2008 Christian Herwartz, Einer noch unverstandenen Sehnsucht nachgehen

Meine Spiritualität als Arbeiterpriester

Als ich mit gut 20 Jahren nach einer religiösen Gemeinschaft suchte, mit der ich durch mein Leben ziehen kann, da entdeckte ich die Kleinen Brüder und war von ihrer Lebensweise fasziniert. Sie haben mit ihrer Spiritualität einen wichtigen Aspekt Jesu neu entdeckt: Jesus, der auch schon vor seinem öffentlichen Auftreten Gottes Sohn war. Auf sein Leben in Nazareth richten sie sich aus und suchen die in unserer Gesellschaft nicht im Blickpunkt stehenden Menschen auf. Sie teilen das Leben mit ihnen still als Brüder und antworten so auf die Freundschaft Gottes, der keinen von seiner Liebe ausschließt. Die Solidarität Gottes fordert uns besonders dort heraus, wo Menschen in unserer Gesellschaft gewöhnlich beiseite geschoben werden. In der Nähe der Kleinen Brüder fühlte ich mich sofort zuhause.

Aber eingetreten bin ich in die Gesellschaft Jesu, wie sich die Jesuiten nennen. Dort wurde ich mit meiner Liebe zu der viel jüngeren Gemeinschaft der Kleinen Brüder etwas ungläubig angesehen. Doch ihr Hunger nach Freundschaft mit dem unter uns lebenden Christus in unseren Nachbarn und Arbeitskollegen faszinierte mich weiter. Deshalb schlug ein ältere Jesuit dem Novizenmeister vor, mich besser in der Probezeit zu entlassen. Dieser hörte nicht auf seinen Rat. Aber oft wurde der Kopf geschüttelt über die Freude, die ich über den Weg von Charles de Foucauld empfinde, auf den sich die Kleinen Brüder und Schwestern berufen. Seine Spiritualität hat wohl vielen Menschen in der Kirche beigestanden, die nach einem Weg der Solidarität mit manuell arbeitenden Menschen suchten. Dieser Schritt wird als Klassenwechsel erfahren. Der Gedanke des Helfens wird durch den des Mitlebens ersetzt. Der Weg vom Für zum Mit ist dann ein längerer Bekehrungsvorgang, er ist wie eine Ausreise in eine fremde Welt. Entgegen älterer missionarischer Vorstellungen, die die Botschaft Jesu in eine Gott ferne Welt bringen wollen, geht es jetzt um das Entdecken Jesu, der uns an dem Ort erwartet, an den er uns ruft. Das kirchlich wichtige Wort „Sendung“ hat in der Gottesbeziehung keinen Platz. Jesus sucht Gemeinschaft mit den Abgedrängten, den Zöllnern und Sündern. Wir sehen ihn nicht nur in den Durstigen, Hungrigen, Kranken, Fremden und Gefangenen (Mt 25,21-46), sondern auch in allen anderen Menschen, die von den Mächtigen beiseite geschoben werden, weil sie ihren privaten Reichtum gefährden, weil sie allein das Sagen haben oder im Mittelpunkt stehen wollen.

Im zweiten Jahr des Philosophiestudiums erzählte mir mein Mitbruder Michael Walzer seine Erfahrungen als Schüler. Im Dorf gingen alle Kinder in dieselbe Schule. Später setzten sie ihre Ausbildung auf unterschiedlichen Wegen fort. Alle benutzten die Straßenbahn bis in nächsten Ort: Die Lehrlinge hinten und die Gymnasiasten vorne. Die Kommunikation zwischen ihnen war weitgehend abgerissen. Mit dieser Erfahrung verdeutlichte er den Riss in der Gesellschaft, den er in vielen Situationen spürte. Durch sein Engagement in den Gruppen deutsch-französische Aussöhnung und beim Jugendtreffen in Taizé war er sensibilisiert für ausgrenzende Situationen. In einer Vorlesungspause fragte er mich 1971, ob ich mit ihm über diesen gesellschaftlichen Graben gehen will. Wir könnten zwei Jahre in einer Fabrik Arbeit und Kontakt mit den Menschen suchen, die wir hier im Studium nicht finden. Ich sagte für mich überraschend innerhalb einer Minute: „Ja, ich komme mit.“ Unser nun gemeinsames Anliegen brachten wir in die Ordensgemeinschaft ein und wurden zuerst nicht gehört. So hatte es Zeit noch sieben Jahre unter uns zu reifen, bis wir dann 1978 zu dritt eine kleine Kommunität in Berlin-West gründeten und uns für manuelle Arbeiten in unterschiedlichen Firmen bewarben und damals auch noch schnell fanden.

