Der Buchinhalt

Gastfreundschaft

Der ständige Wechsel vom Gast zum Gastgeber
und wieder zum Gast

Textsammlung aus Anlaß des 25jährigen Bestehens
der Wohngemeinschaft Naunynstraße und
darin der Jesuitenkommunität Kreuzberg

Berlin 2004

Alle blauen Überschriften sind Links, die zu den Unterverzeichnissen und von dort
zum Buchanfang führen. Die Namen im Autorenverzeichnis führen zu den Beiträgen.

Vornamen – Autorenverzeichnis – Familiennamen
Spanisch – Texte – Französisch

Inhaltsverzeichnis – Teil 1
Einführung
Vorworte
Wer lebt(e) in der WG-Naunynstraße?
Auf dem Weg nach Kreuzberg und die ersten Monate
Die Gemeinschaft ist gefährdet und braucht zwei Wohnorte
Abends im Ausland – Besuche in der DDR
Der Umzug in die Naunynstraße
Der Kommunitätsabend
Die europäische Gruppe der Jesuiten in der „Arbeitermission“
Die Arbeitergeschwister
Fabrikarbeit
Die Christliche Arbeiter Jugend (CAJ)

Teil 2

Initiative für die politische Diskussion mit den Gefangenen
Wagenburgen
Von befreundeten Gemeinschaften
Ordensleute gegen Ausgrenzung
Jesuit European Volunteers (JEV)
Besuche
Essen am langen Tisch
Die Wohngemeinschaft – ein Lernort
Sucht
Exerzitien auf der Strasse
Gedichte und andere Verdichtungen
Die Pfarrei St. Michael in Kreuzberg
St. Thomas Gemeinde, Kreuzberg
Besuche
Friedensengagement – das interreligiöse Friedensgebet
Viele Fragen
Die Mitbrüder aus dem Orden der Jesuiten
Theologisches
Längere Rückblicke
Einladung zum Fest
Anderswo nachzulesen
Autorenverzeichnis
Nachtrag

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Impressum
Herausgeber: Christian Herwartz
Kontakt: Wohngemeinschaft Naunynstraße,
Naunynstraße 60, 10997 Berlin,
tel/fax 030-6149251,
email: christian.herwartz@jesuiten.org


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Leben in ungeordneten Verhältnissen

Im Hinblick auf das Fest „25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße“ habe ich viele gefragt: „Schreibt doch bitte einmal eine Geschichte aus eurem Leben auf, die nicht vergessen werden sollte; die zum Beispiel eure erwachsenen Kinder einmal lesen können, wenn ihr keine erzieherische Verantwortung mehr habt – also im Erfahrungsaustausch unter FreundInnen, auf Augenhöhe, wenn ihr erzählen wollt, was euch im Leben kostbar ist, was euch mit geprägt hat.“ Das Erzählen und Zuhören von unseren Nöten und Freuden ist uns in der Wohngemeinschaft immer wichtiger geworden. Es ist ein Erzählen am Abend – der oft genug auch schon morgens Wirklichkeit ist – um dann neu aufzubrechen. Das Erzählen ist auch Teil der größeren Treffen und Feste. Und so beginnt mit dem Sammeln und Lesen der nun vorliegenden Erzählungen das im Juni 2004 angekündigte Fest und der Alltag des Erzählens setzt sich fort. Herzlichen Dank allen etwa 190 Schreibenden und auch allen Lesenden. Beide Seiten des Dialogs sind wichtig: Die Bezeichnungen „Erzählende und Zuhörende“, „Gäste und Gastgeber“ treffen mal mehr für die einen und dann wieder für die anderen zu.

Nicht alles kann gesagt und erst recht nicht aufgeschrieben werden, besonders nicht in einer fremden Sprache. So fehlen viele sehr prägende Aspekte des Lebens in der Wohngemeinschaft in dieser schriftlichen Sammlung von Geschichten. Menschen aus 50 Ländern haben hier gewohnt, Menschen, die Arbeit gesucht und manchmal gefunden haben, die häufig aus schwierigen Familien, Kinderheimen, Psychiatrien, Bürgerkriegsländern kamen, Muslime, Christen und Andersgläubige. Davon ist wenig die Rede. So ist diese reiche Sammlung auch nur ein – aber ein sehr schöner – Ausschnitt aus dem Leben. Von den überwundenen oder auch nur verdrängten Konflikten wird nicht so gern geschrieben. Jeder aufmerksame Leser wird sie mit hören.

Vor einigen Jahren standen nachts um 4 Uhr zwei Polizisten in unserem Schlafzimmer. Wir lagen alle am Boden auf Matratzen. Hausdurchsuchung! Sie stellte sich später als unbegründet heraus. Aber erst einmal ein ungewöhnliches Wecken. Nach getaner Arbeit sollte von mir ein Protokoll mit der Bemerkung unterschrieben werden, dass die Wohnungsdurchsuchung mit meiner Einwilligung geschehen sei. Diese Unterstellung ist wohl übliche Praxis. Ich habe sie nicht unterschrieben. Auf Rückfrage, wie der protokollführende Polizist es denn empfinden würde, wenn nachts Kollegen in seinem Schlafzimmer auftauchen, kam die Antwort: „Das kann mir nicht passieren, denn ich lebe in geordneten Verhältnissen.“ Er hatte einen Sohn. Wenn der Sohn – vielleicht ganz unbegründet – in Verdacht gekommen wäre? Und die Polizei käme auf die Idee, schnell mal – wie jetzt in unserem Fall – Zuhause nachzusehen (wie sie es regelmäßig bei Dieben, Drogenabhängigen und von ihr oder der Gesellschaft verdächtig erscheinenden Menschen unter dem Vorwand „Gefahr im Ver-


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zug“ tut), was würde er dann empfinden? Er wiederholte immer neu, noch im Treppenhaus, den Satz: „Ich lebe in geordneten Verhältnissen!“ – „Aber warum leben wir denn nicht in geordneten Verhältnissen?“ fragte ich ihn. Etwas zögernd kam: „Am Briefkasten stehen so viele Namen. Das ist doch verdächtig.“ Gastfreundschaft ist verdächtig, habe ich mir anschließend die mich verblüffende Aussage übersetzt. Da wurde die Wohnungsdurchsuchung überraschenderweise zum Kompliment.

An unserem Briefkasten stehen viele Namen auch von Menschen, die hier nur noch oder auch nicht mehr gemeldet sind. Ihre Post kann noch ankommen und es ist immer schön, diese Namen zu lesen und sich an die FreundInnen zu erinnern. Die Grenze der Zugehörigkeit ist fließend und steht auf keinem ordentlich gesiegeltem Dokument, das wir in der Hand halten könnten. Einige Namen sind in der vorliegenden Dokumentation festgehalten, mehr zwischen den Zeilen oder als AutorInnen.

Die Sammlung ist nicht abgeschlossen. Das Erzählen geht weiter, auch über den 1. Mai 2004 (Stichtag für diese Textsammlung) hinaus. Vor einigen Jahren wurde ich gedrängt, die Geschichte unserer Jesuitengemeinschaft festzuhalten (siehe den Text von Franz Meures). Mit diesem Anliegen habe ich mich einige Zeit herumgeschlagen und bemerkt, dass ich das in all den Jahren nicht konnte und jetzt auch nicht kann. Ich finde nicht genügend Distanz zu den Ereignissen, ich stecke da zu sehr drin. Und dann habe ich von dieser Schwierigkeit erzählt.

Da begann Solveig Kelber – wie häufig – an zu lachen: „Die Geschichte brauchst du doch nicht alleine schreiben. Das ist doch die Geschichte von uns allen. Da schreibe ich gern einen Teil mit.“ Aber ich hatte auch kein Konzept einer Geschichtsschreibung, von der her ich Einzelne hätte bitten könnte, Teile zu übernehmen. So entstand die Idee, ohne eine solche Vorgabe und auch nicht nur ausgesuchte Personen zu bitten, ihnen Wichtiges aufzuschreiben. Gern habe ich die Geschichten zusammengetragen und gebe sie nun allen Interessierten unbeschnitten und unkommentiert in die Hand. Teilweise legen sie sich gegenseitig aus, ergänzen sich, korrigieren die Wahrnehmungen und regen hoffentlich zum weiteren Nachfragen und Erzählen an.

Ich wünsche allen LeserInnen, dass sie wie beim Besuch einer Gemäldegalerie einige Bilder finden, bei denen sie stehen bleiben und sich anregen lassen können. Die Sammlung ist eine Fundgrube. Einige haben gefragt, ob sie Teile als Buch herausgeben könnten, eine Frau würde gern eine „Reportage“ von den Eindrücken schreiben, die ihr beim Lesen kamen. Jede/r wird eine Auswahl treffen, was gerade für sie oder ihn wichtig ist. Ich bin gespannt davon zu hören.

Christian Herwartz


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Vorworte

Klaus Kalhorn: Ihr seid Teil meines Lebens / Das was mein Leben ausmacht 13
Hans Mularski: 25 Jahre WG-Naunynstraße 14
Christine Ziegler: meine geschichte ist klein 17
Solveig Kelber: Naunyn 60 17
Marita Herwartz: Reichtum 19
Michael Herwartz: Bei euch bin ich anders 19
Walter Kästner: ad salutem hominis 20
Franz Meures: Eine Aussendungsrede

Klaus Kalhorn
Ihr seid Teil meines Lebens / Das was mein Leben ausmacht

Ich weiß noch, als ich Eddy in der JVA Bonn traf, es war 92, ich erzählte ihm davon, dass ich versuchen würde, über die Synanonschiene via Berlin, den Mühlen der Justiz zu entrinnen. Ich war mit Eddys Bruder Heinz quasi aufgewachsen. Es stand fest, dass meine Verlegung in die JVA Siegburg bevorstand, dort saß Eddy’s Bruder damals ein.

Eddy erzählte mir von seinen Erlebnissen in Berlin, er kam ins Schwärmen, er redete viel, über dies oder jenes, doch nur zwei Dinge blieben mir im Kopf: Köpi und Naunynstraße, Christian und Franz. Er erzählte mir, dass er nach seiner Entlassung auch wieder nach Berlin gehen würde. Ich versprach ihm, ihn dort zu suchen und zu besuchen. Die Jahre vergingen, die Entlassung kam, ich stand in Berlin, mein Bündel Habseligkeiten unter dem Arm ging ich zu Fuß auf die Suche; nach der Naunynstraße fragend arbeitete ich mich vorwärts. Zielstrebig.

Dort angekommen öffnete mir ein völlig Fremder freundlich die Tür. Er ließ mich ein, gab mir Kaffee und Brot, ließ mich telefonieren, erlaubte mir meine Sachen dort zu deponieren. Er sagte, dass Christian und Franz erst abends kommen würden. Wir vereinbarten einen Termin, 19.30 Uhr. Ich war von der Gastfreundschaft überwältigt, ohne Gepäck zog ich los Richtung Köpi. Dort angekommen fragte ich nach der Freundin von Eddy, hatte Glück, sie war da, 5 Stunden vorher nach 3 Monaten von einem Venezuela-Urlaub zurück. Ich wurde aufgenommen, bekam einen Schlafplatz, alles.

Es wurde viel erzählt, 19.00 Uhr rief ich in der Naunynstraße an, Christian und Franz waren da, ich machte mich auf den Weg, den Weg ins Ungewisse, fragend, was da auf mich zukommt. Pünktlich 19.30 Uhr war ich dann dort, es war ein herzlicher Empfang, kam mir gar nicht fremd vor, fand Unterstützung in jeder Hinsicht. Von diesem Moment an wusste ich:

Ich war auch ein Teil von Eurem Leben.

Menschen, die helfen, wirklich da sind, wenn Not am Mann ist, nicht damit prahlen, was sie haben oder können. Sondern Menschen, die Taten sprechen lassen. Ohne Erwartung, Vorbehalte oder gar Vorurteile.

Gewöhnungsbedürftig nach so einer langen Haftzeit, aber äußerst angenehm. Kurz vor 22.00 Uhr verließ ich das Haus Naunynstraße, ging zur Köpi, hatte mein erstes Erlebnis mit Menschen, die es für selbstverständlich ansehen, füreinander da zu sein.

Musste ich noch lange lange alles auf mich wirken lassen. In der Köpi erzählte ich von alle dem, was ich eben alles erleben durfte. Ein ganz anderer Menschenschlag, radikal antifaschistisch denkend, aber auch füreinander da, trotzdem zu Außenstehenden äußerst distanziert. Es wurde noch eine lange Nacht, Party, vieles wurde erzählt, irgendwann dann legte ich mich schlafen.


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Am nächsten Tag nach dem Frühstück ging ich spazieren, alleine, einfach drauf los, die Freiheit genießen. Ich kam in den mir damals völlig fremden Treptower Park. Es war Anfang Herbst, erstes buntes Laub lag in Massen verstreut herum, dachte ich, wäre völlig alleine, betrachtete das Schauspiel der Natur, als plötzlich ein weißer Schäferhund vor mir stand. Ich spielte mit ihm, kein Besitzer war weit und breit zu sehen. Immer und immer wieder trat ich das Laub mit den Füßen in die Luft. Der Hund sprang freudig und geduldig immerzu hoch in die Luft und schnappte nach den bunten Blättern. Ohne dass ich je ein Wort zu ihm sprach, verschwand er nach ca. 20 Minuten, spurlos, so wie er gekommen war. Mir liefen vor Freude die Tränen.

5 Jahre 9 Monate Haft und mein unmittelbarer Gedanke nach dem Verschwinden des Hundes war: „Jetzt können sie kommen.“ Ich war bereit für diesen Augenblick die selbe Zeit noch einmal abzusitzen. – Soviel vertane Zeit für einen Tag, der mein Leben ausmacht.

Nur solche Erlebnisse sind es, die zählen, wirklich zählen. Alltag ist immer und überall, nur der Moment zählt. Das Geschriebene, Gesprochene, das Gelebte, Gedachte. Diese Wärme, die diese Hand mir entgegengebracht hat, das Vertrauen, mir, dem Fremden gegenüber, genauso vorbehaltlos wie Ihr, kein Unterschied, ein Tier hat mir gezeigt, das Leben wieder anzunehmen. Tiere?

Ihr seid schon ein ganz schön lebendiges Rudel da in der Naunynstraße. Danke, Geschöpfe Gottes, danke

Berlin-Moabit JVA Dezember 2002

 

Hans Mularski
25 Jahre WG-Naunynstraße

Also, ganz so lange kenne ich die WG in der Naunynstraße noch nicht, doch seit knapp 10 Jahren kann ich da schon was erzählen!
Das Ironischste, was mir dazu einfällt, ist die Tatsche, dass diese herzenswarme Wohngemeinschaft über dem „Tor zur Hölle“ liegt … eine Kneipe mit ziemlich düsterem Inventar. Das finde ich schon irgendwie lustig, oben der Himmel unten die Hölle – das passt!

Gut, wie also kam ich in die Naunynstraße?
Ich glaube, es war im Sommer 1994, als ich aus der Haft entlassen wurde und eigentlich gar nicht recht wusste, wohin ich gehen sollte. Ich hätte damals zu meiner Schwester ziehen können, doch irgendwie war das ganz und gar nicht das, was ich wollte.

Ich fuhr also erst einmal zum Bahnhof Zoo und schloss meine Sachen im Schließfach ein. Als ich die Bahnhofshalle verließ, traf ich einen alten Freund wieder, den ich schon längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Sein Name war Lars Weber. Ich hab mich sehr gefreut, ihn wieder zu sehen und so gingen wir ins Pressekaffee einen Kaffee trinken. Wir unterhielten uns und irgendwann fragte mich Lars, was ich denn nun vorhätte und ob ich einen Platz zum Schlafen hätte, und so erzählte ich ihm, dass ich eigentlich gar nicht wusste, wo ich hin sollte.


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Lars erzählte mir von der Naunynstraße, wo er schon seit geraumer Zeit wohnte und dass es ihm dort sehr gut gehen würde, dass er eine Therapie gemacht hätte und den Glauben an Gott gefunden hat.

Um ehrlich zu sein, war ich anfangs doch etwas misstrauisch, doch das sollte sich schnell legen.
Ich muss dazu sagen, dass ich ziemlich streng katholisch erzogen wurde und schon mein Leben lang an Gott glaube, doch trotzdem hatte ich aufgrund meiner Drogenabhängigkeit und meines damit verbundenen Lebens den Bezug zu Gott fast völlig verloren. So verglich ich in Gedanken die Naunynstraße mit Teen Chalance oder Hare Krishna Sekte (Ha, Ha). Ich wusste damit einfach nicht umzugehen, doch ich sah, dass es Lars doch sehr gut zu gehen schien und so fuhr ich mit ihm zur Naunynstraße…. Dort angekommen erwartete mich eine freudige Überraschung. Ich wurde ohne Vorbehalt herzlich empfangen und aufgenommen – ohne wenn und aber – niemand war mißtrauisch oder ähnliches, weil ich aus dem Knast kam und das gefiel mir echt gut. Christian, der – „sagen wir mal“ – Hausherr der WG fragte mich, was ich jetzt vor hätte und bot mir sofort seine Hilfe in allen Punkten an – Ämtergänge usw. Ich war von dieser Herzlichkeit so überrascht, so etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Zuvor wurde mir in jeder Lebenslage nur Misstrauen und Skepsis entgegen gebracht, ganz egal wo und wann, die Naunynstraße war etwas völlig Neues für mich. Leider wurde ich nach recht kurzer Zeit wieder inhaftiert und das sollte sich bis heute auch immer wiederholen. Nichtsdestotrotz verbrachte ich, wann immer ich in Freiheit war, Zeit in der Naunynstraße. Ich hatte endlich wieder ein Dach über dem Kopf und mittlerweile bin ich dort auch gemeldet, worüber ich sehr froh bin. In der Naunynstraße habe ich stückweise wieder Glauben gefunden, Kontakt zu Gott gefunden und wieder Trost im Gebet gefunden.

Ich habe viele, viele nette Menschen getroffen und manche etwas kennen gelernt, bis heute besteht Kontakt zu einigen mir sehr lieb gewordenen Menschen, die ich durch Christian kennen gelernt habe.
In meinen Augen ist die WG Naunynstraße ein Platz der Liebe und Wärme, ich möchte nicht eine Minute missen. Ich kann mich an einen Abend erinnern, wo wir alle in der Wohnstube um den Tisch saßen und gebetet haben. Ich durfte ein Gebet sprechen und nach jedem Wort von mir wuchs die Liebe zu Gott, die freundschaftliche Liebe untereinander und herzliche Wärme war überall im Raum. Das war ein schönes Erlebnis.

Dank der Naunynstraße und deren Bewohner habe ich wieder Kraft zum Beten, einen gesunden Kontakt zum Herrn gefunden und ich weiß, dass ich im Gebet Mut und Kraft tanken kann!
Leider ist Lars, der Mensch, der mich erstmals mitnahm in die WG, verstorben. Er starb an einer Überdosis Drogen und so kann ich mich nicht mehr bei ihm bedanken, was ich gern getan hätte. Gott hab ihn selig.

Die WG ist ein Ort der Begegnung, ein Ort der Kommunikation und des Austausches! Viele Menschen treffen dort aufeinander, manche bleiben, manche gehen wieder, doch was bleibt, ist die Liebe und die Wärme, die dieser Ort ausstrahlt.


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Spurensuche

Wie oft
hab ich das Licht gesucht,
das den Sinn des Lebens mir erhellte,
und
mir Sicherheiten brachte,
nicht tausend neue Fragen stellte.

Wie riesig
war die Ungewissheit,
als Folge eig’nen Handelns,
und
führte unter falscher Zielvorgabe
zum Ergebnis aussichtslosen Wandelns.

Wie lange
war ich in mir selbst gefangen,
im Strudel eig’ner Gefühle und Gedanken,
und
konnte nie entfliehen,
dem Käfig voller Egoismuskranken.

Wie viele
Strassen bin vergeblich ich gezogen,
mit dem Kopfe durch so manche Wand,
und
musste doch vor mir bekennen:
„das Ziel verfehlt, erneut verrannt.“

Wie sehr
war ich nur auf mich fixiert,
wollte Wahrheit in mir selbst entdecken,
und
verdrängte diese Wahrheit rasch,
wenn sie ließ mich selbst erschrecken.

Wie schnell
verflogen alle Zweifel,
als Antwort ich in Deinen Worten fand,
und
diese Freundschaft mir Klarheit schenkte,
die ich in dieser Form nie gekannt.

Neumünster JVA Dezember 2003


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Christine Ziegler
meine geschichte ist klein

Es ist über 20 jahre her, dass ich bei euch mal gewesen bin. es war kurz vor der hochzeit von johanna und karl. sie hatten uns beide gefragt, ob wir ihre trauzeugen sein wollten. deswegen hatten wir uns verabredet. wir wollten besprechen, was wir in diesem gottesdienst sagen wollten.

ich kam also in die oppelnerstraße, stieg die treppe hoch und stand vor eurer tür. ich klingelte. erst mal passierte nix. dann öffnete jemand und sagte: „ach du warst das. du mußt doch gar nicht klingeln, hier ist die tür immer offen.“ damit hatte ich nicht gerechnet. die tür hatte einen knauf, aber der ließ sich drehen. da war eine wohnung, die stand allen offen, keine furcht, das da „was wegkommt“. das hat mich sehr beeindruckt. und über die lange zeit habe ich erfahren dürfen: offen steht nicht nur eure tür, sondern auch eure herzen.

Kreuzberg 12. Jan 2004

 

Solveig Kelber
Naunyn 60

Pappmachéskulpturen
Eine Tür als Tischplatte
B i b e l lesen im Wohnzimmer

Mystische Begegnungen mit einem Herren
im grauen Bart.
Ging mir nicht das Herz auf?
Stürmisch brausen, staunen, schauen
ver-wundert sein

es brauchte seine Zeit,
bis ich Grund unter den Füßen fand

Glauben, echt sein
Radikalität riechen
Eine Heimat erahnen.

Schritt für Schritt
Gehen
Eine Blume in der Wüste
immer wieder zurückgekehrt
aufgetankt

überrascht werden
gemeinsam essen


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Währenddessen-
Für Wagenburgen im Zentrum kämpfen
Unter Plastikplanen schlafen
Baseballkeulen trotzen
Vor Uniformen stehen

Wahlverwandtschaften
Umsturz

Dass ich nach Assisi lief
Neubeginn
Unten
mit den Händen
Sich trauen
Dabeibleiben
Nur Da-sein

Gespräche
Erinnerungen
Geborgenheit
Verstandenwerden

Freunde
Treue zu denen,
wo andere, die Nerven verlieren,
die draußen bleiben sollen

Den Widerspenstigen
Keine Zähmung

Beim Tattoostudium
über Gott plaudern
Viel Engagement, viel Papier

Dass sich mein Herz auftat
einfach und radikal, nicht irgendwo im nirgendwo,
sondern hier und jetzt

Dass für alle Platz ist
trotz meiner Enge

lautes Gelächter
zuhause sein
Wien 2. Juni 2003


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Marita Herwartz
Reichtum

Fünfundzwanzig Jahre Jesuiten in Kreuzberg. Was mir dazu einfällt? Ganz spontan und direkt: „Reichtum“.
Warum das? Da gibt es doch keine Geschirrspülmaschine, keine Markenklamotten, keine Nobelkarosse. Da fehlen doch die hinlänglich bekannten Statussymbole von Besitz und Macht. Wo sind da Luxus und Verschwendung?

Das ist nicht der Reichtum, den ich meine.

Ich habe in Kreuzberg Reichtum gefunden, den man sonst oft suchen muss, der sich nur mit offenen Augen und Ohren und wachem Herzen erschließt:
den Reichtum des Menschseins, der Menschwerdung durch Begegnung mit dem Menschen. Das ist kein Reichtum, den man erwerben kann oder den man sich erarbeitet. Da gibt es keinen Rechtsanspruch und keine Versicherung.

Ich habe erlebt wie Menschen aufgenommen werden ohne nach ihrem Ansehen gefragt zu werden, nicht nach dem Warum oder Woher, nicht nach Ausbildung und Verdienst, nicht nach Notlage und Legalität. In der Gemeinschaft ist immer Platz und Zeit für Begegnung, für Austausch, für Hilfe und für das Teilen von Sorgen, Not und auch Freude und Glück. Da schaut man nicht nach dem eigenen Vorteil. Da sind ganz viele verschiedene Menschen, Begegnungen, Gespräche, Situationen und auch Schwierigkeiten, die mir dazu einfallen; da ist aber immer das Grundgefühl der Annahme und der Offenheit; das tut gut, das läßt zur Ruhe kommen, das gibt Sicherheit.

Bei meinen Besuchen bei Euch habe ich immer erlebt, was es bedeutet, willkommen zu sein. Ob nun ein Christ, ein Moslem oder Andersgläubiger, ein gutausgebildeter oder begüterter oder obdachloser, strafgefangener, asylsuchender, illegaler oder sonstwie ausgegrenzter Mensch an Eurer Tür klingelt. Ob er/sie angemeldet kommt oder hineinplatzt in ein Gespräch, eine schwierige Situation. Jeder wird freundlich und willkommen aufgenommen, ob zum Kaffee, für eine Nacht, für mehrere Wochen oder Jahre; da gibt es Brot und ein Bett; wer Eure Gastfreundschaft braucht, wird eingeladen. Da werden auch die nicht vergessen, die draußen sind, gefangen, eingesperrt, abgeschoben. Da fallen mir ganz unwillkürlich Sätze ein wie „Ich war hungrig, ich war obdachlos, ich war im Gefängnis….“ Da passiert Menschwerdung durch echte Begegnung mit dem Menschen im Bewußtsein um den „heiligen Boden“; das ist selbstverständlich und nicht aufgesetzt, von innen heraus ohne Anspruch von außen.

Das ist Reichtum.

Erftstadt-Köttingen 1. Februar 2004

 

Michael Herwartz
Bei euch bin ich anders

Immer wieder habe ich versucht euch etwas zu eurer Gemeinschaft zu schreiben. Immer wieder habe ich es abgebrochen.
Was ist so anders an euch? Ich habe mich das immer wieder gefragt.


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Friede, Heimat, Sehnsucht, Geborgenheit, Kraft, Geist, Reichtum, Gastfreundschaft, Entschiedenheit, Glaube, Einfachheit… fallen mir ein. Das ist viel, sehr viel, aber es ist nicht alles. Wenn ich bei euch bin, bin ich anders. Meine Rollen fallen weg, ich darf ganz ich sein. Oft sind sehr eigene Leute bei euch. Und auch sie sind einfach so, wie sie sind. Sie achten mich und ich achte sie. Weil das hier so ist. Weil es gut so ist. Vielleicht, weil wir alle spüren, dass wir Gottes Kinder sind und es ein Mehr an Würde gar nicht gibt.

So werden Begegnungen in Tiefe möglich:
Samstag morgen. Frühstück. Es ist nicht klar, wie viele mitessen. Es werden immer mehr. Eine Nachbarin, eine Frau aus der Psychiatrie, ein Geistlicher und Banker aus gutem, reichen Hause, ein Moslem, meine Tochter und ich, Christian, Franz und weitere. Das Gespräch geht um Banken und Macht, um Protest gegen Banken und wie es ist, diesen Protest als Mitglied des Managements der Bank zu erleben. Während des Gesprächs wird dem Geistlichen klar, dass die Nachbarin zum bewaffneten Widerstand gehörte, lange Zeit im Gefängnis saß. Und er sagt: „Mein Vater stand auf der Liste der Leute, die ermordet werden sollten. Die Angst um ihn hat lange unser Leben bestimmt.“ — Und beide Seiten ver-suchen ein Gespräch, auch wenn Worte manchmal fehlen. Beide Seiten achten einander; es ist ein sehr sehr schwieriges Gespräch, aber es ist eins. Und sie vereinbaren weitere Treffen. Sie merken, dass sie, wenn auch von völlig verschiedenen Seiten kommend, auf der gleichen Suche sind. Das ist für mich das Eigentliche an eurer Gemeinschaft: Dass Menschen, auch ich, sich verändern, wenn sie bei euch sind.

Erftstadt-Köttingen 29. Februar 2004

 

Walter Kästner
ad salutem hominis

Ich bin sicher, diese Sammlung wird eine spannende Lektüre.
Bleibt zu wünschen, möchte man/frau hinzufügen, nach der Lektüre der vorhergegangenen Zeilen – Sammelsurium von Emotions-Splittern.
Auch Jesuiten steht es frei, Memoiren zur Selbstbespiegelung des/der davongelaufenen Ichs aufzubereiten.
Derartige Unterfangen werden kaum zur Unterscheidung der Geister führen, noch einer Integration der je persönlichen Sehnsüchteleien zur Ganzheitlichkeit eines „Prinzip und Fundament“ dienen …..
bleibt nur noch eine Fest-Hymne, etwa : „I can’t get no satisfaction …“

AMDG

München 28. November 2002

 

Franz Meures
Eine Aussendungsrede

Für Euer Leben in dieser Offenheit möchte ich zur Bestimmung Eurer Sendung einige inhaltliche Anliegen formulieren:

  • Bleibt in Kreuzberg bei Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben.

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  • Pflegt eine Form der Gastfreundschaft, die offen ist für Menschen, die „keinen Ort haben, wo sie ihr Haupt hinlegen können.“ (Lk 9,58)
  • Seid offen dafür, in diesen Menschen dem pilgernden Christus zu begegnen. Lindert Not, wo es Euch möglich ist.
  • Lasst Euch auf die Suche der Menschen ein, die Euch ansprechen, und entdeckt mit ihnen, was Gott uns wertvolles geschenkt hat.
  • Verkündet das Evangelium, wo immer Ihr offene Ohren vermutet.
  • Feiert die Sakramente der Kirche mit denen, die zum Glauben gefunden haben.
  • Seid Brücke und Dolmetscher zwischen den Menschen am Rande und der institutionalisierten Kirche, zwischen je neuen Herausforderungen im Ruf der Armen und der etablierten Strukturen der Gesellschaft Jesu.
  • Seid in diesem Handeln immer kontemplativ für den anwesenden Gott.

So ist aus meinen Gedanken eine kleine „Aussendungsrede“ geworden. Wie wir es besprochen haben, bitte ich darum, die Geschichte Eurer Statio in Kreuzberg, die 2003 25 Jahre alt werden wird, aufzuschreiben. Es war und ist ein spezielles Sendungsprojekt der deutschsprachigen Provinzen. Ich meine, wesentliche Züge seiner Entwicklung sollen festgehalten werden.

Köln 07. Mai 2002,
nach dem Besuch des Provinzials der Norddeutschen Provinz SJ

Miriam Bondy 2002

 


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Wer lebt(e) in der WG-Naunynstraße?

Eine lange Namens- und Länderliste 22
Alfred Vogt 23
Alfred Vogt: Naunyn 60 *** Christian und Franz *** Naunyn 60 23
Bine (Sabine Eggert) *17. 09. 1962 + 05. 06. 1996) 24
Nachruf: Sie hatten alles gemeinsam (Apg 2,44) 24
Barbara Höptner: Sogar das Bett hatte sie für mich schon bezogen! 25
Jens Caldenhoven: Schwellen überschreiten 25
Christian Herwartz 27
Doris Pfaff: Nachgespräch in St. Thomas 27
André de Jear: Terziat – ein drittes Noviziatsjahr 27
Stefan Taeubner: Zum 26. Mai 2001 29
Christian Modehn: „bitte nur ungekürzt“ 30
Carmen Bignotti: In der U-Bahn 31
Henning Brandis: Ein Traum aus Naunynstraße 60 32
Hubert Ludwikowski: Pfarrseelsorge ist nicht alles 32
David Köckenberger *12. 11. 1983 + 04. 06. 1995 34
Christian Herwartz: Erinnerungen an David 34
Hans-Joachim Ditz: Hier ist echte Auferstehung 46
Franz Keller 46
Franz Keller: Es wächst die Dankbarkeit 46
Christoph Albrecht: Besuch aus Basel 48
Angelika Goder: Er mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen 49
Franz hat die Neigung zum Einfachen, zum Direkten – Gespräch mit Christian Schmidt 49
Vera Rüttimann: Oase mitten in der Stadtwüste 54
Fritz Reinecke *13. 11. 1922 +20. 8.1992 56
Gabi Priesnitz: Die schönsten Tage in meinem ganzen Leben 56
Hanns Heim 57
Christian Wagner: Kriminalisierung der Kurden 57
Hanns Heim: Sinnvoll leben! 58
Hanns Heim: „Hier baut die Bundesrepublik an unserer Zukunft“ 63
Hanns Heim: Imaginäre Verteidigungsrede im Stil eines Komikers 64
Hans-Peter Breitbach-Bied * 26. 11. 1963 + 03. 04. 1996 70
Hans-Peter Breitbach: Mein Testament 70
Irene Bied: „Deine Irene weiß, was Du magst“ 71
Henning, der Däne 72
Julia Schneider: Henning und Lars 72
Lars Weber * 12. 11. 1969 + 28. 04. 2000 74
Teresa Jens-Wenstrup: Meine Geschichte mit der Jesuitenkommunität 74
Lena Bielefeld 76
Ilse Busse: Der Imperfekte Mensch 76
Lena Bielefeld: Das Licht wurde größer 76
Michael Walzer * 28. 5. 1948 + 29. 1. 1986 78
Ricarda Praetorius: Eine Begegnung auf einem Weg 78
Michael Walzer: Brief aus Toulouse 79
Michael Walzer: Besinnung – Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit 80
Michael Walzer: Liebe Freundinnen, liebe Freunde! 81
Familie Walzer/Jesuitengemeinschaft Kreuzberg: Todesanzeige 82
Christian Herwartz: Begleitbrief zur Todesanzeige 82
Ludwig Menkhoff: Gelobt sei der Name des Heiligen 84
Die Gemeinschaft der Jesuiten: Danksagung 86
CAJ-Berlin: Nachruf 87
Gottesdiensteinladung zum Todestag 88
Ludger Hillebrand: Leidenschaft, die Leiden schafft 88
Werner Herbeck: Nachruf auf Pater Michael Walzer S.J. 89
Willi Lambert: Einen wirklichen Trumpf gezogen 92
Dorothee Pilgram: Jesuiten in meinem Leben 92
Otto Klewer * 13. 2. 1923 + 24. 2. 1995 97
Peter Musto 98
Peter Musto: Behinderung als Chance 98
Ramon 100
Henning Brandis: Eine Ausstellung ruft 101
Rüdiger Gladen 102
Rüdiger Gladen: Kleine heftige Erzählung 102
Stefan Taeubner 104
Stefan Taeubner: Mit ihren Augen sehen – Leben auf der Flüchtlingsinsel 104
Ursula Adams: In Münster 105
Cornelia Bührle: Vertrauen – die unterschätzte Kraft 106
Tobias Geßner 107
Tobias Geßner: Ich war orientierungslos bis zum abwinken 107


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Wer lebt(e) in der WG-Naunynstraße?
Eine lange Namens- und Länderliste

Die kleine Wohngemeinschaft (Kommunität) von drei Jesuiten (1979) anfangs in der Oppelnerstraße und die Wohngemeinschaft in der Sorauerstraße, mit der sie sich vereinigt hat, ist größer und kleiner geworden, weil ganz unterschiedliche Menschen angeklopft haben, um eine Zeitlang mit zu wohnen und zu leben. Heute ist es wohl unmöglich, die Namen aller aufzuschreiben, die dort gelebt haben in der Oppelnerstraße 26 Hinterhaus bis 1988. Die Wohnung wurde dann während der Sanierung in die Oranienstraße 27 verlegt. Ein Teil der Wohngemeinschaft Oppelnerstraße zog 1984 mit in eine Wohnung der Sorauerstraße 13, in der schon lange eine WG wohnte, jetzt aber nur wenige übrig geblieben waren. Hier gab es einen großen Raum mit vielen Matratzen, so dass leicht acht Menschen unterkommen konnten. Diese Praxis setzte sich nach dem Umzug im selben Jahr in die Naunynstraße fort.

Alle Wohnungen waren sehr einfach ohne Bad, mit Ofenheizung und der Toilette meist im Treppenhaus. Vorübergehend zog die WG-Naunynstraße während der Sanierung 1986 im selben Haus – wir brauchten die Möbel nicht einmal über die Straße zu tragen – in die Adelbertstraße 18 um und kehrte 1988 in eine größere sanierte Wohnung zurück.

Es wird unmöglich sein, alle Bewohner der WG-Naunynstraße aufzuzählen, erst Recht alle Gäste. Beide Gruppen sind zudem oft schwer unterscheidbar, denn jede/r kommt als Gast in die Wohnung. Wenn die Gäste sich zuhause fühlen, können sie zu Gastgebern und auch zu Gästen bei den Neuankommenden werden.
Zur Namensliste

ALFRED VOGT

Durch die Vermittlung der Franziskanerinnen in St. Michael hörte Christian von Alfred, schrieb und besuchte ihn, lud ihn zu uns ein. Er wohnte dann mit Unterbrechungen mit in der Naunynstraße. Er brachte wie jede und jeder andere viele Überraschungen mit und zog später zurück in seine Heimat. Von dort schreibt er nun:

Alfred Vogt
Naunyn 60 *** Christian und Franz *** Naunyn 60

Viele kommen und gehen. Ich gehöre zu jenen, die kommen und gehen und
WIEDERKEHREN um zu sehen, zu HÖREN, zu SPÜREN
Die MENSCHLICHKEIT an jenem Ort! Auch heute bin ich wieder dort
– an jenem Ort
– für mich ein HORT der MENSCHLICHKEIT! Ein kleiner Ort
geschaffen von MENSCHEN
für Menschen in NOT !!
Christian und Franz – Franz und Christian


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Viel haben Sie mir gegeben
Und dennoch stehe ich nicht in ihrer Schuld
Denn: SELBSTLOS ist ihr Handeln
Getragen vom GLAUBEN – von LIEBE und MITGEFÜHL !

Aitrang 20. November 2003

 

BINE (SABINE EGGERT)
*17. 09. 1962 + 05. 06. 1996

Nach der Wende besuchten Dörthe Bayer und Christian Herwartz Bine und ihre Freundin Kippe (Andrea Ernst), die später auch bei uns wohnte und dann bald an Drogen starb. Es waren Besuche hinter Glas in der Haftanstalt Plötzensee. Die beiden wollten etwas von den RAF-Gefangenen hören. Das war der Aufhänger für den Besuchswunsch. Bei der Beerdigung von Kippe konnten wir das erste Mal Bine begrüßen und umarmen und mussten nicht mehr durch die Luftschlitze neben einer Trennscheibe schreien. Auch Bine wohnte dann einige Male nach ihrer Entlassung bei uns. Sie verlor ihren Freund durch Aids und hatte sich selbst auch schon vor Jahren angesteckt. Als sie von ihrem nahen Tod hörte, bat sie darum, in der WG-Naunynstraße sterben zu dürfen.

 

Nachruf
Sie hatten alles gemeinsam (Apg 2,44)

In den letzten sechs Jahren haben wir Bine kennen und schätzen gelernt. Erst nur hinter Glas bei Besuchen im Gefängnis, dann z.B. bei Demonstrationen für politische Gefangene, aber vor allem in der Naunynstraße 60. Viele sehr schmerzhafte Etappen in ihrem Leben kennen wir nicht. Dagegen erinnern wir uns gern an ihre Geselligkeit, ihre Offenheit und Freigiebigkeit, die Liebe zu ihrer Tochter Nadine, für die seit langem ihre Eltern sorgen, und an Tarzan, ihren Kater.

Sehr offen hat sie mit uns über ihre Infektion HIV gesprochen und auch über ihren Tod. Sie wollte loslassen, wenn´s dran ist, und sie hat auf die Gemeinschaft mit Otto, Kippe,…. in der Gegenwart Gottes gehofft.
Die letzten Stunden ihres Lebens konnte sie aus dem Krankenhaus in die Naunynstraße zurückkommen: essen und trinken, sich von ihrer Familie verabschieden und ganz friedlich sterben. Ja, der Friede war ihr in der letzten Lebensetappe nach all dem Streit ganz wichtig geworden.

In diesen Frieden hinein wollen wir sie auch loslassen und neu entdecken. Angelika, Annette, Astrid, Babsi, Björn, Christian, Dörthe, Franz, Hanns, Helma, Jens, Johanna, Karl, Kerstin, Martina, Stefan, Stephan.

Am 13. Juni 1996 wurde Bine auf dem alten Thomasfriedhof in der Nähe von Otto und David beerdigt.


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Barbara Höptner
Sogar das Bett hatte sie schon bezogen!

Im nächsten Frühjahr feiert Ihr Euer 25jähriges Bestehen. Eine lange Zeit. Vermutlich ist es Euch unmöglich, die Menschen zu zählen, die in dieser Zeit Eure Gastfreundschaft in Anspruch nahmen. Von September 1994 bis November 1995 gehörte auch ich zur „Naunyn“, unterbrochen von meiner Pilgerzeit vom April bis Juli. Aber auch in den ersten Wochen auf der Wagenburg hatte ich noch immer „einen Koffer bei Euch stehen“.

Bine wohnte damals als einzige Frau bei Euch und freute sich, dass jetzt noch eine Frau einzog. Euer freundlicher Empfang bei meinem Umzug von der Wollankstraße in Euer Bibliothekszimmer und das herzliche Entgegenkommen von Bine haben mich damals sehr berührt. Sogar das Bett hatte sie für mich schon bezogen! Was mich immer wieder erstaunt hat: Irgendwie funktionierte das Zusammenleben so vieler ganz verschiedener, manchmal extrem unterschiedlicher Menschen – zum Beispiel auch ohne feste Einteilung bestimmter „Dienste“. Manchmal war das auch gewöhnungsbedürftig. Zu manchen Zeiten war sogar das Sofa im Wohnzimmer belegt. 12 Menschen aus 10 Ländern wohnten friedlich zusammen. Vier Christen und zwei Muslime konnten sich da um den Küchentisch versammeln und einige Suren aus dem Koran lesen und besprechen.
Das Mitleben in Eurer bunten Kommunität, mitten im berüchtigten Kreuzberg, war für mich ein weiterer Schritt zu einer umfassenderen Toleranz und Freiheit. Als „gelernte DDR-Bürgerin“ auch ein Schritt in eine unbekannte Welt.

Als gut und wichtig sind mir aus dieser Zeit neben der Begegnung mit vielen interessanten Menschen vor allem auch die Gespräche in Erinnerung geblieben. Die mit Christian, die oft ungeplant entstanden und sehr intensiv waren, und die mit Franz, wenn ich frei hatte und wir ganz in Ruhe zusammen frühstückten. Die dabei diskutierten Sichtweisen und Ideen weiteten meinen Horizont. Auf diese Montagmorgen habe ich mich immer gefreut, auch auf die Kommunitätsabende und den gemeinsamen Austausch.

Als eine kleine „heile Welt“ habe ich die Wohngemeinschaft trotzdem nicht erlebt. Viele kleine große Probleme wohnten mit in der Wohnung. Jede und Jeder hatte auch seine Geschichte mitgebracht. Doch selbst Leuten, die Euch offensichtlich ausnutzten und betrogen, gabt Ihr immer noch einmal eine Chance. Da war Eure Geduld fast ohne Ende, nur schwer nachvollziehbar für mich. Es war eine gute Zeit bei und mit Euch, ein gutes Stück Weg inmitten der Wildnis, die mich umgeben hat. Ich wünsche Euch auch in Zukunft viel Kraft und ein unerschöpfliches Reservoire an Geduld und Liebe für all die Menschen, die auch künftig an Eurer Tür schellen werden.

Rüdnitz 12.06.2003

 

Jens Caldenhoven
Schwellen überschreiten

Wenn ich an die Kommunität in der Naunynstraße denke, dann denke ich an Einladung. Es ist die Einladung, Neues zu sehen und zu erleben und die eigenen Grenzen überschreiten zu lernen.


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Wenn Christian und Franz nicht da waren, hat Otto das Haus gehütet. Ich habe ihn zwar selten wirklich erlebt, aber in der Naunynstraße war ich Gast auch von ihm, einem ehemals Obdachlosen. Vertauschen von „Rollen“, die sonst wie selbstverständlich gelten, durfte ich in der Naunynstraße erfahren. Das hat mich häufig – im wahrsten Sinne des Wortes – „verun-sichert“, d.h. aus meinen vermeintlichen Sicherheiten herausgerissen. Ich war eingeladen, eine Schwelle in eine mir zunächst fremde Welt zu überschreiten, von der ich spürte, dass sie mit dem Reich Gottes mehr zu tun hatte als meine Sicherheitswelt. Ich habe bisher keinen passenderen Vergleich für das, was ich unter „himmlischem Hochzeitsmahl“ verstehe, als das, was sich jedes Jahr zu Weihnachten in der Naunynstraße ereignet: das Gastmahl.

Freunde und Freundinnen kommen. Dabei ist es egal, welchen sozialen Schichten und Berufen sie „draußen“ angehören. Um den Tisch im Wohnzimmer versammelt habe ich eine besondere Verbindung gespürt. Ich durfte eine Schwelle der Ausgrenzung überschreiten und erleben, fühlen, schmecken, wie es sein könnte, ohne Ausgrenzung auszukommen. Ich gestehe: oft bin ich davon immer noch weit entfernt, aber die Sehnsucht danach ist da, und ich habe erlebt, nach was ich mich sehne. Eine weitere Schwelle hat mich Bine gelehrt zu überschreiten.

Am 18.2.1995 steht in meinem Tagebuch: „Mit Christian in Bines Wohnung gewesen. Dort kam ich mit ihr ins Gespräch. Sie hat Aids und nimmt Methadon. Ich nehme mir vor, sie weiter zu besuchen. Endlich mal ein Mensch, wohin ich nicht komme und betreue oder mir überfordert vorkomme. Sie kann mir ihre Welt erschließen, sehr unkompliziert. Am 16.3. erster Besuch bei ihr. Sie hat extra Kuchen gekauft und Kaffee gemacht. Danach gehen auch Briefe innerhalb Berlins hin und her. Wieder eine ‚Schwelle‘, die sich lohnt zu überschreiten.“

Bine wurde immer kränker, und sie äußerte den Wunsch, in der Naunynstraße sterben zu dürfen. Jetzt war sie dort zu Hause. Sie hat noch Martina, meine Frau, kennengelernt. Bei Bine war ich nicht in erster Linie der Jesuit und Priester, obwohl sie davon wußte, sondern Jens, der Martina liebt. Beides geht sonst in dieser Welt nicht zusammen. Aber sie hatte dieses Rollendenken nicht. Nun liebe ich Martina immer noch und bin nicht mehr Jesuit und Priester. Bine ist inzwischen gestorben, und Martina und ich waren bei ihrer Beerdigung, auf der das Leben gefeiert wurde. Bines Totenzettel hängt bei uns in der Küche und hält in uns die Hoffnung wach, dass Dinge, die in dieser Welt nicht zusammenkommen, für das wirkliche Leben entweder keine Rolle spielen, weil es Rollen sind, oder überwunden werden.

Zuletzt habe ich in der Naunynstraße gewohnt, um Straßenexerzitien zu machen: Heilige Orte aufzusuchen, die mich einladen, Schwellen in meinem Leben zu überschreiten. Danke für Eure Gastfreundschaft und viel Segen für Euch alle!!

Offenbach/M 6. April 2003


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CHRISTIAN HERWARTZ

Doris Pfaff
Nachgespräch in St. Thomas

Wenn ich auch nur eine von denen bin, die lediglich von Euch gehört und Dich Christian vielleicht ein wenig persönlich kennengelernt habe, so möchte ich doch auf Deinen Aufruf reagieren, den Du mir heute – beim Nachgespräch in St. Thomas, wo wir uns ja auch hauptsächlich her kennen – in die Hand gedrückt hast.

Immer wieder ist mir z.B. aufgefallen, wie Du gängige Predigten und Herangehensweisen „gegen den Strich bürstest“, z.B. heute wieder, indem Du bemängelst, dass zwar von der Geburt Jesu und dem „qualvollen Sterben“ geredet würde, nicht aber von der Auferstehung, die doch für uns Christen eine so zentrale Botschaft ist. Recht hast Du!! Wenn mir auch der Pfarrer etwas leid tat, wie er sich unter Deiner – zuweilen etwas barschen Kritik – wand und errötete … Doch so was muss er aushalten können. Besser, als wenn die Botschaft verwässert wird. Ich sagte Dir heute, dass ich an den „brennenden Dornbusch“ denken muss, wenn ich Dich sehe …. Du weißt schon, bei den „evolutionären Zellen“ hattest Du Dein interessantes Projekt vorgestellt und ich Dir die Beate Jacek vom Tauschring Kreuzberg (bei dem ich mitmache), als Du auf der Suche nach „interessanten Begegnungen“ warst.

Auch ich versuche, so durch’s Leben zu gehen – d.h. etwas asketisch, aber wach und möglichst aufmerksam Augenmerk auf Orte zu lenken, die mich „magisch anziehen“ bzw. die sich als „heilige Orte“ entpuppen könnten. – Eine Übung dabei ist für mich auch, mit dem Photoapparat unterwegs zu sein und Momente einzufangen, die vielleicht jeder schon öfters erlebt hat, die aber so doch etwas Mystisches / Poetisches / ja irgendwie Erhabenes haben (?)

Ansonsten ziehen mich „Inseln“ an, die abseits von unserem kapitalistischen „stromlinienförmigen“ Geschehen liegen, wo ich mich dann auch gern z.T. ehrenamtlich engagiere, wie z.B. jenen Tauschring, Ökostadt (e.V.), best.
Kirchengemeinden, alte Witwen, Ausgegrenzte, viele „Mühselige und Beladene“, die ich wohl manchmal regelrecht anzuziehen scheine („wie schön für Dich, als Christin“, meinte ein Freund unlängst), wo ich aber ein wenig aufpassen muss, da ich selber nicht so belastbar bin.

Berlin 30. 12. 2002

 

André de Jear
Terziat – ein drittes Noviziatsjahr

Ich habe Christian nicht erst in Kreuzberg kennen gelernt. Er kam eines Tages zu mir nach Brüssel – es war 1987, wenn meine Erinnerung nicht trügt – um mir zu erklären, daß er noch sein drittes Noviziatsjahr machen müsse und daß er einen Ort suche, der zu seiner Situation passe. Als Arbeiter in einer Fabrik in Berlin und verwurzelt in einer tiefen Berufung als Jesuit und Arbeiterpriester wollte er sein Terziat (offizieller Name dieses dritten Noviziatsjahres) in der Nähe eines Armutsumfeldes leben, wo er nicht sechs Monate hintereinander von seiner Arbeitsstelle fern bleiben müsste, was die Fabrik ihm nicht erlaubte.


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Nun befand sich das Terziat, das ich begleitete, in einer Umgebung von Ausgeschlossenen unserer Gesellschaft, von Männern und Frauen mit geistigen Behinderungen. Sie lebten in kleinen Häusern mit durchgehender Betreuung und mit jungen Freiwilligen von evangelischem Geist: Es handelt sich um die Gemeinschaft der Arche, gegründet von Jean Vanier. Wir vereinbarten einen Zeitraum von zwei mal zwei Monaten, unterbrochen durch eine Rückkehr in die Fabrik, die Christian erlaubte, seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Ich erinnere mich noch an seine Ankunft beim Terziat, in Trosly Breuil, einer kleinen Gemeinde im Norden Frankreichs, zwölf Kilometer von Compiègne. Er kam von Berlin per Anhalter und hatte als Gepäck nur einen Rucksack mit; die letzten zwölf Kilometer hatte er zu Fuß zurück gelegt. Wir waren eine Gruppe von acht Jesuiten, sehr international. Einer war aus Burundi, ein anderer aus Burkina Faso, es gab einen Flamen und einen Wallonen, beide in der Pastoral den Armen nahe, einen Engländer aus der Oberschicht, Studentenpfarrer aus Oxford, sowie einen Polen, der in der Pfarreiarbeit tätig war. Die kulturellen Wurzeln, die sozialen Orientierungen, die religiösen Empfindungen waren extrem verschieden: von Polen, das noch unter dem kommunistischen Joch stand und sehr konservativ war, bis zu den sehr linken Positionen Christians, gemäßigt durch das belgische Taktgefühl und die afrikanische Lebensfreude, über das aristokratische und sehr humorvolle englische Raffinement. Diese sehr heterogene Gruppe, die aber eine intensive Zeit der Begegnung mit dem Herrn und der Nähe zu den Armen leben wollte, wie es unser Gründer Ignatius und die letzte Generalkongregation (die 32.) wünschte, hatte viel Freiheit des Wortes, aber lernte auch den Respekt für die Unterschiede.

Christian hat sich in die Gruppe mit Gutmütigkeit und Schlichtheit eingefügt und nahm jeden an, wie er war. Das verhinderte nicht, besonders zu Beginn, einige Rededuelle zwischen dem Arbeiterpriester Christian und dem Geistlichen aus Oxford, oder zwischen ihm und seinem polnischen Mitbruder, der versucht war, ihn des Kommunismus zu verdächtigen.

Aber allmählich konnte ein tiefes Verständnis zwischen diesen Gefährten Jesu gelebt werden, geeint durch eine gemeinsame Berufung, die eine einmonatige Zeit des Schweigens von Neuem in ihrem Herzen zum Vorschein kommen ließ. Diese Exerzitien hat Christian mit großer Intensität gelebt. Oft verließ er uns, um lange Stunden im Wald von Compiègne zu beten, manchmal ganze Tage lang. Er allein kann bezeugen, was er mit dem Herrn während dieser entscheidenden Wochen erlebt hat. Als er nach diesen Exerzitien anfing, in einem Heim für Behinderte zu leben, fürchteten die Verantwortlichen der Gemeinschaft ein wenig die Ankunft dieses Jesuiten mit langem Bart und imposanter Erscheinung unter diesen Männern und Frauen, die oft an Körper und Seele gebrechlich waren. Umso mehr als Christian darum gebeten hatte, mit alternden oder tief verstörten Menschen zusammen zu leben. Aber die Befürchtungen erwiesen sich sehr schnell als unbegründet. In seiner Beziehung zu ihnen staunte man und bewunderte Christians Zartheit, der ganz aufmerksam war auf jeden, ob es Marc war, Marie-Jo oder Loik… Er gab ihm zu essen, begleitete ihn beim Spaziergang im Rollstuhl oder bot ihm den Arm, half ihm bei kleinen Arbeiten,


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die sie als Therapie ausführten, oder beim Anziehen etc., mit einer Geduld, einer Gegenwart für jeden, einer ganz einfachen Freude, einem Blick voll Zärtlichkeit. Man fühlte bei diesem Menschen einen tiefen Sinn für jedes menschliche Wesen, wie es auch sei. Er, der mit Macht darum kämpfte, daß die türkischen Immigranten in ihren Rechten respektiert würden, konnte auch mit einer ganz evangelischen Sanftheit den zerbrechlichen und verwundeten Wesen begegnen, im selben Respekt für das Geheimnis eines jeden. Man fühlte in ihm das gelebte Evangelium und den Realismus von Jesu Wort: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40)

Als Christian zu seiner Fabrikarbeit nach Kreuzberg zurückkehrte, um nicht seinen Arbeitsplatz zu verlieren, habe ich ihn einige Tage lang besucht und wohnte mit ihm im Gemeinschaftsraum seiner Wohnung. Er hat mich auch zu seinen türkischen und anderen Freunden auf beiden Seiten der Mauer geführt. Ich konnte ein wenig das Milieu erspüren, das zu ihm gehörte, den Kontrast, den es geben konnte zu der Umgebung der Behinderten von Trosly, aber auch dieselbe Inspiration, die ihn bei seinen Begegnungen und bei der Arbeit beseelte. Und was noch mehr ist, sein englischer Oberschichtfreund hat ihn besucht und sich einen Monat lang in seiner Wohnung aufgehalten… Aber andere Zeugnisse werden besser als ich an sein Leben unter den Ausgeschlossenen seines heißen Kreuzberger Viertels erinnern. Er nennt das manchmal seine „fünfte Woche der Geistlichen Übungen“, die weiterhin ihre Früchte bringt.

Wépion/Belgien 2004

 

Stefan Taeubner
Zum 26. Mai 2001

Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen… Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen.
Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. Ich aber sagte, vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan. Aber mein Recht liegt beim Herrn und mein Lohn bei meinem Gott. Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht gemacht hat:

Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen.
Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. Um des Herrn willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.
Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund zu sein für das Volk, aufzuhelfen dem Land und das verödete Erbe neu zu verteilen, blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu BEFREIEN.

(Aus den Gottesknechtsliedern)


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Lieber Christian, zum Fest der BEFREIUNG möchte ich Dir schreiben, um Gott vor den Völkern zu danken für die Sendung, die er Dir übertragen hat und die Du in den Jahren des Ordens und mit der Übernahme der Priesterweihe so viele Jahre lang treu gelebt hast. Es ist die Sendung, wie ich sie nicht besser beschrieben finde, als in den Gottesknechtsliedern bei Jesaja. Es ist die Sendung, die niemals zufrieden ist mit der kleinen, engen, selbstgenügsamen Gemeinde, selbst wenn sie sich katholisch oder jesuitisch nennen möchte. Mit der Gemeinde der Gerechten, der Deutschen, der Christen, der vor den Mauern, der Männer, der Nicht-Alkoholiker, Arbeitsplatzbesitzer .. u.s.w. Nein, immer dann ist es dieses Wort „Es ist zu wenig“ und Du streckst Dich aus nach der größeren, weiteren Gemeinschaft, die im letzten alle Menschen umfasst und niemanden mehr ausgrenzen kann. Das ist diese Sendung des Knechtes Gottes, die Du von Gott übertragen bekommen hast, die Du angenommen hast und durch viele schmerzliche Erfahrungen hindurch immer tiefer begriffen und gelebt hast. Sein Geist hat Dich dabei begleitet. Für uns alle immer wieder zum Skandal, zum Schrecken, zum Kopfschütteln: „Wir aber schätzen ihn nicht“.

Doch vielen, auch mir, hast Du Augen geöffnet, andere aus dem Kerker herausgerufen, den Weg der Gerechtigkeit aufgezeigt u.s.w. Dafür sind wir Dir dankbar. Die vielen Jahre meines eigenen Ringens und Suchens nach dem Weg Gottes hast Du so aufmerksam und liebevoll begleitet …! -Die Vietnamesen, die Dich kennen lernen durften, waren tief berührt, trotz der Fremdheit der Sprache, trotz der ungewöhnlichen Art Priester der Kirche zu sein. Und so bist Du eben auch zum Licht für die Völker geworden, für Christen und Juden und Muslime, für die Kinder Abrahams und darüber hinaus… um des Herrn willen!

Heute, Christian, sollst Du Dich freuen zusammen mit uns und dankbar sein – in IHM – der all das geschenkt hat: „Denn jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre erschaffen, geformt und gemacht.“

Berlin Mai 2001

 

Christian Modehn
„bitte nur ungekürzt“

Ich bin nun auch immer noch ein bisschen ein Kritiker. Diese Ideen, die du lebst, dürfen niemals verstummen. Diese Zeilen sind Worte der Sympathie, natürlich keine Heiligsprechung. Aber was ich schreibe, ist 100 Prozent ehrlich gemeint.
Eine Utopie ist für Christian, so denke ich, immer entscheidend geblieben: Befreiung. Freiwerden von Zwängen und allen Formen von Unterdrückung, materieller wie geistiger. Ich erinnere mich an unsere ersten längeren Gespräche über Befreiungstheologie in der Hochschule St. Augustin bei Bonn im Mai 1973. Dort hatte ich eine erste größere Tagung zur neuen lateinamerikanischen Theologie organisiert, der Befreiungstheologie, der teologia de la liberación. Für diese Christen an der Basis gibt es seit Anfang der siebziger Jahre eine Grundüberzeugung: Wenn wir von Gott reden und dem, was umfassendes Glück bedeutet, dann hat das immer auch soziale, politische und ökonomische Konsequenzen: Wenn Menschen vom kapitalisti-


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schen System systematisch arm gemacht werden, dann ist das Sünde. Und die Kirche muss ja bekanntermaßen Sünde überwinden… Ich will nicht länger theoretisch bleiben. Ich habe nur den starken Verdacht, dass diese Tagung u.a. mit dem Jesuiten Miguel Manzanera und dem marxistischen Theologen Jules Girardi, einen starken Einfluss auf Christian hatte. Der Vatikan hat die Befreiungstheologen in den achtziger und neunziger Jahren weitgehend mundtot gemacht. Der Papst liebt das Opus Dei mehr als Leonardo Boff und andere kritische Befreiungs-Theologen. Nur in Polen durfte die Kirche politisch sein, nicht aber in Nikaragua, Chile, Brasilien usw.

Aber die Befreiungs-Utopie ist von keinem römischen Kardinal kaputtzmachen: Die Utopie, dass umfassendes Glück (=Erlösung) niemals nur eine spirituelle, charismatische oder neokatechumenale Bedeutung haben kann. Umfassendes Glück ist immer Glück für alle, immer auch im materiellen Sinne einer sozialen Gerechtigkeit. Ich bin überzeugt, wenn es in den Kirchen Berlins einen glaubwürdigen Vertreter der immer richtigen Befreiungstheologie gibt, dann ist es Christian Herwartz. Die Berliner und die Kirchen besonders haben es nur nicht bemerkt, dass da in Kreuzberg ein befreiungstheologischer Mystiker unter uns ist. Irre ich sehr, dass auch der Berliner praktische Befreiungstheologe Christian Herwartz marginalisiert wurde? Darin teilt er wohl das Schicksal seiner lateinamerikanischen Freunde, denen er 1973 in St. Augustin begegnete. Aber diese andere, menschenfreundliche, nicht herrscherliche, sondern geschwisterliche Kirche lebt auch dort.

Berlin 20. November 2003

 

Carmen Bignotti
In der U-Bahn

Vor mehr als 20 Jahren – 1980? – hatte ich die erste Begegnung mit Michael Walzer und etwas später mit Christian Herwartz.
Ich gehörte zu einer kleinen Gemeinschaft von Christen (Neokatechumenat) an, die seit einiger Zeit keinen Priester für die Feier der Eucharistie „hatte“. Roswitha Falkenberg, die auch in der Gemeinschaft war, sagte uns eines Tages sehr erfreut, daß sie in Kreuzberg Arbeiterpriester kennengelernt hätte und einer von ihnen könnte uns helfen.

Zuerst kam Michael zu uns und wir konnten dann mit großer Freude mit ihm die Eucharistie feiern. Später jedoch teilte uns Michael mit, daß er sich auf andere Aufgaben konzentrieren wollte, und damit wir nicht wieder verwaist wären, machte Christian diesen Dienst bei uns weiter. Durch ihn konnten wir auch die Geschichte mit Michael, seine plötzliche Krankheit, die Zeit seines Leidens bis zum Tod verfolgen. Wir waren auch sehr betroffen, einige von uns besuchten Michael in dieser Zeit.

Christian wurde viele Jahre lang Teil unseres Lebens, unserer Erfahrungen. Es war eine sehr gute und auch sehr bewegte Zeit mit ihm! Wir lernten auch einige seiner Mitbrüdern aus Kreuzberg kennen, die mit uns Eucharistie feierten, wenn er nicht konnte, z.B. Hans, und andere, deren Namen ich jetzt nicht mehr weiß. Einige Male waren auch seine Verwandten dabei.

Es passierten viele Ereignisse, einige auch lustig. An ein solches Ereignis kann ich


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mich sehr gut erinnern: Wir trafen uns um 20.00 Uhr in der Kapelle der Gemeinde St. Benedikt, um dort die Eucharistie unter beiden Gestalten zu feiern, wir mußten also regelmäßig eine Flasche Rotwein aufmachen. An einem Abend hatten wir aber keinen Flaschenöffner, es war Sommer und ich trug ein weißes T-Shirt. Christian und ich hantierten mit einem Taschenmesser, um den Korken irgendwie rauszukriegen. Plötzlich machte es „swap“ und ich hatte einen riesigen Rotweinfleck auf meinem T-Shirt.

Nach der Eucharistie fuhren Christian und ich mit der U-Bahn nach Hause, ich zum Wedding, er nach Kreuzberg. Da der Inhalt der Rotweinflasche nur zum Teil gebraucht wurde, nahmen wir beide die Flasche mit und beschlossen, sie während des gemeinsamen Teils der U-Bahnfahrt auszutrinken. Wir taten es und stellten uns dabei vor, was die anderen Fahrgäste von uns nun denken könnten oder müßten…. Ich mit meinem schon bekleckerten T-Shirt …. Christian dem Sommer entsprechend ganz locker angezogen… Man hat sicherlich gedacht, daß wir ein ganz komisches Pärchen auf Platte sind… Und wir haben uns köstlich darüber amüsiert.

Für mich war es auch wichtig, durch Christian überhaupt mit den Jesuiten bzw. der jesuitischen Spiritualität in Berührung zu kommen. In der Zeit, wo wir in der Gemeinschaft Heilige vorstellen wollten, war ich in der Gruppe mit Christian, die sich mit dem Hl. Ignatius beschäftigte. Wir trafen uns mehrere Male, und ich war ziemlich fasziniert vom Leben von Ignatius, seiner Hartnäckigkeit, seinen äußeren und inneren Kämpfen – „sind mir wirklich alle Sünden vergeben worden?“ – seiner großen Liebe zur Dreifaltigkeit…..

Berlin 2003

 

Henning Brandis
Ein Traum aus Naunynstraße 60

Ich sah den bärtigen Jesuiten inmitten der tanzenden Schwarzen, die ein Ritual ihm zu Ehren gaben, etwas zum „hören und sehen“ sollte es sein, mit viel Rhythmus natürlich dabei, und ich sah einen Schwarzen auf den Weißen zugehen, ihn umarmen und einen Tanz beginnen, der von der „Mutter Erde“ erzählte, von der Dürre und den Opfern – dann kamen junge Schwarze und legten Steine zu einem Kreuz am Boden nieder, der bärtige Jesuit ahnte die Situation und rief mit lauter Stimme:

„Ihr und Wir alles ist Seine Schöpfung, ALLELUJA, ALLELUJA“, und wieder begannen alle laut zu singen, tönten in den „Urwald der Mauern“ jener Städte, die solche Herberge wie die Naunynstraße 60 haben, und der Schwarze umarmte den weißen Bruder mit den Worten in sein Ohr: „Zusammenhalten für eine friedliche Welt, im göttlichen Miteinander“, der Weiße ahnte das Wort „OIKUMENE“ ganz leise.

Hannover 31. Januar 2003

 

Hubert Ludwikowski
Pfarrseelsorge ist nicht alles

Christian, ich lernte dich ab 1976 kennen durch Erzählungen deines Vaters und deiner Mutter. Du warst als Arbeiterpriester in Toulouse tätig. Damals war die Zeit der Arbeiterpriester, wenn ich es recht sehe, eigentlich schon vorbei. Zumindest


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las man in Deutschland im Gegensatz zu früheren Jahren kaum noch etwas darüber. Deine Eltern fuhren zu deiner Priesterweihe nach Frankreich und berichteten eindrucksvoll darüber. Später warst du in Paris, und ich habe dich dort einmal kurz besucht. Das meiste über deine Intentionen, Ziele und Motive erfuhr ich von deinem Vater: deinen Einsatz für die Armen und Kleinen, deinen Kampf für Gerechtigkeit, dein Aufbäumen gegen Unrecht. Ich war beeindruckt, jedoch: Schon damals lauerte in mir der Gedanke: „Ist es denn wirklich bei dem heutigen Priestermangel nötig, dass einer so ganz in die Arbeitswelt eintaucht und sich, wenigstens scheinbar, für die Pfarrseelsorge überhaupt nicht interessiert?“ Andererseits war ich beeindruckt von der Konsequenz und Radikalität deines Weges, und ich als Militärpfarrer in Bonn sagte mir: „Wir müssen als Priester nicht alle das gleiche tun.“ Du warst mir ein Anstoß, meine Augen offen zu halten für die Armen und Kleinen und wachsam zu bleiben für Situationen, in denen Urecht geschieht.

Wir trafen uns in diesen Jahren zwischen 1976 und 1980 ein paar mal in Meckenheim und Rheinbach: bei der Feier deiner Primiz im Zelt, bei der Taufe eines Neffen (oder war es eine Nichte?) und anderen Familienfesten. Immer wieder aber erzählten deine Eltern von deinem Leben und deiner Tätigkeit. So erfuhr ich denn auch, dass du nach Berlin gingst. Von eurer Gemeinschaft, von deinem Leben mit Menschen anderer Religion und Kultur, mit Verfolgten, Verurteilten und Geächteten, von deiner Freude, den Menschen nahe zu sein und dem Mitleiden mit ihnen. Seit 1980 war mein Kontakt auch zu deinen Eltern spärlicher geworden, da ich die Militärseelsorge verließ und ins Kölner Bistum zurückging. Wir beide haben uns bei der Diamantenen Hochzeit deiner Eltern und zuletzt bei der Beerdigung deines Vaters getroffen.

Aber ich habe zwischendurch immer wieder an dich gedacht und über dich nachgedacht. Dabei zeichneten sich dann im Laufe der Zeit einige Linien deutlich ab. Ich habe großen Respekt vor dir. Was du machst, würde ich nicht fertig bringen. Dafür habe ich andere Aufgaben. Manchmal bist du mir unheimlich: dein Nonkonformismus, deine Radikalität, deine einseitige Parteinahme für die Armen und Kleinen (so jedenfalls mein Eindruck). Aber gerade das habe ich im Laufe der Zeit mehr und mehr als Gewinn erlebt. Ich habe von dir gelernt.

Pfarrseelsorge und Werke der Kirche sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ganze Kirche so lebt wie eure Kommunität. Aber es ist notwendig, dass es in ihr Menschen gibt, die andere Wege gehen als die Mehrheit, und einer von denen bist du. Allzu leicht übersehen wir im allgemeinen Kirchenbetrieb die Armen und Kleinen. Du hast mich immer daran erinnert, dass wir für sie da sind. Gerne schwimmen wir als Kirche (ich rede von der Kirche in Deutschland) im allgemeinen mainstream mit. Eure Art zu leben stellt das immer wieder in Frage. Das brauchen wir.

Pulheim 27. März 2003


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DAVID KÖCKENBERGER
*12. 11. 1983 + 04. 06. 1995

Einige Jahre kamen Bernhard und Winfried aus der Sorauerstraße, Karl und Johanna aus der Lausitzerstraße regelmäßig zum Kommunitätsabend in die Oppelnerstraße. Karl hatte einmal kurz bei uns gewohnt und dann mit anderen die Häuser in der Lausitzerstraße besetzt. Nun wohnten beide dort in einem sehr lebendigen Kollektiv. In den Jahren wurde Johanna schwanger, David wurde geboren und kam auch mit. Als dann Leila geboren wurde, riss diese Form des Kontaktes ab. Es gab weiter vielfältige Beziehungen besonders mit Bernhard, der lange in der Naunynstraße wohnte, und zu Karl und Johanna über die Gruppe der Arbeitergeschwister. Ein besonders schöne Brücke entstand über Franz, der lange bei der Renovation ihres Hauses in der Lausitzerstraße mitarbeitete. David fuhr dann – er war damals 11 Jahren alt – mit dem Kinderladen über Pfingsten ins Wendland. In einer Sandgrube baute er mit seinem Freund Höhlen. Eine stürzte ein und verschüttete David. Jede Hilfe kam zu spät.

 

Christian Herwartz
Erinnerungen an David

Liebe Geschwister,

heute möchte ich Euch von einem Einschnitt in unserem Leben vor neun Monaten erzählen und von unserem Weg danach. Mit 11 Jahren ist David am Pfingstsonntag 1995 auf einer Ferienfahrt beim Spielen in einer Sandgrube verunglückt. Mit seinem Freund hatte er die dort vorhandenen Höhlen in der Steilwand vergrößert. Plötzlich kam das Erdreich ins Rutschen. David war nicht mehr zu sehen. Sein Freund Tobias holte Hilfe, aber David konnte nur noch tot geborgen werden.

David ist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen. Er wohnte mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern in einem ehemals besetzten Hinterhaus, das von den Bewohnern mit viel Eigeninitiative saniert wurde. In der Gemeinschaft dieses Hauses ist David aufgewachsen. Und hier wurde sein Leichnam zwei Tage später aufgebahrt, unten im Gästezimmer neben dem Gemeinschaftsraum und der Küche. Der Raum war geschmückt mit vielen Erinnerungsstücken: seinem Musikinstrument, dem Einrad, Zirkuskostümen, aber auch mit Blumen, Lichtern und Bildern.

Viele Nachbarn, Freundinnen und Freunde kamen, setzten sich, wurden still, verloren die Angst, sahen den aufgebahrten David inmitten der Blumen, sahen sich um, blätterten in den Fotoalben und erinnerten sich an diesen Jungen. Auch viele Kinder aus der Umgebung, aus der Schule, aus dem Kinderzirkus kamen und wurden von den Eltern und den anderen Bewohnern des Hauses aufgenommen. Die Besucher konnten schweigen oder reden, so wie es für jede und jeden dran war.

Für mich war dieser Ort der Aufbahrung zwei Tage lang ein Ort, an dem ich herausgefordert wurde, auch ein Ort der Hilflosigkeit, aber ebenso ein Ort der Geborgenheit in einer Gemeinschaft, ein Ort des Friedens – trotz aller Aktivitäten, um die Beerdigung am folgenden Freitag vorzubereiten.
Einige kamen oft in diesen zwei Tagen des Abschieds. Davids Mutter hörte ich sa-


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gen, dass nicht jeder, der mit 60 stirbt, ein erfüllteres Leben hatte als David. Dieser Satz fiel in mein Herz.

In den Tagen habe ich mich aber oft fast versteinert, sachlich, routiniert erlebt. Und ich habe in diesem Zimmer nicht lange verweilt. Mit der einen oder dem andern habe ich gesprochen, gehört und oft nicht verstanden. Zu sehr war ich wohl mit Gedanken bei Peter, einem 60jährigen Mann, mit dem ich viele Jahre zusammengewohnt habe. Er war krank und fand keine Arbeit mehr. Voriges Jahr sollte er in sein Heimatland nach Sri Lanka abgeschoben werden. Das Klima für Asylbewerber war in Deutschland rauer geworden.

Eine Kirchengemeinde versteckte Peter dann ein Jahr (Kirchenasyl) und versuchte eine Einigung mit den Behörden. Das hatte keinen Erfolg. Auch Indien, wohin seine Frau und die Kinder Anfang der 80er Jahre geflohen waren, nahm ihn nicht auf. Wir sprachen in diesen Tagen mit Peter über die Chancen, in Deutschland als sogenannter Illegaler zu überleben. Doch ein Leben ständig auf der Flucht traute er sich nicht zu und so willigte er – nach vierzehn Jahren Aufenthalt in Berlin – in den Rückflug nach Colombo ein, trotz aller Gefahren dort für einen Tamilen und besonders für einen Rückkehrer.

Wir verabschiedeten Peter am Freitagmorgen auf dem Flughafen. Vor dem Flugsteig beteten wir mit und für ihn und sein Land. Würde ich von Peter nochmals eine Nachricht bekommen? Vom Bürgerkrieg in Sri Lanka stand in dieser Zeit fast täglich Grausames in der Zeitung. – Später hörten wir: Peter wurde am Flughafen in Colombo nicht verhaftet; er hat uns zweimal über seine Situation geschrieben und von seinen Hoffnungen, mit einer kleinen Schneiderei zu überleben. Noch aufgewühlt von dem Abschied auf dem Flughafen Tegel fuhr ich nach Kreuzberg zurück.
„Gibt es eine Beziehung zwischen dieser Abschiebung in ein Land mit einem Bürgerkrieg und dem Abschied jetzt von David?“ fragte ich mich. Ich fand keine Antwort.
Menschen werden durch Abschiebung in den möglichen Tod geschickt; jetzt die Trauer um einen Jungen, der verunglückte; außerdem sehe ich die uns oft verschwiegenen Toten an der Grenze nach Polen, keine 100 km entfernt: Flüchtlinge nach Deutschland; und da sind auch noch die Abgeschobenen in den Gefängnissen ihrer Herkunftsländer, oft Gefolterte, Gebrochene ….

Ein Freund aus Bogota sagte mir: „Ich kann nicht mehr um einen Menschen trauern; ich sehe jede Woche Tote in meinem Stadtteil, erschossen für ein paar Dollar. Viele von den Toten und den Mördern kenne ich.“ Ein anderer Freund in Kreuzberg sagte mir ähnliches: „Etwa alle sechs Wochen stirbt ein Bekannter von mir an Drogen.“ Da bleibt keine Zeit zum Trauern.

Nehmen wir uns heute am Beerdigungstag, in den nächsten Wochen, im kommenden Jahr Zeit zum Trauern!?
Mit diesen Gedanken kam ich in Kreuzberg an. Wie mag es den anderen Menschen auf dem Weg zur Beerdigung gehen? Von welchem Alltag reißen sie sich los und nehmen ihn doch mit?
Vor dem Wohnhaus von David füllte sich am Freitagmorgen die Straße mit Jungen und Alten. Besonders die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen vom Kinderzirkus


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Cabuwazi fielen in ihren Kostümen auf; manche waren auf Einrädern gekommen, andere auf Stelzen. Wir alle wollten David auf dem Weg zum Friedhof begleiten. Die von weiter her angereisten Familienangehörigen konnten noch einmal in das Gästezimmer gehen und den Aufgebahrten sehen. Dann wurde der Sarg geschlossen und hinausgetragen.

Wir waren ein bunter Zug im Nieselregen zum etwa 4 km entfernten Friedhof durch die Straßen von Berlin. Würden wir uns angemessen benehmen, war die Frage der Friedhofsverwaltung. Clowns, Einradfahrerinnen, Stelzenläufer, Trommler bei einer Trauerfeier, konnte das gut gehen? Und außerdem, die meisten waren Kinder, die einen der ihren begleiten wollten. Kinder werden auf den Friedhof meist eher mitgeschleppt, jetzt wurden wir von ihnen mitgenommen.

Wir zogen also los, einige gingen vor, andere nach dem Leichenwagen. Die Großeltern von David machten den Weg mit der U-Bahn und erwarteten uns auf dem alten St. Thomas Friedhof. Wir waren viele und die Kirche wird nicht groß genug sein für uns alle, schoss es mir durch den Kopf. Wo sollten wir zusammen singen, beten, Ruhe finden für den letzten Weg zum Grab? Doch der Weg zum Friedhof war noch lang und es tat gut zu gehen. Was passiert da alles unterwegs? Schön, kein Autofahrer hupte; sie machen uns den Weg nicht streitig. Ich sehe manche verdutzte Passanten. Manche sagten: „Ach ja, das hat in der Zeitung gestanden: da ist ein Junge beim Spielen verunglückt.“ Ich sehe die Mitlaufenden, … grüße und rede noch mit einigen, aber ich will nichts mehr aufnehmen, was mich ablenkt von diesem Weg mit David, mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern, Freunden und Freundinnen. Oder doch? Es ist auch ein Durcheinander in mir.

Der Taufpate von David war mit seiner Frau gekommen. Er hatte damals versprochen, David in Krisensituationen zu begleiten. Das wollte er bis zum Ende tun. Bei der Trauerfeier wird er einiges zum Leben von David, aber auch zu seinem Weg mit Davids Familie sagen. Und er wird uns das Evangelium vorlesen. Es ist fast selbstverständlich der Text, in dem von Jesus erzählt wird, wie er die Jünger auf seinen Tod vorbereitet und ihnen sagt, dass er zur Quartiersuche vorausgeht, also um uns einen Platz in den Wohnungen des Vaters vorzubereiten (Joh 14,2-6).

Der Akkordeonlehrer von David war mit auf dem Weg. Er wollte uns einige Lieder vorspielen, die er David beigebracht hatte. Und Kinder vom Zirkus hatten das Zirkuslied eingeübt, mit dem sie an das Leben von David erinnern. Wir alle waren auf dem Weg durch Neben- und Hauptstraßen, zum Schluss sogar mit Polizeibegleitung. David habe ich mit seinen Eltern mehrmals auf Demonstrationen gesehen, z.B. zum 1. Mai oder gegen Rassismus. David hat sich für die Arbeit seines Vaters als Betriebsrat interessiert und der hat ihn auch mitgenommen auf Brückenbaustellen, um ihm einiges von seiner Arbeit zu zeigen. In den letzten Jahren war David oft mit dem Einrad dabei. Es wurden immer mehr Einradfahrer. Ihre Geschicklichkeit wurde bestaunt.

Später entstand mit diesen Kindern der Kinderzirkus Cabuwazi mit vielen hundert Kindern. David war dabei, trainierte verschiedene Nummern …. Heute nahmen seine Zirkusfreunde, Schulkameraden, … Abschied von ihm auf dem Weg zum Friedhof.


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Der Friedhof liegt in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhof. An diesem Tag waren die Flugzeuge oft tief im Landeflug über unseren Köpfen. Auch durch den Lärm der großen Straßen war der Friedhof keineswegs ein stiller Ort.
Weil in der Kirche 200 bis 300 Leute keinen Platz gefunden hätten, stellten wir den Sarg auf eine Wiese in der Nähe des Friedhofseingangs und schmückten den Platz mit Kränzen und Blumen. Auch ein Kreuz wurde herbeigeholt. Mit diesem Zeichen wurde David als kleines Kind getauft und es wurde ihm dabei gesagt, dass er als Mensch in seiner Einzigartigkeit von Gott angenommen ist. David wurde also eingeladen, aus dieser Liebe Gottes heraus zu leben. Können wir David nun in diese Liebe Gottes loslassen?

