2011 Christian Herwartz, Schmecke Dein Leben, Mann! Karfreitag

Die Augen im Schrecken öffnen

Die todbringenden Folgen andauernder Fehlentscheidungen bestimmen unser Leben weltweit:
a) Die unvorstellbare Gefahr der Atomenergie im militärischen und zivilen Bereich wird mit dem Wort Restrisiko verschleiert. Wie bei anderen Katastrophen gehen nun Männer in die Gefahrenzonen. Sie werden geopfert, um schlimmeres Unheil zu verhindern.
Jesus nahm das Restrisiko seines Einsatzes für das Leben aller mit ans Kreuz. Eine Straße Gottes ist er, auf der uns der Vater, die Wahrheit und das Leben entgegen kommt (Jo 14,6). In der Tradition des heimatlosen Nomaden (Dt 26,5) begegnet er uns als Obdachloser (Mt 8,20), der keinen geschützten Ort hat, seinen Kopf hin zu legen. Auch uns lädt er ein, eine Straße der Auseinandersetzung und des Friedens zu sein.

b) Das Wegsehen von der andauernden Kolonialpolitik vernebelt die Verantwortung für das begangene Unrecht und behindert den Widerstand gegen die Ausbeutung durch neue Aktionäre. Sie werden unterstützt durch angepasste Zölle, Steuern, diplomatische und militärische Aktivitäten. Die Folge sind Kriege zwischen den in Nationalstaaten gepressten oder zerrissenen Völkern. Bodenschätze und andere Güter sollen erobert werden.

Von Demonstrationen in Nordafrika gegen die Handelspartner der kolonialen Wirtschaftskräfte und von Flüchtlingsströmen lesen wir in der Zeitung. Unser Land versucht sich vor Flüchtlingen abzuschotten, ähnlich wie Jesus mit seiner Botschaft zurückgedrängt wurde: „Wir haben ein Gesetz…“ (Jo 19,7). Nur mit einem Visum ist die Einreise aus armen Ländern erlaubt. Die Nachbarstaaten sollen die Flüchtlinge abwehren. Wir sehen sie nicht an, sondern schieben unbesehen alle über Italien Einreisenden dorthin zurück. „Wir haben das Schengener Abkommen.“

Jesus, Deine Verurteilung und Kreuzigung findet wieder statt. Leicht lassen wir Dich auf den Weg in dem Tod allein. Doch das gelingt uns nicht wirklich. Denn Du bist das Leben in uns, mit welchem Namen wir Dich auch ansprechen mögen. Wir können von Dir nicht weg schauen, weder in uns noch in unseren Mitmenschen. Was sehe ich als Mann, wenn Du in unserer Mitte gefoltert und verlacht wirst und Dein Tod im Mittelmeer tausendfach bei der Grenzsicherung in Kauf genommen wird? Gesetzesbruch, fehlende Hilfeleistung, Gewinnmaximierung, emotionale Kälte nehme ich wahr. Darüber verroht die Liebe zum Leben, die doch nach Nähe, nach Vereinigung bis in den körperlichen Bereich hungert. Wie ist sie zu den Fremden, in denen Du uns begegnest, so möglich, dass die Liebe uns gegenseitig wärmt?

In Dir dürfen wir unsere Sehnsucht schmecken. In Verbindung mit Dir kann uns keiner vertrösten. Wir spüren Deinen Schmerz hautnah. Deine Botschaft ist nicht erfolgsabhängig. Du verkrümmst Dich nicht trotzig in Dir selbst, schweigend-hinhörend bleibst Du Dir treu. Du rechtfertigst Dich nicht vor Pilatus. Mitten in der Bedrängnis bleibst Du dem Nachbarn am Kreuz nah und sorgst für Deine Mutter. Bis in die letzte Minute Deines Lebens ringst Du mit unserer Lebenshoffnung: die Einheit mit dem Vater.

Alte Geschichten werden, wenn wir neu hinsehen, mit unseren Erfahrungen lebendig. Mitten im Entsetzen über das Leid des Gottesknechtes hören wir bei Jesaja, wie er – selbst verstoßen und unbeachtet – mit uns in heilender Beziehung bleibt. Jesaja 52,13 bis 53,12

Wie lassen wir das Leid über Missstände bei anderen und in uns zu? Auf welche Mauern der Zurückweisung stoßen wir, z.B. auf die juristischen „Notwendigkeiten“, die rechtfertigende Hilflosigkeit, das distanzierende „selbst Schuld“?

veröffentlicht auf der Webseite Mann in der Kirche

Advertisements