2013 Christian Herwartz Lernschritte

Lernschritte

Von Pater Christian Herwartz Sj1

Da ich seit 44 Jahren Jesuit bin, stellte ich mir nach dem Bekanntwerden der Verbrechen an anvertrauten Kindern auch an jesuitischen Schulen die Frage: Habe ich davon nichts gewusst? Ich kannte doch einen der Täter und bin zwei anderen begegnet. Hat mir wirklich kein Mitbruder von diesem unglaublichen Machtmissbrauch erzählt?

In meinem Noviziat, also meiner Ausbildungszeit im Orden, wurde 1969 vom herrischen Verhalten des Mitbruders Pater Ludger Stüper und der allgemein geduckten Stimmung im Aloisiuskolleg (Ako) erzählt. Als ich für ein dreimonatiges Praktikum dorthin geschickt werden sollte, sagte ich spontan: „Das halte ich für einen Fehler.“ Ich hatte dabei mein eigenes Schultrauma im Blick. Stattdessen lebte ich diese Wochen in einem Obdachlosenwohnheim. Um den „Unheiligen Berg“, also Pater Stüpers langjährige Wirkungsstätte Ako, machte ich einen Bogen. Und ich sollte auch erst viel später direkt mit dem Ako in Berührung kommen. Das Thema Machtmissbrauch wiederum begegnete mir immer wieder auf meinem Weg.

Sexualmoral mied ich spontan im Studium, da ich keine eigenen Erfahrungen in diesem Bereich hatte. Stattdessen war mir Sozialmoral wichtig. Ich begann, als Fahrer und Träger regelmäßig in einer Umzugsfirma zu arbeiten. Nach meinem Theologiestudium lebte ich drei Jahre als Gastarbeiter in Frankreich mit Jesuiten in einer Arbeiterkommunität. 1978 kehrte ich nach Deutschland zurück. Wir gründeten zu dritt eine kleine Kommunität in Berlin. Als Dreher fand ich Arbeit in der Elektroindustrie und verlor sie erst im Jahr 2000. Wenn wir uns bloß „für“ Arbeiter eingesetzt hätten, dann wäre unser Engagement für die Mitbrüder leichter verständlich gewesen. Aber das war nicht unser Anliegen. Wir arbeiteten, lebten und kämpften „mit“ ihnen. Unsere Mitbrüder im Orden mussten wir unsererseits aufsuchen. Umgekehrt kam selten einer zu uns.

In der aufgewühlten Situation während des Weltwirtschaftsgipfels in Berlin 1988 stand unsere Jesuitenkommunität aus Kreuzberg geschlossen am Eingang des Canisius-Kollegs. In einem Flugblatt zitierten wir die Erziehungsgrundsätze des Ordens und fragten die Schüler vorsichtig nach der persönlichen Umsetzung. Mitbrüder beobachteten uns wütend vom Fenster aus. Sie waren u. a. auch deswegen zornig, weil wir bei ihnen nicht vorher um Erlaubnis für diese Aktion nachgefragt hatten. Sie berieten, ob sie die Polizei rufen sollten, und sprachen ein Hausverbot aus.

In dieser Beziehungseiszeit fragte ich einige Jahre später einen neu eingetroffenen jungen Mitbruder und Lehrer, ob wir beide eine Gruppe Freiwilliger begleiten könnten. Wir besuchten die Kommunität der Jesuit European Volunteers (JEV) an ihrem wöchentlichen Gemeinschaftsabend und nutzten die lange Fahrzeit zum Gespräch untereinander. Nach dieser Erfahrung konnte ich die Freundschaft eines zweiten Lehrers annehmen, von Klaus Mertes, der 1994 nach Berlin kam. Beim Engagement für Flüchtlinge und andere Menschen kamen wir uns näher.

In der JEV-Kommunität begann der Kontakt zu einem Mann, der von einem Priester sexuell bedrängt und innerlich so stark verletzt wurde, dass er oft nicht arbeitsfähig war. Nach einigen Jahren zeigte er den Täter beim Bischof endlich an. Lange kam keine Antwort. Nach Jahren zahlte der unterdessen in größere Verantwortung gerufene Priester eine Anerkennungssumme. Die vom Bischof für Missbrauchsfälle eingesetzte Person rief mich an, ich solle das Opfer beeinflussen, da die Bistumsleitung von ihm bedrängt würde. Das war für mich ein Schock. Der Priester blieb bis heute im Amt. Das Opfer sollte schweigen und sein begonnener Prozess der Menschwerdung wieder verschüttet werden. – Später begleitete ich einen in der Jugend missbrauchten Priester aus demselben Bistum, der mir Ähnliches erzählte.

