2004 Christian Herwartz, Elemente einer Spiritualität des Widerstandes

Gegen die Mächtigen, gegen die überwältigende Mehrheit glauben und handeln können

So unterschiedlich wir Menschen auch sind, in einem Punkt ähneln wir uns: wir wollen alle geachtet und wenigstens von einigen geliebt werden. Dieser zentrale Wunsch nach Achtung und Liebe ist offensichtlich, auch wenn er manchmal nur noch ganz verängstigt geäußert wird, einige ihn sich selbst nicht mehr eingestehen, weil ihnen ihre Würde oft genug abgesprochen wurde, und andere sogar soweit gehen, versteckt in der Mißachtung anderer, ja sogar in Gewalttätigkeit ihren Hunger nach Liebe herausschreien.
Auch in der Botschaft des jüdisch/christlichen Glaubens – und weit darüber hinaus – bekommen wir bestätigt: Der Mensch ist ein auf Liebe angewiesenes Wesen, jeder hat eine ihm ganz eigene Würde und das Recht auf Achtung und Ehre. So hat Gott den Menschen von seiner eigenen Würde her geschaffen, als sein Ebenbild, als Mann und als Frau.
Die zweite Botschaft des Glaubens heißt: Gott liebt jeden Menschen in seiner besonderen Eigenart. Mit anderen Worten heißt das: Wir sind nicht nur liebeshungrige Wesen, sondern auch schon immer geliebte Frauen oder Männer, auch wenn uns alle anderen Menschen gleichgültig gegenüber ständen, uns verachten oder gar hassen würden. Auf diese Realität der Liebe Gottes zu bauen, ist für mich der entscheidende Ausgangspunkt im Widerstand gegen die Sucht, von möglichst vielen geliebt zu werden, ständig bettelnd anderen hinterherzulaufen und meine Kraft in der Anpassung an herrschende Meinungen, Moden, … zu verbrauchen. Diesen Ausgangspunkt in allen Konflikten mir jeweils neu zeigen zu lassen, scheint mir ein lebenslanger Prozeß zu sein.
Viele Einflüsse unserer Umwelten drängen uns aber in die entgegengesetzte Richtung: Was sollen wir nicht alles tun oder unterlassen, um dazuzugehören. Liebe, Anerkennung – Liebesentzug, Strafandrohung und Strafen sind wichtige Erziehungsmittel und sollen das gesellschaftliche Miteinander steuern. Diese Mittel werden besonders wirkungsvoll von den gesellschaftlich Mächtigen – in der Wirtschaft, Politik, Kultur, Erziehung, Kirche, .. – eingesetzt, aber in vielen direkten oder versteckten Formen wohl von jedem Menschen. Wie unterwürfig sind wir gegenüber diesen Einflüssen unserer Umwelt? Zwar ist die Sozialisation in den Kulturen unterschiedlich, doch alle erhellen und verdunkeln, ja leugnen sogar diese Realität, daß Gott jeden Menschen liebt und ihm so einen Lebensgrundstock dafür gegeben hat, es ihm ein Stück weit gleich zu tun. Wenn ich mich auf diese Realität einlasse, werde ich schrittweise unabhängiger, von dem Diktat meiner Umwelt nach oft bedingungsloser Anpassung. Es ist ein Weg der Entdeckung der eigenen Würde und der Würde vieler anderer Menschen aber auch ein oft schmerzhafter Weg des Loslassens vieler manchmal sehr liebgewordener Unfreiheiten. Es ist ein Weg des Gegenübertretens – ins Angesicht mächtiger Personen, aber auch in Abgrenzung scheinbar übermächtiger gesellschaftlicher Ausgrenzungsregeln, die sich in mir verwurzelt haben. Wenn ich in Konflikten Menschen mit aller Kraft und mit meiner offenkundigen Schwäche gegenübertrete, erinnere ich mich auch schon mal an den späteren König David, wie er ganz überraschend vor Goljat trat, dieser Hirtenjunge mit einer Schleuder vor dem gepanzerten hochgerüsteten Krieger (1 Samuel 17). David hatte sich diesen Konflikt nicht ausgesucht. Seinem Volk wurde die Unterwerfung angedroht und ihr Gott wurde beleidigt. Er hätte keine Kraft, sie zu schützen. Da spürte David, daß er sich der Unfreiheit entgegenstellen mußte, im Vertrauen auf Gott.
