2012 Christian Herwartz Spiritualität und Gegenwart – Auf der Straße

Über Ikonen in der Ostkirche wird oft erzählt, dass sie nicht von Menschenhand gemalt sind. Die Künstler überlassen sich mit all ihren Fertigkeiten der sie lenkenden Intuition. Diesen Vorgang beschreiben gläubige Menschen als Gebet, also als Einheitserfahrung mit dem Grund allen Lebens. Wenn wir in inniger Verbindung mit uns selbst und allem anderen die Schöpfung bejahen, dann erfahren wir unser eigenes Agieren als Handeln Gottes. Von außen und manchmal auch von uns selbst mag dieses Tun oder Denken ohne gläubigen Bezug als fremdbestimmtes Handeln wahrgenommen werden. Wir sollen unsere Intuitionen nachgehen. Von welchem Geist sind sie erfüllt und mit welchen Kriterien betrachten wir sie? Eine Vorabprüfung ist nur bedingt möglich. Erst an den Früchten werden wir das von unserer persönlichen Spiritualität getragene Handeln überprüfen können. Sind wir weiterführenden Intuitionen gefolgt oder haben wir uns von Fantasien und Fremdbestimmungen leiten lassen? Oft müssen wir bis zur Ernte warten, um nicht beim Jäten des Unkrauts die guten Pflanzen mit auszureißen. (Mt 13,29f) Deshalb wird Meditierenden geraten, sich regelmäßig dem Hören auf das Leben zu öffnen und die vielen weltverbessernden Gedanken beiseite zu legen. Die lebenswichtigen Intentionen haben sonst keine Chance wahrgenommen zu werden.

Einige Jahre habe ich Aufmerksamkeitsübungen (Exerzitien) auf der Straße begleitet, ohne dieses Mitgehen benennen zu können. Menschen, die eine Auszeit suchten, sind nicht in die Abgeschiedenheit eines Klosters oder Tagungshauses gegangen, umgeben von einer äußeren Stille, die die innere Stille des Hörens unterstützen soll. Sondern sie kamen in unsere überfüllte Wohnung, wo sie keine Zimmertür hinter sich schließen konnten. Aber sie hatten ihren Alltag verlassen. Das ist wohl eine wichtige Bedingung, um ins Hören zu kommen.

In der Geschichte von Mose wird berichtet, dass er in der Steppe beim Hüten der Schafe seines Schwiegervaters Jitro mit 80 Jahren (Apg 7,30) spürte, das in seinem Leben noch eine Sehnsucht unerfüllt geblieben ist. Er drückte sie mitten in seinem Schmerz im Namen seines Sohnes aus: Gerschom (Ödgast), denn er fühlte sich als „Gast in der Fremde“ (Ex 2,22). Nun war es soweit: „Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus.“ (Ex 3,1) Dieser unprofessionelle Akt – ein Hirte sucht sonst Wasser und Futterstellen für die anvertrauten Tiere – ermöglicht den nächsten Schritt seines Suchens. Mose will zum Gottesberg Horeb ziehen.

Die richtungsweisende Sehnsucht in uns

Die Menschen, die zu uns kamen, hatten diesen Schritt über die Steppe hinaus getan und wollten zehn Tage ohne äußere Verpflichtungen bleiben. Ich hörte ihnen mit meinen Lebenserfahrungen als einer, der im Stadtviertel wohnt, abends nach der Arbeit in der Fabrik zu. Dabei suchte ich auch selbst den Kontakt mit dem Auferstandenen in unserer Mitte an allen Orten des Lebens. Dieses Mitgehen hatte ich den Gästen versprochen, denn ich wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig das Sprechen über die eigenen Erlebnisse ist, um nicht in Vorurteilen oder einengenden Deutungen hängen zu bleiben. So wurde ich von ihnen durch die Stadt geführt, getrieben von ihrer Sehnsucht. Sich ihr durch blockierenden Ärger oder entmutigende Traurigkeit hindurch zu stellen, war meist der erste Schritt hin zu einer größeren Aufmerksamkeit. Ihre Sehnsucht ist der Antrieb den Ärger oder die Traurigkeit zu spüren. Der nachfragende Satz „wie soll es denn sein?“ öffnete den Blick auf diese Handschrift des Lebens in ihrem Herzen. Wird sie ausgesprochen, dann frage ich weiter: „Wie könnte dein Lebensprinzip, dein Ursprung, Gott heißen, wenn er/sie deine Einmaligkeit mit solch einer Sehnsucht in Dir manifestiert hat?