Ich sammelte auch andere Erfahrung mit dem Thema Missbrauch. Bei Exerzitien auf der Straße werden jeweils bis zu fünf Menschen gemeinsam von einer Frau und einem Mann begleitet. Einmal kamen fünf Frauen. Alle wurden in ihrer Kindheit sexuell missbraucht und gingen mit ihrem Schmerz ganz unterschiedlich um. Ich saß in ihrer Mitte, hörte ihnen zu und horchte auf die Resonanz in mir.

Emmanuel Lévinas, ein französischer Philosoph (1906–1995), verlor seine ganze Familie im Holocaust. Vielleicht angestachelt von diesem Schicksal interessiert ihn der Prozess menschlicher Begegnung. Er beschreibt den Beziehungsprozess mit drastischen Worten: In der Begegnung verlassen wir die autonome Gastgeberrolle und begeben uns in die fremde Welt des anderen. Wenn wir uns auf diesen Prozess einlassen, erleben wir, wie wir zur Geisel des anderen werden. Wir lernen, die neue Situation anzunehmen, in der fremden Welt zu denken und zu reagieren. Werden wir uns in die neue Welt völlig einfügen (assimilieren) oder in wichtigen Fragen auf Distanz bleiben, um das Eigene zu bewahren?2 Diese Prozessbeschreibung ist mir aus unterschiedlichen Situationen wie häufiger Schul- und Wohnungswechsel, Aufnahme in den Orden, Beginn manueller Arbeit mit vielen Demütigungen oder beim Gewerkschaftseintritt geläufig. Auch bei dem hier angesprochenen Thema erinnere ich mich an die damit verbundene häufige Entmündigung und Neuorientierung.

Drei ehemalige Schüler kamen am 19.1.2010 zum Rektor des Kollegs in Berlin, Pater Klaus Mertes, um von den unglaublichen sexuellen Übergriffen in den Jahren 1970 bis 1981 zu berichteten. Er sagte ihnen: „Ich glaube euch.“ Und er schrieb anschließend alle Schüler aus dieser Zeit an und versicherte seine Bereitschaft, ihnen zuzuhören. Diese menschliche Selbstverständlichkeit wurde hoch gelobt und die mutigen, zum Sprechen gekommenen Opfer darüber oft vergessen. Wieder stand in der Öffentlichkeit das institutionelle Handeln im Zentrum.

Am Aschermittwoch, den 15.2.2010, luden Pater Patrick Zoll und ich zu einer zweieinhalbstündigen Bußfeier in die Berliner Kirche Maria Regina Martyrum ein, um unser Entsetzen über die aufgedeckten Verbrechen auszudrücken, um die eigene Beteiligung zu erkennen, Kraft für eine angemessene Aufklärung zu erbitten und die Bereitschaft nach einem Weg der Versöhnung zu suchen. Dieser Termin lag für viele noch mitten in der Schockstarre und der spontanen Weigerung, die Berichte über Missbrauch an Schulen für wahr zu halten.

Da schrieb Pater Godehard Brüntrup am 2.3.2010 einen Artikel mit dem Titel: „Eine Kopernikanische Wende?“3 Für mich bereitete sie sich im letzten Jahrhundert vor:

  • Der Grundsatz der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) lautet: Sehen – Urteilen – Handeln. Die Realität der Beziehungen ist der Ausgangspunkt.

  • Die Arbeiterpriester in den romanischen Ländern nahmen diese Art der Reflexion auf und wollten nicht in der Distanz des Helfens, dem FÜR, verharren, sondern suchten das solidarische MIT.

  • Die Theologie der Befreiung nahm die Anstöße auf und stellte die Erfahrungen von Armen und Ausgegrenzten in den Basisgemeinden in die Mitte von Menschen, die sich in der Gesellschaft engagieren und ihren Glauben neu entdecken.

  • Fundamental entwertet der Machtmissbrauch an Schutzbefohlenen die Botschaft Jesu, der ein Kind in die Mitte stellte. Das Hören auf die Würde des Kindes weist uns den Weg ins Leben. Alle theologischen Konstrukte, kirchlichen Strukturen und moralischen Machtworte, die das Hören mit dem Herzen eingrenzen, verlieren ihre Gültigkeit. So wie die Sonne nicht um die Erde kreist, so unterliegt die Wirklichkeit (und in ihr der auferstandene Christus) nicht unseren Ordnungsvorstellungen.

Im Juni 2011 wünscht sich Provinzial Pater Stefan Kiechle ein Buch mit unseren Erfahrungen. Die Patres Hermann Kügler, Godehard Brüntrup und ich gaben das Buch „Unheilige Macht“ im Dezember 2012 heraus. Auf eigene Faust eröffnete ich anschließend den Blog,4 damit die LeserInnen die Fragen und fehlenden Aspekte des Buches ergänzen konnten.