Die Jahre der Vorbereitung

In diesen Jahren der räumlichen Trennung von Michael, der zwei Jahre eine Jugendgruppe in Ravensburg betreute, dann in Innsbruck Theologie studierte und noch ein Jahr in Toulouse in einem Lager Tierfelle ein und aus lud, ging ich zuerst nach Frankfurt und studierte Theologie. Jeweils Donnerstags arbeitete ich in einer Umzugsfirma als Möbelträger und LKW-Fahrer. Eines Tages lernte ich den französischen Jesuiten Thierry Geisler kennen, der in Vorbereitung auf eine neue Kommunität von Arbeiterpriestern 1,5 Jahre in Nürnberg arbeitete. Ein anderer Mitbruder war gleichzeitig in Spanien und ein anderer in Portugal. Sie wollten nach Toulouse gehen, wo viele Gastarbeiter lebten. Thierry, Vincent und Bernhard wünschten dieser Lebenssituation nahe zu sein. Thierry lud mich zum halbjährlichen Treffen der deutschen Arbeiterpriester in Mainz ein und später am Ende meines Studiums auch in seine Kommunität nach Toulouse.

Mit Michael hielt ich Kontakt. 1974 lud uns die kleine Gemeinschaft der Dominikaner nach Bottrup ein. Wir suchten dort für einige Wochen eine Anstellung im Umkreis der Kokerei. Zwei der Dominikaner hatten selbst dort länger gearbeitet. Ganz in der Nähe wohnte auch der Kleiner Bruder Michael in einem Barackenviertel eingegrenzt von zwei Autobahnen und einer belebten Eisenbahnstrecke. Dieser Kontakt mit Gleichgesinnten bestärkte uns in unserem Vorhaben. Unsere eigenen Erklärungsversuche waren wohl noch sehr holprig. Auf jeden Fall konnten wir uns im Orden schwer verständlich machen. Mit dem Wunsch, Seelsorger für Arbeiter zu sein, hätten wir offene Ohren gefunden. „Doch warum wollt Ihr selbst Arbeiter werden?“ fragten die Mitbrüder verständnislos.

Im Jahr 1974/5 wurde das weltweite Ordensparlament (die Generalkongregation) in Rom zusammengerufen, das die Identität von uns Jesuiten knapp formulierte: „Einsatz für Glauben und Gerechtigkeit“. Die weltweitenUmbrüche – Theologie der Befreiung, Abschütteln der Kolonialherrschaft, das Konzil, die Arbeiterpriester, usw. – hatten diesen neuen Zugang zu unserer Berufung freigelegt. Bei seiner Rückkehr aus Rom fragte mich der Verantwortliche für die Studienen im Treppenhaus: „Christian, arbeitest du noch (als Möbelträger)?“ Ich sagte: „Ja“. Damit war die vorher noch ausstehende Entscheidung, ob ich im Anschluss an das Studium nach Frankreich gehen kann, beantwortet. Es wurden keine Theorien mehr abgefragt, sondern das Tun hatte den Ausschlag gegeben. Eine verständliche Aussage über meine Hoffnungen war mir nur sehr umrisshaft möglich. Ich wollte lernen Ungerechtigkeiten zu sehen und mich mit anderen zusammen dafür einsetzen, dass sie eingegrenzt oder beseitigt werden.

In Toulouse fand ich eine Anstellung als Pressenführer in einer neuen Fabrik der Aluminiumverarbeitung und lebte mit sieben anderen Jesuiten in einer Kommunität. Wir hatten zwei Wohnungen in unterschiedlichen Stadtteilen und lernten auf die Impulse der Kollegen zu hören. Nach einiger Zeit verfestigte sich die Hierarchie im Betrieb und die Ungerechtigkeiten wurden immer deutlicher sichtbar. Ich trat in die Gewerkschaft ein und wurde bald darauf entlassen. Nach einer Besinnungszeit ließ ich mich in Straßburg zum Dreher umschulen und fand dann als Zeitarbeiter in verschiedenen Firmen in Paris Arbeit. Zusammen mit zwei anderen Jesuiten gründeten wir dort eine neue Kommunität.