Eine Bank war von den Friedhofsarbeitern neben den Sarg gestellt worden und ich habe mich darauf gestellt, denn ich sollte mitten in dem äußeren Lärm und der inneren Sprachlosigkeit angesichts des Todes von David etwas sagen. Die Kinder standen um den Sarg dichtgedrängt. Sie spielten nicht, waren nicht abgelenkt, sondern ganz aufmerksam. Die Erwachsenen standen weiter weg. Sie würden mich wohl schon auf Grund der Entfernung nicht verstehen. „Vergiß Peter auf dem Flug nach Sri Lanka ein wenig und sieh die Augen der Menschen vor dir,“ sagte ich mir. „David, pass mit auf, wenn ich jetzt zu Deinen Freunden spreche. Sei bei uns während dieses Haltes auf dem Weg zum Grab.“

Nun, die Feier begann. Und der Pate von David, dessen Name ich leider vergessen habe, hat zu uns gesprochen und uns das ausgesuchte Evangelium vorgelesen:

Dann sagte Jesus zu allen: „Beunruhigt euch nicht! Vertraut Gott und vertraut mir! Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen, und ich werde eine für euch bereitmachen. Ich würde euch das nicht sagen, wenn es nicht so wäre. Zuerst werde ich fortgehen und eine Wohnung für euch bereit machen. Dann werde ich zurückkommen und euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin. Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, an den ich gehe.“

Thomas sagte zu ihm: „Wir wissen nicht einmal, wohin du gehst!“ Jesus antwortete: „Der Weg bin ich und das Ziel bin ich auch, denn in mir habt ihr die Wahrheit und das Leben. Nur durch mich könnt ihr zum Vater kommen. Wenn ihr mich kennt, werdet ihr auch meinen Vater kennen.“

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen und Jesus ist uns vorausgegangen, um für uns einen Platz vorzubereiten. Was mögen das für Wohnungen sein? Iglus, Bootshäuser, Höhlen, Baumhäuser, ganz unterschiedliche Orte einzukehren, zu bleiben und auch wieder zu gehen. Sicherlich ist keine dieser Wohnungen verschließbar. Alle Türen können geöffnet werden, denn es herrscht Respekt voreinander. Keiner wird abgedrängt, keine wird für nicht so wichtig erklärt. Es gibt kein Geld. Jeder kann neben jeder sitzen, auch wenn zehn neben einem sitzen wollen.

Ja, woher sollen wir denn wissen, wie es in den Wohnungen des Vaters zugeht? Wie sollen wir wissen, wie sie aussehen und wie wir darin leben können? Wie sollen wir überhaupt den Weg dorthin finden? fragte Thomas Jesus im Evangelium, das wir gerade gehört haben.
Und Jesus antwortet ihm: Sieh doch hin auf mein Leben, auf meine Hoffnungen und Wünsche, wie ich mich entscheide, was mir wichtig ist, dann weißt du, wohin ich


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auf dem Weg bin; ich lebe doch schon ein Leben auf dem Weg zu den Wohnungen des Vaters. Kommt und seht! Ich sehe, wie die Füchse Höhlen haben, die Vögel Nester; und Jesus hat keine Bleibe, d. h. auch keine Schlüssel. Er hat keinen ein- oder ausgesperrt. In die Wohnungen des Vaters können wir wohl nur als Nichterwachsene einziehen. Unbezahlbar sind die Wohnungen des Vaters; Arme können in sie einziehen. Wenn ihr in das Leben von David seht, ahnt Ihr dann, wohin David auf dem Weg war?

Auf der Pfingstfahrt mit dem Schülerladen ist David mit zwei Rucksäcken gefahren. Der eine war gefüllt mit Kleidung, Waschzeug usw. und der andere leer. „Ja,“ hat er gesagt, „der zweite Rucksack wird bei der Rückkehr voll sein; denn ich werde so vieles finden, was ich dann mit nach Hause bringen will.“ Oft hat David etwas gefunden. Er hat auf dem Weg Schönes gesehen und mitgebracht. David ist auf dem Weg zu einer Gesellschaft des Findens, ohne Banken und Sicherheitsanlagen. In der Bibel heißt es: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist,“ – nämlich das Geld mit dem Kopf des Kaisers draufgeprägt – „und gebt Gott, was Gottes ist“ – nämlich die Freiheit des Findens, also die Freiheit des Einkaufens ohne Geld, wie sie der Prophet Jesaja besingt. Er ruft allen zu: „Auf, all ihr Durstigen, kommt zum Wasser; auch wer kein Geld hat, soll kommen! Kauft Brot und esst, kommt und kauft ohne Silber, ohne Bezahlung Wein und Milch.“ (Jes 55,1)

Euer Köcki, wie ihr ihn in der Schule nennt, kam eines Tages aus dem Schülerladen zerknirscht vom Streit nach Hause. „Jetzt streiten sie sich, wer neben mir sitzen darf. Bald säge ich ein Loch mitten in die Tischplatte und setze mich da hinein. Dann kann jeder neben mir sitzen,“ sagte David zuhause. Solchen Streit kennen wir auch im Leben Jesu. Die beiden Apostel Jakobus und Johannes wollten Jesus kurz vor seinem Tod überreden, dass sie in den Wohnungen des Vaters rechts und links neben ihm sitzen dürfen. Welch ein Quatsch. Ich sehe dort, wohin Jesus uns vorausgegangen ist, eine Gemeinschaft, wo jeder neben jedem sitzt und keiner neben dem anderen zu sitzen braucht. Wie kann das geschehen? Sind denn dort in alle Tischplatten runde Löcher geschnitten und jeder sitzt in einem Tisch? Das weiß ich auch nicht.

Aber der Streit, wer neben wem sitzen darf, ist vorbei. Jesus sagt nämlich nach dem Streit der Jünger: Bei euch soll es nicht so sein wie bei den Mächtigen, die ihre Völker unterdrücken und ihre Macht über Menschen missbrauchen (Mk 10,42). Die Mächtigen wollen für sich den ersten oder wenigstens den zweiten oder dritten Platz haben. In den Wohnungen des Vaters ist kein Platz für solche Machthaber und auf dem Weg dorthin – hier unter uns – dürfen wir dieses Spiel der Macht immer besser durchschauen und das Mitspielen verweigern.

David hat sich auch in der Schule über manches geärgert: Er fand es gar nicht schön, dass es ab der dritten Klasse Zeugnisnoten gab. Können wir nicht lernen und uns freuen, ohne dass wir immer miteinander verglichen werden und dass wir danach streben, der Bessere zu werden? Und aus derselben Abscheu heraus ist David nicht zu den Bundesjugendspielen gegangen. „Ich will doch gar nicht der Erste sein,“ sagte er kurz und klar.

Auch Jesus hat sich dagegen gewehrt, der Größte genannt zu werden. Nur einer war für ihn der Größte, nur einer gut, nämlich der Vater, in dessen Wohnungen er uns


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vorausgegangen ist. Dort kann auch keiner prahlen, die größere oder die schönere Wohnung des Vaters zu haben. Sie sind alle für alle.

David ist oft auf dem Einrad gefahren. Die Einradgruppe war der Grundstock für den Kinderzirkus Cabuwazi. Später ist David auch auf dem hohen Einrad gefahren, der Giraffe. Wenn er auch immer sicherer im Fahren wurde, ist er sicherlich auch oft genug mit dem Rad hingefallen. Und dann werden auch einige über ihn gelacht haben. Ob in den Wohnungen des Vaters noch jemand ausgelacht wird, weil er oder sie dies oder das nicht kann, weil er oder sie zu groß oder zu klein ist, weil sie eine weiße oder schwarze Haut hat oder weil er behindert ist? Nein? Woher wisst ihr das?

Ich sehe es daran, wie Jesus seine Jünger belehrt. Sie wollten die Kinder wegschicken, weil sie doch nichts von der Predigt Jesu verstehen würden. „Sie stören doch nur,“ meinten die Jünger. „Nein,“ sagte Jesus und stellte die Kinder in die Mitte. Die wir ausgrenzen wollen, sind doch unserer Lehrerinnen und Lehrer auf dem Weg zu den Wohnungen des Vaters. Wenn wir sie beiseiteschieben und wegschicken, weil wir Wichtigeres zu tun haben, dann blockieren wir uns selbst den Weg dorthin.
Jesus ist wohl auch als Erwachsener ein Kind geblieben und hat sich nicht als ein Wichtiger gefühlt. Erst recht nicht als einer, der auf andere spöttisch hinunter sah, um selbst als der Größere dazustehen.

David hat oft bunte, schöne Kleider angehabt, besonders natürlich im Zirkus auf dem Hochrad, als Clown oder Musikant. Und wie laufen die Leute in den Wohnungen des Vaters herum? Das können wir uns gar nicht so leicht vorstellen; jeder hat einen anderen Geschmack. Sicherlich sind sie nicht gekleidet wie Gefangene im Knast oder wie Aussätzige, die in Krankenhäusern oder Hinterzimmer abgeschoben wurden. Ich denke, die Menschen in den Wohnungen des Vaters haben schöne Kleider an; denn diese Menschen haben in ihrem Leben ja auch oft genug ihre Nächsten in Not bekleidet, gespeist und bei Krankheit oder Gefangenschaft besucht. Jesus sagt einmal, dass sie damit ihn selbst bekleidet, gespeist und besucht hätten. Und Jesus hatte ja ein ganz besonderes Kleid an. Es war nicht aus mehreren Stücken zusammengenäht, sondern aus einem Stück. Auch bei der Kreuzigung Jesu wurde dieses Kleid nicht zerschnitten. Das Kleid von Jesus war kostbar. Na, es fällt mir immer noch schwer zu sehen, was David jetzt an hat.

Im letzten Buch der Bibel beschreibt Johannes die Kleider in der Gegenwart des Vaters so: sie sind weißgewaschen im Blut. Wie können wir diese Aussage verstehen? Stellt euch das einmal vor: die Kleider jedes Menschen sehen wohl etwas anders aus. Und das ist gut so. Jeder ist einzigartig und ist unterscheidbar von jedem anderen. Aber, es gibt nichts Trennendes mehr, denn unsere Kleider sind alle sauber, weißgewaschen im Blut der Zeugen des Lebens, im Blut Jesu und aller anderen Menschen guten Willens. Blut ist Zeichen des Lebens. Und so weisen die im Blut gewaschenen Kleider auf das Leben hin und auch auf den Schöpfer des Lebens. Kleider machen Leute, dieser Satz gilt nicht mehr für wenige, denn keiner kann sagen, ich habe ein schöneres Kleid als du. Ich verstehe das so: die Kleider sind durchsichtig auf das geschenkte Leben hin. (vgl. Off 7,14)

Durch David habe ich aber noch etwas anderes sehr Wichtiges über das Leben in den Wohnungen des Vaters erfahren: Vor knapp zwei Jahren wurde die Wagen-


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burg am Engelbecken geräumt. 1000 Polizisten waren gekommen, um 30 Leute zu vertreiben. Diese Gemeinschaft von Menschen, die auf dem alten Grenzstreifen zwischen der Michaelskirche Ost und der Michaelskirche West wohnte – also zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg -, sollte zerstört werden. Die christlichen Gemeinden der Umgebung hatten dagegen protestiert, dass diese Menschen mit staatlicher Gewalt obdachlos gemacht werden. Sie hatten in den letzten Jahren versucht, ihr Leben miteinander zu teilen und Freundschaften geschlossen. Und so war am Räumungstag auch David mit seiner Mutter vor Ort. Johanna musste nach einiger Zeit gehen. Doch David blieb inmitten dieses Polizeikessels bei uns. Einige Wagenburgler hatten sich an ein Kreuz angekettet und sich so der Räumung widersetzt. Ich habe David etwas vom Leben auf einer Wagenburg gezeigt und ihm die Situation erklärt. Abends kam eine Frau und nahm David wieder mit nach Hause.

Wir blieben wie Gefangene bewacht und eingezäunt noch zwei Tage auf dem Platz. Jeder, der mit uns Kontakt aufnehmen wollte, wurde von der Polizei kontrolliert; viele wurden von ihr abgewiesen. So auch Johanna, die am nächsten Tag nochmals nach uns sehen wollte. Ein Jahr später war ein Feiertag in der Gemeinde St. Michael und die Kinder wurden für verschiedene Spiele in Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe sollte auf den Sportplatz gehen, der auf dem alten Gelände der Wagenburg vorübergehend errichtet worden war.

„Ihr könnt mich in jede Gruppe einteilen, aber in die Gruppe, die auf den Platz geht, wo die Wagenburgler vertrieben wurden, dorthin gehe ich nicht!“ Das war für David klar. Und das kam oft vor, dass für ihn Situationen einfach klar waren. Diese Klarheit ist sicherlich auch typisch für das Leben in den Wohnungen des Vaters. Alle Verschleierungen und Lügen werden durchschaut. Wir sind doch alle das, was in der Taufe von jedem Menschen gesagt wird, wir sind Königinnen und Könige, wir haben Würde und keiner führt uns mehr hinter das Licht.

David hat den Namen eines Königs von Israel. Dieser König David, er lebte vor etwa 3000 Jahren, war ein Sänger, der viele Lieder gedichtet hat, nämlich die Psalmen, die in einem Buch der Bibel gesammelt sind. An eines von Davids Liedern erinnert Petrus bei seiner Predigt am Pfingsttag, also einige Zeit nach dem Tod und der Auferstehung Jesu. In diesem Lied von David geht es um das Leben auch über den Tod hinaus, also um die Auferstehung, sagt Petrus.

Wir hören den Text: Apg 2,22-36.
Anschließend war Stille.
Wir haben gebetet und es war wieder Stille, bis Leila kam, die Schwester von David, und sagte: Wir wollen jetzt etwas singen. Wir haben ein Tauflied gesungen, Davids Lieder auf dem Akkordeon gehört und eine Erinnerung an Davids Leben unter uns:
Davids Zirkuslied.

Nun war es Zeit. Nach diesem Verweilen am Eingang des Friedhofs haben wir uns wieder auf den Weg gemacht mit dem Kreuz, mit den Kränzen und Blumen und mit dem Sarg. Er wurde von einigen Leuten aus dem Zirkus getragen. Glocken und Trommeln waren zu hören auf diesem letzten Gang – die Jüngeren vorweg, anschließend die Älteren. Ans Ziel angekommen wurde der Sarg über dem Grab auf zwei Balken abgesetzt. Einige Stühle standen in der Nähe. Sie wurden gebraucht für die Pantomime, die David mit seinen Freunden im Zirkus gespielt hatte. Ihr Trainer


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spielte nun die Rolle von David. Ich weiß nicht recht, worum es in der Pantomime ging, aber ich bemerkte, wie es uns gut tat, nochmals zu verweilen, nochmals Luft zu holen und etwas von David zu sehen, bevor dann der Sarg in die Grube hinuntergelassen wurde.

Das Grab von David war gegenüber dem Grab seines Onkels Stefan ausgehoben worden, der ein Jahr zuvor in ihrer Gemeinschaft nach längerer Krankheit gestorben war. Auch das Grab von Otto, mit dem ich über zehn Jahre zusammengewohnt habe, liegt nur weinige Meter entfernt.

Nach einiger Zeit der Stille beteten wir zusammen nochmals für David, seine Familie und Freunde, aber auch für den oder die unter uns, die oder der von uns als nächster sterben würde.
Dann begannen die Kinder, Blumen und Erinnerungsstücke in das Grab zu werfen. Und wir versuchten, uns gegenseitig in der Trauer beizustehen, der eine zusammen mit einer Bekannten, die dort hinten einsam stand, oder der andere einfach mit dem Menschen, den er neben sich entdeckte. Dann gingen einige; andere blieben, bis das Grab ganz zugeschaufelt war, womit Karl und einige Freunde begonnen hatten. Blumen wurden auf das Grab gepflanzt und die Kränze darum gelegt.

Die beiden Zelte vom Kinderzirkus in Kreuzberg und in Treptow waren in diesen Tagen mit Bildern und Blumen geschmückt. In Kreuzberg gab es nach der Beerdigung einen Imbiss. Dabei konnte ich noch mit einigen aus dem Haus sprechen und wurde getröstet. Ganz zum Schluss kamen zwei Freunde von David zu mir. Sie hatten viele Fragen. „Warum wurde das hohe Einrad – die Giraffe – nicht mit begraben? Die gehörte doch zu David.“ Und dann wollten sie Einzelheiten über die Verwesung eines Menschen hören. Sie redeten mit großem Ernst und Wissenshunger. Irgendwann musste ich passen und sie an ihre Biologielehrerin verweisen.
Diese Jungen habe ich später noch einige Male getroffen. Einen sollte ich bald bei einer Beerdigung auf dem St. Thomasfriedhof wiedersehen, weinend am Grab von Jean Marie.

Jean Marie, der mit Karl, dem Vater von David, oft von einem Kinderzirkus im Stadtteil geträumt hatte, den es nun gab, dieser Jean Marie wurde bald nach der Beerdigung von David krank und starb zwei Monate später mit 48 Jahren. Er hatte im Zirkus oft riesige Seifenblasen gezogen. Dazu gehört viel Erfahrung, z.B. entsprechend der Temperatur draußen die richtige Seifenwassermischung anzusetzen und dann mit viel Geduld und Fingerfertigkeit die Blasen größer werden zu lassen. Jean Marie hat dann oft gesagt:

„Die Welt ist eine Seifenblase
und ein Menschenleben nur ein Hauch.“

Dieser Satz stand nun auch auf der Erinnerungskarte an das Leben von Jean Marie. Und wieder ging der Zug der Kinder vom Zirkus Cabuwazi zum Friedhof. Auch Artistenfreunde von anderen Zirkussen waren in ihren Kostümen gekommen. Seifenblasen wurden in der Kirche und über das Grab gepustet und gepredigt wurde vom Regenbogen, dessen Farben auch in den Seifenblasen sichtbar wurden. Jean Marie liebte den Regenbogen. Sein Traum war ein Leben unter diesem Zeichen des Frie-


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dens zwischen Gott und den Menschen. Mit diesem Traum hat er sich für den Kinderzirkus eingesetzt. Nun liegt sein Grab einige Meter neben dem von David, eines der ersten Kinder in diesem Zirkus. Und wieder habe ich gesehen, wie die Kinder sich am offenen Grab gegenseitig trösteten und auch Blumen für das Grab von David mitgebracht hatten.

Ein halbes Jahr nach dem Tod von David, also im Herbst 1995, fand ein Fest im Treptower Zirkuszelt statt: „1. Zirkusfest für David mit seinen Freunden“. Zweieinhalb Stunden dauerte die Aufführung an einem Sonntagnachmittag. Anschließend gab es im Zelt etwas zu essen und zu trinken; Videofilme wurden gezeigt, in denen David zu sehen war; und noch vieles mehr. Einige Kinder vom Zirkus hatten das ganze Wochenende auf dem Zirkusgrundstück verbracht: Training, Lagerfeuer, Schlafen, Essen, …

Einige Tage vor diesem Fest riefen mich die Eltern von David an und sagten: „Der Kinderzirkus war für David wichtig. Aber David war nicht nur ein Zirkuskind. Das sollte bei dem Fest auch deutlich werden. Kannst du während der Vorstellung noch einmal das Evangelium von der Beerdigung vorlesen und einige Worte dazu sagen?“ Die beiden hatten mir ein wichtiges Anliegen anvertraut und hofften, dass ich zwischen Trapez-, Ballett-, Clown- und Trampolinvorführungen darauf hinweisen könnte.

Die Vorführung fing an. Es war einfach schön, was uns von den Kindern gezeigt wurde. Schon bald kam dann als sechste Einheit Davids Zirkuslied, was wir ja auch bei der Beerdigungsfeier gesungen hatten. Dann wurde mir das Mikrofon gegeben und ich stand mitten in dieser hellerleuchteten Zirkuswelt. Geblendet von den Scheinwerfern habe ich die Menschen gesucht, zwischen denen ich eben noch staunend und klatschend gesessen habe.

„Wir haben gerade Davids Zirkuslied gehört,“ begann ich. „Und viele von uns kennen David. Er ist hier im Zirkus mit seinen Freunden aufgetreten. Vor einem halben Jahr ist David gestorben und er wurde auf dem St. Thomasfriedhof in Neukölln beerdigt. Bei der Trauerfeier haben wir damals eine Geschichte aus der Bibel gehört, in der erzählt wird: Jesus ist uns vorausgegangen, um Wohnungen für uns vorzubereiten. In diesen Wohnungen hat sich David sicherlich unterdessen umgesehen. Nun ist auch Jean Marie gestorben, den ja auch viele von euch kennen. Er ist hier oft aufgetreten und ihr könnt euch vielleicht noch an die großen Seifenblasen erinnern.

Als Jean Marie nun David wiedersah und David Jean Marie, da haben sie sich sicherlich lange begrüßt. Es gab ja einiges zu erzählen. Aber dann wird David ihm alles gezeigt haben, was er in der Zwischenzeit entdeckt hat. ‚Jean Marie, sieh dich um,‘ wird er wohl gesagt haben; ‚hier gibt es viele Häuser, große und kleine, Zelte, Höhlen, Hausboote und vieles mehr, wo wir wohnen können. Alles ist offen. Menschen ganz verschiedener Hautfarben wohnen zusammen. Aber dir wird sicherlich gleich aufgefallen sein, dass hier viele gar nicht in Häusern, sondern auf der Straße wohnen. Weißt du, hier lebt keiner unterdrückt. Keiner muss etwas tun, was er oder sie nicht will; keiner tut hier etwas gegen seinen Willen, also etwa nur deshalb, weil der Nachbar das so will, oder weil sonst jemand über uns la-


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chen würde. Früher haben wir oft unterdrückt – oder manche sagen entfremdet, also fremd von uns selbst – leben müssen. Wir haben uns dies oder das, was uns wichtig war, nicht getraut zu tun. Manche hätten damals gern einmal ausprobiert, obdachlos zu sein, um mit anderen zusammen auf der Straße zu leben. Sie fühlten sich als Sesshafte in ihren vier Wänden verhaftet. Jetzt probieren sie ein solches Leben in Gemeinschaft aus.

Aber diejenigen, die früher obdachlos waren, die leben jetzt in Luxushotels. Das ist so wie vor einigen Wochen in Düsseldorf. Hast du davon gehört? In Düsseldorf sollte ein Konzert sein. Und für die Musiker wurden Zimmer in einem Luxushotel gebucht. Dann fiel aber das Konzert aus. Doch der Hoteldirektor hat gesagt: ‚Ihr könnt die Zimmer nicht zurückgeben; ihr müsst sie bezahlen.‘ Da sind die Konzertveranstalter auf die Straße gegangen und haben Obdachlose eingeladen, eine Nacht in diesem Hotel zu schlafen. Hinterher hat einer von ihnen in der Suppenküche erzählt:

‚Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Das war wunderschön. Ich habe geduscht, Fernsehen gesehen und vieles andere. Es wäre viel zu schade gewesen, dort einfach nur zu schlafen.‘ Verstehst du, Jean Marie, solche Freude haben die Obdachlosen von damals hier immer. Die vorher verdrängten und unterdrückten Menschen sind frei und auch das, was jeder Mensch in sich unterdrückt hatte, ist jetzt frei.

Jean Marie, wie soll ich dir die Freiheit hier erklären? Weißt du, hier brauchst du keine Angst haben. Wie oft haben Menschen Angst, wenn sie auf etwas Neues treffen, oder sie haben Angst vor fremden Menschen. Sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht. Und es gibt ja auch viele gefährliche Dinge. Aber weißt du, hier kann nicht Schlimmes passieren. Ich habe jetzt schon einige Höhlen gebaut. Manche sind eingestürzt, so wie damals, als ich verunglückt bin. Aber dies ist hier keine Gefahr mehr.

Also, das ist die eine Seite der Freiheit hier, wie ich sie erlebe: keine Angst mehr. Deshalb sagen die Engel, die z.B. Weihnachen zu den Menschen gehen, immer wieder aufs neue: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Das ist eine wichtige Botschaft von hier. Aber Jean Marie, das allein wäre ja noch nicht die ganze Freiheit. Hier gibt es die grenzenlose Freiheit zu finden. Kannst du dich noch erinnern? Als ich mit dem Schülerladen in die Pfingstferien gefahren bin, da habe ich einen leeren Rucksack mitgenommen. Ich wollte in den Tagen vieles finden, einpacken und nach Hause mitnehmen.

Weißt du, hier sind wir alle den ganzen Tag damit beschäftigt, vielerlei zu finden, zu entdecken, uns darüber zu freuen, miteinander zu teilen usw. Wir leben hier die Freiheit des Findens, ohne Scheuklappen, ohne Einengung. Keinem wird gesagt:
‚Jetzt aber Schluss, ab ins Bett, keine Fragen mehr!‘ Jeder und jede kann finden, solange und soviel er oder sie will. Und keiner braucht etwas nach Hause zu schleppen und wegzuschließen.

Jean Marie, hast du dich jetzt umgesehen und verstanden, wie wir hier leben?‘ So oder ähnlich wird David Jean Marie empfangen haben. David ist zwar viel jünger als Jean Marie; der ist ja schon lange ein Erwachsener; aber jetzt ist David doch sein älterer Bruder; David ist jetzt nicht nur wie bisher in der Familie für Mir-


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ko und Leila der ältere Bruder, sondern er hat auch noch Jean Marie als jüngeren Bruder in diesen neuen Wohnungen.
‚Sag mal, Jean Marie, was machen wir jetzt?‘ fragte David Jean Marie.“ Ich mache eine kleine Pause beim Erzählen; da höre ich ein Kind rufen: „Zirkus spielen“.
„Ja,“ sagt David, „das bietet sich an. Jean Marie du hast doch Erfahrung, wie man einen Zirkus gründet. Können wir nicht zusammen mit einem Zirkus beginnen und eine Aufführung machen, wie die von Cabuwazi jetzt im Treptower Zelt? Dann gibt es einen Zirkus dort und hier. Und es wird nach und nach noch viele geben, die mitspielen oder zusehen wollen.“
„Sagt mal, kann es einen Kontakt geben zwischen dem Zirkus hier und dem Zirkus von David und Jean Marie? Was meint ihr? Können sie uns z. B. einen Ball zuwerfen, so wie ich euch jetzt einen Ball zuwerfe?“

Ich hatte mir einen kleinen Jonglierball von einem Zirkusjungen ausgeliehen und warf ihn los gegen das Licht ins Dunkle. Er wurde gefangen und kam wieder zurück.
„Hat jemand von euch einmal einen Ball von David so zugeworfen bekommen?“ fragte ich.
Da rief ein Mädchen: „Ja, David hat mir schon mal einen Ball zugeworfen.“
Ich hatte nicht genau gesehen, wo das Mädchen saß, das eben diesen Satz gesagt hat. Ich hätte es gern gefragt, wo und wann das geschehen ist. Warum habe ich das Mädchen nicht gesucht? Hatte ich Angst, sie zu fragen? Oder habe ich nur noch daran gedacht, dass die Zirkusvorstellung mit den jungen Artisten bald weitergeht? In den Wohnungen des Vaters wäre ich sicherlich hingegangen und hätte das Mädchen gefunden und ihrem Bericht zugehört.

So habe ich von meinen eigenen Erfahrungen erzählt: „Ja, David kann uns einen Ball zuwerfen. Und wir können uns darauf vorbereiten. Zuerst dürfen wir nicht versuchen, ihn festzuhalten, mit all unsern Erinnerungen, wie er einmal war. D.h. wir dürfen beginnen, uns zu freuen über sein Leben jetzt. Das ist gar nicht so einfach, weil wir ja erst einmal keine Nachricht von ihm haben. Uns fehlt David ja. Er lebt jetzt in einer Welt, die wir nur ahnen können. Eine Welt der Freiheit, so wie wir sie noch nicht kennen. Können wir uns trotz unseres Schmerzes, weil uns David fehlt, über sein Leben jetzt freuen? Wenn diese Freude größer wird, dann seid aufmerksam. Seit auf Überraschungen gefasst. David schreibt euch nicht erst einen Brief oder kündigt sich per Telefon an. Er zeigt sich da oder dort.

In dem Text aus der Bibel, den wir jetzt hören, bereitet Jesus darauf vor. Er sagt seinen Jüngern, dass er sterben wird, dass er Wohnungen für uns vorbereitet und dann sagt er, dass er wiederkomme. Unglaublich. Aber Jesus nimmt wieder mit uns Kontakt auf, sagt er; er kommt wieder. Und David auch. Hören wir noch einmal diesen Text aus der Bibel, in dem Jesus von seinem Weggehen und Wiederkommen spricht:
Johannesevangelium 14,2-6.

Nachdem wir also diese Geschichte von Jesus noch einmal gehört hatten, ging die Vorstellung der Kinder weiter: Clownerie, Trampolinspringen, Laufen auf großen Bällen, ….


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Noch während der Vorstellung kam einer der Jungen, der mich auch nach der Beerdigung von David angesprochen hatte, an meinem Platz vorbei und sagte schnell, bevor er sich auf die nächste Nummer vorbereiten musste: „Das war schön, diese Erinnerung an David.“

Nachtrag:
Zwei Tage nach der Beerdigung von David hatte seine Schwester Leila ihre Erstkommunionfest in St. Michael. Nach dem Gottesdienst in der Kirche ging die Familie nachmittags mit Freunden zum Friedhof, um das Grab von David zu besuchen. Und auch die Freunde von David sind in der folgenden Zeit öfters auf den Friedhof gegangen, haben das Grab geschmückt, bepflanzt und Erinnerungsstücke zurückgelassen. Das Grab wurde auffällig und musste später wieder – wie so oft in unserer Welt – an die anderen Gräber angepasst werden. Eines Tages fragten die Kinder, wie es denn auf dem Friedhof in der Nacht sei. Das wollten sie erleben. Der Vater von David ging mit ihnen hin. Sie stiegen über den Zaun und suchten den Weg zu Davids Grab. Aber da hatten Leute aufgepasst. Die Polizei war mit einem Wagen zur Stelle. Karl erklärte den Beamten ihr Anliegen. Nun holten die Polizisten ihre großen Handscheinwerfer, reichten sie durch den Zaun und die Kinder gingen gut ausgerüstet zum Grab von David. Das war ein Erlebnis und gern hätten sie die Scheinwerfer behalten, haben sie später erzählt.

In den Monaten nach dem Tod von David habe ich mich einige Male gefragt: Nehme ich mir genug Zeit für den Weg der Trauer in mir und mit anderen zusammen? Um mich zu erinnern und zu merken, wer ich in diese Zeit geworden bin, war es nun gut, einmal einiges aufzuschreiben, und ich hoffe, dass Ihr, liebe Geschwister, so ahnen könnt, was mit mir und uns hier geschehen ist. Langsam wächst die Freude auf das Wiedersehen mit David und vielen Menschen, mit denen ich gute und auch schlechte Erfahrungen gemacht habe. Der Neuanfang mit all diesen Menschen hat leise, oft erst unbemerkt von mir, begonnen und noch gibt es viele Verweigerungen in mir.

Die Erinnerung an David hilft, diese Eisbrokken in mir zu sehen und auftauen zu lassen. Es wird wohl immer schwer vorstellbar bleiben, dieses Wiedersehen mit unseren älteren Geschwistern in den Wohnungen des Vaters. Aber wir kennen den Weg dorthin und können darauf schon vieles vom Ziel entdecken, auf das hin wir unterwegs sind.

Richard, ein Freund aus der Eifel, antwortete auf die Todesanzeige im letzten Jahr mit einer Clownkarte und schrieb:
„Es ist nicht üblich, mit einer Clownkarte Anteilnahme an Trauer zu bekunden. Aber es ist ja auch nicht üblich, von Toten zu sagen, dass sie leben.“ Dieses neue Leben Schritt für Schritt anzunehmen, ist unser Weg der Trauer. Von hier aus grüße ich Euch

Berlin Februar 1996,
teilweise veröffentlicht im entschluß 1/1997
Themenheft Naivität


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Hans-Joachim Ditz
Hier ist echte Auferstehung

Hier ist echte Auferstehung! Georg geht neben mir im Rhythmus der Trommeln und versucht gegen die Lautstärke anzukommen. Ich antworte ihm mit einem kurzen Kopfnicken, dann lassen wir uns vom Schlagen der Trommeln wieder einfangen und werden mit der Menge weitergetragen. Der Himmel ist wolkenverhangen und leichter Nieselregen geht nieder. Das Wetter scheint so gar nicht zur Stimmung zu passen, die ein bisschen an Karneval in Rio erinnert, so wie ich ihn mir zumindest vorstelle. Aber es ist auch gar nicht Karneval und wir sind nicht in Rio. Wir gehen über nass glänzendes Kopfsteinpflaster in der Hobrechtstraße, Berlin-Neukölln.

Und das Wetter scheint dem Anlass angemessen: David wird beerdigt. Gerade 11 Jahre ist er alt geworden, bevor ein Unfall seinem Leben ein Ende setzte. Mitten im Spiel stürzte die selbstgegrabene Höhle ein, Massen von Sand begraben ihn. Sein Freund wird Zeuge des Unglücks, alarmiert die Feuerwehr, doch jede Hilfe kommt zu spät. Sie haben ihn aufgebahrt, seine Eltern, zu Hause, im Wohnzimmer. Und alle kommen um Abschied zu nehmen von David, dem mutigen Bruder, dem Freund, neben dem in der Schule alle sitzen wollten, dem Clown und Einrad-Artisten vom Kinderzirkus Cabuwazi, dem Jungen mit den vielen Ideen. Wenn er auf Reisen ging, dann nahm er immer eine leere Tasche mit für die vielen Dinge, die er im Laufe der Reise finden würde. Keine Frage, mit David ist – wie mit jedem Kind, das stirbt – ein Stück unserer Hoffnung gestorben.

Jetzt hat er seine letzte Reise angetreten und wir begleiten ihn ein Stück dabei. Von der Lausitzer Straße in Kreuzberg geht´s zum Thomasfriedhof in Neukölln. Die Stelzenmänner vom Kinderzirkus sperren die Kreuzungen für diesen bunten, merkwürdigen Beerdigungszug mit seiner Mischung von Trauer und Lebensfreude. Die Trommeln schlagen die ganze Zeit. „Hier ist Auferstehung!“ Georg neben mir lässt sich einfangen von dieser Stimmung. Er spricht eher mit sich selbst als zu mir. Er braucht meine Bestätigung nicht, er ist sich sicher. Einer hat es auf den Punkt gebracht. Er schickte Davids Eltern eine Karte mit einem Clown. Darauf stand: „Es ist vielleicht ungewöhnlich, mit einer Clownskarte Beileid zu wünschen. Aber es ist auch ungewöhnlich von einem Toten zu sagen, dass er lebt!“

Berlin 15. Mai 1997
Radiosendung: Worte für den Tag

 

FRANZ KELLER

Franz Keller
Es wächst die Dankbarkeit

Christian Herwartz und Michael Walzer suchten einen weiteren Mitbruder, der zu ihnen nach Berlin-Kreuzberg kommen wollte.
Nach Aufhebung des Kollegs Stella Matutina in Feldkirch, Österreich, und nach der Fertigstellung des Neubaues – für die in Feldkirch verbleibenden Patres und Brüder (Seelsorgestation und 1 Institut der Diözese Feldkirch) – war ich frei und fuhr mit 55


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Jahren in die Großstadt des deutschsprachigen Nordens – ein Vorschlag meines Schweizer Provinzials zu den Armen-Abhängigen in einem Arbeiter-Viertel der damals größten Industriestadt Deutschlands – seit der 2. Hälfte 18.Jahrhunderts. Wir wohnten damals mit Janni, einem arbeitslosen Griechen, zusammen in drei Ein–Zimmer-Wohnungen (Seitenflügel und Hinterhaus, Küche, Wohnschlafzimmer, WC im offenen Treppenhaus, 6-geschossig, Baujahr 1880).

Beide Mitbrüder arbeiteten in der Großindustrie, ich suchte in dieser Richtung und fand in 14 Tagen eine Stelle (Elektrolux, Kühlschank-Abt.) als Hilfsarbeiter-Montierer in Akkordarbeit, nach einigen Wochen wechselte ich an die Vakuum-Tiefzieh-Maschine: Die Arbeit konnte ich recht gut bewältigen – sie war für mich eine Art Ordnungsgerüst für den Tag, nebst dem geistigen und geistlichen Tun. Es ist die Zeit der Häuserbesetzung, der Friedensarbeit, der Demos. Wir lebten „Mitten in der Welt“ ähnlich wie auch die Kleinen Brüdern und die Kleinen Schwestern.

Nach 4 1/2 Jahren wurde das Werk geschlossen und ich war arbeitslos. Ich fühlte so recht die Hilfe der Mitbrüder. Eine ähnliche Arbeit, ich war 60, war nicht zu finden. So versuchte ich es wieder auf dem Bau, meist in alternativen Gruppen und im Kleingewerbe. Die Theorie des Bauens kannte ich von meiner Ausbildung vor meinem Ordenseintritt und aus Fachzeitschriften; die Praxis war mir aus der Mitarbeit in den Jahrzehnten als Verantwortlicher für Gebäude-Unterhalt und kleinere Neubauten (eigene Betriebswerkstätten im Kolleg, Feldkirch) vertraut.

Ich half unter anderem bei Renovationen in der St. Michaels-Pfarrei, im Altersheim der Jesuiten in Kladow und in dem Wohnhaus der Regenbogenfabrik mit, zum Teil größeren Instandsetzungsarbeiten. In diesen Jahren konnte ich unseren kranken Mitbruder Michael (Gehirn-Tumor) begleiten, hier und z.T. im Frankenwald. Er starb 1986 in Kladow.

Im Sommer 1990 (nach Öffnung der Mauer) wurde ich wieder arbeitslos und bin seit September 1990 Rentner und damit aus der bezahlten Erwerbsarbeit ausgeschieden. So weit es ging arbeitete ich noch in kleineren Renovationen und ergänzenden Elektro- und Sanitärinstallationen.

Christian (3 Jahre) und Michael (1 Jahr) wohnten vor ihrer Berliner Zeit in Frankreich in kleinen Gemeinschaften der „Mission Ouviere“ in ärmeren Vierteln und gingen manueller Arbeit nach. Das war ihre Lehrzeit als Arbeiterpriester. Zurück in Deutschland, Berlin, besuchten sie 2x jährlich die Arbeiterpriestertreffen Wochenenden in Mainz, später (bis heute) in Ilbenstadt: Sie dienten dem Erfahrungsund Gedanken-Austausch. Ab 1981 konnte ich mitmachen. Alle 2-3 Jahre war ich auch bei Treffen in Belgien und Holland. Es gab auch Delegierten-Treffen mit französischen, irischen, spanischen und italienischen Mitbrüdern.

Nach einigen Jahren kamen Ordensfrauen, Frauen in kirchlichen Arbeitskreisen, Männer und Frauen, die in kirchlichen Kreisen arbeiten oder die ganz in der manuellen Arbeit integriert sind, zu den Treffen nach Ilbenstadt. (Sie heißen heute Arbeiter- Geschwister-Treffen).

Unserer Jesuitengemeinschaft Kreuzberg wurde etwas größer (fünf), mit dem Tod von Michael und dem Wegzug anderer wieder kleiner; jetzt sind wir wieder drei Jesuiten, nachdem vor fast zwei Jahren Stefan Taeubner zu uns kam (als Vietname-


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sen-Seelsorger). Wir konnten in den vielen Jahren immer wieder Novizen (für einige Wochen), Theologiestudenten und andere in der Ausbildung aus Deutschland und Frankreich (für einige Wochen bis zu einem Jahr) begleiten. 1985 half uns Noel Barré – ein guter Leiter der französischen Arbeitermission; er begleitete unser Tun (Evaluation) und machte den Oberen einiges besser verständlich.

In dieser ganzen Zeit, vor allem durch die weltweite Wirtschaftsmacht (Globalisierung) und damit zusammenhängende Arbeitslosigkeit (Trend zu reich und arm – verheerende Verhältnisse in den armen Ländern, dazu noch Bürgerkriege) wuchs der Anteil unserer Mitbewohner: Arbeitslos, obdachlos, Flüchtlinge, sans papier, „an den Rand gedrängte“. Das Gesicht der Armut erweiterte sich, es war die Mehrheit der Mitbewohner! Es ist die Frage: Was tut die materiell gutsituierte Mehrheit unserer Völker und ihre Politiker? Was sagt die Kirche zu dieser Entwicklung?

Ich spüre das Älterwerden, nicht nur das Hören wird schwächer, das geistige Vermögen, diese Veränderung zu erfassen, zu beurteilen – das Einordnen wird schwieriger. Mir helfen an freien Tagen Fahrrad-Ausflüge in die schöne brandenburgische Landschaft um Berlin, aber mehr noch das „Vertiefen“ des Glaubens: Freude im Kleinen – das Sein in der „Hand Gottes“. Ich lebe mit in unserer Gemeinschaft (auch wenn es nicht bloß Freude ist); es wächst auch die Dankbarkeit.

Ich hoffe, dass der konziliare Prozess – Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung – weiter geht und wächst zur bestimmenden Kraft mit der Gnade Gottes.

Berlin 30.04.04

Christoph Albrecht
Besuch aus Basel

Ich kenne Eure Gemeinschaft ja wirklich kaum, und seit ich einmal vier Tage bei Euch zu Gast war, sind schon wieder eineinhalb Jahre vergangen. Doch habe ich von diesen Tagen noch ein paar Tagebuchnotizen, die wohl am authentischsten wiedergeben, wie ich von Euch beschenkt wurde.

Am ersten Abend notierte ich: „Franz empfing mich mit Freude, obwohl er von meiner Ankunft überrascht war. Die Gemeinschaft in Kreuzberg ist ebenso chaotisch wie lebendig.“

Vom festlichen Zusammensein anlässlich des 50. Ordensjubiläums von Franz habe ich mir schriftlich aufbewahrt: „Christian forderte alle anwesenden Schwestern und Mitbrüder auf, etwas Persönliches von sich zu erzählen. Sogar die Jesuiten sprachen unter sich persönlich und mit einer wohltuenden ’simplicité‘. Danach feierten wir Eucharistie, in diesem einfachen Rahmen. Es stimmte alles. Ich hatte eine tiefe Freude.“ Von den Radwanderungen mit Franz durch Berlin hielt ich fest: „Franz zeigt mir die interessantesten Winkel, die ich allein niemals so hätte sehen können, und erzählt mir davon Geschichten, wie sie (noch) in keinem Geschichtsbuch stehen. Er schenkt mir von seiner Zeit, als wären wir seit Jahren dicke Freunde.“


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Der Eindruck, wie er mir von diesem Besuch blieb: „Ich weiß nicht wie, aber die Gedrängtheit der Räumlichkeiten passt zur Offenheit dieses Ortes. Alles hat doch seinen Platz. Die Menschen, die dort mitleben, machen die Not der Stadt spürbar. Gott, du bist da, weil das menschliche Planen nicht wichtiger ist, als der Mensch selber, der vor Einsamkeit oder Verfolgung flieht.“

Ja, ich wurde wirklich beschenkt und mir sind auch verschiedene Dinge aufgegangen, auf die ich bei der Mitgestaltung von Kommunitätsleben und in der Haltung gegenüber Menschen, die nicht so privilegiert sind wie ich, achten möchte. Die Dankbarkeit darüber vergeht nicht.

Basel 2. Dezember 2000

Angelika Goder
Er mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen

Franz Keller lernte ich etwa 1989 kennen, einen ruhigen, zurückhaltenden Menschen, der die politische Entwicklung während und nach der „Wende“ mit Interesse und Sorge verfolgte, ob die Menschen wohl das lernen würden, was diese Situation ihnen bot: Ob sie frei werden könnten von den Zwängen des „alten“ Systems der DDR, ohne sich den Zwängen des „neuen“ der BRD zu beugen? Später lernte ich auch seine praktische Seite kennen (und schätzen, denn er lehrte mich das Fliesenlegen). Er war immer bereit, anderen seine handwerklichen Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen. In vielen Wohnungen und ehemals besetzten Häusern Berlins stecken seine Kenntnisse über Bauen, seine Hilfe und seine Arbeit.

Franz Keller ist sehr an Architektur, besonders der norddeutschen Backsteingotik interessiert, er liebt die Natur und erlebt sie während langer Radtouren in die nähere und weitere Umgebung Berlins. Dabei hat er sich viele dieser Bauten, das Schiffshebewerk bei Niederfinow und und und angesehen. Je länger ich Franz Keller kenne, desto mehr zeigte er sich mir auch als ein tiefgläubiger und vor allem demütiger Mensch. Er mag es nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen oder wenn man ihm seine Arbeit abnimmt, denn es ist für ihn selbstverständlich und deshalb nicht erwähnenswert, dass er den Menschen in ihrem täglichen Leben dient. Das ist seine ganz besondere Art, Gottes Liebe zu leben.

Berlin 10. April 2004

 

Franz hat die Neigung zum Einfachen, zum Direkten
Gespräch mit Christian Schmidt

Christian Schmidt, du hast Franz Keller bereits vor vielen Jahren kennen gelernt. Wann war das genau?

Also, ich hab´ nochmal den Franz gefragt, wo wir uns zum ersten Mal gesehen haben. Das war bei Exerzitien und das war in der Zeit, wo er bei einem Architekten im Büro gearbeitet hat. Und das, ja das muss seiner Auffassung nach so in den sechziger Jahren gewesen sein. Damals hat er den Bau des Exerzitienhauses in der Schweiz


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vorbereitet, in Schönbrunn. Aber er hat vorher, bevor er da Bauleiter war und bevor er da mitgewirkt hat, auch im Büro des Architekten mit gearbeitet und davon hat er bei den Exerzitien, als wir uns das erste Mal gesehen haben, gesprochen.

Das weißt du heute noch, das heißt, der Franz hat dich irgendwie beeindruckt.

Ja, jetzt nicht nur von seinem Beruf her, sondern auch so etwas von seiner Mentalität her. Er hat ja Schwizerdütsch gesprochen und da ich selbst in der Schweiz war, ein dreiviertel Jahr, als Gastarbeiter um mir Geld zu verdienen für das Studium auf der Hochschule, da hab` ich das Schwizerdütsch gelernt und kann es auch heute noch verstehen.

Ihr habt im Laufe der Jahre sehr oft miteinder geredet.

Ja, der Franz ist mir aufgefallen durch seine offene und durch seine einfache und ehrliche Art, mit der er eben so gesprochen hat und ich glaube, da hat sich bis heute nichts geändert.

Ihr seid beide Brüder in der Gesellschaft Jesu. Wie wichtig ist das für eine Gemeinschaft, dass ein Bruder darin wohnt und nicht nur Theologen und Priester.

Die Schwester hier vom Ignatiushaus, die hat mal den Unterschied sehr deutlich und auch sehr offen ausgesprochen. Sie sagte, bei den Brüdern ist es so, die sagen, was sie denken und reden nicht drumherum und das ist so, vielleicht, ja im allgemeinen so. Sie sagen, was sie denken und reden nicht drumherum, von daher gesehen sind sie vielleicht etwas konkreter und vielleicht auch ehrlicher.

Kannst du dich an was erinnern, was der Franz im Laufe dieser letzten Jahre, er ist ja immerhin 23 Jahre in Berlin, eingebracht hat?

Ja der Franz war immer, seit ich ihn kenne, ein aufmerksamer und guter Zuhörer und war im Gespräch immer zurückhaltend. Man mußte ihn immer herausfordern etwas zu sagen, aber wenn er etwas gesagt hat, war er immer noch zurückhaltend und auch bescheiden in seiner Antwort und auch in seiner Auffassung.

Wir Kreuzberger sind ja öfter zu den Jesuiten ins Ignatiushaus in Charlottenburg gekommen, wo du schon sehr lange wohnst und das hat öfters Unruhe gebracht. Magst du davon etwas sagen?

Naja, durch den Kontakt mit euch, ich meine durch den Kontakt alleine nicht, sondern vielleicht durch die verschiedenen Auffassungen, die man vielleicht von den Menschen und dem Verhalten zu den Menschen hat, vielleicht kam da eine Verschiedenheit heraus, die aufeinander geprallt ist. Im Allgemeinen wurde nur immer wieder auf den Unterschied hingewiesen, dass in Kreuzberg eben stärker der Kontakt und der Umgang und das Mitleben mit den Menschen dort im Vordergrund steht, wogegen wir hier im Ignatiushaus ja so uns mehr zurückziehen von den Leuten und daher anders auf sie einwirken, indem wir ihnen mehr Belehrung oder Antworten auf Fragen geben. Nicht so sehr vom Zusammenleben her und das ist, was euch in Kreuzberg auszeichnet, dass ihr eben mit den Menschen zusammen lebt und durch das Zusammenleben kommt natürlich ein anderer Kontakt und auch ein anderes Gespräch heraus, das wir hier in Charlottenburg ja nur unter uns haben. Wir haben ein Zusammenleben unter uns und sprechen davon, aber wir haben kaum ein Zusammenleben mit Außenstehenden.


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Ich hab immer den Eindruck gehabt, da sind zwei Kulturen, die aufeinander stoßen, wenn ich hier zu Besuch war. Die Kulturen, vielleicht ist Kultur schon zu viel gesagt, aber es sind doch zwei verschiedene gesellschaftliche Gruppen. Also die Charlottenburger Gesellschaft ist eine andere als die in Kreuzberg und das habe ich sofort gespürt, als ich hierher gezogen bin und habe die in Kreuzberg vermisst.

Wie würdest du das beschreiben, welche gesellschaftliche Gruppen spiegeln sich hier wider?

Im Ignatiushaus spiegelt sich nur die Erfahrung der einzelnen Leute, die hier sind, wider, die sie mit den einzelnen Menschen machen, davon wird gesprochen und so weiter, aber das ist ja etwas anderes, als wenn man mit den Leuten umgeht. Ein Beispiel: ich war in Kreuzberg auch in der Kirche tätig, das heißt in der Pfarrei, und habe da mit den Leuten vom Pfarrgemeinderat und vom Kirchenvorstand gesprochen und auch mit den Ministranten und so weiter. Da zeigt sich sehr stark ein Mentalitätsunterschied. Und offen gestanden, ich tu mich hier sehr schwer mit den Charlottenburgern …ja, … umzugehen ist ja leicht, aber mit ihnen zu leben würde ich mich sehr schwer tun, was mir in Kreuzberg nicht vorgekommen ist.

Wirst du als Künstler in der Gemeinschaft gehört? Du gehörst ja auch einer gesellschaftlichen Schicht an.

Ich gehörte immer zu der gesellschaftlichen Schicht der Künstler und der Studenten. Die Studenten hatten ja nie so einen besonders guten Ruf. Und zu denen gehörte ich, weil ich mit ihnen wöchentlich umgegangen bin, und habe vielleicht auch etwas von deren Mentalität abgekriegt und auch dementsprechend mich verhalten. Das ist hier im Ignatiushaus, ja ich sags einmal so, nicht so gut angekommen wie zum Beispiel in Kreuzberg in der kleinen Kommunität.

Sind die Jesuiten in Charlottenburg neidisch auf die Kreuzberger, dass sie nicht so mitten drin leben?

Nein, das sind sie nicht, das sind sie sicherlich nicht, sondern sie sind ja dem gegenüber … ja ich möcht sagen, das liegt ihnen nicht und gefällt vielen auch nicht so und sie geben sich auch nicht in diese Richtung so Mühe. Offenbar liegt ihnen das nicht und insofern kann man auch sagen, dass sie es nicht so gut verstehn.

Ich hab mich sehr gefreut, als ich von den Erfahrungen meines kurzen Aufenthaltes im Gefängnis hier erzählt habe. Da hat es keinen gegeben, der da ein Wenn oder Aber gesagt, mir meine Erfahrungen mies gemacht hätte. Das hat mich sehr gewundert, also muss es doch einen Hunger geben nach solchen Erzählungen. Wie siehst du das?

Das sind ja außergewöhnliche Erfahrungen, die du im Gefängnis gemacht hast, wo ja von uns hier in Charlottenburg kaum einer mitreden konnte, es sei denn, sagen wir mal, der Gefängnisseelsorger. Da war ja keiner mehr hier außer dem Blasik, der da mal im Gefängnis war . Von daher gesehen war es für sie auch etwas Neues und das hat sie schon interessiert. Ich meine, das Neue und das Interessante interessiert und die Leute, die hier im Ignatiushaus wohnen, ja sowieso, aber sie können das nicht immer mit ihrem Leben gleichsetzen. Ihr Leben ist eben ein anderes als das Leben im Gefängnis oder mit den Leuten umzugehen oder mit den Leuten zu leben.


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Franz hat bei uns öfter Bauchschmerzen gehabt bei solchen Themen und ihr werdet darüber gesprochen haben. Magst du noch was dazu sagen, wie der Franz mit diesen Konflikten, aus einer schweizerischen Umwelt zu kommen und nach Kreuzberg zu gehen, umgegangen ist?

Franz hatte ja eine Neigung, ich sag`s mal zu dem Einfachen und zu dem Direkten, zum Menschen hin und dieses Einfache und Direkte hat er in Kreuzberg wahrscheinlich mehr erlebt, als er es bei uns in Charlottenburg hätte erleben können und dort vielleicht auch mehr erlebt hat als in der Schweiz selbst. Und damit war er glücklich? Ja, ich glaube schon, dass er damit zufrieden und auch glücklich war und dass es eben seiner religiösen Mentalität entgegen kam. Er war ja kein Theoretiker usw., er war ein gläubiger Mensch, der mit der Schrift und dem, was im Glauben vorkommt, einfach umgehen kann, der da keine so spitzfindigen Fragen im Hinterkopf hatte.

Ich hab gesehen, wie er sich gefreut hat, als der Stefan Taeubner zu uns gezogen ist. Wie hast du das mitgekriegt?

Ich glaube, er hat sich deshalb gefreut, weil der Stefan ja die gleiche Neigung hat, mit den armen und einfachen Leuten zusammenzuleben, also jetzt nicht nur einmal mit ihnen zu sprechen. Diese Solidarität oder diese menschliche Nähe, die hat der Franz gerne, mit der kann er gut umgehen.

Du hast mit Stefan fünf Jahre hier zusammengelebt. Kannst du sagen, was dir wichtig ist aus der Zeit mit ihm?

Was mir aufgefallen ist mit dem Stefan, ist, dass er eben auch mit den Leuten so ganz einfach und menschlich umgehen konnte, obwohl er die Sprache noch nicht so hundertprozentig beherrschte. Aber die merkten, wie er mit ihrem Leben und auch mit ihrer Not mitgehen konnte, eben weil er vom hohen Ross des Außenseiters oder des Theologen herabgestiegen ist.

Du meinst den Kontakt mit der vietnamesischen Gruppe?

Ja, mit ihnen und auch, wie er mit ihnen umgeht, wie er sozusagen auf ihre Mentalität eingegangen ist und auch mit ihr leben konnte.

Das war eine Freude für dich, wenn du das gesehen hast?

Ja, da hab ich ihn schon bewundert, wie er das kann und wie er es auch gut gemacht hat, wie es bei den anderen angekommen ist und weshalb sie ihn so liebten und so schätzten.

Wenn du die Geschichte nochmal vor Augen hast, was wünschst du der kleinen Kommunität in Kreuzberg als Mitbruder?

Ja, ich wünsche der kleinen Kommunität, dass sie wie bisher weitermacht. Ich habe den Eindruck, dass es in der kleinen Kommunität in Kreuzberg gelungen ist mit den verschiedenen Menschen, die dort in Not Hilfe suchen, dass sie da bei euch ankommen und ihr mit ihnen ganz gut umgehen könnt. Das ist ein Charisma, das nicht jeder kann und in sofern wundert´s mich nicht, wenn ihr jetzt Leute sucht, die zu euch kommen. Ich glaube, da gehört schon ein gewisses Charisma dazu und das hat nicht jeder.

Kannst du das beschreiben?

Ich weiß nicht, ob man das so beschreiben kann, aber weißt du, mit den armen Men-


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schen sich zu solidarisiern, das ist noch Theorie, aber mit ihnen zu leben, das ist eine Praxis, die man wahrscheinlich erstens sehr anstreben muss und dann muss man sie auch üben, sonst tut man sich schwer oder man kommt bei den Leuten nicht an, was man ja bei euch nicht sagen kann. Ihr kommt an und sie kommen auch bei euch an. Und das ist doch, meine ich, eine besondere Gnade oder Charisma, wie immer man das nennt. Man kann da nicht einfach jeden hinschicken oder so. Er würde das wahrscheinlich nicht so ohne weiteres können. Also man muss schon eine Neigung dazu haben, eine persönliche. Man kann es auch Begabung nennen.

Magst du uns noch etwas auf den Weg geben?

Ja, ich wünsche euch, dass ihr eben nicht nur weitermacht, sondern dass ihr auch noch junge Leute anstecken oder hinziehen könnt, die diese Begabung haben. Sonst bleiben sie nicht lange, sonst, ja sonst haben sie weniger Erfolg. Für sie ist es dann nur ein Experiment.

Ist das nur eine von vielen Begabungen innerhalb der Gemeinschaft der Jesuiten oder ist es eine, auf die alle angewiesen sind?

Nein, ich möchte sagen, es ist eine Begabung wie z.B beim Malen oder Zeichnen. Es kann zwar jeder malen oder zeichnen, aber es kommt dann eben mehr oder weniger raus. Die Begabung ist es eben, die sich dann bei der Übung zeigt. Wenn man dort lebt und mit den Leuten umgehen kann, dann zeigt es sich, wie man ankommt oder was dabei herauskommt, das heißt, ob man selber zufrieden ist und ob die Leute zufrieden sind mit dem Umgang. Und diese Begabung scheint mir, hatten die Leute, die bisher da waren, das bist du, Christian, und der Franz oder auch noch vielleicht der eine oder andere, aber bei euch hat sich das durchgängig gezeigt, dass ihr die habt und auch dort leben könnt.

Du hast eine künstlerische Begabung, in welchem Kontakt steht diese Einzelbegabung, zu allen anderen Begabungen, oder die Kreuzberger Jesuiten zu allen anderen Jesuiten?

Diese Begabungen sind für alle anderen Jesuiten so etwas Besonderes, dass sie nicht ohne weiteres nachmachen oder auch verstehen können. Es ist eben etwas Besonderes. Nicht eine Besonderheit in einer so hohen Qualität, sondern eine besondere Art mit den Menschen umzugehen und mit den Menschen zu leben, wie es auch eine besondere Begabung ist mit dem jeweiligen Material, das ist es ja, was den Künstler ausmacht, dass er eben mit dem speziellen Material umgeht und was er mit dem Material macht, und ich meine, in Kreuzberg ist es insofern etwas ähnlich, da ihr in einer besonderen Situation lebt und auch mit den Leuten in einer besonderen Weise umgehen müßt, um anzukommen oder um Erfolg zu haben oder auch selber damit zufrieden zu sein.

Das ist was Wechselseitiges, doch auch beim Künstler. Das Material macht auch was mit dir.

Ja, ich muss mich ja mit dem Material auseinandersetzten und wie gesagt, was bei der Auseinandersetzung herauskommt, das zeigt eben dann, wie man damit umgehen kann und so ist es auch, wenn du willst, in Kreuzberg, wie man mit den Menschen umgehen kann, da zeigt sich dann auch, was dabei herauskommt. Und ihr habt ja gemerkt, dass eben viel dabei herausgekommen ist, wenn die Leute zu euch


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kamen, bei euch geblieben sind, und auch, wie ihr den Leuten dort helfen konntet, auch auf diese einfache Art, nicht jetzt durch Spenden oder durch Zureden oder durch Belehrung, sondern, nun ja, eben im Umgang. Und das ist eine praktische Art, es ist was Anderes als eine Predigt oder eine Belehrung. Für mich ist es das Annehmen, dass der andere mir etwas sagen kann und dass ich etwas lernen darf und dass wir was gemeinsam tun dürfen, das zu entdecken, nicht in der Helferrolle stecken zu bleiben.

Ja das sehe ich auch so: Wenn man den anderen so annimmt, wie er ist, und – ich darf sagen – entsprechend mit ihm umgeht, dann spürt er eben eine Solidarität nicht im Theoretischen, sondern eine Solidarität im praktischen Sinn. Die hilft wahrscheinlich dem anderen am meisten, selbst wenn man nichts mehr tun kann, aber alleine das Da-Sein und das Ihm-gegenüber-Sein ist für ihn auch schon ein Trost und eine Hilfe.
Danke für das Gespräch

Berlin 2003 Fragen von Christian Herwartz

 

Vera Rüttimann
Oase mitten in der Stadtwüste

Mitten im pochenden Herzen von Kreuzberg existiert seit fast 25 Jahren eine Jesuiten-Kommunität. Ihr Engagement für die Vernachlässigten dieser Gesellschaft macht sie über Berlin hinaus zum Begriff.

Am U-Bahnhof Kottbusser Tor im Berliner Stadtteil Kreuzberg riecht es nach Urin. Obdachlose sitzen in ihre Decken gehüllt am Wegrand und bitten um eine Spende. Junge Männer stehen rauchend in Gruppen zusammen, manche unter ihnen ohne gültige Papiere. Der Bezirk, ein Schmelztiegel, ein multikulturelles Armenhaus. Mitten drin liegt die Naunynstrasse 60. Seit beinahe 25 Jahren wohnt an dieser Adresse eine kleine Kommunität der Jesuiten: Christian Herwartz, Franz Keller und Stefan Taeubner. Sie wohnen direkt über der Kneipe, die den Namen „Tor zur Hölle“ trägt. Mancher, der hier Unterschlupf fand, hat die Hölle meist gerade hinter sich. Heimatlose Jugendliche, Alkoholabhängige und Obdachlose. Wer in die scheinbar gewöhnliche Wohnung eintritt, erkennt bald einen Ort, der für Männer und Frauen offen ist und für alles, was gerade zu ihrer Geschichte gehört. Für viele ist es eine Geschichte der Leiden und des Scheiterns. Hier schlafen, essen und reden Menschen, die viele lieber nicht im Straßenbild sehen wollen: Das ist jemand, der in einer ungeheizten Wohnung lebt und abends kommt, um sich aufzuwärmen. Da ist auch eine junge Frau, die arbeitslos ist und hierher kommt, um ihre Einsamkeit besser ertragen zu können. Da sind Sans-Papiers, die hier vorübergehend eine Bleibe gefunden haben. „In der Begegnung mit ihnen entdecken wir die menschenverachtenden Vorurteile gegenüber Kulturen und Religionen, die wir nicht nur im Verhalten anderer sehen, sondern auch in uns selbst tragen“, sagt Christian Herwartz, der zum Urgestein der Kommunität gehört.

Herwartz, der als Arbeiterpriester schon in der Psychiatrie, im Obdachlosenheim oder als Dreher gearbeitet hat, zeichnet mitverantwortlich, warum seine Kommu-


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nität zu einer stadtbekannten Adresse geworden ist. Er und seine Mitbrüder gehören zu der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“, die sich seit 1995 regelmäßig zu einer Mahnwache vor der ehemaligen Frauenhaftanstalt der DDR treffen, die heute ein Abschiebegefängnis ist. „Viele, die dort sitzen, sind unschuldig“, mutmaßt Herwartz. „Die Grenze nach Polen ist nahe. Wir wissen, dass dort immer wieder Menschen beim Grenzübertritt sterben, ähnlich wie an der alten Berliner Mauer.“ Viele ungewöhnliche kirchliche Modelle und Projekte nahmen an diesem Ort ihren Ursprung.

So klopfte vor einigen Jahren jemand mit der Bitte an die Tür, hier seine Exerzitien zu machen. Hier? Die Jesuiten winkten ab. Der Mann bestand jedoch auf seinem Wunsch. Er verlegte seine Exerzitien kurzerhand auf die Straße, besuchte Drogenumschlagplätze, die Suppenküche in Pankow, den Karmel Regina Martyrum und das Abschiebegefängnis. So entstand das Projekt der „Exerzitien auf der Straße“, wobei Menschen eingeladen werden, soziale Brennpunkte aufzusuchen, die in ihnen innerlich etwas in Bewegung setzen. Herwartz gibt den Leuten, wie unlängst auch in Basel geschehen, den Bibelsatz „Ziehe Deine Schuhe aus“ mit auf den Weg.

„Die Schuhe ausziehen ist für mich ein Bild für die Bereitschaft, sich zu öffnen, verwundbar und ansprechbar zu werden“, sagt: Kreuzberger Menschen, die ausgegrenzt werden, sind für die hier lebenden Jesuiten eine Herausforderung, der sie sich täglich stellen. Ob der Syrer, der täglich im Koran liest, oder der Schwarzafrikaner, der noch nach einer Wohnung sucht: Alle sind irgendwo gebrochen und doch voll eigener Würde, die sie als bedingungslos gelebten Wert erleben. Jeder wird in seiner Art respektiert.

Daran hat auch Franz Keller seinen Anteil. Der gebürtige Aargauer , der 1980 nach West-Berlin kam, gehört zu den Gründungsmitgliedern der Kommunität und wird von unzähligen Gästen aufgrund seiner bescheidenen und gutmütigen Art geschätzt. Der bald 80-Jährige hat ein bewegtes Leben hinter sich: Nach dem Besuch der Ingenieurschule trat er bald in den Jesuitenorden ein. 25 Jahre verbrachte er in Feldkirch am Kolleg. In West-Berlin arbeitete er als Arbeiterpriester und Hilfsarbeiter in diversen Unternehmen, u.a. in der Elektrofirma Elektrolux im Kühlschrankbau. Ein früher Unfall zwingt ihn, viel Rad zu fahren. Seine Rad-Führungen entlang des Berliner Mauerstreifens sind unter Kollegen berühmt. „Franz zeigte mir die interessantesten Winkel, die ich allein niemals so hätte sehen können und erzählte mir von Geschichten, wie sie in keinem Geschichtsbuch stehen“, erzählt der in Fribourg ansässige Jesuit, der Franz Keller in Berlin einst besuchte.

Eine andere Ordensfrau schrieb über den Schweizer: „Ich konnte ein wenig von dem Erfahrungsschatz und der Tiefe hinter seiner schlichten, fast unscheinbaren Art entdecken. Er half mir – wohl ohne es zu merken – meine Träume und Ideen nüchterner und geistlicher anzusehen, ohne Visionen zu verlieren.“

Dienstag um 18 Uhr ist jeweils Kommunitätsabend. Gemeinsam mit den anderen Bewohnern des Hauses sitzt Franz Keller zu einer Abendmahlfeier am Tisch. Danach ist jeder eingeladen, zu erzählen, was er an Wichtigem erlebt hat. Jedem wird geduldig zugehört. Nicht nur für Franz ist die Jesuiten-Kommunität zu einem fast „heiligen Ort“ geworden. Er hat auf engem Raum so viel Not, Ärger – und sehr oft aber auch viel Freude geteilt. Christian Herwartz sieht das genau so: „Das ist eine reiche Geschichte, mit der ich leben möchte. Meine Mitbewohner – aber auch viele, die auf


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Besuch da waren – haben mir Hunger nach Veränderung geschenkt.“

Berlin Januar 2004,
veröffentlicht in der Zeitschrift Aufbruch/Schweiz

 

FRITZ REINECKE
*13. 11. 1922 +20. 8.1992

Fritz, ein obdachloses Gemeindemitglied von St. Michael, stieß in der Sorauerstraße zu uns. Trotz seines harten Schicksals Krieg, Gefangenschaft, Fremdenlegion hat er seinen Humor nicht verloren. Er wohnte in der Naunynstraße 3 Treppen mit Otto Klever und Otto Schilling in einem halben Zimmer zusammen – ohne Bad und die Toilette war zwei Stock tiefer im Treppenhaus. Es floss viel Alkohol. Dann hatten die Drei ein großes Eckzimmer in der Umsetzwohnung Adalbertstraße 18. Als wir in die Naunynstraße zurückzogen, bekam Fritz durch die fürsorgliche Hilfe von Monika Urbaczyk einen Platz im Altersheim. Dieses neue Zuhause, die Kontakte zu MitbewohnerInnen und die regelmäßige Versorgung hat er genossen und noch eine schöne Zeit verlebt.

Unser Fritz ist am Mittwoch den 20. August 92 plötzlich ganz friedlich im Danziger Hof Berlin- Wilmersdorf gestorben. Fritz Reinecke hat das Ziel erreicht und wir freuen uns, dass wir diesen lieben Menschen gekannt haben. Er wurde in Kreuzberg Naunynstraße 66 am 13. November 1922 geboren. Von hier schicken wir Euch diesen Gruß. Die Beerdigung wird noch etwas auf sich warten lassen.
Grüße
gez. Elli Kilian geb. Reinecke und Wohngemeinschaft Naunynstraße

 

Gabi Priesnitz
Die schönsten Tage in meinem ganzen Leben

Ich komme aus einer gut bürgerlichen Familie und lebe bis heute im Bezirk Steglitz. Ca. 1983, als Christian und Godehard die Pfarrei St. Michael in Kreuzberg übernahmen und die Gemeinschaft des Neukatechumenats dadurch die Möglichkeit bekam, sich dort zu treffen, kam ich mit einer ganz andren sozialen Wirklichkeit in Berührung.

Dies wurde vor allem möglich durch eine Glaubensverkündigung für Erwachsene in St. Michael, die von einigen Laien des Neukatechumenats und Christian als Priester gehalten wurde. So lernte ich z.B. Otto und Fritz kennen, die in der Kommunität mit Christian lebten und schwer alkoholkrank waren. Zum Abschluss der Glaubensverkündigung kamen alle, die zugehört hatten, zu einem gemeinsamen Wochenende auf der Insel Schwanenwerder mit uns zusammen. Wir waren ein sehr bunter Haufen, das betraf die Sprache und die Lebensweise der Teilnehmer. Ich war von zwei Tatsachen sehr überrascht, die ich mit Fritz erlebte: Dass er die ganze Zeit (Freitag bis Sonntag abends) keinen Alkohol angerührt hatte und er sich vollkommen von der Gruppe angenommen fühlte. Zum Abschluss sagte er mir, dass


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diese Tage die schönsten in seinem ganzen Leben waren. Einmal war Fritz zum Essen bei uns zu Hause und er sprach von seinem ganzen Leben. Mich hat beeindrukkt, wie er trotz aller Schwierigkeiten seinen Lebensmut nicht verloren hatte, was für mich eine Bestätigung war, dass es letztlich trotz aller verschiedenen äußeren Umstände keinen Unterschied in der menschlichen Würde gibt.

Seit fast 15 Jahren ist meine neukatechumenale Gemeinschaft nun in der Pfarrei Bruder Klaus, Britz. Die Erfahrungen während der Zeit in St. Michael waren sehr wichtig für mein weiteres Leben und eine Hilfe, um die Lebenssituationen anzunehmen, die nicht meinen Vorstellungen entsprachen.

Berlin 29. Juni 2003

 

HANNS HEIM

Christian Wagner
Kriminalisierung der Kurden

Jesuiten in Kreuzberg: Was für eine Mischung! Berlin, seit meinem ersten Besuch 1985 Stadt meiner Träume, wildes revolutionäres Leben, radikale Linke, Schwule, linke Schwule… und mittendrin in Kreuzberg Ordensbrüder?! Anfang der 90er werde ich wieder Christ. Auf der Suche nach einer Befreiungstheologie für Europa, zu der wir unseren Beitrag leisten wollten mit „Wider den Tod! Zeitung für Befreiung und Spiritualität“, darin selbstverständlich unser Kampf für die Freilassung der politischen Gefangenen auch in Deutschland. Wir hören von der „Gefangenen-Ini“, nehmen Kontakt auf, ein erster Besuch bei Christian in der Naunynstraße.

Ich suche nach meiner Lebensform. Orden? Wo ist da Platz für mein Schwulsein, wo für den Kampf gegen Herrschaft? Christians Lebensform beeindruckt mich. Mir scheint, das ist nichts für mich. So konsequent. Macht mir Angst. Woraus lebe ich? Aus meinen CDs? Ca. 1994 laden wir Hans von den Berliner Jesuiten nach Mainz ein, als Redner auf einer Kundgebung gegen die Kriminalisierung der kurdischen Bewegung in Deutschland. Die Zeit des Verbots von PKK-Symbolen. Hans beendet seine Rede, hat gerade noch über dieses Verbot gesprochen, lächelt verschmitzt und zieht eines dieser kleinen roten Fähnchen aus der Manteltasche. Wie leicht doch die Macht der Herrschenden lächerlich zu machen ist. Manchmal.

In den folgenden Jahren immer wieder Besuche bei Christian in der Naunynstraße. Einmal erzählt er von einer Einladung alle paar Wochen: die unterschiedlichsten Menschen kommen zusammen, essen und lernen sich kennen… die Mischung machts, ich bin begeistert. War leider nie dabei. Vielleicht mal demnächst?

Als ich 2002 meine Arbeit bei attac wegen antisemitischer Tendenzen dort beende und in die Israel-Solidarität wechsle, schreibe ich auch Christian von diesem Schritt. Seine Antwort ist bedacht und eine der wenigen, die meinen Schritt respektieren. 2000 beginne ich eine Weiterbildung, Gestalt- und Körpertherapie, ein neues Kapitel in meiner Suche nach Befreiung, andere Formen ergänzen die bekannten. Neue


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Wege, dasselbe Ziel: Keine Herrschaft. Und immer wieder die Frage, wie das alles zusammengeht, nicht nur nebeneinander: Politik, Therapie, Spiritualität, Gemeinschaft leben, Alltag, (Zweier?-)Beziehung, Freundschaft, Tradition, Aufbrüche. Die Frage will ich gerne mit dem Christian teilen. Und mit anderen. Denn manche Antworten finden sich nur gemeinsam, im Gespräch und auf der Straße.

2003 gehe ich zurück nach Berlin. Meine Lebensform? Kein Orden. Doch Gemeinschaft. Mit Platz zum Atmen, Feiern, Malen, Tanzen, Singen, Schreien, Lesen, Schreiben, Arbeiten. Bleibe auf der Suche.

Bonn Januar 2003

 

Hanns Heim
Sinnvoll leben!

Es handelt sich hier nicht um ein Recht oder eine Forderung, die man irgendjemand gegenüber machen könnte, sondern es ist eine Forderung an einen selbst:
Lebe sinnvoll! Sie geht davon aus, daß wir freie Menschen sind, immer und unter allen Umständen – trotz aller einengenden Grenzen – und so auch verantwortlich sind für unsere Antwort.

Es mag ja sein, daß wir uns zu Recht nicht jeden Tag fragen, ob unser Leben sinnvoll ist, wohl aber kenne ich es so, daß Depressionen, Herumhängen oder auch hektischer Aktivismus ein Hinweis darauf sind, daß wir der Frage ausweichen bzw. die Antwort nicht haben. Es sind die großen Krisen unseres Lebens, wenn sich die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, so wie wir es führen, stellt. (Ich rede jetzt nicht von der noch fundamentaleren philosophischen Frage, ob das Leben überhaupt einen Sinn hat.)

Es ist klar, daß ich die Suche nach einer Antwort an niemanden delegieren kann: Niemand kann mich lehren, wie mein Leben sinnvoll zu gestalten ist, ich muß es schon selbst herausfinden. Dabei werden rationale Überlegungen eine Rolle spielen, auch wenn es letztlich dann ein Gefühl ist, mein Leben habe Sinn bzw. habe keinen.

Es gibt, wie man beobachten kann, etliche Menschen, die es für sich klar haben, daß für sie eine Leben ohne Arbeit Sinn macht. Dazu rechne ich z.B. die Mitglieder beschaulicher Orden. Sie wollen nicht sich nützlich machen in dem gebräuchlichen Sinn. Sie machen keine produktive Arbeit, auch keine Erziehungsarbeit. Der Sinn ihres Lebens, so sagen sie es, sei das Gebet, ich sage: die Arbeitsverweigerung. Wenn ich recht informiert bin, können z.B. Kartäuser in den Gebetspausen durchaus sich handwerklich betätigen, verkaufen ihre Produkte aber nicht, sondern zerstören sie hinterher wieder. Auch unter Obdachlosen, Punks etc. sind viele Menschen, die sich sehr bewußt jeder produktiven Verwertbarkeit verweigern – und dies offensichtlich als sinnvoll wahrnehmen.

Auch bei fast allen Arbeitergeschwistern gibt es dieses Moment: Sinnvolles Leben ohne Arbeit: Viele von uns haben Theologie oder Ähnliches studiert, wurden zu Priestern geweiht, verweigern aber den Einsatz erworbener Fähigkeiten, nicht selten gegen die starken Erwartungen ihrer Umgebung. Sie alle machen deutlich: Sinnvolles Leben, man kann auch sagen: Leben in Würde, ist nicht identisch mit Arbei-


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ten. Sie schieben einen Riegel vor die tödliche Rede vom lebensunwerten Leben eines Arbeitslosen. Damit wird deutlich, daß es sich nicht um eine völlig irrationale individuelle Laune handelt, wenn jemand sich für ein Leben ohne Arbeit, vielleicht auch gegen die Arbeit als sinnvoll entscheidet, sondern daß es eine gesellschaftliche Funktion hat. So sind die ersten Wüstenväter zu verstehen als Reaktion auf das aufkommende Modechristentum nach der konstantinischen Wende. Ein bettelnder Punk protestiert gegen unsere leistungsbewußte Gesellschaft etc. Es gibt eine ideologische Diktatur der Arbeit, die ich aufs schärfste ablehne. Ein Arbeitsloser muß nicht ein unglücklicher Mensch sein, weil ihm die Erfüllung seines Lebens versagt bliebe und ein Arbeit`geber´ ist nicht ein Wohltäter der Menschheit, nur weil er einige Arbeitsplätze `schafft´, egal mit wieviel Unsinn die gewährte Arbeit da einhergeht.

Es ist richtig, Arbeit kann zusammen mit dem dadurch gegebenen Einkommen dem Menschen Würde geben, Selbstverwirklichung sein, ein Selbstwertgefühl ermöglichen, die Basis sein für soziale Kontakte und was wir sonst noch an Positivem auch in unseren Runden gefunden haben, aber sie kann eben auch genau das Gegenteil:
Sie kann einen Menschen entwürdigen, ihn seiner Selbständigkeit, seines selbständigen Urteils berauben, ihn krank machen, alkoholsüchtig, weil er nur so den ganzen Unsinn noch ertragen kann, das Mobbing, die kollegiale Disziplinierung, den Leistungsdruck von oben usw. Militär, Schule, Fabrik, Kirche und Gefängnis waren und sind die Institutionen, in denen die Menschen zugerichtet werden um in einem Sinne zu funktionieren, der gewiß nicht identisch ist mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Sicher, vieles hat sich gewandelt in den letzten 100 Jahren, speziell auch in den letzten 30 Jahren, weg von autoritären Mustern hin zu mehr Mitverantwortung, demokratischeren Verhältnissen. Vieles verändert sich gerade jetzt, wird flexibler, dezentraler in der Arbeitsorganisation. Doch die ideologische Diktatur der Arbeit ist geblieben, wurde eher verstärkt. Jede Arbeit an sich ist schon als Wohltat anzusehen und als solche anzunehmen. Vor Jahren war es noch üblich, bei der Beurteilung einer evtl. anzunehmenden Arbeit nach der Entlohnung zu fragen, der Entfernung vom Wohnort, den Urlaubstagen, dem Betriebsklima, dem Arbeitsdruck, – all das ist unterdessen zunehmend irrelevant gegenüber dem `Glück´ eines neuen Arbeitsplatzes, ganz zu schweigen vom eigentlichen Inhalt der Arbeit.

Davon haben die Gewerkschaften schon immer abstrahiert. Sie haben für die Arbeitsplätze in den Kohlengruben gekämpft wie für die Arbeit im AKW, der Chemie, egal was da für Sauereien dabei herauskamen, so nach dem Motto „Arbeit her!“ als Inbegriff menschlicher Erfüllung und deshalb auch gewerkschaftlichen Kampfes. Die Kirchen stimmten ein mit einem Hohen Lied über die Würde der Arbeit, des arbeitenden Menschen – und vergaßen dabei, daß die Arbeit seit der Vertreibung aus dem Paradies mit einem Fluch behaftet ist, einem Fluch, der letztlich aus der menschlichen Überheblichkeit entspringt, sein zu wollen wie Gott, d.h. sich über die Mitmenschen zu erheben, sie dem eigenen Nutzen und Willen gemäß zu gebrauchen – und wegzuwerfen.

Wie schön wäre es, wir könnten im Berlin der letzten 10 Jahre sagen: Wir bauen uns


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unsere Stadt neu! So ist es aber nicht. Die Investoren lassen bauen, die Politiker hofieren sie. Wer nicht deren Gusto entspricht, soll gefälligst verschwinden. Schon für Isaias war es Teil seiner Gottesreich-Utopie, ein Haus zu bauen, um anschließend selbst drin zu wohnen. Vielleicht sollte man daraus lernen, daß es nicht so leicht ist, aus den Strukturen entfremdeter Arbeit auszubrechen, man sollte aber auch einsehen können, daß es nicht das höchste Glück ist, für andere Leute Häuser zu bauen – und selbst mit einem mehr oder weniger mageren Lohn nach Hause zu gehen.

Es macht meiner Meinung nach trotzdem keinen Sinn, eine Parole ‚Kampf der Arbeit‘ auszugeben und sie von `Tätigkeit´ oder was auch immer zu unterscheiden. Es ist unserem Sprachgebrauch und das heißt dem Empfinden der Menschen nach eben auch Arbeit, wenn ich in meinem Garten Gemüse anbaue, die Wohnung meines Freundes renovieren helfe etc. Die Grenze zu Lebensbereichen, die wir nicht mehr als Arbeit bezeichnen, auch nicht als Arbeitsverweigerung, sind wohl fließend.

Ein Buch zu lesen, ist Muße, ein Buch durchzuarbeiten um daraus einen Vortrag zu machen, ist schon eher Arbeit. Manche sagen, sie hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht (von dem sie finanziell leben). Was das Hobby dann doch von der Berufsarbeit unterscheidet, ist wohl das Maß an (Selbst-) Disziplinierung, vom Anderen her gesehen an Verläßlichkeit. Jemand mag für sein Leben gern Arzt sein, er wird aber auch seine Sprechstunden einhalten müssen, wenn er keine Lust hat oder ihm die Patienten auf die Nerven gehen.

Viele von uns haben sich einmal bewußt von der (durch das Studium vorgesehenen) geistigen Arbeit abgewandt und eine manuelle Arbeit angefangen. Es war ein Schritt weg von einer freieren, gesellschaftlich angeseheneren Arbeit zu mehr Stumpfsinn, Fremdbestimmung etc. Wir haben uns dabei leiten lassen von der christlichen Hoffnung, daß wir durch das solidarisach erlittene Ungemach hindurch den Weg finden werden zu einer gemeinsamen besseren Zukunft, durch das Kreuz zur Auferstehung. Manches an Stumpfsinn haben wir vielleicht stärker erlitten als unsere Kollegen und Kolleginnen, für die das ihr selbstverständlicher Lebensweg war, mit dem sie seit Generationen umzugehen gelernt hatten.

