2000 Christian Herwartz u.a. Hineingezogen werden in eine fremde Welt – Mission in Berlin

Drei Jesuiten aus unterschiedlichen Kommunitäten in Berlin erzählen von ihren Erfahrungen.

Klaus Mertes schreibt:

Seit sechs Wochen bin ich Leiter eines mittelständischen Betriebes. Die Verantwortung für ca. 90 Arbeitsplätze zwingt mich dazu, einen neuen Beruf zu erlernen. Vorher war ich Lehrer, und ich bleibe es auch noch ein bisschen – mit 10 Unterrichtsstunden pro Woche. Ich will aber jetzt nicht auf meine Erfahrungen mit Jugendlichen, Kollegen und Eltern, mit der Lehrtätigkeit, mit der Katechese und mit der „Glaubensverkündigung“ im engeren Sinne des Wortes eingehen – natürlich ließe sich da vieles unter dem Stichwort „Mission“ sagen -, sondern auf meine neue „Sendung“, die mich in die neue Verantwortung gebracht hat.

Der neue Alltag
Die neuen, fremden Fragen, mit denen ich mich nun auseinandersetzen muss, lauten: Finanzen sichern, verteilen und herbeischaffen; am gesellschaftlichen Verteilungskampf teilnehmen, etwa: wegen Kürzung der Gelder im Bildungsbereich politisch und juristisch mit dem Berliner Senat kämpfen; Kolleginnen und Kollegen anstellen; Verträge abschließen, verlängern oder nicht verlängern; Spender suchen, pflegen und gelegentlich auch Konflikte mit ihnen riskieren; Feste und Feierstunden organisieren; Personal führen; Verfahren für die innerbetriebliche Kommunikation und für Entscheidungsprozesse einrichten; mit dem Personalrat verhandeln; Gremienarbeit; Öffentlichkeitsarbeit, und vieles andere mehr.

Wenn Mission bedeutet, in die Fremde zu gehen, dann ist diese Tätigkeit derzeit meine hauptsächliche missionarische Arbeit. In der Fremde gilt es, die Spuren Gottes zu entdecken und sich in sie hineinzubegeben. „Sendung“ ist in der Bibel etwas, was nicht aus dem eigenen Willen kommt, sondern aus dem Willen eines anderen. Dass ich offensichtlich „gesandt“ und nicht selbst los geprescht bin, erlebe ich an meinem gelegentlichen Widerwillen, nun in dieser Fremde leben zu müssen, zu sollen. Der Versucher sagt mir dann: „Das ist doch nicht das Eigentliche – sich mit solchen Dingen zu beschäftigen.“ Doch, es ist zur Zeit mein „Eigentliches“. Es ist meine Sendung.

Wo sind die Spuren Gottes in dieser Fremde? Ganz vorsichtig, nach sechs Wochen, will ich eine nennen: Hinter den meisten komplexen Fragen, die mir die betriebliche Realität stellt, verbirgt sich die Frage nach der Gerechtigkeit. Auf Grund der gesunkenen Refinanzierung durch den Senat mussten wir Mitte des Jahres die Ruhegeldordnung für unsere Angestellten umstellen. Aus der Umstellung ergaben sich für einige Angestellte Vorteile gegenüber der alten Ordnung, für andere aber auch Nachteile. Das führte zur Frage an den Arbeitgeber, ob er die entstandenen Nachteile ausgleichen könne – zum Beispiel im Falle der Weiterzahlung der Arbeitgeberbeiträge in der Zeit des Erziehungsurlaubes. Mein Herz stand auf der Seite der schwangeren bzw. erziehenden Frauen; es sagte mir jedoch zugleich, dass die Abkehr vom Prinzip, Arbeitgeberbeiträge nur auf tatsächlich geleistete Arbeit zu zahlen, gravierende Folgen nach sich ziehen würde, die den Kollegsbetrieb überfordern würden: neue Gerechtigkeitsfragen, auf die ich mich dann auch einlassen müsste.