Die Sehnsucht von Mose wurde im Namen seines Sohnes deutlich. Es war die Sehnsucht eines Fremden nach Heimat. Er war ein Mensch, der sich nicht in der Kultur seines Gastlandes assimilieren wollte. Den Gott der Verheißung wollte er aus seinem Leben nicht auslöschen. Jetzt hatte er sich auf den Weg zum Berg Horeb gemacht.

Auf dem Weg

Mose war nun in der Wüste neu in der Fremde und staunte über das was er sah. Die Übenden lebten auch bei uns in der Fremde und sahen erstaunliche Dinge, die sie deuten müssen. Einer erlebte den Potsdamer Platz, der stark ausgeleuchtet ist, als Hölle, weil die Menschen dort keinen Schatten haben. Einer meditierte vor Abrisshäusern die Wunden der Stadt oder setzte sich mit einer Flasche Bier in der Hand zu einer Gruppe Männer auf der Bahnhofstreppe. Er erlebte diese Zeit wie ein Nicht-Existieren, weil alle Vorbeieilenden über die Gruppe Obdachloser hinwegsahen oder sie bestenfalls beschimpften. Die im Weg Sitzenden werden nicht gesehen; sie gehören nicht zu den Menschen ihrer Umgebung. Doch der Übende fühlte sich wie auf heiligem Boden. Hier sollte ihm, dem anerkannten Direktor eines Exerzitienhauses, etwas gesagt werden.

Als Mose in der Wüste war, sah er einen brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch und wurde neugierig wie der Übende im Bahnhof. Mose ging auf den stacheligen Dornbusch zu und spürte, dass er auf dem Weg dorthin auf heiligem Boden stand und die Schuhe der Distanz ausziehen, also ganz ohne Schutz in der Realität stehen sollte. Er legte die Turnschuhe des schnellen Weglaufens aus Krisen, die hochhackigen Schuhe des nur beobachtenden Hinunterschauens, die Schuhe mit Eisenkappen, die als Waffen eingesetzt werden können, oder eine andere Variante der Distanz beiseite. Mit seiner ganzen Realität steht er nun vor der Barmherzigkeit Gottes, der seine und die Not seines Volkes gesehen hat. Dieser gibt ihm einen Auftrag. Mose wehrt sich „mit Händen und Füßen“ dagegen, wie wir es auch von uns kennen, wenn wir einen Ruf Gottes hören. Unglaublich, was Gott ihm zumutet. Aber Mose ist nicht allein. Zuerst zeigt Gott, dieser „Ich-bin-da“ (Ex 3,14), sich selbst als Mitziehender, also geradezu als Heimathafen seiner Sehnsucht, und stellt ihm Helfer zur Seite.

Die Ungeheuerlichkeit dieses Auftrags Gottes an Mose, der sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens herausführen soll, aktualisiere ich gern: Was würde ich tun, wenn ich den Ruf des Lebensspenders höre, Deutschland vom Kapitalismus zu befreien, der uns in den Bann der Geldvermehrung zieht und die Zukunft eines würdevollen Lebens aller zerstört. Um die Vorherrschaft der Ägypter gegenüber den Zugewanderten sicher zu stellen, sollte Mose wie alle Knaben seiner Generation getötet werden. (Ex 1,16) Nun wurde dieser Flüchtling mit einer großen Verheißung zu seinem Volk nach Ägypten zurück geschickt.

Mitten im Leid – der Dornbusch oder die Dornenkrone auf dem Haupt Jesu stehen dafür als Symbol (Jo 19,2) – oder der Freude dürfen wir geleitet von unserer Sehnsucht persönlich unseren Ruf ins Leben hören und ihm folgen.

