verständlich und wird zurückgewiesen. Lieber stellen wir Jesus auf einen Sockel, sprechen ihm sein Menschsein ab und distanzieren uns mit großen Worten und viel Goldumrahmungen von ihm. Unser Handeln verliert den Bezug zu Gott und den Armen unter uns. Wir fühlen uns mit vielen anderen erhaben über sie und versuchen damit unsere eigene Ohnmacht zu verbergen.

3. Auch den Weg des Artisten oder Schauspielers, der auf den Beifall der anderen hofft, will Jesus nicht gehen. Er will Mensch sein, der auch in n Etappen zu lernen hat. Er will kein Idol werden.

 

An dieses dreimalige Nein Jesu werden wir in der Zeit der Taufvorbereitung erinnert. Nur wer das Neinsagen gelernt hat, also um die Unterscheidung von Lebenszerstörendem und Lebensförderndem weiß, kann den Weg der Glaubensunterweisung weiter gehen. Selbst bei der Kindertaufe ist deshalb das dreimalige Fragen nach den Kräften, denen wir widersagen wollen, erhalten geblieben. Das Widersagen ist der Boden des Entdeckens, auf dem wir unser dreimaliges Ja zum Leben sagen können. Deshalb ist es ein großes Geschenk, wenn die Katechumenen ihr Nein zu den Lebensbedrohungen sagen können.

Auf den spirituellen Wegen gehen wir diesen katechumenalen Weg nochmals nach und versuchen uns der Taufgnade mehr zu öffnen. Finden wir zu unserem persönlichen Widersagen, dann können wir die Einheit mit Gott entdecken, der als Armer unter uns lebt. Wir erleben uns als Arme vor ihm. In der Bergpredigt wird diese Haltung von Jesus gepriesen. (Mt 5,3) Wir brauchen uns nicht mehr hinter oft lächerlich wirkenden Mauern verbergen, hinter scheinbaren Wichtigkeiten oder unserem Dünkel. Unsere Scham ist kein Hindernis mehr. Wir können uns von der Liebe Gottes ansehen lassen.
Verschiedene geistliche Wege

Oft sind Menschen in die Wüste gegangen, um dort die Begrenztheiten ihres Alltags zu überwinden, die sie vom Leben und von Gott trennten. So gehört es z.B. zur Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka, sich bedeckt von einem Leichentuch einen Tag auf einen Wüstenberg vor Gott zu stellen und ihr Leben von der eigenen Todesstunde aus anzusehen.

Viele Christen pilgern nach Jerusalem, nach Santiago de Kompostella oder an einen anderen Ort der Geschichte und gehen dabei den Weg nach innen. Sie begegnen ihrer eigenen Armut und finden Gemeinschaft mit anderen Menschen auf dem Weg.
Franziskus umarmte einen Aussätzigen und fand in ihm Christus. Doch in unserem Alltag reißt uns oft die Angst weg von diesen Höhepunkten unseres Lebens. Wir beginnen wieder zu vergleichen, zu bewerten und verbergen die eigene innere Armut.
Andere spirituelle Wege zeigen direkt auf den Dienst an Kindern, Kranken, Hungernden, Gefangenen und anderen Ausgegrenzten. Für diese Zuwendung brauchen viele keine besondere Begründung. Erst in Krisenzeiten beten sie dann um eine neue, zweite Ausrichtung ihres Lebens. Hier können sie dann in ihrer Armut auch in ein anderes Zeugnis der Liebe Gottes unter uns geführt werden: in ein kontemplatives, zurückgezogenes Leben oder ein deutlich verweigerndes Nein gegenüber ungerechten Situationen.

Seit dem Jahr 2000 lädt eine Berliner Gruppe, Ordensleute gegen Ausgrenzung, in mehreren größeren Städten dazu ein, an Übungen zu größerer Aufmerksamkeit teilzunehmen. Bei ihnen wird mitten im Alltag Heilung von inneren Blockaden und größere Offenheit für den Ruf des Lebens gesucht. An ganz unterschiedlichen Orten in der Stadt, wie vor einem Gefängnis, an einem Fluss oder in einem Krankenhaus, kommen die Teilnehmenden ins Staunen. Ähnlich war es auch Mose vor einem brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch (Ex 3) ergangen. Er zog dort seine Schuhe aus, weil Gott mit ihm sprechen wollte. Dieser Gott zieht mit uns, er stört oft unsere Vorstellungen und lädt uns ein, in seiner Liebe Neues zu sehen und daran zu wachsen. Dann wird eine obdachlose Frau, mit der ich auf einer Bank sitze, oder ein drogenabhängiger Mann, neben dem ich vor einer Suppenküche stehe, trotz all meiner Ängste nach einiger Zeit zur Schwester oder zum Bruder, in dem mir Christus begegnen will. Bei den Exerzitien auf der Straße, wie diese Kurse jetzt genannt werden, macht jede und jeder ganz persönliche Erfahrungen der Nähe zum Leben und spürt darin einen Anruf Gottes. Diese Erfahrungen begleiten die Teilnehmenden dann an den verschiedenen Orten ihres Alltags und lassen sie auch dort Neues sehen. Die Geschichte dieses Suchens ist beschrieben in: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen – Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006. Termine, Erfahrungen, Reflexionen, Übersetzungen finden sich unter: http://www.con-spiration.de/exerzitien

Geschrieben für die Zeitschrift GEIST.VOLL Wien 3/2008

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