2010 Christian Herwartz, Das Beiseiteschieben in mir und von Mangelleidenden in meiner Nähe

Kinder verschiedener Hautfarben und aus verschiedenen Kulturen spielen miteinander, auch wenn sie keine gemeinsamen Worte verwenden. Sie finden Wege der Verständigung mit viel Fantasie über alle Unterschiede hinweg. Diese kindliche Fähigkeit in uns sieht Jesus als Bedingung – wenn ihr nicht werdet wie die Kinder Mt 18,2 – für den Eintritt in das unbegrenzte Leben mit Gott.

Schon bald wird den Kindern beigebracht, in Konkurrenz mit anderen zu treten und das gemeinsame Leben hinten anzustellen. Es scheint eine Notwenigkeit zu sein im Überlebenskampf mit der Natur, den begrenzten materiellen Möglichkeiten, den fehlenden Bildungseinrichtungen und der begrenzten Gesundheitsversorgung. Der Mitmensch wird zum Konkurrenten.

Einige erhalten die angestrebten Güter und Dienstleistungen im Überfluss und andere werden von ihrem Gebrauch ausgegrenzt. Anfangs schieben wir andere BewerberInnen auf einen Ausbildungs-, Arbeits-, Krankenhausplatz blind beiseite und freuen uns bei Erhalt, selbst Glück gehabt zu haben. Doch ich kenne David, einen Jungen, der am Wettkampf nicht teilnahm, weil er nicht der Erste sein, nicht auf einem Podest über den anderen stehen wollte. Das Gemeinsame, das Geschwisterliche behielt für ihn den Vorrang.

Die Konkurrenz fordert zur eigenen Leistung heraus. Das Leistungsschwächere soll nach Möglichkeit in mir nicht gesehen werden. Da beginnt der Prozess der Aufteilung in Menschen, die Glück und die Unglück gehabt haben. Die Ausgrenzung scheint notwendig im eigenen Leben und im Leben anderer. Diesem Prozess der Grenzziehung widersetzt sich Jesus von Anfang an. Die Kinder sollen nicht weggeschickt werden (Mk 10,14) und er stellt ausgegrenzte Menschen wie den Mann mit einer versteiften Hand in die Mitte der Versammlung (Lk 6,8), kehrt bei Menschen ein, die zur angesehenen Gesellschaft nicht dazu gehören sollen, wie den Zöllner Zachäus (Lk 19,5).

Auch in den letzten 2000 Jahren gab es Menschen, die die Grenzen zu ihren eigenen Tabuzonen und zu weggeschobenen Menschen überschritten und als Kranke, Mittellose und wenig intellektuell Gebildete sich für eine menschlichere Gesellschaft eingesetzt haben. Wenn wir uns mit in diese heilende Geschichte stellen, dann sehen wir unsere Gesellschaft neu und leiden daran, wie Menschen in unserem Land in materieller Armut leben. Statistiken geben oft nur einen unzureichenden Einblick in die erniedrigenden Lebensumstände, wenn Kinder bei einer Klassenfahrt und vielen anderen Gelegenheiten nicht teilnehmen können, weil dafür kein Geld da ist. Armut heißt oft, dass sich Menschen der Gesetze und Institutionen nicht bedienen können, die zu ihrem Schutz da sind. Diesen strukturellen Vorteil haben Menschen eher mit einer materiellen Absicherung, einer besseren Ausbildung, sich schriftlich oder redegewandt äußern zu können, und einer guten Gesundheitsbetreuung. Diese Voraussetzungen werden auch in unserem Land schon den Kindern mitgegeben oder verweigert. Im Kindergarten, der Schule, bei der Berufswahl sind die Chancen in den Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich. Das Auseinanderreißen der Bildungsmöglichkeiten verschärfte sich in den letzten Jahren eher.

Die daraus folgende Ausgrenzung aus einem insgesamt geschwisterlich teilenden Lebens sehen viele Menschen und reagieren auch darauf. Diese Engagierten zu sehen ist möglich, wenn sich jemand in diesen Strom der Menschlichkeit selbst einreiht. Nachdenken und Informationen sammeln allein, verstärkt eher die Blindheit gegenüber der Not anderer und im eigenen Leben. Die Ausgrenzung setzt sich weiter fort.

In der Begegnung von glücklichen Gewinnern und „Pechvögeln“ kommt es zur Rechtfertigung des Ausgrenzungsprozesses. Dann fallen Worte wie Schicksal, selbst Schuld oder es wird ein Mangel festgestellt, der das schlechte Abschneiden im Wettkampf begründen soll. Paulus weist in seinen Briefen im Neuen Testament auf die unterschiedlichen Gaben der Menschen hin. Sie ergänzen einander wie die vielen unterschiedlichen Glieder in einem Leib (1 Kor 12,12ff). Der eine kann dies und der andere das besonders gut. Das Gemeinsame in Familie, Freundschaft, Gemeinde gehört keinem und keiner persönlich. Es ist Gottes Geschenk. Doch das Privatisieren der Gaben einzelner Menschen schiebt andere Menschen beiseite und sieht sie als bedrohliche Konkurrenten. Wenn das Private sogar zum höchsten Gut wird, dann mauern wir uns ein in die Solidaritätsverweigerung, das Gemeinsame gerät aus dem Blick. Das System der Konkurrenz knebelt die Menschen weiter.

Geld wird als Maßstab der Wertschätzung genutzt. Dieses Hilfsmittel im Tauschgeschäft hat aber keinen Wert für sich. Zum Erhalt des Lebens taugt es allein nichts. Geld ist nicht essbar und macht auch nicht gesund. Franziskus hat es verachtet, weil es Waffen und Kriege notwendig macht, wenn es einen zentralen Wert bekommt. Heute wissen wir noch mehr, wie sehr er Recht hatte. Die Geldvermehrung einiger drängt auch bei uns immer mehr Menschen in Situationen des Mangels in der täglichen Versorgung, in der Teilnahme an Bildung und an gesellschaftliches Leben. Die im Blick auf die Geld- und Gütervermehrung Erfolglosen werden wie die Kranken oft nicht mehr gesehen und ihr Tod wird oft als Erleichterung erfahren.

Doch die aufgezählten Aspekte der Ausgrenzung werden von vielen nicht gesehen, weil sie sich nicht in die mögliche eigene oder fremde Ausgrenzung hinein begeben. Die eigene Wahrnehmung ist nicht nur bei Abhängigen von recht unterschiedlichen Dingen und Verhaltensweisen – nicht nur bei Drogenabhängigen – gefesselt. Ihr Gebrauch und ihre Beschaffung bindet die Kräfte. So gefangene Menschen können die Wirklichkeit ihrer Umgebung und in sich nicht mehr wahrnehmen. Sie leben mitten unter uns und sind doch schwer erreichbar. Aber wenn wir mit diesen tabuisierten Zonen in uns und wieder Kontakt zu unserem Nächsten bekommen, dann ist es Zeit ein Fest des Neuanfangs zu feiern über alle Grenzen hinweg.

Franziskanische Mission, 2010

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