2009 Christian Herwartz, Was ist für mich beim Thema Priester wichtig geworden?

Der Ausgangspunkt, mein Fundament

In Anlehnung an die Versuchungsgeschichte Jesu, die dem öffentlichen Wirken vorausgeht und in Erinnerung an den Exorzismus in der Taufvorbereitung nenne ich zuerst mein Nein, mein Widersagen: In der Taufe wurde uns eine Würde zugesprochene und in der Salbung mit Chrisam hervorgehoben. Wir wurden in das König-, Propheten- und Priestersein Jesu mit hineingenommen. Diese Würde ist durch keinen Dienst oder Zugehörigkeit zu einer speziellen Kaste überbietbar. Der Versuchung, hinter dieser Zusage Gottes zurückzubleiben, will ich widersagen.

Eine vielleicht typisch religiöse Versuchung ist es, besser als andere sein zu wollen (Pharisäer-Zöllner-Erzählung im Tempel) oder auf die scheinbar Besseren / Heiligeren auf zu blicken und dabei eigene Verantwortung abzugeben. Diesen Sog der praktischen Distanzierung von der Botschaft Jesu in vielen kirchlichen Beziehungen nenne ich klerikales Suchtverhalten, das mich oft an die Entmündigung auf Führungspersönlichkeiten hin im faschistischen Umfeld erinnert. Die Mehrheit der Gläubigen wird dabei zu „Laien“. Schon diese Wortwahl widerspricht der Botschaft des Evangeliums, die uns in unserer individuell geschenkten Würde vor Gott als Gleiche stehen lässt. Jesus hat die religiösen und gesellschaftlichen Grenzen zu den Zöllnern und Sündern und allen anderen Ausgegrenzten immer wieder überschritten und diese Gleichheit mit ihnen in vielen Gastmählern ausgedrückt. Für diese Grenzverletzungen aus der Sicht der Autoritäten ist er selbst ausgegrenzt und hingerichtet worden.

Die Konzilstexte sprechen an verschiedenen Stellen von dieser Gleichheit unter uns Geschwistern, von unserem königlichen Priestertum, das wir als Einzelne und als ganzes Volk Gottes leben dürfen.

Der priesterliche Aspekt unserer menschlichen Würde ist ein Sammelbegriff

Als einen entscheidenden Aspekt der priesterlichen Begabung aller Gläubiger sehe ich das Erinnern durch Wort und Tat. Es ist ein Gegenwärtigsetzen der empfangenen Lebensimpulse und aller damit verbundenen Erfahrungen bis hin zu der Befreiung aus Ägypten (wie immer diese Sklaverei von Einzelnen genannt wird) und der Begegnung mit Jesus, der als Auferstandener unter uns lebt. Die ZeugInnen des Glaubens an die Gegenwart und Berührbarkeit Gottes sind als „Erinnerer“ in der Kirche mit apostolischer Vollmacht eingesetzt. In diesem Sinn werden die geweihten Priester im letzten Konzil ermahnt, alle Gläubigen an ihr königliches Priestertum zu erinnern, so dass der zentral gesagte Satz „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ mit Leben erfüllt ist.

Christen dürfen als in der Taufe gesalbte königliche PriesterInnen auf die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes hinweisen. Uns allen ist diese Seite Gottes anvertraut, sie im Kontakt zu unseren Nächsten zu praktizieren. Wir alle dürfen den Weg der Befreiung gehen und unsere Mitmenschen um Verzeihung bitten und sie ihnen im eigenen und auch in Gottes Namen gewähren. Dieses verantwortliche Tun jeder/s Einzelnen soll durch die geweihten Priester gefördert und im sakramentellen Stehen vor Gott mit unserer eigenen Schuld erneuert werden.

Ein zentraler priesterlicher Aspekt gläubiger Wahrnehmung und Handlungsweise ist es, das Gute der Schöpfung zu sehen und anzusprechen, es zu segnen. Oft müssen wir uns dazu von herrschenden und Gewalt verherrlichenden Sichtweisen lösen um zu dem Blick Gottes zurück zu finden, dass alles von Ihm Geschaffene gut ist. Auch dazu soll der geweihte Priester durch sein Verhalten und in der Liturgie durch Danksagung und Segen ermutigen.

