2011 Christian Herwartz, Die Gnade des Bettelns

Vertrauen und Sehnsucht

Auf seinem Pilgerweg nach Jerusalem wehrte sich Ignatius von Loyola entschieden gegen jede materielle Absicherung. Gottes Gnade allein sollte auf den Straßen und Seereisen genügen. Das betende Vertrauen in die Führung Gottes ist das Fundament für das weitere Geschehen. Ein Geschenk ist es, unsere Bedürftigkeit sehen und zeigen zu können. Ähnlich wie bei Bartimäus fragt uns Jesus: „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51) Wir werden aufgefordert, Ihm unsere größte Sehnsucht zu sagen. Wir dürfen aus dem Vielerlei von Wünschen und den Sowohl-als-auch-Gedankenspielen heraus treten. Dann können wir uns über den Schatz Gottes in uns freuen, ihn wertschätzen, alles Zweitrangige verkaufen, um uns ihm noch mehr zu nähern, und können die Wertschätzung Gottes in uns und anderen Menschen ausgraben (Mt 13,44). Auf dieses Abenteuer sollen wir uns gleich allen anderen Menschen mit leeren Händen einlassen. Dazu fordert uns Jesus mit seinem Leben heraus.

Abenteuer

Das Abenteuer Gottes unter uns ist seine Menschwerdung, zu der er auch uns einlädt. Sich auf die Verwandtschaft mit Ihm einzulassen ist ein herausfordernder, unplanbarer Prozess, in dem das eigene Nichtwissen und alle damit verbundenen Ängste nochmals aufkochen. Doch die Berührungsängste gegenüber ausgegrenzten Menschen in unserer Gesellschaft schwinden und wir können eine innere Freiheit spüren. Ignatius berichtet von diesen bestätigenden Erlebnissen. Wir dürfen ein Sprechen Gottes in uns wahrnehmen. Dieses sanfte innere Berühren Gottes bleibt anfangs vielleicht unbemerkt. Doch wenn wir uns darauf – möglichst sofort – wie Samuel (1 Samuel 3,4ff) einlassen, dann können wir Gottes Einladung hören. Jesus fordert uns vielleicht auf, zu Ihm übers Wasser zu kommen (Mt 14,29). Wie bei Petrus bricht die Einheit mit Ihm dann auch mal bei uns plötzlich ab. Unser ganzer Mut ist gefordert das Handeln Gottes zu uns präsent zu halten und neu ins Vertrauen zu Ihm zu kommen.

Neues Wahrnehmen

Erfahrungen und theoretische Überlegungen machen oft blind für das Jetzt, in dem uns Gott neu begleitende Geschwister schickt. Wenn wir darin seine Liebe wahrnehmen, kann das Abenteuer des Entdeckens weiter gehen. Wir finden Gemeinschaft, die sich auf das Heilige in uns allen beruft, und finden mitten in unserer Bedürftigkeit – bettelnd – in die Freude des Schauens Gottes. Er nutzt immer neue Orte, an denen wir liebgewordene Vorstellungen fallen lassen können, um Ihm neu zu begegnen. Unsere Offenheit ist herausgefordert. Wir spüren seine Barmherzigkeit in uns und können im Handeln aus seiner Liebe sonst sinnvolle gerechte Grundsätze beiseite legen und die Menschwerdung Gottes in uns allen zulassen.

in: Willi Lambert (Hg.), Von Ignatius inspiriert, Erfahrungen und Zeugnisse, Ignatianische Impulse 50, Würzburg 2011, S.83-84

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