Ähnlich sind wir eingeladen, uns trotz des oft verdeckt angedrohten Liebesentzugs und häufig gegen unseren spontanen Willen nicht der herrschenden Meinung zu unterwerfen und auf unsere Einheit mit Gott, unser Gewissen, unser Geliebtsein zu hören. Dabei ist mir folgendes aufgefallen:

* Ähnlich wie der Dank eines Menschen, dem ich etwas Gutes getan habe, kann die Verachtung eines Menschen oder einer Gruppe eine Ehre sein. Die Ausgrenzung aus einer rassistisch reden und handelnden Gruppe kann ich als Kompliment begreifen. Die Einsamkeit und Hilflosigkeit ihnen gegenüber wird dadurch nicht weggewischt, aber die Freude mit meiner Meinung, meinem Grundanliegen erkannt zu sein, hat vielleicht noch ganz verborgen in meiner Wut über ihr Verhalten begonnen Funken zu schlagen.
* Es gibt geheimniskrämerische Angebote des Verstehens, des Vertrauens, der Liebe. Stasi-Offiziere in der DDR – und ähnlich tun es Menschen mit entsprechenden Aufträgen in allen Gesellschaften – gingen bei ihren Anwerbungsversuchen Informeller Mitarbeiter neben den Geldangeboten oft diesen Weg der „Freundschaft“. Sie nutzten wirtschaftliche Notlagen und den Hunger nach Anerkennung für ihr Geschäft aus. Wird jemand von solchen Menschen mit schmutzigen Geschäften angesprochen, ist es wichtig, auch zur eigenen Abklärung anderen davon zu erzählen. Gerade wenn wir zu Geheimhaltung aufgefordert werden, sollten wir möglichst sofort die Veröffentlichung ankündigen, um den Spuk zu vertreiben. Als Agenten der Schnüffler sind wir dann unbrauchbar geworden und wir wissen, ob wirklich ein Vertrauens-, ein Liebesangebot vorgelegen hat. Liebe drängt über kurz oder lang nach Veröffentlichung.
* Wenn ein Vorgesetzter im Betrieb ungerechtfertigt Macht ausübt und wir darunter leiden, ist mir nicht sofort klar, wie ich mich verhalten soll. Es hängt ja auch nicht von mir allein ab, ihn in seine Schranken zu verweisen. Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden, denn unser Verhalten ist ja eine der Voraussetzungen seines Verhaltens. In wieweit spielen wir mit, weil wir untereinander uneins sind? In diesem Prozeß unter uns kann es auch mal notwendig sein, daß ich ihm als Einzelner gegenübertrete. Doch das sollte nicht zur Regel werden. Unser Widerstand gegen Machtmißbrauch sollte offen sichtbar werden. Wie kann ich aber an diesem Ort weiterleben, wenn es nicht dazu kommt? Muß ich gehen, ja manchmal geradezu fliehen oder hat meine Hoffnung auf Veränderung noch genügend Kraft? Die Situation wird zur Hölle, wenn ich diese oder andere Alternativen nicht mehr sehe und nur noch blind durchhalten will. In der bedingungslosen Unterwerfung ist mein Widerstand gebrochen. Manchmal ist nicht die Flucht sondern das Bleiben ein Verlust an Ehre, wenn es den notwendigen Widerstand gegen Unrecht verhindert. In einer solchen oder anderen Notlage erkennen wir die eigenen Unfreiheiten oft sehr schmerzhaft, verdrängen sie wieder oder können sie hoffentlich loslassen.
* Das Wegsehen und Weghören ist oft die spontane Reaktion, wenn wir einen unrecht Behandelten im näheren Bereich z.B. auf der Straße sehen oder davon in der Zeitung erfahren. Das wird zum Training der Abstumpfung, wenn ich nicht irgendwann lerne, wo ich dran bin, mich einzumischen. In manchen Situationen habe ich, manchmal ich allein – in meinem Geliebtsein von Gott, aus meinem Gewissen heraus – die Vollmacht, mit meinen Kräften und Schwächen einzugreifen, und bei vielen anderen Gelegenheiten habe ich sie nicht. Bei dieser Unterscheidung können mir andere Menschen helfen – ja sie sind notwendig beim Erfassen der Situation – doch können sie mir die Entscheidung nicht abnehmen. In der damit verbundenen Einsamkeit bin ich auf mein Fundament – des von Gott Geliebtseins – zurückgeworfen und alles Klatschen oder Spotten der Anderen ist hoffentlich weit weg.
