2011 Christian Herwartz, Kreuzberger Exerzitien

Den Dornbusch auf der Straße suchen

Christian Herwartz schickt Menschen auf die Straße. Um sich selbst näherzukommen, Neues zu entdecken und um eine Botschaft zu hören. Der Jesuit lebt seit Jahren in einer großen WG in der Naunynstraße, die offen für alle sein will.

Cornelia: Du bietest seit 11 Jahren in Kreuzberg „Alltagsexerzitien“ an. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Christian Herwartz: Das Wort Exerzitien kommt aus dem Lateinischen und heißt einfach nur „üben“. Was übt man? Aufmerksamkeit. Und für was will man aufmerksam sein? Da hat jeder einen ganz anderen Weg. Wenn die Leute in den Alltag gehen, dann ist es gut, eine Zeit zu reservieren, 10 Minuten oder eine halbe Stunde, in der U-Bahn oder Zuhause, vor der Arbeit oder vielleicht am Abend. Eine Zeit, in der ich still werde, in der ich ins Hören komme. Sachen wahrnehme, die von außen kommen. Aber auch wahrzunehmen, was ich selber dabei fühle, wo ich eine Not in mir spüre oder eine Freude. Das läuft bei jedem anders ab, weil der Alltag ganz anders ist. Aber einmal die Woche kommen wir zusammen und erzählen von diesem Alltag.

Cornelia: Du leitest auch „Exerzitien auf der Straße“. Was ist deren Grundgedanke?

Christian: Exerzitien auf der Straße haben die Idee, dass das Schweigen, mit dem das Üben in den unterschiedlichsten Religionen, bei Buddhisten, Muslimen, Christen, oft verbunden ist, zu einem Hören wird. In dem ich Impulse aufnehmen kann, aus mir selber und aus meiner Umwelt. Im Zentrum der Exerzitien auf der Straße steht eine biblische Geschichte. Darin geht es darum, dass Moses mit 80 Jahren als Schafhirt den Drang hatte, etwas wissen zu wollen und so mit den Schafen in die Wüste gezogen ist. Und er hat seine Umwelt neu gesehen, hat einen brennenden Dornbusch bemerkt, der nicht verbrannte. Das ist der Anfang der Straßenexerzitien: Etwas zu sehen, was mich neugierig macht. Und die Neugierde nicht liegenzulassen nach dem Motto: „Kenn ich schon“. Sondern ihr nachzugehen. Und irgendwo, keiner weiß weshalb und wieso, vor einer Suppenküche oder einem Gefängnis oder einem Flussufer merke ich dann: Da ist etwas, was ich entdecken soll. Und mich drauf einzulassen. Manchmal muss man ein bisschen warten, aber auch in zwei Stunden kann etwas entscheidendes passieren.

Cornelia: Soll diese spirituelle Selbsterfahrung dann auch längerfristige Konsequenzen für das eigene Handeln haben?

Christian: Die Erfahrung ist ja nicht wirklich, wenn sie keine Auswirkungen hat. Eine Frau in Köln hatte gehört, dass im Bahnhof Obdachlose verhaftet und rausgeschmissen werden. Und daraufhin hat sie sich im Bahnhof auf die Erde gesetzt, um verhaftet zu werden. Mit dieser Haltung – „ich will mich dem stellen“. Sie ist nicht verhaftet worden. Drei Jahre später war sie Obdachlosenseelsorgerin in Köln. Wie das passiert ist, kann ich auch nicht sagen. Das ist uns Begleitern auch überhaupt nicht wichtig. Wir freuen uns über das Entdecken solcher Erfahrungen und sprechen darüber mit den Übenden. Das ist ein Augenöffnen für den nächsten Tag oder die nächste Woche. Das ist ein unabgeschlossener Prozess, den ich nicht von außen steuern kann und will, weil das mit der Person und ihrer Umwelt im Einklang passiert.

Cornelia: Welche Leute kommen, um diese Exerzitien zu machen?

Christian: Da ist man vor Überraschungen nicht sicher. Menschen, die mit Kirche was zu tun haben, aber auch Menschen, die eigentlich Aggressionen auf Kirche haben, aber etwas suchen. Vielleicht ist dann das Ergebnis aus der Kirche auszutreten. Es gibt kein Ergebnis, das angezielt ist. Das Ergebnis ist hoffentlich immer, mehr zu sich zu finden, zu dem Frieden, der in einem ist und das ganze Geschrei um uns herum ein bisschen liegen zu lassen.

Cornelia: Am Abschluss dieser Übungen trefft Ihr Euch dann immer zur „Gedeckten Tafel“?

Christian: Am Ende der 6, 7 Übungswochen – wie auch zwischendurch mal – setzen wir uns zusammen und sehen auf das was jede und jeder mitgebracht hat. Das ist ein Fest. Ein Zentrum bei den Exerzitien auf der Straße ist der Austausch der Erfahrung in der Gruppe. Das ist keine Kopferfahrung sondern etwas mit Fleisch und Blut. Und am Abschluss wollen wir dem nochmal einen Ausdruck zu geben, dass wir uns in die Erfahrungsgemeinschaft losgelassen haben. Und das feiern, weil es eine Freude ist, in so eine Offenheit zu treten.

aus: Kreuzberg kocht, Berliner Büchertisch 2011, S. 57-60

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