Viele Aspekte sind noch aufzuzählen, die einer gegenseitigen priesterlichen Ermutigung im Zusammenspiel der königlich/prophetischen/priesterlichen Begabung aller Menschen bedürfen. Besonders erinnere ich an den friedensstiftenden und den missionarischen Auftrag.

Jesus als Täter und Opfer steht im Mittelpunkt und lädt uns ein

In unserem königlichen Priestertum sind wir alle aufgefordert, uns Gott gegenüber zu stellen, der in Jesus unter uns handelt und zum Opfer menschlicher Ausgrenzung geworden ist und immer neu wird. Die Versuchungen sind vielfältig, diese Realität nicht an uns herankommen zu lassen. Einige Aspekte möchte ich aufzählen:

      – Oft machen wir Jesus zu einem Übermenschen, der zusätzliches göttliches Wissen einsetzen kann oder den Ratschluss Gottes voraus gesehen hat. Dabei übersehen wir seine Einladung, dass er uns als Söhne und Töchter Gottes angenommen hat. Dieses Leben gegenüber und mit Gott sprengt in uns all unsere Vorstellungen des Besitzens und der Macht. Jesus ruft uns in die befreiende Einheit mit ihm. Sie gibt kein rationales Zusatzwissen, aber öffnet uns für das Leben im Vertrauen auf seine größere Gerechtigkeit, auch wenn der Weg durch Einsamkeit, durch schmerzhaften „Gottes- und Heimatverlust“ oder Tod führt. Jesus hat viele solche Situationen erlitten.
      – Jesus hat die Gefahr des Scheiterns voraus gesehen und ist den Weg der Wahrheit weiter gegangen. Oft hat er die Menschen seiner Umwelt geradezu provoziert, damit sie ihre menschliche Enge wahrnehmen („Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?“ „übertünchte Gräber“, umgeworfene Tische) und zur Umkehr finden. In der Erinnerung an Jesus brauchen wir priesterliche Menschen, die heilende Provokationen leben und uns aus der einschläfernden Harmoniesucht herausrufen, die wir in vielen menschlichen Beziehungen antreffen: „Ich tu dir nichts und du tust mir nichts.“ In dieser „hohen“ Diplomatie verfliegt der Geist der Frohen Botschaft. Denn auf dem Weg der Heilung weisen die Schmerzen den Weg. Wir brauchen den Dienst der Störung, diesen Hinweis auf Situationen, in denen Gott/die Menschlichkeit/die Offenheit – für andere und mich selbst – beiseite geschoben werden. Jene, die sich von der Not anderer nicht abwenden und nicht nur das Handeln der Autoritäten einfordern, werden oft mit den beiseite Geschobenen selbst zu Opfern. Sie haben sich zu Jesus gestellt, der neu zum Opfer wird und uns herausfordert die Gerechtigkeit Gottes zu ahnen.
      – Wenn wir Jesus in seiner ganzen Gegenwart gestern und heute gegenübertreten und uns an ihn auch liturgisch erinnern, ihn also gegenwärtig sein lassen, dann treten wir ihn Beziehung zu der Gnade der Opfer. Jesus ist zum Opfer geworden. Durch Verleugnung der Einheit mit unserem Vater oder andere Formen der Flucht hat er sich nicht dem gewaltsamen Tod entzogen. Jesus selbst steht uns heute wieder in allen Opfern menschlicher Kälte und Gesetzlichkeit als Einzelne und unseren Gemeinschaften/christlichen Kirchen gegenüber.
      Die Gnade der Opfer ist die nicht einforderbare Gunst der Vergebung. In unserer königlich-priesterlichen Verantwortung dürfen wir sie nicht zur billigen Gnade wohlfeil für jeden Täter verkommen lassen. Der Schmerz der Opfer darf nicht verhöhnt werden. Die geweihten Priester bleiben in der Wertschätzung des Opfers Jesu, wenn sie sich unter den Tätern wiederfinden und um Verzeihung bitten und wenn sie die Einheit mit den Opfern heute suchen und sie vor Verspottung schützen. Eine Kirche ohne den Schmerz der Armen, Kranken, Gefangenen, Fremden wäre nicht die Kirche Christi. Diese Erinnerung ist immer neu nötig in Ehrfurcht vor dem Schmerz Jesu, von dem wir uns die Gnade des Verzeihens neu erhoffen.