Ich will das Problem hier nicht im Einzelnen entfalten. Es kommt mir vielmehr darauf an zu sagen, dass sich in dieser wie in vielen anderen Entscheidungssituationen die Frage nach der Gerechtigkeit verbirgt. Das ist die Spur Gottes, die ich in diesen verzwickten Problemen entdecke. Wie definiere ich die Gerechtigkeit? Lasse ich mich auf die Frage nach der Gerechtigkeit überhaupt ein? Wie hängen die Alterssicherungsinteressen einzelner Kolleginnen und Kollegen und meine Verantwortung für den Kollegsbetrieb als wesentlicher Beiträger für die Alterssicherung aller Kolleginnen und Kollegen miteinander zusammen? Und plötzlich entdeckte ich in dieser Fragestellung eine Freude: Die Freude darüber, überhaupt mit einer Frage nach Gerechtigkeit konkret konfrontiert zu sein. Beschäftigt sich Gott in der Tora nicht auch mit ganz vielen konkreten Detailfragen? Sind die großen, allgemeinen Gebote der Tora nicht eigentlich nur die Überschriften zu einer unübersehbaren Menge an konkreten Fragestellungen, in denen sich die Gerechtigkeit der Tora konkret bewähren und im konkreten Leben zeigen muss?

Und es kommt eine zweite Freude hinzu: Ich fühle mich den Menschen, die in ihrem Leben ganz konkret und unausweichlich mit diesen Fragen ringen, näher – im Kolleg, in anderen Betrieben, in der politischen Debatte. Ein neues Zugehörigkeitsgefühl zeigt sich – ganz zart. Eine neue Nähe zu Menschen wird mir geschenkt, verstrickt mein Leben mit dem ihren, und ich darf hoffen, dass sich daraus eines Tages eine Frucht ergibt, die wachsen wird.

Vollmächtig entscheiden
Eine weitere Erfahrung, die mit Mission zu tun hat, beschäftigt mich seit einigen Wochen neu. Ich will sie so umschreiben: Das „Produkt“ von Leitung ist Entscheidung. Entscheidungen sind es, die täglich von mir erwartet werden. Dabei ist es wichtig für mich zu unterscheiden: Welche Entscheidung muss ich treffen, und welche Entscheidung gebe ich zurück mit den Worten: Das musst Du entscheiden? Schon diese Unterscheidung kann in konkreten Fällen zu Konflikten führen, denn Entscheidungen sind meist etwas Unangenehmes. Sie zwingen mich dazu, „Gesicht zu zeigen“: Ich trete vor einen Menschen oder eine Gruppe, die mich wegen einer Entscheidung anfragt, und sage: „Ich habe entschieden …“ und füge in meinem Herzen hinzu: Du darfst deswegen böse auf mich sein, wenn Du Dich über meine Entscheidung ärgerst.

An unserer Schule haben wir vor 12 Jahren ein Sozialpraktikum in der 11. Klasse eingeführt. Die Entwicklung in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass fast ein Drittel unserer Schülerinnen und Schüler nicht am Sozialpraktikum teilnimmt, weil sie sich während der 11. Klasse im Ausland befinden. An diesen Auslandsaufenthalt sind viele vitale Interessen von Eltern, Schülern und auch von Lehrern gebunden. Eine Entscheidung steht nun an. Da sie eine wesentliche Konzeptionsfrage für die Schule im Sinne jesuitischer Erziehung ist, habe ich mich entschlossen, sie nicht von einem demokratischen Votum abhängig zu machen, bei dem sich dann die stärksten Interessen durchsetzen, sondern eine Entscheidung zu treffen. Zur Zeit sitze ich auf meinem Zimmer und warte auf den Sturm der Entrüstung, der auf meinen öffentlich geäußerten Satz folgen wird: „Die 11. Klasse soll so gestaltet werden, dass alle Schülerinnen und Schüler bei uns am Sozialpraktikum teilnehmen.“ In dem Maße, in dem ich mein „Gesicht-zeigen“ mit dieser inhaltlichen Entscheidung verbinde, mache ich mein Gesicht auch zum potentiellen Objekt von faulen Tomaten und Eiern, die darauf geworfen werden.

Mission hat etwas mit „sich zeigen“ zu tun. Es sind gerade die „voll-mächtigen“ Worte (vgl Mk 1,22), die Systeme und Gesellschaften bewegen, aufregen und weiterbringen. Voll-mächtig sind Worte nicht deswegen, weil sie vom „Chef“ kommen, sondern weil sie mit einem erkennbaren Gesicht verbunden sind, das sich in der Entscheidung zeigt. In die autoritäre Falle tappt man dann, wenn man das Gesicht versteckt hinter Hierarchien, Zuständigkeiten, arrogantem Gehabe oder eisernem Schweigen. Deswegen haben autoritäre Entscheidungen auch keine missionarische, bewegende Wirkung. Missionarisch wirksame „Vollmacht“ ist etwas anderes als „Macht“ die sich einfach nur deswegen durchsetzt, weil sie sich eben auf eine Machtposition beruft.

