2008 Christian Herwartz, Neuland auf alten Wegen wahrnehmen

Auf einer Dienstreise verabredete sich mein Vater mit mir in Heidelberg. Ich fuhr am nächsten Tag in die für mich fremde Stadt und wartete am Abend auf ihn an einer der Neckarbrücken. Damals war ich 10 Jahre alt. Mein Vater traute mir die nötige Orientierung zu. Ich stieg zu ihm ins Auto und wir fuhren nach Norddeutschland zur Familie. Dies ist nur ein Beispiel, in welchem Vertrauen ich aufwachsen durfte. Zwei Jahre später bei einer Missionsausstellung zog mich Afrika in den Bann. Daraufhin wollte ich einer Gemeinschaft beitreten und mich dort- oder irgendwohin auf den Weg machen. In den folgenden Jahren klopfte ich bei verschiedenen Gemeinschaften an und spürte bei mir jeweils eine Freude über ihr Leben und ihr Engagement. Trotzdem musste ich jedes Mal weiterziehen. Das Neuland, das auf mich wartete, lag hinter dem Horizont meiner Vorstellungen. Es war eine schmerzhafte Lebensetappe, in der ich aber zum Pflügen auf dem Neuland ausgebildet wurde, wie ich im Nachhinein bemerkte. Ich musste die Schule ohne Abschluss verlassen, absolvierte ein zweijähriges Maschinenbaupraktikum auf der Werft in Kiel – in der Hoffnung, dann als Ingenieur in die Entwicklungshilfe nach Chile zu gehen -, beendigte einen zweijährigen Militärdienst als technischer Reserveoffizier, sammelte nochmals all meinen Mut zusammen und ging wieder zur Schule.

Gerufen, Neuland zu entdecken

Mit dem Abitur in der Tasche trat ich in den Jesuitenorden ein. Es war für mich der Wunsch, mir das Neuland ohne jede Vorbedingung meinerseits mitten in all meinen Ängsten zeigen zu lassen. Nach einem Jahr Studium fragte mich Michael Walzer, ein Mitstudent, ob ich mit ihm in einer Fabrik eine manuelle Arbeit suchen wolle. Er wünsche über den gesellschaftlichen Graben zwischen bürgerlich geprägten Menschen und Arbeitern zu gehen. Mit ihnen wollte er zusammen leben. Ich sagte sofort ja, auf dieses Neuland als Hilfsarbeiter mitzugehen. Denn ich spürte, und im Nachhinein sehe ich es noch deutlicher, Gott hatte mir durch einen Mitstudenten den Mantel übergeworfen, wie es Elia bei Elischa getan hat (1 Kön 19,19). Ich hatte meine Beauftragung zum Pflügen beim Spaziergang in einer Vorlesungspause bekommen. Michael, der 1986 in Berlin gestorben ist, steht immer noch lebendig vor mir. Ich konnte mir das Neuland nicht selbst nehmen, das ich nun staunend betrachten und auf dem ich leben darf.

Einige Jahre später arbeiteten wir beide in den Semesterferien in einer Kokerei in Bottrop. In der Gemeinschaft der Dominikaner durften wir wohnen und den Kleinen Bruder Michael in Duisburg besuchen. Wir entdeckten Gleichgesinnte, die über das Land verstreut lebten. Diese Kontakte halfen, unsere Hoffnung auf einen gemeinsamen Weg vor Freunden auszusprechen. Der mitziehende Gott ließ uns Heimat unter den neu entdeckten Brüdern – später auch Schwestern – finden. Wir treffen uns regelmäßig als Arbeitergeschwister in den Regionen, zweimal jährlich in der Nähe von Frankfurt und jährlich auch auf europäischer Ebene.

In Bottrop arbeitete ich damals zeitweise in einem großen Kohlenbunker mit zwei türkischen Kollegen zusammen. Zur Frühstückszeit setzten wir uns irgendwo in den Staub. Sie brachen ihr rundes Brot in Stücke und gaben auch mir davon. Ich nahm das Brot und aß davon. Noch heute ist mir diese Eucharistiefeier ganz gegenwärtig. Der Auferstandene hatte mich gestärkt und ich darf bis heute aus dieser flüchtigen Begegnung leben.

In meinem Studium wurde für mich die südamerikanische Theologie der Befreiung immer wichtiger und ich schrieb einen längeren Buchartikel zur Situation der Gastarbeiter in Deutschland.