Nicht selten trieb es uns zum Aufruhr. Nicht selten waren wir in Gefahr, als Wortführer allzu schnell wieder aus den Niederungen hochkatapultiert zu werden. Aber auch andersherum: Hat nicht unser christliches Pflichtbewußtsein, Kreuzesnachfolge etc. uns manchmal verleitet, angepaßter, ergebener, pflichtbewußter zu arbeiten, als es unserer kollektiven Bestimmung zur Freiheit, zur Würde, dem Sinn unseres Lebens gut getan hat? Wir konnten eben mit einer christlichen Motivation noch einen Sinn sehen, wo die Sinnlosigkeit schon längst unsere Revolte hätte produzieren sollen.

Nun ja, im Laufe der Jahre haben wir gelernt, daß eben Jeder und Jede für sich die Antwort suchen muß und unsere Antworten legitimerweise verschieden ausfallen…

Wenn ich Taxi fahre, abstrahiere ich davon, warum jemand von A nach B fahren will, Hauptsache, er bezahlt. Der Fahrgast bleibt anonym und ich auch. Anders, wenn ich jemand privat zum Bahnhof fahre, z.B. weil ich einen Tapetenwechsel für ihn gut finde. Dennoch ist das anonyme Taxifahren für mich nicht einfach sinnlos – weil ich dadurch meinen Lebensunterhalt verdiene, weil es das ist, wodrum herum


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sich mein Kollektiv organisiert, und auch weil ich nicht selten auch die Arbeit selbst sinnvoll finde, z.B. gehbehinderten Menschen zu mehr Mobilität zu verhelfen, Betrunkene vor einem Unfall bzw. Führerscheinentzug zu bewahren etc. Es bleibt uns die selbstkritische Frage, ob wir für unsere Brötchen tatsächlich so viel Diesel in die Luft pusten sollen.

Allgemein läßt sich sagen, je globaler die Arbeitszusammenhänge sind, an denen ich beteiligt bin, umso abstrakter ist die Arbeit. Ich kann es nicht mehr überschauen, und beeinflussen, was meine Arbeit bedeutet. Bin ich gerade an einem Rauschgiftschmuggel beteiligt oder an einer Konferenz zur Rettung der Menschheit aus einer Umweltkatastrophe? Ich weiß es als Taxifahrer meistens nicht.

Selbstbestimmte Arbeit: Ich finde diese Blickrichtung etwas zu individualistisch. Es geht viel mehr um sinnvolle Arbeit. Diese bestimmt sich aber nicht allein aus meinem Selbst, sondern aus einer Wechselwirkung zwischen mir und der Gesellschaft, der ich angehöre, die meine Arbeit braucht und bezahlt. Nur die allerwenigste Arbeit (wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann) hat allein mit mir zu tun:

Wenn ich meine Wäsche wasche oder Kartoffeln für meinen Eigenbedarf anbaue. Schon wenn die Kartoffeln eine ganze Familie ernähren sollen, entsteht ein gesellschaftlicher Bezug der Arbeit. Normalerweise ist er aber sehr viel komplizierter und es legt sich nahe für mich, den Sinn der Arbeit hauptsächlich an dem Geld zu messen, das sie mir einbringt. Wenn ich 400 Mark am Tag Umsatz mache, habe ich ein Erfolgserlebnis, bei 200 Mark bin ich frustriert – obwohl wir im Kollektiv nach Stundenlohn arbeiten, also mein persönliches Einkommen – zunächst mal – vom Umsatz unabhängig ist.

Es ist schon eine allgemeine Erfahrung: Das selbst verdiente Geld gibt ein Selbstwertgefühl, das Arbeitslose vermissen. Eine andere Quelle des Selbstwertgefühls eines arbeitenden Menschen ist sein fachliches Können, das Bewußtsein, eine Maschine, einen Werkstoff zu beherrschen und deswegen gebraucht und (mehr oder weniger) gut bezahlt zu werden.
Selbst als Taxifahrer haben wir einen Stolz auf unsere mehr oder weniger guten Ortskenntnisse.

Damit sind wir bei der gesellschaftlichen Anerkennung von Arbeit. Sie spiegelt sich zu einem gewissen Teil im Verdienst wider. Manager, Ärzte, Computerspezialisten, Fernsehmoderatorinnen stehen an der Spitze gesellschaftlicher Hochachtung und verdienen auch spitzenmäßig. Intellektuelle Arbeit ist höher angesehen als manuelle. Dies scheint seit den alten Griechen so zu sein. Die sozialistischen Länder versuchten das zu ändern. Willibald Jacob: „Wer in der DDR um 5 Uhr am Bahnsteig stand, war auch wer.“ Entsprechend war der Einkommensunterschied zwischen einem Akademiker und einem Arbeiter viel geringer als im Westen. Warum hat sich das nicht bewährt?

Das gesellschaftliche Ansehen unserer Arbeit verleiht uns ein verstärktes Selbstwertgefühl und läßt uns unsere Arbeit und letztlich unser ganzes Leben eher als sinnvoll erscheinen. Nicht selten aber bricht der Sinn eines glanzvollen Lebens im öffentlichen Rampenlicht ein. Was einem lange Zeit sinnvoll erschien, erscheint sinnlos, die Krise ist da. Die Suche nach einem Sinn beginnt ganz von vorne und führt mitunter zu einer radikalen Umwertung: der Aussteiger ist geboren, die `Bekehrung ´ oder wie immer es erlebt werden mag. Gesellschaftliche Anerkennung


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erweist sich mitunter als trügerische Basis eines vermeintlich sinnvollen Lebens.

Ein Wort zum sogenannten Existenzgeld, garantierten Mindesteinkommen, Bürgergeld etc. Hier laufen offensichtlich ganz verschiedene Absichten zusammen. Eine damit verbundene Hoffnung geht dahin, daß durch das arbeitsunabhängige Einkommen die Arbeit selbst von dem Druck, Geld verdienen zu müssen, befreit wird, d.h. der Einzelne kann sich viel leichter der Tätigkeit zuwenden, die ihm nicht nur Spaß macht, sondern die ihm auch gesellschaftlich sinnvoll und nützlich erscheint, so nach dem Motto: Stell Dir vor, ein Unternehmer sucht Arbeiter, aber niemand geht hin, weil niemand sein Geld braucht und niemandem die Arbeit sinnvoll erscheint, die er getan haben will. Der Gedanke ist bestechend – aber kann er funktionieren?

Es setzt ein hohes Maß an Bewußtsein für ein wie immer geartetes Gemeinwohl voraus, einschließlich der Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. Die ist im Moment sicher nicht vorhanden. Es gibt kein Gemeinwesen, dem sich der Einzelne derart verbunden fühlte – und die Zeiten des Nationalismus, als es offenbar möglich war, Menschen zu motivieren, weil es der Nation bzw. dem Führer diene, wünschen wir uns nicht zurück. Das Mindesteinkommen wird ja letztlich vom Staat garantiert, der entweder Geld druckt, d.h. das Mindesteinkommen eben doch nicht garantiert – oder bei zu erwartendem Absinken der Leistungsbereitschaft der Bevölkerung zu Zwangsmaßnahmen greift, die bestimmt dem vorher vorhandenen Zwang, Geld durch Arbeit verdienen zu müssen, in nichts nachsteht. Außerdem bedeutet der Staat als Garant dieses Einkommens eine Machtkonzentration, der niemand entkommen kann, was im jetzigen System durch Wechsel des Lohnherren in engen Grenzen möglich ist.

Wenn man genauer hinschaut, kann man entdecken, daß auch jetzt schon sehr viel an gesellschaftlich notwendiger Arbeit ohne Bezahlung geschieht – nämlich überall dort, wo Menschen sich mit einer Gruppe von Menschen identifizieren, in der Familie, der Nachbarschaft, Sportvereinen, politischen oder karitativen Gruppen. Die dabei immer wieder zu beobachtende Umwandlung von ehrenamtlicher Arbeit in bezahlte Arbeitsstellen, erscheint mir ambivalent, macht das ganze Problem im Kleinen deutlich.

Eine Bemerkung zu kirchlichen Arbeitsverhältnissen. Vermindertes Kirchensteueraufkommen zwingt die Kirchen zu Sparmaßnahmen, d.h. Streichung von Stellen bezahlter Arbeit. Zumindest im katholischen Bereich macht diese Wirtschaftslogik vor dem Priestertum Halt. Da es sich hierbei ja um eine göttliche Berufung handelt, kann sie ja nicht von der Finanzlage der Diözese abhängen. Priestertum kann nicht ein Job sein, den man für Geld macht und der bei Geldmangel vom Arbeitgeber gekündigt werden kann. Im gegenwärtigen System führt das allerdings dazu, daß das finanzbedingte Entlassungsrisiko einseitig von den nicht-priesterlichen Angestellten einer Diözese getragen wird. Die hohe Motivation, etwas aus göttlicher Berufung heraus zutun, verwandelt sich in ein klerikales Privileg auf Kosten der Nicht-Kleriker.

Theologisch handelt es sich um eine Einengung des Berufungsgedankens auf den Priesterberuf. Wenn man den Gedanken zugrunde legt, daß jede Tätigkeit eines Christen Teil seiner Berufung ist oder sein sollte, gerade wenn sie innerhalb der verfaßten Kirche geschieht (Kindergärtnerin, Organist, Friedhofsverwaltung), dann


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kann man ein Tätigkeitsverbot nicht mehr mit der Finanzlage einer Diözese begründen, sondern höchstens, daß eine Kirche eine bestimmte Tätigkeit von ihrem Inhalt her nicht länger als einen göttlichen Auftrag sehen kann (z.B. Bundeswehrseelsorge).

Das heißt aber, daß die Kirche die real vorhandenen Einnahmen so unter sich aufteilen wird, daß alle (hauptamtlichen) Mitglieder bestmöglich ihren verschiedenen Berufungen nachgehen können – und niemand dabei verhungert, also die Einführung eines (von den Gesamteinnahmen abhängigen) Existenzgeldes im Rahmen dieser Gesinnungsgemeinschaft (oder wie das heißt zur Begründung eines Gewerkschaftsverbotes in der Kirche)

Es fällt mir schwer, ein Fazit zu ziehen. Eines scheint mir deutlich. Wir brauchen eine verschärfte Diskussion um den Sinn der jeweiligen Arbeitsinhalte. Nur wenn die Gewerkschaften z.B. verstärkt darauf eingehen, können sie legitimerweise auch gegebenenfalls einen Stellenabbau oder einen Lohnverzicht mittragen.
Andernfalls sind sie einfach Kollaborateure mit dem Klassenfeind, ums mal traditionell marxistisch zu sagen. Auch unsere christliche Motivation (Jesus bei den Armen, d.h. Lohnabhängigen, manuell Arbeitenden, zu suchen und zu finden) darf diese Diskussion nicht überlagern oder ausblenden, sondern sollte uns befähigen, sie verstärkt zu führen – mit allen Konsequenzen. Die Diskussion wird uns die gesellschaftliche Utopie erkennen lassen, die uns gegenwärtig fehlt und die das Leben in dieser Gesellschaft erträglich, weil sinnvoll macht.

Das Postulat „Sinnvoll leben!“ wird uns auch unweigerlich zu dem Thema „Sinnvoll konsumieren“ führen, schon weil in unserer Marktgesellschaft alle noch so gut gemeinte Produktion vom Verbraucherverhalten abhängt. Wir sehen ja gerade, wie die BSE-Krise durch verändertes Verbraucherverhalten einer naturnäheren Landwirtschaft plötzlich ganz neue Chancen gibt.

Ich konnte auch feststellen, wie meine letzte Arbeitslosigkeit es mir ermöglichte, viel stärker mein Verbraucherverhalten zu verändern. Ich war z.B. nicht mehr auf die schnelle Currywurst und den Kaffee im Plastikbecher angewiesen, sondern konnte mir Gedanken machen, sowohl über gesünderes Essen wie Vermeidung von Einwegmüll.

So, jetzt höre ich einfach auf. Vielleicht regt es ja den Einen oder die Anderen an zum Nachdenken, uns alle zu weiterer Diskussion und zu einer Klärung, was wir, einzeln wie gemeinsam, wollen, d.h. was für uns eben Sinn macht und was nicht.

Berlin Januar 2001

 

Hanns Heim
„Hier baut die Bundesrepublik an unserer Zukunft“

Liebe Freunde!

Da ich – jetzt schon wieder fast eine Woche – im Knast sitze, Erzwingungshaft – ich nenne es Erpressungshaft – will ich versuchen, die Sache Euch etwas darzustellen. Es war vor etwa 20 Jahren, wenn ich mich entsinne in der Nacht, nachdem das Parlament den sog. Nato-Doppelbeschluß billigte, daß ich an die Gefängnismauer des


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damals im Bau befindlichen Frauenknastes Plötzensee hinsprühte: „Hier baut die Bundesrepublik an unserer Zukunft“. Das war eine Art Kriegserklärung: Ein Staat, der sowas tut, und ich – wir, das geht nicht zusammen. Dafür erhielt ich eine mehrwöchige Ersatz-Freiheitsstrafe, die ich bis zum letzten Tag absaß. Dann blieb aber noch die Schadensersatzforderung von 500- DM für die Reinigung der „beschmutzten“ Gefängnismauer. Ich weigerte mich. Der Gerichtsvollzieher kam, fand aber nichts zum Mitnehmen; schließlich die Aufforderung, einen Offenbarungseid zu leisten. Ich weigerte mich, bis sie mich letzten Mittwoch vom Frühstück weg abholten. (Die Forderungen belaufen sich unterdessen auf 1200 DM und werden wohl durch die Haft weiter wachsen.)

Nun, ich werde nicht bezahlen und auch keinen Eid leisten und ich will auch nicht, daß irgendjemand sonst das tut.

Die Aufregung um den Nato-Doppelbeschluß hat sich zwar gelegt unterdessen. Der Kalte Krieg ist zu Ende. – Aber die Waffen sind weitgehend geblieben. Kürzlich habe ich gelesen, daß in der USA eine Mehrheit den Einsatz von Atomwaffen in Afganistan begrüßen würde, d.h. der Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen – oder nur deren Androhung zwecks politischer Erpressung – ist sogar salonfähiger geworden. Wir sind weiter entfernt denn ja von einer allgemeinen Ächtung, wie es – im Prinzip wenigstens – bei den Landminen geglückt ist.

Zwar bin ich kein Pazifist, aber dennoch erweckt auch die gegenwärtige Zurichtung der Bundeswehr für weltweite Interventionen meinen entschiedenen Widerspruch. Ich befürchte, daß diese Einsätze unter welchem Vorwand auch immer hauptsächlich der militärischen Absicherung weltweiter Ausbeutungsstrukturen dienen – Ausbeutung der Rohstoffe wie Ausbeutung billiger menschlicher Arbeitskraft. Nein, auch aus heutiger Sicht kann ich den Spruch, den ich vor 20 Jahren an die Wand sprühte, nicht als bloßen Schaden abtun lassen, den ich wieder gut zu machen hätte! Soweit meine ‚Bekenntnisse‘.

Über Post freue ich mich.

Berlin JVA Lehrter Str. 20. November 2001

 

Hanns Heim
Imaginäre Verteidigungsrede im Stil eines Komikers

All denen, deren Zukunft im Knast schon begonnen hat, seien es 3 Tage oder 5 mal lebenslänglich

Hohes Gericht! Verzeihen Sie, daß ich Sie gleich zu Beginn meiner Verteidigungsrede mit einem Antrag belästigen muß. Ich beantrage, Sie, Hohes Gericht, als Niederes Gericht anreden zu dürfen. Die Begründung: Meinem Alter von nunmehr 62 Jahren entsprechend läßt die Sehkraft meiner Augen nach. Das heißt, jedes Mal, wenn ich von meiner Akte aufblicke und mich Ihnen zuwenden will, muß ich meine Brille wechseln, um Sie mit meinen Blicken überhaupt erreichen zu können. Aber auch dann erscheinen Sie mir nur in weiter Ferne, sche-


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menhaft, anonym gewissermaßen und auch das angestrengte In-die-Höhe-Blicken verursacht bei mir einen geradezu krampfhaften Schmerz der Nackenmuskulatur. Auch mein dreimaliger Versuch, auf schriftlichem Wege mit Ihnen in Kontakt zu treten, was mir ja diese unnatürliche Anstrengung des Aufblickens erspart hätte, zeitigte leider kein Ergebnis. Den Grund kenne ich nicht, obwohl ich darüber nachgedacht habe.

Vielleicht war es so, daß Sie nach kurzer Mittagspause in der Kantine und einem kleinen Plausch mit einer Kollegin den Brief auf Ihrem Schreibtisch vorfanden, Sie öffneten, überflogen das Ganze, sagten vielleicht noch: „Frechheit sowas! Na, den kriegen wir schon klein!“ und nahmen das Schriftstück als Hintergrundinformation meine Person betreffend zu den Akten, bevor Sie zu dem Termin eilten, der schon einige, wenn auch wenige, Minuten fällig war.

Oder vielleicht war es so, daß Ihre Sekretärin, die Ihre Post für Sie vorbereitet, den Brief gleich aussonderte, weil sie befürchtete, von Ihnen eine Beanstandung, vielleicht sogar einen richtig-gehenden Rüffel zu bekommen, weil sie nicht in der Lage wäre, relevante Post von dummem Zeug zu unterscheiden, wie es besonders von Seiten der Inhaftierten immer wieder vorgebracht wird, die sich in ihrer Untätigkeit alles Mögliche und Unmögliche ausdenken und damit auch noch groß herausposaunen als ob sie Professoren der Juristerei wären oder Schüler von Marx oder Kant. Heutzutage ist dem ja, bei unserem liberalen Strafvollzug, nicht mehr der geringste Einhalt geboten.

Oder vielleicht war es so, daß der Beamte, dem ich meinen Brief in die Hand drückte, ihn bei Dienstschluß noch schnell bei der Poststelle abgeben wollte, dann aber feststellte, daß es schon spät war und er den Bus versäumen würde, der nur alle 20 Minuten kommt und sich sagte: „Ach, den kann ich ja bei mir zu Hause um die Ekke einwerfen.“ Als er dann aber dort ausgestiegen war, hatte er darauf vergessen, weil er an die Auseinandersetzung mit seinem Sohn dachte, der unbedingt von der Schule abgehen wollte, während er es als seine Pflicht ansah, ihn wenigstens bis zum Abitur dort zu halten. Eigentlich ist er ja kein Freund von autoritären Methoden, aber in dem Falle wollte er darauf bestestehen. Vielleicht würde er dann Jurist werden, in die gehobene Laufbahn gehen oder was weiß ich, jedenfalls nicht diese Tretmühle mit Nachtschicht alle 4 Wochen und überhaupt dieses ewige Aufschließen, Zuschließen, „Herr X, zum Rechtsanwalt bitte“, „Herr Y, machen Sie sich fertig, in einer Stunde werden Sie entlassen!“. „Guten Morgen!“ beim Aufschließen um 6 Uhr geht ja noch, aber beim Zuschließen abends! Früher sagte man „Gute Nacht!“. Dann aber fand man das etwas albern, wie Sandmännchen und so oder wie Mammi, mit Gute-Nacht-Kuß zum Einschlafen. Irgendwie paßte das nicht. Aber was paßt denn da überhaupt?!

„Tschüss“, wie wir jetzt sagen? Wie man so sagte, wenn man sich nach Feierabend vom Kollegen verabschiedet? Ich gehe und der Andere kann 5 Schritte in seiner Zelle auf- und abgehe, oder auf den Stuhl steigen und durch das doppelte Gitter zum Himmel schmachten oder den Mond anjaulen – ist mir doch egal! Aber auf den Keks geht’s mir trotzdem, das alles; Nein, das soll mein Sohn auf keinen Fall erleben müssen.


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Und über all den Gedanken vergaß er natürlich den Brief in seiner Tasche und als er ihn nach 3 Wochen wiederfand, da war’s ja doch wohl zu spät, ihn einzuwerfen, er zerriß ihn und warf ihn weg.

Ob’s nun so war oder ganz anders, ist ja eigentlich belanglos. Ich erwähne das nur, um Ihnen zu sagen, daß man sich so seine Gedanken macht und das nimmt kein Ende. Doch jetzt habe ich Ihre Geduld schon sehr beansprucht und ich komme zurück zur Begründung meines Antrages.

Auch in umgekehrter Richtung erscheint mir mein Antrag, Hohes Gericht, Ihrer Beachtung würdig zu sein. Ich stelle mir vor, daß das Herabblicken, zu dem Sie, wenn Sie vielleicht auch nur schemenhaft von mir auch nur irgend etwas wahrnehmen wollen, gezwungen sind, nicht weniger anstrengend, ja unnatürlich ist als mein Hinaufblicken zu Ihnen und sehr leicht zu krampfartigen Verspannungen führt. So sind Sie, Hohes Gericht, geradezu eingeklemmt zwischen dem Herrgott in Ihrem Rücke und Gesetzbuch und dem Aktenstoß vor sich, was Ihnen ja auch eine allgemeinere Übersicht sehr erschwert.

Zu aller Erschwernis kommt noch hinzu, daß ich ohne Rechtsbeistand vor Ihnen oder besser unter Ihnen stehe, der es vielleicht vermöchte, mich und mein Anliegen Ihrer Höhe etwas entgegen zu heben. So aber kann ich für Sie ja nur wie ein Sandkorn oder vielleicht ein am Boden liegenden Reißnagel wahrnehmbar sein, der gerade deshalb, weil man ihn so leicht übersieht, auch noch die Gefahr der Verletzung in sich birgt, wenn man versehentlich auf ihn tritt. Allerdings beugt dem ja schon vor, daß Sie sich in die andere Richtung, von mir aus gesehen nach hinten zurükkziehen werden, von wo Sie ja auch gekommen sind, sodaß diese Gefahr für Sie nicht besteht, Gott sei Dank, wohl aber für die Herren Wachmeister, denen Sie mich zur Sicherheit anvertraut haben. Wie dem auch sei.

Was wäre es doch für eine Erleichterung für alle Beteiligten, ich könnte Sie einfach als „Niederes Gericht“ anreden! Sie säßen mir sozusagen auf Augenhöhe gegenüber. Vielleicht würden Sie Ihre Schnupftabakdose herausziehen, ich würde mir an der Daumenwurzel ein kleines Grubchen machen und mir von Ihnen ein kleines Häufchen reinmachen lassen. Ich hätte im Gegenzug meine Thermosflasche mitgebracht und wenn sich ein zweites Gefäß finden ließe, was ja doch machbar sein sollte, würde ich Ihnen einen Schluck heißen Kaffee eingießen. Vielleicht, falls Sie von unangenehmen, mitunter richtig peinigenden Blähungen geplagt wären, würden Sie die eine Backe etwas anheben und sich erleichtern. Auch wenn’s laut wäre, es würde niemand stören und ich würd’s genauso machen. Was wäre das für eine Entspannung! Wir könnten, wie man so sagt, uns menschlich näher kommen. Sie würden es sofort an meinen Augen sehen, wenn ich anfangen sollte zu flunkern und ich würde vielleicht sagen“ „Na, na, nun blähen Sie sich aber ganz schön auf, Herr Richter!“ Und Sie würden lachen, weil Sie an die Fernsehbilder denken würden, mit diesen ulkigen Tierchen, wie sie in der Gegend, wo unsereins den Hals hat, riesige Blasen hervorbringen und Quak-Laute hervorbringen, um ein Weibchen anzulocken, um Kinder zu machen. Vielleicht würden Sie aber auch lachen, weil Sie daran denken müssen, wie Sie das erste Mal mit Talar und eckigem Hut sich vor den Spiegel stellten und schon mal übten: „Das Wort hat der Herr Staatsanwalt“, „Zur Sache, Herr An-


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geklagter, zur Sache!“ „Nehmen Sie das bitte zum Protokoll. Frau Schriftführerin!“ Damals kamen Sie sich noch selbst recht komisch vor, aber das ist ja nun schon lange her.

Ich bin mir sicher, Hohes Gericht, als Niederes Gericht würden sich Ihnen ganz neue Perspektiven auftun. Die Wahrheit würde ohne große Anstrengung nur so herausflutschen wie die Zahnpasta aus der Tube und die Gerechtigkeit – naja, ist doch etwas zu gewaltig, dieses Wort – ich denke, die Leute würden sich arrangieren, ja, arrangieren, die Leute untereinander und die Leute mit dem Staat, oder was davon noch übrig bliebe – aber was will man mehr. Alle wären, denke ich, zufrieden und die Gerechtigkeit, ja, ich glaube die Gerechtigkeit – wäre damit auch zufrieden. Was sollte die Gerechtigkeit auf irgendeinem Standpunkt beharren, so ganz allein, nein, da würde sie sich bestimmt nicht wohl fühlen.

Das also, Hohes Gericht, ist mein Antrag. Ich weiß, daß ich Ihnen mit der Beantwortung Zeit lassen muß, ja, daß ich damit gewissermaßen in eine ganz neue Zeit vorausgreife. Aber irgendwann muß doch durch irgendwen damit angefangen werden. Jetzt aber will ich Ihnen meine Sache oder besser meine Sicht unserer strittigen Sache darlegen.

Ich muß ein klein wenig ausholen. Wie Sie wissen, gibt es bei uns Kennzeichnungspflichten verschiedenster Art. Jedes Auto muß ein Kennzeichen haben. Industrieerzeugnisse, die wir kaufen, haben irgendwo so ein Made in wer-weiß-wo. Auf Fläschchen oder Packungen mit gefährlichem Inhalt steht: Vorsicht Gift! Oder: Vor Sonneneinstrahlung schützen, Explosionsgefahr! An Baustellen steht meistens ein Schild und wird wohl auch an dem Ort meiner damaligen Tätigkeit gestanden haben:

Bauherr: Senatsverwaltung der Justiz. Projekt: Neubau einer Justizvollzugsanstalt für Frauen u.s.w. Vermutlich nichts wird allerdings zu lesen gewesen sein über die Vorgeschichte, daß nämlich einige Jahre zuvor aus dem bereits bestehenden Gefängnis 3 – oder waren es 4? – Frauen mit Hilfe von zusammen geknoteten Bettüchern entwichen waren und daraufhin der Ruf nach mehr Sicherheit der Gefängnisse laut wurde, zumal man davon ausgehen mußte, daß diese Frauen als überführte und nun entwichene Terroristinnen in der gesamten Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiten würden. Wer konnte schon ahnen, daß sie sich an der Schwarzmeerküste ihrerseits von den Schrecken des Gefängnisses erholten. So wenig wie sie ahnen konnten, daß ausgerechnet einer der für sie im Gefängnis zuständigen Beamten, der sich ebenfalls dort erholten wollte, sie erkannte und trotz seiner Erholungsbedürftigkeit ihre erneute Inhaftierung veranlaßte. Jedenfalls wurde der oben erwähnte Ruf beantwortet durch einen Beschluß des Senates von Berlin, ein neues sogenanntes Hochsicherheitsgefängnis zu bauen.

Doch zurück zur Kennzeichnung. Natürlich ist so eine ausdrückliche Kennzeichnung nicht immer nötig. Auf eine Orange muß man nicht extra schreiben: Orange. Das sieht man. Wenn man in bestimmten Stadtvierteln große Häuser mit Erkern und Säulchen umgeben von einem parkähnlichen Garten sieht, dann muß man nicht hinschreiben: Hier wohnen vornehme und reiche Leute, das sieht man (obwohl man sich manchmal täuschen kann und die Leute sind z. B. Reiche, aber nicht so vor-


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nehm, oder Vornehme, haben aber riesige Schulden u.s.w..) So hat natürlich auch eine Gefängnismauer, noch dazu wenn sie gerade neu gebaut wird, ihre eigenen Aussagen. Sie sagt zum Beispiel: Aus diesem Gefängnis kann niemand mehr mit Hilfe von ein paar Bettüchern entweichen, das ist ein zuverlässiger, gewissermaßen antiterroristischer Schutzwall. Den Gefangenen sagt sie z. B.: Mach Dir keine Hoffnung, daß Du hier rauskommst, bevor Du deine Taten bereut und gebüßt hast. Oder sie sagt den Menschen, die zufällig daran vorbei gehen: Paß bloß auf, daß Du nicht auch dahinter verschwindest und so Dein ganzes Leben versaust. Während also die Gefängnismauer von sich aus und ohne weitere Worte uns warnt und ermahnt, jederzeit als gesetzestreue Bürger und Bürgerinnen uns zu verhalten, habe ich es damals, also vor ungefähr 20 Jahren, für nötig gehalten, eine Mahnung und Warnung an die Erbauer und zukünftigen Betreiber dieses Gefängnisses zu richten:

Wenn Ihr Euch weiterhin so verhaltet, werdet Ihr bald gezwungen sein, noch viel mehr Menschen hinter diese Mauern zu bringen als Euch lieb sein kann, weil Ihr uns außerstande setzt, Eure Gesetze zu achten. Ihr habt zwar die Macht uns hinter Gitter zu bringen, obwohl es umgekehrt viel richtiger wäre. Wer nämlich atomare Massenvernichtungsmittel erzeugt oder wie im Falle der BRD in seinem Lande aufstellt, der handelt kriminell. Aber Ihr habt nicht die Macht, daß wir uns Eurem Willen beugen. Auch Eure Gefängnismauer kann uns da nicht abschrecken.

Also habe ich hingeschrieben: „Hier baut die BRD an unserer Zukunft“. Ich habe mich bemüht, so deutlich und leserlich wie nur irgend möglich zu schreiben, obwohl eine schlechte Handschrift schon immer mein Problem war. Natürlich wäre es noch viel wirksamer gewesen in Leuchtschrift oder mit wechselnden, vielleicht von links nach rechts wandernden Inschriften, wie das heutige Reklametafeln können, aber da waren meine Mittel zu begrenzt, zumal mir ja auch nicht allzuviel Zeit blieb bis zum Eintreffen des Wachmannes. Er konnte ja nicht ahnen, daß ich der eigentliche Wachmann war, der versuchte, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Natürlich kann ich nichts darüber sagen, was die Leute, die ich mit meinem Spruch ansprechen wollte, dachten. Was sie jedoch taten, war, daß sie meinen Spruch entfernen ließen und an mich eine Schadensersatzforderung von 500 DM richteten, deren Begleichung ich verweigerte, dadurch neue Kosten und Forderungen verursachte, deren Begleichung ich dann wiederum verweigerte u.s.w., u.s.w.

Um dies klarzustellen: Ich weiß zu schätzen, daß mir keine Prügelstrafe droht und – das halte ich für so gut wie erwiesen – kein heimliches Mordkommando nachstellt, ja, daß mir, bei allen Forderungen, die gegen mich erhoben werden mögen, sogar ein auf das Nötigste beschränktes Einkommen gestattet und nicht angetastet wird. Ganz sicher hätte ich unter dem strengen Regime der Nationalsozialisten so etwas nicht gemacht und mir war während meiner Beschriftungstätigkeit sehr wohl bewußt, daß nur wenige hundert Meter entfernt vor nur wenigen Jahren hunderte, ja tausende von Menschen hingerichtet worden waren, oft für noch geringere Tätigkeiten als ich sie ausführte, ja schon für ein paar flüchtig hingesagte Worte.

Doch zurück zur Sache – wie sagen Sie? – dem Streitwert. Die Justizverwaltung hat bis zu meinem jetzigen Haftantritt eine Forderung von 1.200 DM errechnet. Ich meinerseits gehe von folgendem Wert meiner Sache aus: Zum unmittelbaren Anbringen


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der Inschrift waren nötig: eine Dose Sprühlack (schwarz), zwei BVG-Einzelfahrscheine von Kreuzberg nach Moabit und von Charlottenburg nach Kreuzberg und etwa drei Stunden Zeit. In einem Schreiben, auf das ich, wie schon erwähnt, aus mir unbekannten Gründen keine Antwort erhielt, habe ich, soweit ich mich erinnere, insgesamt 70 DM errechnet. Dazu, so scheint mir unterdessen, muß ich noch dazurechnen die Arbeitszeit des Wachmannes, der mich festhielt, obwohl ich ihm keinerlei Arger bereitete und nicht weglief, was die Kosten sicherlich senkte (ich erwähne dies, weil ich weiß, wie sehr der Berliner Senat zum Sparen gezwungen ist), der nächtliche Transport von Plötzensee zur Polizeiwache am Kaiserdamm, die, ich muß es leider sagen, etwas rüde Aufnahme durch den Polizeibeamten dort, und schließlich das nächtliche Verhör durch einen von mir nicht näher bestimmbaren Beamten in Zivil, der, so war es jedenfalls mein Eindruck, extra dafür aus seinem bestimmt wohlverdienten Schlaf gerissen wurde. (Wer auch nur einigermaßen regelmäßig Kriminalstücke im Fernsehen sieht, wie ich es tue, Hohes Gericht, der weiß, wie sehr diese Beamten ihren Schlaf verdient haben!) Dazu kommen noch die 3 Wochen Haft, die ich als Ersatzfreiheitsstrafe absaß und jetzt wiederum schon 4 Wochen Erzwingungshaft, die sich bis zu einem halben Jahr, also sagen wir 180 Tage, ausdehnen kann. Wenn man einen Tag Inhaftierung mit 200 DM berechnet, wie es wohl von Ihrer Seite geschieht, ergibt sich eine Summe von – nach Ihrer Rechnung: 1.200 DM plus 4.100, plus 36.000, also insgesamt 41.300 DM. Zu dem Betrag kommen noch die von mir errechneten 70 DM plus die oben erwähnten weiteren Maßnahmen, die Sie ja gar nicht mit gerechnet haben. Das ergibt dann einen Streitwert, wenn wir uns auf diese Terminologie einigen wollten, von gut und gerne 50.000 DM.

Dieses ist aber nach meiner bescheidenen Sichtweise, die – ich weiß – für Sie, Hohes Gericht, aus Ihrer Warte schwer nachvollziehbar ist (deshalb ja auch mein Antrag auf ein Niederes Gericht) – darauf kommt es mir aber, das ist ja die ganz vertrackte Schwierigkeit, nun gerade an, der WERT MEINES WIDERSTANDES!

Ich sage dies, bei aller Bescheidenheit, doch mit einem gewissen Stolz. Wer kann schon sagen, daß er mit einer einfachen Handlung im Wert von etwa 70 DM im Laufe von 20 Jahren einen Widerstandswert von sage und schreibe 50.000 DM oder 25.000 Euro erreicht. Doch damit nicht genug. Gehen wir davon aus, daß Sie mich in 3 Jahren wieder für ein halbes Jahr in Erzwingungshaft nehmen und so fort, dann habe ich bis zu einem Lebensalter von 72 1/2 Jahren einen Widerstand im Wert von 50.000 plus 3 x 36.000, macht 158.000 DM oder 79.000 Euro erzielt. Dies erfüllt mich doch, bei aller Bescheidenheit, mit einem gewissen Stolz. Ich spüre, Hohes, Gericht, wie eine gewisse Unruhe Sie erfaßt. Gewiß habe ich Ihre Geduld arg strapaziert. Ich lege Ihnen deshalb meine erklärenden Ausführungen zum Thema Widerstand schriftlich vor, zumal ich da fast etwas aus der Rolle falle mit einem eher trocken-professoralen Stil und bin damit am Ziel meiner Ausführungen angelangt.

Ich danke Ihnen.

Berlin Dezember 2001

 


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HANS-PETER BREITBACH-BIED
* 26.11.1963 + 03.04.1996

„Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben.“ (E. Toller) – so ist die Todesanzeige von Hans-Peter überschrieben. Ich habe ihn beim Trampen kennen gelernt, als er mich von Taizé in Frankreich nach Mainz mitgenommen hat. Immer wieder kam er nach Berlin und hat bei uns gewohnt. Er zog mit Helmut Haybach und anderen Freunden in eine Offenbacher WG, lernte nach seinem Studium Kraftfahrzeugschlosser und Irene kennen, die denselben Beruf erlernte. Dann kamen sie beide nach Berlin und ich fuhr später zu ihrer Hochzeit nach Kulmbach, wo Irene als Krankengymnastin arbeitete. Manuel wurde geboren. Die Familie zog nach Tübingen. Manuel war fünf Jahre, als sein Vater starb. Als er neun Jahre alt wurde, wollte er getauft werden. Da kamen er und Irene nach Berlin und ich fuhr zu seiner Taufe Ostern 2000 nach Offenbach, wohin sie zurückgezogen waren. So sind wir durch die Ereignisse des Lebens eng zusammengewachsen.

Christian Herwartz

 

Hans-Peter Breitbach
Mein Testament

Vielleicht bin ich etwas spinnert, mit 22 ein Testament zu schreiben. Nachdem aber einige meiner Bekannten schon abtreten mußten, bin ich auch auf einen unvorhergesehenen Tod gefaßt.

Sag nicht: „Der arme Kerl. Er hatte ja das Leben noch vor sich.“ Ich versuche, mein Leben so zu führen, daß ich zu jedem Augenblick meine Pflichten genau erfüllt habe und niemals hinter der Zeit herrenne. Ich werde dann abtreten wie einer, „der nicht gerne, aber der zufrieden geht.“ Ich glaube an eine andere Welt nach dem Tod, in der es allermindestens so schön sein wird, wie ich es manchmal hier erleben durfte, wo all das Wirklichkeit wird, wovon ich jetzt nur träumen kann. Ich freue mich darauf.

Bei meinen Sachen wird vieles sein, was für Euch, meine Eltern und meine Christiane, keinen Wert haben wird. Ladet dann alle meine Freunde ein und gebt ihnen davon, jedem das, was gerade er am besten gebrauchen kann.

Vom Geld, das Ihr findet, zahlt zuerst meine evtl. Schulden zurück. Vom Rest gebt einen guten Teil an Helder Camara für seine Operation Hoffnung (über Publik-Forum). Seid nicht kleinlich damit.
Lest im Buch von Peter Paul Kasper „Was uns leben läßt“ S. 78.

Ein paar Blumen aufs Grab hätte ich schon ganz gerne.
Seit ich Mt 26, 6-13 / Mk 14, 3-9 / Joh 12, 1-8 gelesen habe, denke ich etwas anders darüber.

Mainz, 27.3.1976
Am Todestag von Herrn Schelin und acht Tage, nachdem wir Almito begraben haben.


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Irene Bied
„Deine Irene weiß, was Du magst“

Ostern 1981 führte mich Hannes zu Euch nach Berlin. Hannes schwärmte von Euch, der anderen Christlichkeit, von Arbeiterpriestern, die von ihrer Hände Arbeit leben und nicht von klugen Kanzelreden. In einem andern Zusammenhang nanntest Du es auf Augenhöhe mit deinen Nächsten zu kommen, später durfte ich diese gelebte Christlichkeit selbst erfahren. Ich begegnete Dir in der Wohnung in der Oppelnerstraße damals mit Hans und Franz, Michael und anderen. Du schmiertest mir ein Marmeladenbrot am Frühstückstisch, da Du es einfach nicht aushieltest, wielange ich vorm Kaffee saß ohne Nahrung aufzunehmen; Du schenktest mir ein Werkstück von der Drehbank, wir lachten miteinander und für Hannes war es ein Vergnügen, dass Menschen, die er sehr mochte, sich verstanden. In gewisser Weise brachtest Du meinen Liebsten und mich zusammen.

Es folgten viele Besuche in Berlin, mal mit den Freunden aus Offenbach, dann auch alleine und besonders gab es Besuche von Hannes und mir zusammen. 1989 wieder an Ostern kamen wir, um mit Dir zusammen unsere HOCHZEIT vorzubereiten: Ich bat Dich damals, uns zu trauen, doch verwandeltest Du diese Bitte in die Worte, das müsst ihr schon selber tun, ich kann euch gerne dabei helfen. Und so war es denn auch: Wir trauten uns und verbrachten eine wunderschön intensive Zeit miteinander und mit anderen.

Ein wichtiges Thema unserer Ehe war Gastfreundschaft füreinander, aber auch für andere und Freiheit, andere lassen zu können, obwohl es manchmal schmerzt. Mit Deiner Hilfe gelang uns dies auch in konfliktbeladenen und schwierigen Zeiten. So besonders im Jahr 1996 als Hannes, vielen als Hans-Peter bekannt, schwer erkrankte. Hannes erkrankte schwer an einem bösartigen Tumor mit rapider Verschlechterung in unglaublich kurzer Zeit. Hannes war schon zwei Wochen in der Uniklinik und trotz intensiver Chemotherapie wucherte der Tumor in Hannes Körper, jedoch nicht in seinem Geist und seiner Seele. Ich ahnte, dass es schlecht, sehr schlecht um ihn stand und bat engste Freunde zu uns. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich mit Franz telefonierte, wie er es ermöglichte mit Christian in Kontakt zu kommen, obwohl Du wie so oft unterwegs warst.

Du kamst zu uns nach Tübingen auf die Intensivstation und brachtest viel Kraft, Hoffnung und Licht in diese letzten Tage mit Hannes. Wir trafen uns vor der Intensivstation und ich erzählte, erzählte … und weinte auch viel. Zusammen betraten wir dann Hannes Zimmer, das gefüllt war mit Intensivmedizin, Schläuche, Katheder, zentrale Zugänge, Sauerstoffmaske, Absauggerät und im Nebenraum die Beatmungsmaschine. Hannes war kahlköpfig, von der Chemotherapie entstellt.

Es muss für Dich schwer gewesen sein, Hannes, einen Freund so wieder zu sehen, doch Du zeigtest es nicht, vielmehr sprachst Du die freundlichen Worte: „Guten Abend, Hans-Peter, schön dich zu sehen.“ Hannes wendete seinen Blick voll Dankbarkeit zu mir, strahlte und Du fügtest hinzu: „Ja, Deine Irene weiß, was Du magst.“ Wir verbrachten ein Wochenende unter höchster Anspannung zu dritt im Intensivzimmer, unterstützt von ehrlichen und hilfsbereiten Ärzten. Es war eine unglaublich intensive Zeit, schön sinnlich, gefühlsgetragen, gefüllt mit Wärme, Nähe und Menschlichkeit, Freiheit und Würde.

Christian, Du warst damals der Friedens- und Kraftbote. Wir aßen zusammen, tranken und Hannes


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schrieb, er könne jetzt Kartoffeln pflanzen. Hannes starb aufgehoben in Liebe, Glaube und Licht. Er begleitet mich noch lange und für mich folgte eine sehr tiefe und sehr schwierige Zeit, in der Ihr mir sehr zur Seite standet. Es folgte Taufe von Manuel und wieder Besuche in Berlin, Christians Besuch bei uns in Bürgel und immer wieder Kontakt und Offenheit zu und mit anderen.

Beim Durchlesen wird mir klar, wie eng unsere gemeinsame Geschichte, Christian, meinen persönlichen Lebensweg betrifft. Du und Deine nächsten Freunde haben mich immer akzeptiert und in guten als auch schwierigen Zeiten begleitet. Dafür meinen herzliches Dankeschön! Schön Euch zu kennen und noch weiter mit Euch in Kontakt bleiben zu dürfen.

Offenbach 2003

 

HENNING, DER DÄNE

Julia Schneider
Hennig und Lars

Henning wanderte durch ganz Europa. Ein unruhiger Geist mit sehr viel Wissen und vielen Einfällen. Auch bei uns kehrte er einige Tage ein. Julia Schneider: Henning und Lars Henning und Lars mochten sich nicht. Zumindest mochte Henning Lars nicht, aber der mochte ja eh keinen. Zumindest kam es so rüber. Ich jedenfalls lernte beide im Frühjahr 2000 kennen, so um den vierten März herum war es, das weiß ich noch genau, da meine liebe Freundin Gerda an dem Tag Geburtstag hat. ’98-’99 war ich JEV in Leipzig und lernte Christian im Rahmen einer Tagung kennen.

Schon damals war für mich klar, dass ich da mal hin will, nach Kreuzberg in die Naunynstraße. Genau, vor Fasching bin ich damals geflüchtet, weil mir in dem Jahr nicht danach zumute war, und abends im Bett dachte ich mir noch, meine Freunde tanzen jetzt zu dem im Saarland populären Karnelvalsschlager „Kreuzberger Nächte sind lang“ und ich bin wirklich in Kreuzberg, allerdings ging ich früh zu Bett an jenem ersten Abend. Außerdem war mir nach authentisch gelebter GlaubensPRAXIS zumute, die ich in Kreuzberg zu finden hoffte und auch fand.

Im Herbst ’98 habe ich nämlich mit dem Studium der Theologie angefangen und das Resultat war, dass ich dem Glauben noch nie so fern war, außer vielleicht jetzt, im trintäts-verseuchten Hauptstudium…. Trotzdem, die Geschichte mit dem Pappmaché-Theologen auf dem Sprung von seinem Elfenbeinast ins Ungewisse hat mich schwerst beeindruckt und ich werde sie wohl so schnell nicht vergessen. (Gibt es ihn noch? Wenn ja, an dieser Stelle herzliche Grüße und viel Erfolg bei seinem Unterfangen von meiner Seite).

Aber eigentlich will ich ja von Henning und Lars erzählen. Das andere wäre sicher eine eigene Geschichte wert….. Henning und Lars wohnten zu der Zeit, als ich auch da war, in der Naunynstraße. Außerdem noch der Surenübersetzer, ein angenehmer Zeitgenosse, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Mit Henning, dem Dänen, kam ich


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gleich am ersten Abend ins Gespräch, über französische Musik redeten wir und Henning wirkte sehr belesen. Er war so ein Typ Obdachloser, bei dem man sich noch mehr als bei anderen fragt, wie es wohl dazu kam, so ein intelligenter Kerl. Anscheinend war der Gute nicht sonderlich gesprächig und gemeinschaftsfähig und daher fühlte ich mich ein wenig geschmeichelt, dass gerade bei mir das Eis gebrochen zu sein schien. Lars mochte er nicht, weil er immer so laute Musik höre. Das erzählte er mir gleich.

Von Henning sah ich nach jenem ersten Abend nicht mehr viel, da er die ganze restliche Zeit meines ca. viertägigen Aufenthalts in seinem Bett liegen blieb. Zum Abschied wollte er noch meine Trierer Adresse, die ich ihm dann auch gab, man will ja nicht so sein, und er gab mir eine Postkarte auf der ein dänischer Witz stand. Später kam er wirklich. Ich fiel aus allen Wolken, als einmal nachts um eins mein Telefon klingelte und Henning dran war, um mir zu sagen, dass er in Trier sei. Das war mir in dem Moment zu viel, um ehrlich zu sein. Er wollte bei mir wohnen, in meiner kaum 25qm großen Studentenbude. Ich lehnte ab und machte mir daraufhin noch lange einen Kopf über die Frage nach dem richtigen Verhalten in einer solchen Situation. Wieviel Offenheit, wieviel Distanz ist gesund?

Lars hätte vermutlich auch so gehandelt wie ich, denn er fand Henning komisch und unsympathisch, glaube ich mich zu erinnern. Anscheinend war es so ein ungeschriebenes Gesetz, dass man entweder Henning oder Lars mögen durfte, aber auf keinen Fall beide, wie das halt oft so ist bei Leuten, die sich nicht mögen. Da kommt es wohl auf das diplomatische Geschick desjenigen an, der doch beide mag oder zumindest beide ein wenig näher kennen lernen will, es sich aber mit keinem verderben will. Ich war so eine jenige. Ich kannte sie ja beide nicht wirklich und warum sollte ich vorschnell ein Urteil fällen? Mit Lars bin ich dann einen Tag durch Berlin gezogen, da ich als wenig Ortskundige doch noch ein bisschen was sehen wollte.

Die ersten anderthalb Stunden verbrachten wir in Turnschuhgeschäften, da Lars sich neue zulegen wollte. Und wählerisch war er, es mussten genau die sein und keine anderen. Nachdem ich nach einiger Zeit einmal zögerlich anmerkte, dass mir Turnschuhläden schon zu Hause bekannt seien, gab Lars schließlich nach und wir gingen weiter.

In der Gedenkstätte des deutschen Widerstandes, wo nun ich aufblühte, erging es Lars so, wie mir im Schuhladen. Ausgleichende Gerechtigkeit, dachte ich mir und las die vielen Schautafeln in aller Seelenruhe und unbeeindruckt zu Ende hi hi…

Lars hatte gute Tipps auf Lager, z.B., wo es Pizza gab, bei der das Preis-Leistungs- Verhältnis stimmte. Das Verspeisen derselbigen war endlich mal eine Sache, die uns beiden gleich gut gefiel. Wir saßen neben einem Eislaufplatz und es lief das Lied „I will survive“ von Gloria Gaynor. Es war sehr schön in dem Moment.

Lars ist inzwischen tot. Goldener Schuss. Das hat mich tief getroffen, als ich einige Monate nach meinem Berlin-Aufenthalt davon erfahren hatte, denn irgendwie hatte ich geglaubt, er würde es schaffen. Nachdem er mir von seiner schmerzlichen Kindheit und Jugend erzählt hatte, in der anscheinend jede Abscheulichkeit von Drogenkonsum bis hin zu sexuellem Missbrauch eine Rolle spielte, wirkte er jetzt ziemlich fröhlich, gelöst und, so anachronistisch es auch klingen mag, im Glauben verankert. Denn er lebte zeitweise auf einem Bauernhof, der von Mitgliedern der Emmaus- Gemeinschaft unterhalten wurde. Dort lebte Lars nach einem strengen Rhyth-


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mus, à la ora et labora. Eine der Schwestern besang ihn sogar in einem bewegenden Lied, das uns einmal am Frühstückstisch zu Tränen rührte, worin sie sich wünschte, dass er, der Junge vom Bahnhof, das Leben finde. Er hat es schon gefunden, dachte ich mir. Auch damals, als ich mich in seinem kleinen Büchlein verewigte, das er Petrus zeigen wollte, wenn seine Zeit gekommen sei, um ihm zu sagen, dass er all die Leute, die da drin stehen, mit ruhigem Gewissen reinlassen kann.

Trier 3. Februar 2003

 

LARS WEBER
* 12. 11. 1969 + 28. 04. 2000

Lars wurde schon mit 10 Jahren von seinem Vater zum Drogenkurier ausgebildet. „Drogen lagen bei uns herum, wie bei anderen Zuckerdosen,“ sagte er öfters. Über die Emmausgemeinschaft fand er mit über 30 Jahren aus dieser Welt heraus und verbrachte eine längere Zeit auf dem Josefshof, den Kamillo leitet. Dieser hat nach seinem Theologiestudium 18 Monate in der WG-Naunynstraße gewohnt. Dann lebte er als Obdachloser bis er mit Maria auf Wagenburgen wohnte und dann mit ihr den Josefshof in Neudorf bei Chorin gründete.

Lars wohnte nach seiner Entwöhnungs- und Aufbauzeit dort ein Jahr in unserer Wohngemeinschaft und versuchte sein Glück als Statist beim Film. Eine ruhende Gelbsucht brach wieder aus. Er wurde unruhig und baute Rückfälle in die Droge. Auch eine Rückkehr auf den Josefshof half nicht mehr. Lars hatte immer Einfälle, aber nun kannte er sich nicht mehr mit sich aus. Eines Tages wurde er von Angelika oben im Treppenhaus tot gefunden. Die Spritze lag neben ihm. Mit seinen Wohnungsschlüssel brach dann die Polizei in unsere Wohnung ein und durchstöberte sie. Als ich aus der Dusche kam, stellte ich sie zur Rede. Sie hatten kein Unrechtsbewusstsein. Im Gespräch mit ihnen hörte ich von Lars. So erfuhr ich glücklicherweise von seinem Tod und konnte noch an seine Leiche treten, während sich die Polizisten neben mir über unsere Wohnung ziemlich abfällig unterhielten. Dann rief ich die Mutter an und wir gingen den Weg zur Beerdigung gemeinsam.

Christian Herwartz

 

Teresa Jens-Wenstrup
Meine Geschichte mit der Jesuitenkommunität

Da ich ohnehin nicht umfassend sagen kann, was mir diese kleine Wohnung in der Naunynstraße bedeutet, will ich einfach ein paar Geschichten erzählen, die vielleicht exemplarisch stehen können. Zuerst will ich von meinem ersten Ankommen dort am 29. Juli 1998 erzählen. Mit einer großen Sehnsucht, deren Ziel ich selbst nicht recht fassen konnte, war ich auf der Suche, wohin der Weg meines Lebens weiter gehen könnte. In dieser Unruhe war ich zum Mitleben in dieser Kommunität eingeladen worden, ohne sie in irgendeiner Weise zu kennen. In der großen Hoffnung, irgendwie einen Schritt weiter zu kommen, hatte ich kurzfristig meine ganze Ferienplanung umgeworfen und würde


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nun fünf Wochen dort bleiben. – An das Ankommen erinnere ich mich noch genau:

Mit einem viel zu großen Koffer in der Hand und ziemlich viel Aufregung im Herzen klingelte ich und Franz nahm mich in Empfang. Er hatte extra für mich Pellkartoffeln gekocht. Wir saßen in der Küche und redeten lange – schon an diesem ersten Abend und in den nächsten zwei Wochen immer wieder. Außer ihm und mir waren zu der Zeit nur zwei da, Christian war unterwegs. Jetzt im Nachhinein sehe ich erst richtig, ein wie großes Geschenk dieses Leben- und Glauben-Teilen mit Franz für mich war; ich durfte ein wenig von dem Erfahrungsschatz und der Tiefe hinter seiner schlichten, fast unscheinbaren Art entdecken. Er half mir – wohl ohne es zu merken – meine Träume und Ideen nüchterner und geistlicher anzusehen, ohne die Visionen zu verlieren.

Eine Erinnerung, die sich mir tief eingeprägt hat, ist die an Lars – einen jungen Mann, der es geschafft hatte, nach einer langen Drogenkarriere auszusteigen („die Firma zu wechseln“, wie er es nannte) und nun aus einem tiefen, im besten Sinne kindlichen Glauben lebte. 10. August 1999. Es war Kommunitätsabend. Zu acht saßen wir um den Wohnzimmertisch; jede(r) erzählte, was ihm/ihr wichtig war in der vergangenen Woche. Dann deckten wir den Tisch für die Eucharistie. Lars nahm das kleine Holzkreuz, das er immer um den Hals trug, und legte es um Kelch und Hostienschale; das kam mir als Zeichen dafür entgegen, wie sehr das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, wie es in dieser Wohnung lebendig ist, in diesen heiligen Zeichen gegenwärtig ist. Einer Frau ging es an diesem Abend nicht gut, sie konnte die Gemeinschaft nicht mehr aushalten und ging zu Beginn der Messe. Als wir uns vor der Kommunion den Frieden wünschten, stand Lars auf, verließ ebenfalls den Raum und kam nicht zurück. Als ich später ins Schlafzimmer kam, saß dort die Frau weinend auf ihrem Bett und daneben saß Lars und versuchte sie zu trösten. Mich rührte dieses Bild so sehr an: Da hatte dieser junge Mann nicht anders können als auf die Suche zu gehen und den von Gott geschenkten Frieden auch in die Verzweiflung der Frau zu bringen. Diese Art von Kommunion war in dem Moment wichtiger als die der Messe.

Als drittes Mosaiksteinchen schreibe ich einen Abschnitt aus meinem Gebetstagebuch vom 29. Juli 2002 ab. Inzwischen ist mir die Wohnung in der Naunynstraße zum regelmäßigen Auftank-Ort und einer Art zweitem Zuhause geworden. „… Aber der wichtigste Ort ist dieses Mal eindeutig die Wohnung hier in der Naunynstraße selbst, die Begegnungen und Gespräche mit den zehn Leuten, mit denen ich hier zur Zeit lebe, und den immer neuen Gästen. Wie oft habe ich in der letzten Woche den Atem angehalten vor dankbarem Staunen, dass ich hier mit ihnen allen sein darf.

Ich kann das so Bewegende noch gar nicht recht in klare Gedanken fassen. Auf jeden Fall gehört die Einfachheit und Unkompliziertheit dazu, aber wichtiger ist noch etwas anderes. Vielleicht ist es die Gnade an so vielen Lebensgeschichten teilhaben zu dürfen – alle irgendwo gebrochen und doch voll eigener Würde, die ich hier als bedingungslos gelebten Wert erlebe. Und das verbunden mit einer großen Offenheit und einem Interesse aneinander. Mich selbst erlebe ich mitten darin als dankbar Gebende und als dankbar Empfangende. Und du, Gott, bist in all dem so selbstverständlich und oft spürbar, manchmal auch ausgesprochen gegenwärtig.“ In der Sprache von Ex 3 ist die Kreuzberger Kommunität für mich ein „heiliger Ort“


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geworden, an dem Gottesbegegnung und menschliche Begegnung sich nicht mehr trennen lassen und an dem ich das große Geschenk bekommen habe mit dem Herzen zu verstehen, was es heißt, Schwester zu sein, Brüder und Schwestern zu haben.

Vechta 2003 eine Schwester Unseren lieben Frau SND

 

LENA BIELEFELD

Ilse Busse
Der Imperfekte Mensch

Als behinderte Keramikerin arbeite ich in der Stiftung Pfennigparade München. Dort stelle ich auf der elektrischen Töpferscheibe Gebrauchskeramik her. Diese wird dann im hauseigenen Laden und in verschiedenen Läden von München verkauft. Die Arbeit an der Töpferscheibe macht mir großen Spaß. Außer drehen tue ich noch Tiere modellieren, die mit Engobe Unterglasurfarbe bemalt werden.

An Christi Himmelfahrt 02 besuchte ich meine Freundin Lena in Berlin. Da sie in ihrer Wohnung nur sehr wenig Platz hatte, wohnten wir zu zweit in einer sehr netten Wohngemeinschaft von Christian (Arbeiterpriester) und Franz (Rentner). Ein junger Mann aus Afghanistan mit Vollbart namens Faruk zeigte mir mein Zimmer. Später konnte ich ihn gar nicht mehr wieder finden. Außerdem lernte ich noch einen jungen Mann kennen, der Bobby hieß und aus Sierra Leone kam. Er erzählte viel von Jesus und dass Maria ein Briefumschlag für Jesus ist. Außer mir war noch eine Familie aus Frankreich da, die ein tolles Spargelessen machten. Mit Lena ging ich in die Ausstellung „Der Imperfekte Mensch“. Dort ging es hauptsächlich darum, wie Menschen mit ihrer Behinderung umgehen.

Am Tag meiner Abreise waren wir noch zu einer Taufe von einem kleinen Mädchen eingeladen worden, deren Eltern auf der Straße gelebt hatten und sie waren drogenabhängig gewesen. Die Taufe war ein großes Fest und es gab ein gutes Essen. Danach musste ich schon wieder Abschied nehmen, weil Punkt 16 Uhr mein Auto von der Mitfahrzentrale wieder nach München fuhr. Doch leider musste ich an der Zentrale lange warten, weil das Auto kaputt ging und erst ein Ersatzauto gefunden werden musste. Dadurch kam ich erst um Mitternacht in München an.

München 2003

 

Lena Bielefeld
Das Licht wurde größer

Ich bin Lena. Ich bin für alles Große viel zu klein: 1.63 m groß. Ich steckte voll mit diesen Mikos (Minderwertigkeitskomplexen), als ich im August 99 nach Berlin kam. Ich war wie eine kleine Katze in die große Stadt geschwemmt. Eine kleine graue Katze zwischen Hölzer eingeklemmt. Irgendwie kam die Katze an Land und ging in eine Kirche. Dort fragte ich, ob mir jemand helfen könnte, einen neuen Lebensstart zu machen. Zuerst sagte keiner etwas und ich dachte schon, dass ich an diese Menschen auch nicht glauben könnte. Aber dann sagte doch einer etwas, dass


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ich mit ihm kommen könnte – und das war Christian. Er nahm dann meinen Rukksack, der ziemlich schwer war, und auf dem Weg erzählte er mir von seiner Wohngemeinschaft. Als wir dort ankamen, zeigte er mir 2 Zimmer, in denen ich wohnen dürfte, wovon ich das kleinere wählte, weil es am gemütlichsten war. Dann stellte er mir einen noch älteren Mann namens Franz vor.

Eigentlich hatte ich gar nicht wirklich mit dem Leben gerechnet. Nachdem ich 6 Jahre mit meiner psychisch belasteten Mutter und schizophrenen Schwester in unserem alten Bauernhof in Norddeutschland gestritten hatte, war ich auch so gut wie reif für die Klapse. Deshalb war alles so verwunderlich für mich: in eine saubere Wohnung zu kommen, ein Dach über dem Kopf zu haben und auch noch ein paar nette Menschen, die mit mir sprachen.

Auf dem Land hatte ich völlig isoliert gelebt und war dann nach Berlin gegangen, weil es alles nicht mehr zu ertragen war. Eigentlich hatte ich auch nur noch die Vorstellung, auf dem Wannsee als Wasserleiche zu enden. Deshalb wunderte ich mich sehr und fragte die Leute immer wieder, ob ich das nicht nur träumte und dann kniffen sie mich, damit ich es spürte. Und so wurde aus der Katze dann doch wieder etwas Menschliches.

Ich war früh von zuhause weggelaufen und mit 14 Jahren in ein antiautoritäres Heim gekommen (1970). Die Menschen dort prägten meine Jugend und mein späteres Leben sehr negativ. Sie versprachen uns Jugendlichen Ausbildungsstätten, Reisen usw., die dann aber nicht in die Tat umgesetzt wurden. Ich empfand das alles als Scheinwelten und entwickelte daraus psychische Störungen, die mein ganzes Leben begleiteten.

In Christian und Franz erlebte ich Menschen, die trotz all meiner Unzulänglichkeiten und Probleme sehr geduldig mit mir umgingen. Meistens kriege ich es fertig, das Badezimmer stundenlang zu blockieren und die Leute sind dann froh, wenn sie mich wieder loswerden. Das war meine häufigste Erfahrung. Mit allen Bemühungen von beiden Seiten haben wir es schon über 3 Jahre miteinander geschafft. Ich habe allerdings nur 2 Monate in der WG Naunynstraße gewohnt und dann sehr schnell eine nette, kleine Wohnung gefunden.

Erwähnen möchte ich auch noch Lars, der ungefähr zur gleichen Zeit nur 3 Tage später mit mir in die WG eingezogen ist. Wir haben Freud und Leid miteinander geteilt. Dass er an einer Überdosis Heroin mit 30 Jahren gestorben ist, hat alle tief erschüttert. Ich finde, dass Christian und Franz Menschen sind, die sich wohl nicht so viel vorgenommen haben wie die Reformer von 1968. Aber sie helfen Menschen vor einer totalen Verzweiflung mit vielen alltäglichen Aufmerksamkeiten, die einem manchmal gar nicht bewusst werden. Allerdings muss auch ein Bemühen von beiden Seiten sein, wenn etwas werden soll aus der Not. Lars hatte immer die Vorstellung, jede Kurve zu kriegen, da er von Gott auserwählt war. An einer ist er dann doch gescheitert.

Mein Leben war dunkel
ein ewiges Stampfen durch den Sumpf


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von Minderwertigkeitskomplexen.
Ab und zu gab’s ein paar Lichter
in dem Sumpf – Irrlichter –
Masken, um das entblößte Selbst
nicht ganz erfrieren zu lassen.
Auch Christian hielt ich für so ein Irrlicht,
das in meinen Sumpf gestrahlt hatte.
Das Licht wurde größer.
Ich dachte, der Schein trügt ein bisschen mehr,
wie andere auch, ich werde ihn vorbeiziehen lassen.
Dann hat mich die graue Wirklichkeit wieder, wie immer,
wenigstens durchschaubar.
Das Licht wurde wärmer.
Ich muss mir das Licht doch mal genauer ansehen.
Tatsächlich, es war –
die Sonne!
Nun ist die Sonne in meinem Leben.
Manchmal kommen ein paar Wolken
und verdunkeln sie,
wie das im richtigen Leben eben ist.
Es gibt auch Regentage, seelische Regentage
und es gibt auch Frosttage, an denen sich der Frust
in die Seele einfrisst.
Aber wie beim Wetter kommt die Sonne
auch immer wieder.
Wenn es auch nicht alles so ist,
wie es scheint, aber manche Sonnenstrahlen sind echt.
Vielleicht kann ich auch mal
eine Sonne sein, damit nicht
die Gleichgültigkeit siegt.
sowieso
Deshalb!

Berlin 10.1.03

 

MICHAEL WALZER
* 28. 5. 1948 + 29. 1. 1986

Ricarda Praetorius
Eine Begegnung auf einem Weg

In den 70iger Jahren engagierte ich mich für die Vorbereitung des Konzils der Jugend von Taizé. Zu zweit oder zu dritt wurden wir von den Brüdern von Taizé auf Reisen geschickt, um in östlichen und westlichen Ländern Gruppen, Gemeinden, einzelne Menschen zu besuchen, eventuelle Treffen zu organisieren und mit ihnen über Fragen des Glaubens, Erfahrungen von Kirche und Gemeinschaft zu reden.


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Auf einer dieser Reisen war ich mit Michael Walzer unterwegs. Wir besuchten in Süddeutschland verschiedene Kirchen und Gemeinden und wurden überall sehr gastfreundlich aufgenommen. Ohne uns vorher zu kennen, (wir waren Studenten) verstanden wir uns bestens auf dieser Reise und ergänzten uns gegenseitig. Es war eine Begegnung auf einem Weg, auf dem jede/r von uns seinen eigenen Weg weiter gehen und suchen sollte.
Viele Jahre später besuchten mich Michael und Christian in Berlin, als sie als Jesuiten und Arbeiterpriester in Kreuzberg eine Wohnung gemietet hatten. Ich war inzwischen als Sozialarbeiterin berufstätig, wir erzählten uns gegenseitig von unseren Aufgaben, Fragen, von unserem Engagement. Dann ging jede/r wieder seinen eigenen Weg weiter, wir trafen uns ab und zu auf Demonstrationen oder Veranstaltungen.
Während der Phase seiner schweren Krankheit begegnete ich Michael einige wenige Male. Worte wurden unwichtiger… wir gingen noch auf dem gemeinsamen Weg, auf dem jede/r seinen eigenen Auftrag hatte, fragend, suchend, überzeugt von etwas, mit dem Blick auf ein Ziel.
Berlin 2003

 

Michael Walzer
Brief aus Toulouse

Die Zeit vergeht zu schnell. Und bevor ich es recht begreife, rückt der neuerliche Abschied näher. Die Wochen sind angefüllt mit zahlreichen Ereignissen, von denen viele für mich neu und noch schwer zu verstehen und einzuordnen sind. Es gäbe einiges zu erzählen von der Arbeit, den Verhältnissen zwischen Vorgesetzten und den Arbeitern; vom Umgang der Arbeiter miteinander, der manchmal sehr hart und gefühllos ist; von kleinen Streitereien und persönlichen Feindschaften unter ihnen, die vieles an Einigkeit und gegenseitiger Achtung zerstören; von den Zeichen der Anerkennung und Freundschaft, die sie mir geben; von den zaghaften Versuchen, sich zu organisieren und die eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen; von dem praktischen Materialismus in ihrem Leben, über den ich noch in keiner Weise zu urteilen wage, weil ich sie noch zu wenig kenne. Wenn man davon ausgeht, was sie erzählen, dann sind die Ereignisse, die zählen in ihrem Leben, das Essen und der Sex; sie stellen die Höhepunkte dar, von denen her sie leben und den Alltag der Arbeit überleben – selbst die Verheirateten; von der Hoffnung, die ich manchmal in ihren Augen entdecke, wenn wir miteinander sprechen, oder einander grüßen.
Langsam beginne ich zu ahnen, dass das Evangelium hier nur mit dem Leben verkündigt werden kann, in Tat und Wahrheit. Es gäbe zu erzählen von der Kommunität der Jesuiten, einem echten Interesse füreinander, dem Mitfühlen und Mitdenken der anderen; von den gemeinsamen wöchentlichen und monatlichen Treffen; von den Schwierigkeiten, die es natürlich auch gibt, von den sehr unterschiedlichen persönlichen Schwerpunkten der einzelnen, die das gemeinsame Leben manchmal schwierig machen; von den Wochenenden, die ich immer wieder für Besuche nutze, bei Arbeitskollegen und Jesuiten.


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Vor zwei Wochen zum Beispiel war ich in Paris. Am kommenden Wochenende (Ostern) fahre ich mit Vincent nach Barcelona, um spanische Arbeiterpriester (Jesuiten) kennenzulernen. Er hat gute Freunde unter ihnen, da er ein Jahr in Spanien gearbeitet hat, bevor er hierher nach Toulouse gekommen ist. Wenn ich weiterfahren würde und Einzelheiten erzählen wollte, würde der Brief zu lang werden.

Toulouse März 1978

 

Michael Walzer
Besinnung – Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit

Ich lade Dich ein, einen Augenblick nachzudenken! Kennst Du so etwas wie Hunger oder Durst nach Gerechtigkeit? Gibt es dieses Gefühl einer alle Sinne beherrschenden Sehnsucht nach der Gerechtigkeit in Dir?

Ich selbst kann nur zögernd und mit einem eingeschränkten „Ja“ auf diese Frage antworten. Im großen und ganzen habe ich bisher die Sonnenseite des Lebens genossen. Am eigenen Leibe habe ich kein schmerzliches Unrecht erfahren. Aber ich begegne immer wieder Menschen, die von solchem Unrecht gezeichnet sind. Ich denke an einige Mitglieder unserer kleinen, noch jungen Berliner CAJ, die weder einen Ausbildungsplatz noch einen Arbeitsplatz haben. In ihnen ist dieser Hunger nach einer gerechteren Verteilung der Arbeit lebendig. In ihrem Reden ist die Hoffnung zu spüren auf eine andere, gerechtere Welt.

Ich denke an einen Nachbarn, einen griechischen Bauschlosser, der seit über zwei Jahre keine Arbeit mehr hat. Immer wieder erlebte er es in dieser Zeit, wie unter den zahlreichen Bewerbern für eine angebotene Stelle einem der Deutschen der Vorzug gegeben wurde. Selbst in der Verbitterung noch, die ihn immer mehr auffrisst, entdecke ich diesen Hunger nach mehr Gerechtigkeit.

Ich denke an die Jugendlichen unseres Stadtteils, Berlin-Kreuzberg. Etwa zwei Drittel von denen, die zwischen fünfzehn und zwanzig sind und Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen, finden weder das eine noch das andere. In ihrer Ratlosigkeit und Ungewissheit, in ihrer Sorge und manchmal schon Hoffnungslosigkeit ist dieser Hunger spürbar, lebt die Hoffnung, dass es einmal anders, besser und gerechter werden wird.

ARBEITSLOSIGKEIT MACHT HUNGRIG NACH EINER GERECHTEREN WELT – das stimmt, auch dann, wenn dieser Hunger unter Gleichgültigkeit oder Betäubung, unter Verzweiflung oder Wut begraben ist.

Keiner von uns wünscht sich solch ein Schicksal. Denen, die davon betroffen sind, gehen wir oft lieber aus dem Weg. Die Bibel aber preist diese Menschen, die den Hunger nach Gerechtigkeit kennen, selig. Im Matthäusevangelium, am Beginn der Bergpredigt heißt es in der vierten der acht Seligpreisungen:

„SELIG, DIE HUNGERN UND DÜRSTEN NACH DER GERECHTIGKEIT, DENN SIE WERDEN SATT WERDEN“:

Hier wird denen, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, die auf eine Welt


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hoffen, in der wir alle als Schwestern und Brüder, als Kinder Gottes miteinander leben, ihnen wird verheißen, dass ihr Hunger und ihr Durst einmal gestillt sein werden. Bis diese Verheißung in Erfüllung geht, das hat uns Gott in Jesus zu verstehen gegeben, hungert und dürstet er selbst, hofft er in diesen von Unrecht betroffenen Menschen auf mehr Gerechtigkeit.

Und wenn wir diesem Hunger nicht verdrängen, nicht totschweigen, sondern beim Namen nennen, von ihm reden und ihn hinausschreien, dann wird darin Gott beim Namen genannt.

Indem wir unsern Hunger Raum geben, geben wir ihm Raum in unserer Welt. Der Hunger, den wir mit Gott teilen, wird uns die Kraft schenken zu handeln, für die Gerechtigkeit einzustehen, für sie zu kämpfen auch unter Opfern. Hier, das ist meine Überzeugung, liegt der Ursprung einer gerechteren Zukunft und die Quelle all unserer Kraft im Dienst und Kampf für sie.

Michael Walzer, Diözesankaplan der CAJ in Berlin Aktion –
Monatszeitung junger Arbeiter, Juli/August 1983

 

Michael Walzer
Liebe Freundinnen, liebe Freunde!

Seit 10 Tagen bin ich mit einem Rezidiv meines im Oktober operierten bösartigen Hirntumors in medizinischer Behandlung. Erst hat man in Stuttgart eine Notaufnahme veranlaßt, um den Verdacht auf Rezidiv zu erhärten. Dann haben die Ärzte in Stuttgart empfohlen, zur Weiterbehandlung nach Berlin zu fliegen. Auf der alten Station 25 des Clinicums Charlottenburg habe ich dann am Abend ein Bett bekommen, und am folgenden Tag begannen die Untersuchungen. Frau Skotzek, die Stationsärztin, bemüht sich vorbildlich um mich. In langen Gesprächen hat sie mir meine Situation klar gemacht: Eine Operation ist nach Meinung der Fachleute nicht mehr vertretbar. Chemotherapie scheidet aus. Also bleibt nur noch Bestrahlung!

Mit der Entscheidung für oder gegen die Bestrahlung habe ich mir vier Tage Zeit gelassen. Am Beginn meiner Überlegungen standen noch stark von Resignation und verzweifeltem Aufgeben geprägte Gedanken. Aber sie traten immer mehr in den Hintergrund. Heute steht mein Entschluß, um mein Leben, meine Existenz zu kämpfen, fest, und eine ruhige Sicherheit macht sich in mir bemerkbar. Die vergangenen Monate bedeuten mir viel. Vieles hat sich in meiner Einstellung zum Leben positiv geändert. Mehr Vertrauen ist gewachsen; meine Bereitschaft zu vergeben hat zugenommen; mein Glaube, daß der Mensch aus Liebe von Gott geschaffen ist, hat mehr an Realitätsbezug erhalten, gerade auch, was meine eigene Existenz angeht.

So blicke ich zurück auf die vergangenen Monate, in Dankbarkeit gegenüber den Menschen, denen ich begegnen durfte; in Dankbarkeit Gott gegenüber, der mit mir durchs Leben ging, auch wenn ich ihn nicht immer wahrnahm. Für die Monate, die mir von Gott noch zugedacht werden, will ich versuchen so vol-


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ler Hingabe und Liebe zu leben, wie es mir möglich ist. In den letzten Tagen mache ich die Erfahrung, daß im Angesicht des Todes viele Konflikte, die das Leben geprägt haben, an Bedeutung verlieren! Für die kommenden Monate stehen noch weitere Schritte an, sollte ich gesundheitlich überhaupt dazu fähig sein. Da ist einmal die Körpertherapie mit der Selbsthilfegruppe und – möglicher Weise – eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Therapeuten. Da ist zum anderen, die die Schulmedizin ergänzende Behandlung beim Heilpraktiker; und da ist zum Schluß – aber sicher nicht am unwichtigsten – die konsequente Arbeit an meiner Person, die der Liebe, die Gott in mich gelegt hat, immer freiere Entfaltung möglich machen und die Angst, die so oft hindert, immer weiter abbauen soll.

Es war mir ein Bedürfnis, Euch allen mitzuteilen, daß meine Situation für mich kein Anlaß zur Verzweiflung ist, sondern daß ich eher Kraft und inneren Frieden spüre.

Seid alle in Liebe gegrüßt

Berlin, im August 1985

 

Familie Walzer/Jesuitengemeinschaft Kreuzberg
Todesanzeige

Michael Walzer

* 28.5.1948 in Karlsruhe
+ 29.1.1968 in Berlin

Michaels Bereitschaft zum Dienen ist uns Herausforderung.

Seine Wachheit für die Benachteiligten und
Unterprivilegierten macht ihn zum Nachfolger Jesu.

Sein stilles Leiden an sich selbst und an unserer Welt
macht uns betroffen und fragend.

Michaels Leben hinterläßt bei uns Brüche und Zeichen.

Christian Herwartz
Begleitbrief zur Todesanzeige

Liebe Freundinnen und Freunde von Michael!

Heute morgen kurz nach acht Uhr ist Michael in Berlin-Kladow friedlich gestorben. Ich möchte Euch – sicherlich im Namen vieler, die wir neben ihm leben durften und von ihm reich beschenkt wurden – einen Gruß des Dankes schicken. Mir persönlich


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hat er zum Beispiel vor 15 Jahren den Weg in die Welt der Arbeit gewiesen, in der wir in den letzten acht Jahren zusammen gearbeitet, diskutiert, an der wir uns gerieben und gefreut haben. Wir beide sind sehr verschieden; wir haben uns ergänzt und vieles habe ich sicherlich bis heute nicht verstanden. Oft habe ich staunend vor ihm gestanden; er hat mich – trotz meiner Eigenheiten – als Bruder angenommen.

Michael ist vielen Menschen Bruder geworden, der zuhört, sie achtet, auch wenn er nicht gleich ihre Meinung teilt; der Brücken schlägt, in der Hoffnung, daß sich Zellen des Verstehens, des Friedens, des Widerstandes gegen Unrecht und Ausbeutung bilden, in denen Wunden heilen können.

Schon in der Jugend hat er Kontakt gesucht zu jenen, von denen sich die anderen Oberschüler trennten, weil sie eine Lehre absolvierten. Er wollte etwas ändern: er wurde Schulsprecher, fuhr zu deutsch-französischen Begegnungen in Maria Laach, wollte Politik studieren; er ist einer der 68er Generation.

Michael hat das Leben mit beiden Händen genommen: er liebte Musik, Tanz, Beziehungen. In seiner Krankheit, als er sein Leben nochmals neu annehmen mußte, ist aber auch die ihn treibende Liebe zum Jesuitenorden deutlicher geworden, in der er 1968 – unerwartet für Familie und Freunde – eintrat. Dieser Weg führte ihn von Marxell bei Karlsruhe weg nach Neuhausen, Nürnberg (Einführung und Prüfung des Lebens in einer religiösen Gemeinschaft), München, Innsbruck (Studien der Philosophie und Theologie), Ravensburg (Begleitung von Jugendlichen). 1977 wurde er in München zum Priester geweiht.

Michael wollte mit seinem Leben helfen, an einer Gesellschaft zu bauen, die keinen ausschließt. Dies führte ihn nach Toulouse und Berlin (Transportarbeiter, Warenannehmer, Gießereiarbeiter). Der Jesuitenorden ist sein Rükkhalt geworden. Michael war beliebt, auch wenn seine Meinungen abgelehnt wurden: er, der selbst einer Familie mit fünf Geschwistern entstammte, suchte Geschwisterlichkeit; auch eine geschwisterliche Kirche, die nicht in vielerlei Konfessionen gespalten ist; er suchte einfach den Menschen, ohne ihn vereinnahmen zu wollen. Immer mehr sah er auch Ungerechtigkeiten in der Welt. Doch wer wollte ihn hören? Sollten wir deutlicher sprechen oder behutsamer vorgehen? Da waren wir oft unterschiedlicher Meinung.

Michael hat sich aufgemacht, türkisch zu lernen und Kontakte zu knüpfen; dann hat er stärker mitgeholfen, eine Gruppe junger christlicher Arbeiter (CAJ) zu gründen – eine alte Liebe schon aus der Innsbrucker Zeit. Er kandidierte zum Betriebsrat, er hatte viele Kontakte in der Nachbarschaft.

Zu Anfang unserer gut siebenjährigen Berliner Zeit wohnten wir beide alleine; dann stießen immer mehr Gefährten dazu, so daß sich unsere Wohngemeinschaft nun auf zwei Wohnungen verteilte. Unser Glaube wurde herausgefordert von unserer Umwelt, aber wir wurden auch immer neu durch unsere Kollegen, Nachbarn und Freunde beschenkt.

Großen Rückhalt hatten wir bei der Arbeitermission in Frankreich gefunden, in deren Mitte wir ja beide eine Zeitlang gelebt haben. Der Kontakt war weiter lebendig. Ebenso zu der regelmäßigen Konferenz der Arbeiterpriester und Schwestern. Diese Begegnungen haben uns immer neu Mut gemacht. Im Oktober 84 bemerkte Michael, daß er nicht mehr schreiben konnte. Am Tage, be-


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vor der dann entdeckte Gehirntumor operiert wurde, kamen einige Freunde zu einem Gottesdienst zusammen; er wurde mit Krankenöl gesalbt; dort hat er uns gebeten, ihn auch als Behinderten wieder in unsere Runde aufzunehmen. Doch er konnte nach der Operation alle Glieder bewegen. Das war eine überwältigende Freude für ihn. Aber es war Krebs – in kürzester Frist wird der Tumor wieder gewachsen sein. Michael hat gekämpft, sein und oft auch unser Leben umgestellt, Naturheilverfahren angewendet. Und die Bemühungen hatten zunächst einmal Erfolg. Was soll uns seine Krankheit sagen, fragte er sich und uns.

Im Juli wieder erste Beschwerden. Einen Brief an alle Freunde schrieb er daraufhin; wir haben noch Kopien davon. Aufs Neue hat er gerungen: er wurde bestrahlt, um Zeit zu gewinnen. In Gries – Franz Jalics sollte ihn bei den Meditationen helfen – wollte er dann nochmals den Durchbruch zu sich selbst wagen. Doch im Dezember ließen die Kräfte deutlich nach. „Dein Reich komme“, das war die Bitte, die ich Silvester ganz deutlich von ihm gehört habe.

Michael hat sich im letzten Jahr auf den Tod vorbereitet und doch auch zäh mit ihm gekämpft. Am 9. Januar 86 haben wir Michael liegend nach Berlin zurückgeholt, wo er im Peter-Faber-Kolleg gute Pflege gefunden hat. Franz war die letzten Wochen bei ihm und noch viele andere haben ihm geholfen. Ihnen allen sei unser Dank. In den letzten Wochen wurde er schwächer und schwächer. Er konnte nicht mehr sprechen und gehen. Am 28. Januar trat Fieber auf; so mußte er den ersten Tag im Bett bleiben. Bis zum Schluß sind ihm große Schmerzen erspart geblieben.

Dankt mit uns für jeden Tag des Lebens von Michael und stützt einander, wie er es versucht hat: Ein Arbeiter der Aussaat, der die Ernte nicht mehr unter uns erlebt.