So oft trauert die Kirche heute um ihren Verlust an Einfluss und „Macht“. Manchmal sucht sie in Berlin geradezu verzweifelt nach der Nähe zu Machthabern, um auf sie und über sie Einfluss zu nehmen. Berlin ist ja spätestens seit dem Umzug von Bonn zum deutschen Machtzentrum geworden. Macht strahlt aus – und zieht Mücken und Fliegen an; macht diejenigen, die sich auf ihre Faszination einlassen, zu Leichtgewichten. Der Weg der Sendung führt deswegen gerade nicht über die Nähe zur Macht hin zum Einfluss auf Kultur und Gesellschaft. Im Sich-zeigen liegt ein Element von Ohnmacht. Es hat mich oft gewundert, dass sich gerade die Worte als bewegend erweisen, die aus einer Situation der Ohnmacht gesprochen werden. Jesus ist dafür ein Vorbild. Er spricht nicht aus der Macht-Position, sondern aus einer „Voll-Macht“, die mit seiner Nähe zu Gott und zu den „Sündern“, den Abgelehnten, Außenseitern, Notleidenden, kurz: den Armen zu tun hat.

Letztlich hängt die Voll-Macht eben nicht an Positionen, sondern vielmehr an der Nähe zu denen, die weit entfernt von der Macht und in der Regel ihr Objekt sind. Die Nähe zu den Ohn-Mächtigen ist deswegen für mich das wichtigste Korrektiv, um in einer verantwortlichen Position noch das Gespür für den Unterschied zwischen „Macht“ und „Vollmacht“ im Sinne des Evangeliums wachzuhalten. Ohne diesen Unterschied findet Mission nicht statt. Ich suche diese Nähe, soweit es geht, zu den „Außenseitern“ im Kollegsbetrieb: z.B. zu den Jugendlichen in Schwierigkeiten, den Eltern in Erziehungsnöten, aber auch in der Stadt Berlin, außerhalb des Kollegs: z.B. in der regelmäßigen Mahnwache vor der Abschiebehaft und im wöchentlichen politischen Nachtgebet in der St. Hedwigskathedrale.

Stefan Taeubner schreibt:

Am Tag
Um 12 Uhr verlasse ich unser Büro des Flüchtlingsdienstes. Ich will zum Frauengefängnis. Mit der S-Bahn geht es bis zum Bahnhof Lichtenberg in Ostberlin. Dort ist noch ein Stopp bei einer Imbißbude notwendig. Ein junger Vietnamese aus der Gruppe Hoffnung lädt mich zum Döner ein. Vor ein paar Wochen ist er neu aus Vietnam nach Deutschland gekommen, als Asylbewerber, genauer, zum Geldverdienen. Die Traurigkeit steht ihm auf dem Gesicht. Seine Frau und die Kinder leben in Armut zu Hause. Dort hat er einen Berg von Schulden aufgenommen für die Reise. Jetzt muss er sehen, wie er zu Geld kommt. Was bleibt ihm da anderes, als in den illegalen Zigarettenhandel einzusteigen: „Wenn ich all das gewusst hätte, wie es hier wirklich zugeht!“ Ob er mit seiner Frau schon telefoniert hat? Ja, öfters. „Sie hat gefragt, wie es geht und ob ich auch sonntags zur Kirche gehe! Ach, Pater, in Vietnam, da war das mit der Frömmigkeit noch so klar. Und hier, die vielen Sorgen, die schlechte Umgebung. Ich finde keine Zeit mehr zum Beten oder zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch. Es ist schlimm!“ Ich schenke ihm ein kleines Bild, für seinen privaten Hausaltar. Aber er winkt ab: „Bei mir in der Wohnung sind alle nicht katholisch, sie zünden Weihrauch an und meine Bilder haben auf dem Hausaltar keinen Platz.“ Wo wird er in dieser Stadt seinen Ort zum Gebet finden?