Drei Jahre in Frankreich

Nach meinem Studium lud mich eine kleine Arbeiterpriestergemeinschaft von Jesuiten nach Frankreich ein. Michael folgte zwei Jahre später. Dieser Schritt über die Grenze in das Leben eines Gastarbeiters war für mich eine wichtige Vorbereitung, später das Neuland in Berlin zu betreten, wo ich nun seit dreißig Jahren lebe. Damals hatte ich begründete Ängste, eine fremde Sprache zu erlernen, da ich in diesen Schulfächern regelmäßig versagt hatte. Durch Nachahmen der Sprachmelodie lernte ich mich verständlich zu machen. Französisch schreiben kann ich bis heute nicht.

Noch schwieriger war es, in diesen drei Jahren die inneren Versuchungen zu bändigen, kein richtiger Arbeiter zu sein. In Toulouse stand ich an einer riesigen Presse in der Aluminiumverarbeitung. Ein gefährlicher Arbeitsplatz. Dennoch: ich kam nicht aus einer Arbeiterfamilie und hatte weiter die Chance, anderswo arbeiten zu können. Diese mir von vielen Seiten eingeredete Distanz war nach einem Jahr plötzlich beiseite geschoben: Ich wurde entlassen, weil der Chef entdecke, dass ich einer Gewerkschaft beigetreten war. Menschen ganz verschiedener Kulturen und Ausbildungen waren in der Fabrik so eingestellt worden, dass ein solidarisches Handeln gegenüber der Leitung auf Grund der babylonischen Sprachverwirrung erschwert wurde. Doch bei der Entlassung entdeckte ich etwas Neues: Die Kollegen verabschiedeten mich mit einem Fest und ich war von allen inneren Zweifeln befreit.

Nach einem Jahr der beruflichen Ausbildung als Dreher entdeckte ich bei einem großen Fest vieler ausländischer Gruppen, in welchem Volk ich mitten in Frankreich lebte: Ich hatte unter Wanderarbeitern Heimat gefunden und las das Glaubensbekenntnis Jesu neu: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer…“ (Dt 26,5-10). Mein Selbstverständnis drückte sich immer mehr in diesen Sätzen aus.

Durch Berichte über polizeiliches Vorgehen gegenüber Kollegen, die im Streik waren, wurde mein Vertrauen in staatliche Entscheidungen nochmals infrage gestellt. Die Warnung der Propheten, keine Könige zu wählen, war mir einsichtig (Richter 9) wie auch die Feststellung Jesu, dass wir nicht zwei Herren dienen können (Mt 6,24). Jetzt verweigerte ich in meinem Geburtsland den Wehrdienst aus politischen Gründen.

Vor dreißig Jahren: Rückkehr nach Deutschland

Im Herbst 1978 gründeten Michael, Peter, der bald nach Bogota weiter zog, und ich eine kleine Jesuitenkommunität in Westberlin. Wir fanden Arbeit in der Elektroindustrie. In den folgenden Jahren wurden wir reich beschenkt. Häufig durften wir Neuland betreten und nach dem Pflug suchen, mit dem wir es wenigstens aufritzen und manchmal wirklich bearbeiten konnten. Wir wollten offen sein für die freundschaftlichen Beziehungen, die uns Kollegen oder Nachbarn anboten. Geschenkt wurde uns ein Weg der Menschwerdung, anfangs mit wenigen, später mit vielen Freundinnen und Freunden, im Betrieb, im Stadtteil, im anderen Teil der Stadt, der durch eine Mauer getrennt war, in der Gemeinde und in unserer Kreuzberger Wohnung. Dort fanden Menschen aus 61 Nationen oft für Monate oder Jahre Aufnahme. Sie kamen fast alle in sozialen Notlagen als Flüchtlinge, als Entlassene aus Gefängnissen oder Krankenhäusern, als Obdachlose zu uns. Und so war es nicht verwunderlich, dass ich sie anfangs vor allem als Menschen mit einem Mangel angesehen habe. Ja, sie waren hilfsbedürftig und wir konnten ihnen Unterkunft geben. Wir sahen die Not vieler Menschen, reagierten betroffen und wünschten uns offene Türen bei vielen Mitbürgern. Doch hatte ich sie noch nicht als Freunde gesehen, mit all ihren Fähigkeiten und ihrer reichen sozialen und religiösen Geschichte. Später begann ich in ihren Lebensbüchern zu lesen, ihre Sichtweisen zu entdecken, die Einsichten ihrer Religionen zu schätzen. Moralische Vorstellungen traten zurück, die Wertschätzung und der Glaube an das Leben in allen nahm zu. Der Druck des Sofort-machen-müssens verminderte sich.