Mein Volk

Neben den Demütigungen bei der Arbeitssuche und im Arbeitsalltag kann ich in dieser Zeit die vielen Gelegenheiten zu einem ermutigenden gegenseitigen Lächeln und unterschiedliche Gesten der Solidarität aufzählen. Während langer Zeiten der Einsamkeit und der Unsicherheit sind sie die Landeplätze, an denen ich den Mut fand, in der Solidarität mit meinen Kollegen und Kolleginnen weiter zu gehen. Die freundschaftlichen Beziehungen zu Marcel während der Umschulung brachten Ruhe in mein durch die Entlassung aufgewühltes Selbstverständnis. Doch ich war in der Situation eines Gastarbeiters immer noch vorrangig dabei, zu den anderen zu finden und hatte kaum ein Gefühl für mich selbst. Besonders im Blick auf die Rückkehr nach Deutschland lag ein großer Rechtfertigungsdruck auf mir, warum ich Arbeiter geworden bin. „Dies ist doch im Blick auf die gesellschaftliche Veränderung ein erfolgloser Ansatz,“ wurde mir gesagt. Trotz meiner inneren Klarheit und dem Wissen um den Weg Jesu verfolgte mich diese Infragestellung in stillen Stunden und das innere Antwortkurassel produzierte Rechtfertigungen: „Das Wahrnehmen und die kollektiven Reaktionen von uns Arbeitern und Arbeiterinnen ist sehr notwendig, denn Veränderung im Vergessen der Mehrheit des Volkes sind ein Verfestigen der Ungerechtigkeit.“ Diese psychologischen Gewitterwolken, vor der ich mich innerlich schützen wollte und die mir den lockeren Zugang zu den Kollegen verwehrten, waren in Paris bei einem Tag der Immigè plötzlich wie weggeblasen. Ich hatte das Gefühl, das ich das Volk gefunden habe, zu dem ich gehöre. Vieles konnte ich nicht in der Landessprache ausdrücken und ich hatte nicht alle Rechte wie die Einheimischen. Doch dieses Vergleichen war jetzt verschwunden. An diesem Tag war ich nicht in einer gewollten Gleichheit sondern in einer realen. Es ergriff mich eine große Freude. Ich fühlte Einheit in mir mit meinen sozialen, politischen und religiösen Vorstellungen. Unsere Kultur als Immigé ist vielfältig und fand an diesem Tag einen mitreißenden Ausdruck.

Ich hatte von den Arbeiterpriestern in Frankreich gelernt, dass wir uns für das Mitleben und Arbeiten entschieden haben. Doch bleiben wir bis zu unserem Lebensende Lernende, da wir nicht von Geburt weg dazugehören. Das ist wahr. Ja ich will lernen, in dieser neuen Welt der Solidarität mich von den oft Verspotteten leiten zu lassen. Aber es ist kein Weg der Entfremdung von meinen Grundwerten, die ich langsam neu entdecke. Ignatius von Loyola, auf den wir Jesuiten uns berufen, war Pilger. In diesem Wort drückt sich sein und auch mein Lebensgefühl aus. Unter den Immigrés konnte ich mit ihm auf neue Weise Pilger sein.

Rückkehr nach Deutschland

Wohin sollten wir nach Deutschland gehen und unser Leben mit den Kollegen auf der Arbeit teilen? Michael und ich machten einige Vorschläge. Wir suchten industriell geprägte Orte und die Nähe zu einer Jesuitenkommunität. Nach Berlin-West wurden wir eingeladen und gingen im Herbst 1978 dorthin. Michael fand Arbeit in der Warenannahme und ich als Dreher in zwei großen Elektrokonzernen, Peter als Tellerwäscher in einem Restaurant und wir wohnten in einem Wohnheim zusammen mit Menschen aus 35 Nationen. Später suchten wir eine Wohnung in Kreuzberg und Peter ging zu den Straßenkindern nach Bogota. Franz kam zwei Jahre später dazu und Michael starb 1986 an einem Gehirntumor. Im Laufe der Jahre zogen Menschen aus 70 Nationen in die Kommunität ein und schufen einen Ort der Gastfreundschaft.

