2009 Christian Herwartz, Die sich wandelnde Arbeitswelt in Deutschland

Arbeitsplätze im landwirtschaftlichen und industriellen Bereich werden immer seltener angeboten. Rationalisierung und Verlagerung ins Ausland sind dafür wichtige Gründe. Ein Teil dieser Arbeiten wird dort in Freihandelszonen durchgeführt, in denen Firmen besonders junge Menschen ausbeuten, wenig Steuern zahlen und ihre Betriebe gewerkschaftsfrei halten.

Eine ähnliche Tendenz gibt es auch im Inland bei Arbeiten, die man nicht ins Ausland verlagern kann. Auch hier sind ähnlich wie in Übersee „Freihandelszonen“ entstanden. Die hier beschäftigten Kolleginnen und Kollegen wurden oft privat, gewerblich oder kriminell aus dem Ausland herbeigeholt und leben ohne Papiere. Sie müssen sich mit einem sehr geringen Lohn zufrieden geben – oft wird ihnen gar kein Lohn ausgezahlt und gesundheitsschädigende, schwere Arbeiten zugemutet; die Arbeitgeber zahlen keine Steuern und Sozialabgaben. Schon bei legal angeworbenen Arbeitsimmigranten fallen Ausbildungsausgaben weitgehend weg, bei den Papierlosen gibt es keine Ausgaben für die nächste Generation und die „Entsorgung“ im Krankheitsfall, im Alter ist sichergestellt. Der Staat übernimmt die Abschiebekosten.

In der Logik des kapitalistischen Systems entstand z.B. im Baugewerbe durch ausländische Firmen, die nicht die erkämpften Standards im Land erfüllen müssen, ein Wettbewerbsdruck. Um Gewinn und einige Arbeitsplätze für Einheimische zu retten, werden unterbezahlte papierlose Arbeiter angeworben. Ähnliches läßt sich auch bei größeren industiellen Firmen beobachten, die Betriebsteile auslagern, Subunternehmen Arbeiten überlassen, usw.

Restaurants, Putzkolonnen und Schlachthöfe bedienen sich ebenso dieser Form der Migration. Arbeiten in diesen Bereichen sind weitgehend – ähnlich wie in der Landwirtschaft – so schlecht entlohnt, dass Einheimische mit ihren Ausgaben für Wohnen, Nahrung, Gesundheit, Kindererziehung, usw. sie nicht mehr annehmen können.

Ähnliches gilt für notwendige Dienstleistungen in der Betreuung von alten oder kranken Menschen oder Kleinkindern im privaten Bereich. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist im legalen Bereich so teuer geworden, dass sie sich auch Menschen im Mittelstand nicht mehr leisten können. Auch sie werben über entsprechende Dienste – z.B. im Internet – Arbeitskräfte im Ausland an. – Ein zusätzliches Feld papierloser Arbeit ist die Sexarbeit.

In Deutschland werden Menschen aus dieser entwürdigenden Situation sehr selten legalisiert. So versiegt diese Quelle billiger Arbeitskräfte nicht und die herrschende Ideologie ändern sich nicht, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die oft brutale Abschiebepraxis vor allem im Dienst der Lohndrücker und Rassisten scheint von einer Mehrheit gerechtfertigt.

Wir sind von dieser veränderten Arbeitswelt betroffen und reagieren in unserem solidarischen Engagement

– in Übersee, um den realen Migrationsdruck zu verkleinern und Lebensqualitäten zu erhalten,
– in der eigenen Arbeitsuche und im Kontakt mit Migranten, um uns dieser Realität zu stellen und die Gesichter unserer Kolleginnen sehen zu können;
– im Stadtviertel und in unseren Wohnungen, um das Leben mit ihnen zu teilen;
– in den Gefängnissen, um die Freunde nicht allein zu lassen.

Wir arbeiten nicht mehr unter Bedingungen, die weitgehend durch soziale Gesetze abgesichert und gewerkschaftlich ausgehandelt sind. Viele Absicherungen sind zerstört, so dass immer mehr Menschen auch aus der Mittelschicht unter die Armutsgrenze fallen, besonders Familien mit Kindern. Die weltweite Angleichung im wirtschaftlichen Bereich, bei der einige Reiche viel reicher und die große Mehrheit ärmer wird, nimmt deutlich zu. Staatliche Lenkung fördert weitgehend diese Entwicklung und leistet immer weniger Widerstand.

Im September 2004 wurde mit Unterstützung der Gewerkschaft Bau, Steine, Erden der Europäische Bund der Wanderarbeiter gegründet, durch die KollegInnen Unterstützung finden, die bisher nicht organisierbar sind. http://www.migrant-workers-union.org
Das gemeinsame religiöse Anliegen: Frieden

Unser Jahrtausend beginnt mit einem erschütternden Ereignis: Am 11. September 2001 wurden gewaltsam zwei Hochhäuser in New York zerstört und viele Menschen starben in ihnen. Das ist ein Schock für viele sich in Sicherheit wiegende Menschen. Ein Symbol des westlichen Wirtschaftssystems lag in Trümmern am Boden.Die ungezügelte Marktwirtschaft stand nach dem Fall der Mauer in Berlin doch gerade als Sieger da. Der amerikanische Präsident wollte die Vorherrschaft zurückgewinnen und zettelte einen Krieg gegen den Irak an und suchte Verbündete.