Wir dürfen alle in Begegnungen Neuland betreten. In jedem Menschen leuchtet es mir entgegen und breitet sich aus, wie ein gedeckter Tisch zwischen uns, an dem viele Platz nehmen können. Nur auf einige dieser Oasen des Friedens, oft mitten in bedrohlichen Situationen, möchte ich hinweisen.

Am Arbeitsplatz

Die Arbeit im Akkord ließ anfangs wenig Zeit, weit über die Drehbank hinaus auf meine Kollegen zu schauen. Doch nach einiger

Zeit konnte ich das Tempo und die Maßtoleranzen halten. Der Kontrolleur nahm die gefertigten Teile ohne Beanstandungen ab. Ich lernte die Kollegen schätzen, ohne mit ihnen in den Alkohol eintreten zu müssen. Viele Themen blieben mir fremd. Um den Obermeister machte ich einen Bogen. Nach etwa drei Jahren kam es in der Werkstatt zum Konflikt mit dem Betriebsingenieur. Zusammen mit einigen Kollegen stand ich ihm gegenüber und konnte das erste Mal vor allen in unserem Namen sprechen. Es war ein großer Frieden in mir. Auch auf den großen Betriebsversammlungen mit etwa tausend Beschäftigten begann ich unsere Sicht der Dinge zu benennen. Manchmal folgten Tumulte und die Vorgesetzten kamen am nächsten Tag und überprüfen misstrauisch den Sachverhalt. Mit der Zeit wurde es erwartungsvoll still, wenn ich zum Rednerpult ging. Ich konnte mich in die Gemeinschaft mit den Kolleginnen und Kollegen fallen lassen.

Eines Tages verstand ich den Bericht des Betriebsrates nicht. Ich spürte, dass einiges nach wochenlangen Verhandlungen um des lieben Friedens willen verschwiegen wurde. Der nächste Tagungspunkt sollte aufgerufen werden. Jetzt war die letzte Chance, sich zu melden, doch ich wusste nichts zu sagen. Also ging ich im Vertrauen auf Zurufe von Kollegen ans Rednerpult und wiederholte, was ich verstanden hatte. Mir wurde geduldig alles nochmals erklärt. Ich fragte zurück. Als ich auch dann die Zusammenhänge nicht verstand und auch keine Hilfestellungen von den Kolleginnen bekam, fragte ich unbeholfen nochmals nach. Da sagte mir die Vorsitzende, dass sie mich nicht verstehen würde. Ich gab zu, dass ich mich auch noch nicht verstünde. Da stand ein anderer Betriebsrat auf. Er hatte Erbarmen mit mir und formulierte mit seinem Hintergrundwissen eine von ihm vermutete Frage. Ich bestätigte sie und er antwortete darauf. Nun konnte ich sachgerecht nachfragen. Die ganze Zeit stand ich am Rednerpult im Vertrauen auf eine Lösung. Die Knie waren weich geworden. Doch diese Erfahrung half mir später, mich auf mein inneres Gespür und auf den Hl. Geist in mir und anderen zu verlassen, auch wenn der Suchweg durch den Spott vieler Mitmenschen hindurch führt.

Abends ins Ausland

Nach der Arbeit bin ich oft nach Ostberlin gefahren. Wieder lernte ich eine neue Sprache und entdeckte für mich Heimat unter den Freunden dort. Der Weg durch die Berliner Mauer machte mir jedes Mal deutlich, dass ich Neuland betrat. Die mitgebrachten Erfahrungen hörten sich dort neu an. Auch wenn diese an der Grenze schwer zu entdecken waren, gab es doch auf dem Weg die Angst, dass etwas Mitgebrachtes gefunden würde. Die Offenheit musste subversiv in beide Richtungen versteckt werden, um sie am Zielort neu auszupacken. Diese Haltung war nötig beim Gang durch das Betriebstor genauso wie beim Eintritt in die DDR und in viele andere Lebensbereiche der Stadt. Freundschaften brauchen Schutz jenseits aller staatlichen und gesellschaftlichen Kontrollen.