Gott hört

Die Lösung geschieht nicht unbedingt in den zehn Tagen einer Auszeit. Aber ich habe in der Begleitung noch nie erlebt, dass Menschen ohne Hoffnung weiter gehen mussten. Gott hört auf unser Gebet und antwortet überraschend schnell. Oft so prompt, dass wir noch nicht damit rechnen. Nochmals: Die Übenden gehen auf die Straße und folgen ihrer Intuition. Wenn sie eine Ahnung haben, hier und jetzt sollen sie etwas Neues erfahren, also die Barmherzigkeit des Auferstandenen spüren, dann nehmen sie ihre innere Wahrnehmung ernst und ziehen wie Mose ihre Schuhe (des Herzens) aus. Als gewaltlos Dastehende vor einem Gefängnis, in einer Psychiatrischen Klinik oder einer Suppenküche, vor dem Ehrenmahl für einen Widerstandskämpfer, einem Werbeplakat mit Schlüsselworten, einer Statue oder einer Sonnenblume im Garten halten sie an und werden sogar manchmal für die Vorbeigehenden als Hörende sichtbar. Sie ahnen, dass es gut ist zu bleiben und sich dem „Gebet mit offenen Augen“ zu überlassen, wie Peter Hundertmark diese Form der Spiritualität nennt.

Ich habe viele Jahre nicht begriffen, dass ich Zeuge einer Spiritualität der Straße war, bis ich dann als Arbeitsloser von der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ in Berlin aufgefordert wurde, in Notunterkünften oder an anderen kostenlos zur Verfügung gestellten Orten zu Exerzitien auf der Straße einzuladen. Viele Frauen und Männer waren in den letzten zehn Jahren bereit, TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen jeweils zu zweit für einige Zeit zu begleiten – manchmal nur für Stunden meist für zehn Tage. Wer mehr über diese Zeit des Entdeckens lesen möchte, nehme bitte das kleine Buch „Auf nackten Sohlen“ in die Hand, das 2006 im Echterverlag erschienen ist. Darin beschreibe ich meine Erfahrungen ähnlich denen der betenden Ikonenmaler, die ihre Bilder als „nicht von Menschenhand gemalt“ wahrgenommen haben.

Jesus ist Straße

Die Geschichte von Moses gibt uns für unseren Erfahrungsaustausch einige Stichworte an die Hand: Das Gehen über die Steppe hinaus, das Hören auf die eigene Intuition, das Entdecken Heiligen Bodens, auf dem wir angesichts der Barmherzigkeit Gottes unsere Schuhe abstreifen, die nächsten Schritte auf dem Weg unserer Sehnsucht – oft erst beim abendlichen Gespräch mit den anderen Übenden – ahnen und den Namen Gottes als Antwort auf unsere Sehnsucht hören können (vgl. Ex3,14). Jetzt gehen wir aus dem Vertrauten hinaus in das Unplanbare, auf die offene Straße. Sie ist ein Bild für den uns immer neu überraschenden Gott. Auf der Straße wissen wir nicht, wem wir begegnen. Die Straße führt uns an ganz unterschiedliche Orte und lädt uns auch ein, wie Mose umzukehren, selbst dorthin mit einer Verheißung zurückzukehren, wo wir verletzt wurden. Hagar lief vor der sie quälenden Chefin weg. In der Wüste ist sie auf den Gott gestoßen, der nach ihr schaut. Mit der Verheißung eines kraftvollen Sohnes, durch den ein neues Volk entstehen sollte, ging sie in die Demütigungen zurück. Von dieser ägyptischen Frau hören wir einen der ersten persönlichen Namen Gottes in der Bibel. (Gen 16)

Jesus lebt als Obdachloser auf der Straße: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“(Lk 9,58) Im Johannesevangelium bezeichnet sich Jesus selbst als Straße: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Jo 14,6). Auf diese Straße treten wir, ohne Jesus sofort zu erkennen. Er wird uns leiten, wenn wir offen dafür sind.

Auf den öffentlichen Plätzen und Straßen spielen sich die meisten Geschichten ab, die in den Evangelien erzählen werden. Manchmal wird auch das Innere eines Hauses zur Straße, wenn Leute das Dach abdecken, um einen Kranken vor die Füße Jesu hinab zu lassen (Lk 5,19), oder eine unerwünschte Frau dringt in die abgeschlossene Männerwelt ein. (Lk 7,38) Wenn wir lange genug auf den Straße lernen, aufmerksamer zu werden, dann haben wir eigene Erfahrungen, diese Geschichten in Verbindung mit unserem Leben zu lesen. Wir beginnen die Heilungen, Ermahnungen und Ermutigungen von Jesus mit eigenen Erlebnissen in Beziehungen zu setzen. So wird die Bibel in unseren Herzen weiter geschrieben.