Berlin, den 29. Januar 1986

 

Ludwig Menkhoff
Gelobt sei der Name des Heiligen

Ich habe Deinen Brief, Christian, zum Tode Eures Bruders Michael mehrere Male gelesen, ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt und habe ihn doch gekannt. Gekannt durch die Gespräche unter Euch, Du, Godehard, Hans, Franz und Bernhard, jetzt mehr noch durch Deinen Nachruf. Warum gibt es so wenige Menschen wie er, wie Euch. Ihr, die Ihr Christentum lebt, warum so wenige? Es stimmt schon, wenn man sagt, die wahren Frommen wirken im Verborgenen. Jesus würde schon auch so leben wie Ihr, auch er wäre nicht an Kreuzberg vorübergegangen. Solange es Menschen gibt wie Michael – wie Ihr – solange es zehn Gerechte auf dieser Welt gibt, wird der EWIGE die Welt nicht untergehen lassen.

Michael weiß mehr wie wir, die wir noch unsere Aufgabe zu erfüllen haben – gehen wollen und in allem, was wir tun, dem EWIGEN dienen und loben. Seine unendliche Liebe erwidern, indem wir IHM treu sind.

Ich weiß, dass es für Euch alle ein schmerzhafter Verlust ist, aber auch ein Gewinn, indem Euch Michael durch seine klaglose Annahme seines Schicksals seine Treue zu .OTT gezeigt hat. Er ruhe in Frieden, möge er uns allen ein Vorbild sein. Er hat klaglos sein Kreuz getragen, ein würdiger Nachfolger Christi – gelebtes Chris-


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tentum, so wie Ihr es lebt, das betone ich immer wieder, deshalb gehört Euch meine Hochachtung.

Ich habe Kaddisch für Michael gebetet, ein uraltes jüdisches Totengebet, es wird am Grabe eines Verstorbenen vom ältesten Sohn gebetet; darum nennen noch heute fromme Juden ihren Erstgeborenen „mein Kaddisch“. Hat er keinen Sohn, betet ein Bruder, Verwandter oder Freund am Grab. Dieses Gebet wird auch immer am Schluss eines Gottesdienstes gebetet. Eigentlich hat es nichts mit Trauer oder Klage zu tun, wie man es hier gewohnt ist, es handelt sich mehr um preisende Anrufe …. Man muß eigentlich ja auch beim Tod eines Menschen .OTT in seiner Größe und Unendlichkeit loben, denn so, wie ER gibt, so nimmt ER auch in seinem unendlichen Ratschluß, welchen wir Menschen manchmal nicht verstehen – nicht verstehen wollen.

Wenn man darüber nachdenkt, sieht man, daß ER uns liebt, auch dann wenn ER uns einen nimmt, welcher IHM gehört. Nicht uns, uns gehört gar nichts. Das sollten wir alle wissen und bedenken, ER nimmt auch uns, wenn unsere Stunde gekommen ist. Diese Stunde brauchen wir nicht zu fürchten, wenn man IHN liebt und SEINE Wege geht. Ich habe viel erlebt, gesehen, gelitten, aber eines kann mir niemand nehmen, mein Wissen und meine Liebe zu dem, der unser aller .OTT ist – der EWIGE, gelobt sei ER.

Lieber Christian, ich glaube, dass Du mich verstehst, wie gesagt, ich habe Michael nicht persönlich gekannt und kenne ihn doch, durch Dich – durch Euch. Der Friede und der Segen .OTTES sei mit ihm.

Dies ist mein Wort zum Tode Eures Bruders, Du, Godehard, Hans, Franz und Bernhard, sowie alle, welche ihn gekannt und geliebt haben – er war ein Arbeiter im Weinberg des EWIGEN. Ich sage es auch im Namen Volkers, welcher es am Telefon von mir erfuhr.

Euer Ludwig

 

Kaddisch!

Erhaben und geheiligt werde sein großer Name,
Amen.
In der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen,
Amen.
Und sein Reich erstehe
In eurem Leben und in euren Tagen
Und dem Leben des ganzen Hauses Israel
Schnell und in naher Zeit,
Sprechet: Amen!
Sein großer Name sei gepriesen
In Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!
Gepriesen sei und gerühmt und verherrlicht
Und hocherhoben und gepriesen
Und erhoben und erhöht und gefeiert
Der Name des Heiligen, gelobt sei er
Noch über jedes Lob


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Ludwig Menkoff wohnte in der Naunynstraße 60 im vierten Stock. Bald nach unserem Einzug ist Michael gestorben.

 

Die Gemeinschaft der Jesuiten
Danksagung

Vielen Dank Euch allen
Euch, die Ihr die Nachricht
von der Krankheit und dem Tod
unseres Bruders Michael
gehört habt,
die Ihr betroffen ward,
die Ihr sein Sterben angenommen
und Euch dagegen gewehrt habt,
die ihr davon gesprochen habt,
Euch, die Ihr gebetet habt,
das Leben Michaels noch einmal
durchgegangen seid, Euch gefragt habt,
was es Euch zu sagen hat,
die Ihr seiner Familie
oder unserer Gemeinschaft in Kreuzberg
davon einiges mitgeteilt habt,
die Ihr Euch den Tag der Beerdigung
freigehalten habt
und manchmal von weither
nach Berlin gereist seid,
die Ihr Grüße mitgegeben habt,
Euch, die Ihr an diesem Tag Trauer
und Hoffnung mitgetragen und den
Dank für sein Leben ausgedrückt habt;
Euch von St. Michael, in deren Mitte wir
uns zur Eucharistie versammeln konnten.
Vielen Dank Euch allen,
die Ihr uns die Augen
noch mehr geöffnet habt,
dieses Leben mit seinen vielen Aspekten,
dieses Geschenk Gottes zu sehen
und darin Ihn selbst.

Viele fühlten sich von Michael persönlich angenommen. So wird es aus den Briefen deutlich, die viele von Euch geschrieben haben. Dabei können manche nur von einer kurzen Begegnung berichten. Es gibt auch einige, die nur die Anzeige mit dem Begleitbrief oder die Worte auf dem Friedhof als Nachricht vom Leben Michaels hatten und glaubten, ihm mit seiner anteilnehmenden Lebenshaltung lebendig begeg-


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net zu sein. Andere sehen noch offene Fragen, die Michael für sie vor allem in seiner Krankheit aufgeworfen hat. Sie warten auf eine Antwort.

Das Leben von Michael ist vielschichtig; doch er ist eins; und diese Einheit sollten wir nicht zerreißen: sein Suchen und Verstehenwollen, sein Mahnen und Stärken gehen in die unterschiedlichsten Richtungen.

Dies wurde am Beerdigungstag auf dem St. Hedwigsfriedhof in Reinickendorf deutlich, als Menschen verschiedenster Gruppen beieinander standen, die sonst im Leben oft wenig gemeinsam haben: die Familie Walzer, die Arbeitskollegen von AEG Holländerstraße, die Christliche Arbeiterjugend, die Nachbarn – Deutsche und Ausländer -, Vertreter der Kirchen, Ordensleute und besonders die vielen Jesuiten, die Bekannten von den einzelnen Lebensabschnitten, die Arbeiterpriester, Brüder und Schwestern aus Frankreich und Deutschland, jene, die ihn in ihre Arme geschlossen und jene, die ihn nie leiblich gesehen haben.

In der Kirche St. Michael in Kreuzberg haben sich im Gottesdienst Menschen aus den verschiedensten Gruppen versammelt zum Lob Gottes und das Wort ergriffen. Noch bis zum späten Nachmittag haben wir zusammengesessen, gegessen und getrunken und gesungen.

Wir alle sehen einen Teil von Michaels Leben und sind angewiesen, uns andere Seiten zeigen zu lassen. Das ist Loslassen und Neu-Geschenktbekommen. Dafür wollen wir Euch allen danken, die Ihr – nah und fern – Anteil daran habt. Der Tod trennt, die Auferstehung führt uns zusammen; dies haben wir am Beerdigungstag deutlich gesehen.

 

CAJ-Berlin
Nachruf

Michel Walzer SJ

28. 5. 1948 Karlsruhe + 29.1.1986 Berlin
Aufgewachsen in Marxzell
1968 Eintritt in den Jesuitenorden
Theologiestudium und CAJ-Arbeit in Innsbruck
1977 Priesterweihe
Arbeiterpriester in Toulouse
Seit 1978 AEG-Arbeiter in Berlin
Neugründung der CAJ Berlin

„Von guten Mächten treu und still umgeben“. Dieses Lied haben wir für Michael gesungen, bevor er zu seiner Operation ins Krankenhaus musste. Es gab keine Heilung und trotzdem bewahrte Michael bis zuletzt die zuversichtliche Grundstimmung, wie sie diesem Text, der unter so unglücklichen Umständen entstand, zugrunde liegt.

Uns hat Michael ein Lebensgefühl nähergebracht, das einer unserer CAJler so umschrieb: „Eine Revolution ohne Liebe kann keine guten Veränderungen bringen“. Wir wollten und wollen die Welt verändern und in diesen Kampf hat uns Michael gestärkt. Als Arbeiterpriester war er den Arbeiterjugendlichen sehr nah, weil er ih-


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re Situation aus eigener Erfahrung kannte. Er hat uns eine christliche Lebenshaltung nicht vorgetragen, er hat mit uns gelebt. Michael hat sich auf den Tod vorbereitet und hat uns an seinen Erfahrungen teilnehmen lassen. Er hat uns immer wieder vermittelt, dass wir über die Trauer um seinen Zustand die Zukunft nicht vergessen sollen. Wir werden die Impulse, die uns Michael in unserer Arbeit und im privaten Leben gegeben hat, weitertragen und bei allen unseren Anstrengungen, Enttäuschungen und Erfolgen den Glauben an das „Gute“ nicht verlieren.

März 1989
veröffentlicht in: Aktion – Monatszeitung junger Arbeiter

 

Gottesdiensteinladung zum Todestag

Bis heute treffen sich die CAJler am Todestag von Michael in der St. Michaelskirche zu einem Gottesdienst – und laden andere dazu ein -, um danach zu suchen, was ihnen zu dem Impuls des Lebens von Michael in diesem Jahr neu einfällt. Anschließend wird dieses Gespräch beim Essen noch vertieft.

29.1.2004 Christian Herwartz

 

Ludger Hillebrand
Leidenschaft, die Leiden schafft

Eine Weiterführung des Gottesdienstgespräches in St. Michael/Kreuzberg:
Erinnerung an Michael Walzer zum Thema Leiden an Gerechtigkeit

Leidenschaft
die Leiden schafft

die Liebe zum Lebendigen
schafft
da sie noch nicht voll kommt
der Traum der Vollkommenheit
schafft
da er noch nicht recht zeugt
das Zeugnis der Gerechtigkeit
schafft
da es noch nicht ganz wandelt
die Wandlung durch Gottes Himmel
erleidet
wer leidenschaftlich schafft

in Liebe

Göttingen 3. 3. 2000


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Werner Herbeck
Nachruf auf Pater Michael Walzer S.J.

Zu Beginn des Jahres 1986 haben wir in Berlin zwei Mitbrüder zu Grabe getragen, die manches gemeinsam hatten: Sie waren Jesuiten der Oberdeutschen Provinz, Priester, sie liebten das Evangelium und gaben die frohe Botschaft Jesu Christi an die Menschen weiter, mit denen sie lebten und für die sie lebten. Der eine stand kurz vor seinem 88. Geburtstag, der andere vor seinem 38. Geburtstag. Beide verstanden sich gut und schätzten einander, obwohl sie nicht nur Jahre, sondern auch die Welten trennten, in denen sie lebten und arbeiteten. P. Georg Strassenberger S.J. hatte jahrzehntelang das Wort Gottes in das katholische Milieu seiner Zeit hinein verkündet.

P. Michael Walzer S.J. verbrachte Jahre der Ausbildung und seiner priesterlichen Tätigkeit in einem vorwiegend nichtchristlichen, atheistischen, mit Sicherheit aber kirchenfremden Milieu. Dieses unterschiedliche Milieu zeigte sich auch in den Teilnehmern bei den zwei Beerdigungen in Berlin: Bei P. Strassenberger kamen Gläubige, vorwiegend aus St. Canisius, wo er bis drei Wochen vor seinem Tod regelmäßig gepredigt hatte.

Zu Michael Walzer kamen die Menschen, zu denen er nicht nur irgendwie gepredigt hatte, sondern mit denen er vor allem gelebt hatte: Die Arbeitskollegen der AEG, ausländische Arbeitsnehmer, Ausländer, mit denen die Mitglieder der Kommunität in Kreuzberg über viele Jahre Freundschaft geschlossen hatten und die sich in der langen Zeit der Krankheit von Michael erst allmählich daran gewöhnen konnten, ohne diesen unaufdringlichen, freundlichen und nachdenklichen Kollegen und Mitmenschen leben zu sollen.

Da waren vor allen Dingen junge Leute aus der Christlichen Arbeiterjugend, die mit Michael zusammen die Berliner CAJ aus der Taufe gehoben hatten und daran gegangen waren, in einem Arbeiterviertel der Stadt einen Laden anzumieten, einen Treffpunkt für die Anliegen der Dritten Welt zu schaffen, für junge Arbeitslose (Deutsche und Ausländer) tätig zu werden. Hans Werner Spiess, ein engagierter Mann aus der CAJ, in dessen Familie sich Michael für einige Wochen in seiner schweren Krankheit aufhielt, hatte das alles mit ,,seinem“ CAJ Kaplan Michael bewerkstelligt, mit ihm und anderen Hand in Hand zusammengearbeitet.

Nicht von ungefähr fanden sie dann den Namen für ihr Arbeitslosenprojekt: Kollektive Hand. Und nicht zuletzt erwiesen ihm die letzte Ehre jene Paare und Familien, die in ihm einen großen Bruder gefunden hatten, der sich daran freute, dass es sie gab, und dass er ihre Zuneigung akzeptieren durfte. Nicht von ungefähr auch fühlte Michael Walzer sich mit ihnen verbunden, die der alternativen Szene angehörten. Und schließlich haben sich von ihm viele Mitbrüder aus der Oberdeutschen und Norddeutschen Provinz verabschiedet, solche, die mit ihm studiert hatten, andere, die ihn einmal auf einer Tagung okennen gelernt hatten, die sich ihm und seinem Anliegen verbunden fühlten.

Die Menschen, die sich da von ihm verabschiedeten, geben dem Sprichwort recht: Zeige mir mit wem du umgehst; ich sage dir, wer du bist. Er wandte sich vielen und durchaus unterschiedlichen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen zu. Er blieb offen für sie und ihre Anliegen, bemühte sich, ihre Welt, ihre Ängste und Sehnsüchte zu verstehen. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, als Besserwisser erscheinen zu wollen oder Antworten bereitzuhalten, ohne sich intensiv auf den oder die Fra-


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genden einzulassen. Unter dieser Gabe hat Michael zugleich gelitten: er fand sich zwischen verschiedenen Fronten oder Interessen. Er litt darunter, wenn ihm jemand sagte, dass er vor lauter Verständnis für alle möglichen Leute uneindeutig und unentschieden sei; er war gelegentlich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, sich im Sinne der Parteilichkeit des Evangeliums und den Optionen der Generalkongregationen für die Armen einzusetzen und der Angst, sich klassenkämpferisch zu fixieren. Er blieb bis zuletzt ein Suchender nach Gott, nach der Erkenntnis des Willens Gottes, nach Menschen, die ihm etwas von ihrem Leben mitteilen konnten, nach Freunden, bei denen er entspannen durfte, nach Gegnern, mit denen er argumentieren wollte und die ihn zugleich respektierten, nach Mitbrüdern, die mit ihm zusammen Jesuiten sein wollten und die ihm die Vielfalt von Fühlen und Denken im Orden erschlossen.

So blieb es nicht aus, das er überall Vertrauen gewann: Michael Walzer erledigte in seiner Firma während der Arbeitspausen telefonische Botengänge zwischen seinen Arbeitskollegen und verschiedenen Ämtern. Er vermittelte zwischen den draufgängerischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der CAJ einerseits und den eher betulichen Umgangsformen in den Gängen des Bischöflichen Ordinariats andererseits. Er hatte ein besonderes Vertrauen des Berliner Kardinals und konnte gerade dadurch diesem manche Vorstellung vermitteln vom Leben und Leiden nicht nur der ausländischen Arbeitnehmer sondern auch der jungen Arbeitslosen. Mitbrüder im Ignatiushaus, im Peter Faber Kolleg und im Canisius Kolleg freuten sich, wenn er kam, weil sie den Eindruck hatten, er fühle sich in ihre besondere Lebensweise ein.

In der Zeit der Krankheit besuchte mich Michael Walzer wiederholt in der Offenen Tür Berlin. Sein Kommen vollzog sich jedes Mal in einem gewissen Ritual: Er stellte sein Fahrrad vor dem Haus ab, sicherte es gegen räuberischen Zugriff, griff sich seine sehr abgegriffene Aktenmappe, brachte die eine oder andere Plastiktüte in Sicherheit und strich sich über das Kinn, wo vorher lange ein mächtiger Bart gesessen hatte. Mag sein, das die Krankheit seine Bewegungen etwas verlangsamt hatte, aber dieses Ritual gehörte eben auch zu ihm: Er war sorgfältig, bedacht bis bedächtig, konzentriert auf das, was er gerade tun wollte und mit einem Anflug von Verlegenheit, dass es nun um ihn und seine Probleme ging. Schon längere Zeit vor seiner Krankheit hatte er auf den so schön anzuschauenden Bart mit der Bemerkung verzichtet: Ich brauch mich jetzt nicht mehr hinter einem Bart zu verstecken.

Aus den Gesprächen mit Michael Walzer über mehrere Monate hin sind mir drei Punkte erinnerlich, um die die Gespräche immer wieder gingen: Seit seiner Jugend war er immer gern im Kreise junger engagierter Katholiken, die eine intensive Gemeinschaft miteinander suchten. Michael konnte mit Sicherheit allein sein und für sich sein. Er hatte gelegentlich grüblerische Züge, kreiste immer wieder um die selben Gedanken und liebte einsame Momente. Aber wesentlich wichtiger waren ihm Gemeinsamkeiten mit anderen, Gespräche, einfühlendes Aufeinanderzugehen, gemeinsames Beten, gemeinsames Planen und Handeln. So hatte er es schon während der Schulzeit getan, das Christsein in Gemeinschaft ließ den Wunsch entstehen, sich einem Orden anzuschließen. Das seine Wahl auf den Jesuitenorden fiel, lag wohl mit dar-


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an, wie er Jesuiten erlebt hatte oder was er von Jesuiten gehört hatte: Sie waren ihm als Menschen erschienen, die sich der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlten, die die Not der Menschen sahen und für Veränderungen in Gesellschaft und Kirche eintraten und eintreten. Daraus erklärt sich dann auch seine Option für die Armen, sein Aufenthalt in Frankreich, seine Wahl, Arbeiterpriester zu werden, sein besonderer Einsatz für die ausländischen Arbeitnehmer, sein Engagement für die CAJ und seine Teilnahme an Überlegungen im Orden, was Jesuiten für die Gerechtigkeit in der Welt tun müssen.

Ich kann mich nicht erinnern, daß er besonders lautstark Kritik an solchen Mitbrüdern im Orden übte, die sich übermäßig viel mit Menschen aus der Oberschicht oder der bürgerlichen Mittelsschicht befassen. Aber er äußerte starke Vorbehalte über die Art und Weise der Auswahl unserer Arbeiten, wie viel, bzw. wie wenig die Basis der Arbeiterschaft den meisten Jesuiten aus eigenem Erleben bekannt sei. Wie seine Mitbrüder in der Kreuzberger Kommunität hat Michael Walzer erfahren müssen, was Arbeiter über die Kirche als „die da oben“ denken, wie viel Verachtung und Ablehnung der Kirche und damit leider auch dem Evangelium entgegenbracht wird und wie verständnislos Kirche in den Industriegesellschaften über diese Leute spricht, anstatt mit ihnen zu sprechen oder gar mit ihnen zu leben.

Und noch etwas suchte Michael für sich zu gewinnen und mit anderen zu teilen: Freude und Feiern. Christian Herwartz hat in seiner Ansprache beim Begräbnis hervorgehoben, daß Michael kurz vor seinem Tod öfters vom Tanzen gesprochen habe. Ich kann das aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen: Angesichts des bevorstehenden Todes wurde ihm zunehmend deutlich, wie wenig er vom vielschichtigen Leben der Menschen eigentlich wahrgenommen hatte. In seinem Leben hatten Worte wie Pflichterfüllung, Ordnung, Treue und Zuverlässigkeit einen ihm wohlvertrauten Klang. Aber das, was man mit den Worten Muße, Ausgelassensein, überströmende Freude benennt, hatte sich noch nicht genug entwickeln können oder dürfen. Von daher kann ich selbst gut verstehen, daß er im „Wissen“ um seine tod-bringende Krankheit besprechen wollte, wie man trotz allem überleben kann, welche Methoden geeignet sind, Stärke zu finden gegen die Krankheit, was Leben, Liebe, Trauer und Sehnsucht eigentlich seien.

Michael Walzer wollte bis zuletzt nicht sterben, nicht gehen. Wie es gute Jesuitenart ist, hat er versucht, den Begriff und die Realität des Willens Gottes in dieser Situation zu verstehen und sogar anzunehmen. Ein Brief nach der ersten Operation an seine Freunde innerhalb und außerhalb des Ordens gibt davon Zeugnis. Zugleich war er im Tiefsten seiner Seele nicht damit einverstanden, daß sein junges Leben nun ein Ende haben sollte, schon gar nicht als Opfer einer sinnlos erscheinenden tückischen Krankheit. Aus einigen Träumen, die er beschrieb, war zu entnehmen, daß der Tod ihm wie eine graue Grenzmauer erschien, die es zu beseitigen oder zu überspringen galt.

Pater Walzer spürte immer mehr die Nähe von Menschen, die ihm zugewandt waren, die Zeit für ihn hatten, die ihm aus ihrer spirituellen Erfahrung Gott näher bringen konnten. Sein treuster Begleiter bis zuletzt wurde Franz Keller mit seiner unaufdringlichen Aufmerksamkeit. Michael dürfte ihm danken, daß er ihm das Sterben menschlicher und damit leichter machte. Wir können Michael für sein Le-


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ben und für sein Hiersein in Berlin am besten dadurch danken, daß wir das Eine oder Andere weiterführen, was er angeregt oder begonnen hat.

Berlin 1986, veröffentlicht im Rundbrief der Oberdeutschen Provinz SJ

 

Willi Lambert
Einen wirklichen Trumpf gezogen

Leider habe ich nie einen so direkten Kontakt mit Euch gehabt, daß ich Geschichten dazu erzählen könnte.
Was ich mitbekommen habe ist:

  • daß manche viele Hoffnungen auf Euch gesetzt haben
  • daß Euch manche als „Stachel“ oder einfach Hoffnungszeichen empfunden haben
  • daß manche fast nicht den Namen hören konnten, ohne daß ein dicker Vorhang herunterging, weil sie „Euch“ als zu ideologisch und moralistisch erfahren haben.

Eine eher aphoristische, aber mir sehr liebe Erinnerung:
Als ich 1976 nach Innsbruck in die Jesuiten-Wohngemeinschaft Amtorstraße zog, fand ich zu meiner Überraschung 8 Karten an die Wand genagelt: Die 8 höchsten Trümpfe beim Schafkopfspiel. Und die hatte Michael auf der Hand gehabt: 8 Karten und die 8 höchsten Trümpfe.

Mit Michael habt Ihr – das wird auch immer wieder mal erkennbar, wie in Eurem Einladeschreiben auch – einen wirklichen Trumpf gezogen. Ich habe ihn sehr geschätzt. Daß er sterben mußte. So und so früh. Sicher der stärkste Verlust für Euch. Ich kann nur dazu sagen: Da wir daran glauben dürfen, daß wir alle in einem System „kommunizierender Röhren“ verbunden sind – spielt ER weiter mit und viele, denen Ihr und die Euch verbunden sind.

München 29. November 2002

 

Dorothee Pilgram
Jesuiten in meinem Leben

Taizé, Sommer ’72.
Nachdem ich schon eine Weile zum Übersetzen nach Taizé gereist war und die Brüder die Verwaltung und Leitung der Gruppen zunächst noch selbst gemacht hatten, zogen sie sich ein wenig zurück und schulten junge Leute zu Mitarbeitern. So kam es, dass ich Michael Walzer dort kennenlernte und nach der Schulung mit ihm (ich hatte eigentlich mein Auge auf einen Mathematiker aus München geworfen) die Leitung der deutsch-italienischen Gruppe übernahm. Das lief auch gut, obwohl wir uns in fast keinem Punkt einig waren. Die mehrheitlich katholischen Italiener interessierten sich sehr für die überwiegend evangelischen Deutschen – aber nicht umgekehrt.

In der Schulungsgruppe war auch Maria Clemenza Cereghini aus Mailand, zu der Michael eine engere Beziehung hatte und wegen der er überlegte, ob er sich für Ehe und Familie oder für den Orden entscheiden sollte. Für „Miché“ war es sehr schmerzlich, als er sich für den Verbleib im Orden entschied. Ebenfalls in diesem „inneren Kreis“ war Ricarda, eine Sozialarbeiterin aus Berlin, mit der Michael sich oft und lange unterhielt. Dieser Som-


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mer stellte also die Weichen für Michaels Zukunft, wie mir scheint. Eines Tages stellte er mir seinen Mitbruder Gerd Büntzly aus der Kloputzer-Kolonne vor. Gerd spielte beim Kloputzen Mundharmonika, um die Leute bei Laune zu halten. (Später fanden wir heraus, dass seine Mutter und meine Mutter in Bielefeld gemeinsam den katholischen Religionsunterricht besucht haben.)

Eine lustige Episode ist mir noch in Erinnerung: Wolfgang Vogelmann aus Hamburg musste nachts einen Zug nach Norden in Bourg en Bresse erreichen. Also fuhren Miché, Michael und ich dorthin. Wir mussten den Bahnbeamten hinter dem Schalter wecken und dann wusste er nicht, wo Hamburg liegt. Nachdem ich ihm das erklärt hatte, schaute er in die Kursbücher und fragte: „Altona, Dammtor oder Hauptbahnhof?“ Wir sind fast gestorben vor Lachen. Dann quetschten wir uns noch kichernd zu viert in einen Fotoautomaten und teilten die resultierenden Bilder unter uns auf – mein Exemplar habe ich leider längst verloren.

Im nächsten Frühjahr besuchte ich Miché in Mailand auf dem Weg nach Nizza. Ihre zehn (?) Geschwister und ihre Eltern waren mir sehr sympathisch. Miché arbeitete als Lehrerin in einer Schule nahe beim Alfa-Romeo-Werk und ihre Schüler waren überwiegend Kinder der dortigen Arbeiter und Angestellten. Ihr Vater, Dottore Cereghini, war stolzer Lombarde und zeigte mir das berühmte Abendmahl-Gemälde von Leonardo da Vinci.

In Nizza machte ich ein Schulpraktikum am Lycée Estienne d’Orves und nahm abends an den Alphabetisierungskursen der Hochschulgemeinde für Nordafrikaner, die als Streikbrecher missbraucht wurden, teil. Der Studentenpfarrer, ein Jesuit, ermöglichte einer Freundin und mir ein paar Ferientage im Gästehaus „Bello Sguardo“, oben auf der ersten Anhöhe der Seealpen, die wir sehr genossen haben: die väterlichen älteren Patres, die gute Bibliothek, die schöne Umgebung. Ich machte auch einen Tagesausflug mit einem alten flämischen Pater nach Monaco ins ozeanographische Museum. Wir fragten uns dort, ob ein tropischer Fisch sich seines Gelbseins bewusst wäre. Ohne Befragen des Fisches selbst kamen wir aber zu keiner schlüssigen Lösung.

Damals studierte ich in Mainz und es gab auch eine Taizé-Gruppe in Rheinhessen, mit der ich viel zusammen war. Irgendwann verfielen wir auf den Zen-Buddhismus, übten Lotussitz und fuhren nach Frankfurt, um Graf Dürckheim „in echt“ zu erleben. Zu der Zeit war auch Gerd Büntzly in Frankfurt und natürlich besuchte ich auch ihn. So lernte ich Pater Kilian und irgendwann auch Christian Herwartz (in Sankt Georgen) kennen.

Gerd trat bald darauf aus dem Orden aus und studierte in Köln weiter. Aber da pakkte ihn die Bundeswehr.

Ich machte ein Auslandsstudienjahr in Nancy in Lothringen und fuhr auch von dort aus oft nach Taizé, um im Empfang oder beim Übersetzen zu helfen. Einmal kam Kardinal König zu Gast und Bruder Rudolf wollte, dass ich dessen Ansprache übersetzte, direkt ins Mikrofon. Aber da rutschte mir doch das Herz in die Hose und Bruder Rudolf machte es selbst. – In der Hochschulgemeinde von Nancy waren viele in der kommunistischen Studentengewerkschaft. In Deutschland wäre das undenkbar gewesen.


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Im Verlauf des Studienjahrs wurde Gerd und mir klar, dass wir eine „Beziehung“ miteinander haben wollten und als die Bundeswehr ihn wieder laufen ließ, setzte er sein Romanistikstudium in Mainz fort und wir zogen zusammen. Gemeinsam besuchten wir Johannes Heinrichs, ebenfalls Ex-Jesuit, in Bonn und nach einer der großen Friedensdemos Christians Familie in Meckenheim. Wir besuchten auch Christian selbst in Ivry bei Paris. Nach Toulouse war er dort in einer Jesuiten- und Arbeiter- WG. Wir hatten gute Gespräche dort, auch mit den charmanten Mitbrüdern von Christian. Das Phänomen der „Arbeiterpriester“ war mir aus dem Buch vom Gilbert Cesbron, „Heilige gehen in die Hölle“, vertraut und von einer Chartres-Wallfahrt, wo ich in der Gruppe eines Arbeiterpriesters war, der uns von seiner Arbeit erzählte.

Kurz nach meinem ersten Staatsexamen und Gerds Jahr in Spanien (wo er sich u.a. mit Ex-/Jesuiten, die Arbeiter in einer Raffinerie waren und blieben, anfreundete), bekamen wir eine Einladung zu Michaels Primiz in Marxzell. Mit dem Fahrrad fuhren wir am Vortag dorthin, machten aber kurz vor dem Ziel schlapp und wurden von Michael mit einem Großraum-Bulli mitsamt der Fahrräder aufgesammelt. Hier ist mir ein besonders schönes Ereignis in Erinnerung. Beim Abendbrot saß mir ein Mann gegenüber, den ich zwar nicht kannte, dessen Name mir aber äußerst geläufig war: Pater Vitus Seibel. Mein älterer Bruder war nämlich während seiner ganzen Gymnasialzeit Schüler im Kolleg St. Blasien und „Padder Seibel“ war neben dem Pfortenbruder die wichtigste Person dort für ihn.

Wir waren auch mal zum Familientreffen zu Pfingsten dort. Ich erinnere mich an „Minna von Barnhelm“, nur von Jungen gespielt! Nachdem ich das erzählt hatte, konnte sich „Vite“, wie Michael sagte, gar nicht wieder beruhigen: „Die Schwester von Pille!“ Mich hat das natürlich auch stark beeindruckt und amüsiert. – Der nächste Tag war ein herrlicher Sonnentag und ich erinnere mich an Michaels strahlendes Lächeln und seinen zweireihigen blauen Anzug, der ihm sagenhaft gut stand. Wir lernten auch seine Familie, die netten Eltern und die zahlreichen Geschwister kennen – fast dasselbe wie Familie Cerghini in Mailand! Die Mutter zeigte mir im Fotoalbum Bilder von Michael als Kind. Beim Festmahl saßen wir mit einem Arbeitskollegen von Christian aus Frankreich und einem Pater aus Ravensburg, von Michaels praktischem Jahr dort, zusammen.

Wenig später gründeten Michael und Christian die Jesuiten-WG in Berlin-Kreuzberg, nachdem sie vorher ein Weilchen im Wedding gewohnt hatten. Nach meinem zweiten Staatsexamen trat ich meine erste Stelle im Gymnasium Bendorf an, wo ein Schulversuch zur Integration körperbehinderter Schüler lief. Nebenher arbeitete ich ehrenamtlich im Koblenzer Frauenhaus. Dort gab es viele Vorfälle, von denen ich mir als „höhere Tochter“ nie etwas hätte träumen lassen. So gab es einen Prozess wegen versuchten Mordes. Ein Priester, den auch Christian kannte, hatte dem gewalttätigen Ehemann den Aufenthaltsort der Frau verraten. Der Prozess musste wegen Befangenheit des Richters (Verharmlosung der Tat zugunsten des Täters) neu aufgerollt werden…

In der Zeit fuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Berlin und fand die Reise mit den ganzen Kontrollen sehr aufregend. Vorrangig besuchte ich das 1. Berliner Frauenhaus im Grunewald, um zu sehen, wie es dort lief, habe mich aber auch mit


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Michael verabredet. Als er mich am „Schlesischen Tor“ abholte, dachte ich zunächst, es sei ein Fußballstation in der Nähe – nein, das sei die Mauer, sagte Michael. Kurz zuvor war ich mit Sonderpädagogen in Israel gewesen und hatte Pitas und Kichererbsenbrei kennengelernt. Nun sah ich, dass man so etwas auch bei Flutlicht an der Mauer essen konnte! Oben in der Wohnung hielt eine junge Frau einen Vortrag über ihre Reise nach Nicaragua. Anschließend noch gemütlicher Klönschnack beim Tee in der Kneipe. Das war das letzte Mal, dass ich Michael gesehen habe. Wenig später hörte ich von seiner Erkrankung und schließlich, unsere Tochter Johanna war noch kein Jahr alt, von seinem frühen Tod mit 38 Jahren.

Inzwischen wohnten wir im Westerwald, bei Montabaur, und zogen von dort hierher, nach Herford, um meiner Mutter, die kränkelte, nahe zu sein. Mitte der neunziger Jahre besuchte uns Pedro Escobar, nachdem er bei einer wichtigen Versammlung in Rom gewesen war. Pedro war mir aus Gerds Erzählungen aus der Zeit in Pullach und München wohlvertraut. Vor allem erzählte er von den „Raspis“, den Radikal- Spirituellen. Nun sah ich Pedro also leibhaftig. Er erzählte von seiner Arbeit in Mexiko-City und in Los Angeles. Er zeigte uns auch Fotos von den ermordeten Jesuiten und einer Frau mit ihrer Tochter, die den Haushalt geführt hat, in El Salvador. Seither ist er wie verschollen. Wir vermissen seine bunten Weihnachtsgrüße. Wie mag es ihm gehen?

Vor zwei Jahren waren wir bei Christians Fest in Berlin und trafen auch Gerds Verwandte, Elisabeth Dreißig und Angelika Goder, die Christian gut kennen. Vorletzten Sommer machten Johanna und ich eine Radtour durch Meck-Pomm und kamen nach Stralsund – wo vor vielen Jahren Christian geboren ist, weil sein Vater Kapitän oder so was war.

Jetzt höre ich von Christians „Alltagsretreats“. Dasselbe machte auch Tom Geist, der im letzten Jahr verstorben ist, der Übersetzer von dem Buch von Sogyal Rinpoche, „Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“.

Durch die Lektüre von „Mut und Gnade“ von Ken Wilber bin ich erneut zur Meditation gekommen, die Vipassana-Meditation dieses Mal. Inzwischen war ich mehrmals in Bad Herrenalp zum Zehn-Tage-Kurs. Auf dem Weg dorthin hält die Albtalbahn auch in Marxzell. Wieder ein Grund an Michael Walzer zu denken. Letzten Sommer nahm ich am „Internationalen Mystik-Kongress“ in Münsterschwarzach teil, ausgerichtet von Karmelitern und Benediktinern. Aber es war auch Pater Josef Sudbrack dort und referierte. Den praktischen Teil dazu möchte ich bald in Birkenwerder machen. Sieht Pater Reinhard nicht ein weinig wie Michael Walzer aus?

Wenn ich so recht überlege, begleiten Jesuiten mich schon recht lange. In meiner katholischen Kindheit hatte ich ein Vorkriegs-Kinderbuch in alter Schrift über Aloisius von Gonzaga mit wunderschönen Zeichnungen von den spanischen Adeligen mit ihrer interessanten Kleidung zur Zeit der Conquista – leider habe ich es nicht mehr. Später las ich mit Begeisterung die Abenteuer von Pater Adam Schall in China. Noch später las ich die Romantrilogie (Die Hexe, Der Hexenanwalt, Das Kölner Tribunal) von Wolfgang Lohmeyer über Friedrich von Spee. Seither verehre ich ihn. Ich beschaffte mir nicht nur die „Cautio Criminalis“, sondern klemmte seiner Statue in


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Trier aus Dankbarkeit eine Rose unter den Fuß, das Grab habe ich nicht gefunden. Was für ein Mut, was für eine Hingabe in finsteren Zeiten. Wieso ist er noch nicht selig- oder heilig-gesprochen? Nun möchte ich ihn als Mystiker näher kennen lernen – aber wie?

Letzten Herbst war ich mit Johanna in Taizé, um ihr eine besonders sympathische Version des Christentums vorzustellen und um ihr zu zeigen, wo Papa und Mama sich kennen gelernt haben. Ist Taizé nicht selbst eine Schule der Mystik, mit den schönen mantra-artigen Gesängen? Bruder Wolfgang fand es prima, dass schon die zweite Generation nach Taizé kommt. Bruder Rudolf ist seit Jahrzehnten in Brasilien. Jetzt freue ich mich auf das Fest in Kreuzberg im kommenden Frühjahr, direkt nach Johannas Abitur.

Herford 8. Februar 2004

 


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OTTO KLEWER
* 13. 2. 1923 + 24. 2. 1995

Otto lebte in der Sorauerstraße 13 im Seitenflügel. Seine Frau war gestorben. Manchmal kam er zum Abendbrot zu uns. Er verlor seine Wohnung und schlief auf Baustellen. Eines Tages fragte er, ob er eine Nacht bei uns im Wohnzimmer schlafen könnte. Otto blieb 10 Jahre. Sein schlichtes Leben war eine Reichtum für uns. Kurz vor einer Operation am Bein starb er dann für uns plötzlich. Im Gedenken an ihn schrieben seine wiederentdeckten Söhne und die Wohngemeinschaft:

Einige Stationen aus seinem Leben:
Otto hat seine Eltern wohl früh verloren, Kinderheim in Beeskow, Knecht mit 14 Jahren, Krieg, Gefangenschaft in Frankreich. 1953 Heirat. Nach einigen Jahren wieder allein. Später lebte er lange mit Käthe zusammen in der Sorauerstraße 13 in Kreuz-


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berg. 1983 kam sie ins Altersheim, er auf die Straße. Dann wohnte er über zehn Jahre in unserer Wohngemeinschaft.

Otto prägte das Zusammenleben mit seiner Bescheidenheit und seiner Freundlichkeit besonders gegenüber Kindern und er hatte großes Vertrauen, daß für ihn gesorgt wird, ohne daß er seinen eigenen Willen aufgab. Nach seinem 72. Geburtstag hat er an den gleichaltrigen, vor 2 Jahren verstorbenen Fritz erinnert, mit dem er einige Jahre im Zimmer zusammengelebt hat.

Die beiden haben sich jetzt sicherlich viel zu erzählen.

Beerdigung: 7.3.95, 13 Uhr, Alter St. Thomas Kirchhof

 

PETER MUSTO

Peter Musto
Behinderung als Chance

„Da ich immer auf Hilfe angewiesen war,“ – schrieb der blinde J. Lusseryran – „sind Freundschaften im Laufe meines Lebens wichtig, sehr intensiv geworden. Die Behinderung hat mich nicht abgesondert, sondern mich mit Menschen verbunden. Ich war dankbar dafür und lernte Gott zu danken für meine Blindheit“. Jesuiten sind im allgemeinen nicht für ihre Hilfsbedürftigkeit, Ungeschicklichkeit oder Schwäche berühmt. Trotzdem gibt es Jesuiten, die nichts Großes geleistet haben, die mit keiner wichtigen Aufgabe betraut werden konnten, die ihren Platz notgedrungen unter den weniger Angesehenen gefunden haben. Es gibt sogar welche, die bewusst unter den gesellschaftlich und kirchlich Benachteiligten, Ausgegrenzten oder Schwachen leben wollen.

Schon als Kind, als Flüchtling, als heimatloser Ausländer, von Bombenangriffen aufs Land getrieben, wo es keine männlichen Arbeitskräfte gab und die allein gelassenen Bäuerinnen sich über die Ankunft von uns Flüchtlingskindern verständlicherweise nicht freuen konnten, habe ich Not, Betteln, Demütigung erfahren. Als 20-jähriger kam ich nach Frankreich, ohne die Sprache zu verstehen. Du kommst dir vor wie ein hilfloses Kind. Wenn du einen ansprichst und einen Satz zu formulieren versuchst, während du noch stotterst, merkst du bereits die Ungeduld beim Angeredeten, der schnell von dir zu fliehen sucht. Alles ist dir fremd, die Speisen und Sitten ungewohnt. Du weißt nicht, was du darfst und was zu tun unangebracht ist. Diese und ähnliche Erfahrungen haben mich für Menschen in Notsituationen sensibler werden lassen.

Annäherungsversuche zum Leben:
Doch gerade in Frankreich erfuhr ich zum ersten Mal von der Sorge, vom Anliegen vieler in der Kirche, die betroffen waren über die Entfernung der kirchlichen Sprache, Lehrsätze, Moralvorschriften, Lebensweise der Priester, vom Leben und von der Vorstellungswelt ihrer Zeitgenossen, vor allem der Arbeiterklasse. Manche suchten deshalb die Nähe der Menschen in Industriebetrieben und in Wohnsiedlungen. Ich lernte Priester kennen, die in Fabriken gearbeitet haben und andere, die am Rande der Großstadt in Elendsviertel zogen, um so die Lebensweise der ärmsten Familien


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zu teilen. Nur dort, wo die gleichen Lebensbedingungen erfahren werden, wird auch eine von allen verstandene Sprache entstehen.

Die Einladung zur Gründung einer kleinen Wohngemeinschaft von 3 Jesuiten in Berlin- Kreuzberg, hat mich allerdings erst 1978 in Lima / Peru erreicht, als ich 13 Monate lang mit Rucksack beladen von Mexiko bis Bolivien in Lateinamerika unterwegs war. Den „Armen“ wollte ich dort nahe sein und die konkreten Auswirkungen der Befreiungstheologie kennenlernen. Diese Theologie, d.h. Gotteslehre, die nicht am Schreibtisch, sondern inmitten von Basisgemeinschaften von unterprivilegierten Völkern und benachteiligten Menschen entsteht, hat diesen vernachlässigten Kontinent wachgerüttelt und mit Hoffnung auf eine freiere und gerechtere Welt erfüllt.

Auf der Suche nach Arbeit:
Im Herbst 1978 bin ich dann in Berlin eingetroffen, wo Christian und Michael bereits auf mich warteten. Während die beiden in der Metall- bzw. Elektroindustrie arbeiteten, versuchte ich in einer Gärtnerei oder in einem Krankenhaus oder im Gastgewerbe unterzukommen. Seit diesen Tagen habe ich die Arbeitsuchenden achten gelernt. 43 J. alt wurde ich von den möglichen Arbeitgebern misstrauisch als obdachloser Alkoholiker oder als Strafentlassener gemustert. Ich schaffte es nicht, die Belastung der Vorstellungsgespräche täglich auf mich zu nehmen. Bis ich eines Tages auf dem Weg zu einem neuen Stellenangebot von einem Auto überfahren wurde. Mit Beinbruch lag ich dann einige Wochen auf dem Krankenbett, wo der Wunsch nach Lateinamerika zurückzukehren in mir stärker wurde.

Spüler im Restaurant an der Gedächtniskirche
Schließlich landete ich in dem Spülraum hinter der Küche von Schultheiß an der Gedächtniskirche. Mit türkischen, jugoslawischen und illegalen asiatischen Arbeitskollegen machte ich meinen Versuch eine ganz normale Arbeitskraft zu werden. Am Ende jeden Tages war ich dermaßen erschöpft, dass ich zuerst nicht nach Hause gegangen bin, sondern mich in einem Park ausruhte, um meinen Zustand daheim nicht merken zu lassen. Bezahlt wurde ich sehr schlecht. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich Gegenstand von Spöttelei geworden. Eine Türkin machte sich über mein Schielen lustig, wenn sie mich sah.

Eine ganz neue Erfahrung machte ich: ich habe gestohlen. Nicht, weil ich es wollte. Es kam über mich: ich nahm im Restaurant alles mit, was ich nur mitnehmen konnte. Nicht weil ich etwas brauchte: aus einem unverständlichen inneren Drang. Wichtig war für mich in Kreuzberg die kleine Gemeinschaft, unsere Wohngemeinschaft, die offen war für alle, die kamen. Auch ich suchte in der Stadt die unterschiedlichsten Gruppen auf. Unter anderen machte ich mich mit der Gruppe „Homosexuelle und Kirche“ bekannt. Doch nur ein Jahr blieb ich in Berlin. Lateinamerika rief mich. Christian und Michael ließen mich ziehen. So bin ich eine Außenstation der Kreuzberger Gruppe geworden. Michael besuchte mich in Bogotá 1981 und ich kam immer wieder nach Berlin zurück.

Bogotá / Kolumbien:
Bevor ich noch den Mund aufgemacht habe, hat in Lateinamerika jeder bereits gesehen, dass ich ein Fremder bin. Fremde aus Industrieländern sind in Kolumbien pri-


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vilegierte Menschen. Priester und Ordensleute gehören ebenso zu den Privilegierten. Viele kirchliche Würdenträger und Leute aus der Oberschicht wollen „den Armen helfen“, wie sie sich ausdrücken. Andere dagegen, vor allem viele Ordensfrauen und Ordensmänner, wollen das Leben teilen und lassen sich in Stadtvierteln nieder, wo die Wohnverhältnisse und Lebensbedingungen nicht die der privilegierten Klassen sind. Dort sind die Wohnungen klein und armselig, für die Nachbarn aber vertraut und leicht erreichbar.

„Was nützt es den Menschen“ – sagte mir eine wohlhabende und sehr großzügige und hilfsbereite Dame – „wenn Du mit ihnen Zwiebeln oder Kartoffeln schälst? Sie brauchen gerechte Löhne und bessere Wohnungen“. Klar. Trotzdem überrascht es mich jedes Mal, wenn gerade Christen so argumentieren. Nach christlichem Glaubensbekenntnis hat Gott eben dadurch den Menschen das größte Geschenk gegeben, dass Er einer von ihnen geworden ist, dass er ihnen gleich wurde, dass Er in ihnen Leben geworden ist.

So zog auch ich in eine winzig kleine Wohnung ein, wo ich von allen Seiten den Rausch oder Ehestreit meiner Nachbarn aus nächster Nähe verfolgen konnte. Ich bin immer in den vollgestopften öffentlichen Bussen gefahren und habe meine Ziele immer zu Fuß erreicht. Eins wollte ich werden mit meiner Wahlheimat und mit dem gemeinen „Volk“ von Kolumbien. Doch etwas konnte ich kaum ablegen: eben helfen zu wollen: Wohnung, Arbeit, Arzt, Schule usw. für Hilfesuchende zu besorgen. Je mehr ich mich angestrengt habe zu helfen, umso weniger Erfolg hatte ich. Bis ich es begriff: als ich mich stark geglaubt habe, war ich allein. Als ich jedoch mir erlauben konnte schwach sein zu dürfen und mich über die Stärke anderer freuen konnte, habe ich das Wort vom Hl.Paulus verstanden:

„Die Gnade erweist ihre Kraft in der Schwachheit…, denn wenn ich schwach bin, bin ich stark“ (2 Kor.12, 9-10).

Szeged 20.12.2002

 

RAMON

In Damaskus/Syrien ist Ramon geboren. Seit seiner Studentenzeit in den 60er Jahren lebt er in Deutschland und hat hier gearbeitet. Irgendwann in den 80er Jahren verlor er die Aufenthaltsberechtigung in Deutschland, konnte aber auch nicht zurück in seine Heimat. Er war ein Fall für die Härtefallkommission. Als über ihn beraten werden sollte, war sie nach dem Regierungswechsels aufgelöst. Er wartete auf die nächste Wahl im Verborgenen. Doch es kamen wieder dieselben Parteien an die Regierung. Ramon wartete. Er brauchte ärztliche Betreuung, einen Krankenhausaufenthalt. Nun begann er regelmäßig im Koran zu lesen und wurde eine feste Größe in unserer Küche mit seinen Büchern auf Arabisch. Gern gibt er Auskunft. Möchte viele vor der Hölle retten. Bei einer Hausdurchsuchung wurde er entdeckt. Er war nun zu alt für die Abschiebehaft und bekam 2004 eine Duldung. Ein großes Aufatmen mit 74 Jahren.


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Henning Brandis
Eine Ausstellung ruft

Es war im März 2001, da sprach ich zu Ramon, dem Muslim:
„Eine Einladung kommt zu Dir, eine Ausstellung ruft, komm mit mir in die Mitte der Stadt, Unter den Linden, zur „DEUTSCHE GUGGENHEIM BERLIN“, es wird Dich interessieren und auch freuen, Ramon“

„Was ist das, eine Ausstellung mit arabischen Handschriften?“ entgegnete er zweifelnd, während seine selbstgedrehte Zigarette sich dem Ende neigte, und so musste ich all meine Verführungskünste aufbieten, um ihn dahin zu locken, noch in der UBahn am Halleschen Ufer sah er mich mit großen fragenden Augen an. Als wir die stark abgedunkelten Räume der Ausstellung betraten, wie vom „Stern aus Medina“ getroffen, eilte Ramon sofort auf eine der Vitrinen in der Eingangshalle zu, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen, er blieb wohl einige Minuten über die Glasscheibe gebeugt dort stehen und ich bemerkte von der linken Seite schauend, wie sich seine wulstigen trockenen Lippen bewegten.

„Sag mal, kannst Du das alles lesen, magst Du es mir übersetzen“ flüsterte ich ihm in sein rechtes Ohr. „Klar“, und sein Gesicht strahlte wie ein begeisterter Junge aus Damaskus, „das sind HEILIGE TEXTE, die kann ich lesen, warte hier“, er begann langsam und bedächtig eine Übersetzung, und nach der vierten oder fünften Vitrine folgte uns beiden ein kleiner Strom von neugierigen, mithorchenden Besuchern, was mich zu der Bemerkung veranlasste, ob Ramon nicht die Hand aufhalten wolle, er lachte und schritt zur nächsten Vitrine im Hauptraum.

Nach einer Stunde in der Ausstellung hatte ich ihn verloren, die Menschentraube um ihn herum war mächtig angeschwollen, er war in seinem Element: Worte des Propheten, SCHRIFT UND KUNSTHANDWERK IN DER AUSLEGUNG DES KORANS UND KALLIGRAFISCHE INKUNABELN DER OSMANISCHEN BIBLIOTHEKEN, Ramon schwamm geradezu in den Bilderzyklen und Ornamenten dieser einzigartigen und wunderbaren Ausstellung in der Mitte von Berlin, er wollte immer noch tiefer in die Texte eindringen, bis ich ihn bat, mir zum Bahnhof Friedrichstraße zu folgen, um einen Espresso-Café zusammen zu trinken. Er grinste ganz schelmisch, nahm die 3 Postkarten mit den Abbildungen der schönsten Kalligrafien hinunter.

Am Imbiss von „segafreddo“ in der Bahnhofshalle setzte er sich auf einen Barhocker und wartete, bis ich ihm den Café brachte, wir beide waren noch ganz erfüllt von der künstlerischen Prächtigkeit dieser Blätter, in seinem Geist und seinem Herzen wogten wohl die Erinnerungen an seine arabische Heimat, seine Kindheit und Jugendzeit in Syrien, all diese Splitter der Vergangenheit tanzten durch seinen „mind“. Nachdem er seine selbstgedrehte Zigarette ausgeraucht hatte, brachen wir auf zum Heimweg in die Naunynstraße 60.

Es war ein wunderbarer Tag für uns beide und zurück in der Küche umarmte ich ihn ganz herzlich für dieses Geschenk der Übersetzungen, und überhaupt für die Freude und den begeisterten Ausdruck, den er mir und den anderen Menschen in der Ausstellung dargebracht hatte.

Hannover 30. Oktober 2003, dabei lag eine Postkarte:
„Siegel des Sultans“ – Osmanische Kalligrafie aus dem Sakip-Sabanci-Museum,
Sabanci-Universität, Istanbul


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RÜDIGER GLADEN

Als Philosophiestudent in München füllte Rüdiger als junger Jesuit ein ganzes Heft (Januar 1963) mit einem Gespräch mit Christian, Franz, Hanns und Michael über die Jesuitenkommunität in Kreuzberg. Gut ein Jahr später trat er aus dem Orden aus und wohnte lange in der WG-Naunynstraße. Er war psychisch stark angeschlagen und fand trotzdem seinen Weg. Er begann wieder Philosophie zu studieren. Arbeitete nebenbei für den Lebensunterhalt. Heiratete eine Philosophiestudentin aus Süd- Korea. Machte den Doktor in Philosophie und schrieb dann eine Habilitationsschrift.

Vieles gäbe es aus den Jahren zu erzählen, in denen er mit seiner Frau Bonghwa Shin meist um die Ecke in der Oranienstraße wohnte, aber auch in Frankfurt/Main. 2002 sind die beiden nach Süd-Korea gezogen, wo Rüdiger eine Arbeit an der Universität Kangnung fand. Eine ganz unglaubliche Geschichte.

 

Rüdiger Gladen
Kleine heftige Erzählung

Die schwere Luft von der Kokerei, schmales Rot über den Dächern, Kindergeschrei, die größere Stille zwischen den Häusern, die im Fallen kein Tag hält; die paar Schritte, wie immer die letzten.

Jemand stirbt. Die Mülltonnen werden beiseite gestellt. Es trägt sich fort. Die Kinder, die herumstehn, nimmt es mit. Bäume in Fenstern, die sich an irgendwas erinnern, dazu der feuchte Abend. – Wieviel wiegt man noch?

Ich hatte gesagt: Ich nehm meinen Koffer und stell ihn vor die Tür, ich schließe ab, von innen. Jemand sagte: Warte noch, pack die Sachen endlich aus, gib ihnen den Platz, den sie haben. Wo zwei oder drei zusammen sind, da ist einer unter ihnen. Ich fragte: Wer? – Du, wer sonst!

Mit dem Zug durchstoße ich bald darauf die ummauerte Stadt. Nach vorn und nach hinten.

Nicht nur Verrat und Anpassung, Verblödung und Lebenslüge, auch die Angst hat sich breitgelegt für einen Stundenlohn. Die Idylle ist ein linkes und ein rechtes Wort, es ersetzt die Bewegung. Worte, wie Knebel im Bauch, stehn uns aus Ohren, Mund und Darm: das sind unsere Verdauungsbeschwerden.

Der Gürtel ist nicht geschnallt, nichts zugesteckt, deine Schwächen sind allen offen, besonders denen, die davon leben. Das Handtuch hat jemand geworfen, da warst du noch gar nicht da, das war die Windel, in die du gemacht hast. Zieh deine Hose zu, dass du nicht nass wirst wie ein Sack Hundefutter und was du dir oben zuführst, dir unten nicht glatt durchschlägt.

Dieses Land im Bruttosozialprodukt, das Niederkunftsbrett, wenn wir nicht darauf geboren werden, sind wir nicht. Die Sonne dreht sich um die Erde und die ist flach, sagen die Müttermedien; im angebotsgeilen SIE sind wir zu Hause, es hält uns aus in unseren Erinnerungen, am langen Arm; wir kommen nirgendwo vor. Das läuft nicht nur über die Zähne, sondern über die Schamgrenze, hier, wo ich vielleicht den Finger einschlagen kann, um dieser Zeit die Haut zu ziehen, um zu sagen: Gebt nur her, ich krieg eure Träume schon klein – das ist vorbei: der Hund hinterm


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Zaun, der für euch spricht (ich vergess dich nicht, du Vieh!), schmale Fenster, misstrauische Augen, der Mund, wenn er Blasen wirft! Wer beide Beine verloren hat, da braucht es nicht viel, ihn aus den Schuhen zu kippen. –

Geh weiter.

Nachts gibt es vielleicht einen Engel, ich meine, ein Lächeln, das die Gewichte verlegt auf die Seite von weniger Bitterkeit (so wie bunte Bänder durch die Wohnung ziehn, Horizonte, und die einsichtigen Alten von Vernunft reden lassen). Du gehst und die Zeit bricht kreuzweise und du findest etwas: den Haken, an dem du die Landschaft mit krummen Fingern aufziehst. Merkwürdig ist, dass jeder Strick, der diesem Land gezogen wird, ein blutiges Ende hat.

Und dann wirst du nervös, wie ein Kind, das nicht pinkeln darf: wie und wohin damit? Das wird aus den Hosen gehoben und hingestellt und ausgeräumt, so wie du jetzt das Buch hältst, das dir erklärt, was Demokratie ist – vierzig Jahre später (du Krüppel, wo kommst du her?). – Manchmal erinnert sich die Demokratie an sich selbst: in den Wind gehängte Sätze, braun wie Abgetriebenes, scharf durch den After. Was soll ich denn tun? Die Kulturpriester in Deutschland saufen Champagner, und ich nur das Unverdünnte. Die Geschichte tragen sie auf den Schultern wie einer, dem sie den Fernseher ins Genick geschoben haben.

Soweit ist es gekommen, dass ich mich freu, wenn ich kalten Zimmern wenigstens von meiner Körperwärme zugebe. Aber vielleicht gibt es ja einen Punkt, wo wir den geringsten Schatten werfen, eine schmale Wunde, die uns die Herkunft bestätigt. – Und deshalb: Zieht man dir auch alle sieben Häute, du stolperst nicht, du jedenfalls nicht, über den aufgeworfenen Müll. Du bist wie der Scarabäus, der seine Sache vorwärtstreibt. Diese Pille aber musst du schlucken, solcher Wille rollt das Land ab, im Laufschritt der Maschine, der Verdauungsapparat vor allem der Sprache. Und das Nichts ist nur das Defizit von Angebot und Nachfrage, das sich die Phantasten leisten. Und die kleinen und größeren Aufregungen sind, was man zum Leben braucht: der Löffel, um die Suppe von unten nach oben zu stossen, dass der Geschmack wieder mal durchschlägt. Und dann in der U-Bahn die zwei alten Frauen, die gerade aus dem Krieg kommen, Kartoffeln und Kohlen organisieren. – Ich will hier raus.

Wieviel kostet ein Deutscher? Die Rente, die 35 Stunden Woche, die Arbeitslosenstatistik … Schneid mir mal rein da, das Kind da guckt an mir vorbei, als wär ich gar nicht mehr da; und die Hunde rennen neben mir her mit hängender Zunge, als hätt ich kein Blut für sie. Die Blumen blühen vor sich hin, als hätten sie das irgendwo nur gelernt; und alle mit Kuhblick auf Fahrrädern an mir vorüber. Hier bist du verurteilt zu jedem gleichen Gesicht. Übersetz dir das mal ins Fremde, das Gleiche nämlich, an dem die Leute sich festhalten, wie das Kind am Gitter seines Laufstalls – das weiß nicht, wo es ist.

Soll ich lieber rohes Fleisch kauen als eigene Sätze reden? Dass ich nichts tue, stimmt ja nicht; dass ich nicht bin, schon eher. Bevor das Leben anfängt, und was da noch quer geht mit hängenden Armen, hat es schon die hart gerittenen Schaumkronen vorm Mund. Nirgendwo auch nur 1 Auge, das sähe, was es verspricht. Du bist nicht einmal tot, du bist dein tieferer Fuß, der in die Erosion der Stadt abgeht.


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Da sammelt sich alles, eins nach dem anderen, und ich setz mich, weil niemand was sagt. Das gehört allen und keinem, und so seh ich die Gegend, während ich rauche. Ausatmen, Einatmen. Warten tun wir auf was Schönes. Ich auch.

(aus Notizen der Jahre 1985-87, da ich Mitbewohner der Kreuzberger Kommunität war)
Kangnung/Süd-Korea 9. Januar 2003

 

STEFAN TAEUBNER

Stefan Taeubner
Mit ihren Augen sehen
Leben auf der Flüchtlingsinsel

Pulau Bidong heißt eine ca. 5 qkm kleine Insel vor der Ostküste Malaysias. Zusammen mit rund 5000 vietnamesischen Bootsflüchtlingen hatte es mich dorthin im vergangenen Jahr als Mitarbeiter im Jesuit Refugee Service (JRS) verschlagen.

Die Insel, die mit einem Boot in einer Stunde von der Hafenstadt Kuala Trengganu aus zu erreichen ist, besteht eigentlich nur aus einem tropisch bewachsenen Berg, Felsbuchten und Palmenstränden. Eine Paradiesinsel also, wie aus dem Reiseprospekt, wenn nicht… Ja, wenn es nicht dort dieses Erstaufnahmelager für Bootsflüchtlinge gäbe. Alle an der Küste Malaysias anlandenden Flüchtlinge werden hier zentral gesammelt. Während meiner Zeit (Sept. 86 bis Sept. 87) waren es gut 200 Boote mit über 8000 Menschen. Ein Flüchtlingsstrom, der nun schon seit 1975 nicht abreißt.

Manches haben diese Flüchtlinge mit unserer eignen Geschichte gemeinsam. Ein geteiltes Land, ein langer Krieg, aufgerieben im Machtkampf zwischen Ost und West. Millionen verlassen ihre Heimat einer ungewissen Zukunft entgegen. Und viele fallen dabei auf See im schwankenden Kahn dem Unwetter oder auch Piraten zum Opfer.

Zusammen mit freiwilligen vietnamesischen Helfern war ich als Sozialarbeiter im Lager für das Beratungsprogramm der Männer zuständig. Wichtig war uns Jesuiten dabei vor allem das tägliche Leben der Flüchtlinge kennen zu lernen und mit ihnen zu teilen. Das umfaßte Aspekte wie: Zusammen arbeiten und gemeinsam essen, Sprache lernen, sich erholen am Strand, trauern um Abweisung, ein Abschiedsfest feiern, durchs Lager gehen, sich gegenseitig besuchen, müde sein, enttäuscht sein, Rat suchen, die Messe feiern oder auch gemeinsam unter dem Druck der Gefängnissituation stehen, am Unrecht leiden, etwas ausfressen, einfach mal ins Grüne der Insel abhauen…

Die intensive Begegnung und Freundschaft, die mit ihnen daraus erwuchs, war eigentlich das Wertvollste der ganzen Zeit hier und läßt sich in einem Bericht kaum fassen.

Frankfurt/M, Oktober 1987, Vorwort zu einem kleinen Heft mit Bildern, kurzen Texten und Dokumenten über das Leben der Flüchtlinge auf der Insel Pulau Bidong


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Ursula Adams
In Münster

Wir lernten uns vor seinem Studium der Sozialarbeit an der Katholischen Fachhochschule NRW in Münster kennen. Er besuchte mich und wollte wissen, wie der praktische Umgang mit Armen Gegenstand der Ausbildung sei. Ich war einer der Dozenten, deren besonderes Interesse den Randständigen gilt. Damals erzählte er mir von seinen bisherigen ausbildungsbezogenen Praxiseinsätzen. Darunter war ein langer Aufenthalt unter Flüchtlingen aus Vietnam. Eigentlich habe er für diese Ausbildungszeit in die Berlin-Kreuzberger WG gewollt, erzählte er. Das sei ihm nicht genehmigt worden. Im Erzählen wurde deutlich, dass die Vietnamesen zu seiner 1. Liebe geworden sind. Und das Leben in der Kreuzberg-WG wurde ihm später hinzugeschenkt.

Nach der Aufnahme des Studiums an der Katholischen Fachhochschule (KFH) begann er ein ausbildungsbegleitendes Praktikum bei dem Sozialarbeiter Bernd Mülbrecht, mit dem er anschließend eng zusammenarbeitete an den Problemen wohnungsloser Menschen in Münster. Zunächst ging er den ca. 70 jungen Leuten nach, die tagsüber am Hauptbahnhof obdachlos herumstanden und störend auffielen. Er sah die Hauptschwierigkeit dieser Menschen so: Keine eigene Wohnung, keine neuen sozialen Erfahrungen und damit keine Möglichkeit, Veränderungsperspektiven zu entwickeln.

In einer Schrift, die 1993 als ein Beitrag in den STIMMEN DER ZEIT (Heft 3 S. 187-196) veröffentlicht wurde, schreibt er: „Die jungen Männer drohen über kurz oder lang zu Dauerarbeitslosen zu werden mit all den körperlichen und psychischen Konsequenzen, die das Leben in diesem Umfeld mit sich bringt.“

Er baute damals zusammen mit den jungen Wohnungslosen eine sozialpolitische Gruppenarbeit auf, die es sich zum Ziel setzte, ihre Situation gemeinsam zu besprechen, selbst Veränderungsschritte zu entwickeln und so nach Aussichten zu suchen, eine neue Wohnmöglichkeit zu schaffen.

Die Gruppe wurde auf verschiedenen Ebenen aktiv, um ihre Ideen durchzusetzen. Gespräche mit allen relevanten städtischen Ämtern und mit einem Trägerverein wurden geführt. Daraus entstand das Projekt „WOHNEN JETZT“. Die Gruppe suchte anschließend im ganzen Stadtgebiet nach leerstehenden Häusern. Dabei fand sich am Stadtrand ein geeignet erscheinendes Objekt: „Haus Lauheide“. Das Liegenschaftsamt der Stadt Münster erwarb die Immobilie. Das Arbeitsamt sagte die Personalkosten zu für die Begleitung und Anleitung der Jugendlichen, die ihr eigenes Haus selbst renovieren wollten. Und schließlich hieß es noch, die künftigen Bewohner hätten wegen ihrer Eigenleistung beim Bauvorhaben zunächst keine Miete zu zahlen.

Haus Lauheide dient immer noch als Wohnung für Wohnungslose. Was Stefan Taeubner mit großem Ernst und Ausdauer begonnen hat, ist zur Beheimatung für Viele geworden.

Kennzeichnend für ihn ist hier in Münster, dass er mit allen, die hier maßgeblich in der Wohnungslosenhilfe tätig sind, eng zusammengearbeitet hat. Mit einigen verbinden ihn freundschaftliche Bande. Viel Sinn zeigte er für alle fröhlichen Ereignisse. Wann immer ein Fest geplant, ein Ausflug vorbereitet wurde, war er dabei,


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wie ein Freund unter Freunden. Und so wurde er wahrgenommen und wird er bis heute gelegentlich vermisst.

Als Stefan Taeubner nach Münster kam, planten einige Dozenten ein Kontaktseminar für Ordensleute und Weltchristen, die neu unter Armen Dienst tun wollten. Er tat gleich mit. Wir gaben dem Seminar den Namen OPTION FÜR DIE ARMEN. Die Seminare finden bis heute einmal jährlich eine Woche lang in der KFH statt. Er hat intensiv mitgearbeitet und ist seither einem großen Kreis von Ordensleuten als zugehörig bekannt, die irgendwo in Deutschland unter Menschen am Rand arbeiten. In den Seminaren fehlt er uns seither. Aber wichtiger ist: Er ist auf seinem Weg geblieben. Die Vietnamesen waren die erste Liebe. Er ist ihnen treu bis heute. Auf Treue und Ausdauer kommt es an bei Menschen, die am Rand leben müssen.

Münster 6. 3. 03

 

Cornelia Bührle
Vertrauen – die unterschätzte Kraft

Was sind das für Menschen, deren moralisches Koordinatensystem intakt bleibt, die unkorrumpierbar standhalten, die selbst in Grenzsituationen wissen, was richtig und was falsch ist, und den Mut aufbringen, danach zu handeln? So Cornelia Schmalz-Jacobsen in ihrem Buch „Zwei Bäume in Jerusalem“ über ihre Eltern, Donata und Eberhard Helmrich, die in der Nazizeit das Leben ungezählter Menschen retteten.

Donata und Eberhard Helmrich waren nicht allein, sie hatten Helferinnen und Helfer: Der befreundete Arzt, einer von Mutters Liste, der schon vielen Illegalen geholfen hatte, tat auch diesmal, was er tun konnte.(ibidem) Bei ihrer Bibelarbeit im Rahmen des Ökumenischen Kirchentages in Berlin 2003 wies Cornelia Schmalz-Jacobsen auf das hiermit verbundene Vertrauen hin: Vertrauen ist eine unterschätzte Kraft – und was für eine Kraft! Vertrauen ist die Grundlage für das Gelingen menschlicher Beziehungen, doch die Faktoren, die über das Entstehen und die Stabilität von Vertrauensbeziehungen entscheiden, sind wenig greifbar. Bei dem einen reicht ein Augen-Blick aus, um Vertrauen zu schenken. Ein Blick in die Augen eines Menschen. Bei anderen bedarf es einer längeren Zeit, um Vertrauen zu fassen. Ohne Vertrauen gäbe es keine Rettung in Zeiten von Drangsal und Verfolgung. Vertrauen ist eine Grundsäule menschlichen Lebens, ohne Vertrauen ist Leben und Zusammenleben überhaupt nicht möglich. (Redeskript Bibelarbeit ÖKT 30. Mai 2003)

Donata Helmrich hatte bereits zweimal ihr persönliches Ausweisdokument als ‚verloren‘ melden und ein neues beantragen müssen. Als sie dann zum dritten Mal einen nagelneuen Ausweis abholen kam, sah ihr der Beamte auf der Meldestelle eindringlich in die Augen und meinte: ‚So, Frau Helmrich, hier ist das gute Stück – aber nun müssen Sie mir auch ganz fest versprechen, dass Sie ihn nie wieder – hören Sie: nie wieder! – verlieren.‘ Meine Mutter war sicher, dass er ihr Spiel durchschaut hatte. Aber er sagte nichts weiter, und das war auch nicht nötig. Sie hatte ihn genau verstanden. (Cornelia Schmalz-Jacobsen, Zwei Bäume in Jerusalem, Hamburg, 2002)


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Ihren Eltern verdankt Cornelia Schmalz-Jacobsen das starke Gefühl, dass Menschen, die ungerecht behandelt werden, Gerechtigkeit widerfahren muss. (Unsere Kinder haben besser tote Eltern als feige Eltern – Die Helmrichs, Dirk Kurbjuweit, DIE ZEIT, 1. April 1994) Dabei waren Donata und Eberhard Helmrich weder besonders politisch noch besonders religiös. Sie wollten einfach normal sein in einer Zeit, in der die Normalität ‚baden gegangen‘ war.(Cornelia Schmalz-Jacobsen) Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. Joh 3, 8

Christian Herwartz SJ und seinen Mitbrüdern, ganz besonders Stefan Taeubner SJ, sowie allen, die durch sie manche Normalitäten in einer Zeit erfahren, in der die Normalität zuweilen „baden geht“, wünsche ich in großer Dankbarkeit und von ganzem Herzen die Segnung vieler. Jemand segnen bedeutet (…) soviel wie jemand Gutes wünschen, ihm Wohlwollen bezeugen, mit ihm Gemeinschaft pflegen. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Das Alte Testament,
Stuttgart/Klosterneuburg, 1980; Fußnote zu Gen 12, 3)

Brüssel 13. Juli 2003, 1993 – 2003 Erzbischöflich Beauftragte für Migrationsfragen

TOBIAS GEßNER

Nach seinem JEV-Jahr in Berlin legte Tobias einen Zwischenstop in der WG ein.

 

Tobias Geßner
Ich war orientierungslos bis zum abwinken

Dieser Text/Brief ist für Christian, aber auch Franz und vor allem an all die, die schon einmal in der Naunynstraße gewohnt haben und damit schreibe ich auch für und an mich selber!

Nach meinem Abitur bin ich im Herbst ´99 für ein Freiwilliges-Soziales-Jahr (JEV) nach Berlin gekommen und Christian war einer unserer Kommunitäts(WG)begleiter, so kam er einmal in der Woche mit Ruth (Ex-Jev Bäckerin) in unsere Kommune (unser Jahrgang war zu viert: 2 Jungen und 2 Mädel; 2 Katholisch und 2 Evangelisch; 3 FSJler und ein Zivi) um mit uns zu reden, uns kennen zu lernen, mit uns zu lachen und zu leiden, um zu lehren und um belehrt zu werden usw. Ich könnte nun über dieses Jahr in der Plesserstraße und die Kommune und JEV im allgemeinen schreiben, aber das wäre eine andere Geschichte!

Wichtig vielleicht nur für mich, dass dieses Jahr für mich ein sehr geborgenes war, in dem ich viel erleiden und erleben konnte. Aber selbstständig war/bin ich nach diesem Jahr Arbeit in Berlin noch lange nicht geworden. Ich hab im Jev-Jahr mit Kiffen aufgehört, aber das Nachbeben dieser ganzen Geschichte kam viel später und zwar unter anderem bei Christian und Franz in der Naunynstraße:

Ich kam ca. Ende September 2000 von Freiburg zurück, nachdem Ende August die JEV-Abschlußreflexion war. Da die WG, in die ich ziehen wollte, in der Flughafenstraße noch nicht einzugsbereit


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war, hab ich Christian gefragt, ob ich für ein paar Tage bei ihm wohnen könnte. Ich konnte mir sogar ein Einzelzimmer aussuchen, was mir zu der Zeit irgendwie wohler war, obwohl ich Matratzenlager sehr romantisch und schön finde. Aber zu der Zeit hab ich Ruhe gebraucht, aber sie mir und anderen, wie das so oft ist, nicht immer gegönnt.

Ich wollte mich nun eigentlich in Berlin in der Freien Universität zum Studium einschreiben, aber ich hatte den Einschreibetermin verpasst oder wie man so schön sagt verschwitzt. Und so „wollte“ ich dann doch lieber eine Ausbildung machen (ein leidiges Thema von mir: geistiges Studium oder Ausbildung in einem Holzhandwerksbetrieb). Na ja, auf jeden Fall bin ich immer mit Christian, Franz und einem Christian, der gerade zu Besuch war, um 8.00 Uhr zum Frühstück aufgestanden und bin dann mit mehr oder weniger Plan durch Berlin gezogen auf der Suche nach einer Beschäftigung. Ich glaube, wenn mir da jemand einen Besen in die Hand gedrückt hätte und gesagt hätte, ich soll die Straße fegen, ich hätte das liebend gern und eifrig entgegengenommen. Doch auf die kluge Idee, mir selber einen Besen zu schnappen und die Straße zu fegen, bin ich natürlich nicht gekommen:

Bezeichnend für mich und die damalige Situation. Ich war orientierungslos bis zum abwinken und ich hab darunter gelitten. Anstatt mit der Frage rumzulaufen: Was will/möchte/sollte ich tun?, bin ich vielmehr mit der Frage zu Leuten gekommen: Sag Du mir, was ich tun soll und ich mach’s. Der eigene Antrieb und die Forderung danach bleiben da natürlich auf der Strecke!

Eigentlich war ich nur 3 Tage in der Naunynstraße, aber es sind viele Sachen passiert: Nach zwei Tagen z.B. bin ich zur Insel in Treptow gegangen, weil ich im Frühsommer dort ein paar Zimmermänner bei der Arbeit gesehen habe und mir dachte, ich könnte doch mal nachfragen, ob sie nicht Arbeit für mich haben, und siehe da, der Chef von „det janze war och da“ und er hat mir seine Nummer gegeben. Beflügelt von diesem Erfolgserlebnis bin ich dann in die nächste Kneipe gegangen und hab ein Bier und eine Kartoffelsuppe zu mir genommen. Dass diese Geschichte später eher schlecht ausgegangen ist, da ich schwarz arbeiten sollte und es keine Perspektive gab, mich zu einem „normalen“ Arbeitsverhältnis „aufzuschwingen“, ist eine andere Baustelle.Am Abend (ich glaube es war ein Dienstag) war dann WG-Abend in der Naunynstraße und wir haben sehr lecker gegessen. Danach haben wir einen Gottesdienst gemacht, den ich wohl nie vergessen werde: alles war so entspannt und natürlich und vor allem echt. Ich hatte echt das Gefühl einen Gottesdienst zu feiern und nicht mit Jacke an auf einer kalten Bank in irgendeiner Kirche, wo ich mich dann fragen muss, was das Ganze noch soll!!

Na ja und dann haben wir alle so gesagt, was uns so auf der Seele und dem Herzen brennt und es war noch eine Ukrainerin (glaube ich) dabei und ich hatte das Gefühl losgeschickt zu werden!! Alles ein bisschen durcheinander, aber so war und bin ich nun mal einfach drauf!!

Ich hab an diesem Abend dann noch den anderen erzählt, dass ich noch am selben Abend in die Flughafenstraße gehen wolle. Irgendwie ist es mir auch zu eng geworden in dieser doch auch von Männern dominierten Wohngemeinschaft! Ich bin dann


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also mit meinem Rucksack weiter und vor mir lag ein schwieriges Halbjahr mit Behördengängen (Arbeitsamt und Sozialamt) und Entscheidungsfindungen, was für einen verwöhnten Süddeutschen ganz schön prägend war. Aber man kann ja immer wieder dazu lernen!!

Zum Schluss will ich noch kurz etwas zu meinem Verhältnis zu Christian sagen: durch die intensiven Komm(unitäts)abende ist Christian für mich so etwas wie ein geistiger Vater geworden, aber mit der Zeit hab ich vor allem nach dem JEV-Jahr gemerkt, dass ich mich auch lösen muss von dem, was Du (Christian) machst und wie Du es machst um das zu finden was mir wichtig ist (sein muss)!!

Siegen 2003

Miriam Bondy 13.1.2002

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Auf dem Weg nach Kreuzberg und die ersten Monate

Christian Herwartz: Der lange Weg nach Berlin-Kreuzberg 110
Norbert Brieskorn: Nach einem Besuch in Kreuzberg 118
Michael, Christian, Peter: Im assistenz-rundbrief sj – zwei Briefe 119

Christian Herwartz
Der lange Weg nach Berlin-Kreuzberg

Michael Walzer und Christian Herwartz lernten sich beim Studium kennen, anfangs in Pullach bei München und nach dem Umzug des Bergmannkollegs – Hochschule für Philosophie – in München. Zwei Jahre dauerte das Studium bis zum Bakkalauriat, eine Art Zwischenprüfung.

Michael kam aus Marxell in der Nähe von Karlsruhe. Er hatte sich in der Schulzeit besonders im französisch-deutschen Jugendaustausch engagiert und war dann direkt nach dem Abitur 1968 in den Jesuitenorden in Süddeutschland eingetreten. Nach dem Noviziat (zweijährige Einführungs- und Probezeit) begann er im Herbst 1970 mit dem Studium. Er war der älteste von fünf Geschwistern und wurde oft in Aufgaben wie Klassensprecher gewählt, weil er einen hinhörenden und ausgleichenden Einfluss wahrnahm.

Auch Christian war der Älteste, er hatte 6 Brüder. Seine Familie wechselte oft den Wohnort, so dass er ständig neue Schulen besuchte und in der siebten Schule dann den Weg zum Abitur nicht mehr packte. Die Situation, immer der Neue und in den Fächern wie Sport und Sprachen mangelhaft zu sein, war lange prägend. Es folgte ein zweijähriges Maschinenbaupraktikum auf der Werft in Kiel. Der Vater war nach einer Zeit auf dem Bau wieder Kapitän bei der Bundesmarine. Er selbst ging dann für zwei Jahre zur technischen Truppe und wurde Reserveoffizier. Berufsziel war Maschinenbauingenieur in der Entwicklungshilfe. Doch während dieser Zeit wuchs der Entschluss, noch das Abitur in Neuß an einem Kolleg zu versuchen. Das klappte im Januar 1969. Es folgte bald darauf der Eintritt ins Noviziat des Ordens in Norddeutschland.

Im Herbst 1971 gingen die beiden spazieren und Michael erzählte davon, wie die Oberschüler schon früh praktisch von den Hauptschülern auf der Straßenbahnfahrt in die Stadt getrennt waren. Kinder, die in dieselbe Schule am Ort gegangen waren, wurden sich nach und nach fremd. Die einen stiegen vorne ein und die anderen hinten.

Andere Themen, andere berufliche Werdegänge der Familien und Ausbildungen machten den weiteren Kontakt selten und ließen die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten/ Klassen sichtbar werden. Diese Situation, die er selbst erlebt hatte, ging ihm all die Jahre nach. Er hatte keine Brücke über diesen Graben gefunden. Da stimmt doch was nicht! Dann fragte er auf diesem Spaziergang plötzlich: „Nach dem Philosophiestudium ist doch im Orden eine praktische Zeit vorgesehen; ich würde am liebsten in eine Fabrik arbeiten gehen. Darüber könnte ich weitersuchen nach der verdeckten Einheit in der Gesellschaft. Kannst Du Dir das auch vorstellen?“

Christian hatte darüber noch nicht nachgedacht, obwohl er in einem großen Betrieb von mehreren tausend Beschäftigten gearbeitet hatte. Doch die Antwort


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kam trotzdem sehr schnell: „Ja!“ Und dann erinnerte er sich, dass er im Noviziat Kontakt zu der religiösen Gemeinschaft der Kleinen Brüder hatte, deren Mitglieder manuellen Beschäftigungen nachgehen; Jan in Hamburg z. B. arbeitete auf der Werft im Maschinenbau. Und dass er immer einen direkten Kontakt zu den Brüdern im Orden suchte, die keine Studien gemacht hatten, sondern ein Handwerk ausübten. Und anderes mehr.

In den nächsten Monaten sprachen die beiden einige Male über ihren Plan und schrieben im März 1972 entsprechende Briefe an die Verantwortlichen in der Gemeinschaft. Im Brief von Michael stand:

„…Der Wunsch, Menschen (auch solche, die außerhalb unserer Kirche stehen) zu verstehen, mit ihnen zu leben und ihnen den Zugang zur frohen Botschaft zu ermöglichen, hat Christian Herwartz und mich zu der Bitte veranlaßt, uns in die Welt eines Arbeiters zu schicken, in die Welt kirchlicher Randgruppen. Dieses Anliegen haben wir auch in den Aufträgen einiger Konzilstexte wiedergefunden, zum Beispiel in dem für die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens.