Das Gebet auf dem Weg

Morgens, wenn ich zur Arbeit ging, wollte ich in die Schule des Lebens aufbrechen. So betete ich auf dem Weg zur U-Bahn und öffnete mein Herz für die Menschen am Zielort. Jesus wies die Jünger an, die er zu zweit aussandte, keine Schuhe mitzunehmen (Lk 10,4). Sofort sollten sie aus Respekt vor den Menschen, denen sie den Frieden bringen würden, die Schuhe ausziehen. Ähnlich hatte dies Mose vor dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch getan, in dem ihm der Engel Gottes begegnete (Ex 3,5). In diesem Sinn betete ich gern auf dem Weg zur Arbeit. Eines Tages entdeckte ich, dass ich selbst stumm blieb, aber ich bemerkte trotzdem in mir ein Gespräch. Ich hörte zu und hatte den Eindruck, dass Jesus in mir mit dem Vater sprach. Diese Kommunikation in mir ließ mich staunen und ich spürte ein Vertrauen, das mich schützend einhüllte.
Ein rassistischer Überfall

Eines Tages verabredeten wir in der Gewerkschaft einen Sternmarsch während der Arbeitszeit. Aus einigen Betrieben kamen wir zum Treffpunkt und zeigten mit mehreren tausend Kollegen unseren Unmut über die geplanten Einschnitte ins soziale Netz. Ebenso wie ein türkischer Kollege aus dem Nachbarwerk redete ich auf der Versammlung und leitete den Zug zurück zu unseren Betrieben. Als ich ihn vor den Werkstoren aufgelöst hatte, sprangen einige Polizisten aus dem Begleitfahrzeug auf meinen türkischen Kollegen zu und wollten seinen Ausweis sehen. Als er nachfragte, machten sie ein großes Geschrei, riefen den türkischen Kolleginnen und Kollegen zu, sie könnten in Ankara demonstrieren und schlugen auf sie ein. Fünfzehn Verletzte, zwei von ihnen krankenhausreif. Ich stand dazwischen und mir geschah nichts. Als danach eine Polizistin ihre Kollegen in Schutz nahm, verbat ich mir ihre Rechtfertigungen. Sie wertete dies als Beleidigung und ich wurde auf dem Verwaltungsweg zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Den leitenden Polizisten, der zuvorkommend war, traf ich später wieder und er erklärte mir, dass es sich um eine Gruppe Polizisten von der Republikanischen Partei gehandelt hätte und sprach mir sein Beileid aus. In einem zweistündigen Gespräch mit der Gewerkschaftsführung hat der Polizeipräsident das Handeln der Polizisten gerechtfertigt und die Anzeige gegen sie in den Papierkorb wandern lassen.

Vor dem Gefängnis wurde ich auch von den türkischen Kollegen des Nachbarwerkes verabschiedet. Sie behaupteten, dass ich für sie, die Türken, ins Gefängnis ginge. Diese zehn Tage in Plötzensee neben der Hinrichtungsstelle in der Nazizeit war eine wichtige Zeit der Reinigung, der Freude und der Solidarität mit vielen Menschen. Beim Abschied weinte mein Zellennachbar Tränen für mich.

Das Gnadenjahr des Herrn ausrufen

Als 1989 fünfzig Gefangene in Westdeutschland und Berlin ihre Forderungen mit einem Hungerstreik unterstrichen, lasen wir in unserer Gemeinschaft ihre Anliegen. Wir hielten sie für angemessen, geradezu für selbstverständlich. Kranke Gefangene nicht zu entlassen war sogar ein Verstoß gegen das Gesetz. Doch die Gefangenen waren bei den Regierenden politisch verschrien und so wurde nicht auf sie eingegangen. Unsere Gemeinschaft schrieb ihre Sichtweise an alle Parteien im Bundestag. Daraufhin wurden wir während des Hungerstreikes zu einem kurzen Redebeitrag am Beginn einer Großdemonstration eingeladen, zu der etwa 10.000 Menschen nach Bonn anreisten. Viele Teilnehmer/innen waren wie die Polizisten vermummt. Es war eine aufgewühlte Stimmung auch in mir. Eine schlaflose Nacht hatten wohl die meisten von uns hinter sich. Außerdem war der Demonstration von der Behörde der Weg in die Stadt verwehrt worden.

