2009 Christian Herwartz, Der Gegensatz zu politisch ist privat

Das Wort politisch erschreckt viele Menschen. Sie fühlen sich in die Öffentlichkeit gezerrt oder abgestoßen von dem Verhalten vieler Politiker, das sie täglich durch die Medien erfahren. Sie distanzieren sich davon.

Die im öffentlichen Raum angeschnittenen Fragen überfordern uns oft. Wir reagieren darauf unterschiedlich. Manchmal gehen wir einfach weiter, nehmen die angebotenen Informationen nicht wahr oder reagieren verärgert. Es entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem wir die eigenen Anliegen nicht mehr vorbringen können.

Die kleine Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ lädt seit 1995 regelmäßig zum Gebet vorm Abschiebegefängnis in Berlin-Köpenick ein. Dort wird Menschen das höchste gesellschaftliche Gut, nämlich die Freiheit, bis zu 18 Monaten entzogen, ohne dass sie sich strafbar gemacht haben. Auch der Grund für eine bevorstehende Abschiebung ist oft nicht gegeben, denn viele Inhaftierte können nicht abgeschoben werden. Wenn den Gefangenen durch Spenden Rechtsbeistand zuteil wird, dann werden 80 % von ihnen entlassen: Die Inhaftierung – beantragt durch die Ausländerbehörde – verstößt gegen das Recht.

Bei den Gottesdiensten vor den Gefängnismauern informieren wir über die Situation hinter den Mauern. Manchmal winken uns Menschen von drüben zu. Wir singen und lesen einen Abschnitt aus der Bibel. Dann geht jeder an einen Ort des stillen Gebetes in Sichtweite der Gefangenen, mit denen Jesus sich ausdrücklich identifizierte (Mt 25,36; Lk 4,18). Nach einer Weile kommen wir wieder zusammen und sprechen das aus, was uns bewegt hat vor dieser Mauer. Sie erinnert auch an die Mauer um Europa, an der jährlich viele tausend Menschen sterben. Anschließend besuchen wir einige Gefangene.
Näheres: http://www.con-spiration.de/wg-naunynstrasse/index.html#mahn

Das anklagende Gebet an den Gefängnismauern wird als politisches Engagement wahrgenommen. Ist das Gebet nicht etwas ganz Persönliches? Im Gebet stehen wir vor Gott, der diskret und auch offen in seiner Schöpfung sichtbar ist. Unsere gutes Tun (Mt 6,3) und unser persönliches Gebet (Mt 6,6) bleiben lieber im Verborgenen, aber die Wahrheit, die Gott unter uns ist, gehört auf den Leuchter und nicht unter einen umgestürzten Eimer (Mt 5,15). Das Gebet vor den Gefängnismauern ist politisch: Es stellt die von Gott geschenkte Würde aller Menschen – mit und ohne Pass – auf den Leuchter.

Nicht alles gehört in die Öffentlichkeit. Einsichten, Versöhnung und vieles andere muss im Verborgenen wachsen. Doch auch dort ist es schon politisch. Die verborgenen Gespräche von Christen im Kreisauer Kreis während der Nazi-Diktatur waren politisch; ebenso das Verstecken von Menschen jüdischen Glaubens, von Zigeunern oder Behinderten.

Der Gegensatz zu politisch heißt privat. Wichtige Einsichten werden zum Privatbesitz, wenn wir unsere Erfahrungen nicht teilen: Zustände in Pflegeeinrichtungen, Beobachtungen in der Natur oder ein Mobbing im beruflichen Umfeld.

Schritte in die Öffentlichkeit gehen wir entsprechend den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Danach mit anderen zu suchen, ist oft mühsam. Aber auf dem Weg werden sich die Aussagen und Forderungen verändern und festigen. Dabei wird klarer, welche Informationen für die Öffentlichkeit notwendig sind und nicht privatisiert werden dürfen und welche durch Diskretion geschützt werden müssen.

Politisch verantwortliche Wege sind gemeinschaftliche, die oft im stillen persönlichen Lebensraum durchgebetet und bedacht werden müssen.

Christian Herwartz
geschrieben für CKDirekt Juli 2009