Wir meinen, es wäre gut, wenn wir unter diesen Menschen wohnen und tagsiiber arbeiten könnten. Auf dieser Basis möchten wir versuche vor allem am Wohnort aber auch am Arbeitsplatz Kirche lebendig werden zu lassen. Wir werden für die Menschen, die uns begegnen, keine Rezepte anzubieten haben. Aber wir wollen hinhören und so Partner werden für sie. So können wir nicht nur ihre soziale, sondern gerade ihre persönliche Situation verstehen lernen. In diesem Weg sehen wir auch eine Möglichkeit ihre Geschichte mit Gott, mit der Kirche begreifen zu können und gleichzeitig eine Chance mit ihnen zusammen in einer neuen Weise Kirche zu verwirklichen. So könnte für diese Menschen und auch für uns die Begegnung mit Christus Wirklichkeit werden.

Das fordert von uns beiden, daß wir unser eigenes Zusammenleben vor und mit Gott gestalten, daß wir mit Respekt voreinander und vor der Freiheit des anderen den Weg gemeinsam gehen, daß wir in Offenheit die Schwierigkeiten und Konflikte, die kommen werden, austragen und daß wir gemeinsam beten und nachdenken über Ereignisse und die daraus zu ziehenden Konsequenzen. Die Chance so zu leben sehen wir nicht als Utopie an; auf Grund der Schritte, die wir bisher gegangen sind, glauben wir, das versuchen zu dürfen. Die Erfahrungen eines solchen Weges können nicht nur für die spätere Arbeit, sondern auch für Kommunitäten, in denen wir einmal leben, fruchtbar sein…..

Kurz möchte ich noch etwas zu meiner persönlichen Motivation sagen. Soweit ich das bis jetzt sehen kann, ist meine Berufung in der Gesellschaft Jesu die Seelsorge. Das heißt, daß ich Menschen das Evangelium verkünden möchte. Das aber vollzieht sich für mich nicht nur im Wort – kann sich im Wort vielleicht garnicht mehr vollziehen -, sondern auch und gerade in der Tat. Unter Tat verstehe ich in diesem Fall die persönliche Hinwendung zu den Menschen, zu denen ich spreche, keine oberflächliche Solidarisierung, sondern die Bereitschaft, mich ganz von ihnen in Anspruch nehmen zu lassen. So scheint es mir möglich von Kirche Jesu Christi nicht nur zu reden, sondern sie Wirklichkeit werden zu lassen für die anderen und auch für mich selbst.“


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In den anschließenden Entscheidungen wurde dieser Plan aber nicht umgesetzt. Michael ging zwei Jahre in die Jugendarbeit nach Ravensburg, Christian zum Theologiestudium nach Frankfurt/Main. Er hatte in München den LKW-Führerschein erworben und begann dort in den Semesterferien in der Umzugsfirma Schildmann als Träger und Fahrer. Es arbeiteten dort fast nur Menschen, die schon einmal im Knast gesessen hatten. Diese praktische Tätigkeit setzte er auch im Semester jede Woche für einen Tag fort und dies war für ihn die Erinnerung an den Plan mit Michael, auf Arbeit zu gehen. Außerdem entstand von Christian ein Buchartikel über Gastarbeiter, der 1973 erschien, er gab auch Religionsunterricht in einer Berufsschule, Seminare an der Volkshochschule über Theologie der Befreiung und anderes mehr. Das Studium in Frankfurt dauerte drei Jahre bis zum Abschluss Diplom.

Für Michael gingen die zwei Jahre Jugendarbeit in Ravensburg mit vielen schönen Erfahrungen zu Ende. Die Jugendlichen hatten neu sein Herz geweitet. Dasselbe tat aber auch ein Sandler, der ihn oft besuchte. Sein Bild hing bei ihm im Zimmer und begleitete ihn. Dann ging er nach Innsbruck, um Theologie zu studieren. Neben dem Studium, hat er sich einer CAJ-Gruppe (Christliche-Junge-ArbeiterInnen) angeschlossen und war unter ihnen schnell sehr beliebt. Die dort entstandene Liebe zur CAJ und ihren Grundgedanken wurde für sein weiteres Leben prägend. Ihr Vorgehen in vielen Konfliktsituationen „Sehen – Urteilen – Handeln“ wurde auch die Grundstruktur in der Praxis der Theologie der Befreiung.

In den Semesterferien im Sommer 1974 arbeiteten Michael und Christian sechs Wochen in zwei Firmen in Bottrop und wohnten in einer kleinen Gemeinschaft der Dominikaner, die Kontakt zu Bergarbeitern hatte. Der Kleine Bruder Michael lebte auch in der Nähe, im Gleisdreieck, ein Barackenviertel zwischen Autobahnen und einem Bahndamm. Er arbeitete in Duisburg als Straßenfeger. Ein ganz offener Mensch, der auch von seinen Erfahrungen mit der Gemeinschaft bereitwillig erzählte. Die Besuche der Nachbarn hörten jeweils auf, wenn sie zu Dritt waren. Da wollte keiner stören. So wohnten sie wieder zu zweit dort, bereit zum Mitleben.

Christian hatte unterdessen zu einer Gruppe von Priestern Kontakt aufgenommen – zu der der Kleine Bruder Michael Delobeau auch gehörte -, die alle manuell – meist in der Industrie – arbeiteten und sich zweimal im Jahr in Mainz trafen. Dort lernte er auch einen Jesuiten aus Frankreich kennen, der in Nürnberg für 18 Monate in einer Fabrik arbeitete. Thierry Geissler lud ihn für die Zeit nach seinem Studium nach Toulouse in Südfrankreich ein. Dort entstand eine neue Gemeinschaft von Jesuiten.

Einige von ihnen arbeiteten zur Vorbereitung ihres Engagements als Gastarbeiter in Spanien, Portugal und Deutschland, weil sie im eigenen Land besonders den ausländischen Kollegen und Kolleginnen und Nachbarn nahe sein wollten. Sie wünschten sich am eigenen Leib diese Situation in der Fremde zu erleben. Aber es wäre auch gut einen Ausländer in der achtköpfigen Gemeinschaft zu haben. Christian fing Feuer trotz seiner panischen Angst vor Fremdsprachen.

In der Welt war seit 1968 einiges geschehen. Und auch in der katholischen Kirche mit dem Konzil 1963 bis 1965. Vieles wurde in Frage gestellt und neu interpretiert.


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Die Suche nach der eigenen Identität brach an vielen Stellen auf. Äußere Gegebenheiten wurden nicht mehr so leicht als gegeben hingenommen. Dieser Prozess war weltweit zu beobachten. Der Kolonialismus brach in seinen alten Formen zusammen. Widerstand gegen alte Herrschaften hatte endlich sichtbaren Erfolg. Weltweite Solidarität war zu spüren gegen ausbeuterische, kapitalistische Strukturen, die durch Kriege verfestigt wurden.

In dieser Zeit fragten auch die Jesuiten neu nach ihrer Identität und sie brachten sie in einer zentralen, weltweit beschickten Versammlung (Generalkongregation) 1974/5 auf die Formel: „Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit“. Beides ist innerlich verbunden und nicht voneinander zu trennen. Christian machte 1975 auch mit Thesen aus diesen Dokumenten, die von der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung und noch tiefer von der Arbeiterbewegung beeinflusst waren, sein theologisches Abschlussexamen. Die in Rom von den Jesuiten verabschiedeten Texte und vor allem die Prozesse, die sie bewirkt hatten, waren dann der Anschub für die Entscheidung, dass Christian im Herbst 1975 nach Toulouse ging. In den Dokumenten hieß es ja:

„Es wird deshalb nötig sein, dass eine größere Zahl der Unsrigen das Los der Familien mit bescheidenen Einkommen teilt, das heißt das Leben derer, die in allen Ländern die Mehrzahl bilden und oft arm und unterdrückt sind. Auf Grund der Solidarität, die uns Glieder der Gesellschaft Jesu sein lässt, und aufgrund unseres brüderlichen Austausches, müssen wir alle in der Gesellschaft Jesu durch die Mitbrüder, die unter den Ärmsten leben und arbeiten, dafür empfindsam gemacht werden, welches die Schwierigkeiten und Sehnsüchte der Besitzlosen sind. So werden wir lernen, ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen zu den unseren zu machen. Nur so kann unsere Solidarität aus einer nur verbalen allmählich zu einer realen werden. Wenn wir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können. Das wird allerdings nur dann der Fall sein, wenn wir uns vorher eingestehen, dass auch wir von ihnen empfangen haben. Ohne geduldige, nicht übereilte Schritte stünde der Einsatz für die Armen und Unterdrückten in Widerspruch zu unseren eigenen Absichten und würde verhindern, dass diese ihre eigenen Erwartungen zu Gehör bringen und sich selbst die Voraussetzungen schaffen, um ihr persönliches und kollektives Schicksal wirksam in die Hand zunehmen.“
(32. Generalkongregation Nr. 98/99)

Fast ohne Sprachkenntnisse fand Christian in Toulouse nach einem Monat Arbeit in der Umzugsbranche als Träger und Fahrer, später in der Aluminiumverarbeitung als Pressenführer, die mit einer Einarbeitungszeit zusammen mit einem französischen Kollegen in Deutschland begann, wo die große Presse für Aluminiumprofile hergestellt wurde. Wohnung fand er in der jungen Jesuitenkommunität mitten in einem Viertel von Menschen, die früher in Algerien wohnten und die nach dem Krieg und der Unabhängigkeit des Landes von dort weggegangen waren. Im Sommer 1976 wurde er in Frankfurt/Main zum Priester geweiht. Ein Ereignis, das im Betrieb erst einmal nicht bekannt werden durfte, weil er die Arbeit sonst schnell verloren hätte.

In der neuen aluminiumverarbeitenden Firma Extralco trat er nach einiger Zeit in die Gewerkschaft ein und wurde daraufhin im Januar 1977 entlassen. Nach einigen


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Monaten folgte eine Umschulung als Dreher in Straßburg. Dort lebte er in einem Internat auf dem Werksgelände der Umschulungswerkstätten. Das dichte Zusammenleben mit vielen Menschen ohne eigenes Zimmer stellte sich eher als beglückend heraus. Mauern der Distanz fielen nieder. Die Arbeit knüpfte an Erlerntes auf der Werft in Kiel an.

Die Erfahrungen in Frankreich – vor allem das Niederknüppeln von Streikenden und auch die Besuche bei den Freunden in Spanien nach dem Tod von Franko – beschleunigten einen Prozess, in dem unbemerkt staatstreues Verhalten hinterfragt, die anarchistischen Philosophen gelesen und auch der Kriegsdienst 1978 erfolgreich verweigert wurde.

Michael beendigte seine Studien, ging nach der Priesterweihe im November 1977 in München nach Toulouse und nahm Arbeit in einem Fellhandel auf. Er musste LKWs mit ungegerbten Fellen be- und entladen und roch danach. Michael konnte gut Französisch und hatte schon lange innere Beziehungen zur Kultur des Landes. Die badische, heimatliche Nähe zu Frankreich, die Mitarbeit im deutsch-französischen Jugendaustausch und die vielen Besuche in Taizé – mit Jugendlichen und alleine – hatten die schulischen Kenntnisse vertieft. Nun durfte er sein Herzensanliegen – die Nähe zu den Kollegen – leben.

Christian ging nach Beendigung der Ausbildung in Straßburg an den südlichen Stadtrand von Paris nach Villejuif und gründete mit zwei weiteren Jesuiten eine neue Gemeinschaft. Er arbeitete in seinem neuen Beruf als Zeitarbeiter in unterschiedlichen Firmen in Paris und schrieb zum Schluss einen längeren Bericht über seine Zeit in Frankreich.

In diesem gemeinsamen Jahr in Frankreich von Michael und Christian trafen sich beide einige Male und stießen auch einen Prozess des Suchens in Deutschland an, wohin sie ja nach den Lehrjahren in Frankreich zurückkehren wollten. Einige Male bekamen sie Besuch von Verantwortlichen aus Deutschland. Im November 1977 wurde die Gründung einer neuen Kommunität unter Arbeitern in Deutschland von dem Generalverantwortlichen in Rom P. Arrupe ausdrücklich gewünscht. In welcher Stadt sollte sie entstehen?

Im April 1978 traf sich eine kleine Gruppe von Interessenten in Mannheim. Sie sprachen ausführlich über die Vorstellungen, die für eine neue Kommunität wichtig sein sollten, und sie schlugen Mannheim, Nürnberg, Frankfurt oder Berlin als mögliche Orte vor. Es sollte keine innerkirchlichpastoral arbeitende Gruppe sein, sondern eine offene über den Kontakt sich verändernde – theologisch gesprochen: missionarische – Gemeinschaft sein.

Michael und Christian unterstützten diese Ausrichtung, andere blieben abwartend oder waren längerfristig in ihrem Engagement gebunden und konnten sich so nicht für einen Ortswechsel frei machen. Im Juni fiel die Entscheidung für Berlin. Den Ausschlag gab wohl vor allem Manfred Richter, ein Jesuit aus dem Ignatiushaus (Jesuitengemeinschaft in Charlottenburg), der das Interesse an einer neuen Gemeinschaft/Kommunität SJ in Berlin deutlich aussprach.

Im September 1978 wurde die Entscheidung ausgesprochen. (Einzelheiten dieser Entscheidungsgeschichte wurden regelmäßig in dem deutschsprachigen „assistenz-rundbrief“ der Jesuiten festgehalten.)


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Peter Musto erklärte sein Interesse an diesem Neuanfang. Er war mit seiner Familie nach dem Krieg aus Ungarn geflohen und in die Exilgruppe der Ungarn in den Jesuitenorden eingetreten. Er hatte in Deutschland und Frankreich studiert und viele Jahre in der Jugendarbeit in München gearbeitet. Dort war er sehr beliebt und hat viele Jugendliche in ihrem Suchen begleitet. 1977/8 machte er eine längere Reise nach Kolumbien und fühlte sich in der Arbeit mit Straßenkindern in Bogota besonders wohl. Jetzt stand die Entscheidung an, ob er längerfristig dorthin gehen oder lieber mit diesen Erfahrungen nach Deutschland zurückkehren sollte, weil die Ursachen für das Elend dort vorrangig in den reichen Ländern zu suchen sind. Die Berliner Neugründung war die Alternative zu dem Umzug nach Lateinamerika.

Er kam „probehalber“ im Dezember 1978 für ein knappes Jahr nach Berlin. Leider musste er in dieser Zeit lange im Krankenhaus liegen; einen Monat arbeitete er als Tellerwäscher in einer Gastwirtschaft in der Mitte von West-Berlin gegenüber von der Kaiser- Wilhelm-Gedächtniskirche, die zu einem Gedächtnisort des Zweiten Weltkrieges geworden war. Dann ging Peter für 12 Jahre nach Bogota und blieb ein wichtiger Teil der kleinen Kommunität in Berlin. Er hielt die Themen der III. Welt durch seine Briefe besonders lebendig. Mehrmals gab es Besuche von Michael, Bernhard und Peter hin und her. Nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs und dem Umsturz des östlichen Systems ging Peter nach Ungarn und blieb weiter ein Pendler zwischen den Welten. Er ist all die Jahre ein wichtiges, sehr lebendiges, ein nachfragendes Mitglied in der WG-Naunynstraße geblieben, obwohl er dort nicht mehr gewohnt hat.

Zum Katholikentag 1978 in Freiburg trafen Michael und Christian in Deutschland ein und lernten dort die Kleinen Schwestern aus Berlin-Wedding kennen. Sie wohnten dort seit vielen Jahren in einer meist vierköpfigen Gemeinschaft in einem Hinterhaus. Sie hießen die Jesuiten in West-Berlin willkommen. Diese Frauen hatten auch eine lebendige Beziehung zu Menschen in der DDR.

Ende September war es so weit. Die ersten Nächte schliefen beide noch im Ignatiushaus. Der Kontakt zu der dortigen Jesuitengemeinschaft blieb – auch formal – eine wichtige Beziehung zu anderen Jesuiten. Lange kam Manfred Richter einmal in der Woche in den Wedding und später nach Kreuzberg zum Kommunitätsabend. Im ersten halben Jahr fanden Michael und Christian und später auch Peter in der Nähe der Kleinen Schwestern im Paul-Hertz Heim in der Genterstraße Unterkunft. Dort wohnten damals etwa 200 Menschen aus 35 Nationen. Die beiden wurden nach dem Grund gefragt, warum sie gerade hier wohnen wollten. Die Gemeinschaftsküchen und Toiletten waren nicht vorzeigbar ordentlich. Oft fehlten Kocher und Türen.

Ab 4. Oktober 1978 fand Christian Arbeit als Dreher in einem Siemensbetrieb in Gartenfeld, in dem er bis zu seiner Entlassung am 31. März 2000 beschäftigt war. Auch Michael wurde bald angestellt in der Transformatorenherstellung eines Weddinger AEG-Betriebes, zuerst in der Warenannahme und später in der Kunstharzgießerei. Er war dort beschäftigt bis zu seinem Tod am 29. Januar 1986. Wegen seiner Krankheit konnte er im letzten Jahr nicht mehr zur Arbeit gehen.

Aber nicht nur im Betrieb begann für Peter, Michel und Christian eine neue Phase des Kennenlernens. Im Leben miteinander gab es viel zu entdecken. Der erste Koch-


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topf – ein großer Dampfdrucktopf – wurde am Leopoldplatz gekauft und ein Moped um die Ecke in der Ostendstraße. Damit wurde zu zweit Berlin erkundet. Vieles war zu entdecken und sehr vieles entstand um die Zeit neu. Neue Zeitungen – Die Neue und die taz -, Gruppen – sozialarbeiterische, Hausbesetzungen – und Parteien – Alternative Liste, Die Grünen – begannen. So gab es viele neue Sprachen und Verhaltensweisen auf den unterschiedlichsten Versammlungen und in Einzelbegegnungen zu entdecken.

Drängend wurde dabei die Frage: Soll eine eigene Wohnung gemietet werden und in welchem Stadtteil? Nach vielen Besuchen bei einer stadtteilbezogenen Initiative in der Wrangel-/Falkensteinstraße im Treffpunkt „Die Laterne“ wurde der eher türkisch geprägte Wrangelkiez in der Nähe vom U-Bahnhof Schlesisches Tor gewählt. Er lag an der Mauer hinter dem alten Görlitzer Bahnhof und der Hochbahn am Ende der West-Berliner Welt. Die Häuser verfielen und sollten eines Tages abgerissen werden. Menschen wurden vertrieben. Widerstand dagegen organisierte sich. Es gab soziales Engagement, bei dem noch viele Mitstreiter gebraucht wurden.

Peter, Michael und Christian wollten keine eigenen/kirchlichen soziale Werke aufmachen. Das war für sie ein wichtiger Entscheidungsgrund; ebenso die Mischung der Kulturen, die sich in unterschiedlichen mit- und nebeneinander bestehenden Strukturen ausdrückte: die deutsch-altberliner Geschäfte wie Kartoffel-, Eierläden usw., die türkische mit Gemüseläden, Dönerbuden usw. und die alternative mit Stadtteiltreffpunkte, Läden mit ökologischen Produkten usw. Die Wohnungssuche von Straße zu Straße begann.

Im Hinterhaus der Oppelnerstraße 26 standen einige Wohnungen leer. Es waren Einzimmerwohnungen (Wohnraum, Küche ohne Flur und Bad), die von einem offenen Treppenhaus (mit den Toiletten auf halber Treppe) ausgingen. Das Haus sollte verfallen, aber nach langen Verhandlungen wurden drei Wohnungen angemietet.

Die Wohnungsbaugesellschaft ließ nur eine Vermietung zu von den unteren Stockwerken aus, weil sonst im Winter die Wasserleitungen in den leeren Wohnungen leicht einfrieren würden. Die Wohnungen bekamen kein direktes Sonnenlicht. Die Drei wollten wenigstens in ein höheres Stockwerk ziehen. Da wurden sie auf eine Frau aufmerksam gemacht. Sie wohnte allein mit ihren sechs Töchtern ein Haus weiter im Hinterhof Erdgeschoss. Ihr jüngstes Kind war noch ein Baby. Und so waren die Fenster der Einraumwohnung mit Netzen zugehängt, damit die Ratten nicht hineinspringen konnten. Sie kam aus der Türkei und sprach nur gebrochen Deutsch; so fand sie mit ihrem kleinen Verdienst als Putzfrau keine größere Wohnung. Nun gab es eine Gelegenheit. Sie bekam die zwei Wohnungen im ersten Stock unter den Jesuiten.

Oben im Haus wohnten noch zwei Parteien. Viele Wohnungen standen leer. Jetzt begannen drei Monate Renovierungsarbeiten, da besonders die Fußböden instandgesetzt werden mussten, damit es nicht bei jedem Aufwischen in der Wohnung drunter „regnete“. Es wurde vorrübergehend eine kleine Wohnung in der Nähe – Falkensteinstraße – angemietet, sozusagen als „Bauwagen“, damit die Wege am Feierabend nicht zu lang wurden.

In dieser auch konfliktreichen Phase der doppelten Arbeit in der Fabrik und im Haus wurde – über notwendigen Entscheidungen – das Zusammenleben untereinan-


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der und mit einigen Nachbarn immer intensiver. Die Wohnung im 2. Stock mit Küche und Wohnzimmer bekam einen Drehknopf und wurde nicht abgeschlossen. Die weitgehend unbeheizten Schafwohnungen wurden verschlossen. Die Einrichtungsgegenstände waren meist Kisten und wurden langsam durch selbstgemachte Regale und Betten ersetzt. Dazu dienten häufig die Fußbodenbretter aus den Abrisshäusern in der Naunynstraße.

Wichtiges Entscheidungskriterium war: Wer soll sich hier einmal zuhause fühlen? Wie kann die Wohnung durch die anstehenden Entscheidungen offen sein für Menschen, die anderswo oft beiseite gedrängt werden? Da gibt es viele Abgrenzungsmauern im Verhalten zu entdecken – in der Einrichtung, in der Sprache, in der mangelnden Sorgfalt und Beziehung zum Schönen.

In der Nachbarstraße – Sorauerstraße – gab es eine kleiner werdende Taizé-Wohngemeinschaft. Dort wohnte Bernhard Ullrich, der die Kontakte der Jugendtreffen in Taizé (Frankreich) zu jungen Erwachsenen in der DDR pflegte. Es stieß schnell zu der Gemeinschaft der Jesuiten und wurde lange ein tragendes Mitglied der Kommunität. Nach der Wende hat er mit einer der Freundinnen im Prenzlauer Berg – Dörthe Beyer – eine Familie gegründet. Die beiden wohnen mit ihren drei Söhnen – Moritz, Jakob, Richard – weiter dort.

Parallel zu den Auseinandersetzungen vor Ort – in der Arbeit, im Stadtteil, in der Wohnung – liefen die Reflektionen mit anderen Jesuiten. Es wurde eine Studiengruppe Arbeiterpriester-Unterschichtpastoral eingerichtet. Am Märztreffen 1979 nahmen 17 Jesuiten in Nürnberg teil. Hier ein Auszug aus dem Protokoll von Walter Heck:

„Am Sonntag wurde aus den „offenen Fragen“ ein Schwerpunkt herausgegriffen und etwas ausführlicher diskutiert: Das Selbstverständnis eines Arbeiterpriesters in seiner Rolle als Priester, verbunden mit der Frage der nur „partiellen Identifikation“. Die folgenden Ausführungen sollen nicht als beschlossene Thesen mißverstanden werden, sondern sind lediglich Bausteine von Überlegungen. Ein bestimmtes Priesterbild muß Voraussetzung sein, wenn man sich darauf einläßt, Arbeiter zu werden: Seelsorge für jemanden ist nur möglich, wenn man überzeugend auf dessen Seite steht. Dabei ist die Identifikation immer nur teilweise möglich, soll aber so weit wie möglich gehen. Wie für jeden Seelsorgebereich gilt auch in der Arbeiterpastoral das Prinzip der „Inkulturation“. Ein Priester, der sich auf die Existenz als Arbeiter einläßt, muß dann zunächst seine Identität als Arbeiter finden; erst dann kann er wieder nach seiner Identität als Priester fragen. (Wobei klar ist, daß sein Priestersein nicht einfach für eine bestimmte Zeit abgeschaltet werden kann.) Von daher stellen sich konkret Fragen wie z.B.: Wie verbringt man die Wochenenden? Will man auch Messen, Exerzitien annehmen? Kommt man zum Provinz- Symposien oder fährt man lieber mit Arbeiterkollegen weg?

Als Anfrage wurde formuliert, ob die Vorstellung, sich mit der Welt der Arbeiterschaft zu identifizieren, nicht eher einem traditionellen Gesellschaftsbild entspricht und unserer modernen, hochdifferenzierten Gesellschaft nicht gerecht wird. Rolle des Priesters wäre heute vielleicht, Fachmann für Sinnvermittlung und für das Schaffen konsensfähiger Werthaltungen zu sein….. Hinsichtlich „Verkündigung“ kann es nicht einfach darum gehen, eine andere Spra-


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che, z.B. eine Arbeitersprache zu lernen, sondern man muß sich in einer anderen (z.B. der Arbeiter)Situation selbst testen, was durchträgt und hält. Von da aus kann man dann neu reden. Dazu gehört als Grundvoraussetzung auch die Bereitschaft, sich selbst ändern zu lassen, damit das Ganze nicht ein Scheinunternehmen wird. Eine Frage wäre hierbei auch, inwieweit solidarisches Leben selbst schon Verkündigung wäre, ohne daß überhaupt ein Wort gesprochen werden müßte. (Mit Kierkegaard „Der Helfer ist die Hilfe.“)“

Christian Herwartz

 

Norbert Brieskorn
Nach einem Besuch in Kreuzberg

Lieber Christian, lieber Michael!
Vielen Dank für die Karte, die mich nun endlich zwingt, mich zu dem Aufenthalt bei Euch in Berlin ein wenig wenigstens zu äußern. Denn große Urteile sind mir nicht möglich, oder gar abschließende, da zuviel in der Schwebe, in der Überlegung bleiben muß.

Zuerst sicherlich noch einmal ein Dank, an diesem für unsere Breiten außergewöhnlichen Leben teilgenommen haben zu dürfen, für die Gespräche und Erlebnisse. Hier gilt sehr herzliche Grüße Janis und Apostolos und ebenfalls Dank! Die Frage ist nur, ob Ihr mit Eurer Herkunft, Ausbildung und auch bleibenden Ordensgemeinschaft dort „am richtigen Ort“ seid. Viele werden sicherlich in der SJ den für sie richtigen Ort nie finden, also den, wo sie am meisten leisten und am fruchtbarsten leben können. Ihr habt lange gesucht und Euch lange vorbereitet, mit vielen gesprochen und Kriterien nicht einfach übertragen. Aber: weil eine Arbeit, ein Engagement schon in sich sinnvoll ist, das heißt, weil es gut ist, Kirche in irgendeiner Weise (und sei es in dem Anschluß an alttestamentliche und christliche Solidarität und Prophetie) unter benachteiligten Bevölkerungsgruppen gegenwärtig zu machen (und sei es in der schweigenden Art des Mitvollzugs), so bleibt doch für mich die Frage, ob wir als Orden und Ihr als Mitbrüder dies zu tun habt, in dieser kirchlichen Situation und in dieser gesellschaftlichen Lage.

Einmal fehlt Ihr anderswo, wo es auch um Menschen geht und ihre Not. Soweit läßt sich gleichsam objektiv reden. Daß Ihr Eure Arbeit für wichtiger haltet, ist ebenfalls klar. Wie aber Arbeit gegen Arbeit abwägen? Mit welchen Kriterien? – Hier würde ich um dies einzuflechten, auf jeden Fall einen Sinn Eurer MAO sehen: als unverzichtbare Hilfe, um die SJ in Mitteleuropa zu orientieren, um druch einen solchen Einsatz unseren Standpunkt und unsere Aufgabe deutlicher werden zu lassen. Durch einen solchen Einsatz – verzeiht – am anderen Ende der Skala unserer Arbeiten (was das Milieu angeht) wird die Reflexion über unser Tun hier in Deutschland ermöglicht und gefördert. – So können auch erst im Laufe eines solchen Einsatzes Kriterien stehen, die uns über unsere Arbeiten und ihre Bedeutung Auskunft geben können. Will man also ehrlicherweise Eure Arbeit nicht an den herkömmlichen Kriterien messen, sondern an einer Palette, die erst durch Eure Arbeit zu-


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gänglich und erweitert wird, also ist es meines Erachtens jetzt noch nicht erlaubt, Eure Arbeit einfachhin als geringer einzustufen. (Es sei denn, sie wirke sich gesundheitlich oder psychisch verheerend aus oder lasse eine geistliche Dimension überhaupt nicht mehr zu, dies wäre allerdings ein handfestes Kriterium!)

Eine Beobachtung: Ihr wollt vielleicht „ausziehen“ (eine Art Exodus) aus den herkömmlichen Arbeiten, die – vielleicht – für Euch eine Art goldene Sklaverei für die falschen Herren waren. Was aber ist geschehen? Stellt man die Frage, ob Ihr mehr nach außen wirkt oder in den Orden hinein, so zeigt sich meines Erachtens, daß das Hineinwirken in die Ordensgemeinschaften sehr stark ist (ob stärker als nach außen kann ich nicht beurteilen).

Über die „Bewegungen“ unter den Jüngern („Bewegungen“ durchaus im ignatianischen Sinne!) wißt Ihr besser Bescheid als ich (Bertram D., Johannes D., Horst E.), aber auch in den anderen Kommunitäten seid Ihr ein Unternehmen, zu dem man sich äußern muß, an dem man sich nicht einfachhin vorbeimogeln kann. – Allerdings treten 2 Erscheinungen auf: daß diese Arbeit für „unausgereift“ etc erklärt wird (meine Antwort oben, nochmals: haben wir überhaupt Kriterien für solch eine Aussage? Was hat, um es fromm zu sagen, Gott hier vor?) oder es treten Immunisierungstendenzen auf: jetzt haben wir ja gleichsam hauptamtliche Kräfte für Dekret 4, also laßt uns jetzt in Ruhe. So weit deren Äußerungen.

Noch eine Frage: An wem richtet Ihr Euch aus? Irgendeinem Arbeitertyp? Wie weit kann die Solidarität gehen? Bis in welche Bereiche? Wo muß/darf es eigene Wege geben auf Eurem Lebens- und Arbeitsbereich? Wie vertragen sich das „Gleichwerdenwollen“ mit den Arbeitern (u. Arbeitslosen) und die prophetische Funktion? Wenn Ignatius sagt, je universaler, desto wertvoller ist der Einsatz, desto gerechtfertigter das Arbeitsfeld (was nicht das 1. Kriterium allerdings unserer Arbeitssuche ist), wie verträgt sich das mit dem kleinen Kreis um Euch (vom Orden abgesehen, oder täusche ich mich, aber Wirkungen sind nicht völlig zu vernachlässigen!) und der stillen Sorge um Suchende und Haltlose?

Sicherlich ein andermal mehr, für heute seis genug. Ich hoffe, daß es ein wenig klar ist, was ich meine. Mit herzlichen Grüßen an Euch drei und die andern (Wolfgang ..)
Euer (auch suchender) Norbert
München 26. 11. 1980

 

Michael, Christian, Peter
Im assistenz-rundbrief sj – zwei Briefe

Brief 1 – Michael und Christian

9. 12. 1979

Liebe Mitbrüder!
Wiederholt hat P. Vitus Seibel im Assistenzrundbrief von der Planung und Aufgabenstellung einer neuen Kommunität SJ in Berlin berichtet. Nach seinem letzten Besuch in Berlin hat er uns gebeten, ein wenig von unserer Situation mitzuteilen; darüber hinaus hat er uns aufgefordert, „den Mitbrüdern ein feed-back zu geben“. Wir haben gezögert, da wir noch nicht lange genug in Berlin leben, uns wichtige Dinge selbst nicht klar genug sind, uns Euer Interesse beim Lesen schwer greifbar ist und vor allem, weil uns die Sprache fehlt, gemeinsame Erfahrungen in einer atheisti-


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schen, in einer kirchlich zerrissenen, in einer ungerechten Umwelt von Euch und uns anzusprechen und so nach Brücken der Verständigung zu suchen. Wir können heute nur auf unsere Betroffenheit hinweisen und auf das weitere Gespräch trotz unterschiedlicher Erfahrung hoffen.

 

I.

Ende September 1978 sind wir beide – Michael Walzer und Christian Herwartz – in Berlin eingetroffen. Wir hatten den Auftrag bekommen, uns hier in die Lebensgewohnheiten der manuell arbeitenden Bevölkerung, vielleicht besonders der ausländischen einzufügen und darin heimisch zu werden, eine Kommunität SJ in diesem Milieu zu gründen, uns mit großer Vorsicht in diesem außerkirchlichen Umfeld zu engagieren und den Kontakt mit anderen Jesuiten-Kommunitäten zu suchen, so daß sie an unserem Leben teilnehmen können.

Der sehr herzliche Empfang der Mitbrüder hat uns den Start in Berlin vereinfacht. Wir haben beide schnell Arbeit in der Elektroindustrie – als Warenannehmer und Spitzendreher – und Unterkunft in einem Wohnheim mit Menschen aus 35 Nationen gefunden.

Weihnachten 78 ist Peter Musto nach Berlin gekommen. Er hatte ein Jahr in Lateinamerika verbracht und sollte nun Arbeit suchen und überprüfen, ob sein Engagement hier oder in Lateinamerika liegen sollte. Gleich nach seiner Ankunft haben wir uns zu einer Zeit geistlicher Beratung zurückgezogen und uns über wichtige Themen des Neuanfangs ausgetauscht: die Hoffnung der Einzelnen, ihre private Spiritualität, Vorstellungen über Lebensstil und Beruf, der Kontakt zur Kirche/Gemeinde, Gelübde, politischer Standort – das gemeinsame Ziel, Eucharistiefeier, Wohnort, Einrichtung, Arbeitsteilung unter uns auch hinsichtlich der Weiterbildung (Sprachen, Gewerkschaftsfragen, Wirtschaft/Politik), Gesundheit, Finanzen – Benennen von Etappenzielen. Nach einer längeren Phase der Wohnungssuche haben wir eine schon einige Zeit verlassene Wohnung teilweise wieder instandgesetzt und sind dort im August 79 eingezogen. Unsere Nachbarn sind überwiegend Türken; vereinzelt finden sich auch andere Nationalitäten und meist ältere deutsche Frauen, die nicht mehr wegziehen wollen; deutsche Familien sind eine Rarität.

Nach einem Verkehrsunfall war Peter in dieser Zeit mehrere Monate lang krank. Anschließend hat er noch einen Monat als Spüler in einem größeren Restaurant gearbeitet, bevor er im Herbst dann nach Kolumbien geflogen ist. In Bogotá arbeitet er nun ad experimentum als streetworker unter Straßenkindern. Peter hat einen wichtigen Schritt unserer Inkulturation hier in Berlin mitgetragen. Wir haben mit ihm zusammen erfahren, was es bedeutet, als Kommunität auf dem Weg zu sein. Obwohl er weiterhin zu unserer Kommunität gehört, leben wir doch in Berlin nur zu zweit und warten auf weitere Mitbrüder, die sich mit uns unter die oben angesprochene Sendung stellen wollen.

P. Manfred Richter ist der Superior unserer Kommunität. Bei unseren wöchentlichen Treffen der Reflexion und des Gebetes ist er bis zum Sommer regelmäßig dabei gewesen. In den letzten Monaten wurde er durch die Katholikentagsvorbereitung oft daran gehindert.


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Etwa jeden Monat treffen wir uns darüber hinaus zu einem Wochenende der Reflexion untereinander oder mit andern Ordensleuten und Priestern, die manuell arbeiten, oder mit Mitbrüdern SJ, wie z.B. in Nürnberg (vgl. Bericht im Assistenzrundbrief Nr. 30). Wichtig sind für uns auch Kontakte zu Mitbrüdern in der DDR, zu den „Sozis SJ“ in Frankfurt, zur „Arbeitermission SJ“ in Frankreich, Italien, Spanien und zu den Mitbrüdern in der Ausbildung (Noviziat und Terziat). Im Februar 1980 ist Michael Walzer zusammen mit anderen Vertretern der „Arbeitermission SJ in Europa“ von Pater General nach Rom eingeladen; Christian Herwartz wird mit Josef Singer im Januar zum Treffen der Beauftragten für die Fragen ausländischer Mitbürger in der Gesellschaft Jesu in Europa nach Brüssel fahren.

 

II.

Drei Beispiele möchte ich – Christian – aufgreifen, um auf die Betroffenheit in drei meiner Lebensbereiche hinzuweisen, die fast ohne Verbindung nebeneinander stehen: das Leben im Betrieb mit vor allem deutschen Kollegen, im Stadtteil unter häufig ausländischen Nachbarn und in der Kirche/Gesellschaft Jesu.

a) Seit einigen Wochen arbeitet neben mir ein 16-jähriger Junge. Er hat ganz einfache, monotone Hilfsarbeiten zu verrichten. Seine Bescheidenheit und sein Fleiß fallen mir auf. Doch er ist ziemlich schüchtern und hat wohl deswegen auch keine Lehrstelle bekommen. Darüber ist er traurig. Sein Vater arbeitet als Facharbeiter im Betrieb. Er erzählte mir von der Prüfungsangst seines Sohnes und dass er froh sei, wenigstens Arbeit für ihn gefunden zu haben, denn außer noch einem zweiten stehen jetzt alle aus seiner Klasse nach dem Hauptschulabschluß auf der Straße, ohne Lehrvertrag, ohne Arbeit, arbeitslos. Sie würden nach und nach verwahrlosen. – Ich bin betroffen. Jedes Relativieren dieser konkreten Situation bringt mich auf und läßt mich schweigen. Haben diese jungen Menschen kein Recht auf Ausbildung? Muß man zulassen, wie sie zu billigen Hilfsarbeitern oder zu Dieben gemacht werden? Ich stehe neben diesem Jungen täglich, der Wunsch nach Veränderung wächst in mir und ich bemerke, wie in meinem Gebet der Ruf nach Einheit und Gerechtigkeit lauter wird und wie Resignation in mir wächst, wenn ich einmal über meine Betroffenheit nicht mit den Kollegen sprechen kann. – Ich bin Facharbeiter. Und ich versuche, diesem Jungen in die Augen zu sehen. Ich werde bedauert, wenn ich manchmal solch monotone Arbeiten wie er machen muß. Er nicht.

b) Täglich komme ich mehrmals an der Wohnungstür einer türkischen Frau vorbei, die hier in einer Ein-Zimmer-Wohnung, Toilette im Treppenhaus, ohne Bad, mit ihren fünf Kindern wohnt. Sie und wir sind etwa zur selben Zeit hier eingezogen und sie hat sich über ihre neue Wohnung gefreut. Sie arbeitet jeweils vier Stunden am Vormittag und vier gegen Abend; Fahrtzeit zur Arbeit knapp eine Stunde. Im Monat hat sie etwa 800 DM für sich und ihre Kinder. (Peter Musto hat inklusive Sonntagsarbeit bei einer 45-Stundenwoche keine 800 DM pro Monat verdient). Bei der Einrichtung unserer Wohnung habe ich häufig an diese Frau gedacht. Immer wieder ist mir die Frage nachgegangen, ob wir dies oder das tun, jenes anschaffen dürfen oder ob wir damit vielleicht unnötige Dinge zwischen diese Familie und uns stellen, die es noch schwerer machen, Solidarität zwischen Ausländern und Deutschen zu leben. Ich würde gerne im Rahmen eines Finanzausgleiches mit ihr teilen.


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Doch damit würde ich sie noch mehr zur Armen stempeln. Ihre Anwesenheit hat uns immer bewußter leben lassen. Manche Einrichtungsgegenstände, zu viel Geld auf dem Konto, mancherlei Beziehungen, unbedacht hochmütiges Verhalten hat begonnen weh zu tun. Ich fühle mich gezwungen, Farbe zu bekennen, wohin ich gehöre. Bei all dem hat die Frau kein einziges Wort gesagt. Ich sehe sie selten, da sie von der Arbeit im Betrieb und im Haushalt aufgefressen wird. Doch sie hat mir weitergeholfen, auch in der Frage, die mich hierher geführt hat und auf die ich noch keine Antwort weiß: Worin besteht die Nähe Gottes zu den Armen, so wie es das Evangelium beschreibt? Gott wird von unserem Gehabe, von unserem Dünkel, genau so zum Schweigen in unserem Leben gezwungen, wie diese Frau uns gegenüber, wenn wir nicht höllisch aufpassen. Deswegen haben wir uns oft gefragt: was stört, damit wir wirklich offen sind, dem Willen Gottes und unseren Nachbarn gegenüber? Keine zur Schau gestellte Offenheit, keine Vereinnahmung, sondern echte Offenheit, in der wir unser eigenes Leben neu geschenkt bekommen. Diese Frage ist häufig der „Sitz im Leben“ unserer Eucharistiefeiern.

c) Wir kennen eine Reihe Christen – im Orden und außerhalb -, die sehr wach und mit Entschiedenheit nach dem ihnen geschenkten Leben fragen, es beobachten und prüfen. Wir sehen sie einzelne Phasen durchleben; bestätigt und verunsichert durch Freude, Trostlosigkeit und Umwelthindernisse. Ich versuche mich auf sie einzulassen und ein Stück mit ihnen zu gehen. In diesem Prozeß bin ich gezwungen, mir selbst immer wieder die Frage nach meiner Ernsthaftigkeit im Suchen des Willens Gottes zu stellen. Viele von diesen Menschen erfahren, daß ihre Schwierigkeiten mit der institutionellen Kirche wachsen und daß sie gerade in der Treue zum Evangelium dazu gedrängt werden, sich von dieser Kirche zu distanzieren. Eines der wenigen Hoffnungszeichen ist für einige von ihnen der offene Brief von P. Rahner unter dem Titel: „Ich protestiere.“ In der Begegnung mit ihnen mischt sich Vertrauen und Distanz, da wir als Vertreter einer abzulehnenden Institution gesehen werden. Über dieses Problem sprechen wir gerade in letzter Zeit oft miteinander. Ich erfahre diesen Prozeß als Weg in das Herz der Kirche und des Ordens, auf dem mir die Augen oft schmerzhaft aufgerissen werden für die vielen Halbheiten und die Strukturen des Unglaubens in Orden, Kirche und Gesellschaft.

Viele religiöse Worte wollen in meinem Alltag nicht mehr greifen. Besonders die Aussagen über Christus und die über das Wachsen des Reiches Gottes drängen in mir nach neuer Gestalt; doch leider kenne ich kaum einen Mitbruder, dem die Entfremdung, die Ausbeutung am Arbeitsplatz so unter die Haut gegangen ist, daß sich für ihn das Wachsen des Reiches Gottes in der Überwindung dieser Ungerechtigkeit konkret zeigen könnte. Es fehlt mir noch ein ausreichend profunder Austausch in gemeinsamer Betroffenheit in diesen Fragen.

 

III.

Für mich – Michael – hat das vergangene Jahr mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geschenkt. Ich bin froh darüber, auch wenn es unangenehm und schmerzlich war, weil Fragen aufgeworfen wurden, die mein Handeln betreffen und die in manchen Punkten weitgehende Veränderungen meines Verhaltens fordern. Das erste Feld, auf dem Wichtiges passiert ist, ist der Arbeitsplatz. Ich bin von den


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Kolleginnen und Kollegen als einer von ihnen angenommen worden, auch wenn ich eine eigene Geschichte habe. Ich fühle mich wohl unter ihnen. Daran hat sich nichts geändert dadurch, daß ich im Lauf der Zeit sehen gelernt habe, welche Spannungen und Schwierigkeiten es unter uns gibt. Ich erlebe den Betrieb als eine Welt, in der Brüderlichkeit ganz schwer gemacht wird. Das fängt bei der unterschiedlichen Bezahlung an. In unserer Abteilung liege ich mit meinem Verdienst im Mittelfeld und spüre, daß es keine Möglichkeit gibt, mich vor denen zu rechtfertigen, die weniger verdienen. Eine solche Situation ruft notwenig Unzufriedenheit hervor und zieht Gräben zwischen Menschen. Die Aussprache über das, was passiert ist, ist nicht vorgesehen, nicht gewünscht. Auf derselben Linie liegt es auch, wenn uns Vorgesetzte immer nur als Einzelne ansprechen, nie als Gruppe.

Mich schmerzt die Wehrlosigkeit, die ich dabei erlebe, und ich hoffe, daß wir lernen, gemeinsam zu reagieren und zu sprechen.

Wohin soll in solch einer Situation mein Weg als Jesuit führen? Diese Frage begleitet mich; ich suche nach Elementen einer Antwort.

Das zweite Feld, auf dem Wichtiges passiert, ist unser Leben im Wohnviertel. In der Nachbarschaft zu ausländischen Familien habe ich verstehen gelernt, daß mein Wunsch zu helfen nicht unproblematisch ist, wenn es mir darum geht, diese Menschen zu achten.
Einmal wollen sie manches anders, als ich mir das vorstelle. Zum andern ist es entwürdigend für sie, als ständig Hilfsbedürftige dazustehen.

Ich habe noch nie so deutlich gespürt, wie privilegiert und reich ich bin; durch meinen Verdienst, meine Sprachen, meine Bildung, meine Beziehungen. All das hat seinen problemlosen, selbstverständlichen und notwenigen Charakter verloren. Ich möchte bereit werden, mich beschenken zu lassen, anzunehmen und zu empfangen. Einige Christen, die wir im vergangenen Jahr kennen gelernt haben, suchen mit großem Einsatz Wege, um das Evangelium in ihrem Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Ihre Einfachheit und ihr Ernst haben mich herausgefordert, mich selbst neu auf den Weg zu machen. Besonders hat mich getroffen, wie genau sie spüren, daß uns das Geld und alles, was wir damit erwerben, krank macht. Ich wünsche mir sehr, daß eine größere Einfachheit für mich möglich wird.

 

IV.

Vielen Menschen brauchen wir nicht lange zu erklären, warum wir eine manuelle Arbeit angenommen haben und in ein mehr ausländisches Milieu gezogen sind: z.B. Menschen, die einen Kulturschock erlebt haben, sei es in Übersee oder bei uns unter Behinderten, Kranken oder Obdachlosen; Menschen mit einer hohen Sensibilität für Machtmißbrauch; ausgesprochen kontemplativ Veranlagte; Christen am Rande der Kirche oder Menschen mit dem vordringlichen Wunsch nach sozialem und auch internationalen Frieden. Sie interpretieren unser Suchen von ihren Hoffnungen her. Fast durchweg fühlen wir uns durch ihre Erwartungen innerlich angesprochen, aber überfordert. Auf der anderen Seite gibt es Christen, die scheinbar Dinge von uns fordern, die uns Angst machen. Sehen sie unser Dasein erst dann gerechtfertigt, wenn wir caritativ oder sakramental tätig werden, womöglich so verstanden, wie es ein Mitbruder aus dem Terziat einmal karikierend sagte. Wenn wir „von unserem


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Besitz austeilen“? Das wäre wohl das Selbstverständnis eines Reichen; und vor jedem einzelnen Menschen und dem Evangelium insgesamt können wir uns doch nur als Arme verstehen. Wir haben uns bisher weitgehend geweigert, Funktionen wahrzunehmen; sind wir deshalb ungläubig? Ist der unheimliche Materialeinsatz von Kirche und Orden in Deutschland nicht oft genug ein Zeichen des Unglaubens, ein Klammern an Funktionen? Viele apostolische Arbeiten sind stark mit Herrschaftsfunktionen gekoppelt und drauf abgestellt, andere zu beeinflussen, statt sich konsequent in das Zusammenleben mit anderen Menschen – vor allem der Abhängigen – zu integrieren.

Das sind Fragen, die in uns umgehen, ohne Antwort. Von den Arbeitskollegen wird die Kirche nicht grundlos als Machtbereich der kirchlichen Funktionäre gesehen; diese Sichtweise ist eine hohe Mauer, die den Blick für das Evangelium verstellt. Wie kann diese Mauer der Angst vor den Funktionären ehrlich abgetragen werden, und damit ihr Leben eines Tages auch als Leben der Hoffung auf Wanderschaft, als ein kirchliches Leben gesehen werden?
Michael / Christian

 

Brief 2 – Peter

Berlin, den 17. 11. 1979

Liebe Mitbrüder!
Nicht ganz ein Jahr etwa war ich in Berlin in der neuentstandenen „Arbeiter-Priesterkommunität“ unter türkischen Nachbarn.
Und jetzt fahre ich schon wieder nach Südamerika.
Die einen unter Euch werden diese Entscheidung bedauern, weil Ihr darin die Existenz der neuen Kommunität gefährdet seht, die anderen unter Euch werden ihre Meinung bestätigt sehen, daß Industriearbeit auf deutschem Boden keine priesterliche Tätigkeit sein dürfte. Ich selber möchte weder die Kommunität gefährden, weil sie meine Kommunität bleibt und ich Achtung vor dem Einsatz von Christian und Michael habe, noch die Ansicht von Euch anderen bestätigen, weil die Berufung zu spezifischen Aufgaben, auch innerhalb der Gesellschaft Jesu, nicht immer mit unseren Erwartungen vom gewohnten Priesterbild her übereinstimmen muß. Ich bin dabei, mich, meine Mitbrüder in Berlin-Kreuzberg und unsere zuständigen Vorgesetzten vor Euch zu rechtfertigen. Zu dieser Haltung sehen wir uns sehr häufig gedrängt. – Merkwürdig finde ich nur, daß wir uns vor sehr vielen Christen nicht zu rechtfertigen brauchen. „Solange es Euch gibt, sagte mir ein Freund, habe ich noch eine Hoffnung, vielleicht einen Platz in der Kirche zu haben.“ Vor allem solche Christen, die ihre Hoffnung in die Kirche setzen möchten, an ihr aber häufig irre werden, sehen in der Existenz, in der Lebensweise und im Engagement von uns Zeichen der Hoffnung in der Kirche.

So wie es Michael und Christian zu den Stätten der Produktion in das atheistische Milieu unserer Industriegesellschaft drängt, um den Glauben dort zu leben und ihn vielleicht aufblühen zu sehen, drängt es mich in ein Land der Erde, das zu den Benachteiligten gehört und zu den Straßenkindern, die ich in Kolumbien kennengelernt habe, die ich mag und in denen mir der arme Christus lebendig geworden ist. Ich fahre vorerst auf zwei Jahre nach Bogotá, gehöre weiterhin zur Kommunität in


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Berlin-Kreuzberg, als ihre „Außenstation“. Meine Tätigkeit in Bogotá kann vielleicht am besten mit streetworker bezeichnet werden.

Für mich ist das Elend in Südamerika nicht nur das Ergebnis des Egoismus der wenigen Reichen dort, sondern die Folge der Sünde, der Herrschaftssucht und Maßlosigkeit unserer Industrienationen, zu denen ich auch gehöre. Ich möchte an demselben Strick ziehen wie die Mitbrüder in Berlin.

Die Zeit in Berlin selbst möchte ich persönlich nicht missen: in der Kommunität habe ich einmal als Mensch leben können, ohne ein apostolisches Werk vertreten zu müssen. Diese Rollenveränderung hat mir mehr Klarheit und Freiheit über mich geschenkt. Wichtig waren meine Erfahrungen beim Mittun an der Heilung am gebrochenen Knie,
in der Kommunität haben wir offen über unsere Aggressionen einander gegenüber und unter anderem auch über unsere Ängste und Erfahrungen im sexuellen Bereich miteinander reden können,
ich habe ein wenig zusammen mit den Mitbrüdern lernen können, meine Ängste bei der Arbeit als Spüler in einem Restaurant angehen zu können usw.

Daß manche von Euch in einigem von dem hier Geschriebenen mit mir nicht einverstanden sein werden, trägt zur Vielfalt des Lebens bei. Ich bitte trotzdem jeden von Euch um Euer Vertrauen in den Geist, der mich und das Kreuzberger Unternehmen leitet, und gebt uns und meinen Straßenkindern und ihren Familien in Bogotá Euren Segen
Peter Musto

(Weitere Texte im „assistenz-rundbrief sj“:
Jesuiten-Arbeiterpriester 5/1975;
Novizen gehen an die Arbeit 2/1976;
„Unsere Sendung heute“ von Noel Barre 5/1976;
Gründung einer Assistenz-Kommunität im Arbeitermilieu (2 Seiten) 5/1978; 7/1978, 10/1978;
Thema Gastarbeiter 1/1979;
Berichte aus Berlin 3/1979, 10/1980, 7/1982, 10/1983, 1/1984, 5/1984, 11/1986)


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Die Gemeinschaft ist gefährdet,
wächst und braucht zwei Wohnorte

Vitus Seibel: Wie es begann 129
Michael Corth: Abtrünnige 131
Michael Hainz: Zwischen Freundschaft, Arbeiterideologie und weiblicher Spiritualität 132
Eva-Maria Arntz: Ort der Hoffnung 134
Anneliese Herwartz: Hausputz 135
Annelise Herwartz: Ein Stein vom Herzen rutschte 136
Christl Weber-Pünder: Fremd und nah 137

Die Gemeinschaft ist gefährdet, wächst und braucht zwei Wohnorte

Im Hinterhaus mit einem engen Hof zu leben, ist manchmal ein Leben im Theater. Aus allen Wohnungen kommen Stimmen. Streit – besonders nachts – bleibt nicht verborgen. Doch nach einer längeren Zeit werden auch die leisen Töne wahrgenommen. Ich kann mich erinnern, dass mir von einem Kind aus dem Vorderhaus türkische Pizza gebracht wurde. Der Junge wusste genau, wie viel Leute in der Wohnung waren und so hatte die Mutter für jeden etwas zurechtgelegt. Wir drei lernten in dieser Umgebung langsam leben. Kontakte mit Jesuiten und anderen Bekannten verlegten wir lieber in eine Wirtschaft. Wir wollten uns und anderen den Blick aufeinander nicht verstellen.

Michael lernte Türkisch und hatte bald viele Kontakte. Besonders mit Apostolos, Tapans, Günter und Dietlinde trafen wir uns oft im Hof. Wir feierten Karfreitag den ersten Gottesdienst – mit Bernhard – in unserer Wohnung. Christian wurde 1979 bei einem Ostertreffen der Jesuiten in der DDR nach Rostock zu einem einwöchigen internationalen Treffen anlässlich der Ostseewochen eingeladen. Erst wurde in ihm ein Stasispitzel vermutet, weil er so schweigsam war. Doch er ahnte bald, dass die Gruppenleiterin Dörthe eine der Bekannten von Bernhard war. Die Beschreibung stimmte auffällig. Die Woche schloss mit mehreren Veranstaltungen für einen größeren Personenkreis. Christian wurde gefragt, ob er vor Jugendlichen und dann sonntags in der Stadtkirche predigend über die Woche berichten könnte. Erst später wurde ihm gesagt, dass er der erste Katholik sei, der in dieser Kirche – mit dem Denkmal des Reformators vor der Tür – gepredigt hätte. Noch kannte er die Sprache der DDR nicht, was sich nach und nach ändern sollte. Michael übernahm ab Pfingsten die Gottesdienste in einer kleinen versprengten Gruppe des Neo-Kathechumenates in Marienfelde, später Christian. Dies blieb fast das einzige Lernfeld priesterlich-liturgischen Dienstes. Im Betrieb wurde ein neuer Vertrauenskörper der IG-Metall gegründet und Christian arbeitete dort mit.

Im Herbst wird endgültig die Wohnung in der Oppelner Straße bezogen. Peter Musto geht (für 11 Jahre) nach Bogota und Janni, ein Arbeitskollege von Christian zieht mit ein. Leider wurde er bald arbeitslos und psychisch immer auffälliger. Nach einigen Jahren ging er nach Griechenlnd zurück. Ein anderer Arbeitskollege Toni aus Albanien kam eine zeitlang dazu.

Zu Bernhard Ullrich zog Winfried Stahl, ein junger evangelischer Theologe, der jetzt in Bayern Pfarrer ist. Er blieb drei Jahre und arbeitet in einer kleineren Stahlbaufirma, organisierte mit den Kollegen eine Betriebsratswahl und wurde Vorsitzender des neuen Gremiums. Er gehörte bald, ähnlich wie Bernhard, zur Kommunität, die sich dienstags zum Kommunitätsabend traf.

Im Januar 1980 fuhren Bernhard und Christian nach Spanien. Es war eine schöne Reise. Doch ein halbes Jahr später lag Christian mit Hepatitis B längere Zeit flach,


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erst isoliert im Virchow-Krankenhaus und dann zu Hause. Diese vier Monate war ein Neuentdecken des Stadtteils mit viel Zeit und wenig Kraft. Michael fuhr im Februar 1980 nach Rom zum Treffen einiger Jesuiten, die in Europa in Fabriken arbeiteten, mit dem Generalverantwortlichen im Orden P. Arrupe. Er schrieb anschließend über diese Erfahrungen einen Brief an alle Jesuiten. Im Oktober 1980 kam dann Franz Keller aus der Schweiz nach Berlin. Franz, obwohl Schweizer Bürger, fand schon im November eine Beschäftigung als Hilfsarbeiter bei Elektrolux. Er war damals 55 Jahre alt.

Karl Köckenberger wohnte zu der Zeit auch für einen Monat in der Kommunität. Er fand eine Arbeit bei Krupp im Stahlbau und besetzte bald mit Freunden in der Lausitzerstraße eine kleine Chemiefabrik, die zu einem Nachbarschaftszentrum hergerichtet wurde – Regenbogenfabrik – und Wohnhäuser, wo sie immer noch leben. Der Kontakt zu ihm und ab 1983 auch zu Johanna und ihren Kindern sollte nicht abreißen. Sie kamen eine längere Zeit regelmäßig zum Kommunitätsabend. Johanna fand Arbeit zuerst in einer Pralinenfabrik und dann in der Zigarettenfertigung. Im März/April 1981 fuhren Michael und Christian fünf Wochen in die Türkei. Sie waren eingeladen zu einer Hochzeit auf dem Land. Das war ein wichtiger Schritt der Inkulturation in das Leben in Kreuzberg, obwohl die Kontakte zu Türken nie auffällig stark waren.

Im Sommer 1981 kam Bertram Dickerhof, ein junger Jesuit, für ein Jahr in die Kommunität und fand im Röhrenwerk von Siemens Arbeit.

Im Jahr 1982 fand eine ordensinterne Evaluation der Erfahrungen in der Kommunität statt. Die Vermittlung der Erfahrungen im Orden waren in Deutschland nicht einfach.

Aber das Leben ging stürmisch weiter: Lebensmitteltransporte wurden organisiert und im Winter nach Polen gebracht. Auf dem Kudamm vor dem Atombunker fanden Aktionen gegen die Atombedrohung statt. Die CAJ wurde am 1. Mai gegründet. Christian wurde in die Vertrauenskörperleitung der IG-Metall gewählt. Erste Beratungen fanden statt, ob Michael und Christian nebenamtlich in der Pfarrei St. Michael priesterliche Verantwortung übernehmen sollten. Hanns Heim kommt im Oktober in die Kommunität. Er bleibt lange arbeitslos und engagiert sich im Arbeitslosenladen bis er als Auslieferungsfahrer Arbeit findet. Michael Walzer wird nach den langen Beratungen als Ausdruck der größeren Selbstständigkeit zum Verantwortlichen der Gemeinschaft ernannt.

Juan Suarez aus Kolumbien wohnt in der Kommunität. Er hatte über Peter Musto von uns gehört. Er wurde einige Jahre später bei einem Besuch in Bogota erschossen. Im Sommer 1983 kommt Stefan Taeubner für einige Wochen in die Kommunität und findet Arbeit bei C&A Brenninckmeyer.

Im August wird das Vorderhaus der Regenbogenfabrik, wo Karl und Johanna wohnen, erfolglos besetzt: Räumung, Prozesse, usw. Die Zeit der Hausbesetzungen war abgeebbt; der Abriss des Stadtteils gestoppt. Die Sanierung ohne Vertreibung der Bevölkerung begann. Die grauen, trostlos wirkenden Fassaden der Häuser wurden mit den Wohnungen instandgesetzt und bekamen Farbe.


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Godehard Pünder zieht von Brasilien aus in die Kommunität und wird am 25. 9. 1983 in sein neues Amt als Pfarrer von St. Michael/Kreuzberg eingeführt. Am 1.9.1983 teilt sich die Gemeinschaft direkt nach einem Kommunitätsabend – entsprechend einem alten Plan aus Toulouser Zeit, wenn mehr als vier Jesuiten da sind – in zwei Wohngruppen auf: In der Wohnung von Bernhard, der weiter zur Kommunität gehörte, war Winfried nach München gezogen. Es wohnten noch Flüchtlinge aus Bangladesch mit ihm zusammen. Christian und Godehard zogen zu ihnen in die Sorauerstraße. Bernhard ist ein sehr gastfreundlicher Mensch und er legte Wert darauf, dass es keine Regeln gib, wie das Einhalten von Spül-, Reinigungsoder Kochplänen. Im Konflikfall hat er diese Arbeiten lieber selber gemacht. Es gab in der Wohnung ein großes Schlafzimmer mit vielen Matratzen, auf die leicht jemand dazukommen konnte. Auch zum Balgen war dies eine geeignete große Fläche. Karl und Johanna heiraten am 10. 9. 1983 im Kiez.

Im September 1983 gab es einen großen Knall, als Hanns vor der Mauer der Jesuitenhochschule in Frankfurt/M. im Schlafsack übernachtete. Es fand eine Tagung zum Thema Arbeitslosigkeit statt. Der Zutritt von Arbeitslosen war nicht gestattet. Über sie wurde in Abwesenheit geredet.

Gegen das große Aufbäumen der Friedensbewegung beschließt der Bundestag die Stationierung der atomfähigen Raketen. Am 27.11.1983 kennzeichnet Hanns die Gefängnismauern des neuen Frauengefängnisses in Plötzensee. „Hier baut die Bundesrepublik an unserer Zukunft.“ Wer Raketen aufstellt gegen die Bevölkerung, braucht Gefängnisse zur Disziplinierung von Dissidenten. Viele Aktionen zusammen mit Freunden als Friedensgruppe vor dem US-Head-Quarter. Verurteilungen. Viele weitere Aktionen wie z.B. während der Herbstmanöver der Bundeswehr 1984 Nähe Hildesheim.

Elio Dragone zieht mit in die Oppelner Straße ein, in die Sorauerstraße Fritz Reinekke und Otto Klever.

Am 2. Oktober 1984 wird bei Michael Walzer ein bösartiger Gehirntumor entdeckt. Wir feiern einen Gottesdienst mit ihm und der CAJ im Krankenhaus. Er bittet seine Freunde, ihn auch nach der Operation als Behinderter anzunehmen. – Unter seinem Namen gibt es einige Dokumente der folgenden Monate bis hin zu seinem Tod am 29. 1. 1986. Er wurde 37 Jahre alt und auf dem Hedwigsfriedhof unter großer Anteilnahme beerdigt.

Godehard findet die Wohnung Naunynstraße 60, die näher zur Gemeindekirche St. Michael liegt. Die Gemeinschaft hatte entschieden nicht in die Pfarrerwohnung dort einzuziehen und das Pfarrergehalt nicht anzunehmen. Die Gemeinschaft wollte von der manuellen Arbeit leben.

Ab Dezember 1984 konnten wir eine Wohnung in der Naunynstraße 60 anmieten.

Christian Herwartz


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Vitus Seibel
Wie es begann …

Mein erster Artikel als Herausgeber des „Assistenzrundbriefes“ befasste sich mit der „Gründung einer Assistenz-Kommunität im Arbeiter-Milieu“ (Mai 1978). Im Auftrag der Provinziäle hatte ich die Initiativen zu begleiten, die schließlich in Berlin – Kreuzberg konkret wurden. Ich habe mich dabei als Vermittler in die Ordensprovinzen hinein verstanden, als eine Art Fürsprech, wenn auch manchmal mit Kopfschütteln oder mit Bauchweh – nach beiden Seiten.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Frage nach Neuorientierung und entsprechenden praktischen Versuchen auch im Orden drängender. Die Richtung der Überlegungen war von der 32. Generalkongregation der Jesuiten (1974/75) vorgegeben: Unsere Verkündigung des Glaubens muss mit dem Bemühen um Gerechtigkeit einhergehen.

Zwei Mitbrüder wurden zu Praktika zu den SJ-Arbeiterpriestern nach Frankreich geschickt, um deren Lebensweise, Spiritualität und Grenzerfahrungen kennen zu lernen. Eine Initiativgruppe von interessierten Jesuiten tauschte eigene Erfahrungen aus. Ideen, Hoffnungen und Wünsche kamen zur Sprache. Kriterien für eine Kommunität wurden erarbeitet. Mögliche Gefahrenpunkte wurden unter die Lupe genommen. Die Rückbindung an den Orden und die Verantwortlichen der Provinzen wurde bedacht. Die auftauchenden Reaktionen in den Provinzen – ermutigende, bisweilen aber auch aggressiv-skeptische oder ängstliche – galt es aufzugreifen und zu berücksichtigen. Das bedeutete Lernprozesse für alle, die an der Auseinandersetzung teilnahmen. Aber das Ganze diente dazu, dass schließlich Nägel mit Köpfen gemacht werden konnten.

Mit all dem will ich sagen, dass über längere Zeit eine für meine Begriffe seriöse Vorbereitungsphase lief. Ich habe darüber in der Zeit meiner Mitverantwortung immer wieder im Assistenzrundbrief berichtet, was in der Provinzkonferenz, den Provinzkonsulten oder an der Basis verhandelt wurde.

Nachdem Berlin den Zuschlag erhalten hatte, ging es dort im September 1978 los. Zunächst in einem Arbeiterwohnheim im Wedding, bis man in Kreuzberg eine erste Niederlassung fand, der weitere folgen sollten. Die Anfangsmitglieder der neuen Kommunität waren Christian Herwartz und Michael Walzer, zu denen kurzfristig Peter Musto stieß. Andere Mitbrüder kamen im Verlauf der wechselhaften Geschichte hinzu oder schieden wieder aus. Doch dies gehört nicht zu meinem Bericht, der die Anfänge darstellen sollte. Zweifellos war später ein einschneidendes Ereignis der Tod von Michael Walzer, der 1986 an einem Gehirntumor starb. Franz Keller, der bald zur Gruppe stieß, bildet zusammen mit Christian bis heute so etwas wie den „roten Faden“ der Kommunität.

Durch Besuche bei den Berliner Mitbrüdern habe ich Kontakt zu halten gesucht. Ich habe mich bemüht, hin und her zu vermitteln. Ich habe aber auch die Ohren gespitzt für das, was sich zwischenzeitlich an Neuem und an veränderten Akzentuierungen ergab. Es war ja nicht alles planbar. Ich meine schon, dass es echt ignatianisch ist, einerseits sorgfältig zu planen, anderseits aber aufgeschlossen zu bleiben für Bedingungen und Erfahrungen vor Ort. Sie sind nicht ein unerwünschtes Durcheinander-


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werfen der vorher so schön ausgedachten Reißbrettentwürfe. Vielmehr dürfen sie oft verstanden werden als echter Anruf Gottes.

Es zeigte sich bald, dass die Kommunität offen sein musste auch für Nicht-Jesuiten, für Nicht-Katholiken, für Nicht-Christen und für Menschen in unterschiedlichen Notlagen.

Bald fanden sich Freundinnen und Freunde ein, neue Wegbegleiter, neugierige Schnupperer, kritische Frager, und in alledem ist eine Gemeinschaft entstanden von Menschen, die sich in Freud und Leid miteinander verbunden fühlen und sich aufeinander verlassen können. Die Kreuzberger Mitbrüder haben manchen Menschen Solidarität und tatkräftige Zuwendung gegeben. Sie durften aber auch erfahren, dass sie nicht einfach Gebende, sondern vielleicht mehr noch Empfangende waren, wie es denen geschieht, die einander zu Nächsten werden.

Eine kleine Erinnerung zum Schluss. Als ich die Mitbrüder zum ersten Mal in Kreuzberg besuchte, waren sie wohl sehr gespannt, wie ich meine Übernachtung in ihren doch arg primitiven Wohnverhältnissen überstehen würde (Stockbett, Etagenklo, Kälte) – ohne den üblichen Jesuitenkomfort halt. Da ich in meiner Kindheit an zum Teil noch primitivere Einrichtungen gewöhnt war, kamen sie in dieser Beziehung aber nicht auf ihre Kosten!

Im letzten Assistenzrundbrief, den ich zu verantworten hatte (Juli 1982), habe ich noch einmal ausführlich über Kreuzberg geschrieben. Das las sich so: „Im Auftrag der PK (Provinzialkonferenz) habe ich im letzten halben Jahr eine Auswertung unserer Arbeiter-Kommunität in Berlin-Kreuzberg versucht. Das entsprechende Papier lag dem Treffen der Konsulte der Nord- und Südprovinz sowie der PK vor. Schon früher hatte ich verschiedentlich über dieses Assistenzunternehmen im Assistenzrundbrief berichtet oder die Berliner Mitbrüder berichten lassen.

Im jetzigen Auswertungspapier wurde die Vorgeschichte und das Vorfeld noch einmal ausführlich beschrieben; das zusammen mit der PK und anderen Gruppen entwickelte Konzept wurde dargestellt. Ausführlich wurden die Erfahrungen geschildert, die die Mitbrüder in der Zwischenzeit mit sich, den Menschen am Arbeitsplatz, den Menschen im Wohnbereich und in sonstigen Bezugsgruppen gemacht haben. In den drei Spannungsfeldern Arbeitsplatz, Wohnplatz sowie Kirche und Orden sind brennpunktartig die Probleme deutlich, die unsere Mitbrüder in Berlin zum Teil hautnah erfahren. Ganz deutlich wird in den mannigfachen Belastungen, wie wichtig eine Kommunität ist, in der man miteinander beten, reflektieren und leben kann.

Natürlich bleiben manche Fragen. Das Leben in verschiedenen Identitäten schafft Rollenkonflikte, die das Gefühl der Zugehörigkeit zum Orden und zur Kirche erschüttern können.

Die Mitbrüder stehen ferner unter einer Art Erfolgszwang. Bei ihnen darf nichts schief gehen, sonst werden sie von manchen Jesuiten sehr schnell „aufgespießt“. Eine zusätzliche Belastung kommt durch die Erfahrung, dass manche Jesuiten ein Engagement als Arbeiterpriester sowieso als Pseudo-Apostolat und als dem Orden wesensfremd ansehen. Eine dritte Schwierigkeit hängt mit dem nur teilweise glückenden Versuch zusammen, das Berliner Experiment bei den Unsrigen darzustellen.


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Wenn dabei unausgesprochen der Eindruck entsteht, dass man die Arbeit der anderen Jesuiten als etabliert, bürgerlich, nicht im Sinne von Dekret 4 usw. ansieht, weckt man eher Aggressionen. Diese können ihrerseits dazu führen, dass man sich zurückzieht, nur noch mit bestimmten Jesuiten verkehrt, eine Exklusivität pflegt, die erst recht ins Abseits führt.

An die Adresse der Berliner Mitbrüder werden immer wieder Vorwürfe gerichtet, die mit den drei eben beschriebenen Gefahren zu tun haben. Es ist zu sagen, dass die Berliner hier in einem Lernprozess stehen, der noch nicht abgeschlossen ist. Krisen und Kritik werden auch in Zukunft nicht fehlen. Die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, aber auch nicht.

Andererseits kenne ich sehr viele positive Stimmen zu unserem Berliner Unternehmen. Mitbrüder sind froh, dass der Orden auch in Deutschland so etwas macht. Sie fühlen sich für eigene Arbeit dadurch in einem positiven Sinne angefragt oder in ihrem Jesuiten-Sein bestärkt.

Die Provinzialskonferenz muss in der nächsten Zeit einige offene Fragen regeln (Finanzen, Zuständigkeiten, Oberer, Apostolatsmöglichkeiten). Unabhängig davon ist sie der Meinung, dass das Berliner Unternehmen der Assistenz weitergeführt, ja gegebenenfalls verstärkt bzw. auf eine breitere Basis gestellt werden soll.“

Berlin 22.1.2003

 

Michael Corth
Abtrünnige

Als ich das erste Mal 1979 von Euch hörte, war ich Referendar am Canisius-Kolleg. „Abtrünnige, Linke“, Leute jedenfalls, über die man öffentlich am Kolleg wenig sprach, schon gar nicht einlud, um über ein für die Schüler bestimmt spannendes Wohn- und Arbeiterprojekt der Jesuiten zu hören. Diese Einladung wurde dann Gott sei Dank 1999 (?) durch P Mertes nachgeholt.

Mich hat die leise Gerüchteküche über Christian und seine Mannen damals sehr interessiert: Selbst immer auf der Suche nach glaubhaftem Christsein beeindruckt mich Euer Vorhaben, in einer Kommunität zu leben, die zugleich offen für Hilfesuchende war und in der Jesuiten lebten, die nicht dem intellektuellen Ordensbild nacheiferten, sondern am eigenen Körper den Alltag von Fabrikarbeit spürten! Beeindruckend und wahrhaftig!

Zur gleichen Zeit verließen in Berlin und am CK diverse Jesuiten den Orden! Warum? Kommunität braucht Gemeinsinn als Lebensform, sonst vereinsamt der Einzelne, braucht Rituale, die diesen Gemeinsinn sichtbar machen, braucht Glaubwürdigkeit im Handeln für die Ausgegrenzten, Schwachen, Benachteiligten und eine Portion Überzeugungskraft, die spürbar wird. Als du, Christian, an unserer Schule warst und von deiner Lebensform erzählt hast, ist das alles spürbar geworden.

Berlin 2003


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Michael Hainz
Zwischen Freundschaft, Arbeiterideologie und weiblicher Spiritualität

Im Noviziat, aber gewiss während des Philosophiestudiums traf ich mit Christian Herwartz zusammen, und dieser erste Kontakt war so „ansteckend“, dass ich mich traute, Christian im Sommer 1976 an einem Wochenende von meinem Französischkurs in Besancon aus zu besuchen. Christian (und mit ihm Michael Klein, ein anderer, inzwischen ausgetretener Mitbruder) machte da gerade seine „Lehre“ als Arbeiterpriester in Toulouse und es war für mich ein Abenteuer, während eines Streiks französischer Bahnarbeiter mit mehrfachem Umsteigen angesichts unverständlichen Bahnsteigansagen nach Toulouse zu kommen. Aber o Wunder: Obwohl ich Stunden später in Toulouse ankam als ausgemacht, stand die gesamte Arbeiterpriesterkommunität am Bahnsteig und bereitete mir ein herzliches Willkommen.

Wichtig in Toulouse und der eigentliche Beginn einer Freundschaft mit Christian war, als wir Mopeds ausleihen und eine längere Fahrt durch die „Prärie“ machen konnten. Dieses ungewöhnliche Zeichen – ich war nie Moped gefahren in meinem Leben – und die anregenden Gespräche während dieses Tages hatten einen unvergesslichen Charme, eben einen freundschaftsstiftenden.

Es folgten in den späteren Jahren wiederholte Besuche in Kreuzberg und ich erinnere mich an drei verschiedene Kommunitätswohnungen. Beeindruckt haben mich immer der einfache, arme Lebensstil und die Gastfreundlichkeit gegenüber Menschen verschiedenster Art, die es schwer gehabt hatten im Leben: Alkoholiker, gescheiterte Künstler, Ausländer, Strafgefangene. Auch fand ich faszinierend, wie gut damals Hans Heim und Christian in lokale Bewegungen und Gruppen (z.B. Arbeitsloseninitiativen) eingebunden und dort anerkannt waren.

Weil ich gerade von Hans Heim sprach: Ich hatte einen guten Start mit ihm, als wir bei einem süddeutschen Provinzsymposium eine zweitägige Wanderung am westlichen Schwarzwaldrand vereinbart hatten. Dabei hatten wir einen guten Austausch, und ich traf ihn bei seiner weichen, gesprächigen Seite. Bei offiziellen Treffen mit ihm in großer Runde (Provinzsymposium, „Sozialistentreffen“, Besuche in München) erlebte ich ihn als sehr viel härter und vorwurfvoller, wodurch Dialoge meiner Empfindung nach kaum recht in Gang kamen.

So glaubwürdig ich seinen Lebensstil erfuhr, so wenig vermittelbar erlebte ich seinen Stil, mit dem er vielfach die Anliegen vortrug, die ihm wichtig waren. Gesprächsversuche endeten oftmals leider in Konfrontation, und meiner unmaßgeblichen Meinung nach war gerade das krasse Auseinanderklaffen unversöhnlicher Anliegen zweier grundverschiedener Lebenswelten und ihrer Ideologien etwas, das Michael Walzer, dem weiteren Jesuiten in Bunde, seelisch sehr zusetzte – vielleicht hatte auch sein Krebs damit zu tun.

Bei der Beerdigung von Michael Walzer wurde etwas deutlich, was ich als Arbeiterideologie kennzeichen möchte. In seiner Predigt sprach Christian die Werte an, die Michael heilig gewesen waren, vergaß aber während des ganzen Gottesdienstes in der St. Michaelskirche unmittelbar vor der Mauer die Familie von Michael anzusprechen, die vollständig versammelt war. Michael wurde ganz für die Arbeiter-


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priesterkommunität vereinnahmt, aber kein rechter Trost seiner Familie gespendet, während Arbeiter selbst doch sehr an ihre Familie gebunden sind und sie hochhalten. Ich meine, mich auch daran zu erinnern, dass Christian an diesem Tag recht „schlicht“, vermeintlich arbeiterhaft gekleidet war, wogegen Arbeiterfamilien sich doch an besonderen Tagen, wie einer Beerdigung, besonders herausputzen. Ein sehr schönes Zeichen für die Größe von Michaels Lebenszeugnis war es, dass ein Rabbiner an seinem Grab die jüdische Totenklage sang.

Eine Erinnerung habe ich an Godehard Pünder, als ich zu einem Besuch in Berlin war. Er hatte eine Begegnung vereinbart mit Yesiden, die – so glaube ich – aus der Türkei stammten. Die ganze Nacht las er sich in ihre Religion und Gebräuche ein. Das Zusammentreffen wurde dann zu einer so feierlichen, geradezu ehrfürchtigen Begegnung, zum Ausdruck einer im besten Sinn orientalischen Gastfreundschaft.

Ein unvergessliches Erlebnis hatte ich mit Franz Keller, dessen aufmerksame Präsenz und dessen lauteren, unauffälligen Dienst in der Kommunität ich immer schätze und dessen hartnäckige Hinweise auf Ungerechtigkeiten in der Wirtschaftsordnung mich immer herausforderten. Bei diesem Besuch ergab sich, nebenbei bemerkt, ein gemeinsames Radeln mit Franz durch Berlin, wobei die vielen Ampeln mir Mitkommen mit seiner Geschwindigkeit erlaubten. Damals, ein oder zwei Jahre vor der „Wende“, besuchten wir auch zusammen Ostberlin, machten auf Kultur, schauten uns das Pergamon-Museum an und am Abend ein Theaterstück von Hermann Kant. Dabei lachten und klatschten wir kräftig, und der auch von anderen Zuschauern mehr und mehr gespendete Beifall reizte das Ensemble, sich mehr und mehr systemkritisch zu profilieren. Unter der Hand wurde aus der Aufführung eine regimekritische Manifestation, wobei der Widerwillen der „Aufpasser“, die mit im Zuschauerraum saßen, unverkennbar war.

Es müsste ab den späten achtziger Jahren gewesen sein, als wir sogenannte „Randgruppentreffen“ begannen, einmal im Jahr einen mitbrüderlichen Austausch über unseren Einsatz für Menschen am Rande. Vertreten waren Mitbrüder aus Kreuzberg, Leipzig und München, und in jeweils einem dieser Orte fanden diese Treffen statt.

Zwei Momente machten diese Runden zu etwas Kostbarem: Das Erzählen jedes einzelnen, für das wir uns Zeit ließen, und dann das „Befragen“, also das um Verstehen und gegebenfalls mitbrüderliche Korrektur bemühte Rückfragen der anderen. Was mir noch als inhaltliches Moment hängenblieb: der Gestus der Einladung. Christian erzählte immer von neuen Impulsen, neuen Anfängen als von „Einladungen“ durch andere, die ihn weitergeführt oder was Neues gezeigt hätten, letztlich Einladungen vom Herrn selbst.

Im Laufe der vielen Begegnungen mit den Mitbrüdern in Kreuzberg, namentlich mit Christian, mit dem ich die engsten und häuftigsten Kontakte hatte, erlebte ich eine Tendenz: Die Gespräche verloren das, was immer wieder, gerade in den früheren Zeiten, für die übrigen Gesprächspartner schwer zu nehmen war, nämlich eine harte, im Ton anklagende Diktion, vorgetragen stellenweise in einer Art überfallartiger Attacke.

Ich hatte dies zum letzten Mal in größerem Stil aufblitzen sehen bei einem Besuch meines Terziatskurses in Kreuzberg im Herbst 1998, als Christian uns schroff nach unserer Beschäftigung mit Gerechtigkeit fragte. Im Laufe der Jahre wurde ei-


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ne mehr verständigungsorientierte Weise der Kommunikation üblich. Ich bringe dies zusammen mit dem, was ich die Hinwendung zu einer eher weiblichen Spiritualität nenne. Mir fällt dazu ein, wie sehr ich überrascht war, als Franz und Christian in den frühen neunziger Jahren im Berchmanskolleg bei einem Randgruppentreffen erzählten von ihrer Faszination von der Mystik Meister Eckehards. Diese empfangende, kurz: weibliche Seite der Spiritualität kam auch in der Hinwendung zum Exerzitiengeben „auf der Straße“ zum Ausdruck.

Ich kann nur bruchstückhaft wiedergeben, was ich alles von den Kreuzbergern empfangen habe. Ich erlebe dieses „Experiment“ der Kreuzberger als ein Wunder, dass es überhaupt einwurzeln und allen Stürmen standhalten konnte – und dass es immer wieder frisches, klares Wasser sprudeln ließ, das auf die eine oder andere Weise nach Jesus Christus schmeckt.

München 2003

 

Eva-Maria Arntz
Ort der Hoffnung

Orte der Hoffnung leben“ – diese Idee brachte mich 1976 für ein Jahr nach Berlin- Kreuzberg. Ich war 19, hatte gerade mein Abitur geschafft und verließ mein wohl behütetes Elternhaus. In Taizé in Frankreich teilte ich mit vielen Jugendlichen die Begeisterung und den Aufbruch des Konzils der Jugend: „Kampf und Kontemplation“.