Nach einer langen Phase des stillen Mitlebens auf der Arbeit wurde ich in den Vertrauenskörper im Betrieb und auch in das Berliner Parlament der Gewerkschaft gewählt. Dadurch konnte ich etwas mehr von dem Geld orientierten System unserer Gesellschaft wahrnehmen. Dieser Blick wurde noch geschärft durch häufige Besuche bei Freunden in Berlin-Ost und in der DDR. Neben der Sprache im Betrieb und in den politischen Gruppen im Stadtteil lernte ich auch jene im Osten verstehen und nutzen. Prägend waren auch Gefängnisbesuche, besonders bei politischen Gefangenen aus de RAF. Freundschaftliche Beziehungen wuchsen an den unterschiedlichen Orten. Die Liebe zu den je Ärmeren wurde besonders in Verbindung mit Hausbesetzern und streikenden Obdachlosen deutlich. Hinzu kam die Begleitung von jungen Erwachsenen, die ein Soziales Jahr in Berlin machten, das vom Orden angeboten wurde.

Mitten in dieser Vielfalt war die regelmäßige Arbeit wie eine Verwurzelung in der Realität der gesellschaftlichen Abhängigkeit. Das Zusammenleben mit den Kollegen und Kolleginnen wurde von vielen Ereignissen herausgefordert: Auseinandersetzungen mit der Abteilungs- und Firmenleitung, Drohungen, Entlassungen, Unfälle, Krankheiten und Todesfälle, Feste, Jubiläen, Gefängniszeiten, der Wechsel in eine ungelernte Lagertätigkeit und stille, einsame Zeiten an der Maschine. Die Arbeit ist wie eine Schule für uns Arbeitergeschwister, in der die Solidarität herausgefordert und gelebt werden kann.

Gut begleitet fühlte ich mich in all den Jahren an der Seite von Jesus, der geradezu immer neben mir ging. Er führte mich in den Weg der Anteilnahme ein und nach ihm suchte ich in allen Herausforderungen und fand in seinem Leben vorbildliche Entscheidungen. Doch dann wurde ich über 40 Jahre alt und ich bemerkte, dass er in seinem Leben schon gestorben war. Er hatte die Krise in der Mitte seines Lebens nicht erfahren. Ich konnte ihm nicht mehr so direkt nachfolgen. Verdutzt bemerkte ich, wie ich jetzt erwachsen selbstständig weitergehen musste. Es war ein Erlebnis der Gottferne. Diese Lebensetappe habe ich auch bei vielen Menschen meiner Umgebung festgestellt und habe eine innere Solidarität mit ihnen gespürt. Das war wieder ein Schritt der Integration.

Im Jahr 2000 wurde das Lager geschlossen, in dem ich arbeitete, und ich wurde zusammen mit allen Kollegen und Kolleginnen entlassen. Jeden von uns traf diese Entlassung auf unterschiedliche Weise.

Da ich eine gute Rückbindung in der Wohngemeinschaft und in vielerlei Engagements hatte, erlebte ich die Arbeitslosigkeit zuerst wie einen langen Urlaub. Doch dann musste ich mich der existenzbedrohenden Verachtung stellen, die ich nun wahrnahm und die mich zeitweise völlig lähmte. In dieser Etappe meines Arbeitslebens wurde mir ähnlich wie bei Unfällen, Streiks, usw. nochmals ganz handgreiflich deutlich, mein Leben als Arbeiter ist kein Spiel. Viele Kollegen haben wir kurz nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess beerdigt. Starben sie als Ausgesaugte in dieser vom Engagement abgetrennten Verachtung?