* In der Mitte der Stadt hatten in einer Wagenburg obdachlose und nach anderen Lebensformen suchende Menschen ein Zuhause gefunden. Mit einigen hatte ich Freundschaft geschlossen. Mit einem großen Polizeiaufgebot wurden sie eines Tages vertrieben. Ich gesellte mich dazu und habe mit ihnen gegen die Vertreibung der Armen aus der Stadt mit einer wochenlang andauernden Mahnwache protestiert. Bei eisiger Kälte und unter polizeilicher Kontrolle – wohlwollender und schikanöser – haben wir vor dem Rathaus gewacht und geschlafen. Viele Menschen sind gekommen, haben mit uns gesprochen und uns mit Decken, … und Geld für die zu erwartenden Prozeßkosten unterstützt. Wir haben auf das öffentliche Ärgernis der Vertreibung, der Obdachlosigkeit, der Zerstörung von Lebensräumen zugunsten von Profitinteressen hingewiesen und „natürlich“ die Ablehnung der Herrschenden direkt mittels Behördenvertretern und Polizei und mittelbar durch die Gerichte zu spüren bekommen. In diesen Wochen habe ich nur wenige Menschen erlebt, die uns beschimpft hätten. Wir hatten ja auch eine wirklich vorhandene gesellschaftliche Frage öffentlich gemacht. Aber einige haben um uns einen Bogen gemacht. Sie hielten uns für unerreichbar stark. „Wie könnt ihr immer noch lachen, obwohl eure berechtigten Fragen an den Politikern abprallen?“ war ihre Frage. – Ich habe uns nicht stark gesehen. Wir haben nur unser Not angesichts der reicherwerdenden, repräsentierenden, die Bewohner an den Rand drängenden Stadt öffentlich gemacht. Schwachheit als Stärke? Ja es ist ein Schritt in der Befreiung, im Widerstand, die eigene und die gesellschaftliche Not öffentlich greifbar zu machen und sie nicht mehr zu verbergen, irgendwohin zu verstecken.
* In den Kirchen stoße ich immer wieder mal auf Menschen, die sich für klüger als Jesus, den Sohn Gottes, halten. Das ist neben den schon angedeuteten auch eine der alltäglichen Horrorsituationen. Vielleicht sind sie uns so geläufig, daß wir noch zusätzliche Horrorgeschichten erfinden müssen, um sie wieder zu bemerken.
Manche Christen sagen direkt oder indirekt: Wenn Jesus etwas geschickter, einfühlsamer, ausdauernder gepredigt hätte, vielleicht einige Kompromisse realpolitisch eingegangen wäre, dann hätte er den tödlich ausgegangenen Konflikt am Kreuz vermeiden können. Und sie selbst wollen nach dieser Devise handeln. Diese Überheblichkeit macht mich fassungslos.
Seine Klugheit, seine Behutsamkeit – das geknickte Rohr zerbricht er nicht (Jesaja 24,3) – seine Schuldlosigkeit hat Jesus vor den Konflikten mit den Mächtigen, Ängstlichen, Herrschsüchtigen nicht bewahrt, sondern ihn davor nicht ausweichen lassen. Er konnte dies im Vertrauen auf seine Einheit mit dem Vater tun. Und dazu fordert er uns auch auf.
Ich kenne diese Gefahr auch in mir, mich klüger, mich moralisch besser als andere und selbst als Jesus zu halten. Diese Unfreiheiten in mir sind für mich der größte Horror, vor dem ich gerne ausweichen möchte. Ihm gegenüberzutreten, mich nicht – auch mit Unterstützung anderer Christen – davon einschüchtern zu lassen, ist meine Hoffnung auf einen Weg in die Freiheit für uns alle.

in: Freundeheft Horror 2004