Im Gegensatz zu dieser Reaktion versammelte sich eine kleine Gruppe von Menschen aus verschiedenen Religionen in Berlin. Sie lud im Zusammenhang mit den Friedensdemonstrationen zu Friedensgebeten ein.

Doch der Irak wurde unter erlogenem Vorwand angegriffen und viele Menschen starben und sterben in diesem Krieg. Da entschloss sich die Gruppe jeden 1. Sonntag im Monat um 15 Uhr auf dem Gendarmenmarkt vor dem Deutschen Dom, weiter zu Friedensgebeten einzuladen. Die Teilnehmenden kommen aus unterschiedlichen Religionen oder sind ungebunden. Wir treffen uns unter der Himmelskuppel im Freien und haben alle Talare und Kultgewänder abgelegt, um vor Gott, dem Heiligen, dem uns geschenkten Leben zu stehen. Dort können wir unsere Not aussprechen, das Geschenk des Lebens neu sehen, beten.

Es es entspricht unserer Haltung zueinander und zu Gott, keinen aus dem Kreis besonders in den Mittelpunkt zu stellen. Drei Personen möchte ich geradezu als ein einziges Gesicht dieses sozial engagierten, politischen Gebetskreises nennen, so wie ja auch jede Einzelperson verschiedene Seiten beherbergt.

Mohammed ist ein Westberliner Original. Er sucht geradezu nach den Konfliktsituationen, in denen er sich für den Frieden einsetzen kann. Dabei geht er auf ausgegrenzte Menschen zu, als Seelsorger besucht er Gefangene, nimmt Jugendliche mit gerichtlichen Auflagen auf, geht zu Kranken und Trauernden. Und er wird von vielen Journalisten und interessierten Gruppen als auskunftsfreudiger Iman aufgesucht. Das Ringen um Frieden und Aufrichtigkeit beginnt immer in der eigenen Person. Als christlicher Prediger blieb ihm die Lehre vom dreifaltigen Gott fremd. Da suchte er als gläubiger Mensch nach einem Ausweg und fand Antwort im Koran. Auf dem Weg des Friedens sind Entscheidungen nötig. Wenn wir die Angst vor notwendigen Brüchen überwinden, können wir über alte Grenzen hinweg offener werden. Mohammed lebt diese Offenheit und lädt den Kreis zu sich ein, die Gebete vorzubereiten, neuen Menschen zu begegnen, aber auch die Feste zu feiern, die uns verbinden: die Geburt Jesu, das Fastenbrechen im Ramadan, das mehrjährige Bestehen unseres Kreises zum Beispiel.

Roy stammt aus Indien. Sein Heimatdorf liegt heute in Bangladesch. Seine Kindheit hat er in enger Beziehung mit Muslimen, Christen und Hindus verbracht. Diese Verbundenheit auch in Berlin zu leben ist ihm seit über 40 Jahren ein großes Anliegen. Dies bringt er in den öffentlichen Gebetskreis ein, singt mit viel Kraft die Texte aus der Tradition der Hindus, benennt die Freuden und Missstände in unserer Gesellschaft und steckt uns an mit ihm sein Halleluja, nämlich Hare Krishna zu singen.

Klaus bringt auch viele Elemente aus Indien mit in das Gebet ein. Er engagiert sich dort mit der Gossner Mission unter Kastenlosen und Ureinwohnern (Adivasi), knüpft Kontakte über die Grenzen hinweg. Als evangelischer Theologe aus der DDR kennt er hautnah den politischen Druck einer Gesellschaft, die der oft schwer ausdrückbaren Beziehung zu Gott gegenüber steht. Er erlebte und erlebt heute wieder wie damit alle Menschen, die nicht ins System passen, ausgegrenzt werden. Auch wenn unser Gebetskreis keine politische Gruppe ist, so hofft er doch auf eine strukturell politische Veränderung, in der die Achtung vor allen Menschen wachsen kann. Ein ausschließendes Wohlfühlen im kleinen Kreis ist ihm suspekt. Er wird zum Gefängnis, dessen Mauern fallen sollten, damit das Leben – das Reich Gottes – seinen Geschmack nicht verliert.

Andere Teilnehmer könnten noch genannt werden, die sich über das Gebet als Geschwister entdeckt haben. Nach jedem Beitrag singen wir im Kreis: schalom, salam oder einen anderen Gebetsruf. Auch wenn wir schweigen, bemerken wir, wie uns Kraft zufließt.

Veröffentlicht in: Jesuiten „Gesichter der Zeit“ 2009/4