Das war eine Botschaft, die uns beseelte – in der Kirche, in der Welt, in einem Bewusstsein für politische „Gerechtigkeit“, Wurzeln in Spiritualität und Handeln. Von Taizé aus „schickten“ mich die Brüder aus Taizé nach Berlin. Ich begann zusammen mit zwei anderen jungen Frauen eine Wohngemeinschaft in Kreuzberg.

Die anderen beiden hatten zuvor in Schlachtensee in der Gemeinde von Heinrich Albertz gelebt und entschieden sich nun bewusst für ein Leben in Kreuzberg, einer anderen Realität Berlins. Mitten in diesem Stadtteil unter den Menschen Hoffnung leben – das war unser Traum, voller Enthusiasmus unseres Alters. Daneben waren mein „Job“ damals die – in dieser Zeit völlig heimlichen – Kontakte nach Ostberlin und in die DDR, um dort Christen und Christinnen, die sich dem gleichen Aufbruch verbunden fühlten und in ihrem Rahmen Treffen organisierten, zu besuchen und Besuche der Brüder und reisender Jugendlicher aus dem „kapitalistischen Ausland“ organisatorisch vorzubereiten.

Dieses Jahr in Kreuzberg – und regelmäßig in Ostberlin – wurde für mich total aufregend, ein Aufbruch in die Welt, in politische, gesellschaftliche Zusammenhänge, in der Suche nach gemeinsam gelebter Spiritualität, in die Nachbarschaft mit Menschen in Kreuzberg, die so anders waren und lebten als die Umgebung meines Elternhauses am Rande von Bonn.

Nach einem Jahr kamen zwei junge Männer, die eine Straße weiter ebenfalls eine Wohngemeinschaft im gleichen (Taizé-)“Geist“ begannen – und ich hatte einen Studienplatz in Köln zugewiesen bekommen. Bei dieser Wohngemeinschaft der Freunde in der Sorauer Str. tauchten eines Tages, im Sommer 1977, kurz bevor ich meine Kreuzberger Zelte abbrach, Christian und Michael auf. Sie suchten einen Einstieg in


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Kreuzberg, fragten viel, suchten Kontakt und erzählten von ihrem Anliegen, eine Kommunität in Kreuzberg zu gründen.

Ich erinnere mich noch an diesen Abend. Erinnere mich an das Gefühl, dass da etwas Spannendes entstehen wird, dass diese beiden da etwas ähnliches wollen. Und auch, dass wir noch viel mehr davon träumen und diese beiden schon mehr davon gelebt haben. Erinnere mich an Eindrücke von Authentizität, Glaubwürdigkeit, Kraft, den gewählten Weg wirklich zu gehen. Ich weiß, dass ich beeindruckt war – und auch ein wenig neidisch angesichts meiner Ahnung, dass diese Menschen miteinander etwas bewegen, während ich doch mit meinem Ausstieg aus Kreuzberg beschäftigt war und mein Studium in Köln planen und angehen „musste“. Aber war das überhaupt schon im Sommer 1977, oder bei einem meiner Besuche in der Zeit danach? Egal, das Wesentliche der Erinnerung ist nicht das Datum.

Nun denn, Christian und Michael zogen wirklich nach Kreuzberg, zogen in die Oppelner Str. – und ich ging nach Köln und engagierte mich in anderen Kontexten, wie dem Protest der Friedensbewegung, der Solidarität mit El Salvador. Ich habe wenig Kontakt nach Berlin gehalten, war nur ganz selten in den verschiedenen Kreuzberger Wohnungen. Und dennoch traf und treffe ich Chrsitian immer wieder: mehrmals zufällig auf einem Bahnhofsgleis in Köln oder Bonn, öfter bei gemeinsamen Freunden in Ostberlin, mal unerwartet in einem Seminarhaus bei parallelen Veranstaltungen…

Immer noch wirkt auf mich die Glaubwürdigkeit, die Authentizität, der Wunsch und der Mut, radikal , d.h. an den Wurzeln, zu leben. Immer noch sprechen die Erzählungen von Christian meine eigenen Gedanken, Suchbewegungen, Aufbrüche und den Traum „eine andere Welt ist möglich“ an.

Und das Wissen um diese Gemeinschaft in Berlin, um die Kreise, die das Wirken, Leben, Zuhören, Handeln von Christian und den anderen dort gezogen hat und zieht, ist die Gewissheit: dort ist ein Ort der Hoffnung.

Brühl 25. Mai 2003

 

Anneliese Herwartz
Hausputz

Natürlich wollten wir Eltern sehen, wo unser Sohn jetzt hauste in der Naunynstraße. Da gab es sogar eine Unterkunft für Gäste, auch eine Küche und ein Wohnzimmer.

Nun bin ich gewiss kein Putzteufel. Aber die Frage drängte sich auf: „Sind die Stühle in der Küche abgeschabte schwarze Möbel oder doch vielleicht ehemalige weiße?“ „Sind die Spinnen im Wohnzimmer Ersatz für die fehlenden Haustiere und sind die Fenster so verdreckt, weil keiner reingucken soll?“ Einen Eimer mit warmem Wasser und Wischtücher in der Hand kam ich ins Zimmer.

Auf dem Sofa saßen ganz gemütlich zwei Männer. Als ich sie fragte, ob sie mir helfen könnten, die Möbel zu rücken, sprangen sie sofort auf und erklärten eilig, dass sie sofort aus dem Haus müssten zu einer Verabredung. – Da klingelte es. Als ich öffnete, sah mich ein junger Mann erstaunt an. Eine Frau? Er sah den Eimer, begriff die


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Situation. „Kann ich ihnen helfen?“ Er räumte die Möbel beiseite. Ich erfuhr dann, das er ein junger Türke war und Hassan hieß. Später bei der Taufe bekam er den Namen Markus.

Ich war so froh über seine spontane Hilfsbereitschaft, dass wir Freundschaft schlossen. Sie hält bis heute.

Meckenheim 22. 11.2002, Mutter von Christian

 

Annelise Herwartz
Ein Stein vom Herzen rutschte

Als junges Mädchen fuhr ich mit meinen Eltern jedes Jahr im Sommer nach Berlin. Dort wohnten zwei Tanten mit ihren Familien. Immer wiederholte sich mein Entsetzen am Ende der Bahnfahrt, auf der Strecke zum Stettiner Bahnhof. Ich stand am Fenster und sah all die grauen Hinterhöfe, die Enge und Bedrängtheit der Menschen. Wie furchtbar musste das sein, hier eingesperrt zu leben! Mein Herz krampfte sich zusammen.

Ich kam aus Stralsund, einer Stadt, die auf einer Insel gebaut ist. Meine Schule lag direkt an der Ostsee, aus dem Fenster sahen wir auf die Insel Rügen, auf Segelboote und viele Schiffe. Der weite offene Blick war uns selbstverständlich: und jetzt diese Enge und Bedrücktheit dieser Menschen! Und nun kamen wir Eltern, um unseren Sohn zu sehen, der in dieser Stadt leben wollte. Natürlich, es war eine ganz andere geworden. Der Krieg hatte sie und alles total verändert.

Ehe wir zu Christian kommen konnten, mussten wir warten. So sahen wir uns in der Umgebung um. Wir fanden Wohnungen, die nur aus einem großen Zimmer und der Küche bestanden. Sie sollten für Familien mit 3 – 4 Kindern sein. Im Geist sah ich die Windeln um den Herd hängen und die Väter abends in der Kneipe sitzen. Davon gab es reichlich in der Nähe. – Der Hinterhof war schon bewohnt. Die ehemaligen Kutscherstuben und Pferdeställe waren noch zu erkennen. Viele Menschen schienen jetzt dort zu wohnen.

Klopfenden Herzens betraten wir dann endlich die Bleibe von Michael und Christian. Aus dem Zimmer drang Stimmengewirr, die Wohnungstür war offen. Wir drükkten uns in eine Ecke, denn herein kamen zwei Männer. Etwas schüchtern standen sie da. Ich besah sie eindringlich. Nein, sofortiges Vertrauen konnte ich ihnen nicht schenken. Ich entdeckte die Schnapsflaschen in ihren Armen. Mein Mann griff nach meiner Hand und drückte beruhigend.

„Was kommt nun?“ Michael kam, begrüßte die beiden freundlich, ergriff die Schnapsflaschen, entkorkte sie und stellte sie ganz selbstverständlich kopfüber in den Ausguss. Und jetzt?

Christian kam und begrüßte die Männer auch freundlich und die gingen ohne Widerrede ins Zimmer, dort gab es etwas zu essen. Ich weiß nur, dass uns ein Stein vom Herzen rutschte und dass wir wieder Mut fassten.


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Vielleicht konnten sie hier den Wunsch, Gott und den Menschen zu dienen, verwirklichen.

Meckenheim 6. 3. 03

 

Christl Weber-Pünder
Fremd und nah

Ich musste erst ein wenig nachdenken, was die Jesuiten-Kommunität zusammengefasst für mich eigentlich ist und war, waren doch die Begegnungen ganz unterschiedlich. Aber wenn ich in mich hineinhorche und auf meine Gefühle achte, können folgende Zeilen es einigermaßen wiedergeben.

Den ersten Schritt in das „Heiligtum Wohnung“ der Kreuzberger Jesuitenkommunität setzte ich zusammen mit meinen zwei quirligen Kindern (kapp 3 J.) etwa 1985 mit Michael Walzer. Michael hatte mich wegen einer gemeinsamen Bekannten, die ab und zu in der CAJ auftauchte, zuhause besucht, und wir machten einen Spaziergang am Kanal entlang, Richtung SO 36.

Schließlich Oppelner Straße: Michael konnte sich nicht leicht entschließen, uns in die WG zu nehmen; nicht, weil ich weiblichen Geschlechts war, sondern ich war nicht die richtige Art von Besuch: weder war ich obdachlos, noch arm, noch drogenabhängig, sondern auf eine suspekte Art „gewöhnlich“, was die anderen Mitbewohner hätte erschrecken können. Zweifellos konnte auch ich mit einem (vergleichsweise geringfügigen) Anliegen aufwarten, das zugegebenermaßen zwar nicht den Zutritt zu speziell dieser Wohnung, aber doch immerhin zu einem speziellen Örtchen innerhalb dieser rechtfertigen konnte. Aber ich dachte eher, es sei eine Selbstverständlichkeit, dass man sich unter Freunden ohne die Not eines Vorwandes gegenseitig besuchen könnte. Wir tranken dann einen Tee zusammen und nach einem halben Stündchen zog ich mit Axel und Martin wieder los, nicht recht wissend, wie ich alles einordnen sollte. Ich fühlte mich bei dem Menschen Michael willkommen, nicht aber beim „Prinzip“. Michael selbst fühlte sich alles andere als wohl in dieser Spannung.

So kam es vielleicht, dass der „Ort“ Kommunität für mich auch später immer etwas dunkles an sich hatte, was ich möglichst schnell wieder hinter mir lassen wollte. Anders und gegensätzlich zu dieser Begebenheit die Erfahrung mit einzelnen Menschen der Jesuiten-Kommunität. Mit Michael, dessen Krankheit und Tod meinem Leben eine entscheidende Wende gab, ohne dass er je davon wusste. Mit Christian, der mir auf viele Probleme in Kreuzberg eine neue Sicht möglich machte; der mir tröstend, Mut machend, aufbauend und brüderlich begegnete. Franz, hinter dessen ruhigem Wesen ich doch enorme konzentrierte Kraft spürte. Hans, der für mich die verkörperte Gegensätzlichkeit war: feinfühlig und liebenswürdig auf der einen und knallhart in seinen Schlussfolgerungen auf der anderen Seite. Und schließlich Godehard, mit dem ich mich auseinander- und zusammensetzte, mit dem ich seit vielen Jahren Licht und Schatten, Höhen und Tiefen durchwandert habe und der mit seinem Lachen für mich noch jeden Tag die Sonne aufgehen lässt. Keine Frage: Eure Art zu leben ist faszinierend und ich bewundere sie. Und doch, die


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beiden Wahrheiten – das Fremde und gleichzeitig das Nahe in Eurem Leben – ist mir immer gegenwärtig, wenn ich an Euch denke. Ich glaube, dass Ihr trotz der vielen Jahre, die Ihr – in wechselnder Besetzung und mit vielen Menschen um Euch herum – zusammenlebt, diesen Gegensatz nie überwunden habt, vielleicht überwinden wolltet, weil Ihr ihn als fruchtbar erlebt, der Euch aber auch ein bisschen zur „heimatlosen Heimat“ macht.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es für jeden einzelnen Menschen, an dessen Seite Ihr steht und mit dem zusammen Ihr ein Stück Weges geht, Heil bedeutet, Zukunft schafft, Entwicklung bringt. Ob Ihr Euch untereinander ähnlich achtsam und einfühlsam erfahrt oder einander ein Stück fremd bleibt? Ich ahne, dass das Fremde, „Nicht-Eingebürgerte“, auch nicht zu Verstehende, immer Teil Eures Lebens sein wird, in der Kirche, in der Stadt, ja sogar im Kreuzberger Kiez. Es könnte sein, dass dies ein wichtiger Gegensatz zum Wohlfühl-Christentum ist und das, was ich als fremd empfinde, anderen gerade die Chance zur Nähe gibt.

Es könnte auch sein, dass Ihr Euch noch auf andere Aspekte ein-lassen lernen müsst. Es könnte drittens sein, dass meine theoretischen Betrachtungen für das Leben nicht wirklich wichtig sind. Danke für alles!

Dresden 28. November 2002

Miriam Bondy

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Abends im Ausland – Besuche in der DDR

Dörthe Bayer: Gruß aus Berlin/Ost 139
Werner Jung: Die unverschlossene Wohnungstür 140
Anneliese Müller: Zu meiner Erkenntnis: Der liebe Gott hat einen langen Arm 141
Hannelore Hanke: Am 9. November 1989 141
André Hanke: Träume sind schön und nicht verbietbar! 142
Willibald Jacob mit Elfriede: Großes inneres Staunen 145
Johannes Brückmann: „ArbeiterPfarrer“- Vom Werden eines Buches 146

Abends im Ausland – Besuche in der DDR

Die Besuchsmöglichkeiten in die DDR verbesserten sich in den Jahren, sodass Besuche mit den entsprechenden Formalitäten auch abends leicht möglich waren. Da es keine Telefonverbindungen gab und sie wohl auch besser nicht benutzt worden wären, bedeutete es immer ein neues Abendteuer durch die Mauer zu gehen, mit all den Ängsten – wenn man etwas Verbotenes dabei hatte – und dann oft lange warten mußte, bis jemand da war, den man kannte. Dann war aber die Freude um so größer.

 

Dörthe Bayer
Gruß aus Berlin/Ost

Lieber Christian,
ganau heute müßten Deine Exerzitien zu Ende sein, wenn ich richtig gerechnet habe. Gedacht hab ich schon oft an Dich, auch an manche Grüße ausgerichtet. Und schreiben wollt ich schon manches Mal, aber nie kamen Zeit und Ruhe und Lust zusammen. Hoffentlich kommt der Brief noch an, bevor Du erstmal wieder nach WB (West-Berlin) kommst.

Und wie ist es Dir ergangen in den 30 Tagen? Was kam so alles zum Vorschein? Vielleicht hast Du ja mal Lust zum Erzählen. Und wie sieht Dein Leben jetzt dort aus? Lebst Du wieder mit den Behinderten zusammen?

Neulich war ich mal wieder in der Adalbertstr., aber leider gab’s ein im Moment unüberwindbares Hindernis zwischen den beiden Enden der Straße. Es war für mich unheimlich gut und wichtig, bei Euch gewesen zu sein. Ich komme wieder, möchte noch mehr von Eurem Alltag mitbekommen, …

Neulich ist ´ne Freundin von mir ausgereist für immer nach WB, das ist komisch, da ist Vieles gleich ver-rückt. Hoffentlich reisen nicht noch viele Freundinnen und Freunde von mir aus.

Ist Michael jetzt auch „vorgekommen“ in den 30 Tagen? Wie geht’s Dir mit ihm, mit seinem Leben, seinem Tod, der Erinnerung an ihn? Kannst Du Dich „dankbar“ (es klingt ein bißchen pathetisch, aber eigentlich mein ich’s so) an ihn erinnern, ohne gleich oder zwangsläufig Trauer zu empfinden?

Für mich ist das so, wenn ich an meinen Vater und an meinen Bruder denke. Ich bin ganz froh darüber, weil ich weiß, (daß) ich einen Prozeß durchgemacht habe, ich habe wirklich doll gekämpft manchmal, aber es ist gut, es ist auch was Gutes rausgekommen. Totensonntag in diesem Jahr ist ganz anders als beide Jahre vorher. Übrigens, Du fehlst mir. Sonst bist Du auch manchmal lange Zeit nicht rübergekommen. Aber Du warst irgendwie erreichbar. Das ist wichtig für mich. Manche Leute können ruhig wieder aus Berlin weggehen, das stört mich nicht oder fällt mir nicht besonders schwer, aber wenn Ihr – Bernhard oder Du – mal weggehen solltet (oder ich), das fällt mir ganz doll schwer …

Entweder diese oder nächste Woche färb ich meine Haare mit Henna. Leider krieg ich den Farbton nicht raus, ich kann doch kein Wort französisch und das steht alles französisch drauf. Na ja, mal sehen wie lange es hält. Hab mit Karin um ´ne Fl. Wein


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gewettet. (Sie glaubt mir nämlich nicht, daß ich’s tu.) Ja denn, ich freue mich auf Dich, komm mal eher, wenn Du Zwischenstation machst, wenn Du Lust hast.

Ich wünsche Dir noch eine gute Zeit dort, eine gute + lockere Familienatmosphäre, nette „Geschwister“.
Bis bald, sei ganz herzlich gegrüßt von
Dörthe

Berlin 17.11.87

 

Werner Jung
Die unverschlossene Wohnungstür

In diesen Tagen sind es 24 Jahre her, dass wir uns in der Osterwoche 1979 in Biesdorf – Berlin (damals Ost) – während einer Jesuitenzusammenkunft das erste Mal begegneten. Du erzähltest von der jungen Arbeitspriesterkommunität in Kreuzberg. Ich lud dich in unsere Pfarrei nach Rostock und zur Teilnahme an einer Ökumenischen Woche ein, bei der jedes Jahr junge Christen aus den verschiedensten Ländern zusammen kamen. Für uns in der DDR, die wir auf Grund unserer politischer Situation sehr eingeschränkt waren, war dies eine Möglichkeit, Kontakte über die Landesgrenze hinaus zu schließen. Im Mai sandtest du mir deine Personalien, damit ich die staatliche Einreiseerlaubnis in die DDR für dich beantragen konnte. In diesem Brief äußertest du die Erwartung, von uns in der DDR viel lernen zu können bei einem Austausch, der dich ganz herausfordern würde. Der Brief ist mir dank einer Kopie in meiner Stasiakte erhalten geblieben. Zum Glück konnten wir trotz dieser Observierung durch die Stasi unseren Kontakt durch die folgenden Jahre hindurch fortsetzen.

Erst 8 Jahre später war mir der erste Gegenbesuch in Eurer Kommunität in Kreuzberg möglich, als mir von den DDR-Behörden ein familiärer Besuch in West Berlin gestattet wurde. Ich erinnere mich noch genau, wie die karge Wohnungseinrichtung und euer schlichter Lebensstil, wie etwa die unverschlossene Wohnungstür, sinnenfälliges Zeichen für eure Offenheit den Menschen jedweder Couleur gegenüber, mich beeindruckte. Vielen erschien die Kirche in der DDR als ein Gegenpol und Mahnzeichen und damit als eine Herausforderung in diktatorischer, atheistischer, staatlicher Indoktrination. Mir jedoch erschien euer Engagement als ebensolche, wenn nicht noch größere Herausforderung, die ihr nun schon Jahre durchhaltet.

Wie du weißt, war mein Glaube den Herausforderungen des priesterlichen Dienstes nicht auf Dauer gewachsen. Deshalb bin ich 1991 aus dem Orden ausgetreten. Im Bereich der Altenhilfe habe ich eine neue Aufgabe gefunden, wo ich mit innerer Freude Menschen helfen kann, mit einer schwierigen Lebensphase besser zurechtzukommen. Es vergingen Jahre, bis ich durch die Bekanntschaft mit einer Frau, mit der ich inzwischen verheiratet bin, neu einen Zugang zum Glauben fand.

So wünsche ich euch auch für die Zukunft Kraft und Mut, Ausdauer und immer aufmerksames Hinhören auf Gottes Führung, Aufmerksamkeit auf seine Zeichen in einer Zeit der Orientierungslosigkeit.

Hamburg 24.04.2003


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Anneliese Müller
Zu meiner Erkenntnis:
Der liebe Gott hat einen langen Arm

Im Februar 1961 an einem Sonntag nachmittag klingelt es. Der Pfarrer von St. Josef steht vor der Tür, mir stockt der Atem, was soll das heißen? Damals lebte ich mit meiner Oma noch zusammen und arbeitete in der Frauenklinik (in der ich 1924 geboren wurde) schlicht und einfach als Küchenhilfe. Hier wollte ich bleiben, bis zu meinem Rentenalter, denkste. „Wir suchen eine Haushälterin immer noch. Wir müssen halt auch versorgt werden.“ Dieser Satz ließ mich nicht mehr los und so habe ich vier Wochen mit mir gerungen: ,,Lieber Gott, dir zuliebe.“ Dieser Aufgabe fühlte ich mich nicht gewachsen. Mit wie viel Hemmungen begann der Morgen des Antrittstages. So kam der Gedanke: ,,Lieber Gott, wenn du willst, kannst du ja die Straßenbahn entgleisen lassen, dann brauche ich nicht hin.“

Nach 25 Jahren war ich eines Besseren belehrt, hatte Freude an der Arbeit als Hausmutter. Durch den dann anstehenden Kirchbau damaliger Zeit, war man aufeinander angewiesen und so verwuchs man zu einer Großfamilie. So ist es auch geblieben. An Abwechselung fehlte es wahrlich nicht. Nach der Kirchweihe und dem Umbau des Wohnhauses kamen die Gäste. Einer von vielen war der Pater Herwartz (bekannt mit P. Jung). Mitten im Zimmer wurde der Rucksack auf dem Fußboden ausgeschüttet.

Ein guter Satz von Pater Kegelein hat mich immer begleitet: ,,Eine Haushälterin muss wissen, wann sie Martha und wann sie Maria ist.“ Dieser Hinweis hat mich hellhörig gemacht, bin damit gut gefahren. Die viele Arbeit, die anfiel, war aber auch oft von vielen schönen Begebenheiten begleitet. Zu lachen gab es viel, oft ganz banale Anlässe. Gut ist es, wenn der Anfang schwer ist und Zuspruch braucht, es dann aber immer schöner wird. Was das Wichtigste ist bei allem Tun: ,,Die Antenne nach oben muss immer in Betrieb sein.“

Der heilige Josef wurde oft in Anspruch genommen um zu helfen, wurde nicht im Stich gelassen und somit auch nicht enttäuscht, bis auf den heutigen Tag. So ist es auch, wenn es nicht immer meinem Willen entspricht, alles zum besten. Konnte in der Gemeinde weiter wohnen, kann jeden Tag die heilige Messe besuchen (in St. Josef). Lieber Gott du bist so gut, ich danke dir für jeden Tag, den ich noch Leben darf mit seinen Höhen und mit seinen Tiefen.

Rostock aus der Mozartstraße 10.3.2004

 

Hannelore Hanke
Am 9. November 1989

Ich habe in der Erinnerung gekramt und auch im Fotoalbum. Fotos aus dem Jahr 1979 zeigen, dass Christian Herwartz uns in Ostberlin besucht hat. Wir – ich, mein Mann und die beiden Söhne – wurden mit ihm durch meine Münchner Freundin bekannt. Christian besuchte uns dann in mehr oder weniger großen Abständen. Wir lernten beiderseits aus Gesprächen, da sich 2 Welten trafen. Christian wurde uns als Arbeiterpriester vorgestellt. Da wir aber kein Wissen darüber hatten, dass es mög-


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lich ist, am Arbeitsleben teilzunehmen und trotzdem einem Orden anzugehören, war uns sein Wirkungsbereich, seine Aufgaben und seine Stellung nie so richtig klar. Doch das Vertrauen war da, zumal wir eine gemeinsame christliche Sprache hatten, trotz politischer Teilung Berlins und Deutschlands. Kleine Aufmerksamkeiten z. B. Südfrüchte, die bei uns zur Mangelware gehörten, waren für uns angenehm, aber Gespräche, seinen Platz im Leben zu finden, waren das Wichtigste. Christian hatte den Weitblick, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Auch wenn für mich Vieles als erstrebenswert angesehen wurde, war ich durch soziale Bindungen, oft nicht in der Lage, Erkenntnisse in die Tat umzusetzen.

Und wieder konnte ich mich über einen Besuch freuen: Am 9. November 1989 hatte ich mir mit Christian die Pressekonferenz im Fernsehen abends angeschaut. Gegen 19.00 Uhr verkündete Günter Schabowski jene historischen Worte. Ich und auch Christian waren uns der Tragweite dieser Worte im Augenblick nicht bewusst. Jetzt habe ich die Möglichkeit, Christian in Kreuzberg zu besuchen. Dort habe ich erst so richtig verstehen gelernt, welche Bedeutung die Kommunität der Jesuiten hat. Wir werden über ihre Aufgaben auch durch Publikationen informiert. Uns gegebenenfalls selbst aktiv zu beteiligen, bleibt unserer freien Entscheidung überlassen.

Im konkreten Fall fanden wir auch Hilfe durch Christian und seine Mitbrüder. Unsem Sohn wurde in einer Lebenssituation Unterstützung gegeben, u.a. eine Übernachtungsmöglichkeit im Winter 1999. Diese Hilfe zur Selbsthilfe war erfolgreich, so dass er wieder in seiner eigenen Wohnung ist. Und auch für mich war in diesem Fall Christian wegweisend für die Entscheidung, an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Es soll auch weiterhin wechselseitig Verbindendes geben, ohne erst in einer Notsituation zu sein.

Berlin 21.12.02

 

André Hanke
Träume sind schön und nicht verbietbar!

Hier ist die Geschichte vom (harmoniesüchtigen) André. Klar ist in dieser Geschichte: Es geht um Kreuzberg, welches Brennpunkt für viel Menschen ist; natürlich auch einige Zeit für mich Brennpunkt gewesen ist. Kreuzberg steht eigentlich schon lange Zeit als Synonym für die Wohngemeinschaft im Kern: Christian + Franz + Ramon.

Wie bin ich dahin geraten, Ursache, Wirkung? Höhere Mächte? Fest steht, der Samen ist irgendwann einmal gelegt worden. Christian und Paula (aus München) sehe ich in diesem Zusammenhang quasi vor Augen. Die Zeit geht bis in die 70er Jahre zurück, alles war noch fein säuberlich in Ost und West geteilt. Der größere Teil schien sich damit schon abgefunden zu haben (hüben wie drüben), dass dem so ist. Für mich stand die Schule im Vordergrund.

Der sogenannte Westen war für mich nicht mehr als nur eine Fatamogana. Doch manchmal (genau zwei Mal im Jahr) schien sich die Fatamagana in wandfeste Wirklichkeit umzusetzen. Pakete und Besuche waren anfaßbar. Man wurde gedrückt und


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die Süssigkeiten konnte man essen. Natürlich ging das schnell; schnell vorbei. Schade eigentlich, und man nahm das Schöne in seine Träume mit (manchmal hielt es noch zwei Tage danach an). Aber der Same war gelegt.

Gedanken als Samen; klingt irgendwie komisch, aber es muß wirklich so gewesen sein, denn wie kam es zu dem Umbruch 1989? Alle dachten und dachten und irgendwann bekamen die Gedanken so ein Gewicht, so dass sie sich im Osten auf der Straße trafen. Aber die Zeit bis da-hin dauerte in meinem Kind-Gehirn unendlich lange. Die Zeit stand still; vorher kamen halt immer mal wieder – zweimal im Jahr zu Ostern und zu Weihnachten – die Pakete (von Evi und Dieter, Paula, Hilde Zink+ und vielen anderen mehr) und ganz besonders die Besuche hatten es auf den 1. Rang geschafft.

Christian war ein Besuch und er kam eigentlich mit nichts rüber, „nur“ mit sich selbst und seinen Gedanken. Zur „Erleichterung“ des Gedankenaustausches konnten in den 80ern auch schon mal meine Eltern einzeln rüber. Was hatte ich davon? Für mich war der goldene Westen immer noch nicht erreichbar. Die Grenze wurde trotzdem von Mal zu Mal poröser. Das lange Unbekannte wurde uns so mitgeteilt. Den Eltern glaubte man meißt alles.

Ein wichtiger Pfeiler war auch der genehmigte Gruppenbesuch aus dem „fernen Lande“. Endlich mal gleichaltrige Menschen; es sei an Matthias erinnert, der es drei Mal in die DDR schaffte; immer wieder die gleiche Prozedur für so einen Menschen (wie ich erst später erfahren durfte). Kirchengemeinde-Treffen war immer ein echter Höhepunkt. Mittlerweile ging ich schon einer Arbeit nach.

Wieder verging einige Zeit und keiner glaubte mehr an das Langersehnte. Viele meiner Kollegen waren zum Glück nicht auf „Spur“ gebracht worden und so gab es eine Menge Potential gleicher Träume und Sehnsüchte.

Aus Sehnsucht kommt man leicht zur Alkoholsucht, wie ich aus meiner Erinnung feststellen mußte. Alkohol war die Droge Nr. 1 in der aalglatten DDR. Unmut über Zeitungs-Organe und Nachrichten kamen hinzu. Es mußte also einiges ersäuft werden im Alkohol. Doch Mißmut und Neid sind gute Schwimmer. Oder man trank einfach so aus Langeweile. Das Ganze war dann Mittel zum Zweck. Das große Gefängnis DDR wurde schick „schöngetrunken“.

Unterschwelliges, wie die Bespitzelung (ca. 10 000 Hauptamtliche), mußte im Ausmaß erst später der Wirklichkeit weichen. Alkohol gab es wunderbar reichlich auch nach der Beitrittserklärung der DDR an die BRD in den Regalen.

Kurz und gut, es blieben uns lange Zeit nur unsere Täume, auch mal in den Westen fahren zu dürfen.
Träume sind schön und nicht verbietbar! Man ist mit der Mauer groß geworden und hatte sich irgendwie mit ihr arrangiert. Doch der Schmerz kam sofort wieder, wenn man mit Besuch (Renate aus dem Schwarzwald) am Brandenburger Tor stand.

Vieles, was meine Eltern über die Mauer wußten, wurde nicht auf der Zunge getragen – mit dem Hintergedanken, es könnte uns schulisch gesehen belasten. Außenseiter war man eh schon (weil nicht organisiert in den Pionieren). Ich hatte als Kind nie direkt etwas vermißt. Der von Anfang an Blinde wird das Farben-und-Bilder-Sehen auch nicht vermissen.


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So war das auch mit der Mauer. Dann der Mauerfall. Das Wiedersehen mit Bekannten und Verwandten auf der sogenannten anderen Seite war riesig und löste eine Erleichterung aus.

Das Trinken konnte ich weiterhin nicht lassen. Es fiel auch garnicht auf. Kleine Anlässe und oft einfach nur so ließ ich mir das Alkohol- Gift schmecken. Die Regale waren voll damit und die Preise gingen so einigermaßen. Der Einbruch kam nicht plötzlich sondern allmählich. Erst Arbeit weg; dann Freundin weg.

Es mußte eine Veränderung in meiner Lebensführung her. Das schwierigste Problem bestand darin: Wie komme ich aus meiner alten Umgebung weg; ohne Geld! Dann fiel mir Kreuzberg ein. Ich müßte nur einen Termin für einen Schlafplatz vereinbaren. Gedacht getan: ohne war ich nach der Wende schon ein paarmal bei Christian gewesen.

Im September hatte ich dann die Möglichkeit, bei Christian zu wohnen und von dort aus zur Arbeit nach Spandau zu fahren. Es war eine schöne anstrengende Zeit, die ich nicht missen möchte. Marc habe ich auch kennengelernt. Lena möchte ich auch noch erwähnen. Den Taxifahrer und viele andere …

P.S.:
Eigentlich hatte meine Mutter den Samen gelegt, damals (gut sie ist eine Frau) als sie bereitwillig eine Korrespondenz mit der lieben Paula einging. Zurück, zurück, zurückverfolgen, nur wenn es der Augenblick zuläßt. Gegenwart scheint mir wichtiger! Ehrlich, bloß heute wird wieder einmal soviel verschleiert, dass sich die Balken biegen. Der Belag scheint genug.

Es ist auch eine Art Same. Du darst nur Wahrheit nicht mit Wahrheit verwechseln! Wahrheit ist das, was auf fruchtbaren Boden fällt und zudem auch noch gedeiht! Unwahrheit kann natürlich auch auf fruchtbaren Boden fallen. Bloß alles ist relativ. Wahrheit geht ihren höheren Weg. Das Unwahre mußte ich im Eingesperrten kennenlernen. Jetzt wird versucht, alles gerade zu rücken mit der Geschichte. Längst hat das Unwahre wieder höchste Konjunktur. Wahrheit ist leise nicht laut, so wie Medien sich einander ablösen.

Wahrheit ist das, was sich zurückverfolgen läßt. Bei der Unwahrheit ergeben sich im nächsten Atemzug Widersprüche. Unwahrheit ist verdrängte Unbequemheit. Denn man zieht sich schnell diese zu und fühlt man sich dann bequem. – Im Bereich des natürlichen muß man mit viel Mühe und viel Sucherei die Wahrheit erkennen lernen. Das Herz ist einem dabei zugute. Dagegen Unwahrheit bekommt man billig und einfach an der Ecke.

Je mehr Menschen in einem Raum sind, wie in der Naunynstraße, 2. Stock links, desto respektabler ist die Leistung, die jeder für den anderen erbringt, will er sich eine Zeit dort aufhalten. Meine große Macke war immer, alles rumliegen zu lassen. Vor meinem Bett standen immer viele Dinge, die ich zur Nacht brauchte. Das ist heute manchmal noch so.


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Ich danke Franz und Christian für alles.

P.SS. So Gott will, soll ich auch in diesem Buch aufgenommen werden!

Berlin 28. 4. 2004

 

Willibald Jacob mit Elfriede
Großes inneres Staunen

Eben komme ich zurück von meinem Neujahrsbesuch bei Euch in der Naunynstraße. Franz Keller war da und Euer neuer Kollege Stefan Taeubner. Du hast mich in die Küche geführt, und ich bekam eine große Tasse Tee. Mit am Tisch saßen ein Alter, der den Koran las und ein Junger, der die kabbalistische Weise der Bibellektüre beherrschte. Und dann ging es los. Ich saß bei Euch am Küchentisch wie einst bei den Steinsetzern im Bauwagen. Wir diskutierten nicht über das Wetter oder über die Lohntüte, sondern über uralte Texte, eigentlich über Tod und Leben (nicht, dass Steinsetzer das nicht auch könnten). Und das mit Humor. Einer unterbrach den anderen, damit der dritte oder vierte zu Wort kommen konnte. Und ich spürte: Vor mir saßen heimatlose Menschen mit einer Heimat.

Vor 20 Jahren habt Ihr mich das erste Mal in Weißensee, in der Feldtmannstraße besucht, Du und Karl Köckenberger. Ich habe Euch damals mit einem großen inneren Staunen betrachtet. Ihr hattet in Westberliner Betrieben angefangen. Ihr wolltet hören, wie es evangelischen Pfarrern bzw. Theologen in volkseigenen Betrieben ergangen war. Die kurzen Erzählungen gingen zwischen uns hin und her. Euer damaliger Besuch über Staats- und Kirchengrenzen hinweg war eine kräftige Stärkung in einer Zeit des Übergangs. Nach 14 Jahren Arbeit im Straßenwesen der DDR war ich dabei, mich gemeinsam mit Elfriede auf eine Tätigkeit in Indien vorzubereiten.

Wir hatten nicht vor, unsere gemeinsamen Erfahrungen in der Arbeitswelt der DDR als Episode ad acta zu legen (Elfriede als Musiklehrerin). Vergessen konnten wir schon deshalb nicht, weil unsere Kinder zurückblieben und wir um Annette trauerten. Unsere Erinnerungen und Erfahrungen nahmen wir mit in die indischen Dörfer und in eine fremde Situation, in der, wie wir annahmen, die Sprache der Arbeit und des Verzichtes verstanden werden müsste. Und so war es dann auch. Mit einem geschärften Blick für Arbeit- und Lebensverhältnisse sind wir nach Indien gegangen und mit einer neuen Sicht auf unsere eigene Wirklichkeit nach drei Jahren (1988) zurückgekehrt.

Im Lichte der indischen Erfahrungen von Marktgeschehen und Ausbeutung bei der Arbeit erhielt die sog. Wende in der DDR eine besondere Farbe. Ich fragte mich, wann bei uns in Mitteleuropa „indische Verhältnisse“ einziehen würden. Die ließen nicht lange auf sich warten. Verpackt in wunderschöne Phrasen, triumphierte und triumphiert eine neue Art von Klassen (Kasten-) Gesellschaft, d.h. soziale Ungleichheit und Unsicherheit, Angst vor Gewalt gegen die Schwachen und Angst vor Kriegen.

Sehr schnell fanden wir wieder zusammen. Karl Köckenberger traf ich bei der Initiative ostdeutscher Betriebs- und Personalräte, die um den Bestand der großen Betriebe kämpften; „Bischofsrode ist überall“ 1992 – 1993. Dich, Christian, sah ich bei


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den Mahnwachen für Obdachlose und Rollheimer, gegen ihre Verbannung aus der Innenstadt von Berlin. Die Strategen der „neuen Gesellschaft“: „Die Ausdifferenzierung der (vor allem ostdeutschen) Gesellschaft ist noch nicht abgeschlossen.“ Wir: „Das ist der Weg in die soziale Apartheid.“

Und dann haben wir über unsere Geschichte gesprochen. Sollten wir nicht erzählen „von dem, was wir gehört und gesehen hatten“? (Lukas 2,20) Wir haben uns, denke ich, gegenseitig dazu ermuntert. Wir haben uns ans Werk gemacht, gesammelt und aufgeschrieben. Ich bin gespannt, was Du und was wir zuwege gebracht haben. Im Vertrauen auf Gottes Anwesenheit sind wir einst in Betriebe gegangen, in Situationen, die uns nicht unbedingt vertraut waren. Wir wollten anwesend sein und lernen. Und das Fazit? Wir werden es wohl nicht ziehen können. Aber soviel für heute: Wir haben Menschen gesehen und gehört. Wir brauchen die Mitmenschen, die nicht von sich sagen können und wollen, dass sie „religiös“ seien. Wir brauchen die gegenseitige Unterstützung ohne viele Worte. Wir sollten uns weiter gegenseitig besuchen und: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende!

Berlin 9. Januar 2003

 

Johannes Brückmann
„ArbeiterPfarrer“- Vom Werden eines Buches

Am 17. August 2000, einem sonnigen, warmen Sommertag, gab Willibald Jacob in unserem Garten in kleiner Runde (dabei: Christian Herwartz) den Startschuß für das Buch ArbeiterPfarrer, begann also der 960- tägige Lauf zu seinem Werden. Willibald hatte an das in unserem ersten Band von 1996 gegebene Versprechen erinnert, den vier Interviews und der Diskussion um die Neufassung des Pfarrerdienstgesetzes in einem zweiten Band „Dokumente“ folgen zu lassen: also das, was z.B. einer zur Begründung für seinen Schritt an seine Kirchenleitung geschrieben und was sie ihm geantwortet hatte; oder was er seinem Pfarrkonvent damals vortrug; und Tagebuchaufzeichnungen, was jemand auf Arbeit erlebt hatte, wie es ihm ergangen war; oder Thesen, die in Gemeindekreisen vorgestellt worden waren… Und so diskutierten wir seinen Entwurf für ein Taschenbuch, und gingen an die Arbeit. Das hieß zuerst, die Anschriften von diesen etwa 20- 30 Leuten herauszufinden, die als „Werktätige Theologen“ in der DDR (wie unser Arbeitskreis, der von 1992- 1994 tagte, die Arbeiterpfarrer nannte) tätig waren, und die Betreffenden zu bitten, uns ihre Unterlagen zu übersenden.

Diese Texte aus einem Zeitraum von etwa 35 Jahren lagen meist in Form von Schreibmaschinen- Durchschriften oder Ormig- Abzügen vor, einige auch nur handschriftlich. So galt es, alles am PC abzuschreiben! Außer mir haben sich dazu Mitarbeiterinnen des Verlages in die Tasten gelegt und viele Seiten gefertigt. Wie sollten diese Texte nun aber angeordnet werden? Einfach nur chronologisch, nach Briefkopf- Datum hintereinander? Oder nach inhaltlichen Gesichtspunkten? Ja-


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aber welchen? Gab es denn übergreifende Phasen, Abschnitte und was und wer gehört wohin? Darüber haben wir uns seinerzeit keine Gedanken gemacht. Es gab ja keine einheitliche, organisierte Bewegung der Arbeiterpfarrer in der DDR, vielmehr Gruppen (z.T. in Verbindung mit der Gossner Mission), und einzelne, die ihren Weg für sich gingen, jeder mit eigenen Begründungen und Erfahrungen. Überraschenderweise entdeckten wir bei der Erarbeitung doch solche strukturierenden Abschnitte, die sich nun in Form vieler Entwürfe für ein Inhaltsverzeichnis finden.

Immer wieder tauchten neue Fragen auf, meist durch Telefonate und andere Gespräche: Ob wir nicht auch Gebete mit aufnehmen sollten aus dieser Zeit? Und vielleicht einige Kurzgeschichten, zur Auflockerung nach einem massiven Text, die emotional die Atmosphäre von damals herüberbringen? Wichtig für uns sehorientierte Menschen auch: Bilder! Also war die Idee, Karikaturen zu besorgen, umzusetzen, und Willibald saß stundenlang beim Eulenspiegel-Verlag. Könnten wir nicht auch Holzschnitte von dem Grafiker Herbert Seidel bringen, die in vielen unserer Gemeinderäume und Pfarrhäuser zu finden waren?

Na und dann war da ja noch der Verlag: Wie soll der Umfang sein? wie hoch werden die Kosten (!) sein? (Bange Frage für uns: Wie das Geld dann auftreiben?) Und ein Vertrag ist vorzubereiten… Wir trafen uns und diskutierten das. Mit der Zeit stieg das Interesse des Verlages immer mehr, engagiert sorgte er sich um Verbreitung und Verständlichkeit: Leserin/ Leser müssen unbedingt eine Einleitung bekommen, die das Ganze kirchenhistorisch einordnet, und einen Beitrag, der über die Betriebe in der DDR Rahmeninformationen liefert. Und wir haben Freunde, die themenorientiert arbeiten, ermuntert, sich an der Diskussion zu beteiligen, was zu einem schönen Schlußkapitel geführt hat.

Aus der Mappe mit Dokumenten wurde ein überquellender Ordner: Zu lange Texte müssen folglich gekürzt werden! Wenn einer z.B. beschreibt, wie er voller Neugier und Begeisterung nach seinem Theologiestudium für ein Jahr in einem Werk arbeitete, dann kann alles das gestrichen werden, was allgemeingültig ist, was in jedem Betrieb der DDR so war. Das müssen wir dann bei Leserin und Leser voraussetzen. Gesagt, getan! Neben Rechtschreibkorrekturen also auch noch: Mit „leichter Hand“ schwere Eingriffe in Texte vornehmen!

Um es gleich zu sagen: Monate später überzeugte uns der Verlag dann doch, alles wieder rückgängig zu machen: „Texte müssen authentisch sein. Und die Beschreibung betrieblicher Einzelheiten ist für den (meist doch uninformierten) Leser hilfreich und interessant…“ Fragen zu Umfang und Preis wollten beantwortet werden: Wenn man mit kleinerer Type druckt, reduziert sich die Seitenzahl und liegt damit der Ladenpreis unter der vermuteten Hemmschwelle von 25,00 Euro. Und wer macht uns das „Layout“? (Es ist ja nicht mehr so, wie früher, dass du einem Verlag dein Manuskript gibst, und der macht dann das Buch und bezahlt dir einen schönen Batzen: Umgekehrt, du mußt dem Verlag ein druckreifes Layout geben und einige hundert Euro, dass er es produziert und auf den Markt bringt.)

Ja und weil man doch wissen will, wer wer war und ist, wären Kurzbiografien angebracht! Also die auch noch besorgen von allen. Und die Ehefrauen dabei nicht ver-


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gessen, haben sie doch (nach ihrem Selbstverständnis und wohl auch wirklich) die Arbeiterpfarrer erst ermöglicht durch ihren selbstlosen Hintergrundsdienst. Gut wäre auch eine Einordnung der Arbeiterpfarrer in eine „Zeitleiste“, eine grafische Abfolge, mit den wichtigsten Ereignissen in Kirche und Welt… Und schließlich wurde noch ein Register erstellt.

Kein Wunder, dass wir bei diesem 960- Tage- Lauf geschwitzt haben, und nun ziemlich abgekämpft durchs Ziel traben glücklich und dankbar für alle Unterstützung dabei!

Das Buch heißt: ArbeiterPfarrer in der DDR. Betriebs- und Gemeindeerfahrungen 1950 – 1990 Johannes Brückmann, Willibald Jacob (Hg.), Alektor Verlag Berlin 2003

Alterode 08.04.03

gezeichnet von Frank Mohamed - 'Plötzlich ist Messias gen Himmel gefahren, mit Engeln versöhnte sich der Mensch' Merlana

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Der Umzug in die Naunynstraße

Ende 1984 gaben wir – Bernhard, Christian, Fritz, Godehard und Otto – die Wohnung in der Sorauerstraße 13 auf und zogen in den 3. Stock rechts Naunynstraße 60 um. Die Kneipe unten auf der Ecke hieß noch „Bei Plaßmann“. Das Haus war nicht saniert, d.h. kein Bad und die Toilette war 1 1/2 Stock tiefer im Treppenhaus. Über uns wohnte Ludwig Menkhoff, ein älterer Herr, der Ikonen malte. Er hatte als junger Mensch in Rußland gelebt, war zur See gefahren und nun hier zuhause. Dieser herzensgute Mensch ist später in die Adelbertstraße gezogen. Wir hatten in die Wohnung nicht viel investiert, weil wir mit der baldigen Renovierung rechneten. So war sie nicht sehr einladend. Da war es nicht verwunderlich, dass wir erst nach einem Vierteljahr merkten, dass noch ein zweiter Otto bei uns wohnte, bis wir dann für ihn ein Bett besorgten. Außerdem hatten wir noch ein Gästezimmer in einer kaputten Wohnung im ersten Stock besetzt.

Nach einem Jahr war es so weit. Wir zogen im Haus um. Die Wohnungen im Haus waren ja schon weitgehend leer. So trugen wir die Möbel in den ersten Stock, brachen dort eine alte Tür auf und waren in unserer neuen Wohnung Adelbertstraße 18. Später wurde eine andere Tür zugemauert. Doch das war nicht so wichtig, denn unsere Wohnungsschlüssel waren nur abgewinkelte Drähte. Jeder konnte leicht rein und raus. Die Wohnung war größer und die Zahl der Bewohner stieg. In dieser Zeit wohnte lange Kamillo Novak nach seinem Theologiestudium mit uns, der jetzt auf dem Josefshof, Neuhof bei Zinna, mit aussteigenden Drogenabhängigen zusammenlebt. Auch diese Wohnung sollte später renoviert werden. Christian begann die Wände mit Bildern zu bemahlen, z.B. einen überlebensgroßen Clown. Diese Versuche, mehr Sorgfalt für die Gestaltung der Wohnung zu entwickeln, setzten sich später fort.

Nach der langen Sanierungszeit bekamen wir im Sommer 1988 die beiden Wohnungen in der Naunynstraße 60 2. Stock. Eine Wohnung wäre nach dem Einbau der Bäder zu klein gewesen. Da sehr schlecht gearbeitet worden war, mussten wir bald nochmals umziehen, vorübergehend in den 3. Stock. Der Fußboden wurde verstärkt. Auch die Wohnungen in der Oppelnerstraße wurden renoviert. Die Umsetzwohnung lag neben der Blindenanstalt an der Oranienstraße, praktisch schräg über den Innenhof. Nach dem Tod von Michael, den Umzug von Hanns und dem Weggang von Godehard und später auch von Bernhard, zog Franz 1990 in die Naunynstraße 60 und überließ die andere Wohnung der tamilischen Familie Pathilomai. Peter ein tamilischer Mann aus Sri Lanka hatte schon lange dort mit ihm gewohnt.

So hier höre ich auf, denn vieles von dem Leben in der Wohngemeinschaft lässt sich ja aus den vielen Geschichten erschließen.

Christian Herwartz


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Der Kommunitätsabend

Sabine: Und ich bin geblieben 150
Boris Petrow: Zum Abschied 152
Miriam Bondy: Licht im Werden! 153Die Bewohner der Wohngemeinschaft sind regelmäßig zweimal die Woche zum gemeinsamen Essen eingeladen: Dienstag 18 Uhr und Samstag 9.30 Uhr. Die beiden Treffen haben ganz unterschiedlichen Charakter und in jeder Woche und über die Jahre manche neue Situationen erlebt. Es wird viel erzählt. Und wenn jemand die Geschichten in dieser Sammlung ließt, bekommt er/sie schon einen Eindruck davon. Samstags ist mehr ein Kommen und Gehen und Einladungen können leichter ausgesprochen werden, es ist ein Treffpunkt mit und ohne Geburtstagsfeiern und anderen netten Anlässen.

Dienstags – am Kommunitätsabend – sind alle eingeladen, die hier wohnen, zusammen zu essen und meist kocht Franz – oder auch jemand anderes – etwas leckeres. Doch wer wohnt in der WG? Da gab es viele Wandlungen. Die Grenzen sind gar nicht mehr so leicht auszumachen. Es können auch nähere und fernere Nachbarn dazugehören.

Wie auch immer, es sind Menschen, die etwas von sich erzählen und zusammen auf die Ereignisse der letzten Woche sehen wollen, denn nach dem Essen ist dazu soviel Zeit, wie notwendig erscheint – oft an die zwei Stunden. Technische Absprachen oder Organisationsprobleme werden, wenn nötig, nebenbei angeschnitten. Der dritte Schritt an diesem Abend ist die Feier eines Gottesdienstes. Oft kommen die vorher angeschnittenen Themen dabei nochmals durch die biblischen Texte zur Sprache. Manche Bewohner gehen nach der ersten oder der zweiten Etappe an diesem Abend. Dieser Gott-Abend, wie Boris schreibt, ist ein Innehalten im Alltag und die Chance zu entdecken, was in der Woche geschehen ist und davon zu erzählen.

Er ist über die Jahre der Schmelztiegel der vielen weiter existierenden Unterschiede und die Verbindung untereinander zu spüren, sich aber auch gegenseitig freizulassen, dass jeder und jede den eigenen Weg finden kann.

 

Sabine
Und ich hin geblieben

In die Naunynstraße zu gehen, war für mich ein Versuch, der Verzweiflung irgend etwas entgegen zu setzen. – Die Hemmschwelle wäre unter normalen Umständen wohl zu groß gewesen, als dass ich mich zu einer Gemeinschaft katholischer Ordensmänner begeben hätte, um Hilfe zu bekommen. Kirche war für mich seit meiner Konfirmation (also seit ungefähr 20 Jahren) und meinem sehr verqueren Pfarrer kein Thema mehr. Und meine materielle Situation war zwar nicht gerade rosig, aber nicht so katastrophal, dass ich nur noch hier hätte Unterschlupf finden können.

Was mich in die Naunynstraße geführt hat, hat doch etwas mit Kirche zu tun. Mit einem Jesuiten, den ich heiraten wollte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich erfahren, dass an die Zukunft denken etwas anderes heißen kann als Angst haben. Zum ersten Mal hatte ich mich getragen, geborgen, grundsätzlich zuversichtlich und vertrauensvoll gefühlt. Ich hatte erfahren, dass Probleme nicht in Machtkämpfe, Verletzungen und Rückzüge münden müssen, sondern dass es so etwas wie eine


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grundlegende Treue geben kann, die bedeutet: es geht weiter, gemeinsam finden wir einen Weg, egal, was kommt. Heute denke ich, dass diese Haltung viel mit Glauben zu tun hat. Damals, als die Entscheidung für den Orden, gegen mich gefallen war, wußte ich: ich will nicht mehr ohne diese Gefühle leben. Und wenn ich sie nicht im Zusammenleben mit diesem Mann finden kann, dann muss ich sehen, wo ich sie sonst finde.

Also stand ich eines Nachmittags bei Christian in der Tür, er bat mich in die Küche, und als ich meine unglückliche Liebesgeschichte erzählte, flossen gleich wieder Tränen. Und Christian, den ich nie zuvor gesehen hatte und der ja nun auch Jesuit ist, reagierte äußerst sensibel, und vor allem: ohne zu urteilen. Ich war beeindrukkt, fühlte mich aufgehoben und bin seitdem an vielen Dienstag Abenden da gewesen, habe viele der „großen Essen“ miterlebt, war bei Exerzitien auf der Straße und im Alltag dabei.

Diese Gefühle – heute würde ich sagen: die Liebe Gottes spüren können – habe ich so dauerhaft, intensiv und so sehr als Geschenk seitdem zwar nicht mehr gespürt, wenn, dann eher kurz, in Augenblicken oder bestimmten Situationen. Aber es gibt sehr viele Dinge, die ich gelernt habe und die mir sagen, dass ich auf einem guten Weg bin. Und daran hat die Naunynstraße und das‚ was ich hier erlebe, wesentlichen Anteil.

Zum Beispiel die Erfahrung der eigenen inneren Grenzen oder Mauern. Es ist wunderbar, sich von Christian angenommen zu fühlen – ohne Bewertung, ohne wenn’s und abers. Aber wie anders ist es, dabei zu sein, wenn diese gleiche liebevolle Offenheit einem Menschen entgegengebracht wird, der – um es offen zu sagen – nervt! Besonders an den gemeinsamen Abendessen und dem anschließenden Austausch.

Alle sind aufgefordert, ihre wichtigen Erlebnisse der Woche zu erzählen. Viele reagieren schüchtern, meinen, dass sie nichts zu sagen haben und berichten dann, sanft aufgefordert, manchmal die eindrucksvollsten und berührendsten Geschichten! Andere können es kaum erwarten, bis sie an die Reihe kommen, und finden dann kein Ende, berichten tausend kleine Begebenheiten, ohne von ihren Gefühlen, ihrem Befinden etwas zu sagen oder sprechen jede Woche über die gleiche Depression, die gleichen negativen Gefühle. Das war für mich am Anfang oft schwer zu ertragen. Auch das Negative, aber noch mehr dieses Gefühl von Konkurrenz, das ich gespürt und sofort übernommen habe. Wenn eine sich beschwerte, dass sie immer noch nicht dran war, fühlte ich mich in meinem Rederaum nicht akzeptiert. Und wenn eine andere Person kein Ende finden konnte, hatte ich Angst, dass nicht genug Zeit und Aufmerksamkeit für meine Erzählung bleiben würde. Wie oft hätte ich mir einen „regulierenden Eingriff“ gewünscht, der für Fairness sorgt.

Ganz besonders auf die Probe hat mich ein Gast gestellt, der gerade aus dem Gefängnis kam, wo er sehr viele Jahre seines Lebens verbracht hatte. Einer von denen, die am Kottbusser Tor stehen, ein mehrfach Süchtiger, um den ich „draußen“ sicher einen Bogen gemacht hätte. Er hat sich ganz anders benommen, als alles was ich kannte – wie ein Kranker oder wie ein Kind, das sehr viel Liebe braucht. Konkret hieß das, dass er jederzeit auch das intimste Gespräch unterbrochen hat, immer wieder zu allem Christians Meinung wissen wollte, und auch in der Runde ständig


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unterbrochen hat und selbst sehr lang redete. Es war sehr schwer, das auszuhalten, und ich erinnere mich, dass ich einmal kurz davor war, die Runde zu verlassen und zu gehen. Er hat so viel Raum für sich beansprucht – wo blieben da die anderen, wo blieb ich? Es hat richtig weh getan, das zu ertragen. Eine Wut, ein Ärger wurde immer größer in meinem Bauch. Aber – ich bin nicht aufgestanden. Ich habe diese Unruhe und Aggression von ihm und in mir ausgehalten. Und plötzlich kam die Erkenntnis: Er wird so geliebt, wie er ist. Egal, ob er schwierig ist, egal, ob er nervt. Und mir ist klar geworden, dass das die Art der Liebe ist, die auch ich mir wünsche. Sie selber entgegengebracht zu bekommen und sie selbst geben zu können. Da war meine Wut weg. Und ich hin geblieben.

Berlin 29. April 2004

 

Boris Petrow
Zum Abschied

Ich bin hier in Deutschland seit vier Monaten. – Ich habe an vielen Plätzen und Häusern gelebt. – Aber nirgendwo hat es mir gefallen. – Oft wurde mir gesagt: weg Ausländer. Die Menschen geben nicht mit Herz. – Oft sind sie Alkoholiker. – Es war eine primitive Behandlung: sie haben hinter meinem Rücken über mich geredet. – Auf dem Sozialamt bin ich angeschrieen worden. – Und ich hatte doch keine Kraft, weil ich krank bin. Meine Krankheit wurde nicht respektiert. Auf dem Sozialamt wurde gelogen und Hilfe verweigert.

Das erste Haus ist hier bei Christian, wo ich sehr zufrieden war. – Hier ist es ruhig, gutes Essen, sehr freundlich. Hier ist es ruhig und sauber. – Das ist für mich ein richtiges Kloster. Ich selber glaube an Gott.

Wir sprechen am Gott (Kommunitäts-) – Abend über die Menschen, über die Kinder Gottes. Wir singen. Da kommt zu mir Ruhe.

Von hier aus bin ich nach St. Michael am Sonntag in die Kirche gegangen und habe mich auch sehr über die Orgel gefreut. – Ich habe hier gelernt eine Freude über die Kirche. – Ich komme neu zurück mit der Freude, mit Menschen über den Glauben zu sprechen. – Das kenne ich aus der orthodoxen Kirche so nicht. In der nächsten Woche fliege ich in mein Land Bulgarien. Und ich sage zu den Menschen hier: macht weiter mit diesem Leben der Freundlichkeit zu Ausländern.

Ich wünsche euch Gesundheit.

Berlin 1. Dezember 2002, Boris war krank. Sein Visum wurde verlängert. Er fand Hilfe bei den Malttesern, wohnte auch mal bei uns. Er durchlief die Flure der Sozialämter und Wohnheime. Dann mußte er aber doch abreisen nach Bulgarien. Beim letzten Besuch diktierte er uns den vorstehenden Text.


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Miriam Bondy
Licht im Werden!

Ein Ort der Einkehr,
off’ne Tür…
Zeit für Gespräche
und ein „wir“!

Zusammensitzen in der Küche
Mischmasch Rauch,
Essensgerüche.
Ein Platz am Tisch,
Zusammensein,
das fällt zur Naunynstraß’mir ein.

Die Nummer 60,
zweiter Stock,
die Kneipe unten
oft „Null Bock!“

Wieviele Ma(h)le wa(h)r ich da,
ging ein und aus die letzten Jahr‘?
Ich kann im Grund‘ es nicht mehr zählen,
manchmal tat ich die Nummer wählen.
Hab‘ viele Menschen dort getroffen
und wurd‘ für viele Menschen offen.

Begegnung „Mensch“
…ob Afrika
oder Vietnam und Kanada,
ob Schweiz, ob Kuba und Bolivien,
ob Bayern, Griechenland und Syrien.
Afghanistan, England, Tunesien,
Australien ist es auch gewesen.

Mir fall’n nicht alle Länder ein,
die sich dort sammelten „daheim“!

„Zuhause fühlen“ in der Fremde
Ein Raum für viele in der Wende.

Ein Zufluchtsort,
ein Platz zum Essen,
ich bin sehr oft dort mitgesessen,
z. B. samstags um halb zehn


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konnt‘ ich zur Frühstücksrunde geh’n

Man wußte nie,
wer wird wohl kommen?
Gespräche sind im Flug verronnen.

Manche war’n laut,
manche war’n leise,
ein jeder spricht auf seine Weise!

Nicht zu vergessen
Sonntags-Essen!

Ich danke Euch, Ihr Jesuiten,
Franz, Christian, Stefan,
Dienstags-Riten!

Ich danke Euch von ganzem Herzen
Für Beistand,
Liebe,
…auch bei Schmerzen!

Ich wünsche Euch und uns
auf Erden,
weiterhin soviel
Licht im Werden!

Ich wünsche Euch langes Bestehen,
denn ich möcht‘ oft noch
zu Euch gehen!

Herzlichen Gruß
Von Miriam
die wohnt ganz nah
fast nebenan…

Bärlin 28. April 2004


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Die europäische Gruppe der Jesuiten in der „Arbeitermission“

Noel Barré: Erinnerungen an Kreuzberg 155
Alvaro Alemany: Kreuzberg: Ein Rückblick aus Zaragoza, Spanien 158
Jean Lecuit: Berlin von unten gesehen, Eindrücke… 1991 159
Christian Herwartz: Das Suchen nach dem Weg der Menschwerdung Gottes, ein Leben „mit“ (Inkulturation) 164
Jean Jadot: Erfahrungen mit den Armen in meinem Leben 166
Hugo Carmeliet: Die Arbeitermission der Jesuiten in Berlin 167
Ramiro Pàmpols: jesuitas obrero 169
Jo Eerens: Sehnsucht geweckt 175
Jean Lecuit: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14) 176
Nachträge
Renco Fanfani, Die Worte verwehen im Wind, die Gesichter bleiben

 

Noel Barré
Erinnerungen an Kreuzberg

Meine erste Begegnung mit Kreuzberg war in Toulouse, am Ufer der Garonne. Christian Herwartz stieß zu der Gruppe von Vincent von Marcillac, Thierry Geisler, Bernard Coumau, Christian Vivien und Henri Kowalski, genannt Koko. Er kam damals als Gastarbeiter in eine Fabrik, in der Aluminiumprofile für Türen, Fenster usw. gepresst wurden. Wie der Großteil der Gastarbeiter sprach er ein nicht einwandfreies Französisch. Das geschah mit Absicht, es war für uns eine Lehre. Damals nahm ich an einer Beratung in Notre Dame des Coteau teil. Da waren die Provinziale der deutschen Jesuiten, Jean Lacan, Michael Walzer, die Gruppe von Toulouse und vielleicht andere, die mir verzeihen werden, wenn ich sie vergessen habe. Ich war der Delegierte des französischen Provinzials für die Arbeitermission. Das war 1978.
Auf dieser Versammlung bekam das Projekt einer Gründung von Arbeiter-Jesuiten in Westberlin Konturen. Für mich war das der Beginn einer kostbaren Freundschaft mit Christian und Michael. Später lernte ich Franz Keller, Hans Heim, Godehard Pünder und Bernhard Ullrich, sowie ihre Berliner Freundinnen und Freunde kennen. Im Juni 1985 war ich zum ersten Mal in Kreuzberg. Ich arbeitete seit 1983 im Sekretariat, das die Arbeitermission der Jesuiten in Europa koordinieren sollte, und besuchte die Kommunitäten in den verschiedenen Ländern. Ich war sehr bewegt, als ich in Berlin ankam. Zum Glück holte Godehard mich am Flughafen ab! Ich konnte keine 20 Wörter Deutsch.
Eine Woche lang machten mich Christian und Michael mit Berlin bekannt. Ich lernte Karl und Johanna von der Regenbogenfabrik, die Kleinen Schwestern Jesu, Isolde Böhm kennen. Eigentlich war ich für einen Freundschaftsbesuch gekommen; ich wurde sofort aufgefordert, mich an einem Unterscheidungsprozess zu beteiligen, der notwendig geworden war auf Grund der Spannungen, die innerhalb der Gemeinschaft und in der Beziehung zu den Oberen der Jesuiten und der Ortskirche aufgetreten waren.
Ich entsinne mich an die Spaziergänge durch Berlin mit Christian oder Godehard, aber vor allem an die Stunden, die ich mit Michael verbrachte, der damals gegen einen Gehirntumor ankämpfte. Ich erinnere mich an stundenlange Gespräche, Debatten, in der mir unbekannten Sprache, an die kostbare Hilfestellung Bernhards, der das Wesentliche für mich übersetzte. Während dieses Aufenthaltes und auch der folgenden Aufenthalte lernte ich die tiefe und warmherzige Freundschaft schätzen, die unter ihnen herrschte, und ebenso ihren guten, zählebigen Willen, zusammen mit den Männern und Frauen, von denen Kreuzberg bevölkert wurde, zu leben und zu handeln.
Ich konnte auch wahrnehmen, dass zwischen dieser Gruppe und einem Teil der Jesuiten in Deutschland eine gewisse Spannung herrschte. Das war sehr verschieden von dem, was mir aus Le Mans vertraut war. Die französische Arbeiter-


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mission war von Anfang an bei der Hierarchie – sowohl des Diözesanklerus wie der Jesuiten – mehr als wohlgelitten. Unsere Oberen hielten viel von dieser Mission und unterstützten uns. Unsere Situation, unsere Wesensart und unsere Geschichte seit 1944 macht verständlich, wieso wir weniger „radikalisiert“ waren.

In meinem persönlichen Archiv befinden sich mehrere Papiere aus dem Unterscheidungsprozess von 1985/86. Die Gemeinschaft musste die Grundlinien ihres Engagements klarstellen. Ich war vom Pater General beauftragt, für die Kommunikation unter den Jesuiten der Arbeitermission in Europa zu sorgen. Das führte mich dazu, vor der Konferenz der deutschen Provinziale in Münster (Mai 1986) für die Berliner Gemeinschaft zu sprechen. Das fiel mir nicht schwer: ich hatte ja feststellen können, dass sie glaubwürdig war und dass sie solide Beziehungen zu den Brüdern und Schwestern der Arbeitermission in Berlin pflegte.

Ich kapierte am Ende dieser Versammlung der Provinziale, dass die Kommunität weiterbestehen würde und P. Stefan Bamberger, Provinzial der Schweiz, der als Dolmetscher fungierte, sagte zu mir. „Wir sind dir dankbar dafür, dass du der Kommunität in der Entscheidungsfindung beigestanden bist“ und er fügte hinzu: „aber du fällst uns auf den Wecker!“ Dieser Zusatz macht dem Mann Ehre, der ihn gesagt hat. Ich habe die Offenheit geschätzt. Wegen dieser Freiheit liebe ich die Gesellschaft Jesu.

Als die Kreuzberger Kommunität von Schließung bedroht war, besuchte ich ihre Freunde in Berlin. Ich kann mich nicht mehr im Detail an die Aussagen von Karl und Johanna, von der Kleinen Schwester Maria, von Isolde entsinnen, aber ich entsinne mich einiger Sätze, die sich mir eingeprägt haben: „Sie sind keine Helden und keine Heiligen und es ist erstaunlich, dass sie überhaupt zusammen leben können! Aber sie sind gekommen und jetzt sind sie da, und die anderen Priester sind nicht da. Also, lasst sie da!“ „Es heißt, die Unterscheidung sei eine Spezialität der Jesuiten. Wir hoffen, dass die Jesuitenoberen das unter Beweis stellen und diese Kommunität fortbestehen lassen.“

Heute freue ich mich, dass das so gelaufen ist und wir diesen 25sten Geburtstag feiern können. Ich habe die Arbeitergeschwistertreffen von Berlin sehr geschätzt und auch das Treffen mit der erweiterten Gruppe in Mainz, im Mai 1986. Wir waren dazu von Berlin nach Mainz mit dem Auto unterwegs: Christian, Franz, Isolde und ich. Irgendwo machten wir Halt, um etwas zu essen: reichlich Käsebrote, aber trocken, sehr trokken! Als ich sagte, ich hätte Durst, bot Isolde mir ein Joghurt an! In 100 km Entfernung warteten Dutzende von Wein- und Bierflaschen und andere Getränke auf uns. Heute noch spüre ich den Durst, wenn ich an das Picknick von damals denke! Als wir wieder in Berlin waren, hat Christian mir eine Literflasche Wodka verehrt, die mich zu einem – vernünftigen – Anhänger des „Bisonkrautes“ machte. Im Lauf unserer Begegnungen lernte ich die echte Menschlichkeit und den geistlichen Tiefgang meiner deutschen Freunde immer mehr schätzen.

Am 1. Mai 1986, einige Tage nach dem Unglück von Tschernobyl, war ich in Berlin. Ich nahm an einem der vier riesigen Demonstrationszüge teil, die zum Bundestag gingen. Kilometerlang begleitete ich das „schwarze Karree“ der sehr disziplinierten Autonomen, bei denen sich Hans befand. Sie wurden von einer Doppelreihe Polizei


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„eskortiert“. Bernhard begleitete mich und gab mir Erklärungen. Am Bundestag herrschte großer Trubel, aber ich hatte nicht viel davon: Franz erwartete mich und führte mich im Laufschritt die Mauer entlang zum Rendezvous mit dem Generalvikar. Ich hatte die Stellung der Kommunität zu verteidigen! Ein ordentliches Wechselbad! Ich möchte noch eine andere Begegnung erwähnen: die mit Kamillo und Maria. Anfang 90 kam ich mit Michel Barazzone auf der Durchreise von Marseille nach Polen über Kreuzberg. Ich hatte Kamillo kennen gelernt, als er in der Gruppe der Seminaristen aus Paderborn, die Partnerdiözese von Le Mans besuchte. Damals hatte ich ihm die Adresse der Kreuzberger Kommunität gegeben, weil er sich für die Arbeiterfrage interessierte. Ich wusste, dass er in Kreuzberg geblieben war, und wollte ihn wiedersehen, was Christian mir ermöglichte.

Kamillo lebte in einer Wagenburg auf dem freien Platz zwischen den beiden Kirchen Sankt Michael (Ost/Mitte und West/Kreuzberg), wo vorher die Mauer verlief. So bin ich ihm und Maria und ihren Freunden dort begegnet: ich werde ihre Gesichter nie vergessen. Am nächsten Morgen, Sonntag, traf ich zu meinem größten Erstaunen Kamillo und Maria in der Sankt Michaelskirche (Ost) in der Franziskanerkutte! Michel Barrazzone war ebenso platt wie ich selber! Die Überraschungen gingen weiter: 1999 habe ich sie im Josefhof in Neuhof getroffen. Mein Kamerad Joseph Boudaud aus Le Mans und ich, wir wurden wieder einmal evangelisiert, insbesondere durch das Gespräch über einen Bibeltext nach dem Rosenkranzgebet. Das war weniger laut und bunt als die Love Parade, in die wir am Vortag geraten waren, aber es ging uns mehr zu Herzen!

Ich sollte noch viele andere Menschen aufzählen, die ich zu verschiedenen Gelegenheiten in der Naunynstraße getroffen habe, aber ich kann mich nicht mehr an alle die Namen erinnern. Es war eine Chance für mich, Brot und Freundschaft mit den Kameraden von Kreuzberg teilen zu können. Wenn ich nach Le Mans zurückkam, passierte es, dass ich auf deutsch träumte, und es waren keine Alpträume!

Kürzlich fragte mich eine Freundin, die sich selbst als „ungläubig“ bezeichnet, was ein „Heiliger Ort“ sei. Ich gab ihr die klassische Erklärung und fügte einige Beispiele an, um meine Überzeugung darzulegen, dass „jeder Mensch eine Heilsgeschichte ist“. Es gibt „Heilige Orte“ … und ich glaube wirklich, dass die Naunynstraße einer davon ist. Aber ich weiß schon, dass Christian mir sagen wird, dass es in Berlin viele davon gibt, dort, wohin er zur Einkehr einlädt! Danke, Christian, Franz und Ihr alle, die ihr diesem Ort der Geschwisterlichkeit Lebendigkeit schenkt!

Le Mans 24. Mai 2003


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Alvaro Alemany
Kreuzberg – Ein Rückblick aus Zaragoza

Meine kleine Geschichte mit den Kreuzberger Jesuiten hat vor 20 Jahren angefangen. 1983 kamen Jesuiten der „Arbeitermission“ aus verschiedenen Ländern Europas nach Barcelona zum ersten Mal zusammen. Dabei war Christian Herwartz und auch ich mit anderen Mitbrüdern unserer kleinen Kommunität in Picarral (Zaragoza, Spanien), die schon über 10 Jahren als Arbeiterpriester dort waren.

Vielleicht war es meine (schlechte) Bekanntschaft mit der deutschen Sprache, die mir erleichterte, in besondere Beziehung mit Christian zu treten; vor allem aber sicher meine Neugierde zu erfahren, wie solche Lebensweise unter den deutschen Jesuiten zustande gekommen ist, die ich vor vielen Jahren so intellektuell geprägt kennengelernt hatte.

Bei den nächsten Treffen der europäischen Arbeitermisssion SJ (Italien, 1986; Frankreich 1989) waren auch Christian und Hanns Heim mit; wir konnten miteinander plaudern. Und auch 1992 in Belgien; damals aber hatten wir schon Nachrichten, die von Schwierigkeiten der Kreuzberger Kommunität in Beziehung mit den Jesuitenoberen sprachen. Deshalb entschloß sich der neue Koordinator der europäischen Arbeitermission, mein Kommunitätsmitbruder Manolo Fortuny, möglichst bald Berlin zu besuchen. Und mit ihm bin ich in der Karwoche 1993 dorthin gefahren.

Vieles in der Lebensweise bei der Naunynstr. 60 war uns völlig überraschend und doch fühlten wir uns ganz zuhause. Christian und Franz, Otto und die anderen Freunde wohnten in einem größeren Zimmer zusammen und stellten uns Gästen das andere Zimmer zur Verfügung. Schon am ersten Tag besuchten wir die evangelische Thomasgemeinde, wo wir bei der Tauffeiern einiger Jungen dabeisein durften (nie hatte ich Gelegenheit gehabt, an evangelischem Feiern teilzunehmen); Christian war offenbar Freund und Mitglied der Gemeinde, auch als katholischer Priester.

Wir besuchten weiter das Stadtviertel, die Wagenburg mit Maria und Kamillo, das Haus, wo Hanns mit anderen Hausbesetzern wohnte, und auch viele andere Orte, die uns „fremde“ Welten vor Augen stellten. Hinter den schönen Fassaden der Kreuzberger Gebäude verbargen sich in Hinterhöfen die anderen Welten, wo Christian und Hanns und Franz mitmachen wollten. Wir plauderten viel miteinander und auch mit ihren Freunden: Angelika, die kleinen Schwestern Jesu und anderen, deren Name ich nicht mehr weiß.

Von ihnen lernte ich allmählich auf meine (inneren und sozialen) Mauern und Grenzen aufmerksam zu sein, die viel tiefer und höher reichen als die berühmte Berliner Mauer, die ich vor einigen Jahren besucht hatte. Ihre Narben konnten wir in der Stadt sehen, so wie andere Sehenswürdigkeiten: das Pergamonmuseum, das Brandenburger Tor, die Plötzenseehinrichtungstätte, das Bonhoefferhaus…

Viel wichtiger für mich war es aber: vor Ort zu erfahren, wie wir Jesuiten in enger Beziehung mit jenen „fremden“ Welten leben können, von denen doch wir die Mitmenschlichkeit lernen. Die Umstände in Kreuzberg sind ziemlich anders als in der spanischen Arbeitermission. Ich fühle aber eine Kraft in ähnliche Richtung: mit denen zu sein, die auf den „anderen“ Seiten unserer gesellschaftlichen Mauern leben.

Zaragossa 29.06.03


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Jean Lecuit
Berlin von unten gesehen
Eindrücke… 1991

Beim letzten Treffen, 15. – 17. März 1991, der Arbeiterpriester aus der Gesellschaft Jesu in Berlin war ein voller Tag für einen ersten Einblick in die Realität von Berlin reserviert. In Begleitung der Kreuzberger Mitbrüder konnten wir ihre Freunde treffen, die auf sehr verschiedene Weisen mit der Welt der Arbeit und des Volkes in Berlin verflochten sind.

In etwa zwanzig intensiven Stunden war es uns vergönnt, einigermaßen die Probleme der Wiedervereinigung Deutschland und die Hindernisse zu erfassen, die zu überwinden sind. In dem wir diesen Männern und Frauen zuhörten, indem wir mit ihnen einige bezeichnende Orte Berlins besuchten, konnten wir die Summe des Mutes, der Geduld und der Kraft entdecken, die viele andere Männer und Frauen um sie herum und mit ihnen in dieser Stadt entfalten. Alle Fragen Europas von morgen werden hier gestellt. Und jeden Tag muss man in den Mühen der Ebene Antworten finden, aber gleichzeitig eine breite Vision behalten.

Diese Begegnungen hinterlassen bei mir einen sehr starken Eindruck; zu schnell, um bei sich ein Urteil wagen zu können, tief genug, um zu erfassen, dass hier wichtige Dinge passieren.

Ich werde das, was sie uns gelehrt haben, in drei Abschnitte gliedern: die Vereinigung, die Kirchen und die Frage der politischen Gefangenen.

 

Die Vereinigung

Die Erfahrung von Hermin, einer Kleinen Schwester Jesu, ist erhellend. Sie lebt im Westen, aber arbeitet als Putzfrau in einer Buchhandelskette in Berlin Ost. Diese Kette ist durch eine rheinische Firma aufgekauft worden. Diese hat einen Vertrag mit einer Reinigungsfirma in Ostberlin abgeschlossen, um die Unterhaltung ihrer verschiedenen Filialen zu gewährleisten. Früher machten die Angestellten dieser Läden selbst diese Arbeit. Neue Arbeitsweisen standen am Ursprung von Missverständnissen, Zeitverlust und komischen Situationen, die hier zu berichten zu lang würde, aber die bezeichnend sind für „zwei Arbeitskulturen“. Die Beziehungen zwischen den Arbeitern illustrieren das gut.

In München, wo sie dieselbe Arbeit machte, war Hermin die „Putzfrau“, diejenige, die zum Reinemachen kommt und der man kaum Guten Tag sagt. Hier ist sie eine Arbeitskollegin, der man die Hand gibt und mit der man gerne spricht. Keine Unterschiede zwischen den Arbeitern. Diese Menschlichkeit in den Beziehungen hat sie sehr berührt.

Heute wächst die Unruhe unter den Angestellten. Ein Viertel von zweihundert wird entlassen werden. Verschiedene Elemente der Lage von Berlin, wie die besuchten Menschen sie uns haben sehen lassen, finden sich hier:

1. Die Inbesitznahme der Unternehmen des Ostens durch die Privatunternehmer aus dem Westen mit allem, was das an Umwälzungen in den Produktionsweisen und den Beziehungen unter den Menschen in einem Unternehmen mit sich bringt „Alle Chefs kommen aus dem Westen, und die Entlassungen häufen sich.“ – „Ostdeutsch-


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land wird die ärmste Region Deutschlands werden. Im Osten galt alles, was aus dem Westen kam, als gut. Man sagt jetzt bisweilen im Osten: «Der Westen ist unsere Stiefmutter. » Die Zahl der Selbstmorde nimmt zu.“

2. Die Angst, die spontane Solidarität zu verlieren, die angesichts eines gemeinsamen Feindes und in der Not die Bevölkerung im Osten entwickelt hatte: Gemeinsame Nutzung des Telefons, von Werkzeugen… unter Nachbarn, die kleinen Dienste, die Menschen geleistet werden, die man kaum kennt, weil alle dieselben Entbehrungen leiden, die unklare Komplizenschaft in einer ganzen Bevölkerungsschicht.

„Früher hatten wir einen gemeinsamen Feind in der DDR, jetzt fehlt etwas in der Wirklichkeit, die sich Deutschland nennt!“ – „Dieses Deutschland ist kein Land, mit dem man sich identifizieren kann.“ – „Wörter wie z. B. «Solidarität» oder «Linke» haben nicht mehr denselben Sinn für die einen und die anderen.“

Dort wo für die Bewohner der ehemaligen DDR Solidarität Komplizenschaft, tägliche gegenseitige Hilfe und Widerstand bedeutete, bezeichnet sie für die anderen den umfassenden Mechanismus der sozialen Absicherung. Und Leute der Linken unterstützen, um eine neue Diskussion der Verfassung zu vermeiden, die Annexion von Ostdeutschland, die im Namen des Artikels 23 vollzogen worden ist. (Dieser Artikel sieht vor, dass sich Ostdeutschland jederzeit der Bundesrepublik anschließen kann.)

Diese Situation macht das politische Engagement schwieriger. „Viele Leute im Osten wollten sich nicht engagieren, um gegen den Golfkrieg zu opponieren: «Wir haben einmal verloren. Wir werden uns nicht mehr engagieren.» Das erinnert mich an die Situation von 1945 nach dem Fall des Dritten Reiches.“

Der Mut und die Beharrlichkeit der Jungen und Erwachsenen, die sich weiterhin für den Frieden am Golf regen, ist darum umso bemerkenswerter: in der Gethsemanikirche betet man jeden Abend um 18 Uhr für einen gerechten Frieden am Golf. Die Gethsemanikirche ist die Kirche, von der die ganze Widerstandsbewegung in Ost-Berlin ausgegangen ist. Die am meisten geschätzte Sache besteht darin, Freunde besuchen zu können, die seit Jahren im Osten lebten und die man früher unmöglich besuchen konnte. Aber das Verschwinden der Mauer führt manchmal dazu, dass man sich weniger sieht.

Für die Einwohner von Westberlin ändert sich die Lage ebenfalls. Nachdem die Zwangsjacke der Mauer gefallen ist, werden sich Berliner Unternehmen bald außerhalb der Stadt niederlassen und damit bei den Arbeitern die Furcht erzeugen, ihre Arbeit zu verlieren oder zu langen Wegen gezwungen zu sein. Und einige denken, dass viele eingewanderte Arbeiter sich weiter gen Westen getrieben sehen oder gezwungen sein werden, in ihr Ursprungsland zurückzukehren. Aber es ist jetzt auch möglich, sonntags mit seinem Fahrrad die U-Bahn zu nehmen und aufs wirkliche Land hinauszufahren mit Weizenfeldern und weiten Räumen.

