2001 Christian Herwartz, Nach Orten der Gottesbegegnung suchen

Kreuzberg ist ein Stadtteil Berlins. Wegen seines Nachtlebens ist  Kreuzberg ein anziehender, aber auch ein gefürchteter Ort. Hier leben Menschen aus den verschiedensten Nationen. Viele sind ohne Aufenthaltsberechtigung, also ohne gültige Papiere. Drogenabhängige und  obdachlose Menschen sind genausowenig zu übersehen wie die vielen Polizisten, die nach untergetauchten Menschen suchen. Aber auch für Künstler ist Kreuzberg ein anziehender Stadtteil, der Anfang des 20. Jahrhunderts zu den dichtbesiedeltesten Gebieten Europas gehörte. Und Kreuzberg ist immer noch ein urbaner Dschungel, ein buntes turbulentes Armenhaus.
Seit über zwanzig Jahren wohnen wir Jesuiten mit einer kleinen Kommunität an diesem Ort. Wir sind Arbeiter in der Industrie geworden und haben Kontakt zu verschiedenen Gruppen in der Stadt gesucht: Vorrangig zu Menschen, die nicht zu der in der Politik und der Kultur tonangebenden Gesellschaft gehören, also zu Gefangenen, Obdachlosen, Drogenabhängigen. Mit einigen von ihnen leben wir in einer Mietwohnung aus dem 19. Jahrhundert zusammen. In dieser Wohngemeinschaft sind Menschen aus vielen Kulturen zuhause. Alle waren in einer Notlage, als sie anklopften und Unterschlupf suchten. Wenn sie Gastfreundschaft erfahren, wird ihre Würde langsam sichtbar, versteckt hinter vielen Schwierigkeiten, mit denen sie ringen. Für uns Jesuiten und auch für andere Besucher werden diese Menschen zu Lehrerinnen und Lehrer der Menschwerdung: wir werden mit unseren Stärken und Schwächen angenommen und zum Leben jenseits aller Konkurrenz ermutigt. Unsere Lehrerinnen und Lehrer sind Menschen, die oft unter Unrecht leiden und die von der herrschenden Gesellschaft ausgegrenzt werden. In der Begegnung mit ihnen, entdecken wir die menschenverachtenden Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Religionen, die wir nicht nur in der Gesellschaft beim Verhalten von anderen und in den Texten staatlicher Gesetze bemerken, sondern die wir selbst in uns tragen. Die Frage, wie liebt Gott diese uns zuerst fremden Menschen, wird zum Schlüssel der Begegnung. Gottes Fantasie findet zu jedem Menschen einen eigenen Zugang. Er lädt uns ein, mit ihm diesen Weg zu gehen. Das Annehmen anderer Menschen bringt die Beziehung zu uns selbst in Schwung, wirkt heilend. Oft sind wir zuerst sprachlos und müssen beginnen, neu hinzuhören und zu verstehen. Das ist ein kontemplativer Vorgang. Wir erleben auch Prüfungen; sie sind Nachfragen, wie tragfähig unsere Einheit mit Gott gewachsen ist, der uns ja als Hungriger, Durstender, Kranker, Gefangener zu begegnen versucht. Immer wieder wird er in diesen Menschen an den äußersten Rand der Gesellschaft auf den letzten Platz gedrängt. Als Christen lernen wir, auf das Verstummen Gottes in der Mitte unserer geschäftigen Interessen zu hören. Besonders dann möchten wir ihm neu nachgehen und uns mehr in seine Nähe rufen lassen. Wir müssen dazu die „Schuhe“ der Mächtigen, der Besserwissenden, des Besserseins ausziehen, um die Einladung in die Einheit und Freude mit Gott und seinen Geschöpfen annehmen zu können.

Auch Mose mußte seine Schuhe ausziehen, als er den heiligen Boden betrat, auf dem Gott ihn zum Dienst für sein Volk berufen hat. Jeder Boden wird heilig, wo Gott uns begegnen will. Ob dies in einem unscheinbaren kratzigen Dornbusch oder in einem bettelnden Obdachlosen geschehen soll, können nicht wir entscheiden. Aber was ist schöner, als die Einladung Gottes zum Leben zu bemerken und sie dann auch anzunehmen?

