2002 Christian Herwartz, Einheit und Widerstand

Vorweg: Ich bin kein besonders sozialer oder politischer Typ. Trotzdem werde ich so wahr genommen. Aber ich bin religiös „musikalisch“. Schon früh wollte ich Missionar werden, habe gern Obdachlosen und ehemaligen Gefangenen zugehört und bin ein Stück Weg mit ihnen gegangen. Die Versuchung zum Helfen kenne ich und die Einbildung, besser als andere zu sein, auch – beides halten manche für Glauben. Doch im Glauben geht es um das Suchen und Finden von Einheit und Glück; also um das Entdecken der Gemeinsamkeit mit Gott, wie sie sich für Christen in Jesus zeigt. Sie ist gekoppelt an ein Leben der Einheit mit dem Nächsten und kann am Verhalten ihm oder ihr gegenüber geprüft werden. Dann ist der Dienst am anderen eine Antwort auf das Geschenk des Glaubens, also des Weges der Liebe zu Gott und seinen Geschöpfen.

Mit meiner religiösen Veranlagung suchte ich nach einer Gemeinschaft in der Kirche und bin mitten in der Zeit des Aufbruchs 1969 mit 25 Jahren in den Orden der Jesuiten eingetreten. Ich durchlief praktische Zeiten im Krankenhaus, Psychatrie, Obdachlosenheim, machte Geistliche Übungen, arbeitete in einer Umzugsfirma, begleitete Jugendliche und studierte Philosopie und Theologie.

Mitten in dieser Zeit, in der wir koloniale Bevormundungen überwinden wollten, las ich die Berichte von Basisgemeinden in Lateinamerika und die Reflexion dieser Erfahrungen in der Theologie der Befreiung. Die Freude darüber beschränkte sich nicht auf die Zeiten des Studierens und der Gespräche mit Lateinamerikanern, sondern ich entdeckte sie auch regelmäßig an den Tagen, an denen ich vor einer Firma um Arbeit anstand. Diese Tage harter, manchmal krankmachender Arbeit eröffneten mir einen besonderen Zugang zu den in der Bibel aufgezeichneten Erfahrungen

Ich bekam Hunger nach den erzählten Befreiungen, besonders der aus der Sklaverei in Ägypten, aber auch nach der Befreiung von staatlicher Bevormundung, die die Macht der Wohlhabenden und Einflußreichen und ihre Absicherungs- und Ausbeutungsverhalten schützt. In der Bergpredigt preist Jesus die nach Gerechtigkeit hungrig und durstig Gewordenen glücklich, denn sie werden gesättigt werden (Matthäusevangelium 5, 6). Ich begann den Sinn dieses Satzes zu ahnen und freute mich über das Teilen von allem materiellen und menschlichen Reichtum, also über die Solidarität, wie sie für die Urgemeinde in der Apostelgeschichte beschrieben wird (2,44).

In der lateinamerikanischen Theologie geht es um Befreiung und Gemeinschaft, die sich nur über den Einschluß der gesellschaftlich Ausgegrenzten finden läßt; sie sucht nicht den Austausch der Herrschaft, sondern deren Überwindung. So wunderte mich nicht die Ablehnung dieser auch zur Wertschätzung der Menschen am Rande der Gesellschaft aufrufenden Theologie in Deutschland, die ja eine Aktualisierung der befreienden Botschaft Jesu ist, da sie das strukturelle Unrecht – die strukturelle Sünde – beim Namen nennt. Etwas naiv wurde sie meist nur als moralische Aufforderung zum Machtverzicht gehört und spontan abgelehnt.

Dieses Verhalten ist auch eine Reaktion auf die kirchliche Verkündigung des Glaubens, in der er oft zu einer Moralvorstellung verkürzt wird, die zudem mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht Schritt hält. Die spirituelle Dimension der Theologie wird selten gesehen.