Überraschend wurden hier sofort ausschließlich Themen im Zusammenhang mit dem Aloisiuskolleg in Bonn angesprochen. Was war also neu auf dem „Unheiligen Berg“, denn die Missbrauchsverbrechen fanden ja auch an anderen Schulen statt? Die Jesuiten in Bonn wandten sich meiner Meinung nach unter dem hohen Druck der Öffentlichkeit zu schnell der Präventionsthematik zu – die mühsame Frage nach der Aufklärung geriet dadurch in den Hintergrund. Außerdem lagen die Verbrechen nicht so lange zurück. Pater Ludger Stüper lebte im Frühjahr 2010 noch und war über 40 Jahre lang Identifikationsfigur für das Kolleg gewesen. Andere Beschuldigte wohnten noch vor Ort und waren gesellschaftlich anerkannt. Zusätzlich war im Fall des Aloisiuskollegs die Wolke der Mitwissenden riesig. Die Bilder von mehr oder weniger nackten Jugendlichen hingen jahrelang an den Wänden und konnten von allen Schülern, Mitarbeitern und Besuchern gesehen werden. Aufdeckungsversuche waren noch wenige Jahre zuvor gescheitert.

Als Aufklärer sah ich mich nicht. Ein offener Blog ist dafür kein geeignetes Instrument. Ein Nicht-Jesuit könnte rigorose Zugangsbeschränkungen festlegen, sie durchsetzen und geschützte thematische Räume im Blog entstehen lassen. Doch ich konnte dem Vorwurf schwer begegnen, ich würde nur mir genehme Beiträge zulassen. Ich als Jesuit wollte einen möglichst barrierefreien Zugang. Und ich habe damit viele ganz unterschiedliche Erfahrungen sammeln müssen.

Die anonymen Spötter hatten nun leichtes Spiel, das Gespräch in seiner Ernsthaftigkeit zu unterlaufen. Als ich einigen den Zugang blockierte, weil sie Interna von Gerichtsverhandlungen nutzten, richteten sie einen eigenen Blog ein, auf dem sie die Spottdokumente sammelten.5 Wenn keine Entwicklung der Aussagen beim anderen zugelassen, dem anderen durchgehend schlechte Absicht unterstellt, die eigenen Schwächen in der Namenlosigkeit vorm gegenseitigen Lachen versteckt werden und man sich selbst unkritisch immer zu den guten Aufklärern zählt, dann werden beim anderen viele Äußerungen entdeckt, die Spott verdienen. All das können auf einem Internetblog unerkannte Heckenschützen äußern. Meiner Meinung nach setzten sich also die grenzüberschreitenden Handlungen und das frühere Wegsehen auf dem Blog fort.

In diesem Gegenwind, der auf dem Blog alle traf, die ihr Schweigen überwanden – Täter, Mitwisser sowie Opfer oder Angehörige – wuchs meine Hochachtung vor jeder Person, die trotzdem mit eigenen Erfahrungen auf dem Blog schrieb. Dazu zählten auch einige Mitbrüder, die sich an der Diskussion beteiligten.

Richtungsweisende Begegnungen ermöglichte der Blog eher im Hinterzimmer. Dafür zwei Beispiele: Die beiden ersten Blogeinträge kamen von einem Mitglied der Opfergruppe Eckiger Tisch, der die Aussagen eines nun 86-jährigen ehemaligen Provinzials im Netz mit den Untersuchungsergebnissen verglich. Ich teilte dem ehemaligen Provinzial die Anfrage des Betroffenen mit, und er wünschte ein Gespräch.

Zwischen dem Eckigen Tisch und dem Orden fand bis dahin weitgehend ein Austausch über Presseerklärungen statt. Im Hinterzimmer konnte ich die Bereitschaft des heutigen Provinzials vermitteln, auf einen Brief der Betroffenen zu antworten. Dies war nach der Vorgeschichte ein immenser Fortschritt, denn die Gruppe hatte den Provinzial einige Monate zuvor sogar angezeigt. Die Opfergruppe schrieb ihm daraufhin einen Brief mit 100 offenen Fragen. Der Provinzial antwortete, obwohl vorauszusehen war, dass die Antworten nicht befriedigten. In der Gruppe entstand daraufhin wohl ein heftiger Streit über diesen Brief, der auf dem Blog durch verletzende Äußerungen wahrnehmbar wurde. Der um sich schlagende Blogger ruderte schließlich zurück. Der Provinzial bekam jedoch eine ablehnende Antwort der Gruppe.