Eines Tages klopfte jemand mit der Bitte an unsere Tür, in unserer Kommunität seine Exerzitien zu manchen. Es gab Bedenken: Keiner von uns hatte bisher Exerzitien begleitet und in unserer Wohnung war ein ständiges Kommen und Gehen. Doch er bestand auf seinem Wunsch. Die Geistlichen Übungen in unserer Mitte wurden für ihn zu einer wichtigen Zeit der Klärung seines Lebensweges. Andere Exerzitanten machten bei uns ähnliche Erfahrungen. Auch für unsere Gemeinschaft waren diese Zeiten fruchtbar. Ganz unterschiedliche Wohn- und Lebensorte fanden die Übenden in der Stadt, um an diesen Plätzen zu meditieren und zu beten. Auf der Suche nach diesen Orten lernten sie, auf ihre innere Stimme zu hören und sich leiten zu lassen. Jeder Mensch hat an bestimmten Orten Angst. Mancher kann sich einer Ansammlung von Drogenabhängigen nur langsam nähern oder muss von Weitem stehen bleiben. Wenn er dann Luft geholt hat und bleiben kann, beginnt das Öffnen und Abstreifen der Schuhe. Er sieht sich den „Schauplatz“ der Meditation und des Gebetes an, würde Ignatius sagen. Was sucht er hier? Was erhofft er sich? – Seine Ängste sind weiter da, aber er wird erstmal ruhiger und ist gespannt, was er sieht und wie er von Gott angesprochen wird. Das geschieht immer überraschend. Wenn sich in seinem Herzen etwas bewegt hat, wird  er wiederkommen oder das Erlebte – vielleicht an Hand einer biblischen Geschichte – anderswo nochmals betrachten. Dann können die Früchte der Meditation reifen. Nicht immer wird der Meditierende direkt angesprochen. Doch auch das ist nicht selten. Eine ältere Frau hat an einem Treffpunkt von Drogenabhängigen ihren Ort der Meditation gefunden und nach einiger Zeit hat sie dort von einem gleichaltrigen einsamen Mann einen Heiratsantrag bekommen. Erst war sie unwillig und ist verärgert weggegangen. Doch als sie nach zwei Tagen den Sinn der Worte entdeckte, wusste sie, dass dieser Mann ein Bote Gottes für sie war, der ihr das Leben in Gemeinschaft mit Gott ausgelegt und dazu eingeladen hatte. Umgehend machte sie sich auf den Weg zu einer Armenküche, um diese Einladung in die Gemeinschaft mit Gott innerlich zu feiern. Viele einengende Ängste waren von ihr gewichen.

Ignatius von Loyola beschreibt seine Ur-Exerzitien in Manresa mit vielen solchen Erfahrungen. Er kämpfte mit seinen Gewohnheiten, indem er oft das Entgegengesetzte seiner alten Praxis tat. Nach und nach zog er seine „Schuhe“ aus. Er konnte sich Gott anvertrauen und zu ihm sprechen. Die Exerzitien sah er als eine Zeit des Experimentierens, ähnlich wie die Pilgerreise nach Jerusalem, die Unterrichtung von Kindern auf der Straße, die Krankenbesuche und -pflege. In all diesen geistlichen Zeiten des Entdeckens und Betretens von Heiligem Boden lernte Ignatius die Solidarität mit den Armen – er war oft selbst von ihnen nicht zu unterscheiden – und er wurde hungriger nach der Armut vor Gott.

Als eine Gruppe Menschen ihre Exerzitien in Kreuzberg machen wollte, fragten wir in der Pfarrei nach. Dort steht im Sommer ein Kellerraum leer, in dem im Winter Obdachlose schlafen. Hier kamen auch die Exerzitienteilnehmer unter.