In meinem Beitrag begründete ich meine Teilnahme zum einen mit meinen Erfahrungen auf der Arbeit. In den Betrieben sind entscheidende Regeln der Demokratie ausgesetzt. Gemeinsame Entscheidungen über Produktion, Unfallschutz und Vertrieb werden dort unterbunden, wie es auch im Gefängnis unter staatlicher Herrschaft üblich ist. Zum anderen verdeutlichte ich meine Hoffnung auf die Zusage Jesu, der kam, um den Gefangenen die Entlassung zu verkünden, … die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen (Lk 4,18f, vgl. Dt 15). Damit sollte die verletzte Gleichheit unter uns Menschen wieder hergestellt werden.

Zusammen mit Freunden aus verschiedenen Städten schrieben wir einige Monate später in unserer Kommunität allen fünfzig Gefangenen einen Brief. Wir waren bereit, auf ihren Wunsch nach einer gesellschaftlichen Diskussion einzugehen. Sie antworteten alle auf unseren Brief,der viele erläuternde Bibelzitaten enthielt. Ähnlich wie bei den Besuchen in der DDR wurden wir wieder zu Grenzgängern und sahen viele gesellschaftliche Themen von unterschiedlichen Seiten.

Kleine Favelas mitten in der Stadt

Nach dem Fall der Berliner Mauer schlängelte sich der breite, alte Grenzstreifen durch die Stadt. An einigen Stellen wurde er von Obdachlosen mit alten Autos oder Wagen besetzt. Sie lebten dort mit ihren Hunden nach ihren Vorstellungen. Auch ökologisch orientierte Menschen zogen dorthin und wollten ein einfaches Leben führen und die Umwelt schonen. Sie legten Gärten an, machten mit den Kindern der Nachbarschaft Veranstaltungen und suchten neue menschliche Beziehungen untereinander. Nach und nach wurden diese Wagenburgen von der Polizei geräumt, weil sie nicht ins Stadtbild passen würden. Arme Menschen sollten wieder unsichtbar werden. Als die Freunde auf der Wagenburg in unserer Nähe 1993 von der Polizei umstellt wurden, ging ich zu ihnen. Einige wollten nicht freiwillig gehen und ketteten sich an ein großes Kreuz in der Mitte des Platzes an. Ich blieb bei ihnen. Alle Wagen wurde weggezogen. Am dritten Tag besuchte uns der katholische Bischof von Berlin und verglich die Situation mit der Zeit des Mauerbaus. Dann wurden wir abgeführt und gingen nach einer kurzen Pause vor das Rote Rathaus, um unseren Protest dort fortzusetzen. Dieselben Polizisten kamen nochmals mit 12 Mannschaftswagen und wollten uns auch dort vertreiben. Doch einige Menschen wurden aufmerksam und bleiben stehen. Da ließen sie von uns ab. Wir setzten unseren Protest einen Monat lang fort und konnten vielen Menschen das Vertreiben der Armen aus der Stadt deutlich machen. Es gab viele solidarische Antworten. Einige Male feierten wir einen Gottesdienst vor allem mit den Christen unserer ev. und kath. Heimatgemeinden am Ort unseres Protestes. Dann kam die Polizei wieder am Sonntagmorgen zur Gottesdienstzeit und verdrängte uns aufs Neue. Diese Zeit auf der Straße – nur von einem Schlafsack vor der eisigen Kälte geschützt – war sehr wichtig für mich, weil ich mit vielen Jugendlichen auf der Straße Kontakt bekam und sie mir eine ganz neue Welt zeigten. Der Rückweg in unsere Wohnung und auf die Arbeit war nicht leicht. Ich wurde wieder sesshaft und wusste, wie deutlich die auf der Straße Zurückgelassenen in dem Ausdruck „sess-haft“ die Einengung, die Haft(anstalt) hören, in der sie nie – wieder – sitzen wollen.
Gottesdienst vor der Abschiebehaft