Warum entstehen in Deutschland nicht überall Basisgemeinden als lebendige Keimzellen von Gemeinschaft und Widerstand, in denen eine neue brüderlich-schwesterliche Gesellschaft praktiziert wird? Das war meine erste Frage. Und ich sah, wie die Menschen unserer Gesellschaft durch den wirtschaftlichen Druck individualisiert werden und sich in unterschiedliche Lebensbereiche – wie Arbeit, Gesundheit, Freizeit, Privates – voneinander abschotten. In keiner Gemeinde können sich wie in den lateinamerikanischen Basisgemeinden die vor Ort wichtigen Bereiche so spiegeln, dass darauf angemessen solidarisch reagiert werden kann. Die politischen, gewerkschaftlichen, kulturellen, religiösen Versammlungen begrenzen sich in ihren Themen und sehen nur selten über die darum gezogenen Zäune.

Wir haben in unseren Städten gelernt, mit unterschiedlichen Identitäten – sogar in uns selbst – nebeneinander her zu leben, die nicht mehr in einer gemeinsamen auch religiösen Identität zusammengehalten sind. So brachte mir der Traum nach widerständigen, nach Befreiung hungrigen Basisgemeinden als Grundlage einer sozialen, psychologischen, philosophischen und theologischen Reflexion der Befreiung auch den Vorwurf ein, ich würde das längst nicht mehr existierende Dorf oder ein abgegrenztes Milieu, ein Getto suchen, wo jeder und jede mit den unterschiedlichen Begabungen und Aufgaben im Gemeinsamen eingebunden ist.

Welches Ziel konnte ich nun für mein Suchen benennen? – Ich wollte und will unsere Gesellschaft von den Armen her sehen in Einklang mit Jesus, dessen Befrei-ungsweg über die Begegnung von Ausgegrenzten und das Teilen der Güter führt. Das Lukasevangelium umreißt Jesu Lebensprogramm knapp im vierten Kapitel, Vers 18f. Darin wird ausdrücklich die Einführung des Jobeljahres genannt. Alle 50 Jahre soll das Land, das Voraussetzung für ein autonomes bäuerliches Leben ist, neu unter der Bevölkerung aufgeteilt werden; alle Schulden und Gefangenschaften sind aufgehoben. Dieses grundlegende, göttliche Gesetz, wie es im 3. Buch Mose (Leviticus) im Kapitel 25 dargelegt ist, wurde und wird ständig übertreten. Dadurch verfestigt sich Unrecht und notwendige Neuanfänge werden oft zu Träumen. In dieser Situation ist nach dem Glauben der Christen Gott Mensch geworden. Jesus versucht die Wiedereinführung des Jobeljahres – so nehme ich sein zentrales Anliegen wahr – nicht mit staatlichen, bürokratischen oder anderen Gewaltmitteln, sondern er setzt auf unseren Hunger nach Gerechtigkeit. Er läßt sich lieber von Gewalttätern, die wir wohl alle direkt oder mittelbar sind, bis in die Vernichtung ans Kreuz ausgrenzen, als seinen Weg zu verlassen. Er zeigte und zeigt uns z.B. mit den Erfahrungen in Lateinamerika, dass wir selbst in der Vertreibung oder persönlichen Vernichtung unsere Würde nicht verlieren, die Gott uns schenkte und zu dem wir mitten in aller Verachtung eine persönlich-intime Beziehung haben dürfen.

Meinen Lebenshunger benannte ich nach dem Studium:
Der Wunsch solidarisch zu leben.

Unterdessen lernte ich die Bewegung der Arbeiterpriester kennen. Sie entstand im und nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den romanischen Ländern Europas. Im Krieg nahmen einige Franzosen – um der Seelsorge an ihren Landsleuten willen, die sonst nicht möglich war – das Leben als Fremdarbeiter in Deutschland auf sich. Einige fanden dabei den Tod im KZ. Vielen öffneten die Erfahrungen dieser Zeit die Augen für den anstehenden eigenen Klassenwechsel.