 

Die Kirchen

Im Osten waren sie die Speerspitze der Bewegung, welche die DDR mitriss. Ich habe schon vom Mut der Leute aus der Gethsemanikirche gesprochen. In den stärksten Augenblicken der Bewegung waren einige in dauerndem telefonischen Kontakt mit anderen ostdeutschen Städten wie Leipzig, während die ganze Gruppe in der Kir-


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che betete und dort ihre Entscheidungen fällte. Das einzige Mittel, um zu erfahren, wie die Staatspolizei und die Regierung reagierte. Im Westen ist es für die Christen, katholische wie protestantische, schwierig, sich mit den Armen zusammen zu engagieren. Die deutschen Kirchen sind sehr strukturiert, reich und bei den Protestanten wesentlich auf den Kultus und das Gemeindeleben zentriert. Die Diakonie spielt in der Sozialhilfe in den protestantischen Gemeinschaften eine bedeutende Rolle, aber es ist schwierig, „Arbeiterpastor“ oder „Pastor auf der Arbeit“ zu sein.

In der katholischen wie in den protestantischen Kirchen engagieren sich Priester, Pastoren oder zukünftige Pastoren (selten) wie Laien an der Seite der Arbeiterwelt und der Ausgeschlossenen der Gesellschaft: Migranten, Obdachlose, Jugendliche ohne Arbeit, sehr Arme… Sich zu „inkulturieren“ fordert von denjenigen, die sich so engagieren, viel Mut, Energie und Glauben. Ihre geringe Anzahl macht, dass sie sich gut kennen und dass die Aktionen, die sie durchführen, sehr hart erscheinen können.

Diejenigen, die mit den Hausbesetzern leben, werden manchmal sehr falsch verstanden: denjenigen nah zu sein und inmitten derjenigen zu leben, die leere Wohnungen besetzen, um ein Dach über dem Kopf zu haben, scheint in den kirchlichen Institutionen oft nicht sehr gut verstanden oder akzeptiert zu werden.

 

Das Komitee der Familien der politischen Gefangenen

Seit mehr als einem Jahr hat sich eine Bewegung um die politischen Gefangenen in Deutschland gebildet. Diese Männer und Frauen, die Terrorismus praktiziert oder von weitem oder von nahem unterstützt haben, sind zu schweren Gefängnisstrafen verurteilt worden und einer strengen Isolationshaft unterworfen. Die Bewegung, in der die Gemeinschaft der Jesuiten von Kreuzberg sehr engagiert ist, zielt darauf ab, ihre Haftbedingungen zu erleichtern, ihnen die Kommunikation untereinander zu erlauben, indem man sie u. a. in derselben Haftanstalt unterbringt, und einen Dialog mit den staatlichen Behörden zu beginnen. Das wird ihnen bis jetzt verweigert. Der hauptsächliche Einwand ist, dass diese Männer und Frauen extrem gewaltsame Mittel eingesetzt haben, die bis zum terroristischen Mord gingen.

In bezug auf die Gewalt und den Dialog hat eine Debatte innerhalb der Bewegung und mit den Freunden der Bewegung eingesetzt. Diese Debatte bringt ans Licht, dass es täglich leise Formen von Gewalt gibt, von der wenig die Rede ist, weil man sich ihrer wenig bewusst ist. Diese hinterhältigen Formen von Gewalt töten viel mehr in der Dritten Welt und unter den Armen und den Ärmsten. Dieser Gedankenaustausch lässt auch die Frage der Mittel auftauchen, sich Gehör zu verschaffen, wenn niemand zuhört.

Es ist hier nicht der Ort, diese Debatte zu führen. Ich selbst habe begriffen, dass die aufgeworfene Frage nicht nur die des Kontaktes unter den Gefangenen ist, sondern eine Frage des Lebens in der Gesellschaft: Wie schaffen wir es, einen wahren Dialog führen, der niemanden ausschließt?

 

Schlussfolgerungen

Die Frage, die den vorherigen Abschnitt abschließt, ist vielleicht das, was am besten


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den Eindruck dieser zwei Tage zusammenfassen kann. Berlin und Deutschland ist vielleicht ein Ort, wo zwei Erfahrungen des Lebens in der Gesellschaft einander gegenüberstehen: Die eine legt den Akzent auf ein individuelles Wohlergehen und privilegiert es, die andere fördert eine konkrete Solidarität unter den Menschen, eine wirksame Solidarität, die jeden Menschen berücksichtigt, eine Solidarität, die nicht nur verwaltungstechnisch ist, sondern tagtäglich gelebt wird.

Anderswo konfrontieren sich diese beiden Erfahrungen vielleicht ebenso. Sie tun es hier, so scheint mir, mit viel Intensität, weil sie von den einen und den anderen mit viel Leiden erlebt worden sind und weil das Verschwinden der Mauer ein gemeinsames Ziel darstellte: die Möglichkeit, in aller Freiheit für die einen wie die anderen einen Dialog wieder anzuknüpfen. Diese Konfrontation ist umso stärker, als sie auf dem begrenzten Territorium einer Stadt ausgetragen wird, deren beide Teile sich überschneiden. Sie ist eine tägliche und unmittelbare Realität. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Schwäche hat einer der Dialogpartner nur eine schwache Stimme. Sein Mut gestern und heute, die Anstrengungen, die er unternommen hat, müssten alle aufmerksamer auf seine Botschaft machen.

Die Kirchen sind in hohem Maße verantwortlich für das, was passieren wird. Die Kirchen sind aus sündigen Menschen gemacht. Riskiert die Finanzkraft, selbst wenn sie in den Dienst der Armen gestellt wird – die deutsche Kirche ist die der Caritas und von Misereor – nicht, ein Götze zu werden? Läuft sie nicht Gefahr, die Stimme der Christen und Christinnen zu ersticken, die im Schoß ihrer jeweiligen Kirchen danach trachten, wie ihr Herr das Los der Vergessenen und der am meisten Ausgeschlossen zu teilen? Vielleicht darf man auch daraus keinen Götzen machen! Das Vertrauen in das Wirken des Geistes bei den einen und den anderen, die Geduld und die Fähigkeit zum Verzeihen, die ihre sichtbaren Früchte sind, öffnen einen Weg auf dieser wirklich schwierigen Route für alle unsere Schwestern und Brüder in Berlin und ganz Deutschland.

 

Die Fragen, die sich heute stellen

Fünf Mitbrüder aus der südbelgischen Jesuiten-Provinz, Etienne de Ghellinck, Jean Lecuit, Michel Lejeune, Marcel Rémon und Stany Simon, haben sich vom 15. – 17. März 1991 in Berlin mit den Mitbrüdern aus Flandern, England, Irland, Holland, Deutschland getroffen sowie mit Noël Barré, dem Koordinator der Arbeitermission in Europa. Die Treffen der Arbeitermission der Jesuiten der Provinzen Nordeuropas sind für jeden die Gelegenheit, die konkrete Realität des Lebens der verschiedenen Gruppen wahrzunehmen. Sie sind auch die Gelegenheit, eine Zwischenbilanz zu ziehen bei den Fragen, die sich uns stellen.

In Berlin haben Christian, Hans, Franz und Bernhard uns in ihrem Quartier in Kreuzberg empfangen. Unser Wiedersehen bestand aus zwei Zeiteinheiten: Am Samstag haben uns die Mitbrüder aus Berlin geholfen, die Wirklichkeit von Berlin wahrzunehmen; der Sonntag war den Fragen gewidmet, die sich heute der Arbeitermission der Jesuiten stellen. Ein vorhergehender Artikel spricht davon, was wir von Berlin haben entdecken können. Dieser wird also ausschließlich von den Fragen handeln, die uns umtreiben.


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Das Berliner Treffen hatte gleichermaßen zum Ziel, das nächste europäische Treffen der Jesuiten der Arbeiter- und Volksmission von 1992 vorzubereiten. Die Wirklichkeit der Welt der einfachen Leute ist heute nicht mehr, was sie am Vorabend des Krieges vor beinahe fünfzig Jahren war.

Was ist also heute das, was man seit damals und schon früher „die Welt der Arbeiter“ genannt hat? Es scheint tatsächlich, das dieses Wort seither eine sehr viel weitere Wirklichkeit umfasst als die Welt der Arbeiter, die in einer Fabrik lohnabhängig tätig sind. Andere Formen des sozialen Ausschlusses haben sich enthüllt oder sind aufgetaucht: Große Armut, Einwanderung, Flüchtlinge, Arbeitslose, Behinderte… Die Männer und Frauen, die in diesen Situationen leben, riskieren ihrerseits ebenfalls manchmal, sich fern der Wege der Evangelisation und der Kirche zu finden.

Welche Engagements in den Vereinigungs- und politischen Strukturen verlangt unsere Eingliederung und unsere Inkulturation, damit die Gerechtigkeit gefördert wird?

Welches sind die geistlichen Herausforderungen? Zu welcher Vertiefung unserer Kommunion mit dem Herrn und der Mission der Kirche sind wir aufgerufen? Welcher Aufruf ergeht durch den Herrn an seine Kirche durch das Leben dieser Männer und Frauen?

Diese Fragen stellen sich auf sehr konkrete und unterschiedliche Weisen an verschiedenen Orten.

Durch das, was im Vorhergehenden über Berlin gesagt wurde, wird man den sehr besonderen Charakter gespürt haben, den diese Fragen in Deutschland für die Jesuiten annehmen, die mit Arbeitslosen, Wohnungslosen, Hausbesetzern und politischen Gefangenen Kontakt haben.

In Spanien wie in Frankreich zeigen sich die jungen Jesuiten im allgemeinen empfänglicher für die Hilflosesten und am meisten Ausgeschlossenen als für ein Leben, das in der Arbeit mit den Arbeitern geteilt wird.

In England und Irland gibt es keine in Fabriken arbeitenden Jesuiten, in Italien sind sie wenig zahlreich, aber eine Anzahl von Jesuiten lebt in engem Kontakt mit der Welt der einfachen Leute und der am meisten Verlassenen: Arbeitslose, Drogenopfer, Migranten..

Die Frage stellt sich in einigen Provinzen auch in der Art, mit anderen Jesuiten zusammen zu arbeiten und in jedem Fall in der Art, die Beziehungen mit den Mitbrüdern zu leben, die in anderen Missionen engagiert sind. Einige sind uns manchmal sehr nahe, aber ihr Engagement umfasst nicht diese Dimension der Inkulturation, der Lebensweise und des Gefühls einer großen Nähe zu denen, mit denen wir leben. Das sind die großen Themen, die im August 1992 in Heverlee im Zentrum des Austauschs stehen werden.

Wir wollten sie euch mitteilen in einem Augenblick, wo die Provinz sich in der Erneuerung ihrer Treue zu den Orientierungen der beiden letzten Generalkongregationen engagiert: für einen besseren Dienst an der Glorie des Vaters, manifestiert durch die Zärtlichkeit seines Sohnes für jedes menschliche Wesen im Geiste, der ihnen gemeinsam ist.

Bruxelles 29. März 1991, Übersetzung aus dem Französischen: Gerd Büntzly


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Christian Herwartz
Das Suchen nach dem Weg
der Menschwerdung Gottes
ein Leben „mit“ (Inkulturation)

Von den folgenden Interessen wollte ich mich leiten lassen:

  • in der Nähe zu Menschen leben, die für viele Menschen nicht zur Gesellschaft gehören;
  • in Solidarität mit Menschen leben, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen;
  • einen Weg als Arbeiter mit ArbeiterInnen, als Ausländer mit AusländerInnen gehen;
  • die Würde des oder der anderen auf einem Weg der Inkulturation entdecken lernen.

Mein zentraler Lebenswunsch inmitten dieser Interessen war und ist die Einheit mit Jesus, wie immer er mir auch begegnen will. Er läßt sich begegnen, das war meine Überzeugung und ist jetzt meine Erfahrung, unter den Menschen, bei denen er in besonderer Weise anwesend ist: Kinder, Arme, Gefangene, Kranke, …. Es sind Menschen, die in der Regel nicht in der Mitte stehen, die oft ausgegrenzt werden, die Jesus aber in die Mitte ruft. Er hat sich lieber mit ihnen ausgrenzen lassen, als sich von ihnen zu distanzieren.

Die schmerzhafteste Erfahrung in meinem Leben ist es, daß ich diesen Weg der Nichtausgrenzung nur bedingt mitgehen kann. Wenn ich mich mit und für andere engagiere, stoße ich auf Menschen, mit denen wir nicht zusammen kämpfen oder für die wir nicht dasein können, die in unseren Bemühungen um mehr Gerechtigkeit zur Zeit nicht „integrierbar“ sind. Sie werden dann, um das Anliegen oder die Mitmachenden nicht zu gefährden, beiseite geschoben und ausgegrenzt.

Ich sehe diesen Vorgang oft auch als notwendig an. Streikbrecher müssen verständlicherweise aus der Gewerkschaft, Folterer aus Menschenrechtsgruppen ausgeschlossen werden…. In vielen solcher Situationen komme ich mit meinem Glauben in Konflikt: ich weiß genau, daß Jesus sich von den beiseitegeschobenen Menschen nicht trennt, er sie weiter begleitet und mit ihnen wegzieht. Ich würde gern mit ihm mitgehen und muß doch oft an dem Platz bleiben, an den ich gestellt bin. Diese Trennung von dem mitziehenden, dem menschgewordenen, das Leben teilenden Gott ist eine schmerzhafte Erfahrung.

Doch es gibt auch Einladungen für mich, die Grenzen zu überschreiten, in denen ich ersteinmal eingesperrt bin. Wenn ich sie annehme und oft nach langem Warten dann auch gehe, wird mir die überraschende Einheit mit Gott und mit einem dieser scheinbar unwichtigen Menschen geschenkt. Diese Momente sind Meilensteine auf dem Weg meiner Menschwerdung.

Früher war mir die Menschwerdung Gottes ganz selbstverständlich: Wir leben in der Freundschaft Gottes und er ist vertraut mit unseren Sorgen und Nöten. Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch, so wurde nach einem heftigen Streit in der jungen Kirche der gemeinsame Glaube ausgedrückt. Einige Christen konnten und können auch heute diesen Satz nicht mitsprechen: Jesus ist für sie als Mensch der verkleidete Gott oder ein herausragender Mensch. Die Muslime verehren ihn als Propheten. Die Menschwerdung Gottes ist ihnen unvorstellbar; sie wäre ihnen eine Ernie-


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drigung Gottes, ein Eintreten in die Unreinheit menschlichen Lebens; undenkbar ist ihnen die Ausgrenzung und die Hinrichtung des Sohnes Gottes. Mal abgesehen von den familiären Bezeichnungen: Vater, Sohn, Hl. Geist, die ja auch für die Christen nicht die Einheit Gottes infragestellen sollen, werden die meisten Moslime ein Reden von der Menschwerdung Gottes als Entwürdigung Gottes ansehen. Allah ist der, der alles umfaßt und erhält.

Ich beginne nun im Kontakt mit Muslimen, Glaubensfremden und Christen, denen Jesus 2000 Jahre fern ist, mehr das Unvorstellbare dieses Geheimnisses der Menschwerdung zu ahnen. Ich sehe zum einen, wie die Menschwerdung Gottes als befreiendes Ereignis schwer vermittelbar ist. Mit den gegenwärtigen Erfahrungen wird Jesus nur selten in Verbindung gebracht, obwohl er doch in den Brüdern und Schwestern anwesend ist, die durstig, hungrig, krank, gefangen, … sind. Aber wir sind es kaum gewohnt, zu dem unter uns anwesenden Gott hinabzusehen, ihn als Ausgegrenzten, als Leidenden, als Hingerichteten zu begegnen und anzubeten. Den erhabenen Gott, den Heiligen, den Barmherzigen, den Herrscher, … können wir zusammen mit den Muslimen, den Juden und vielen anderen Gläubigen anbeten. Der in unserer Mitte arme, friedenstiftende, verfolgte, … Gott, wie ihn die Seligpreisungen (Mt 5) beschreiben, bleibt in unserem Streben nach Ansehen und Macht auch uns Christen oft sehr fremd. Für mich weist das Geheimnis der Menschwerdung aber auf ihn unter uns hin.

Zum anderen wird mir die Menschwerdung Gottes immer unvorstellbarer und geheimnisvoller im Blick auf den Weg meiner eigenen Menschwerdung. Wie schwer ist es Beziehungen der Freundschaft und der Gleichheit zu leben. Ich möchte dem Prozeß der Menschwerdung Gottes in meinem Leben nachspüren – leisten kann ich ja mein Menschwerden nicht. Auf wieviele Hindernisse stoße ich in mir? Sie lassen mich die Größe Gottes, seine Liebe erahnen.

Ich sehe schmerzhafte und oft ratlosmachende Begrenzungen auf den Wegen der Freundschaft. Wie oft verweigere ich mich, weil alles zu viel wird oder weil ich intensivere Beziehungen scheue. Ich merke da in mir nicht nur angemessene Wünsche der Begrenzung, nach Nähe und Distanz. Es schleichen sich so viele Vernünftigkeiten, Anerkennungswünsche, Überheblichkeiten, innere Distanzierungen und Antipathien ein, die meine Menschwerdung blockieren. Außerdem übersehe ich oft die Überforderungsschilder in meinem Leben und gehe weiter, als es mir und anderen guttut. Meine mitlebende Sehnsucht wird geknebelt, wenn ich Menschen nur eindimensional als Arbeitslose, Obdachlose, Alkoholiker, … sehe und sie und mich als sozialarbeiterische Objekte/Subjekte benutze. Es gibt eine lange Liste von Hindernissen, die hierarchiefreie, freundschaftliche Beziehungen – ein Leben miteinander – erschweren oder verhindern können.

Im Blick auf diese Hindernisse wird mir die Menschwerdung Gottes zunehmend ein immer größeres Geheimnis, vor dem ich in meiner Begrenztheit staunend stehe. Aber es gibt nicht nur diese Erfahrung der Distanz. Ich werde auch trotz aller Ängste zum Menschsein überwältigt, verlockt, überlistet, …. Es sind Einladungen ins Gefängnis, zum Frühstück in einer Arbeitspause hinter einer öligen Maschine, zur Sterbebegleitung, zum Warnstreik, in eine religiöse Gemeinschaft, zum Gottesdienst,


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zum Mitgehen aufs Gericht oder zur Beerdigung, … oder der Gruß über die Straße, der Kuß einer Aidskranken, das Nicht-mehr-weiterfragen in einer Notlage oder das Gefragtwerden,… Das sind alles keine einforderbare Begegnungen, sondern Geschenke. Sie locken mich über die Grenze, in der mein Menschsein eingeschnürt ist. Diese Einladungen Gottes zum Mitgehen – oder etwas anders ausgedrückt: zur Inkulturation – lassen mich seine Menschwerdung wieder ein wenig ahnen und zeigen mir, wie sehr sie mit meiner eigenen zusammenhängt. Auch Jesus ist zu ihr in der Begegnung mit Notleidenden und in seiner Beziehung zum Vater aus engeren Vorstellungen herausgelockt worden. Das macht mir trotz aller Distanz zu seinem Weg Mut, mich auf seine Begleitung einzulassen und ihn zu begleiten.

Berlin 1999, Für das Treffen der mission ouvriére Nordeuropas 1991 geschrieben

 

Jean Jadot
Erfahrungen mit den Armen in meinem Leben

In der Hausaufgabenschule von Plomcot, die in einem Viertel mit Sozialwohnungen von 900 Einwohnern liegt, kann ich Kindern dieser armen Familien helfen. Sie sind gewöhnlich benachteiligt, weil ihre Eltern nur ein Minimum Schulbesuch hatten, und das mit vielen Schwierigkeiten, und sie können ihnen nicht helfen. Die Kinder wollen vor allem „die gute Antwort“ für die Hausaufgaben vom Tag. Man muß sie zum Verständnis hinführen, damit sie fähig werden, andere Aufgaben dieser Art zu erledigen. Es sind vor allem Türken, also Muslime.

* In der „pluralistischen“ Klinik kann ich Armen helfen, die in Gemeinschaftszimmern zu vier Personen liegen, indem ich ihnen die Hl. Kommunion bringe und mit ihnen spreche. Um ihre Freiheit zu respektieren, kann ich nicht in die Zimmer von denen gehen, die mich nicht darum gebeten haben. Wir sind von den Direktoren nur „toleriert“. Man muß am selben Tag oft mehrere Male kommen, weil die Patienten entweder gerade gewaschen oder gepflegt werden oder weil die Person gerade zu einer Untersuchung weg ist. Die meisten Krankenhausaufenthalte dauern eine Woche.

In der Geriatrie, wo man länger bleibt, haben mehrere Personen keinen Besuch, weil sie nur weit entfernte Verwandte haben, die sich für sie nicht interessieren oder sie leben im Streit mit ihren Kindern. Sie sind also ganz verlassen. Alle brauchen menschliche Zuwendung und einen Menschen, der sich für sie interessiert, – so wie sie sind, auch wenn es manchmal „Gefasel“, „Aggressivität“ oder „schlechten Geruch“ usw. gibt.

* Damit Jesus in das Leben der Menschen kommen kann, muß ich Sein Zeuge sein. „Er soll zunehmen und ich muß abnehmen.“ Was bei diesem Kommen hinderlich ist, ist, daß die Priester sich zu sehr selbst predigen. Sie rühmen zu sehr ihre Werke, ihre Bewegung. Jesus wird nur „gebraucht“. Man bräuchte Leute wie „Pfarrer von Ars, J. Bosco, Vinzenz von Paul“.* Ich versuche, den Armen in der Dritten Welt zu helfen. Eine Freundin, die seit 20 Jahren in einem Elendsviertel in Peru lebt, sagt mir: Wenn jemand seine Arbeit verliert, gibt es kein Arbeitslosengeld. Es gibt nichts. Man muß einen kleinen Job finden.

In zahlreichen Familien fährt der Vater in eine große Stadt, wo er Arbeit zu finden


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hofft, um dann das Geld seiner Familie zu schicken. In mehreren Fällen tut er sich mit einer jüngeren Frau zusammen und vergißt nach und nach seine Familie. Seine Frau bleibt mit zwei, drei oder mehreren Kindern alleine. – Die Kinder müssen eine Stunde morgens zu Fuß Wasser holen, bevor sie zur Schule gehen. Wo sie wohnen, gibt es kein Wasser. – Viele alte Leute haben schlechte Zähne wegen der Unterernährung oder dem Fehlen von ärztlicher Behandlung. Viele Einwohner leiden an Augenkrankheiten und es ist traurig zu denken, wie eine Brille ausreichen würde, das Problem zu lösen oder daß eine Operation einen Menschen vor der Blindheit retten würde. Diese Situationen sind schlimmer als bei uns im Westen.

* Die Menschen ohne Papiere
Eine Freundin, die mit viel Engagement für die Benachteiligten gearbeitet hatte, hat eine Anstellung im Ministerium gefunden, das sich um die „Illegalen“ kümmert. Sie sagt, daß eine große Zahl der Fälle in „geordnete Verhältnisse“ kommen könnte, wenn sie besser informiert wären. Sie hat vielen geholfen, indem sie ihnen alles geduldig erklärte. Einige, die dort arbeiten, sind nur „Beamte“. Sie sagen: „Kommen sie in drei Monaten zurück“, wenn 15 Tage ausreichen würden. Die Lektüre der Akten zeigt, daß einige der Bittsteller Drogenhändler, Mörder und Diebe waren. – Um eine Akte zum Abschluß zu bringen, bräuchte man oft nur zwei Briefe schreiben. Aber wegen Ungeschicklichkeiten und Irrtümern muß man mit fünf rechnen. Für fünf Briefe hat ein Anwalt 100.000 FB verlangt.

Namur/Belgien 1999, Für ein Treffen in Kreuzberg geschrieben

 

Hugo Carmeliet
Die Arbeitermission der Jesuiten in Berlin

Einmal im Jahr treffen sich die Jesuiten der Arbeitermission (MOSJ), die in Nordeuropa ihr Apostolat ausüben. Diese Treffen dienen vor allem der freundschaftlichen Begegnung unter den Mitbrüdern und dem gegenseitigen Kennenlernen, auf das der Heilige Ignatius so viel Wert gelegt hat. Dieses Jahr waren es Christian und Franz, die uns vom 19. bis 21. März 1999 nach Berlin eingeladen haben und 25 Mitbrüder sind ihrer Einladung gefolgt.

Die Kommunität von Christian und Franz befindet sich in Berlin-Kreuzberg, einem Viertel mit einem hohen türkischen Bevölkerungsanteil. In der Kommunität selbst leben Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind. Begleitet von Freunden der Beiden durften wir am Freitagabend eintauchen in die brutale Lebenswirklichkeit von Berlin, wahrlich einer Stadt der Grenzen und Grenzziehungen: der Arbeitslosigkeit und der Obdachlosigkeit, der Illegalität und der Flüchtlinge ohne Papiere, …

An diesem Wochenende durften wir bei Freunden von Christian und Franz wohnen, mit denen wir manchmal bis spät in die Nacht zusammengesessen sind und uns von unseren Erfahrungen erzählt haben, wo wir aber auch die Befürchtungen unserer Gastgeber gehört haben. Im Laufe dieses Treffens ist uns auch immer wieder die Berliner Mauer, obwohl ihr Fall schon zehn Jahre zurückliegt, ins Gedächtnis gerufen worden. Auch wenn es nur noch wenige sichtbare Reste der Mauer gibt, so ist doch


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die Mauer der (seelischen) Verletzungen und des gegenseitigen Nicht-Verstehens immer noch gegenwärtig.

Am Samstag Vormittag beschäftigen wir uns mit Fragen, die schon in Neapel Gegenstand unserer Reflexionen waren: Was sind unsere Erfahrungen im Zusammenleben mit den Armen und den Illegalen? Wie leben wir die Menschwerdung Gottes? Wie schon in Neapel sind wir beeindruckt von der Vielfalt und von dem Reichtum unserer Erfahrungen, ebenso von der überaus vertrauensvollen Atmosphäre unter uns.

Die Erfahrungen des Nachmittags haben uns wohl am stärksten bewegt. Wir waren ungefähr 50 Personen, die sich vor dem Abschiebegefängnis versammelt haben, wo etwa 300 Menschen auf ihre Abschiebung warten bzw. auf das Ergebnis ihrer Anträge seitens der Behörden. Ausgehend von einigen konkreten Fällen erzählt uns der Gefängnisseelsorger die Stationen dieser Auseinandersetzungen, die die Inhaftierten mit manchmal mehr oder weniger Erfolg gegen die Behörden führen. Im Anschluss daran folgen Gesänge und Gebete, deren Abschluss und Höhepunkt das Vater Unser bildet, gesprochen in allen hier vertretenen Sprachen: englisch, gälisch, deutsch, französisch, niederländisch, ungarisch, polnisch, rumänisch, spanisch.

Den Abschluss bildet ein ökumenischer Gottesdienst in der Kirche der Pfarrei, an dem auch Freunde und Bekannte teilgenommen haben.

Die Intensität der Erfahrungen, die Menschlichkeit und die Nähe zum Evangelium an diesem Nachmittag kann ich nicht in wenigen Zeilen beschreiben. Aber ich bin sicher, dass jeder von uns aus diesem Nachmittag etwas mitnimmt, sowohl für sein Engagement als auch für das Gebet.

Am Sonntagvormittag hatten die ‚Jüngeren‘ unter uns das Wort. Sie machten deutlich, dass sowohl Mitbrüder als auch Seelsorger in den Gefängnissen, bei den Flüchtlingen, den Obdachlosen etc. ernsthaft an unserer Arbeit und an der Weise, wie wir lebten, interessiert seien. Aber gleichzeitig riefe das, was sie bei uns wahrnähmen, ihr Misstrauen hervor. Es gehe also auch darum, das Profil unserer Gruppe zu klären und deutlich zu machen. Diese Neudefinition sei sowohl unerlässlich als auch gefährlich: wie kann man auf die Erwartung der Jüngeren und der Mehrheit in unserer Gruppe antworten? Zweifellos entspricht es mehr der jetzigen Identität unserer Gruppe, dasjenige Element weniger zu betonen, das früher unter dem Etikett ‚Arbeitermission‘ den Schwerpunkt unserer speziellen Sendung ausgemacht hatte. Wir haben uns in Berlin mit dem Kern dieser Frage nicht beschäftigt. Aber bei unserem nächsten Jahrestreffen in Namur vom 31.3. bis 2.4. 2000 wird das zweifellos Thema sein.

Nach einem vietnamesischen Mittagessen, das ein befreundetes Ehepaar von Franz und Christian gerichtet haben, verabschiedeten wir uns mit dem Versprechen‚ bis zum nächsten Jahr in Namur.

Brüssel 6. Januar 2003


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Ramiro Pàmpols
jesuitas obrero

Es ist nicht einfach für mich, als Arbeiterpriester, nach 28 Jahren Arbeit pensioniert, die Geschichte mit ihrer Herkunft ihren Konflikten und Fehlern zu referieren, die sich auf etwa 300 europäische Jesuiten bezieht, welche die Erfahrung eines Lebens aus der Arbeit heraus gewagt haben. Ich beziehe mich vor allen Dingen auf meine spanischen Brüder, weil ich mit ihrem Erleben besser vertraut bin, möchte aber auch Erfahrungen von Brüdern aus Italien, Frankreich, Deutschland und Belgien mit hineinnehmen, welche das Leben in der Arbeiterklasse mitgeteilt haben oder noch heute teilen.

Ich werde keine Statistik geben und auch keine Chronologie. Dazu existiert bereits eine gute Arbeit, verfasst von Noel Barré in der Ausgabe 75(2001/12) des Promotio Iustitiae.

Wir können davon ausgehen, dass der Ansatz in jedem Kollektiv anders war. Jedenfalls aus dem Blickwinkel seiner geschichtlichen Gründe. Nicht so verschieden allerdings aus dem Blickwinkel der Glaubensüberzeugungen heraus: unsere entschiedene Bereitschaft das Evangelium in der Arbeiterklasse zu leben. Ein Bruder, welcher später in den Tschad ging, hat einmal sehr gut das Motiv für unsere spanische Gruppierung ausgedrückt: Unsere ersten Jahre im Orden waren auch für Spanien eine schwierige Zeit. Isoliert vom Rest Europas, mit noch offenen Wunden aus dem Bürgerkrieg und mit einer großen Armut, die eine Flucht vom Land im Süden in die großen Städte hervorrief, wo sich die kürzlich eingetroffenen Menschen unter den miserabelsten Bedingungen niederließen. Während dieser Zeit war die Amtskirche weit weg von dieser Wirklichkeit und genoss die Privilegien des Franco-Regimes, welches in der Kirche einen seiner wichtigsten Unterstützer sah.

Die Trennung zwischen den Massen der Arbeiter und der Amtskirche war sehr groß, schwierig lebbar für einige von uns. In diesem sozialen und politischen Kontext wurde die Arbeitermission geboren, mit seinem Vordenker, einem schon etwas ältereren Jesuiten, der an der Universität lehrte und der Partei „Partido Unico“ nahestand. Dieser Mann war für viele jüngeren Jesuiten unserer Generation ein Symbol für eine neue Anwesenheit und einen neuen Weg der Christen, obwohl er selber nicht als Arbeiterpriester arbeitete. Sein Auszug aus dem Haus (casa profesa) des Ordens in Madrid, wo er sehr bekannt war, stellte einen Skandal dar. Viele Leute betrachteten die Flucht aus dem bürgerlichen Christentum hinein in einer Arbeitersiedlung als ein Affront gegen die Kirche.

Ich selber lebte einige Monate in der Nähe dieses Mannes, und dies war für mich eine starke Erfahrung, nicht nur wegen der prekären Lebenssituation, sondern vor allen Dingen wegen der Gefühle von Scham, die mich überkamen: Ich sah mich aus einem anderen Universum herausfallen, mit meiner schwarzen Soutane, mitten hinein in eine Welt von Leid und Ungerechtigkeit, die ich bislang in meinem Leben erfolgreich ignoriert hatte.

In Frankreich gab es andere Gründe. Sie bestanden in der gewaltigen Erfahrung des Zusammenlebens in deutschen Konzentrationslagern: Priester und Arbeiter aus dem Widerstand versuchten die Grenzen der gegenseitige Nichtkenntnis und der


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unterschiedlichen menschlichen und spirituellen Lebenswelten zu überwinden. Aus diesem Erleben ergaben sich zwei Schlüsselwörter für unseren langen Weg:

Einfügen (Inserción) und Inkulturation.

Ein anderer Jesuit hat die Bedeutung dieser Worte tief verstanden: Pedro Arrupe. „Ein volles Einfügen in die Masse der Arbeiter erscheint mir eine wichtige Bedingung um die Ziele zu erreichen, welche sich für einen Arbeiterpriester ergeben. Das möchte sagen, dass der Ort und die Art der Wohnung, die Beschäftigung des Arbeitstages und genauso die Lebensbedingungen so weit wie möglich denen gleichen sollten, unter denen ein Arbeiterpriester arbeitet. Ein Arbeiterpriester ist wie die Hefe des Evangeliums, welche nicht den Teig durchsäuern kann ohne sich tief mit diesem zu vermischen und sich in diesen umzuwandeln.

Er sollte das Schicksal seiner Arbeitsbedingungen kennen lernen, die Begrenzungen und Armut einer winzigen Wohnung, den sozialen Druck, in welchem seine Würde und seine Rechte bedroht sind, die Unsicherheit, die Abhängigkeit von einer vorgegeben Arbeitszeit und den rauen Umgang innerhalb einiger menschlicher Beziehungen. Ich sage dies, weil sonst unsere freiwillige Entscheidung keinen Wert hat, wenn wir nicht versuchen, uns an diese durch Geburt oder Notwendigkeit – Arbeiterklasse anzupassen.“

So lautete die Betrachtung, die Pedro Arrupe uns gab. Ich persönlich betrachte sie als sehr erhellend und realistisch. Später werde ich seine Gedanken zum Wort Inkulturation ausführen.

Jetzt möchte ich erst einmal zu unserer Anwesenheit in der Arbeiterwelt kommen. Ich erinnere mich dabei an eine Passage von Charlots „Moderne Zeiten“. Sie ist wie ein Echo und ein Symbol für unzählige Situationen, welche ich in langen Jahren erlebt habe:

„Sommer 1969. Erste Erfahrung mit einer Lohnarbeit in Valencia. Hilfsarbeiter in einer ermüdenden, extrem anstrengenden, extrem langwierigen, untragbaren, unangenehmen Arbeit, ich werde immer von den Chefs an die schlechteste Arbeit delegiert. Ich erreiche mein Haus nur um auszuruhen, damit ich den nächsten Tag wieder überstehen kann Ich erwarte den Samstagnachmittag, wie ein Arbeiter das Ende der Woche erwartet. Arbeitszeiten von zwölf Stunden mit 35 Minuten Pause. Befinde mich innerhalb von Rohren, mit ermüdeten Armen, welche die Werkzeuge halten, Müdigkeit im ganzen Körper durch diese unangenehme Körperhaltung, müde in den Beinen, die das lange Stehen nicht gewohnt waren, müde im Hals, mit der unbequemen Schutzbrille, die Hitze im Sommer: Aber ich teile die Erfahrung mit anderen Jesuiten, die genau so neu sind wie ich, sehr überzeugten Jesuiten. Und ich habe Kontakte zu sehr überzeugten Menschen, welche, nachdem sie wegen ihres Einsatzes gefeuert wurden, weiterhin für ihre Arbeitskollegen kämpfen, ich überwinde die Angst mit manchmal christlichen Einstellungen und manchmal atheistischen Einstellungen.“

Jetzt möchte ich beschreiben, was Arrupe unter Inkulturation verstand: „Das Einfügen macht sich in einer Inkulturation sichtbar. Wenn sich keine Inkulturation einstellt, war das Einfügen nur eine Einbildung. Sie passiert nicht, indem man


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sich von außerhalb mit der Arbeiterbevölkerung in seinen Lebens- und Arbeitsbedingungen identifiziert, nein sie wird erreicht, in dem man lernt die Werte ihrer Kultur, ihre Denkschemen, ihre Emotionalität, ihre Reaktionsformen, ihre Umgangsformen, Wertvorstellungen, ihr Menschenbild, Bild der Familie und Gesellschaft, ihre Kameradschaft, am Ende alle Bestandteile der Arbeiterkultur, anzunehmen und wertzuschätzen, so reich an menschlichen und spirituellen Werten, aber nicht immer anerkannt und entwickelt.“

In diesen Tönen lassen uns die Worte von Arrupe nicht lachen, weil wir immer wieder die anderen Aspekte der Arbeiterkultur kennengelernt haben. Ich beziehe mich auf die negativen Aspekte, welche wir auch geteilt haben. Was haben wir erreicht oder wenigstens zu erreichen versucht innerhalb vieler Jahre? Welcher innere Antrieb hat uns dazu gebracht inmitten einer Umwelt zu leben, die für so viele von uns unbekannt bleibt?

An zweiter Stelle steht die Entwicklung einer Volkskirche in den Wohngegenden, in denen wir leben, über die Pfarreien, so nah wie möglich an dem Befinden der Menschen, auch denen, welche sich in der ersten Zeit von Franco von der Kirche entfernt haben.

Wir haben versucht, dass unsere Stimme eine Kirche zeichnen kann, eine kritische und hoffnungsvolle Kirche innerhalb einer Zeit des Kapitalismus mit seinen enormen sozialen und politischen Ungerechtigkeiten. Aus dieser Zeit stammt das Buch: „Egara, eine Pfarrei unter dem Frankismus“, welches trotz Gefängnisstrafen für einige von uns unsere Kraft der Anwesenheit zeigt.

An diesem Punkt meines Schreibens, mehr Zeugnis als streng geschichtlich, möchte ich erklären, welches heute unsere Beweggründe sind, in einer Zeit, in der die Arbeiterklasse mehr und mehr zu verschwinden scheint.

 

1. Das Leben einer neuen Kultur, einer Kultur des Konfliktes, wie man sie in ausführlicher Weise in der eigenen kirchlichen Einrichtung oder der eigenen Kommunität einrichten kann.

Es reicht hier die Spannung zu nennen, die die Reise des P. Aruppe hervorrief, einerseits sehr nahe an uns, andererseits gekennzeichnet durch die Gelegenheit eines Besuches von Franco. Ein schmerzvolles Erlebnis für beide Seiten, mit machtvollen Argumenten um eigene Meinungen zu verteidigen.

Jeder von uns könnte die Liste von alltäglichen, durch die Arbeit hervorgerufenen Konflikten verlängern. In meinem konkreten Fall bestand der Konflikt darin, dass ich meinen jesuitischen Mitbrüdern erklären musste, dass ich angesichts einer konflikthaften Arbeitssituation und meiner Rolle innerhalb des Betriebes, nicht immer die Rolle eines Priester einnehmen könne, der sich für das Seelenheil innerhalb von Konflikt und Konfliktparteien einsetzt. In anderen Fällen erlaubte mir meine Arbeitssuche nach einer fristlosen Kündigung nicht die Offenbarung meiner Priestertätigkeit vor dem neuen Arbeitgeber oder aber die Nennung derselben nahm mir sofort jegliche Anstellungschancen.

Diese schwierige Situation reflektiert auch einen anderen inneren Zwiespalt, den ich auch wie eine innere Teilung wahrnehme: ich versuche zwei Kulturen zu vereinigen, zwei Welten: die eine Welt meiner familiären Herkunft mit ihrer Weiterfüh-


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rung im Orden und die adoptierte Welt, die Einverleibung der Arbeiterwelt, sein Leben, sein Denkstil und vor allen Dingen sein Handeln.

Das Erleben einer neuen Freundschaft, großzügig und warm, erprobt in vielen Situationen, alle verschieden, aber mit der Gemeinsamkeit, dass wir eine emotionale Nähe eingeführt haben. Ich glaube, dass es sich lohnt unsere Spiritualität innerhalb der Arbeitsrealität von dieser fantastischen Freundschaftserfahrung zu verstehen.

Eine Beschreibung, welche zugleich rational ist und das Geheimnis dieser Freundschaft zu verstehen sucht, gab uns ein Bruder aus Berlin: „Die Menschwerdung von Gott erscheint mir immer geheimnisvoller und unerklärlicher, wenn ich meinen eigenen Weg der Menschwerdung anschaue. Wie schwierig ist es doch Beziehungen von Freundschaft und Gleichheit zu leben! Ich kann in meinem Leben dem „Sich zum Menschen Gottes machen“ nachspüren. Aber ohne mein eigenes „mich zum Menschen machen“ kann ich ersteres nicht erlangen.

Ich sehe mit Schmerzen und vielmals mit Verlegenheit meine eigenen Grenzen in den Wegen der Freundschaften. Mit großer Häufigkeit sehe ich mich zurückgeworfen, weil alles mir zu viel wird oder weil ich Angst vor intensiven Beziehungen habe. Es mischt sich viel Vernunft mit hinein, Furcht vor dem Erkennen…, welche meine Menschwerdung blockieren. Meine Sehnsucht des Miteinanders bleibt geknebelt, wenn ich die Personen einseitig als „Alkoholiker“, „Obdachloser“ oder „Bettler“ sehe, und ich benutze sie wie Objekte der sozialen Arbeit. Mit diesen Hindernissen im Blick, erscheint mir die Menschwerdung von Gott, jedes Mal ein immer größeres Geheimnis, vor dem ich mit meinen begrenzten Möglichkeiten nur staunen kann. Ich fühle mich überwältigt, bezaubert, gedrängt…., um mehr Mensch zu werden. Es sind Einladungen ins Gefängnis, das Frühstück neben einer öligen Maschine in einer Arbeitspause, der Beistand für einen Sterbenden, einen Streik zu organisieren, den Mitmenschen zu grüßen oder einen Aidskranken zu küssen. Auch Jesus war zu dieser Menschwerdung berufen. Und trotz meiner Entfernung zu seinem Weg gibt es mir Mut und Freude seine Freundschaft zu akzeptieren und ihn zu begleiten.“

Ein weiteres Zeugnis welches für sich selber spricht, stammt von einem belgischen Mitbruder, welcher durch einen Arbeitsunfall als Hafenarbeiter in Amberes jung verstarb. Als er von einer Firma herausgeschmissen wird, schreibt er: „Was ich als Gefeuerter herausgefunden habe, war, dass N. – einer der ärmsten Kollegen – mir gesagt hat: Egide, wenn du in Schwierigkeiten bist, kannst du auf mich zählen. Komm in mein Haus, bis du eine neue Arbeit gefunden hast!“ Und er schließt mit dieser persönlichen Überlegung: „Ich habe diese Lebensform gewählt, weil ich der Freund dieser armen Menschen geworden bin, dieser Arbeiter, dieser einfachen Menschen, welche sich von der Kirche verlassen fühlen, weil ich in dieser Freundschaft mit den Ärmsten, Muslimen, Orthodoxen und Entwurzelten bin…mit diesen neun entlassenen Arbeitern der letzten Woche. Ich fühle mich ganz konkret durch diese Menschen verbunden mit der Masse der Armen, der Kleinen, der Entchristianisierten, gestellt in diese konkrete und volle Freundschaft, dies ist der einzige authentische Weg, vielleicht schmerzvoll, aber immer dafür kämpfend, dass das Reich Gottes auf dieser Welt wachsen kann. Es ist mir nicht mehr möglich


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und nicht mehr erlaubt mich aus dieser Möglichkeit des Arbeiterpriestersein zurückzuziehen.“ Heute können wir nicht mehr in diesen Begriffen über die Gesamtheit der Arbeiterklasse sprechen. Es hat viele Veränderungen gegeben, so dass es nicht ungewöhnlich ist, auch von vielen jesuitischen Mitbrüdern, zu hören: „die Arbeiterklasse existiert nicht mehr“.

Hier ergibt sich ein weiterer heißer Punkt, den anzusprechen sich lohnt in Hinsicht auf die „Neuen Armen“ welche sich aus dieser großen Gruppe herausgebildet haben. Ich schlage dies wie eine Einladung an uns vor, die wir uns berufen fühlen unser Leben diesen Frauen und Männern zuzuwenden, aus allen Klassen ausgeschlossen, sozial an den Rand gedrängt, einige Flüchtlinge, andere vielleicht nicht, hier in unserer Ersten Welt und in der Dritten und Vierten Welt.

3. Das Erleben einer Spiritualität, welche die komplexe Beziehung zwischen Glauben und Gerechtigkeit lebt, diese in einer ernsthaften und zugleich begeisterten Art zu formulieren und dabei die Stimme des Ordens in seinen letzten Generalversammlungen hörend.

Sie sagt uns, dass in unserem Leben als Arbeiterpriester wir noch nicht das Gleichgewicht gefunden haben zwischen der Kraft unseres Erlebens und dem theologischen Zeugnis, das dieses Erleben begleiten sollte. Dies schließt den Sinn unserer Priesterschaft mit ein. Alles in einer Welt der Arbeiter, welche immer mehr durch Apathie und Unglauben gekennzeichnet ist.

Haben wir uns gemacht, sind wir es schon: glaubwürdig von Seiten unserer Kameraden, viele schon berentet oder sind wir gerade dabei es zu werden? Und wie nähere ich mich ihren Kindern, der neuen Arbeiterklasse? Oder sind wir schon Angehörige einer Mittelstandsklasse, welche sich nicht in den öffentlichen Krankenhäusern behandeln lässt, wo jeder Patient nur fünf Minuten erhält, die nicht die langen Wartelisten für Operationen füllt, die nicht ihre Kinder mit den Kindern von Immigranten in eine staatliche Schule schickt?

Welche nicht mehr weiß, was es heißt zu arbeiten, um sich eine Wohnung zu leisten, damit man im Alter von 30 oder noch später heiraten kann? Die sich schließlich nicht vor einem möglichen Arbeitsunfall fürchten muss (während in Spanien jeden Tag drei Arbeiter unter diesen Bedingungen ums Leben kommen). Beunruhigt unsere Jugend diese Realität in ihrer Gesamtheit? Oder ein Teil von ihr? Wie eine polemische Aussage in einer kürzlich veröffentlichten Sozialstudie vermerkte: Müssen wir eine engere Beziehung zwischen dem Kopf und den Füssen wieder suchen, den verschiedenen Lebensstilen, in denen wir leben? Oder werden wir uns langsam damit abfinden nur Kopf zu sein?

Ich glaube, es ist eine dringliche Aufgabe eine Antwort auf diese Fragen aus unserer Spiritualität des Teilens heraus zu finden. Und wir als die kürzlich berenteten Arbeiterpriester befinden uns in einem optimalen Moment, um uns dieser neuen Aufgabe zuwenden zu können, welche weit über das Ein-Zeugnis-Ablegen hinausgeht. Ich schließe mit zwei Zitaten, fast verpflichtend, aus dem Rahmen der Feier von 60 Jahren seit der Gründung des Ministerio de los Pretres Ouvriers, welches in Strass-


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burg über Pfingsten 2001 stattfand. Vor 600 Arbeiterpriestern wurde während der Eucharistiefeier zwei Briefe vorgelesen: Einer vom Kardinal R. Etchegaray und ein anderer vom bischöflichen Komitee für die Arbeitermission in Frankreich. In seinem Brief sagt der Kardinal Etchegaray: „Ich werde niemals die Jahre vergessen, in denen ich für die Mission von Frankreich verantwortlich war, vor allen Dingen werde ich nie die Worte eines Bruders vergessen, welcher in der Landwirtschaft arbeitete; wie verschieden waren wir doch als Priester! Am Tag meiner Bischofsweihe sagte er mir: ich hoffe, dass du nicht zögern wirst dich im Namen des Evangeliums auch einmal dreckig zu machen! Diese Worte haben mich während meines ganzen Leben begleitet und unruhig gemacht auch, später in Rom.“ Und das Bischöfliche Komitee: „Indem wir von der Kirche die Aufgabe erhalten haben, unser Amt unter den Arbeitsbedingungen des Berufslebens zu leben, eine wirkliche Inkulturation in die Erde der Arbeiter zu suchen mit einem Einsatz ohne Rükkzug und ein wirkliches Miteinanderleben mit anderen Menschen zu gestalten, haben wir uns in ein lebendes Zeichen der göttlichen Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit zu den Menschen wandeln können.

Wenn ihr Verantwortungen in Gewerkschaften übernehmt oder in anderen Vereinigungen, dann erinnert Euch, dass der Kampf für Gerechtigkeit ein Teil des Evangeliums ist. Ihr seid sehr sensibilisiert für das Phänomen der Globalisation, wenn ihr dafür kämpft, dass diese sich nicht noch mehr in eine neue Form der Kolonisation, der Sklaverei verwandelt, ihr richtet einen dringenden Ruf an die internationale Gemeinschaft. Zeigt, dass die erste Verantwortung des Amtes von Priestern und des Bischofs die Verkündigung des Evangeliums ist. Dieser Dienst darf sich aber nicht nur auf die schon versammelte Gemeinschaft beschränken (…)

Gebt Zeugnis vom Stellenwert, den das Evangelium in Euren Leben einnimmt und die Suche nach der Vertiefung einer Beziehung mit Jesus Christus. Diese kontemplative Dimension von unserem Dienst erscheint viele Male sehr diskret. Sie könnte mehr eine Quelle der Bereicherung für unsere Kirche sein, angefangen mit unseren Brüdern im Priesterdienst.

Ihr habt geschrieben und schreibt weiterhin wundervolle Seiten in der Geschichte unserer Kirche. Wir dürfen aber nicht unsere schwierigen Zeiten vergessen. Einige, die in der selben Aufgabe mit den Arbeitern des Evangeliums stehen, und andere, welche das Nichtvertrauen und die Verständnisschwierigkeiten in derselben Kirche begünstigen.(…)

Um diese Aufgabe zu leben braucht die Kirche die Unterschiedlichkeit von verschiedenen Berufungen. Wir wünschen uns weiterhin viele Berufungen zum Priester, eingeschlossen zum Arbeiterpriester oder Priester im Berufsleben. Die Mehrzahl von Euch ist schon berentet. Wir hoffen, dass es sich um eine Berentung von der Arbeit und nicht vom Arbeiterpriestersein handelt. Und dass Ihr weiterhin die Möglichkeit findet eurer Leben nach Euren Vorstellungen zu leben, euch für die Arbeiter einzusetzen und das Miteinanderleben in den Stadtvierteln zu fördern.


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Es gibt junge Priester, die in unseren Zeiten zum Arbeiterpriester berufen sind. Sie sind Erben von Eurer Geschichte, auch wenn sie das Amt nicht in der selben Art leben müssen wie ihr….

Die Welt braucht Hoffnung und die Arbeiter haben ein Recht auf sie.“

Cornellà 25. Dezember 2003, coordinador de M.O. en España.

 

Jo Eerens
Sehnsucht geweckt

Neunzehnhundertfünfundachtzig fragte ich unseren Provinzial, meine Theologie in einem ausgegrenzten Viertel fortzusetzen. Dies wurde zugestanden. In Antwerpen durfte ich wohnen, studieren und arbeiten.

Zusammen mit mir sollte anschließend ein anderer in die praktische Ausbildungszeit einsteigen. In Antwerpen sollte er sich einsetzen in einer Organisation, die Wohnungen vermittelt an Gastarbeiter. Es wäre wünschenswert, dass wir zusammenlebten. Aber wir hätten dafür ein Schlafzimmer teilen müssen. Das Projekt des Zusammenwohnens scheiterte. Denn man sah überhaupt nicht ein, wie es möglich wäre, dass Jesuiten auf diese Weise zusammenleben könnten. Mit Wut und Trauer habe ich gesehen, wie wir, obwohl wir während der Studienzeit im gleichem Haus wohnten, jetzt einem unterschiedlichen Regime unterworfen wurden. Mit allen Folgen.

1987 begegnete ich zum ersten Mal Christian Herwartz während des Terziat. Und 1988 bin ich zum ersten Mal nach Berlin gefahren, um ihn, die Mitbrüder und die, mit denen sie zusammenlebten, zu besuchen. Die Entscheidung und die Wahl, dort zu leben und so zu leben, hat bei mir immer eine Sehnsucht geweckt. Sehnsucht entweder das Gleiche zu tun oder mich auf irgendeine Weise anzuschließen. So habe ich mich angeschlossen bei der Mission Ouvrière. Sie hält bei mir die Grundinspiration wach, für die ich eingetreten bin und mich noch immer als Jesuit einsetzen will.

An was ich mich von meinen Besuchen erinnere?

  1. Die Beschränkung der Ausübung der Territoriumspsychologie. Alles ist gemeinsam außer dem, was nicht gemeinsam ist. Und dies Nicht-Gemeinsame ist reduziert auf einem Schrank.
  2. Es besteht eine Offenheit, die jedem die Chancen gibt zum Leben.
  3. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Mitgliedern, außer dem, dass Christian, Hans und Franz die eigentlichen Mieter sind und auch diese Verantwortlichkeit tragen.
  4. Entscheidungen werden zusammen vorgenommen. Nicht nur die Jesuiten, sondern auch Mitbewohner und Sympathisanten werden eingeladen, um mit zu entscheiden.
  5. Man lebt eine auffordernde Solidarität. Eine Solidarität, die alle Strukturen sprengt und auf der Suche ist nach den Menschen in Not, so wie Christus es getan hat. Ich denke da insbesondere an die Einsätze für die Politischen Gefangenen Deutschlands, die RAF-Mitglieder, die Familien der Betroffenen. Ich denke an die Treffen vor dem Abschiebe-Gefängnis ‚Hotel der Deutschen Gastfreundschaft‘. Ich

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    denke an die jahrelangen Besuche über die Mauer, die Freundschaften dort, die moralische Stütze vor dem Zusammenbruch und die Beziehungen danach; die Treue zu den Arbeitern, Jugendlichen, Ausgegrenzten.

Die Vielfalt der Herausforderungen und das Eingehen darauf machen diese Kommunität so außerordentlich. Die Kommunität zeigt, dass Jesuiten herausfordernd leben können in dieser westlichen Gesellschaft, die geprägt ist durch den Überkonsum und die Ängste vor allem, was nicht übereinstimmt mit den Ideen von einer bourgeois-bürgerlichen Gesellschaft. Weil die Kommunität in dauernder Spannung lebt, denn sie wird ständig bedroht mit Aufhebung oder sie wird visitiert um ihre Stellungnahme und Lebensweise, wäre es möglich, dass sie in einem Krampf und in einer aggressive Verteidigung leben würde. Aber ich habe gemerkt, dass sie sich in einer Freiheit von Denken und Tun bewegt, die jeden hinterfragt hinsichtlich seiner Unfreiheit, seiner Begrenzungen, seiner Weise von Denken und Tun.

Ich wünsche, es gäbe noch mehr solche Kommunitäten. Und ich danke Gott für die Geisteskraft, die Er schenkt, für die Treue, für den jahrelangen Enthusiasmus, für den Einsatz für Frieden, Menschlichkeit und Menschenwürde, Gerechtigkeit.

Oostakker/Belgien 10. 1. 2003

 

Jean Lecuit
„Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14)

Im März 1991 hat die Arbeitermission der Jesuiten „des Nordens“ ihre jährliche Versammlung in Berlin in der Kreuzberger Kommunität abgehalten. Seitdem wollte ich gerne einmal für länger dorthin kommen. Jetzt hatte ich die Gelegenheit. Um mit wenigen Worten meinen hauptsächlichen Eindruck zusammenzufassen: Die Wohnung in der Naunystraße ist ein Ort des Menschseins, ebenso unscheinbar, wie das Wort seit zweitausend Jahren Fleisch geworden ist (Joh 1,14).

In einem Stadtviertel armer Leute, in dem hauptsächlich Türken leben, wohnen drei Jesuiten, Christian Herwartz, Franz Keller und Stefan Taeubner, über einem Café „Das Höllentor“. Wenn man an der nächsten Tür mit der Hausnummer 60 klingelt, öffnet sie sich. Im zweiten Stock findet man eine scheinbar ganz gewöhnliche Wohnung. Man wird einfach und ohne weiteres hereingelassen. Im Lauf von Stunden und Tagen erkennt man sie als einen Ort, der für Männer und Frauen offen ist und für alles, was gerade zu ihrer Geschichte gehört. Für viele ist es eine Geschichte der Leiden und des Scheiterns. Für manche ist sie der Ort, wo sie im Schlafzimmer mit sieben Betten, wo auch Christian schläft, eine Schlafgelegenheit finden, sei es für eine Nacht oder zehn oder auch zwei Jahre, nur weil sie Menschen sind.

Wer anklopft, wird in seiner Wahrheit aufgenommen, ohne Bedingungen, was auch sein Elend, seine Schwierigkeiten oder das Urteil sein mögen, das die Gesellschaft über ihn oder über sie fällt. Du, der du kommst, bist ein Bruder oder eine Schwester, und du bist zu Hause. Das kann jemand sein, der in einer ungeheizten Wohnung ohne Elektrizität lebt und am Abend und am Morgen kommt, um sich aufzuwärmen und ein wenig zu reden. Es ist vielleicht eine junge Frau, die erkältet und arbeitslos ist und kommt, um zu zeichnen und ihre Einsamkeit zu klagen; oder eine junger Familien-


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vater, der illegal in Berlin lebt und nach einem Familienstreit nicht aus noch ein weiß. Oder eine junge Journalistin, die denen nahe sein möchte, die hier vorbeikommen. Es sind fünfundzwanzig ukrainische Kinder aus der Gegend von Tschernobyl, die für einen Monat zu Ferien nach Weimar eingeladen worden sind und einen Kurzaufenthalt in Berlin zwischen zwei Zügen nutzen, um hierher zu kommen.

Sie staunen über die großen Skulpturen an der Wand des Wohnzimmers. Mit Christian entdecken sie die Freude des Mannes, der aus dem Gefängnis herauskommt und seine Frau wiederfindet, oder das Bild des Zachäus, den Jesus ruft, oder die Sendung des Jonas, welche die auch des Hauses ist: die Freude der Vergebung weiterzugeben.

Die Kommunität ist nicht in sich abgeschlossen. Von ihr her geht man überall hin, wo man wirklich nach dem Menschen sucht, wo Männer und Frauen dafür arbeiten, um in authentischen menschlichen Beziehungen zu leben, aber auch um wieder aufzubauen, was vielleicht zerstört war, um zu versöhnen.

Vielleicht bittet eine „Equipe Notre Dame“ um Hilfe in ihrem Verlangen, besser die Armut zu leben. Ihre Mitglieder wollen herausbekommen, was an ihrem Lebenstil vielleicht unnötig ist; sie lassen sich zur Öffnung des Herzens einladen, dazu, für jede Begegnung bereit zu sein, vor allem, wenn man dabei irritiert wird: Wenn es um Menschen geht, die man eigentlich nicht sehen möchte, ganz besonders die Armen und Ausgestoßenen.

Es kann auch ein freundschaftlicher Besuch bei den Kleinen Schwestern von Charles de Foucauld sein. Sie wohnen in einer wiederhergestellten Wohnung im Osten der Stadt. Sie sind von Familien umgeben, Männern und Frauen ohne Ausbildung und auch ohne religiösen Hintergrund. Diesen begegnen sie auf der Treppe oder auf der Straße. Die Kleinen Schwestern sind stillschweigend und unbeachtet da; sie stellen die Liebe des Vaters und des Sohnes dar. In ihrem Wohnviertel und an ihrem Arbeitsort leben sie wie Charles de Foucauld in Tamanrasset, eine scheinbar nutzlose Anwesenheit ohne sichtbare Früchte. In einigen Tagen wird Bärbel, die jüngste von ihnen, ihre Gelübde ablegen.

Auf dem Rückweg besuchen wir eine Gruppe von sechs jungen Frauen, die um die dreißig sind; unter ihnen sind zwei lesbische Paare. Eine von ihnen hat ein Jahr in Brasilien in einer Kooperative mit den Armen gearbeitet. Sie ist mit ihrer brasilianischen Partnerin zurückgekommen. Weil sie danach sucht, wie sie in dieser Situation mit ihren Angehörigen auskommen kann, hat sie Christian um Besinnungstage gebeten. Eine große Wohnung im fünften und sechsten Stockwerk eines Hauses ohne Aufzug findet nicht leicht einen Abnehmer. Aber dort ist eine lebendige Gemeinschaft entstanden. Solchen beistehen, die nur, ohne provozieren zu wollen, ihrer Wirklichkeit gerecht werden möchten.

Am 9. November, dem Jahrestag der 1938 von Hitler angeordneten Synagogenbrände, versammelt man sich zur Erinnerung an diese Tragödie an einem Denkmal, das an dieses Ereignis und die Verschleppung der Berliner Juden von 1940 bis 1945 erinnert. Drei Jesuiten, unter ihnen der Rektor des Kollegs, evangelische und katholische Freunde, einige Muslime zusammen mit den anwesenden Juden halten inne, etwa drei oder vierhundert, um den Bericht von dem Ereignis zu hören sowie das Ge-


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bet und die Erläuterung eines Rabbiners, der als Kind dem Massaker entkommen ist; und es erklingen Lieder aus der Zeit der Verbannung der spanischen Juden im 16. Jahrhundert. „Wo ist Gott in dieser Tragödie?“, fragt er. „Gott ist dort, wo jemand weint, hat eine Frau in der Shoah zu ihrem Kind gesagt, das dann entkommen ist“, fährt er fort.

An diesem Sonntag des Ramadan hat ein deutscher Imam, der eine Gruppe von Muslimen deutscher Herkunft begleitet, für das Fastenbrechen seine Freunde aus verschiedenen Religionen eingeladen. Mit ihnen betet er jeden Monat an einem bekannten Platz in Berlin um den Frieden. Zuerst eine Gebetszeit, danach das gemeinsame Mahl; und wir erzählen, wer wir sind. Es gibt einen Pastor aus dem Osten der Stadt („Wir sind aus der kommunistischen Sklaverei befreit worden, um danach in die des Geldes zu verfallen“, wird er sagen) und jemanden aus der hinduistischen Religion und zwei Jesuiten.

Da ist auch die katholische Pfarrei, wo die Schwestern von Mutter Teresa jeden Mittag für etwa hundert Menschen eine warme Mahlzeit bereiten. Im Winter finden die Leute von der Straße in einem anderen Versammlungssaal der Gemeinde ein Bett für die Nacht. Jeden Mittwoch kommen ganz arme Männer und Frauen zum Gebet in einer Eucharistiefeier zusammen; sie sind von Elend, Drogen, Krankheit gezeichnet. Da gibt es einen Arbeitslosen, der seine ganze Zeit aufwendet, um die St. Thomas- Kirche zu verschönern, das große protestantische Kirchengebäude, Ort der Erinnerungen, der Ausstellungen und des Lebens.

Schließlich die Begegnung mit den Vietnamesen in Berlin. Diese Anwesenheit für jedermann und jedefrau und besonders für die am meisten Leidenden innerhalb der Gemeinschaft und draußen wird jeden Dienstag Abend in der Naunystraße gefeiert. Eine gemeinsame Mahlzeit versammelt zuerst alle Bewohner des Hauses und einige andere dazu. Danach ist jeder eingeladen, zu erzählen, was er an Wichtigem in dieser Woche erlebt hat. Das geht von der Freude darüber, wieder elektrischen Strom in seiner Wohnung zu haben bis zur Entdekung der Zartheit Gottes; jemand erzählt, was er in Exerzitien auf der Straße erlebt hat; ein anderer berichtet von den Schwierigkeiten mit der städtischen Verwaltung, von Unverständnis und Dummheit, oder von der mit Sorge verbundenen Freude, endlich einen Zufluchtsort für die Vietnamesen eröffnen zu können, die in Schwierigkeiten sind. Die Feier der Eucharistie beendet die Begegnung.

Philippe, der in der letzten Woche, aus seiner Wohnung vertrieben, angekommen ist, wird gebeten, sie zu eröffnen. Er schlägt uns vor, miteinander das Vaterunser zu beten. Es wird das Evangelium vorgelesen, diesen Abend ist es das Letzte Gericht nach Matthäus. Danach erneut Gespräch. Ein ganz armer Mann erinnert daran, dass Schafe und Böcke nicht nur Gruppen von Menschen sind, sondern dass es sie auch im Innern eines jeden einzelnen Menschen gibt. Reale Gegenwart Christi, der sich selbst im Brot und im Wein schenkt.

In diesem Augenblick der Wahrheit und des tiefen Menschseins wird das Leben einer Gemeinschaft von Männern und Frauen gefeiert, denen das Leben manchmal hart mitspielt, die sich aber gegenseitig so annehmen, wie sie jeweils in diesem Au-


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genblick ihrer Geschichte sind. Im Herzen dieser Gemeinschaft ist Jesus lebendig wie in den ersten Zeiten der Kirche, Jesus, der heute dazu einlädt, sein Dasein für andere darzustellen, wie er es in seiner Erdenzeit gelebt hat, als ein Mensch, der für jeden anderen da war, für den Kranken, den Behinderten, die Prostituierte, den reichen Zöllner Zachäus, den Gottessucher Nikodemus, die Pharisäer und Rabbinen, die Soldaten und die Witwen, alle Ausgestoßenen und Leidenden, die Ausländer, Samaritaner oder Syrophönizier. Seine Gegenwart war solcherart, dass er den allerwahrsten Sehnsüchten, die jede Person ausmachen, neues Leben schenkte; sie vermittelt das Vertrauen zum Leben, lässt klar sehen und verstehen, richtet auf oder lässt aufstehen, um weiterzugehen und bis zum Ziel des tiefsten Verlangens zu gehen, trotz aller Schwierigkeiten, Leiden und trotz allen Scheiterns: „Dein Glaube hat dich gerettet.“

In der Naunystraße 60 habe ich etwas von der Weise erfahren, wie Jesus heute ist; zumeist in der Zurückhaltung, die Jesus denen auftrug, die von ihm geheilt und wiederaufgerichtet worden sind. Und von dort aus habe ich so viele Orte des Menschseins kennengelernt, meist in der Verborgenheit, aber doch ganz wirklich und in allen Situationen und Umständen dieser anscheinend so reichen Stadt. Diese Weise, Beziehung zu leben, war für mich der Zugang zu dieser Stadt des Gedächtnisses und der Versöhnung. Das jüdische Museum, das Gedächtnismal an die Verschleppung der Juden, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (In der Ruine der Vorhalle einer Kirche, die der Danksagung für den Sieg Preußens über Frankreich dienen sollte, findet sich eine große Christusstatue, die bei der Zerstörung der Kirche kaum in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Diese Statue ist von zwei Kreuzen umgeben, einem, das aus mittelalterlichen Nägeln besteht, die man aus den Ruinen der Kathedrale von Coventry gesammelt hat, welche nach der Bombardierung durch die Nazis abgebrannt ist; das andere stammt aus Russland. Am Fuß der Statue steht auf einem Schild: „Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Alle Freitage findet um 13 Uhr ein Versöhnungsgebet statt, das gleichzeitig hier und in Coventry gebetet wird. Es gibt immer viele Leute in dieser Vorhalle, die an einer der verkehrsreichsten Straßen Berlins liegt, dem Kurfüstendamm. Gegenüber steht eine neue, sehr weite, moderne Kirche. Dort wird viel gebetet. Eine kleine Kapelle birgt die Madonna von Stalingrad – eine Bleistiftzeichnung aus der Belagerung von Stalingrad zu Weihnachten 1942 – und die Ikone der Muttergottes, die der Bischof von Wolgograd (dem einstigen Stalingrad) geschickt hat.), das Museum des Check-Point Charlie, gewaltige Kunstwerke, der Reichstag, Stücke der Mauer, die Gedächtnisfeier am 9. November, von der ich oben gesprochen habe (und in der der Mauerfall, dessen Jahrestag auf dasselbe Datum fällt, nicht erwähnt worden ist) und viele Veröffentlichungen erinnern in großer Schlichtheit an die Leiden dieser Stadt, ihren Willen, den Frieden aufzubauen, ihre Bemühung um Versöhnung. In Berlin habe ich manchmal geträumt.

Die Feier des Dienstag Abend versammelte ungefähr zehn Leute in einer schlichten und wahren Verbundenheit mit dem Geheimnis des gestorbenen und auferstandenen Jesus. In der Einfachheit und Wahrheit dieser Feier offenbart sich Jesus als der lebendige Christus und Herr, der „alle verstreuten Kinder Gottes in eins versammelt“ (Joh 11,52). Sollte dieser Geist nicht jeden Got-


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tesdienst bestimmen? Eine Versammlung von Männern und Frauen, die Jesus begeistert hat, die ihn als Christus und Herr anerkennen, sich freuen, zusammen zu sein, um sein Wort zu hören, die Eucharistie zu feiern und von ihm ausgesandt zu werden. In seiner Kathedrale redete der Bischof von Berlin in fast vertraulicher Weise mit der Versammlung, bevor er den Religionslehrerinnen und -lehrern, die in den Ruhestand gingen, dankte und neue aussandte, die er alle in den Chorraum bat. Es war, als sei man auf gutem Weg; aber wie steif sind sonst noch viele, die am Altar standen.

Jedenfalls ist die Naunystraße 60 in Kreuzberg ein Ort der Hoffnung. Er erinnert daran, dass es noch viele weitere solche Orte gibt. Er erinnert daran, dass der Geist in jedem wahren Bemühen, Verbindungen zwischen Menschen zu knüpfen, am Werk ist. Die Bemühung, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit zu schaffen, braucht manchmal auch öffentliche und starke Aktionen, wie es in der Vergangenheit notwendig war und man es noch heute in dem öffentlichen interreligiösen Gebet um den Frieden am Gendarmenmarkt sieht oder in dem Gebet für die Gefangenen vor den Gefängnissen sehen kann. Im Glauben an den Menschen und in der wahren Liebe zu allen erkennt man, ihnen zugrundeliegend, das Werk des Geistes. Es war wunderbar, dies entdecken und sich davon nähren zu dürfen.

(Nach einem Besuch in Berlin 6. – 11. November 2003 in Berlin) Brüssel 18. November 2003

Frank Mohamed

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Die Arbeitergeschwister

Christian Herwartz: Überblick 181
Barbara Terlau: Gemeinsame Wegstrecken 182
Thomas-Dietrich Lehmann: Bekennende Selbsterkenntnis 183
Franz-Roger Reinhard: Wer wird uns den schweren Stein wegwälzen? 184
Jaak Kerkhofs: Pfingsten in Berlin 1998 186
Thomas-Dietrich Lehmann: Kirche und Arbeiterbewegung – zwei Schwestern 186

Christian Herwartz
Überblick

Im Zweiten Weltkrieg sind Menschen aus ganz Europa zur Arbeit in Deutschland gezwungen worden. In dieser schwierigen Zeit durfte kein Priester aus dem Heimatland die Arbeiter und Arbeiterinnen begleiten. Seelsorge war verboten; zuwiderhandelnde Priester wurden nach Dachau ins Konzentrationslager gebracht. Trotzdem meldeten sich französische Theologiestudenten und Priester als Arbeiter nach Deutschland. Sie waren in unterschiedlichen Betrieben beschäftigt und teilten das oft sehr harte Leben ihrer Landsleute, suchten sie in ihren Unterkünften auf, organisierten Hilfe und feierten mit ihnen im Verborgenen Gottesdienst.

Einer von ihnen war Henri Perrin. Seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1943/44 sind auf deutsch unter dem Titel „Tagebuch eines Arbeiterpriesters“ veröffentlicht und von vielen gelesen worden. Wir können ahnen, wie Christen in dieser urchristlichen Situation inmitten der Katastrophe das Geheimnis des Glaubens neu entdeckt haben.

Auch schon vor dem Krieg versuchten in Frankreich Intellektuelle, das Leben der Arbeiter zu teilen, um es besser zu verstehen und um für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Ein Beispiel dafür ist die Philosophin Simone Weil, deren „Fabriktagebuch“ ebenfalls auf Deutsch herausgekommen ist.

Nach dem Krieg wollten einige Priester das Leben als Arbeiter fortsetzen, weil sie so denjenigen Menschen näher bleiben konnten, deren Stimmen in der Gesellschaft nicht hoch geschätzt wurden. Sie organisierten sich mit den Kolleginnen und Kollegen in den christlichen Organisationen der jüngeren und älteren Arbeiter und ihren Familien – der CAJ und KAB in gewissem Sinn vergleichbar -, in den Gewerkschaften und den dazugehörigen Parteien, nämlich vor allem der sozialistischen und der kommunistischen.

Da bekamen einige der christlichen Arbeitgeber und Verantwortliche in der Kirche Angst, dass diese Priester kommunistische Agitatoren würden und nicht mehr das Evangelium so verkünden, wie sie es gewohnt waren. Die Lebenssituation verändert ja immer das Hören auf die Frohe Botschaft Gottes und läßt in ihr Neues entdecken Der Ruf nach Gerechtigkeit wird entschiedener und die Anwesenheit des Heiligen Geistes wird im Alltag unter vielen Namen deutlicher erfahren. – 1953 wurde dieser Weg der Arbeiterpriester vom Papst weitgehend verboten.

Doch die ermutigenden Erfahrungen waren nicht mehr beiseite zu schieben. Viele Ordensleute und andere Menschen waren ähnliche Wege gegangen und hatten ihren Glauben und ihre soziale Verantwortung neu entdeckt. Manche Priester arbeiteten weiter in der Industrie oder anderswo; viele unterstützten die Aufhebeung des päpstlichen Verbotes. Es wurde immer deutlicher, wie sehr das eigene Land ein Missionsgebiet ist, wo es menschliche Werte unter den „Kirchenfernen“ zu entdecken und zu achten gibt. Die Solidarität im menschlichen Suchen war als einigendes Band zwischen allen Menschen entdeckt.

Während des II. Vatikanischen Konzils wurde 1966 das Verbot aufgehoben und hunderte von Priestern nahmen mit Zustimmung ihrer Bischöfe und Ordensoberen eine


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manuelle Arbeit ganztags auf. Dazu kamen viele, die halbtags arbeiten gingen. Einer von ihnen wurde zum Bischof geweiht. Mindestens 800 Priester haben in Frankreich einen solchen Schritt getan. Eine ähnliche Entwicklung gab es in Spanien, Italien und Belgien. Viele Ordensschwestern und andere engagierte Menschen gingen ähnliche Wege.

Heute sind die meisten dieser Priester mit ihren Kolleginnen und Kollegen auf Rente. Jüngere gehen diesen Weg der Inkulturation unter den von der Gesellschaft beiseitegeschobenen und abgeschriebenen Menschen an unterschiedlichen Orten weiter, indem sie ihr Leben mit ihnen teilen. Weil sich in den letzten vierzig Jahren die Arbeitsplätze, die Rolle der Gewerkschaft und der Kirche geändert haben, mußten Jüngere oft neue Wege gehen. Aber es bleibt wichtig, jede Überheblichkeit, jeden Paternalismus abzulegen und die Gleichheit mit allen Menschen zu suchen, um so der Menschwerdung Gottes unter uns nachzugehen und sich auf den Weg Jesu einzulassen.

Auch in Deutschland haben einige aus religiösen und sozialen Gründen ihren gesellschaftlichen und kulturellen Standort verlassen und eine manuelle Arbeit aufgenommen. Sie treffen sich seit fast 30 Jahren zweimal jährlich zum Austausch ihrer Erfahrungen. Der Kreis nennt sich Arbeitergeschwister und beherbergt evangelische und katholische Christen, Alleinstehende und Verheiratete, Priester und Ordensleute. Was sehen wir auf Grund unserer Erfahrungen neu in der Gesellschaft, in der Kirche und wie ändert sich unser Engagement? Das sind Grundfragen des Austausches dieser etwa 50 Menschen aus Deutschland und der Schweiz. Das Erzählen, Nachfragen und gemeinsame Feiern der Geheimnisse des Glaubens sind für alle wichtig zur Stärkung auf dem eingeschlagenen Weg, aber auch um sich Gott immer neu anzuvertrauen, jede und jeden dorthin weiterzuführen, wohin Gott vorausgeht und uns ruft.

Veröffentlicht in „19“ – Jugendzeitschrift der Steyler Missionare 12/2000

 

Barbara Terlau
Gemeinsame Wegstrecken

Begegnet bin ich Euch – Franz, Hans, Michael und Dir, Christian – zum ersten Mal bei einem damals noch so genannten „Arbeiterpriester-Treffen“ in Mainz. Ich glaube, es war so 1982. Ich weiß noch so wie heute, bei dem Treffen war ich die einzige Frau in dem Kreis. Mir war zunächst sehr sehr komisch zumute, doch Ihr ermutigtet mich, dabei zu bleiben, und sagtet, dass auch einige der Kleinen Schwestern Jesu zu Eurem Kreis gehörten. Ich ließ mich darauf ein. Andrerseits fühlte ich mich total geehrt in diesen Kreis der „Erfahrenen Arbeiterpriester“ aufgenommen zu sein! Ich „Unerfahrene“ hatte gerade so meine ersten Schritte in die „Arbeiterwelt“ gemacht. Vieles war neu für mich. Wie konnte ich es alles unter einen Hut kriegen: Auseinandersetzungen mit der – Institution Kirche – Politik /Arbeitswelt – und Mitglied einer Ordensgemeinschaft zu sein. Ging das ALLES?

Dass das alles möglich war, habt Ihr mir überzeugend vorgelebt und mich in schwie-


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rigen Zeiten immer wieder geschwisterlich zu diesem Risiko ermutigt mit dem Satz: „Bete doch einfach um die Gnade, dieses Risiko leben zu dürfen“.. Jahre danach habe ich Euch in der Naunynstraße besucht. Zu erleben, was Euch Kommunitätsleben bedeutet, hat mich überzeugt, dass in Euch die Gnade Gottes nicht unwirksam geblieben ist. Dass ihr Euch zu immer neuen Risiken herausfordern lasst, ist Ermutigung für mich, mein Leben MIT DENEN, DIE IM DUNKELN SIND UND DIE MAN NICHT SIEHT, ZU TEILEN..

Ich bin dankbar, dass es Euch gibt!! Und dass es immer mal wieder gemeinsame Wegstrecken auf unserem Pilgerweg gibt.

London 8. Februar 2003

 

Thomas-Dietrich Lehmann
Bekennende Selbsterkenntnis

Als Angehöriger der Mittelschicht habe ich nicht den Blick oder auch nur das Gefühl dafür, was es heißt, sich schinden zu müssen. Sich krumm zu machen für das Nötigste zum Überleben, bis die Knochen nicht mehr können oder wollen. Bestenfalls diffus erscheint mir, was „dort“, in dieser Welt, tagfürtag erfahren wird. Daher:

Erst, wenn „das“ der Glaube einzuschätzen und auszudrücken vermag, gelingt der Brückenschlag befreiender Liebe auf fremdes Gebiet. Ich bleibe solange dieser Herausforderung verbunden, bis Herz und Sinne, Hand und Mund in der Lage sind, sich in dieser (!) Welt verständlich zu machen, sich angemessen auszudrücken, inmitten aller menschengemachten Erniedrigung des Lebens. Bis der liebende Glaube auszusprechen gelernt hat, was nötig ist, gesagt zu werden. Bis die liebende Hand anzupacken gelernt hat, was nötig ist bekämpft zu werden. Was aber, wenn ich auf diesem Weg und durch „dort“ gemachte Erfahrungen nicht mehr zurückkehren will – dahin, wo ich hergekommen bin?
Fürbitte

Für alle,
die sich auf Arbeit krumm machen müssen,
um das Nötigste herauszuholen,
für sich selber, ihre Kinder, ihre Familie.

Für alle,
denen das Nötigste verweigert wird,
weil man(n) sie nicht arbeiten lässt,
zu alt, nicht gesund genug, nicht flexibel einsetzbar, im Sozialplan als ausgespuckt
und abgelagert.

Für alle,
die sich, – von denen die mehr als genug haben -,
sagen lassen müssen,
sie sollten auf das Nötigste verzichten.
Auf dass ihnen Recht widerfahre,


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auf dass sie sich ihre Würde bewahren oder zurückerkämpfen.
Auf dass sie von Deiner Gerechtigkeit berührt werden!

Berlin 31. März 2004

 

Franz-Roger Reinhard
Wer wird uns den schweren Stein wegwälzen?

In Gedanken bin ich euch – Freunde auf den Wegen des Friedens – ganz nahe an diesem Ostermontag vor der Friedenskapelle auf dem Baumberg. Es ist nicht zuletzt dieser Ort und dieser Tag, an dem ich meine Friedenssehnsucht mit euch teilen kann. Ich weiss, wieviel Kraft von hier ausgeht.

Die Oster-Weg-geschichte vom Gang nach Emmaus (wer sie nicht kennen sollte, der soll sie sich von seiner Nachbarin erzählen lassen…) läßt etwas von dem erkennen, was sich hier und vermutlich auch unter euch ereignet: Sich auf den Weg machen, sich anschliessen, ins Gespräch kommen über das, was uns bedrückt. Und beim Zuhören auf andere Gedanken, zu einem anderen Blickwinkel auf die Ereignisse und schliesslich zu notwendigen Entschlüssen kommen.

Ich bin hier täglich mit Menschen zusammen, die unter den schlechten Lebensbedingungen leiden und schier verzweifeln. Seit der gezielten Tötung von Scheich Jassin im Auftrag der israelischen Regierung hat die Einschränkung der Bewegungsfreiheit für die palästinesische Bevölkerung in meinem unmittelbaren Umkreis erheblich zugenommen. Der Weg zum Frieden hierzulande scheint durch riesige Felsbrocken und hohe Betonmauern versperrt. Da drängt sich die Frage vom Ostermorgen auf: „Wer wird uns diesen schweren Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“ Tatsächlich fühlen sich viele Menschen in Palästina durch den Bau der Trennungsmauer eingesperrt, lebendig begraben, weil von der lebensnotwendigen Versorgung abgschnitten.“ Man erlaubt uns nicht einmal zu sterben,“ sagte mir ein Mann aus dem Ort, in dem ich für drei Monate lebe. „Der Friedhof liegt auf der anderen Seite der Mauer.“

Beim Aufschauen sehen die niedergeschlagenen Frauen, dass der Stein schon hinweggewälzt ist! Nicht weglaufen vor den grossen Schwierigkeiten; Hinschauen, zusammen Gehen kann verändern, vieles verrücken. Wir können heute unsere Hoffnung zusammenbringen und teilen. Dabei sollten wir uns nicht mit billigen Versprechen der Machthabenden austrixen oder ablenken lassen. Ich wünsche uns jene im Glauben an Frieden und Gerechtigkeit gegründete Hoffnung, die stärker ist als Dynamit, und deren Wurzeln jede Mauer unterlaufen und baufällig werden lassen….