Im Jahr 1995 wurde die ehemalige Frauenhaftanstalt in Ostberlin kostspielig zu einem Polizeigewahrsam für bis zu 250 Ausländer ohne gültige Papiere umgebaut. Ohne einer Straftat angeklagt zu sein, können sie hier bis zu 18 Monate festgehalten werden. In den Zellen wurden Gitter eingebaut, damit die Gefangenen nicht an die ohnehin vergitterten Fenster treten und sie öffnen konnten. Sie lebten also geradezu in Käfigen. Besuch war nur ohne jeden Körperkontakt hinter einer Scheibe möglich. Das höchste Gut, das ein Staat schützen kann, die Freiheit der Bewegung und der Kommunikation wird hier sehr leichtfertig entzogen. Dabei können viele Menschen, die hier einsitzen, nicht in ein anderes Land abgeschoben werden. Eine Reihe Länder gestatten keine Zwangseinreise in ihr Hoheitsgebiet. Die hier Festgehaltenen sitzen ein, um andere Menschen vor der Flucht nach Deutschland abzuschrecken oder um den Bürgern einen handlungswilligen Staat zu demonstrieren. Anders ausgedrückt: Dieses Gefängnis und andere Abschiebezentren sind staatliche Verbeugungen vor den ausländerfeindlichen Stammtischen im Lande. Politiker wollen wieder gewählt werden. Seit der Wiedereröffnung dieses alten DDR-Gefängnisses stehen wir mit der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ mindestens alle drei Monate vor seinen Mauern in Berlin Köpenick, informieren uns über die Situation der Menschen, die dort festgehalten werden, singen, lesen in der Bibel, meditieren vor dem Stacheldraht, beten und singen im Blick auf die Gefangenen, die lange nicht an die Fenster treten konnten, „We shall over come“. Andere Initiativen haben Verbesserungen in diesem Gewahrsam erreicht. Wir hoffen auf den Fall der Mauern, wie es in Berlin 1989 schon einmal möglich war. Nach der einstündigen Mahnwache, die für uns ein Gottesdienst im Blick auf diesen großen Tabernakel Gottes ist, der uns ja in den Gefangenen begegnen will (Mt 25,31-46), besuchen wir regelmäßig einige der Inhaftierten.

An den Mahnwachen beteiligen sich 30 bis 40 Menschen. Manchmal sind es auch doppelt so viele, selten weniger. So kommen immer neue Menschen an diesen Ort des Unrechts mitten in unserer Gesellschaft und üben hier das Nicht-Wegsehen, das neue Hinhören auf biblische Erfahrungen, auf die Empfindungen der Mitbetenden und die Bestärkung zu solidarischem Handeln mit allen, die in unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden. Etwa eine Million Menschen leben in Deutschland ohne Papiere. Sie trotz allem Leugnen der staatlichen Stellen sehen zu wollen und in ihnen Geschwister zu entdecken, ist im Alltag ein wichtiger Schritt für jede und jeden von uns. Durch die regelmäßigen Mahnwachen vor der Gefängnismauer sehen wir unsere Gesellschaft immer vorurteilsfreier und verlieren die Angst, die unterschiedlichen Strukturen in ihr zu entdecken. Das Handeln bleibt individuell recht unterschiedlich entsprechend der Gaben und Möglichkeiten der Einzelnen. Aber hier vor der Mauer um Europa, an der so viele Menschen jedes Jahr sterben, denn die Gefangenen sollen ja jenseits dieser Grenze leben, erkennen wir uns neu in unserer Unterschiedlichkeit. Das Mahnwachengebet ist eine Erinnerung an die Würde jedes Menschen, er ist Ausdruck der Liebe Gottes, die er auf so fantasievolle Weise weltweit sichtbar macht.

Exerzitien auf der Straße

Mit den Erfahrungen der Mahnwachen haben wir seit 2000 „Geistliche Übungen (Exerzitien) auf der Straße“ begleitet. Die Teilnehmer/innen suchen sich Orte in der Stadt – der Parkplatz vor dem Abschiebegefängnis ist dafür ein Beispiel -, die ihnen günstig fürs Gebet und die Meditation erscheinen. An diesen Orten wird ihr Herz bewegt. Sie spüren es zum Beispiel, wenn sie aus Trauer oder Freude zu weinen beginnen und neugierig näher treten, wie Mose auf den brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch zuging. Irgendwo spürte er dann, dass er vor einer entscheidenden Frage in seinem Leben steht und eine Antwort bekommen soll. Er zieht an diesem für ihn heiligen Ort voll Hochachtung seine Schuhe aus.

Die Übenden finden diese Orte in der Stadt an ganz unterschiedlichen Stellen und auch in sich selbst, wenn sie dort Gott entdecken. Dann ist es gut, alle Schuhe des Besserwissens, des Hochmutes und des mangelnden Vertrauens abzulegen und arm – also ohne Ansprüche oder Dünkel – vor Gott zu stehen. Mit diesem Gedanken beginnt Jesus die Seligpreisungen in der Bergpredigt: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt, 5,3)

Wir bieten nicht nur in Berlin zehntägige Exerzitienkurse auf der Straße an, sondern auch andere Formen, das Leben mitten in unserem Alltag neu zu entdecken und aus dieser Begegnung zu leben.