Ein Weg der Menschwerdung

Während der einundzwanzig Jahren in einem Berliner Elektrobetrieb war ich überzeugt, dass ich mit meinem Leben auf einen Ruf Gottes antworte. Aber ich wusste nicht, warum er mich hierher gerufen hatte. “Hab Geduld,“ spürte ich als Antwort in mir. Jetzt kann ich im Rückblick auf diese Zeit sehen und bemerke: Ich bin einen Weg der Menschwerdung geführt worden. Wir Arbeiterpriester und viele Menschen in ähnlichen Situationen haben unsere alte Heimat aufgegeben und eine neue Heimat unter vormals Fremden gesucht. Der Weg der Inkulturation beginnt mit diesem Loslassen. Die Liebe beginnt mit dem Einswerden mit dem Anderen. Doch es ist kein Verschmelzen, das die Eigenheiten der zusammenfindenden Personen zerstört. Der zweite Schritt in der Menschwerdung ist wohl das Entdecken mitten in der Gemeinsamkeit die eigene Begabung und der spezifische persönliche Beitrag. Nicht nur die unterschiedlichen Gelegenheiten sondern auch unsere Begabungen ließen uns Arbeitergeschwister ganz unterschiedliche Wege gehen. Manche setzten sich eher in gewerkschaftlichen Strukturen ein, andere in nachbarschaftlichen Beziehungen oder bei weltweiten Friedensthemen, oder für strukturell oder individuelle Gerechtigkeitsthemen.

Auch Jesus hat seine göttlichen Privilegien zurückgelassen und ist Mensch geworden. Er hat sich als Kind in unsere Hände gelegt und hat gelernt, als Mensch zu leben und zu entscheiden. Lange war er unsicher, was seine Aufgabe als Mensch sein würde. Die Gefangennahme von Johannes dem Täufer war dann für ihn das Zeichen, die Predigt von Johannes mit seiner Freiheit fortzuführen und sein eigenes Leben für die von ihm gesehene Wahrheit einzusetzen. Für mich ist es ein großes Geheimnis, was Gott in seiner Liebe antrieben hat, uns gleich zu werden, ohne seine Eigenständigkeit zu verleugnen.

Wir Arbeitergeschwister sind durch viele Etappen in die Einheit mit Kolleginnen, Kollegen auf Arbeit und vielen anderen Menschen gegangen. Viele Bilder von anderen und von uns selbst haben wir beiseite gelegt und viele Entfremdungen entdeckt. Manche wurden uns abgenommen, in anderen stecken wir weiter tief drin. Was hat uns in der Liebe zur Einheit auf diesen Weg der Menschwerdung angetrieben? Sicher auch ein Funke der Liebe Gottes, die Jesus zur Menschwerdung eingeladen hat. Ich hatte meine Not damit, nicht nur Teil eines Kollektivs zu sein, sondern darin das gemeinsame Leben bereichernd meine Gaben zu entdecken, mit denen ich dann auch oft alleine da stand. Diese Einsamkeit hat Jesus auch erlebt und er ist durch die dann anstehenden Konflikte gegangen. Doch die Beziehungen zu uns Mitmenschen hat er nicht abgebrochen.

Als wir mit der Kommunität in Kreuzberg eine Wohnung bezogen, sagten mir die Kollegen: „Dort besuche ich dich nicht.“ Der Stadtteil war heruntergekommen und sollte abgerissen werden. Die Kollegen und Kolleginnen wohnten in anderen Gegenden der Stadt. Sie fürchteten sich vor dem Leben bei uns und die diffamierende Presse half ihnen dabei. Die Kämpfe im Stadtteil erschreckten sie. Darin wollten sie nicht verwickelt werden. Die Grenze zum mehr subproletarischen Lebensbereich war ähnlich deutlich abgesteckt wie zu den Arbeitgebern. Es war wohl auch die Angst ihre – auch erkämpften Rechte – wieder zu verlieren. Die Gefahr, selbst obdachlos zu werden, ist ja nie ganz gebannt.

Eine neue Etappe der Menschwerdung

Mit der Entlassung aus dem Betrieb war der alltägliche Kontakt am Arbeitsplatz nicht mehr möglich. Ohne es zu ahnen, war ich aber auf diese Zeit vorbereitet worden. In der Begleitung der Freiwilligen in ihrem sozialen Jahr hatte ich oft die Geschichte von Mose gelesen, wie er in einem fremden Land aufgenommen wurde, eine Familie gründete und die Schafe seines Schwiegervaters in der Steppe hütete. Er hatte sich nicht in die Kultur und Religion seiner Umgebung assimiliert und seine Sehnsucht nach Heimat und die Tradition seiner Vorfahren bewahrt. Seinen Sohn nannte er Gerschom – Gast in der Fremde. (Ex 2,22) Mit 80 Jahren ging er mit den Tieren über die Steppe hinaus in die Wüste. Er wollte zum Gottesberg Horeb. Seine Sehnsucht hatte ihn über das Bekannte hinaus geleitet.

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