Mitten in diesem Tief fand eine große Versammlung der deutschen Ordensprovinz mit dem Generaloberen statt. Die 100 offenen Fragen und die Antworten lagen allen Mitbrüdern vor, sowie ebenfalls ein neuer Bericht, der sowohl die Aufklärungsphase im Frühjahr 2010 am Ako als auch die nun öffentlich gewordenen Missbrauchstaten in der Ako-Einrichtung Ako-pro-Seminar, und da besonders in den Scouter-Gruppen, untersuchte.6 Jetzt wurde im Orden endlich sehr offen gesprochen. Die Schmerzen vieler wurden sichtbar, übrigens auch eigene Erfahrungen von sexuellem Missbrauch einiger Mitbrüder. Die Täter und die mit ihnen Verbundenen, also die Ordensfamilie einerseits, und die Opfer mit ihren Familien andererseits wurden gegenübergesetzt. Doch es wurde klar, dass das Lagerdenken keine hinreichende Abbildung der Wirklichkeit darstellte.

Die Eintragungen gingen derweil auf dem Blog zum Buch „Unheilige Macht“ weiter. Mehrere Beiträge mussten schließlich gelöscht werden. Auf die juristischen Auseinandersetzungen in diesem Zusammenhang möchte ich hier nicht näher eingehen. Die sehr kostspieligen Vorgänge haben meiner Ansicht nach nicht einen einzigen Fortschritt bei der Aufklärung der Straftaten gebracht. Sie haben sie sogar letztendlich blockiert. Die Aufklärung musste sich mit Mediation und weiteren Methoden andere Wege suchen.

Das Drama, Opfer sexueller Gewalt in der Kindheit zu sein, wird von der Europäischen Kommission bei jedem fünften Einwohner der EU vermutet. Viele leben mit einem Trauma, das diese oder eine andere Gewaltanwendung hinterlässt. Unsere Gesellschaft ist geprägt von verdeckten Traumata unterschiedlichen Machtmissbrauchs. In den christlichen/ Kirchen vergegenwärtigen wir uns jedes Jahr die Verurteilung, Folterung und den Mord an Jesus. Immer wieder wird der Schmerz spürbar. Diese Erinnerung ist keine Wiederholung der Ereignisse. Wenn die im liturgischen Prozess regelmäßig durchlebte „Retraumatisierung“ persönliche Prozesse anstößt, werden wir auf die eigenen Traumatisierungen verwiesen. Am Karfreitag erinnerten wir uns in Berlin an die Ermordung Jesu am Kreuz vor der Mauer des Abschiebegefängnisses. Wir stehen quasi an der „Mauer um Europa“, die durch die Boote der europäischen Grenzagentur FRONTEX „geschützt“ werden. An dieser aktuellen Grenzsicherung sterben jedes Jahr Tausende, ohne dass ihnen ein Verbrechen vorgeworfen würde. Ähnlich wurde Jesus willkürlich umgebracht. (Johannes 19,6) Die alltäglichen Verbrechen in unserer Mitte verletzen schwerwiegend oder töten gar.

Warum ist Jesus ohne äußere Not in dieses Leid gegangen? Er hat den besorgten Petrus barsch zurückgewiesen und ihn Satan genannt (Matthäus 16,23)? Noch am Ölberg konnte er sich in einer halben Stunde aus dem Bereich der Gerichtsbarkeit entfernen. Jesus stellte sich, erfüllte damit das Gesetz und nahm das Schweigen an, in das er gedrückt wurde.

Mose floh nach dem ersten Versuch, sein Volk zu befreien (Apostelgeschichte 7,25). Doch 40 Jahre später folgte er dem inneren Ruf, und das Volk wurde mit vielen Gewaltakten aus der Sklaverei heraus geführt.

1 Der Autor ist Jesuite und Buchor. Er beschreibt seinen Lebensweg in diesem Text. Er richtete Ende 2012 den Blog unheiligemacht.wordpress.com ein.

2 Pater Klaus Mertes schreibt in diesem Buch in Kapitel 6.2 (Anm. d. Hrsg.).

3 G. Brüntrup, Eine kopernikanische Wende. Was uns der Blick in die Dunkelheit lehrt. Der Jesuitenorden und die Banalität des Bösen, http://www.hfph.mwn.de/lehrkoerper/lehrende/bruentrup/zeitungsartikel/kopernikanische-wende.pdf.

4 unheiligemacht.wordpress.com.

5 jesuiten.wordpress.com.

6 Arnfried Bintig, Grenzverletzungen im Ako Pro Scouting am Aloisiuskolleg Bonn – Bad Godesberg, 2013.

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