Interreligiöses Friedensgebet

Als von der Regierung in den USA ein Krieg gegen den Irak vorbereitet wurde, gab es in Deutschland viele Friedensdemonstrationen. Mit den Erfahrungen der Mahnwache vor der Abschiebehaftanstalt und den Exerzitien auf der Straße wurde ab Mai 2002 im Anschluss an die Demonstrationen zu interreligiösen Friedensgebeten eingeladen. Der Friedenswunsch eint Menschen der verschiedenen Religionen und auch Religionslose. Als der Krieg begonnen hatte, hat die darüber entstandene interreligiöse Gruppe weiter zu Gebeten auf der Straße – also unter der allen Religionen gemeinsamen Kuppel des Himmels – eingeladen. Wir stehen jeden ersten Sonntag im Monat auf einem zentralen Platz in Berlin – meist dem Gendarmenmarkt – beten, informieren, schweigen und singen. Jede/r kann sich daran auf eigene Weise beteiligen. Es ist ein offenes Gebet, in dem wir den Schrei unseres Nachbarn und den eigenen nach Frieden hören und Dank über jedes Gelingen menschlichen Zusammenlebens ausdrücken können. Auch dieses regelmäßige Gebet ist uns Übung und Erinnerung, Trennendes in unserer Gesellschaft zu sehen, es vor Gott zu bringen und die Einheit unter den Menschen über vielerlei Grenzen hinweg neu zu erfahren.

Wohngemeinschaft Naunyn 60

Die im Herbst 1978 klein begonnene Gemeinschaft ist in den Jahren gewachsen. Schwer zu sagen, wie groß sie ist. Viele beteiligen sich an ihr und schenken sich gegenseitig und anderen Gastfreundschaft. Etwa 400 Menschen haben im Laufe der Jahre länger in ihr gewohnt, viel mehr haben sich auf sie bezogen und sie mit geprägt. Sie lebt vor allem im Rhythmus von zwei besonderen Mahlzeiten in der Woche:

Am Dienstag treffen sich die Mitglieder der Kommunität zu einem Abendessen, anschließend zu einem oft zweistündigen Austausch über die persönlichen Erfahrungen der letzten Woche und danach zu einer Eucharistiefeier, bei der die Bibeltexte des Tages geteilt werden, die oft die Erzählungen der Einzelnen ausleuchten.

Am Samstagvormittag kommen viele Gäste zu einem mehrstündigen Frühstück. Es ist eine ganz bunte, immer neue Versammlung. Oft merken wir dabei, wie sehr der Hinweis stimmt: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt (Hebr 13,2). Manchmal sind wir in den Jahren zu einer Pilgerherberge geworden, die Menschen auf sehr unterschiedlichen Lebenswegen Schutz geboten hat und von der sie dann wieder aufbrechen konnten. Dieser Vergleich drängt sich auf, wenn ich mich in meinem Schlafzimmer umsehe. Dort stehen seit zwanzig Jahren sieben Betten, in denen oft Menschen aus sechs Ländern schlafen.

Die vielfältige Liebe

Das Entdecken der geschwisterlichen Liebe über alle vorgefundenen Grenzen hinweg steht für mich im Zentrum meiner Glaubenserfahrung und ist immer neu der Wendepunkt hin zum Leben. Wie oft müssen wir an diese Vielfältigkeit Gottes erinnert werden? Gott hat die Welt und darin uns Menschen voll sprühender Fantasie geschaffen, da Liebe wohl nur in vielfältiger Unterschiedlichkeit möglich ist. Sie schenkt Einheit und Freude am anderen und uns selbst.

