2007 Christian Herwartz, Jenseits des Grabens

Nach dem Theologiestudium habe ich als Möbelträger, LKW-Fahrer, Pressenführer in der Aluminiumverarbeitung, als Dreher und Lagerarbeiter in Frankreich und Deutschland gearbeitet. Eine kleine Gruppe von Mitbrüdern und die Verantwortlichen im Orden spürten, dass Christus uns zu sich unter Menschen ruft, die manuelle arbeiten. Als Kollegen durften wir ihre und darin Gottes Liebe entdecken. Oft verließ ich morgens das Haus mit dem Gefühl, in die Schule des Lebens zu gehen. Der Weg der eigenen Menschwerdung, aber auch der Menschwerdung Gottes in unserer Welt wurde immer greifbarer.

Das Rufen und Vorausgehen Gottes, von dem wir uns führen lassen wollen, geschieht in einer Welt, in der das goldene Kalb Geld angebetet wird. Die Arbeitsplätze liegen außerhalb der demokratischen Ordnung und sind geradezu diktatorisch abhängig von Kapitalinteressen und der Börse. Die Vorgesetzten sind den Aktionären meist mehr verpflichtet als den Interessen der Belegschaft oder der Menschen im ganzen Land. Sie befinden sich strukturell auf der anderen Seite eines tiefen gesellschaftlichen Grabens. Deshalb ist es schwer, ihnen Vertrauen entgegenzubringen. Eigene Schwächen müssen oft verborgen werden, so dass auch wir ihnen gegenüber nicht mehr menschlich erscheinen können. Gegenteilige Interessen stehen im Mittelpunkt und doch sitzen wir im selben Boot und brauchen einander.

Das notwendige Teilen der Erfahrungen über die Klippen der Hierarchie hinweg ist gefährlich, weil anvertrautes Wissen für das Herrschen von Menschen über Menschen genutzt wird. In der Atmosphäre eines unhinterfragten Geldinteresses und der mangelnden Bereitschaft, das Arbeitsergebnis gerecht zu verteilen, ist das Vertrauen untereinander grundlegend gestört.

Unter diesem Kreuz haben wir Jesus Christus neu gefunden. Wir haben das Evangelium neu gelesen und deutlicher bemerkt, wie er ausgegrenzt wurde, weil er Tischgemeinschaft mit Menschen pflegte, mit denen viele ihr Leben nicht teilen wollten. Darüber wurde Jesus in der Öffentlichkeit, besonders gegenüber seinen Anklägern und Richtern, immer schweigsamer. Dieses Schweigen Jesu war für mich am Arbeitsplatz gut nachvollziehbar und auch das Teilen des Lebens mit verachteten Menschen.

Manchmal konnten Vorgesetzte über eine schwere Krankheit zu einem offeneren menschlichen Verhalten umgekehrt. Dann war der Graben zugeschüttet. Wir konnten uns begegnen und eigenes abgrenzendes Verhalten überwinden. Es kam zu „Nachtgesprächen“, wie sie Jesus mit Nikodemus geführt hat (Joh 3).

Advertisements