Im Frauengefängnis besuche ich einmal im Monat vietnamesische Gefangene. Die 20 Jahre junge Xuan sitzt ein wegen Raub und Drogenbesitz. Seit ihrer frühen Jugend ist sie an die Drogen geraten. Seit vielen Jahren lebt sie allein in Berlin, ihre Mutter hatte sie hierhin geschickt: „Sie liebt mich nicht und kümmert sich nicht um mich,“ erzählt Xuan resigniert. In ein paar Monaten steht ihre Entlassung an und die Frage ist, wie sie sich draußen vor der Verlockung der Droge schützen kann. Wir hatten verabredet, gemeinsam das Gut Neuhof bei Nauen zu besuchen. In der internationalen, geistlichen Gemeinschaft, fernab von der Stadt Berlin könnte für sie vielleicht ein Neuanfang gelingen: „Allein kannst du es nicht schaffen und ich kann dir auch nicht helfen. Das ist klar.“ Da schaut sie mich fragend an: „Aber was denn sonst? Wer soll mir sonst helfen! Doch nicht etwa Gott oder so was? Nein, daran glaub ich nicht! Der hilft mir nicht, der hört mich gar nicht! Ich habe es schon probiert.“

Der zunächst geplante Ausgangstermin wurde gestrichen, wegen Fehlverhalten. Wir geben nicht auf. Wir müssen halt geduldig warten. Dann meint sie noch zum Schluß: „Aber du, du darfst mich nicht aufgeben, wenn die anderen alle mich schon aufgeben und nichts mehr von mir halten. Du bist schließlich Priester!“ Der Rückweg führt mich über den S-Bahnhof Frankfurter Allee. Auch hier stehen täglich Vietnamesen und verkaufen Zigaretten. Ich grüße. Sie kennen mich schon. Wir sprechen etwas auf vietnamesisch. Dann, plötzlich, grüßt mich ein junger Kerl aus der Gruppe: „Hallo Pater Stefan! Kennen sie mich denn nicht? Ich bin aus Tschechien, wir haben doch schon zusammen gefeiert, erinnern sie sich nicht?“ Wir sitzen auf den Stufen des Kaufhauses und schauen uns Fotos an. Ich frage nach seinem Namen. Mein Gott, ja, endlich erinnere ich mich.

Es war am Gründonnerstag, in einer kleinen tschechischen Grenzstadt, wir hatten unseren Gottesdienst in einer engen Wohnung gefeiert und er war es gewesen, der als Taufbewerber die Frage stellte: „Warum ist diese Nacht so besonders? Warum sollen wir immer daran denken?“ Und unsere Antwort hieß doch: „Wir feiern diese Nacht besonders und wollen immer daran denken, dass Gott, der sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens befreit hat, gekommen ist, um auch uns aus allen Fesseln und aus aller Verstricktheit und Not unseres Lebens hier zu befreien.“ Als wir uns verabschieden, lade ich ihn noch zum Gottesdienst der vietnamesischen Gemeinde am Sonntag ein.

Es ist 17 Uhr und ich gehe müde und doch reich beschenkt zur S-Bahn hoch. Doch noch eine weitere Begegnung wartet hier auf mich. Ich selbst habe eben all dies, was auf so einem Weg geschieht, nicht in der Hand. Es ist Thien und er war am selben Vormittag schon bei uns im JRS-Büro gewesen, zusammen mit seiner kleinen Tochter, voller Angst vor der drohenden Abschiebung. Seine Papiere sind abgelaufen und nach dem Willen der Ausländerbehörde hätten er und seine Familie schon in Vietnam sein müssen. Doch sie leben seit über 10 Jahren in Berlin und alle ihre drei Kinder sind hier geboren. Sie hoffen immer noch auf ein Einsehen der Härtefallkommission beim Senat von Berlin. Pax Christi hat ihren Fall dort zur „eiligen Beratung“ angemeldet. Doch das Verfahren zieht sich hin und die Familie lebt in täglicher Angst vor der Abschiebung. Sie schlafen nicht mehr zu Hause, sie sind bei Freunden untergetaucht, in engsten Verhältnissen. Ob ich nicht eine Schutzwohnung für ihn wüßte, fragt er mich in der S-Bahn. Wenigstens bis zur Entscheidung der Härtefallkommission. Ich erkläre, er brauche doch keine Angst zu haben, niemand wird vorzeitig, vor dem Votum der Kommission abgeschoben. Er glaubt es mir nicht. Es gab zu viele schlimme Fälle in seiner Umgebung. Und ich selbst spüre, wie auch in mir der Zweifel an allen ordentlichen Verfahren tief nagt. Ja, ich will schauen, ob ich nicht doch in einer Gemeinde was für sie finden kann, sage ich schließlich. Er lädt mich noch zum Essen ein. Ich lehne ab: „Heute nicht, leider! Ein andermal komme ich zu euch!“