Mit Kleopas und Maria unterwegs nach Emmaus

Im letzten Kapitel des Lukasevangeliums wird berichtet, dass zwei aus dem Kreis der Jünger nach Emmaus gehen. Einen kennen wir mit Namen: Kleopas (24,18). Die zweite Person war vielleicht Maria, die im Johannesevangelium genannt wird. Sie stand mit Maria, der Mutter Jesu, mit Maria von Magdala und dem Jünger, den Jesus besonders liebte, in der Todesstunde unter dem Kreuz Jesu. (19,26) Dort wird sie als Maria, die Frau des Klopas bezeichnet. Die Worte der Bibel sind hunderte Mal hin und her gewendet worden. Manche sagen Kleopas und Klopas sind nur verschiedene Schreibweisen. Andere sehen große Unterschiede. Wenn wir auf der Straße sind müssen wir oft nochmals hinsehen und näher treten um besser zu sehen.

Der Evangelist Lukas stellt gerne Geschichten eines Mannes neben die einer Frau: Simeon und Hanna geben von ihrer Freude Ausdruck bei der Darbringung des Kindes im Tempel (Lk 2,7-38) und die Erzählung von dem Mann, der dem verlorenen Schaf nachgeht, steht neben jener die von der Frau, die einen Groschen verloren hat. (Lk 15,3-10)

Die Archäologen haben den Ort Emmaus gesucht. Auch hier gibt es keine eindeutige Antwort. Lukas schreibt, dass Emmaus von Jerusalem etwa 12 Kilometer oder 60 Stadien entfernt liegt. Diese Angabe scheint ungenau zu sein. Aber in einem Ort Emmaus, 31 Kilometer oder 160 Stadien Weg von Jerusalem weg – heute Amwas – wurde über dem Haus von Kleopas später eine Kathedrale gebaut. Da Kleopas und Maria am Ostertag dorthin und zurück gegangen sind, glauben viele Exegeten nicht an diese Variante. Es gibt keine Antwort, die alle befriedigt.

Verfallen wir auf der Straße in den Exerzitien nicht in Rechthaberei und in Spekulationen, sondern kommen wir aus dem Kopf heraus, sehen und hören wir auf unsere Wahrnehmung: Zwei Menschen gehen verwirrt von Jerusalem zurück nach Hause. Weg der Traum vom Messias, der ihr Land von der römischen Besetzung befreien sollte. Bis zum Schluss hatte Maria am Kreuz bei Jesus ausgeharrt. Kleopas wird wohl mit den anderen Jüngern lieber in der heißen Phase der Gefahr ausgewichen sein. – Und nun am dritten Tag brachten die Frauen, die den Leichnam Jesu salben wollten, die Nachricht mit: Das Grab ist leer, und zwei Engel haben gesagt, dass Jesus lebt. Petrus hielt den Bericht der Frauen nicht gleich für Weibergeschwätz und eilt zur Grabstelle. Ja, es war so, wie die Frauen erzählten: Das Grab ist leer.

Da hatten Maria und Kleopas wirklich Redebedarf: „Was meinst du Maria; was meinst du Klopas, was sollen wir glauben?“ Die beiden gehen aus dem Kreis der Jünger hinaus auf die Straße nach Emmaus, um Klarheit für sich zu finden. Diese Situation kann wohl jeder und jede, der/die in einer Beziehung lebt, nachvollziehen. Wenn wir den beiden näher treten, können wir hören, wie sie einander das erzählen, was sie wahrgenommen haben und wie sie auch von ihrer Enttäuschung sprechen.

Ein unwissender Fremder tritt hinzu

Wir kennen in den Exerzitien, wie ein Werbespruch, das Lachen eines Kindes oder etwas sonst Unvorhergesehenes die Situation unserer Wahrnehmung und Deutung schlagartig verändert. Maria und Kleopas werden von einem Fremden neugierig angesprochen: „Was wälzt ihr denn da für Probleme auf euer Wanderung?“ Die beiden bleiben betroffen stehen. Ihr Gesicht drückt nacheinander Traurigkeit, Strenge, Schmollen, Erschlaffen, schlechte Laune, Beunruhigung oder Verwirrung aus. All diese Bedeutungen stecken in dem Wort, das Lukas an dieser Stelle wählte. Diese Gefühlswellen durchlaufen uns auch bei überraschenden Begegnungen auf der Straße.