      – Der regelmäßige Gottesdienst vor der Gegenwart Jesu in einem Abschiebegefängnis habe ich als Ort der Erneuerung erfahren. Hier konnte ich neu Beziehung mit dem Opfer Jesu aufnehmen. Dies ist ein Ort der Gegenwart Gottes unter uns. Solche Orte aufzusuchen und seine Repräsentanten unter uns zu bemerken, gerade wenn sie unsere Vorstellungen wie Jesus provokant in Frage stellen, ist für mich der befreiende Weg des Evangeliums, in dessen Dienst ich mich durch die Priesterweihe in einer besonderen Verantwortung gerufen fühle und von der Kirche in der Nachfolge Christi angenommen worden bin. Sie ist meine Ausgestaltung der empfangenen Würde in der Taufe.
      Ich darf Menschen bei der Suche ihrer Würde assistieren. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei der Assistenz zwei Menschen, die sich gegenseitigen das Ehesakrament spenden, weil sie sich in Gott verbunden wissen. Sie werden auf dem Weg zu ihrem gegenseitigen liebenden und an der Schöpfung teilnehmenden Ja vom Priester gefragt, ob sie ihren Bund freiwillig eingehen (er soll ja eine Bindung hin zur größeren Freiheit sein), er bis zu ihrem Tod andauern (wie die Zusage der Liebe Gottes, die sogar über den Tod hinaus geht) und fruchtbar sein soll (und damit auch einen Egoismus zu zweit überwindet).
      Diesen Dienst am anderen, der exemplarisch an diesem Beispiel deutlich wird, ist für mich im Dienst eines geweihten Priesters entscheidend. Je mehr ich in Einheit mit allen Menschen in ihrem königlichen Priestertum bin und mich nicht abgrenze, desto mehr fühle ich mich in Einheit mit dem Verhalten Jesu, der mir als Hungriger, Durstiger, Kranker, Heimatloser, Gefangener … begegnen will.
    – Das Verhalten der Christen in den unterschiedlichen Kirchen und Gemeinschaften ist oft kein lebendiges Zeugnis der Botschaft Jesu, weil viele ein träges Herz (Lk 24,25) haben und nicht hören können und Ausgrenzendes häufig nicht sehen wollen. Sich von diesem Verhalten besonders als geweihter Priester still und im richtigen Moment auch deutlich mit Worten und Taten zu distanzieren, ist für mich ein Erkennungszeichen gläubigen Verhaltens. Durch die Versuchungen, den Glauben vor allem in Äußerlichkeiten zu zeigen oder sich hinter Richtigkeiten zu verstecken, sind groß. Darüber kommt es vielleicht zu Belobigungen aber nicht zu der Vollmacht, aus der Jesus gesprochen und gehandelt hat.

 

In der Menschwerdung wachsen

Ohne andere Lebensformen beiseite zu schieben, war und ist mir wichtig in einer Lebensgemeinschaft meine priesterlich sakramentale Berufung zu leben. Hier erfahre ich das Unbehaustsein, das mich an die landlosen Leviten in Israel erinnert, die mitten im Volk auf den nicht zu besitzenden Gott hinwiesen. Unser Pilgern kann ein ähnliches Zeichen des Vertrauens auf die überall gegebene Anwesenheit Gottes sein. Ich weiß mich in einer über mich hinausweisenden Weltkirche und einer sozialen, gesellschaftlichen Wirklichkeit eingebunden. In ihr entdecke ich meinen Weg der Menschwerdung, in der hoffentlich die Menschwerdung Gottes greifbar wird. Im „Dekret über Dienst und Leben der Priester“ (Absatz 2) steht zusammenfassend: „Das Ziel also … ist die Verherrlichung Gottes des Vaters in Christus.“ Unser menschliches Leben realisiert sich – oft unwissend – in der Begegnung mit dem Auferstanden.

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