2003 Christian Herwartz, Brot der Not und des Aufbruchs

Am Ende seines Lebens nahm Jesus beim Abendmahl das Brot, das an die größte Not seines Volkes erinnert. Denn er feierte mit den Jüngern das Paschamahl. Wenn Jesus dabei das Brot der Sklaverei nimmt und es ja auch uns gibt, stellt er uns mitten in die Geschichte Israels: in die Erinnerung an seine Unterdrückung in Ägypten und die Befreiung aus dieser Not, weil sich das Volk der Führung Gottes anvertraute. In der Liebesbeziehung zu ihm fand es seine Identität.
Jesus gibt uns für das Gedenken an ihn dieses Brot der Not. Er lädt uns geradewegs ein, den Hunger und die Angst ums Überleben zu schmecken. Darüber treten wir ein in die Geschichte Gottes mit seinem Volk, in die Geschichte Jesu und darüber auch in die Geschichte Jesu mit uns.
Spüren sollen wir den Hunger und die Verzweiflung in uns und die Vorfreude auf die Befreiung: denn es ist nicht nur das Brot der Sklaverei, sondern auch das Brot, das keine Zeit hatte zu gären. Es gab keine Zeit mehr für eine ordentliche Zubereitung. Sofort musste gegessen werden. Es war das letzte Brot am alten Ort. Die Befreiung stand kurz bevor. Alles war schon gepackt. Schnell im Stehen – heimatlos – wurde der Rest gegessen.
Dieses Brot der letzten Minute bricht Jesus seinen Jüngern und verheißt uns seine Gegenwart, wenn wir an ihn denkend dasselbe tun. Mit der Erinnerung an die Not der Sklaverei in Ägypten und derjenigen vor der Verhaftung und Kreuzigung Jesu öffnet sich unser Blick auf die Gegenwart Jesu jetzt; wir werden sehend.
Eine zentrale Anweisung in der hebräischen Bibel lautet: Wenn du einen Fremden oder auch einen Hungrigen, einen Notleidenden siehst, erinnere dich daran, dass du auch fremd und hungrig in Ägypten warst und handele dann aus dieser Erinnerung. Beim Rückversetzen in die damalige Betroffenheit reinigen sich unsere Emotionen. Vorurteile in uns werden zurückgedrängt; unsere Urteilskraft wird gestärkt; wir können dann in der Situation angemessener und spontaner handeln.
Zu diesem Prozess des Erinnerns werden wir in jeder Eucharistie eingeladen. Wir dürfen uns umsehen, wo wir Hunger oder andere – auch verdrängte – Not in uns und bei anderen erfahren haben. Damit sind wir eingeladen, zu den Glücklichen zu gehören, die hungrig sind nach Gerechtigkeit. Wir entdecken in diesen Situationen hoffentlich auch das Brotbrechen, also das Teilen und Überwinden der Not.
Dankbar ahnen wir in all den Ereignissen die Gegenwart Jesu und lernen darüber die Welt mit dem Herzen, also von ihm her, zu sehen. Dann bekommt das stärkende Brot des Aufbruchs viele Namen. Für einen heimat-/obdachlosen Menschen nebenan ist es vielleicht die irgendwo versteckte Decke für die Nacht oder ein Platz in der Nähe eines U-Bahnschachtes, der ihm das Überleben im Winter sichert. Für einen Kranken kann es der Besuch eines Bekannten sein, in dessen Gegenwart er Mensch und nicht nur bedürftig sein darf.
In der Geschichte des Volkes Israel beginnt nach der Stärkung mit dem Brot der reinigende Weg durch die Wüste, für Jesus folgt der Weg durch die Verurteilungen, der Tod und die Auferstehung. Wir dürfen mit ihm sehen, fühlen und mit ihm beten: „Gib uns unser tägliches Brot.“ Das Brot vor unserem Aufbruch – höre ich.

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