Liebe Freunde, ich sehe hier mitten im Kampfgetümmel und zwischen aller Konfusion kleine Inseln eines neuen Bewußtseins auftauchen, verkörpert in einzelnen friedfertigen Menschen. Und die Inseln sehe ich aufeinander zutreiben. Eines Tages bilden sie ein begehbares Festland, auf der eine erneuerte Menschheit Fuss fassen kann…(Roger, der Träumer…!)


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Jetzt freue ich mich auf unser baldiges Wiedersehen. Ich bedanke mich bei allen, die mich mit ihren guten Wünschen begleiten.

Franz-Roger Reinhard, Straßenkinder

Die „Straßenkinder“ von Sawhreh
Eine Meditation über Wege des Friedens

Ich bin oft über sie hinweggegangen. Ich habe sie lange übersehen. So wie die meisten Menschen auf der Hauptstrasse in Sawahreh. Hunderte von ihnen sind hinausgeworfen, achtlos weggeworfen worden, nicht mehr zur Kenntnis genommen. Sie liegen wertlos im Staub der Strasse. Sie sind unter die Räder des lauten Verkehrs geraten, tausendmal überfahren und mit Füssen getreten.

Bis ich sie gesehen habe im Vorübergehen. Bis sie mich eines Tages angeschaut, sich mir gezeigt haben. Jetzt kann ich sie nicht länger übersehen. Ich schaue sie an und nehme sie wahr. Und es wird mir leicht, sie aufzuheben, sie in meine Hände zu nehmen. Während ich sie vom gröbsten Dreck befreie, offenbart sich mir ihre verborgene Schönheit. Oder genauer: ich entdecke Schönes in mir.

Ich erkenne Gesichter in den Findlingen, und schon werde ich selbst mit Anerkennung beschenkt. Ich gebe ihnen Namen, und schon erhält mein Name einen anderen Klang. Ich nehme die Kinder von der Strasse in mein Haus auf und stelle sie meinen Freunden vor. Und siehe, sie erhalten öffentliche Anerkennung. Ich lasse zu, dass sie als kleine Wunder bestaunt werden. Und wir befinden uns in einer bunten und fröhlichen Gesellschaft wieder.

Während ich neues Leben wecke, erfahre ich meine Lebendigkeit neu. All das kann ich erleben mit wenig Aufwand: ohne Hobbywerkstatt und ohne Mitglied in einer Organisation zu sein. Achtsam und Gewahrsam sein kann so etwas. Mitfühlen, Hinschauen. Bunte Fantasie statt Schwarz-Weiß-Sehen. Und etwas entschieden in die Hand nehmen.

Meine Straßenkinder von Sawahreh schenken mir einen neuen Zugang zu meinen inneren Kraftquellen auf meinen Wegen des Friedens in der Welt. Was ich den Kindern und den Menschen im friedlosen Palästina und Israel wünsche: Dass sie gesehen und anerkannt werden, dass


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sie sich gegenseitig anerkennen. Und den darauf gründenden gerechten Frieden für alle.

Von Herzen gerne teile ich diese Gedanken mit den Kindern und Familien in Sawahreh und den Freiwilligen vom EAPPI.

Sawahreh in Palästina Ostern 2004

 

Jaak Kerkhofs
Pfingsten in Berlin 1998

Die belgischen Arbeiterpriester haben beim internationalen Treffen 1998 eine unvergessliche Erfahrung gewonnen. Ein warmer Empfang, intensive Augenblikke des Austauschs, eine Vielfalt der Lebensumstände in den einfachen Wohnvierteln ergaben einen Erfolg in der Feier des Teilens (Albert und Isolde) und des Engagements im Kampf für mehr Gerechtigkeit. Die Aktualisierung wird heute mit vielen Menschen gefeiert, Frauen und Männern von überall, und auch mit der Gemeinschaft von Kreuzberg.

Der „Berg des Kreuzes“, der Ort, wo das Leben und das Leiden der kleinen Leute an die Oberfläche kommt. Der Ort, wo diese Kommunität verwurzelt ist. Eine Kommunität, welche die Botschaft, die gute Nachricht und die Hoffnung Christi lebt. Christian lebt, zusammen mit den anderen Mitgliedern, diese Option eines gemeinsamen Lebens mit Leib und Seele. 50 % der Einwohner von Berlin leben allein und außerhalb der Strukturen. Wie kann ich die Hoffnung mit diesen Menschen teilen? Aufgrund ihrer dauernden Angst sind sie nicht leicht zu treffen. Sie leben, den Kopf zur Erde gebeugt. Wie können wir ihnen helfen, diese Ängste zum Verschwinden zu bringen, und ihnen helfen, mit erhobenem Haupt zu gehen? In Kreuzberg setzt man sich zusammen, um für das eigene Recht einzutreten, und das gibt möglicherweise Hoffnung. In Kreuzberg steht die Tür offen, wie wir es gesehen haben, und viele Jungen haben sicherlich ihre Angst verloren und finden ein wenig Vertrauen in sich selbst.

Man gibt ihnen die Möglichkeit zu „leben“. Die Mauer ist gefallen, und man stellt fest, dass andere Mauern aufgebaut werden. Aber in Kreuzberg, mit der offenen Tür, dem Glauben in jedem einzelnen, lassen die Herzen Christians und der anderen das Leben explodieren.

Genk/Belgien 2004, Übersetzung: Gerd Büntzly

 

Thomas-Dietrich Lehmann
Kirche und Arbeiterbewegung – zwei Schwestern

Wohin sollen wir schauen an diesem denkwürdigen Wochenende? Nach Osten? Dorthin, von wo nun unsere neuen Brüder und Schwestern kommen, die in die Europäische Union aufgenommen sind?

Oder zur Sonne? Getreu dem Motto des alten Liedes: „Brüder zur Sonne zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor“?


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Beides hat ja viel miteinander zu tun. Es geht um Märkte und es geht um Teilhabe am ersehnten Leben, weg vom nur Überleben. Allerdings heute in einer globalisierten Welt, in der der Reichtum zählt und in der immer mehr Menschen verarmen und auf der Strecke bleiben!

„Brüder zur Sonne…“ oder auch dieses andere Lied mit dem Refrain: „Völker hört die Signale….“

Wenn Sie einmal diese Textzeilen anschauen, hineinschauen in diese Traditionslieder der alten Arbeiterbewegung, – und: soviel christliche Zivilcourage und Souveränität traue ich uns allen hier zu! – dann werden Sie den fast religiösen Gehalt dieser Lieder sofort erspüren: gemeinsam hinaus zu besseren Zeiten, auf dem Wege zum Licht einer lebenswerten Zukunft, die alte und elende Welt muss nicht so bleiben wie sie ist. Das sind doch Signale der Hoffnung allenthalben. Also könnten sie doch eigentlich gut heute diese Lieder singen – die Menschen in den Beitrittsländern zur EU, oder?

Wenn, ja wenn die in diesen Liedern zweifellos genannten Ideale nicht zerstört worden wären, verraten von Diktatur, von Bürokratien, von Machtgelüsten der Apparate – denn von „Brüdern“ sangen sie und den eigenen Vorteil nahmen sie! Ideale übrigens, die das Wirtschaftssystem des freien Marktes nie hatte, denn dort hat von Hause aus immer nur der eigene Vorteil gezählt.

Wohin schauen wir an diesem Wochenende, wenn wir auf unsere Kirche schauen? Auch dort gibt es Traditionslieder und Geschichte. 2000 Jahre alte Geschichte und noch einmal soviel Jahre, auf denen sie fußt. Weitaus länger als die, sagen wir, 200 Jahre, auf die die Arbeiterbewegung zurückschaut. Ebenso gibt es bei uns die Hoffnung, dass sich – schon jetzt! – die Dinge zum besseren wenden mögen. Und ebenso die enttäuschten Hoffnungen durch die ganze Geschichte, die dunklen Zeiten der Intoleranz, der Gewalt und der Korruption in der Kirche! Manchmal denke ich, Kirche und Arbeiterbewegung, das könnten auch zwei Schwestern sein, in vielem ähnlich nur in ihrem Alter sehr weit auseinander. Wer auf das Verhältnis der Kirche zur Arbeiterbewegung blickt, entdeckt viel von kirchlichem Unvermögen von kirchlicher Unwilligkeit in diese Richtung. Unvermögen, ich meine das „nicht verstehen können“. Getrennt von den Lebenswelten der Arbeiterinnen und Arbeiter lebte ja die Mehrheit des Kirchenvolkes, getrennt durch Schichten, Milieus und Klassen.

Unwilligkeit, ich meine das kirchliche „nicht verstehen wollen“. Die Kirche war nicht bereit, den tiefen Graben zu den Arbeitenden zu überspringen. Aber was war mit der offenen Hand, der ausgestreckten Hand Gottes, wie wir sie sonntags besingen, von ihr hören, um sie bitten? Der Welt der Arbeit wurde nur die helfende Hand gereicht, und das auch nur, wenn es gar nicht mehr anders ging und die Not zum Himmel schrie. Die helfende Hand, dann wenn es zu spät war. Niemals die partnerschaftliche Hand. Denn wir sind ja etwas besseres als die unterm Rad. Es gibt eine lange Tradition des Dünkels in unserer Geschichte. Unwissend und überheblich, das sind die dazugehörenden Attribute.


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Liebe Gemeinde, diese Bestandsaufnahme soll Sie jetzt nicht schrecken. Ich empfinde es allerdings so, dass sie benannt gehört am diesem Sonntag „Jubilate“, an dem die Völker jauchzen sollen, einen Tag nach dem 1. Mai. Und sie ist auch nicht neu! Sie begleitet das Leben der Gemeinde Jesu von allem Anfang, gleich nach Ostern. – Nein! Besser muss ich sagen, gleich nach diesem denkwürdigen Pessach in Jerusalem, an dem am Vorabend gekreuzigt wurde auf Golgatha und am Tag danach das Grab leer war.

Und wie wir gleich im Predigttext für den heutigen Sonntag hören werden, gab es Konflikte um die Bedeutung von Kreuz und von leerem Grab. Bei denen, die dabei waren und bei denen, denen davon erzählt wurde. Es gab „Haltungsprobleme“. Was soll man davon halten? Wie hältst du es denn mit dem leeren Grab? Was ist deine Meinung dazu?

In den Gemeinden, an die sich die „Johanneische Schule“ mit Texten und Briefen richtete, war es wohl ziemlich arg. Da meinten welche, dass der Christus sowieso nie ein richtiger Mensch gewesen war. Er soll „ins Fleisch gekommen sein…? – Nein, das glaub ich nicht!“ sagten welche. Und der „Jesus“, der ist uns sowieso egal, wir leben aus dem Christus, dem Gott.

Und diese „Haltung“ hatte Folgen. Wer so dachte und glaubte, war ja selber auch was besseres, dachte es zumindest. Und die Nöte der Welt waren überwunden, Elend und was andere da von „Sünde“ erzählten, das gab es nicht. Wir sind doch gerettet durch Christus, wir sind rein und wir sind von nun an ohne Fehl und Tadel. Mit so einer Haltung gab es natürlich Probleme und Streit mit denen, die das anders sahen. Einer, der es entschieden anders sah, schreibt hier im ersten Johannesbrief. Gleich zu Beginn sagt er etwas über die Verneinung der Sündhaftigkeit. Er schreibt: Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er uns treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.(…) Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, jedoch nicht allein für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. (…) Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat. (1.Joh 1,8.f; 2,1.2.3.6). Klare Worte sind das gegen jedwede Überheblichkeit und gegen jeden Dünkel. Und dann dieser zentrale Abschnitt für heute morgen, der sich mit dem lebendigen Jesus und mit uns als Gemeinde befasst:

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. (1.Joh.5,1-4) Ohne Jesus kein Christus! Was wir hier hören, ist das Bekenntnis zu Jesus, dem Men-


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schensohn, zu dem Jesus, der mit-lebte. Und zugleich ist es dadurch das Bekenntnis zur Menschenliebe. Wenn Sie so wollen, wächst aus diesen Versen eine andere, eine neue Haltung für den Glauben hervor. Sie erinnern sich an die anfangs genannten Kirchen-Positionen: Kirche in bezug auf die Arbeiterbewegung, an die Positionen des Nicht-Verstehens-Könnens und Nicht-Verstehens-Wollens? Was hier ausgesprochen wird, ist nun ein „Verstehens-Sollen“ für unseren Glauben. Und anschaulich wird das, so möchte ich hinzufügen, durch das Leben Jesu:

ER „kam“ sehr wohl „ins Fleisch“!

ER wusste sehr wohl um die geschundene Welt und um das Krumme. ER hat sich deswegen eingemischt ins Leben, und daran erfahren wir seine Liebe. ER hat dadurch die Welt verändert! Neues ist geschaffen, das alte ist vergangen. Und für die Gemeinden, für einen jeden hat diese Einmischung Folgen: Glauben heißt demnach, die Veränderung zu wollen. Glauben heißt die alte Welt zu überwinden, das meint das „siegen“ im letzten Vers. Es liegt für mich darin ein ganz starkes Signal der Hoffnung, wenn ich diese Zeilen lese.

Zurück ins heute. An diesem Wochenende des 1.Mai und der EU-Erweiterung, ist so eine Aussage über unseren Glauben doch wohl frohe Botschaft? Die Kraft des Glaubens kann auch heute die Welt verändern!! Und dass wir Gottes Kinder, die Mitgeschöpfe dieser Erde, lieben sollen nach den Geboten unseres Glaubens, das führt zu Einladungen, die am Schluss genannt sein sollen:

Unsere Glaubenshaltung sei eine gesprächsbereite, in der und für die Welt! Unser Glaube mache uns selbstbewusst und fähig, um Bündnisse zu schließen in der Welt, – für ihre Veränderung zum besseren!

Wir dürfen uns hinwenden, auch zu den Kirchenfernen, ja zu den Andersdenkenden. Denn dieser Satz von Rosa Luxemburg über die Andersdenkenden – warum zitieren wir ihn eigentlich nur, wenn es nicht uns betrifft? -, dieser Satz hat doch genauso Berechtigung in unserer Kirche! Schließlich und ausdrücklich heute betont, dürfen wir uns hinwenden, neugierig vielleicht, zu denen die eine ganz andere Sprache in ihrem Alltag sprechen.

Das ist die Botschaft, die ich aus den Versen des Johannesbriefes heraushöre. Wir sind eingeladen und werden ermutigt, Anteil zu nehmen an der Welt, ja auch an ihren Kämpfen, um sie zu befreien!!

Am Schluss noch einmal der Verfasser des Johannesbriefes, wie es seinen Brief beendet: Wir wissen.., wer von Gott geboren ist, den bewahrt er, und der Böse tastet ihn nicht an.

Wir wissen, dass wir von Gott sind, und die ganze Welt liegt im argen. Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns den Sinn dafür gegeben hat, dass wir den Wahrhaftigen erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Kinder, hütet euch vor den Götzen! (1.Joh. 5, 19.-21)

Berlin 1. Mai 2004, Predigt, Kapelle der Versöhnung, 1.Joh. 5, 1-4


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Fabrikarbeit

Georg Hummler: Feierabend-Ritual – Unbewußte Liturgie des „Kleinen Mannes“ im Arbeitsalltag 190
Ludger Joos: „Industrieexperiment“ Kreuzberg 1997 192
Johannes Brückmann: Wenn doch diese Müdigkeit nicht wäre! 193
Knut Stärcke: Ein Arbeitskollege 194
Manfred Kraemer: Schützende Öffentlichkeit 195
Marcel Zimmermann: Humorvolles Souvenir 196
Christian Herwartz: Wie und mit welchen Menschen lebst du zusammen? 196

Georg Hummler
Feierabend-Ritual
Unbewußte Liturgie des „Kleinen Mannes“ im Arbeitsalltag

Nonverbales
Verhalten
Verbales Verhalten Liturgische
Kategorie
Gang in die Wasch-
und Umkleideräume
im UG
„Na, Kollege, Wochenende schon vorbei?!“
(Beliebter Spruch vor Feierabend)
Introitus
Beim Ablegen der verschmutzten und verschwitzten Arbeitskleidung
  • „Diese Scheiß-Lieferfristen! Das gibt einen Streß, da vergeht einem jede Lust am Arbeiten!“
  • „Diese Idioten von der Lakierabteilung, kriechen dem Betriebsleiter („Schröder“) in den Arsch, indem sie uns Kollegen schlecht machen!“
  • „Und diese Scheiß-Überstunden. Zu wenig Zeit für meine Braut. Naja, man muß ja froh sein, wenn es bei uns gut läuft. Aber den arbeitslosen Kollegen gegenüber ist das eine Sauerei!“
Kyrie
Unter der Dusche
singen und grölen
„Oh, wie ist das herrlich! Oh wie ist das schön! Heut abend wird dann meine Braut mir an die ……. gehn!“ Gloria
Nach dem Ankleiden sitzen die Kollegen vor dem Kleiderspind und lesen aus der Bildzeitung vor. „Hausbesetzung in Dahlem.“
„Studenten streiken für mehr BAFöG.“
„Hertha kauft Bayern-Spieler für 5 Millionen.“
„SPD-Bau-Senator bestochen.“
Evangelium
Geben ihre Kommentare zu den BZ-Überschriften, stehen auf, um die Bedeutung ihrer Aussagen zu unterstreichen. (mit Blick auf mich:) „Na, da sehn wir mal
wieder, wer dem Vater Staat auf der Tasche sitzt: die Studenten.“
Ich stelle richtig, daß mein BAFöG als Volldarlehen läuft, ich also alles zurückzahlen muß.
Der Kollege im Scherz: „Der Herr Student hat ja Ideale! Erst mal arbeiten! Und wem das nicht paßt, der kann ja rüber zu unserem Freund Erich (Honecker)!.“
Praedicatio
Man wartet aufeinander, bis alle geduscht und umgekleidet sind. „Ich glaub nicht, daß die CDU die Interessen von uns Arbeitern unterstützt.“
„Ja, der Willi, der Willi Brandt, das ist der einzig wahre Sohn unserer Stadt Berlin, der Enkel von Rosa Luxemburg und Paul Liebknecht. Der Willi hat den Geist der Sozialdemokratie im Herzen…“
„Ich glaub an die Gewerkschaft. Die lassen uns nicht hängen, die garantieren uns unsere Arbeitnehmerrechte.“
Credo

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Beim Verlassen der Kellerräume, unterwegs zur Stechuhr * „Oh, ich komm mir so blöde vor, wenn ich bei Schröder um Vorschuß betteln muß – der Unterhalt für meine Ex und meine Gören!
Denkt an mich!“
* „Die wollen mich nach Westdeutschland verlagern. Dabei hab ick mir doch erst vor zwei Monaten ne neue Braut anjelacht… Nachher gehich zum Chef.
Denkt an mich!“
* „Die in der Verwaltung wollen sich vom alten Eisen trennen. Ick bin jetzt 55, brauch aber dringend noch die Kohle. Meine Tochter ist ihr Alter abgehauen, jetzt hockt sie allein da mit meinen drei Enkeln. Da läuft ohne Zuschuß vom Opa nix.
Denkt an mich!“
Oratio
Aus allen Abteilungen kommen die Arbeiter in Freizeitkleidung mit ihren Taschen Immer mehr verstummendes Zusammenströmen vor dem Hochaltar des Arbeiters im Betrieb, der Stechuhr. Offertorium
Einige halten die beklemmende Stille nicht mehr aus „So ’ne Stechuhr ist doch ’ne tolle Erfindung. Die schenkt uns jeden Abend ein neues Leben!“ Sanktus
Einige werden ungeduldig „Hab doch Erbarmen mit uns: Erlös‘ uns doch mal gleich, Stechuhr!“ Agnus Dei
In der Eingangshalle vor dem metallenen rechteckigen Kasten der Stechuhr mit Ziffernblatt: Absolute Totenstille. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Niemand sagt ein Wort. Alle Blicke richten sich unbeirrt und voller gespannter Aufmerksamkeit auf den Zeiger der Stechuhr. Stille Anbetung des
Allerheiligsten
Der Zeiger klickt auf die volle Stunde Alle zücken ihre kleine gelbliche Stechkarte und treten in Reih und Glied zu der Stechuhr, stecken ihre Karte in den Kasten, der spuckt sie wieder mit dem erlösenden Stempel aus, die Kollegen nehmen sie in Empfang und gehen weg. Communio
Verabschiedung mit guten Wünschen „Erfolgreiche Nachtschicht!“ (macht obzöne Gesten)
„Erhol dich noch gut in der Kneipe, daß Deine Alte heut abend auch noch auf ihre Kosten kommt.“ (wie oben)
Benedictio und
Abkündigungen

Georg Hummler hat im Sommer 1985 bei uns ein Praktikum gemacht und bei der Firma Reese, Beekowdamm gearbeitet. Der Text stammt aus dieser Zeit.


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Ludger Joos
„Industrieexperiment“ Kreuzberg 1997

Draußen war es noch dunkel als ich den kargen Raum der Arbeitsvermittlung betrat. Er war bereits gefüllt mit wartenden Männern. Kaum einer sprach ein Wort. Gelangweilt drehten sie sich Zigaretten und saßen auf den Bänken des Warteraumes herum. Ein einziger Schalter war geöffnet, davor stand eine Schlange. Ein paar Sätze in gebrochenem Deutsch. Ausweise wurden hervorgekramt. Doch dann wieder herumstehen und warten bis endlich einer kommt, der Leute gebrauchen kann. Es ging kaum voran. Die Sonne schien sich schneller zu bewegen. Es wurde hell, bald sogar richtig warm. Nur wenigen konnte eine Arbeit vermittelt werden.

Einmal wurde in den Raum gerufen, ob einer bei einem Umzug helfen wollte. Bevor ich noch reagieren konnte, hatten sich schon zwei andere gemeldet. Schließlich wurde es später Vormittag. Die, die jetzt noch da waren, hatten kaum Hoffnung, heute noch etwas Vernünftiges zu verdienen. Schließlich warf ich das Handtuch.

Schöner Einstieg in das Berliner Arbeitsleben! Ich war ein paar Tage zuvor extra vom Nürnberger Jesuitennoviziat nach Berlin gekommen, um die Arbeitswelt der Kleinverdiener kennen zu lernen. Bis auf einen Job im Supermarkt während meiner Schulzeit hatte ich kaum Kontakt mit dieser Welt. Nach dem Abitur und der Bundeswehr war ich für Jahre in das Universitätsleben eingetaucht. Ich war daran gewöhnt, meine Zeit gut einzuteilen. Nur mit einem hohen Grad an Zeitmanagement waren meine Ehrenämter in der Jugendarbeit und meine anderen Freizeitpläne mit den Anforderungen der Uni unter einen Hut zu bekommen. Auch im Noviziat war mein Tag gut strukturiert, damit ich all das schaffen konnte, was ich mir vorgenommen hatte. Und jetzt sollte ich meine teuere Zeit damit verbringen, mich mit anderen Arbeitssuchenden in diesem Wartesaal tot zu langweilen? Ich war erleichtert, als ich mich draußen auf mein Rad schwingen konnte, um in die Naunynstraße zurück zu radeln. Gleichzeitig war ich natürlich enttäuscht: Ich sollte mir eine Arbeit suchen und bin kläglich gescheitert. Ich hatte alles annehmen wollen. Aber bereits das Warten, das Herumsitzen in der Arbeitsvermittlung hatte mich völlig entmutigt.

Die erste Erfahrung im Wartesaal warf mich auf mich selbst zurück: Ich entdeckte, wie sehr ich in eigenen Nutzenkalkülen gefangen war. Gleichzeitig wurde mir sehr deutlich, wie verwöhnt ich war mit Sinn. Jede Stunde, ja jede Minute meines Lebens hatte ihren Wert, weil ich immer irgendetwas Sinnvolles machen konnte, mich weiterbildete, anderen half oder einfach nur etwas Schönes erlebte. Die Erfahrung dieses scheinbar sinnlosen Wartens überforderte mich. Ich musste fliehen.

Mit dieser Flucht begann mein sogenanntes „Industrieexperiment“ bei Christian und Franz in Kreuzberg. Später fand ich Arbeit bei einer Zeitarbeitsvermittlung und konnte tatsächlich drei Wochen lang die Schichtarbeit in einer Spritzgussfabrik kennen lernen. Materiell hat sich das kaum gelohnt. Aber mein Bedürfnis, die Zeit sinnvoll zu verbringen, wurde gestillt. Wenn ich frühmorgens oder nachmittags nach Hause kam, folgten viele Begegnungen in der kleinen Hausgemeinschaft. Viele gute Gespräche, aber auch manche Konflikte. Ich fange gar nicht an zu beschreiben, was es alles in der Naunynstraße 60 für mich zu entdecken gab. Ähnlich wie die Erfahrung des Wartens auf Arbeit warf mich die Begegnung mit diesen fremdartigen Le-


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bensentwürfen oft auf mich selbst zurück. Christian hatte dafür ein schönes Wort geprägt: Menschen, die uns fremd und unverständlich erscheinen, können uns zu Lehrerinnen und Lehrern des Lebens werden. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich dieses Geheimnis begriff.

Inzwischen bin ich wieder ganz in die Welt der Wohlstandsbürger und Bürgerkinder zurückgekehrt. Ich arbeite in einem Jugendverband vornehmlich mit Gymnasiasten. Aber auch hier kann ich Lehrerinnen und Lehrer des Lebens finden. Danke den Lehrerinnen und Lehrern, die mir in jenen Kreuzberger Wochen halfen, meinen Horizont aufzubrechen, – hoffentlich nicht ganz vergebens.

Augsburg 2003

 

Johannes Brückmann
Wenn doch diese Müdigkeit nicht wäre!

Wenn ich morgens aufstehe, bin ich müde. Jetzt bin ich Rentner. Ich brauche nicht mehr, wie früher auf Arbeit, um 4.45 Uhr aufzustehen – das war jeden Morgen neu eine schwere Überwindung! Nein, jetzt ist es schon 7.00 Uhr oder noch ein bisschen später, wenn ich den Freizeitanzug anziehe und vor die Tür gehe, wie das Wetter ist.

Aber ich fühle mich schlapp und kaputt. Dabei habe ich einigermaßen gut geschlafen. Meine Frau schnarcht ja ab und zu – dafür störe ich sie durch Knirschen, was trotz der Aufbißschiene funktioniert.

Es ist wohl der Kreislauf. Oder das Wetter, das bestimmt: dieser trübe Nebel, die Feuchte, Nässe überall. (War es im Sommer eigentlich besser?) Dann mache ich Frühstück. Ja, das ist mein kleiner Beitrag zum Haushalt: Meine Frau geht lieber erst ins Bad, also haben wir diese Aufteilung vereinbart. Nach dem Frühstück setze ich mich in den bequemen Stuhlsessel – was muß ich heute unbedingt tun? Noch habe ich Verpflichtungen von „außen“ her, über das hinaus, was in Haus, Hof und Garten so zu tun ist, oder mein Hobby ist, wie Briefmarken.

Dabei habe ich nicht die geringste Lust, den Computer anzuschalten, Schreiben zu machen oder einen Beitrag zu entwerfen. Ich bin einfach zu müde, einen Gedanken zu fassen, mich zu konzentrieren. Der Schwung fehlt. Keine Lust, zu nichts. Es ist sicher nicht nur der Kreislauf, der mir zu schaffen macht, nun 67 Jahre alt. Es sitzt tiefer: diese Enttäuschungen, Verwundungen, Niederlagen, die man im Leben erfährt. Die machen einen müde.

Da ist diese kapitalistische Gesellschaftsordnung über uns gekommen, vor 12 Jahren, und macht dich fertig. „Freiheit“ und womöglich „Gerechtigkeit“ soll sie bringen – aber du erfährst eher nur das Gegenteil: Kampf aller gegen alle, Egoismus als Ideologie, Vereinzelung, Arbeitslosisgkeit, Geld-diktat. Und die Sieger haben natürlich Recht – also haben wir uns zu entschuldigen, dass wir die DDR hatten und (womöglich noch gern) DDR-Bürger waren! Deshalb muß alles vernichtet werden, madig und kaputt gemacht werden, was wir hatten. Meine Würde und meinen Stolz will man mir nehmen. Dass ich ein interessantes, reiches, manchmal sogar glückliches


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Leben hatte, soll nicht wahr sein. Am besten, man bückt sich tief und sagt: „Ja, Sahib!“ Da ist diese bürgerlich- idealistische Kirche über uns gekommen, vor so ähnlich langer Zeit, und macht uns Christen in der DDR fertig: Vom Staat abgebuchte Kirchensteuer (statt von Gemeinde-gliedern straßenweise eingesammeltem Kirchgeld), Religionsunterricht an den Schulen (statt Christenlehrestunden im Gemeinderaum mit Katechetinnen), Militärseelsorgevertrag (statt Verweigerung des Wehrdienstes als besserem christlichem Zeugnis), nach BAT hochbezahlte Pfarrer (statt Pfarrer mit einem so niedrigen Einkommen, dass meine Arbeitskollegen mich als „armes Schwein“ ausmachten), Wiederaufbau von Gebäuden mit Millionen (die dann leer stehen!), dafür Kürzung von Stellen, Vergrößerung der Pfarrdienstbereiche usw. usf.

Da habe ich die letzte Lust verloren, hinzugehen – am liebsten wäre ich (wenn das nicht so mißverständlich wäre) ausgetreten. Das ist allenfalls Kirchenbetrieb, aber nicht die Gemeinschaft der Glaubenden bei der Nachfolge Jesu. Und da ist dann im Familienbereich (dem 3. wesentlichen Bereich menschlichen Lebens) ja auch genug kaputt gegangen: In der Erziehung der Kinder und der eigenen Ehe. Trotz allem Bemühen, trotz Einsatz und Zuwendung – eben Ehescheidung, Scheitern. Das macht einen müde, auch wenn man einen neuen Versuch starten konnte.

Du siehst die eigenen Fehler nun so deutlich wie noch nie, und die deiner Kinder natürlich auch. Und kannst so wenig machen! Freunde sind auch kaum da, die auf der gleichen Wellenlänge liegen – so bist du eigentlich fast allein auf der Welt. Das also ist das Dilemma, in dem ich stecke. Warum ich oft so müde bin und verzagt, und mir manchmal gewünscht hätte, einfach tot zu sein. Wo ist da das Evangelium?

Altenrode 2003, Arbeiterpfarrer in der DDR

 

Knut Stärcke
Ein Arbeitskollege

Ich habe die Kommunität über Christian kennengelernt, der auch bei Siemens arbeitete.

Als ich Christian traf,
war ich gescheiterter Kommunist (Trotzkist),
psychisch krank,
verheiratet mit Karin, zwei Kinder,
Sozialist im Herzen und evangelischer Christ.

Bei unserem ersten Zusammentreffen
(Vorbereitung eines Katholikentages)
ging es um das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

Dieses für mich schönste und sozialistische Gleichnis habe ich auch im Leben der Kommunität wiedergefunden.

Berlin 2002


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Manfred Kraemer
Schützende Öffentlichkeit

In dem Jahresband der Gustav-Heinemann-Initiative, Demokratie im 21. Jahrhundert: Mehr Bürgerbeteiligung! (Karlsruhe 2002), habe ich die Teilnehmer/innen der einführenden Podiumsdiskussion, Inge Deutschkron, Frank Bogisch von der GHI, den Polizisten Eckhardt Lazai vom Kick-Projekt, die Psychologin des Pestalozzi- Fröbel-Hauses(PFH) Heidrun Schmidt, die Studierenden des PFH Pelin und Kerstin und eben dich, Christian, vorgestellt.

Zu dir Christian habe ich geschrieben:

„Der Jesuit und Arbeiterpriester Christian Herwartz stellte die Frage: „Welche Öffentlichkeit ist verkraftbar?“ in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Er berichtete von Auseinandersetzungen, die er in seiner dreißigjährigen Tätigkeit als Arbeiter im Industriebetrieb von Siemens, „einem diktatorischen Raum“, erlebt habe und von seinem Engagement für Obdachlose, mit denen er z.T. zusammenwohnt. Bei allem Engagement ist ihm der Humor wichtig. „Wenn du das Lachen vergißt, hast du verloren“. Die kollegiale Begleitung, die ihn nach einer Aktion zum Strafvollzug begleitete, war ihm bedeutende schützende Öffentlichkeit.“

Mir ist oft die Humorlosigkeit der politisch Engagierten auf die Nerven gegangen, meine eigene eingeschlossen. Ja, das halte ich für ein Merkmal von dir, dass du radikales Engagement mit Humor verbindest. Die Wurzel dafür ist deine Spiritualität, die sich nicht verbittern läßt. Du machst damit eine Lebenshaltung deutlich, die „heute noch ein Apfelbäumchen pflanzt, wenn morgen auch die Welt untergehen sollte“ d.h. mit Paulus „hoffen wider die Hoffnung“.

Als Politiklehrer am PFH wollte ich Menschen vorstellen,die nicht nur über Zivilcourage reden, sondern sie in die Wirklichkeit ihres Lebens umgesetzt haben. Da kam mir der Hinweis von Hermann Kügler auf dich gelegen. Zuletzt hast du vor einigen Wochen eure Initiative gegen die Abschiebung von Flüchtlingen vorgestellt und fandest damit bei unseren Studierenden eine sehr gute Resonanz in unserer Auswertung.

Mir war bei meinen Einladungen an dich in das PFH neben dem jeweiligen Thema auch wichtig, dich als katholischen Priester und Jesuiten dabei zu haben. Im Umkreis der meisten Studierenden ist die katholische Kirche ein Relikt der Vergangenheit, ohne Bedeutung für die Zukunft und für ihr Leben. Der zölibatär lebende Ordensmann ist für viele von ihnen außerhalb ihrer Vorstellungswelt, mehr mit Vorurteilen behaftet als konkrete Person. Hier konntest du gewiß einigen den Horizont erweitern. Ich wünsche dir weiterhin, dass du Engagement und Humor verbindenst und damit Menschen anregst, ihre Fremdbilder zu überprüfen und überwinden.

Berlin 2. März 2003


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Marcel Zimmermann
Humorvolles Souvenir

Von der Zeit der Dreherausbildung in Strasbourg (1977) kommt mir öfters dieses humorvolles Souvenir hervor: wie ich dich, Christian als Jesuit unter Arbeitern erfahren habe.

Wir waren schon ein oder zwei Monate im Internat des CFPA zusammen. Nach meiner Erinnerung ist Eric von Haguenau diesen Abend auch mit uns ausgegangen. Du warst verabredet mit einem deiner Kollegen aus Toulouse (Thierry der Krankenpfleger). Wir saßen an einer Café-Terrasse irgendwo in der Stadtmitte. Alles am Verhalten deines Kollegen, seine Worte, sogar sein Lächeln, gaben mir immer mehr Hinweise, dass die „Wohngemeinschaft“ in Toulouse, von der du uns schon geredet hattest, etwas mit „Kirche“ zu tun hatte.

Da endlich meine Frage, erst auf dem Heimweg ins Internat, wenn ich mich gut erinnere: „ton copain, ce ne serait pas un curé par hasard?“ (dein Freund, wäre er zufälligst nicht ein Pfarrer?)

– Ja

– und du auch?

– Ja

– Und ich dachte, dass du wegen linksextremen Aktionen in Frankreich Zuflucht suchtest!

Surburg/Elsaß 5.1.2004

 

Christian Herwartz
Wie und mit welchen Menschen lebst du zusammen?

Auf diese Frage antworte ich spontan mit Erzählungen von unserer Wohngemeinschaft, in der ich mit Menschen aus vielen Ländern und vielen Lebenslagen zusammenwohne: Muslime, Christen, Distanzierte, Flüchtlinge, Obdachlose, Rauschabhängige, Suchende, Alte, Kranke,… Da haben die meisten Menschen – auch jene aus anderen gesellschaftlichen Schichten -Anknüpfungspunkte in ihrem Leben, über die sich ein Gespräch entwickeln kann.

Doch einen großen Teil meines Lebens verbringe ich auf der Arbeit. Wir Arbeitenden werden von manchen als „Arbeitsplatzbesitzer“ zu der wohlhabenderen Schicht in der Gesellschaft gezählt; manche politischen Menschen sehen uns als Handlanger von oft sehr fragwürdigen Geschäftsinteressen. Auch ohne diese Schablonen scheint mir das Leben mit meinen Arbeitskolleginnen und Kollegen kaum vermittelbar für Menschen zu sein, die nicht in solchen außerdemokratischen Betriebsstrukturen leben. Kollegen und Kolleginnen verstehen unsere Situation auf der Arbeit meist ohne viele Worte, auch über Ländergrenzen hinweg. Wir leben auf der Arbeit in einer Internationalität und nicht nur in einer globalen Konkurrenz. Wir kennen unsere oft ausgenutzte Abhängigkeit, die Mühen der Arbeit und den Stolz über unsere Leistungen. Ich habe dieses spontane gemeinsame Empfinden auch unter Gefangenen,


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unter Frauen, unter Homosexuellen bemerkt. Diese Einheit ist in einer gemeinsamen Lebenserfahrung begründet, in der viele angedeutete Situationen einfach verstanden werden. Ein Hungerstreik in Chile muß Gefangenen in Europa nicht umständlich erklärt werden; sie haben einen spontanen Zugang dazu. Dasselbe gilt für Berichte von einem Streik in einem anderen Land.

Nach den drei Jahren in Frankreich, wo ich in verschiedenen Betrieben und Berufen, als Ausländer unter Franzosen und Menschen aus vielen anderen Ländern gearbeitet habe, bin ich die letzten zwanzig Jahre im selben Betrieb in Berlin beschäftigt. Er gehört zu einem multinationalen Konzern, der in Berlin etwa 15000 Beschäftigte hat. Ich arbeite in einer Werkstatt mit etwa 300 Mitarbeitern, die ersten 15 Jahre als Dreher an einer konventionellen Drehbank und jetzt als Lagerarbeiter, der alleine für einen Bereich verantwortlich ist: Einlagerung, Kommissionierung, Inventur, … Es ist ein Palettenlager mit etwa 15000 unterschiedlichen Lagerpositionen. Die meisten Kollegen sind Deutsche – jetzt auch einige Ostdeutsche -‚ manche stammen aus Jugoslawien oder der Türkei.

Wenn ich anderen Jesuiten von meiner Arbeit als Dreher oder Lagerarbeiter erzähle, erscheint ihnen das oft wie ein Spiel oder wie eine Methode, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Mein eigentliches Leben muß doch etwas anderes sein. Wir kommen dann – von ihren Anknüpfungspunkten her – auf die Funktionen zu sprechen, die ich wahrgenommen habe: ja, ich bin in der Gewerkschaft, der IG-Metall, wohl der mitgliederstärksten in der Welt; ich bin in ihr Vertrauensmann und wurde für zwei Wahlperioden ins Berliner „Parlament“ meiner Gewerkschaft gewählt. Dabei entdeckte ich Fragen und Freunde über meinen kleinen Arbeitsbereich hinaus. Trotz wiederholter Aufforderung habe ich mich nicht in den Betriebsrat wählen lassen. Ich wollte im Betrieb mit meinen Kolleginnen und Kollegen möglichst unter gleichen Voraussetzungen leben und kein teilweise oder ganz freigestellter Funktionär werden. Meine Verantwortung sehe ich darin, daß ich mich auch ohne besonderen Schutz zu Wort melde und andere dazu ermuntere, es ähnlich zu tun.

Doch bis dahin war ein weiter Weg. Die ersten drei Jahre habe ich im Betrieb wohl kaum ein Wort gesagt, sondern gelernt besser zu arbeiten und zuzuhören. Dann war ein Konflikt mit dem Betriebsrat und ich konnte die Meinung unserer Gruppe zusammenfassen und vortragen. Das war ein großes Erlebnis für mich, aus dieser Gemeinsamkeit heraus reden und handeln zu können. Diesen Weg bin ich mit vielen Ängsten und Konflikten weitergegangen. Heute wird auf den großen Betriebsversammlungen von über 1000 Teilnehmer/innen darauf gewartet, daß ich mich zu Wort melde und aktuelle Themen anspreche. Und auch bei anderen Kämpfen – Warnstreiks, Demonstrationen – wird mir das Wort gegeben. Doch das sind Ausnahmesituationen und ich brauche meist mehrere Tage Einsamkeit in der Arbeit, um nach diesen öffentlichen Auftritten auf den Boden des Alltag zurückzukommen.

Was bedeutet dieser Alltag des Mitarbeitens und Mitlebens im Betrieb? Die Arbeit strukturiert unser Leben. Wir brauchen und dürfen nicht überlegen, wie in bürgerlichen Berufen weitgehend notwendig, wie, wann, wo wir unsere Arbeit ge-


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stalten. Wir sind einfach da: müde, mit Kummer oder Freude, übermütig oder mit Angst, egal, wir sind anwesend und sollen/wollen eine Leistung fachgerecht erbringen. Jeder hat seine Fragen mitgebracht; und ich kaue, wenn die Arbeit es zuläßt, auf meinen Problemen oft wie eine Kuh herum. Da ist die Arbeit ein meditativer Freiraum in meinem Leben. Ich werde müde und vieles wird einfacher. Manchmal kann ich auch über meine Probleme sprechen oder die von anderen hören.

Ich brauche auf der Arbeit nichts besonderes zu sein und vieles in den Beziehungen untereinander hat Zeit zu wachsen. Wir lernen mit unseren Schwächen zu leben. Sie bleiben in vielen Bereichen nicht verborgen. Aber die Glaubwürdigkeit wächst auch inmitten des Unkrautes. Viele sagen: Wir sind wegen unserer Unfähigkeit hier, sonst säßen wir in den Büros oder brauchten nicht zu arbeiten. Solche Sätze machen mich traurig. Aber sie geben das Lebensgefühl von vielen gut wieder. Sie fühlen sich als die Übriggebliebenen. Und auch für mich ist es wichtig, meine Schwäche nicht zu verbergen, über die ich ja auch an diesen Ort berufen wurde.

Es gibt auf der Arbeit nicht nur die mitgebrachten Fragen, die jeder schultert. Doch die – materielle – Verantwortung für die Familie und sich selbst kann nie ausgeblendet werden. „Habt ihr noch Arbeit?“ ist eine häufig gestellte Frage. Die Angst um den Arbeitsplatz ist ein individuelles und ein gemeinsames Problem. In der Metallindustrie sind in Berlin in den ersten vier Jahren nach der Wende (1990) über 100000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Kaum einer von uns hat die Chance in seinem Beruf wieder Arbeit zu finden, wenn er arbeitslos wird. Teile des Unternehmens wurden – wie es zur Zeit auf Druck der Aktionäre modern ist – als eigene Betriebe ausgegliedert. Häufig gibt es sie heute nicht mehr. Viele Kollegen sind schon bei der Ausgliederung arbeitslos geworden. Alle hatten Lohnverluste und mußten auf Absicherungen verzichten, länger arbeiten, usw. Manchmal konnten wir mit viel Engagement Schlimmeres verhindern.

In diesen Kämpfen werden Beziehungen gefestigt, Hoffnungen ausgesprochen, aber auch Resignation deutlich. Mir fallen dabei besonders die Kollegen aus dem Osten Deutschlands auf Wie damals bei den Kollegen, die sich nicht in der Gewerkschaft organisierten, weil ihr Vertrauen unter den Nationalsozialisten einmal mißbraucht wurde, geht es jetzt diesen Kollegen aus der ehemaligen DDR ähnlich. Das Wort Gewerkschaft hat für sie keinen positiven Klang mehr. Auch wird die gewerkschaftliche Erfahrung nur selten an die Jüngeren weitergegeben. Mir fällt es schwer die damit verbundenen Spaltungen auszuhalten und nicht darüber blind wütend zu werden.

Auch die gegenüber den Vorgesetzten geschwätzigen Kollegen verärgern mich. Sehen sie die Struktur des Unrechts im Betrieb nicht? Ich habe viele Fragen an die Kolleginnen und Kollegen. Ebenso können sie meist meinen mangelnden Nationalismus, mein Nichtabgrenzen von Gefangenen, Obdachlosen, Linken politischen Gruppen, Drogenabhängigen, Asylsuchenden, … nicht verstehen und vermeiden den Konflikt bei diesen Themen mit mir. Ich spüre schmerzhaft den schwer zu überwindender Graben zwischen meinem Wohn- und Arbeitsbereich, diesen beiden Welten zwischen denen ich täglich unterwegs bin.

Auf der Arbeit wird mir besonders bewußt, wie jeder von uns irgendwo der Struk-


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tur des Geldes widersteht, aber ihr auch verfallen ist. Das zu entdecken ist für mich der Weg, die Würde vieler zu ahnen. So missionieren mich die Kollegen. Ich sehe meinen Unglauben und brauche ihn nicht schnell zu verbergen. Auch bei mir gibt es die Versuchung, die Arbeit zeitweise nur als Job zum Lebenserhalt unserer Wohngemeinschaft zu sehen oder mich so in Arbeitsabläufe hineinzusteigern, daß ich für die Gnade nicht mehr offen bin, mich durch meine Kollegen ansprechen zu lassen.

Unter ihnen Gott zu entdecken, war der mich dorthin treibende Wunsch und ist es heute noch.

In diesem Suchen ist jedes Jahr trotz der „Großwetterlage Kapitalismus“ für mich persönlich ganz anders und jeweils voll neuer Entdeckungen. Die Produktionsabläufe, das eigene fachliche Können, die Einbindung in die Fragen der Zielorte der Produkte, die Firmengeschichte besonders in der Zeit des Dritten Reiches, die immer neuen Kämpfe, die gewerkschaftliche Verbundenheit und Organisation, die fachliche, gewerkschaftliche, betriebliche Sprache und die Übersetzungen, die Fragen und Kulturen der Herkunftsländer meiner Kolleginnen und Kollegen, die neuen Fragen der Lehrlinge, Leiharbeiter‚ die Auswirkungen der „großen“ Fragen vor Ort (Neoliberalismus, Aktienrenditensteigerung, Zusammenbruch der 2. Welt, der staatliche und betriebliche Sozialabbau,…) und vieles mehr.

Es gibt für mich kein Antwortschema mehr und auch nicht, wie ein Ordenspriester dort zu leben hat. Die eigenen Talente – der Kommunikation, der Schriftstellerei, der Organisation, der Kontemplation, … -‚ die Arbeitssituationen, die Kollegen sind sehr unterschiedlich und fordern je eigen zum neuen Hinhören, Suchen und gemeinsamen Handeln heraus. Aber ich hoffe, daß es für jeden von uns Menschen im Betrieb einen Weg der Befreiung, einen persönlichen, einen einsamen, aber auch einen gemeinsamen, einen kollektiven gibt, der ungerechte Strukturen in sich zusammenstürzen läßt.

Mauern müssen fallen.
Ja Mauern, Gefängnismauern müssen auch im Betrieb und um ihn herum fallen. Trotz aller Freude an der Arbeit, ist das Thema Gefangenschaft für mich eng mit meinem Arbeitsleben verknüpft. Wir sind gefangen in Wirtschaftsstrukturen, die demokratische Ansätze in der Gesellschaft aushöhlen. Das ist im Betrieb schwer zu thematisieren, weil eine Änderung kaum in den Blick kommt. Außerdem wird uns mit Entlassung oder auch mit Gefängnis gedroht, wenn wir uns engagieren. Diese Möglichkeit wurde für mich im letzten Jahr real. Wegen einer Gewerkschaftsdemonstration vor unserem Werkstor bin ich 10 Tage schuldlos ins Gefängnis gegangen. Da habe ich erlebt, was die Solidarität der Kolleginnen und Kollegen bedeuten kann. Sie eröffnet Perspektiven, schenkt Mut und Freude. Diese Erfahrung ist nicht alltäglich, aber zentral für die Erfahrung des Mitlebens auf der Arbeit.

Neapel 1998, Beitrag auf einer internationalen Tagung von Jesuiten


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Die Christliche Arbeiter Jugend (CAJ)

Michael Walzer: Neugründung der CAJ in Berlin 200
Jürgen Fliegner: Meine Zeit mit Michael 201
Alain Loche: Rückblick 202
Ulf Knecht: Gefangen in Freiheit, die Freiheit als Gefängnis? 204

Michael Walzer
Neugründung der CAJ in Berlin

Am 1. Mai 1982 ist es endlich so weit: Die CAJ wird in Berlin neu gegründet. Michael Walzer schreibt am 25. Mai 1982 an den Berliner Bischof Meißner folgenden Brief:

Es ist Ihnen bekannt, daß hier in Berlin am 1. Mai die CAJ neu gegründet wurde. Der Start erfolgt unter schwierigen Bedingungen. Deshalb haben uns auch die Grüße, die uns Pater Lüttmer von Ihnen überbrachte, besonders gefreut. In unserer Antwort an Sie haben wir unsere Bereitschaft und unser Interesse an dem von Ihnen vorgeschlagenen Zusammentreffen im Herbst deutlich gemacht.

Ich schreibe Ihnen heute wegen meiner eigenen Mitarbeit in der neu gegründeten CAJ-Berlin.

Ich gehöre zu der kleinen Kommunität von Jesuiten, die in Kreuzherg wohnt und deren Mitglieder alle in einem Industriebetrieb arbeiten gehen. Seit etwa anderthalb Jahren gehöre ich dem Arbeitskreis Arbeiterjugend im BKDJ an, der die Neugründung der CAJ vorbereitet hat.

Auf der Gründungsversammlung bin ich vom Diözesanausschuß als Kaplan in die Leitung der Bewegung gewählt worden. Ich habe das Amt angenommen. Allerdings habe ich schon vor der Wahl eine Bedingung für meine Mitarbeit offen genannt. Ich habe dem Diözesanausschuß gegenüber klargestel1t, daß ich um einer Mitarbeit in der CAJ willen meine ganztägige Arbeit im Betrieb weder einschränken, noch ganz aufgeben werde. Diese acht Stunden als angelernter Arbeiter im Betrieb erscheinen mir selbst und meiner Kommunität wichtig, wenn wir den Auftrag unseres Ordens erfüllen wollen, dem daran liegt, daß wir in die Welt unserer Arbeitskolleginnen und -kollegen, die die Brücken zur Kirche weitgehend abgebrochen haben, hinneinwachsen. Aber auch für meine Mitarheit in der CAJ stellt die eigene Arbeit im Betrieb ein kaum ersetzbares und meiner Ansicht nach doch hoch zu bewertendes Ausgangskapital dar.

Daraus ergibt sich nun, daß ich mich anders und zeitlich nicht so umfangreich in die CAJ einbringen werde, wie das ein Priester täte, der für diese Aufgabe des Diözesankaplans ganz freigestellt wäre. Daraus ergibt sich auch, daß ich keine volle Stelle als CAJ-Kaplan antreten kann. Meine Mitarbeit ist, wenn man so will, eine ehrenamtliche. Aber es ist mir viel daran gelegen und das will ich Ihnen gegenüber Herr Bischof unterstreichen, weil die CAJ als Bewegung zum Leben sowohl der Kirche als auch der Arbeiterschaft dieser Stadt Wichtiges beitragen kann. Nun verstehe ich meine Mitarbeit in der CAJ als Piester in einem direkten Sinn als Teil der pastoralen Arbeit in der Diözese. Desshalb schreibe ich Ihnen auch, und es ist mir und der CAJ daran gelegen, daß Sie meine Mitarbeit gutheißen können. Soweit es möglich ist, bin ich auch bereit mit Ihnen oder Ihren zuständigen Mitarbeitern über Ziele und Konzeption der pastoralen Arbeit, insofern sie uns betreffen, zu sprechen und gemeinsam zu überlegen.


{201}

Jürgen Fliegner
Meine Zeit mit Michael

Anfang 1980 war ich Vorsitzender des Pfarrgemeinderates der großen Gemeinde St. Matthias. Mit unseren Jugendlichen hatte ich einen recht guten Kontakt. So ergab es sich, dass sie wissen wollten, was ich denn früher in meiner Jugend gemacht habe. Ich erzählte Ihnen von der CAJ (Christliche Arbeiterjugend). Eine Jugendbewegung, die aus Belgien kam. In St. Matthias gab es damals eine große Abteilung von etwa 40 Mitgliedern. Meine Jugendlichen waren sehr interessiert, so ergab es sich, dass ich an die CAJ-Zentrale nach Essen schrieb. Als Antwort auf meinen Brief kam ein großes Paket mit Unterlagen der CAJ. Sie nannten mir auch einige Kontaktpersonen in Berlin. Eine CAJ-Gruppe gab es hier nicht. CAJ Essen organisierte ein Treffen der CAJ-Interessierten in Berlin. Dort traf ich einen jungen Mann, der sich als Priester und Jesuit entpuppte, Michael Walzer. Wir verstanden uns gleich sehr gut.

Langsam kristallisierte sich der Gedanke einer Neugründung der CAJ in Berlin heraus. Es kamen immer mehr gute Leute in unseren Kreis, die fähig waren die Idee der Neugründung in die Tat umzusetzen. Wir fingen an, mit Hauptschülern Schulentlassungsseminare durchzuführen. Diese waren sehr erfolgreich. Am 1.Mai 1982 war es dann so weit, die CAJ wurde in Berlin neu gegründet. Michael Walzer wurde als unser Diözesankaplan gewählt und von dem damaligen Berliner Bischof bestätigt. Wir waren eine sehr aktive Truppe. Teilnahme am Katholikentag in Essen, 1983 erste Auslandsfahrt nach Essen zu den Wurzeln der CAJ. Mit ein Höhepunkt unserer Aktivitäten war unser Theaterstück „Kreuzweg eines Arbeiterjugendlichen“. Michael Walzer spielte eine der Hauptrollen. Wir gewannen mit unserem Stück den Friedenspreis des BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend).

Michael verstand es immer, wenn es Streit gab, diesen zu schlichten und ausgleichend zu wirken. Er war ein sehr guter Zuhörer.

Die Nachricht von seiner Erkrankung traf uns bis ins Mark. Michael gab sich nicht geschlagen. Er fing an, um sein Leben zu kämpfen. Unterstützt von treuen Mitstreitern. Nachdem er die erste Operation überstanden hatte, keimte wieder Hoffnung auf. Michael erholte sich und wurde wieder aktiv.

Höhepunkt war der Besuch der CAJ Belgien in Berlin. Michael machte das volle Programm mit. Es sollte für mich die letzte Teilnahme an einer Messe mit Michael sein. Leider erkrankte Michael erneut. Ich sah Michael noch einmal, 14 Tage vor seinem Tod, in Kladow.

Die CAJ Berlin hat sich von diesem Schlag nie richtig erholt. Geblieben sind die Gedenkgottesdienste in St. Michael an Michael Walzer.

Ich persönlich hatte eine großartige Zeit mit Michael.

Berlin 1. Mai 2004


{202}

Alain Loche
Rückblick

Vor über 20 Jahren lernte ich eine Kommunität der Arbeiterpriester kennen: Jesuiten. Eine christliche Wohngemeinschaft in Kreuzberg. Bis heute bin ich mit ihnen verbunden.

Ihr Leben teilen sie mit allen Menschen, die in ihre Wohnung kommen. Menschen, die Hilfe brauchen: Arbeiter, Ausländer, Asylsuchende, Obdachlose, alte und junge Menschen, Knastis, usw..

Für viele ist diese christliche Wohnung eine Oase in Berlin. Das Schöne ist daran, dass die Kommunitätmitglieder die Menschen lieben und ihnen Würde verleihen. Denn die meisten Menschen, die zu ihnen kommen, sind entwürdigt von der Gesellschaft. Sie gelten nichts.

Es ist egal, wie ihr Leben verlaufen ist; man wird so angenommen, wie man ist. Verschiedene Nationalitäten und Religionen kommen zusammen. Es könnte ein Modell einer neuen Lebensform werden. Hinter dieser Lebensform stehen Christian Herwartz und Franz Keller. Kraft und Freude an diesem Leben schöpfen sie aus ihrem Glauben und der Eucharistiefeier, die mit allen anderen in der Wohnung gefeiert wird.

Die Christliche Arbeiterjugend hat den Jesuiten sehr viel zu danken. Als die CAJ-Berlin aufgebaut werden sollte, waren Christian, Franz, Michael maßgebend daran beteiligt. Michael Walzer wurde unser CAJ-Kaplan. Michael hatte sehr viel Zeit für alle aus unserer Gruppe CAJ. Stundenlang konnte er zuhören. Er nahm Anteil am Leben der Menschen, die ihn ansprachen. Freude und Leid teilte er mit uns. Er hat gelitten unter ungerechten Strukturen in der Welt und am Arbeitsplatz. Er war in einem Betrieb für Gußteile beschäftigt. Eine Gießerei.

Wir hören im Leben so viel, aber richtig zuhören, auf den anderen eingehen beim Hören, das können sehr viele nicht, mich selbst eingeschlossen. Das richtige Zuhören, das war eine seiner Stärken. Für uns ist Michel zu früh gegangen. (Michael starb im Januar 1986 an einem Gehirntumor mit 37 Jahren.) Er lebt auch im Herzen weiter. Franz ist der ruhende Pol in der ganzen Wohngemeinschaft. Mit tiefem Glauben an Gott und das Gute in der Welt. Mit ihm kann man auch streiten, wenn man mit ihm arbeitet. Er hat seine Meinung, die er auch verteidigt. Alle in der Gemeinschaft haben ihn schnell ins Herz geschlossen mit seiner ganzen Art. Zum Gespräch immer bereit. Er fährt gern Fahrrad. Im Sommer, wenn es sehr schön ist, jeden Tag 50, 60, 70 und mehr Kilometer weit. Er kennt sich in der Umgebung von Berlin gut aus.

In der Hausbesetzerzeit entstanden viele alternative Projekte, die eine andere Lebensform erprobten. Dazu gehört die Regenbogenfabrik. Die brauchten viele Helfer/ innen zum Aufbau der Regenbogenfabrik. Franz war mit Familie Erdmann und anderen immer dabei. Wo es sinnvoll ist, hilft Franz. Fast wie ein Einsiedler ist er immer an der Basis und weiß Bescheid, was läuft in der Weltgeschichte. Er würde so manches verändern in der Welt, wenn er es könnte. Dazu gehört das wirtschaftliche Denken. Aber ohne Gott geht nichts. In tiefem und überzeugenden Glauben lebt er sehr gerne mit den Menschen und der Natur.


{203}

Christian Herwartz steht für das Modell Wohngemeinschaft. Er ist ein Arbeiter und Priester zugleich von Herzen. Seine Botschaft an uns Menschen ist, dass uns Gott so liebt und annimmt, wie wir sind. Es ist auch sein großes Anliegen, dass jedem Menschen die Würde verliehen ist. Danach sollten wir leben. Seine Worte und Taten stimmen überein. Man hat das Gefühl, nicht fremd zu sein. Wer seine Wohnung betritt, ist gleich zuhause. Unter seinen Arbeitskollegen genießt er ein großes Vertrauen. Er setzt sich viel für Menschen ein, die ungerecht behandelt werden. Er gibt Mut und Kraft. Er liebt die Menschen. Ein konsequenter Mensch ist er, der weiß, was er will und wo es lang geht.

Hanns Heim gehörte zu dieser Wohngemeinschaft als Arbeiterpriester. Er ist ein Kämpfer für die Arbeiter und für den Frieden. Mutig setzt er sich gegen Ungerechtigkeit ein und für den Frieden. Er hat die CAJ als Kaplan unterstützt. Doch dies war nicht so sein Milieu. Da muß immer doll was los sein. Auch mit ihm kann man über alles reden, er hört zu. Er ist lebenslustig. Natürlich. Ich arbeitete mit ihm gerne. Einmal im Monat kochen Hanns und seine Freundin (Helma) aus Leidenschaft lekkeres Essen. Und alle sind eingeladen. Wir sehen uns nicht mehr so viel, aber er ist ein Freund von mir.

Da ist noch einer, der zur Kommunität gehört. Godehard Pünder. Er entschied sich zur Gemeinde. Fünf Jahre Pfarrer in St. Michael West bedeutete Neuanfang. Auch er unterstützte die CAJ und die „Kollektive Hand“, ein Arbeitsprojekt der CAJ. Godehard hat alle Gemeindemitglieder aufgefordert die Gemeinde mit zu gestalten. Obdachlose und Gottsuchende hatten einen besonderen Platz in der St. Michaelsgemeinde. Gegenüber Politikern setzte er sich ein für die Hausbesetzer und Wagenburgen. In den 1. Mai-Krawallen vermittelte er im Kiezpalaver mit Politikern, suchte nach Lösungen und Antworten. Obdachlose Punker und andere, die sonst nie eine Kirche betreten würden, waren bei uns in St. Michael zuhause, so dass Kirchenmitglieder sagten, wir haben ja gar nichts mehr zu sagen. Bei einer Diskussion mit einem Politiker, als wieder ein Haus geräumt werden sollte, sagte dieser von der CDU: Er, Godehard soll lieber wieder nach Brasilien gehen. Wir wollen Dich nicht hier. Godehard war brasilienerfahren. Er versuchte eine Brücke von der Basisgemeinde in Brasilien nach St. Michael zu bauen. Er legte sich auch mit der Amtskirche an. Godehard wurde zu Bischof Meisner gerufen. Der erzählte ihm vom Gehorsam usw. Er sagte dem Bischof: Gehorsam ja, aber einen mündigen Gehorsam, nicht einen verblendeten blinden. – Eine richtige Antwort.

Alle meine Freunde habe ich ein bisschen beschrieben. Nur das Wichtigste. Nur das Positive. Sicher haben sie wie wir Fehler. Sie lassen sich aber gern hinterfragen. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen.

Ich wünsche allen – Franz K., Christian H., Hanns H. Familie, Godehard und seiner Familie – Gottes Gnade und Segen. Möge ihre Botschaft und ihre Lebensart ein Segen dieser Erde sein. Ich danke, dass es Euch gibt. Ich habe viel von Euch geschenkt bekommen. So danke ich Euch allen. Auch Michael Walzer, der bei Gott ist, ist weiter in meinem Leben da.

Berlin 2003


{204}

Ulf Knecht
Gefangen in Freiheit, die Freiheit als Gefängnis?

Was können „freie“ Menschen für Gefangene tun? Wer ist frei, wer ist gefangen? Kein Zweifel, Menschen in Iso-Haft sind Menschen, die am engsten gefangen sind. Ihr Widerstand braucht unsere Solidarität. Wir brauchen ihren Widerstand. Menschen in „normalen“ Gefängnissen sind auch gefangen, sie brauchen unsere Hilfe von außen, um informiert zu werden, um Mut zu bekommen. Viele wissen, warum sie sitzen, andere nicht. Einige finden ihre Strafe zu hoch, andere sind froh, glimpflich davon gekommen zu sein. Wer entscheidet hier und nach welchem Maßstab? Heißt es nicht, dass nur Gott richten kann?! Gibt es überhaupt menschliche Gerechtigkeit? Sicher, aber nur manchmal, meist nur bei den kleineren Dingen im Leben. Was sind das eigentlich für Worte: Freiheit, Gerechtigkeit? So etwas steht doch nur auf dem Papier (auch auf diesem Papier).

Welche Freiheit hat der/die ArbeiterIn in der Fabrik? Ja, er/sie kann die Höhe des Drehstuhls am Fließband bestimmen, um bequem zu arbeiten. Der/die ständig überwachte PlantagenarbeiterIn in Guatemala kann vielleicht noch entscheiden, ob von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne geerntet wird. Der/die StraßenbauerIn in Indien kann, wenn es hoch kommt, noch entscheiden, ob von links oder rechts angefangen wird.

Ach nein, Freiheit heißt ja: Urlaub auf Mallorca oder mit 200 km/h über die Autobahn oder zu entscheiden, welcher Puff heute dran ist. Wir sind unfrei für die Freiheit. Erst wenn wir aufhören uns bestimmen zu lassen sondern selbst bestimmen, wenn wir aufhören uns zu prostituieren für die Damen und Herren, die uns vergewaltigen, werden wir einen Hauch von Freiheit spüren. Doch es besteht ein Unterschied zwischen Unfreiheit und Gefangenschaft. Gefangen in einem Gefängnis, einem richtigen Gefängnis mit Gittern und so. Ja davor haben die meisten Angst, deshalb prostituieren sie sich lieber. Nur nachher, nachher da ist es dann niemand gewesen. Ich auch nicht, denn ich war noch nicht im Gefängnis.

Berlin Januar 2003


 

Namensliste

{22}

A. Kern,
Abdulla Ghulam (Afganistan),
Alain Loche,
Albala Anate (Togo),
Albert Maria Pümpel,
Alexander Below (Rußland),
Alexander Votomann (Ukraine),
Alfred Vogt,
Ali Diowara (Mauretanien),
André Hanke,
Andrea Ernst (Kippe) + August 1991,
Andreas Heubruch,
Andreas Kranwinkel,
Andreas Nagel (Schlappi),
Andreas Paeschke,
Andreas Reichwein,
Angelika Goder,
Annette Dittrich,
Anselmo Doy,
Anselmo Schwertner (Brasilien),
Ansgar Henseler,

Barbara Höptner,
Bärbel Marbach,
Bartolomeau Capita (Cabinda),
Bernd Albrecht (staatenlos, Deutschland),
Bernd Münster,
Bernd Navjokat,
Bernd Ohmen,
Bernd Schmitz,
Bernhard Ullrich,
Bertram Dickerhof,
Bettina Rupp,
Bine Eggert +,
Bobby Leone (Nigeria),
Boris Petrow (Bulgarien),
Bülent Haznedar (Türkei),
Christian Herwartz,
Christian Leutenegger (Schweiz),
Christian Wagner,
Claudia Keysers,
Connie Geyler,

Dimitri Votomann (Ukraine),
Dirk/Andreas Böhm,
Doro(thee) Mölders,

Edgar Besouhé,
Ekram Firatovic (Bosnien), Elio Dragone (Italien),
Erol Gökceli (Türkei),
Etienne Grieu (Frankreich),

Familie Pathilomai (Sri Lanka),
Faruk Mohamad Alemi (Afganistan),
Fazeelat Abbas (Pakistan),
Frank Herwig,
Frank Oboth,
Franz „Emmaus“,
Franz Keller (Schweiz),
Fritz Henberger,
Fritz Steineke +,

Georg Hummler,
Georg Milz,
Georg-Rudolf Weber,
Gerd Büntzly,
Girar (Togo),
Godehard Pünder, Hanns


{23}

Heim,
Hans Mularski,
Hans Peter Breitbach-Bied +,
Henning (Dänemark),
Henning Brandis,
Bui công Hiêu (Vietnam),
Homero Zelada (Chile),
Horst Stamm,

Igna Kamp,
Imad Makari,
Ines Nerger,
Irmtraud Gerth,
Ivone +, Jacques Ênjalbert (Frankreich),

Jan Newerla,
Janni (Griechenland),
Jean Basile Ahanda (Kamerun),
Jean Lecuit (Belgien),
Jens Caldenhoven,
Jens Sommer,
Joel (England),
Johannes Mattes,
Johannes Otto Riedner,
Johannes Steinke,
Juan Suarez (Kolumbien),

Kamillo Novak,
Karl Kökkenberger,
Karsten Steil,
Kenn Moseley (England),
Kerstin Skibbe,
Khaiid (Irak),
Klaus Kalhorn,
Klaus Schulte,
Kutte,

Lara Junker,
Lars Weber +,
Lena Bielefeld,
Lothar Handrich (jetzt Östereich),
Ludger Hillebrand,
Ludger Joos,
Ludger Viefhues,
Lukas Fries,
Marc Baxter (Kanada),
Maria Koufugannaki (Griechenland),
Maria Sinz,
Markus Cimendür (Türkei),
Markus Vallaster,
Martin Feisst,
Memo (Tunesien),
Michael Depenbrock,
Michael Kagel,
Michael Köpfler,
Michael Miserke,
Michael Walzer +,
Miriam Licht,
Modeste Modekamba (Kongo),

Mohammed Mohsin (Bangladesch),
Monika Junker,
Moshin (Bangladesch),
Murschidul Alam (Bangladesch),Nguyen Nhu Thao (Vietnam),
Nico Cottitto (Italien),

Oliver Wiesel,
Otto Klever +,
Otto Schilling,
Ousman Barvgoura (Guinea),

Patrick Zoll,
Peter (Sri Lanka),
Peter Van Tuyen (Vietnam),
Peter Jakobi,
Peter Musto (Ungarn),
Peter Szabo (Ungarn),
Petrus/Vakkas Küncekli (Türkei),
Philippe (Kongo),
Philippe Tibbal (Frankreich),
Phillipp Demeestere (Frankreich),

Rainer Hickel,
Ramon (Syrien),
Renate Simon- Mathes,
Renate Streckenbach,
Roberto (Kolumbien),
Roger Szatkowski (Frankreich),
Rüdiger Gladen (jetzt Korea),
Ruth Koschel,

Salomon Ayuk (Kamerun),
Sara Junker,
Serkan (Türkei),
Siegfried Fleiner,
Siggi Werbe,

Stefan Jasper-Bruns,
Stefan Taeubner/Chalê Duc Phan (halb Vietnam),
Stephenson Debrah (Ghana),

Tadeusz Gluszko (Polen),
Teresa Jans-Wenstrup,
Tetyana Votomann (Ukraine),
Thomas Hilker,
Thomas Schmidt,
Timur Gasanov (Tschetschenien),
Tobias Geßner,
Toni Dorak (Albanien),

Vaidas Puteius (Litauen),
Vallentin Lumba (Kamerun),
Vera Rüttimann (Schweiz),
Volker Schneider,

Werner Brunck (jetzt Schweiz),
Werner Jung,
Winfried Stahl,
Wolfgang Kayenberg +,

Yeasin (Bangladesch).

 

{415}

Autorenverzeichnis – Vornamen

A-B-C- D-E-F-G-H-I-J- K-L-M-N-O-P-Q-R-  S-T-U-V-W

A-B-C

Alain Loche 202,
Alfred Maier 246
Alfred Vogt 22
Alvaro Alemany 158
André de Jear 27
André Hanke 142
Andrea Bredel 250
Andreas Fisch 371
Angela Elver 257
Angela Plaschke 278
Angelika Goder 49
Angelika Kirchmeier 216
Anke Klöpsch 251
Anna Möckel 338
Anne Stickel 313
Anneliese Herwartz 135136
Anneliese Müller 141
Annette Westermann 235
Anton Schaumberger 252
Barbara Feichtinger-Schwenzer 238
Barbara Höptner 24
Barbara Terlau 182
Beate Nasticzky 248
Bernadette Schiefer 312351
Bernd Groth 360
Berufsschüler 339
Bine – Sabine Eggert 23
Birgid Krause 297325
Birgit und Michael Depenbrock 290
Boris Petrow 152
Bruder Georg 230CAJBerlin 87
Carmen Bignotti 31
Chiara Marlene Weiler 298
Christa Klar 207
Christian Becker 405
Christian Herwartz 27348288110149164181196220236262294353377385387,
Christian Jellinek 398
Christian Leutenegger 267
Christian Modehn 30
Christian Schmidt 49
Christian Stiller (N)
Christian Wagner
Christiane Trümper Portella 352
Christine Ziegler 17
Christl Weber-Pünder 137
Christoph Albrecht 48
Christoph Gerdemann 304
Christoph Soyer 358
Claudia und Marivalda 233
Claudia Walser 303
Cordula-Maria v. Chamier 337
Cornelia Bührle 106
Cornelia Geyger 249

D-E-F-G-H-I-J

David Köckenberger 34
Dietrich Schirmer 336
Dora Maria Teidelt 308
Doris Pfaff 27331
Doro Gieselmann 240
Dorothea Kröll 285
Dorothee Pilgram 92
Dörthe Bayer 139
Elisabeth Schwieg (N)
Erna Wagner 208
Eugen Hillengass 369
Eva-Maria Arntz 134
Fanz Keller 46
Felix Trösch 360
Franz Meures 19
Franziska Passek 306
Franz-Josef Steinmetz 360
Franz-Roger Reinhard 184
Fritz Reinecke 56
Fritz Storim 339
Gabi Priesnitz 56
Georg Hummler 190
Georg Milz (N)
Georg-Rudolf Weber 260
Gerhard Fischer 231
Godehard Pünder 326
Gregor Böckermann 341343
Hannelore Behrendt 347
Hannelore Hanke 141
Hanns Heim 57586164
Hans 283
Hans Mularski 14
Hans-Joachim Ditz 46
Hans-Peter Breitbach 70
Heinz + Gisela Krieg 332
Heinz-Jürgen Metzger 316
Helmut Haybach 402
Henning Brandis 32101
Hennig der Däne 72
Herbert Liebl 320
Hubert Ludwikowski 32
Hugo Carmeliet 167
Igna Kramp 268
Ilse Busse 76
Initiative polit. Diskussion mit Gefangenen 204212208,
Irene Bied 71
Jaak Kerkhofs 185
Jean Jadot 166
Jean Lecuit 159176300  (Nachtrag)
Jens Caldenhoven 25
Jens Klein-Bösing 254
Jo Eerens 175
Joel 283
Johannes Brückmann 146193
Johannes Riedner 213
Jörg Danscher 357
Jörg Machel 351
Julia Schneider 72
Jürgen Fliegner 201

K-L-M-N-O-P-Q-R

Karin Kelz 211
Karin Maier 287
Karin Wilsch 232
Katja Sommer 280
Kerstin Skibbe 253
Klaus Duntze 333
Klaus Kalhorn 13
Klaus Mertes 361380391
Klaus Puhle 396
Klaus Roeber 344
Klaus Schulte 272
Knut Stärcke 194Lars Weber 74
Lena Bielefeld 76
Lothar Handrich 316
Ludger Hillebrand 88
Ludger Joos 192
Ludger Viefhues 244
Ludwig Menkhoff 84
Lutz Müller 367
Magda Triftan-Nicholas 218
Manfred Bahmann 330
Manfred Kraemer 195
Manuel R.Stemmler/R.Hikel 226
Marcel Zimmermann 196
Maria Koufugannaki 370
Marianne Tigges 296
Maria Müller 329
Maria Rajnakova 255
Maria Walburg 228
Marita Herwartz 19
Michael Bretzinger 289
Michael Corth 131
Michael Hainz 132
Michael Herwartz 19
Michael Hauss (N)
Michael Walzer 798081 200,
Michel Hauss 316
Miriam Bondy 153
Miriam Licht 281
Modeste Modekamba 265
Monika Junker (N)
Monika McDonagh 259324
Nikolaus Huhn 348
Nikolaus Timpe (N)
Noel Barré 155
Norbert Brieskorn 118
Norbert Zonker (N)Otto KLewer 97
Ordensleute für den Frieden 342343
Ordensleute gegen Ausgrenzung 241

Patricio Retenal 259
Patrick Zoll 265
Paula Thierbach 292
Peter Kegebein 364
Peter Musto 98
Peter R. Heim (N)
Petra Bigge 310

Rainer Hikel 226226
Ramiro Pàmpols 169
Ramon 100
Renzo Fanfani (N)
Ricarda Praetorius 78
Roswitha Dantele 340
Roswitha Falkenberg 229
Rüdiger Gladen 102

S-T-U-V-W

Sabine Albrecht 232
Sabine 150
Sabine Zinn 280
Siegfried Fleiner 256
Siegfried Werbe 213
Simone Bichler 261
Solveig Kelber 17246
Stany Simon 299
Stefan Jasper-Bruns 269
Stefan Taeubner 27104383  (Nachtrag)
Steph 338Teresa Jens-Wenstrup 74
Thomas-Dietrich Lehmann 183186
Tobias Geßner 107
Ulf Knecht 204
Ulf Mann 314

{416}

Uli Kober 366
Ursula Adams 105352
Ursula Meister 261
Ute Strunck 214

Vaidas Putriai 277
Vera Rüttimann 54
Vitus Seibel 129

Walter Heinlein 369
Walter Kästner 20
Walter van Endern 298
Werner Herbeck 89
Werner Jung 140
WG-Naunyn 86119205380
Willi Lambert 92
Willibald Jacob mit Elfriede 145
Wilma Berkenfeld 240
Winfried Palischa 234
Wolfgang Huemmerich 323

Autorenverzeichnis – Familiennamen

A-B-C-D-E-F-G- H-I-J-K- L-M-N-O-P-Q-R-  S-T-U-V-W

A-B-C-D-E-F-G

Adams Ursula 105352
Albrecht Christoph 48
Albrecht Sabine 232
Alemany Alvaro 158
Arntz Eva-Maria 134Bahmann Manfred 330
Barré Noel 155
Bayer Dörthe 139
Becker Christian 405
Behrendt Hannelore 347
Berkenfeld Wilma 240
Berufsschüler 339
Bichler Simone 261
Bied Irene 71
Bielefeld Lena 76
Bigge Petra 310
Bignotti Carmen 31
Böckermann Gregor 341343
Bondy Miriam 153
Brandis Henning 32101
Bredel Andrea 250
Breitbach Hans-Peter 70
Bretzinger Michael 289
Brieskorn Norbert 118
Bruder Georg 230
Brückmann Johannes 146193
Bührle Cornelia 106
Busse Ilse 76CAJBerlin 87
Caldenhoven Jens 25
Carmeliet Hugo 167
Chamier Cordula-Maria v. 337
Claudia und Marivalda 233
Corth Michael 131

Danscher Jörg 357
Dantele Roswitha 340
de Jear André 27
Depenbrock Birgit und Michael 290
Ditz Hans-Joachim 46
Duntze Klaus 333

Eerens Jo 175
Eggert Sabine (Bine) 23
Elver Angela 257
Endern Walter van 298Falkenberg Roswitha 229
Fanfani Renzo (N)
Feichtinger-Schwenzer Barbara 238
Fisch Andreas 371
Fischer Gerhard 231
Fleiner Siegfried 256
Fliegner Jürgen 201

Gerdemann Christoph 304
Geßner Tobias 107
Geyger Cornelia 249
Gieselmann Doro 240
Gladen Rüdiger 102
Goder Angelika 49
Groth Bernd 360

H-I-J-K

Hainz Michael 132
Handrich Lothar 316
Hanke André 142
Hanke Hannelore 141
Hans 283
Hauss Michel 316  (Nachtrag)
Haybach Helmut 402
Heim Hanns 57586164
Heim Peter R. (N)
Heinlein Walter 369
Hennig der Däne 72
Herbeck Werner 89
Herwartz Anneliese 135136
Herwartz Christian 27348288110149164181196220236262294353377385387
Herwartz Marita 19
Herwartz Michael 19
Hikel Rainer 226226
Hillebrand Ludger 88
Hillengass Eugen 369
Höptner Barbara 24
Huemmerich Wolfgang 323
Huhn Nikolaus 348
Hummler Georg 190Initiative polit. Diskussion mit Gefangenen 204212208,

Jacob Willibald mit Elfriede 145
Jadot Jean 166
Jasper-Bruns Stefan 269
Jellinek Christian 398
Jens-Wenstrup Teresa 74
Joel 283

Joos Ludger 192
Jung Werner 140
Junker Monika (N)Kalhorn Klaus 13
Kästner Walter 20
Kegebein Peter 364
Kelber Solveig 17246
Keller Fanz 46
Kelz Karin 211
Kerkhofs Jaak 185
Kirchmeier Angelika 216
Klar Christa 207
Klein-Bösing Jens 254
Klewer Otto 97
Klöpsch Anke 251
Knecht Ulf 204
Kober Uli 366
Köckenberger David 34

L-M-N-O-P-Q-R

Koufugannaki Maria 370
Kraemer Manfred 195
Kramp Igna 268
Krause Birgid 297325
Krieg Heinz + Gisela 332
Kröll Dorothea 285Lambert Willi 92
Lecuit Jean 159176300  (Nachtrag)
Lehmann Thomas-Dietrich 183186
Leutenegger Christian 267
Licht Miriam 281
Liebl Herbert 320
Loche Alain 202,
Ludwikowski Hubert 32

Machel Jörg 351
Maier Alfred 246
Maier Karin 287
Mann Ulf 314

Marivalda und Claudia 233
McDonagh Monika 259324
Meister Ursula 261
Menkhoff Ludwig 84
Mertes Klaus 361380391
Metzger Heinz-Jürgen 316
Meures Franz 19
Milz Georg (N)
Modehn Christian 30
Modekamba Modeste 265
Möckel Anna 338
Müller Anneliese 141
Müller Lutz 367
Müller Maria 329
Mularski Hans 14
Musto Peter 98Nasticzky Beate 248

Ordensleute für den Frieden 342343
Ordensleute gegen Ausgrenzung 241

Palischa Winfried 234
Pàmpols Ramiro 169
Passek Franziska 306
Petrow Boris 152
Pfaff Doris 27331
Pilgram Dorothee 92
Plaschke Angela 278
Praetorius Ricarda 78
Priesnitz Gabi 56
Pünder Godehard 326
Puhle Klaus 396
Putriai Vaidas 277Rajnakova Maria 255
Ramon 100
Reinecke Fritz 56
Reinhard Franz-Roger 184
Retenal Patricio 259
Riedner Johannes 213
Roeber Klaus 344
Rüttimann Vera 54

S-T-U-V-W

Schaumberger Anton 252
Schiefer Bernadette 312351
Schirmer Dietrich 336
Schmidt Christian 49
Schneider Julia 72
Schulte Klaus 272
Schwieg Elisabeth (N)
Seibel Vitus 129
Simon Stany 299
Skibbe Kerstin 253
Sommer Katja 280
Soyer Christoph 358
Stärcke Knut 194
Steinmetz Franz-Josef 360
Stemmler Manuel R./Hikel R.226
Steph 338
Stickel Anne 313
Stiller Christian (N)
Storim Fritz 339
Strunck Ute 214
Taeubner Stefan 27104383  (Nachtrag)
Teidelt Dora Maria 308
Terlau Barbara 182
Thierbach Paula 292
Tigges Marianne 296
Timpe Nikolaus (N)
Triftan-Nicholas Magda 218
Trösch Felix 360
Trümper Portella Christiane 352Viefhues Ludger 244
Vogt Alfred 22

Wagner Christian 57
Wagner Erna 208
Walburg Maria 228
Walser Claudia 303

Walzer Michael 798081 200,
Weber Georg-Rudolf 260
Weber Lars 74
Weber-Pünder Christl 137
Weiler Chiara Marlene 298
Werbe Siegfried 213
Westermann Annette 235
WG-Naunyn 86119205380
Wilsch Karin 232
Sabine 150Ziegler Christine 17
Zimmermann Marcel 196
Zinn Sabine 280
Zoll Patrick 265
Zonker Norbert (N)

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