Während der 28 Jahre andauernder Teilung Berlins konnten die Gläubigen dieser Gemeinde nicht mehr zu ihrer Kirche auf der anderen Seite der Mauer gehen. So wurde eine Notkirche an der Mauer gebaut. Berlin ist eine wiedervereinigte Stadt. Die beiden Gemeindehälften mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen während der Teilung Berlins konnten bisher nicht wieder zusammenfinden. Auch andere Wunden der Teilung – ebenso die des Krieges und der faschistischen Herrschaft – sind an vielen Orten sichtbar. Neben anderen sind auch diese Orte, die an diese schmerzhafte Geschichte erinnern, für einige der Übenden zu Heiligen Orten geworden. Sie bekamen Zugang zu ihrer eigenen verwundeten Geschichte.

Während der gemeinsamen Tage der Geistlichen Übungen sind alle nach dem gemeinsamen Morgengebet und Frühstück auf die lauten und stillen Plätze der Stadt gegangen. Abends nach dem Gottesdienst haben sie sich gegenseitig und die Begleitenden auf die Orte, wo sich etwas in ihren Herzen bewegt hatte, hingewiesen und davon erzählt. Wir schrieben die Namen der Orte auf ein Blatt Papier, das für uns zu einem dicken Buch der Erfahrungen wurde.

Ein Beispiel: Eine Frau suchte sich für die Meditation einen Platz vor einem Abschiebegefängnis. Sie blieb dort längere Zeit und vergegenwärtigte sich die Lebenswege der gefangenen Frauen hinter den Mauern. Aus unterschiedlichen Gründen waren sie aus ihren Heimatländern weggegangen. Jetzt sollen sie des Landes verwiesen werden. In der Zeit der Nazi-Diktatur mußten aus Deutschland viele Menschen fliehen. Was haben wir aus dieser schmerzhaften Geschichte gelernt? Wie steht es um unsere Gastfreundschaft? Viele Fragen sind der Frau durch Kopf und Herz gegangen. Nach einiger Zeit hat sie die Passanten vor dem Gefängnis gefragt: Wie geht es euch, wenn ihr hier vorbei geht? Als sie die niederschmetternden rassistischen Antworten hörte, begann sie sich für die Gefangenen zu schämen und war erschrocken über ihre eigene Unwissenheit. Die Abschiebegefangenen kamen in ihrem Leben bisher nicht vor und die menschenverachtenden staatlichen Maßnahmen wurden von ihr nicht hinterfragt. Nun wünschte sie, Gefangene zu besuchen. Eine Frau verließ die Haftanstalt, sie ging ihr nach und sprach sie an. Es war eine Seelsorgerin. Sie nannte ihr einige Namen von Gefangenen, die sie gleich am nächsten Tag besuchte. Jetzt erlebte sie, wie die Aufseher mit den Frauen umgingen. Sie konnte die Gefangenen nur hinter einer Glasscheibe sehen und mit ihnen durch einige Luftschlitze sprechen. Sie begegnete einer Mutter, die von ihrem Mann und ihrem achtjährigen Kind in Berlin getrennt wurde und nun abgeschoben werden sollte. Die Mutter sei in Urlaub, wurde dem Kind ausgerichtet. Ihr Mann wird wohl später in ein anderes Land ausgewiesen. Kinder ohne Familie fliegt man oft mit sechzehn Jahren in das Land ihrer Geburt aus, auch wenn sie die dortige Landessprache nicht beherrschen. Die Besucherin steht vor ihrer Wirklichkeit und der der Gefangenen. Die Frauen können einen Augenblick miteinander sprechen. Für sie ist es eine Gnade, diese Gefangene zu besuchen. Sie will am nächsten Tag wieder kommen. Nach dem Besuch setzt sie sich in eine Kirche mit einem großen Kreuz über dem Altar und geht den Anstößen des Besuches im Gebet nach. Da setzt sich ein kleineres Kind mit der älteren Schwester neben sie. Der Junge weist auf die große Christusfigur am Kreuz und sagt: „Der lebt.“ Die Schwester erklärt die Materialien, mit der die Figur hergestellt ist. Der Kleine lässt nicht locker: „Der lebt.“ Schließlich wendet er sich an die Frau im Gebet mit der Frage: „Der lebt doch?“ Und sie kann mit der Erfahrung dieses Tages antworten: „Ja, er lebt.“ Die Exerzitien gehen in Begleitung dieser Gefangenen aus einem fernen Lande und dieses Kindes weiter. Ihr Herz ist voll Dankbarkeit geöffnet für den Ruf Gottes. Die drängende Frage ist jetzt, wie kann ich dafür offen bleiben. Vielleicht wird sie der Gefangenen einige Briefe schreiben und nach ihren Exerzitien in Berlin das Gefängnis an ihrem Heimatort suchen. Die Sehnsucht nach dem Wort Gottes hat neu begonnen. Schon jetzt – und besonders in der Zeit nach den Exerzitien – sind aber auch die Schatten der Angst spürbar, dass der innerlich erahnte Lebensweg öffentlich wird. Vielleicht grenzen sie dann ihre alten Freunde aus, ähnlich wie es mit den Gefangenen geschieht. Will sie wirklich über alle gesellschaftlichen und kulturellen Grenzen hinweg zu einer Pilgerin Gottes werden, auch wenn dies mit Spott und Verachtung einhergeht?