Maria und Kleopas überlegen wohl einen Moment, ob sie dem Uninformierten antworten sollen. Bei den Exerzitien haben wir den schnellen Rückgriff auf vorgefertigte Antworten verlassen. Kleopas drückt sein Erstaunen über die Unwissenheit des Mannes aus. Die beiden Wanderer stehen vor ihrem eigenen Unwissen. Mit dem Fremden tritt den beiden Hinaus-getretenen geradezu das ihnen Gemeinsame gegenüber. Im Gespräch zeigt sich die sie verbindende Liebe.

Wenn wir bei Exerzitien Paare begleiten, dann hören wir in der Austauschrunde erst die Erlebnisse des Tages von einem und dann der anderen und in einem dritten Anlauf fragen wir nach den Erfahrungen des Paares. So sind wir als Begleitende dreimal aufmerksam. Wenn es sich einrichten lässt, werden Paare, in welcher Zusammensetzung auch immer, von Menschen begleitet, die selbst als Paare zusammen leben.

Seine direkte Reaktion

Nachdem Kleopas alle Fakten aufgezählt hatte, antwortete der Fremde sehr direkt. Wie oft erleben wir diese Direktheit auf der Straße von Kindern, Busfahrern, Obdachlosen, Kranken? Sie verlieren sich oft nicht in Höflichkeiten. Auch der Fremde, das Gemeinsame dieses Paares, äußert sich ohne Umschweife, als er gefragt wurde. Dieser Schritt in die Aufmerksamkeit ist in den Exerzitien eine Grundvoraussetzung, um ins Hören zu kommen.

Der Fremde klagt sie an, in ihren Herzen träge geblieben zu sein. Habt ihr die Schrift nicht gelesen; seid ihr unverständig geblieben? Der Glaube betrifft auch das Gemüt, ja die ganze persönliche Existenz. Auf der Straße werden wir als Zeugen mit hineingenommen in die Passion von Menschen und wir erfahren ihre Güte, Liebe und die schon aufleuchtenden Herrlichkeit: „Der Messias musste durch das Leiden hindurch in seine Herrlichkeit eingehen.“ (Lk 14,26) Wie Jesus es bei der Verklärung getan hat (Mt 17,1-9), so weist der Fremde auch auf die Aussagen von Mose und die Propheten hin.

Der Fremde will beim Erreichen des Dorfes Emmaus weitergehen. Er drängt sich nicht auf. Das Gemeinsame der Beziehung zwischen uns Menschen ist ist oft scheu.

Die Einladung zum Bleiben

Glücklicherweise laden Maria und Kleopas den Fremden in ihr Haus ein. Das abendliche Gespräch über die Erfahrungen des Tages sind bei Exerzitien auf der Straße ein sehr wichtiger Moment. Denn oft wird da erst der Sinn der Erfahrungen deutlich. Dann werden die Einladenden zu Gästen im eigenen Haus. Der Fremde bricht ihnen das Brot. Da verfliegt ihre Blindheit und sie spüren das Brennen ihrer Herzens. Auch in den Exerzitien ist es immer eine große Freude, dieses Begreifen der Anwesenheit Jesu unter uns zu spüren.

Sofort wollen die beiden zurück zu den anderen Jüngern und ihren Erfahrungen lauschen. In Jerusalem erzählt Petrus von seinen Erlebnissen und sie glauben ihm. Da erzählen auch sie so präsent, dass Jesus wieder unter ihnen ist und ihnen den Frieden wünscht. Es ist das Erzählen der Eucharistie, das nicht in der Vergangenheit hängen bleibt. Dieses Erinnern in der Gegenwart zu lernen ist die dritte Etappe in den Exerzitien auf der Straße.

Die Exerzitienanregungen sind festgehalten im Buch: Christian Herwartz, Brennende Gegenwart – Exerzitien auf der Straße, Reihe: Ignatianischen Impuls 51, Verlag Echter Würzburg 2011.
Termine und weitere Berichte finden sich unter www.con-spiration.de/exerzitien

veröffentlicht in der Zeitschrift Hirschberg des Bundes Neudeutschland,
Februar 2012, S. 107-114

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