2009 Christian Herwartz, Getrennt (keusch) und eins (innig verbunden)

Nur stotternd kann ich mich diesem Thema nähern.

Ich erlebe mich als Verschnittener: „Denn es gibt Verschnittene, die vom Mutterleib an so geboren sind, und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten wurden, und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es!“ (Mt 19,12) Dass zu entdecken und anzunehmen ist ein langer Weg.

Dies sehe ich in Christus nicht als eine Ausgrenzung oder eigene Leistung, sondern mein Hineingeboren sein in die Welt. Von der Welt aus gesehen ist es eine Armut, ein zu überwindender Mangel. In ihm erlebe ich meine Sehnsucht nach seiner Freundschaft, die ich als keusch (getrennt) und innig (eins werdend) erlebe über alle Armutsgrenzen hinweg.

Das als unfruchtbar erscheinende kann im Größeren, in der Beziehung zu ihm, fruchtbar sein. Es schließt alle Menschen ein. Sofort im nächsten Vers, segnet Jesus die Kinder (Mt 19,13).

Der Schmerz über meine Armut – mangelnde Einheitsfähigkeit – wird zur Freude über den empfangenen Reichtum – teilende Verbundenheit. Dieser Geschmack an der göttlichen Weite ist nicht ständig da, aber immer wieder eine gegenwärtig lebendige Erinnerung. Ich darf die unverfügbare Würde jedes Einzelnen neu entdecken und sie achten, aber auch die schmerzhaft vorhandenen Grenzen bei anderen und in mir selbst wahrnehmen.

Selbst Gott gegenüber stoße ich in unserer menschlichen Eingegrenztheit auf solche Grenzen, die sich als Gebote darstellen, ohne sofort die Befreiung wahrnehmen zu lassen, auf die sie hinweisen. Dann ist es für mich wichtig, die göttlichen Anweisungen und die Erfahrung auslegenden eigenen Überlegungen voneinander zu trennen, wie es Paulus in 1 Kor 7 tut. Geschlechtliche Berührung in der Ehe wird bei ihm zum Zugeständnis, nicht zum Enthaltsamkeitsgebot im Hinblick auf die verbleibende knappe Zeit, wie er es selbst befolgt. Ähnlich wie er die Kostenlosigkeit der Frohen Botschaft nicht durch eigene Bedarfswünsche verdecken will, sie aber anderen selbstverständlich zugesteht.
Jesus lässt sich in seiner Freundschaft berühren und weist Menschen deshalb nicht ab:
inneres Mitleid – vielfältige Berührung bei Heilungen
sein Kleid wird von einer Frau berührt – Offenbarmachung der Heilung
Berührt vom Glauben der kanaäischen Frau
berührt von Tränen (Fußwaschung) und Achtung der Frauen
Fußwaschung der Jünger – Eins-werden mit ihnen
Frauen umfassen die Füße des Auferstandenen (Mt 28,9)
„Haltet mich nicht fest.“ (Jo 20,17)

Auch ich möchte mit ihm berühren und mich und ihn in mir berühren lassen.

In der geschenkten – aber nicht immer wahrzunehmenden – Einheit mit ihm stehe ich vor der Not und der Freiheit der anderen und will sie nicht verletzen sondern achten. Gott wird darüber zum Ausgegrenzten, zum Verschnittenen unter uns. Seine die eigene Gewalt verschenkende Achtung in der Freundschaft zu uns wartet keusch vor unseren Mauern und lädt mich auch dazu ein. Gleichzeitig ist seine liebevolle Zuwendung in allem eine unbegreifliche Nähe, die uns einen Weg zueinander öffnet und uns die Möglichkeit öffnet, ihn Christus im anderen zu entdecken..

Tagebuchnotiz 23.11.2009

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