Am Abend…
bleibt mir nichts anderes übrig, als alle diese Männer und Frauen, ihre Gesichter und Geschichten, ihr Leiden und ihre Hoffnung vor Gott zu tragen. Ich zünde Weihrauch an und verbeuge mich vor meinem Hausaltar: „Oh, Herr, sieh sie alle an, höre ihre Klage, komm und befreie uns!“ – Und zugleich stellt sich Dankbarkeit ein. Dankbar diesen Weg heute geführt worden zu sein. Sie gehört zu haben, die Einladungen ausgetauscht zu haben, die Hoffnungen beinhalten auf eine neue Gemeinschaft, die nicht mehr zerteilt. Die Hoffnung auf eine Kirche, in der „wir nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger und Hausgenossen Gottes“ sein können (Eph. 2) .

Haben sie vielleicht durch meine Gegenwart unter ihnen, als Deutscher, der ihre Sprache versteht, und als Priester, der die verborgene Gegenwart Gottes zu entdecken und auszusprechen sucht, etwas von dieser Verheißung schon heute verspüren können? Das jedenfalls ist meine Hoffnung auf diesen Wegen der Mission durch die Straßen von Berlin.

Auf diese Weise bleibt für mich das, was die 34. GK in ihrem 1. Dekret über unsere Sendung als „Wanderschaft und tätige Mühe“ beschreibt, kein bloßes Ideal mehr, sondern wird zur Wirklichkeit: „Wie die Weise des Vorangehens des Ignatius ist auch die unsere sowohl Pilgerreise als auch Sich- Abmühen in Christus: in seinem Mitleid, in seinem nie endenden Verlangen, den Menschen die Versöhnung des Vaters und die Liebe des Geistes zu bringen, und in seiner engagierten Sorge für die Armen, an den Rand Gedrängten und Verlassenen.“ Und später: „Ignatius und die ersten Gefährten (sahen dies) als ihre besondere Berufung und ihr Charisma an: zu wählen, mit Christus zu sein, als Diener seiner Sendung; mit den Menschen zu sein, dort, wo sie leben, arbeiten und sich abmühen; und die Frohe Botschaft in das Leben und die Arbeit der Menschen hineinzutragen.“ (D1, Nr. 5 u.7). –

Doch der so Gesandte wird in der Begegnung mit den Menschen am Rand zugleich selbst verwandelt und vielfach beschenkt. Ich bin ein anderer geworden. Ich spüre es jedesmal deutlicher, wenn ich nach dem Weg der Mission zurückkehre in die Gemeinschaft der Mitbrüder. Wohin gehöre ich eigentlich? Wer bin ich selbst, halb Vietnamese, halb Deutscher? Wie lassen sich die Glaubenserfahrungen der Menschen auf dem Weg an andere weiter vermitteln? Mission ist schließlich keine Einbahnstraße. Wie kann es gelingen, dass die Erfahrungen in der „Fremde“ zur frohen Botschaft für die „Fernen und die Nahen“ werden?

Christian Herwartz schreibt:

Das städtische Leben ist von vielen Kulturen geprägt. Die meisten Städter wechseln ihre Sprache, ihr Verhalten entsprechend der jeweiligen Umgebung täglich mehrfach. Andere haben eine Nische gefunden oder sind durch ihr Aussehen, ihre Sprache, ihre Kultur in eine Ecke gedrängt worden. Dann leben sie – manchmal belächelt oder verspottet – mitten in Berlin wie in einem Dorf. Außerdem gibt es viele Menschen, die sich innerhalb unseres Landes oder auf Grund von Situationen in ihren Herkunftsländern bedroht fühlen und deshalb auf der Flucht sind.

Der problemverstellte Nächste
Wie leben wir unverstellt unter diesen Menschen? Diese Frage umreißt für mich die missionarische Dimension des Glaubens. Im Kontakt mit einem Nicht-Deutschen, Nicht-Drogenfreien, Nicht-Nicht-Gefangenen kann ich in einem Knäuel von Problemen hängenbleibe. Wenn der andere nur noch zum Problem wird, habe ich mich verrannt. Nein, sage ich dann mal laut, mal leise und suche nach dem Menschen in seiner Problem-Verpackung. Ich möchte die Würde des anderen und meine eigene neu entdecken und hinter meinen Schutzschilden hervortreten, hinter denen ich etwas besseres, großes, unangreifbares bin. Dazu muß ich in die jeweiligen Kulturen und Ausgrenzungen eintreten, die das Leben der anderen zumindestens parziell prägen.
Ich stoße auf Grenzen, fühle mich überfordert, entdecke meinen Unglauben, der andere Menschen abwertet und mich als etwas besseres sieht.

