1998 Christian Herwartz. Gottesdienst oder Kundgebung?

Das ehemalige Frauengefängnis in Berlin-Köpenick wurde 1995 als Abschiebegewahrsam neu eröffnet. 26 Mil. DM wurden in diese „Käfighaltung“ für 350 Menschen investiert, für Menschen, die keiner Straftat beschuldigt werden. Straftäter, Deutsche wie Ausländer, sitzen in den großen Berliner Gefängnissen in Moabit, Plötzensee, Tegel, Hohenschönhausen (Frauen) und einigen kleineren ein. Käfighaltung? – Ja, bei dem Umbau wurden in die für mehrere Personen bestimmten Zellen zusätzliche Eisengitter eingebaut, damit die Eingesperrten die nochmals vergitterten Fenster nicht erreichen können. Ein Beamter muß es ihnen öffnen oder schließen.

Die Menschen werden in Köpenick nur verwahrt.

Gewisse Mindeststandards, wie sie in Gefängnissen üblich sind, finden keine Anwendung: Arbeit, Kurse, … Besuch kann nur hinter einer Scheibe empfangen werden, ohne jeden körperlichen Kontakt bei Begrüßung oder Abschied. Eine Grausamkeit für beide Seiten.

Eine Verbesserung der jüngsten Zeit: die Gefangenen – ohne Vorwurf einer kriminellen Tat – dürfen jetzt meistens einen Bleistift oder einen Kugelschreiber mit Plastikmine auf der Zelle haben!

Vor diesem polizeilichen Abschiebegewahrsam treffen wir – „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ – uns mit Freunden seit 1995 regelmäßig und laden dazu ein, mit uns die Hl. Schrift zu lesen, still zu werden, Informationen über das Leben an diesem Ort auszutauschen und zu beten. Manchmal machen wir auch mit Transparenten deutlich, was uns wichtig ist, geben Besucherinnen und Besuchern eine Blume, usw. In den letzten drei Jahren sind aus den damals durchschnittlich 170 Abschiebegefangenen 500 geworden. Seit November 1997 bleiben Asylbewerber auch während ihrer Antragsbearbeitung inhaftiert. Etwa 80 Frauen wurden ab 1. März in die Kruppstraße verlegt. Auch Touristen aus Frankreich oder England können hier landen, wenn sie „ausländisch“ aussehen und sich nicht sofort ausweisen können. Viele werden innerhalb von wenigen Tagen über die Grenze z.B. nach Polen, Rumänien oder Bulgarien gebracht. Deshalb ist die durchschnittliche Verweildauer niedrig.

Doch andere werden hier – für uns völlig unverständlich – sechs Monate und mehr eingesperrt (18 Monate ist das Maximum), weil ihre Staatsangehörigkeit ungeklärt ist oder weil ihre Heimatländer die Abschiebung nicht akzeptieren. Diese Menschen werden trotz der hohen Kosten und vor allem der Unmenschlichkeit für die Gefangenen und ihrer Freunde „vorsorglich“ inhaftiert, denn es „könnte“ sich ja eine Abschiebemöglichkeit ergeben.

Ist dieser Freiheitsentzug über einen so langen Zeitraum gerechtfertigt? Werden damit nicht auch Anfragen an uns weggeschlossen und verdrängt, denen wir uns im direkten Kontakt mit Menschen aus Krisenländern stellen sollten? Wir sind doch mit ihnen über weltweite ungerechte Wirtschaftsstrukturen, Rüstungsexporte, Ferienreisen, …. verbunden und unser Leben ist davon geprägt.

Mit den Gottesdiensten vor den hohen Gefängnismauern wollen wir uns der Asylund Abschiebepraxis stellen und andere einladen, mit uns zusammen hinzusehen und das Gesehene im Gebet zu bedenken. Dann erinnern wir uns an unsere Flüchtlingsgeschichten: die Geschichte von Abraham, die Zeit in Ägypten, …. bis hin zu den Flüchtlingsströmen nach dem 2. Weltkrieg und die heute über 50 Millionen Flüchtlinge in aller Welt. Viele von uns waren lange im Ausland und haben Freundschaften geschlossen mit Landsleuten der hier Inhaftierten.

Wir informieren die Polizei jedes Mal über unsere Gottesdienste vor den Gefängnismauern, die auch Mahnwachen gegen das Vergessen der Inhaftierten und der vielen diskriminierenden Praktiken und Gesetze in unserem Land sind. Die Polizei fragt dann: „Gottesdienst oder Kundgebung?“ Ich antworte: „Wir feiern einen Gottesdienst.“ „Werden gesellschaftliche, d.h. politische Themen genannt?“ „Ja, denn jeder Gottesdienst hat etwas mit unserem Alltag zu tun; er ist darauf bezogen,“ ist meine Antwort. „Dann ist es eine Kundgebung und kein Gottesdienst,“ sagt der Beamte. Für uns ist es ein Gottesdienst, auch wenn er unsere Information als Anmeldung einer Kundgebung bearbeitet. (Gottesdienste brauchen nicht angemeldet zu werden.)

Diese Zeiten vor den Gefängnismauern haben uns immer mehr die Augen in unserem Alltag geöffnet. Auf Grund der guten Erfahrungen laden wir gern wieder dazu ein. Das nächste Mal treffen wir uns am Freitag, den 15. Mai 1998, um 16 Uhr in der Grünauerstr. 140 (Straßenbahn 68, S-Köpenick – S-Grünau) zusammen mit den Freunden von Pax Christi, die vom 14. bis 17. Mai einen Kongreß gegen Abschiebung in der Hl. Kreuz Kirche in Kreuzberg veranstalten: „Aktion Jericho. Mauern müssen fallen“.

Berlin 1998, veröffentlicht in der Katholische Kirchenzeitung