Gehen wir nochmals an den Anfang der Geistlichen Übungen zurück. Ignatius von Loyola beginnt auf Grund seines eigenen Experimentierens die Übungen mit einer Fundamentbetrachtung. Er läd ein, für das Leben zu danken, also dazu ja zu sagen, Sohn oder Tochter Gottes zu sein. Jeder Mensch wird bei diesem Einstieg auf andere Erfahrungen zurückgreifen und sein Leben aus dem Glauben mit anderen Namen Gottes in Verbindung bringen. Welche vorsichtig oder plakativ vorgebrachten Aussagen stehen für den einzelnen unerschütterlich fest; will er oder sie dazu nochmals mit der ganzen, oft schmerzhaft erlebten Begrenztheit ja sagen? Nicht nur am Anfang der Übungen sondern am Beginn jeder neuen Etappe gibt es im Exerzitienbuch eine Fundamentbetrachtung: die König-, die Abendmahls- und die Auferstehungsbetrachtung im Hause Marias. Auch für die weiteren geistlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten des Lebens finden wir eine Fundamentbetrachtung im Exerzitienbuch: Die Betrachtung zur Erlangung der Liebe. In diesen Fundamentbetrachtungen werden die Quellen des Lebens schützend eingefasst und damit nutzbar gemacht. Hierher können wir zurückkehren und von hier wieder neu aufbrechen. So macht auch die Betrachtung zur Erlangung der Liebe bereit, weiter zu pilgern, also dem vorausziehenden Gott nachzugehen und ihn dort zu entdecken, wo er auf uns wartet.

Für uns Jesuiten in Kreuzberg ist die manuelle Arbeit in Solidarität mit unseren Kolleginnen und Kollegen ein besonders wichtiger Ort, diese Gegenwart Gottes zu entdecken, in der wir die Würde vieler Menschen wahrnehmen können. Er ist für uns ein hervorragender Ort des Lernens, der Demütigung, aber auch des Kampfes. Mitten in allen Schwierigkeiten können wir jeweils – auch miteinander – auf das Fundament der gegenseitigen Gastfreundschaft” zurückkehren und uns an unsere Grundsehnsucht nach einer gerechteren Welt erinnern. Durch Jesus sind wir Eingeladene Gottes. Wir dürfen sein Gast sein und können selbst einladen. Unsere Gäste werden dann oft zu unseren Gastgebern. Die Emmaus-Jünger erlebten ähnliches mit ihrem Gast, als er ihnen das Brot brach. Auch wir entdeckten das Fundament unseres Glaubens jeweils neu, wenn uns Brot in staubigen Fabrikhallen von unseren Kollegen oder am Straßenrand von heimatlosen Menschen geteilt wurde. In unserem Alltag bemerken wir viele geistliche Zeiten, die Ignatius Experimente nannte. In allen wird wie in den Exerzitien das vorbehaltlose Fragen nach dem Willen Gottes geübt, das Loslassen von Macht- und Imponiergehabe, also das Armwerden vor Gott. Auf diese Fülle des Lebens können uns ausgegrenzte, mangelleidende, verachtete Menschen auf besondere Weise hungrig machen und wir dürfen sie auf dem Weg dorthin begleiten.

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