Gemeinschaft und Kontemplation
Dann brauche ich Menschen, mit denen ich meine Erfahrungen teilen kann. Ich finde sie in Deutschland besonders im Kreis der Arbeitergeschwister. In den christlichen Gemeinden finde ich nur schwer Gesprächspartner, weil meine „Kleider“ nach den Menschen riechen, auf die ich mich einlasse:

obdachlos, asiatisch, ölig von der Arbeit, parfümiert, auffällig einfarbig oder bunt, schrill, laut, … So empfinden es jene, die weiter weg stehen. Im jeweiligen Milieu ist das anders. Im absichtslosen Suchen nach der Würde der einzelnen Menschen in ihrer jeweiligen Kultur und Religion werde ich dazu gedrängt, nach gemeinsamen Grundlagen in der Kontemplation zu suchen. Gibt es Wege mitten durch die Zerrissenheit der Ansichten und die Gegensätze der kulturellen Verhaltensnormen hindurch? Der Lockruf zur Rückkehr in die alte Heimat wird stärker und wird ergänzt von Ausgrenzungsdrohungen meiner Herkunftsgemeinschaften. Stück für Stück will ich mich dem Fremden öffnen und dann die Geister unterscheiden, auch wenn dieser Weg mühsam und oft durch massive Ängste und existenzielle Verunsicherungen blockiert ist. Aber dann können wir z.B. Weihnachten in der Kommunität zusammen mit Muslimen die Sure von Maria lesen und staunend den Glauben des jeweils anderen entdecken. Es gibt eine Einheit zwischen den Gläubigen in der Mystik. Von daher werden Türen zueinander geöffnet.

Einsamkeit
Ich entdecke mich mit meinem missionarischen Glauben einsam auf den Brücken zwischen den Kulturen, bin ganz neu auf Gott verwiesen und spüre die Gemeinschaft mit ihm. In der Begegnung finde ich neue sprechende Worte. Ich entdecke neue Impulse in unserer jesuitischen Geschichte, spüre die Einheit mit Jesuiten in anderen Arbeitsfeldern und Kontinenten. Der Glaube wird zu einer sprudelnden Quelle frischen Wassers. Die Christen, zerstritten in vielerlei Kirchen und verbunkert in unterschiedliche, ganz nützliche Institutionen, sind oft weit weg. Doch auch ganz nahe, denn auch ich habe ja all diese Streitigkeiten und den damit verbunden Unglauben in mir. Oft fehlen mir Worte; sie verlieren an Faszination und ich werde daran erinnert: Das glaubwürdige christliche Leben, das Zeichen von Einzelnen und Gemeinschaften, hat – auch im Leben Jesu – den Vorrang vor der verbalen Verkündigung. Jesus selbst ist die frohe Botschaft, das Evangelium. Die Auslegung ist wichtig. Aber die Zeit des Wortes in den für mich weiter fremden Kulturen bestimme nicht ich. Geduld. Die Einladungen kommen.

Dankbar offen
Ich werde dankbar für alle Begegnungen und das Entdecken des vielfältigen Lebens. Gott preise ich, an diesen Ort des Sehens gestellt zu sein. Ängstlichkeiten treten zurück. Mission erfahre ich dann als das Ankommen in einer je größeren Heimat, in der ich mich offen mit meinen Schwächen und Stärken zeigen kann. Voll Freude möchte ich davon in der Kirche erzählen; das scheint mir eine zentrale Aufgabe von Missionaren zu sein, damit der Horizont aller geweitet und Gastfreundschaft ermöglicht wird. Ich werde ungläubig angesehen. Doch manche wagen sich auf diesen immer neuen Weg der Bekehrung.

Die Wirklichkeit sehen
Es ist wahr: Gott lebt als Ausgegrenzter unter uns, meist jenseits eigener kultureller Grenzen, verspottet, getreten, verhaftet und doch strahlend, mitreißend mitten unter uns, jetzt. In der schützenden Herberge mit den großen geheizten Räumen ist oft kein Platz mehr. In Gottes Nähe ein Stück das Evangelium offen zu leben und es den Menschen kostenlos zu verkündigen, ist für mich die missionarische Herausforderung innerhalb des Glaubens.

Berlin 2000 in: Jesuitenintern abgedruckt