In Berlin sind viele Gegensätze zwischen Menschen sichtbar. Sie können oft friedlich nebeneinander existieren. Dazu gehören auch die Herausforderungen zwischen heterosexuellen und schwul/lesbisch veranlagten Menschen oder jenen, die sich nicht einer der beiden Gruppen zugehörig fühlen. Der Kontakt zu diesen Menschen und zusammen in einer Gemeinschaft zu leben, lässt mich neu nach den Absichten Gottes fragen. In welche umfassende Freude seiner Liebe will Gott uns durch all diese Begabungen einführen und Anteil schenken? Gottes Liebe übersteigt all unsere menschlichen Vorstellungen und Fähigkeiten. Sie kann uns in gnadenhafte Dimensionen führen.
Neuland, das Land der Rückkehr und der Versöhnung

Oft sind wir mitten in Konflikten, in Depressionen oder in einer Sucht gezwungen, einen Schritt zurückzutreten oder gar weiter weg in eine Schutzzone zu fliehen. Hagar lebte im Streit mit ihrer Herrin Sarai und floh in die Wüste (Gen 16), Mose floh nach Midiam als bekannt wurde, dass er einen ägyptischen Aufseher erschlagen hatte (Ex 2,12), und Lukas erzählt in seinem Evangelium, dass Kleopas und sein/e Begleiter/in enttäuscht über die Kreuzigung Jesu von Jerusalem weg nach Emmaus zogen (24,13-24). In diesen und anderen Geschichten tritt mitten im größten Schmerz eine Wende ein. Hagar begegnet dem Gott, der nach ihr sieht, und kann mit dieser neuen Erfahrung in ihre schwierige Lebenssituation zurückkehren. Sie bekommt auch eine Verheißung für ihren Sohn Ismael. – Der in der Fremde umherziehende Mose begegnet Gott in einem Engel. Er soll nach Ägypten zurückgehen und sein Volk im Auftrag Gottes in die Freiheit führen. – Den aus Jerusalem Flüchtenden wird ihre Geschichte neu ausgelegt und sie erkennen Jesu beim Brotbrechen. Sofort, in derselben Nacht, gehen sie zurück nach Jerusalem. Nun können sie Petrus zuhören, wie er von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt, und dann auch selbst von ihren Erfahrungen sprechen. Jesus ist beim Erzählen wieder greifbar nahe und wünscht ihnen seinen Frieden. Doch die Jünger können seine Gegenwart nicht glauben. Er sieht ihre Zweifel und hilft ihnen, in dem er sie um etwas Essbares bittet (Lk 24,35-43).

Nach der Rückkehr mit einer Verheißung, nach einer Klärung oder mit einer Hoffnung (vgl. Lk 15,17-19) wird die alte, schmerzhaft vertraute Situation zu Neuland. Die Umkehr muss sich bewähren. Der Pflug ist ein deutliches Bild dafür. Er wendet die Erde. Das Brachland oder der abgeerntete Acker wird zu Neuland, bereit die neue Saat aufzunehmen. Sie kann nun fest verwurzelt im Boden (vgl. Mt 13,3-8) vielfache Frucht bringen.
Das Erinnern an die geschenkte Freude

Aus der Freude über die empfangene Verheißung oder Hoffnung können wir den Pflug führen und mit der neu entdeckten Sicht in der Gegenwart leben. Beim Pflügen werden wir aber regelmäßig müde und können die neuen Lebensimpulse wieder vergessen. Eine lähmende Traurigkeit macht sich breit oder muss unter großen Kraftanstrengungen überspielt werden. Dann ist es gut, a) an die persönlichen Orte der Umkehr wenigstens in Gedanken oder im Gebet zurückzukehren – in meinem Fall in das Gespräch mit Michael, in den Kohlenbunker mit den türkischen Kollegen, in das Fest nach meiner Entlassung aus dem Betrieb und in andere Situationen meines Lebens. b) Gemeinschaftliche Treffen aufzusuchen: Den Kommunitätsabend mit der Feier der Eucharistie, die Mahnwache vor dem Abschiebegefängnis, das interreligiöse Friedensgebet. c) Außerdem ist es wichtig, persönliche Zeiten für neue Erfahrungen frei zu machen, wie es in Exerzitien oder anderen stillen Zeiten geschieht. In ihnen wird das Erinnern an die eigene Sehnsucht gestärkt und wir dürfen uns in ihr von Gott ansehen lassen.

Weitere Informationen 1) zu den Exerzitien auf der Straße: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen – Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006 und: http://www.con-spiration.de/exerzitien 2) zum Interreligiösen Friedensgebet: http://www.friedensgebet-berlin.de

Beitrag aus dem lesenswerten Buch
Bernhard Lübbering Hg., Ein Lesebuch nicht nur für City-Kirchenarbeit,
Dialogverlag Münster 2008