Das Leben als Arbeiter MIT den Kollegen und Kolleginnen wurde wichtiger als ein distanziert funktionales Leben FÜR Notleidende. Sie tauchten ein in die Arbeiterbewegung. Ihre Reflexionen wurden strukturiert vom Sehen, Urteilen und Handeln. Diesen Dreischritt hatte ich in der Befreiungstheologie kennengelernt. Das Hören, Unterscheiden und Antworten ist ein an der Wiklichkeit orientierter Prozess, der Erfahrungen ernst nimmt. Über den Kontakt mit Arbeiterpriestern stieß ich auf historische Wurzeln dieses Bemühens.

Drei Jahre arbeitete ich dann in Frankreich und lebte zusammen mit anderen Jesuiten in der Arbeitswelt. In dieser Lehrzeit, in der ich auch zum Dreher ausgebildet wurde, ließ ich mich mehr auf einen Wechsel des Lernens ein. Mir wurde klar, es geht weniger um das Erlernen von Definitionen, Regeln und Grundsätzen wie im Studium, sondern um das Hinsehen auf Erfahrungen, sie mit allen Freuden und Schmerzen zuzulassen, sie zu unterscheiden und sich mit anderen an ähnliche Erfahrungen zu erinnern und darüber zum gemeinsamen Handeln zu finden.

1978 gründeten wir Jesuiten eine neue Gemeinschaft von Arbeitern in Berlin. Ich fand als Dreher Arbeit in der Elektroindustie. Es gab viel zu lernen im Beruf, in der Gewerkschaft, in den Beziehungen mitten in einer vom Kapital beherrschten Welt. Wir fanden eine Wohnung in Kreuzberg in der Nähe der Mauer mitten in den Kämpfen gegen die Zerstörung des Stadtteils; es gab viele besetzte Häuser und andere Initiativen, die sich mit einigem Erfolg gegen den Abriß wehrten, um das multikulturelle Zusammenleben weiter zu ermöglichen. Das Leben als Gastarbeiter in Frankreich hatte mich eingeführt in das Leben dieses multikulturell-multireligiösen Volks hier. Die meist manuell arbeitenden Menschen aus unterschiedlichen Ländern nahmen mich auf.

Mit Freude darüber sehe ich nun auf fast 25 Jahre in Berlin zurück und kann viele Geschichten darüber erzählen, wie ich mit dem Weg der Theologie der Befreiung in meinem Umfeld verbunden bin.

Gern sage ich: Ein Dreher in Sao Paulo oder ein Kollege anderswo steht mir näher als mein deutscher Meister, wenn er uns gegeneinander ausspielt. Diese internationale Gemeinsamkeit ist tragend geworden. Sie wird konkret durch Besuche, Versammlungen, Reisen oder einfach im Alltag auf der Arbeit, im Stadtteil, in unserer Wohnung. Über sie freue ich mich auch mitten in Konflikten. Ohne sie wird mein Leben ärmer: Ich verliere einen wichtigen Teil meiner und unserer menschlichen Würde.

Als türkische Kolleginnen und Kollegen friedlich vorm Werkstor standen, wurden sie einmal von Polizisten angegriffen, die einer rechtsgerichteten Partei angehörten, wie mir ihr Vorgesetzter später erzählte. Ich stand mitten unter ihnen und wurde als Deutscher nicht Opfer dieses rassistischen Überfalls. Aber ich sollte eine Strafe zahlen, weil ich dieses Vorgehen rügte. Die Anzeige gegen die Polizisten, die 15 Personen verletzten, wurde nicht aufgenommen. Die Kollegen begleiteten mich zum Gefängnis, als ich die Strafe nicht zahlen wollte. Da spürte ich eine Solidarität, mit der ich auch andere begleiten möchte. – Hier muß ich heute das Erzählen abbrechen.

International werden die Theologinnen und Theologen aus unterschiedlichen Kirchen, die in zivilen Berufen arbeiten, Zeltmacher genannt, weil der Apostel Paulus auf seinen Missionsreisen den Beruf des Zeltmachers ausübte. Unsere deutschsprachige Gruppe nennt sich Arbeitergeschwister.

Bonn Juni 2002, in: ila, Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika