1997 Christian Herwartz, Berufen und gesandt

Ihr Jesuiten in Berlin-Kreuzberg, Ihr seid keine Lehrer, Professoren, Pfarrer, …, was macht ihr eigentlich?“ Diese Frage ist uns in den letzten zwanzig Jahren oft gestellt worden. Als Antwort zähle ich dann die Berufe auf, in denen ich gearbeitet habe: Möbelträger, LKW-Fahrer, Pressenführer, Dreher, Lagerarbeiter. Ich bin froh, dass ich noch Arbeit habe und so mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammensein kann. Allein in der Metallindustrie gingen nach der Wende in Berlin über 100.000 Arbeitsplätze verloren. Aber ich bin auch dankbar, daß ich in unserer Wohngemeinschaft mit Arbeits- und Obdachlosen, Strafentlassenen, … zusammenwohnen darf, weil ich so an den Sorgen und Freuden dieser Menschen Anteil habe. Viele von den 140.000 Einwohnern Kreuzbergs sind ohne Arbeit und viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.

Meist werde ich spätestens hier im Erzählen unterbrochen. Die Fragenden wollen wissen, warum wir in diesem multikulturellen Stadtteil wohnen und in solchen Berufen arbeiten.

Dann antworte ich ersteinmal mit meiner persönlichen Berufungsgeschichte: Beim Lesen der Bibel wurde mir immer klarer, daß Gott eine Vorliebe für Arme und Ausgegrenzte hat. ER und SIE – aus Gott ist ja der Mann und die Frau erschaffen – ist unter diesen Verachteten anwesend. Von hier aus liebt Gott alle Menschen und ruft sie zur Umkehr. Von diesem unter uns anwesenden Gott wollte ich mich rufen lassen.

Also habe ich Orte aufgesucht, wo das Hören leichter fällt: unter Obdachlosen, unter Kranken, in der Fabrik, in Exerzitien, unter Ausländern, unter jungen Menschen. Und das Suchen hat sich gelohnt: Auf dem Weg zur Arbeit in einer Umzugsfirma, wo fast ausschließlich Vorbestrafte beschäftigt waren, dort habe ich in der Straßenbahn mit besonders großem Gewinn in der Bibel gelesen. Das war ein Zeichen, dem ich nachgehen mußte, um meine Berufung zu entdecken.

Doch dieses eigene Suchen reicht nicht aus. Auch der Orden hat sich besonders nach dem II. Vatikanischen Konzil gefragt, wohin ihn Gott führen will; anders ausgedrückt: was seine Identität ist. Dabei wurde nach den eigenen Wurzeln bei der Ordensgründung und den heutigen Herausforderungen gefragt. Die 32. Generalkongregation hat dann 1975 das Ergebnis so zusammengefaßt:

„Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazugehört.“ (Nr. 48)

Doch wir Jesuiten wissen oft auf Grund unserer Herkunft, durch unseren Zugang zur Bildung und die häufige Bindung an einflußreiche Menschen nicht viel von der Not armer und unterdrückter Menschen. Deshalb wird ein grundlegender Weg beschrieben, diesen Mißstand zu überwinden:

„Wenn wir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können. Das wird nur dann gelingen, wenn wir uns eingestehen, daß auch wir von ihnen zu empfangen haben. Ohne geduldige, nicht übereilte Schritte stünde der Einsatz für die Armen und Unterdrückten im Widerspruch zu unseren eigenen Absichten und würde verhindern, daß diese ihre eigenen Erwartungen zu Gehör bringen und sich selbst die Voraussetzungen schaffen, um ihr persönliches und kollektives Schicksal wirksam in die Hand zu nehmen.“ (Nr. 99)

Von diesem Gedanken her hat die Ordensleitung auch in Deutschland Mitbrüder gesucht, „die unter den Ärmsten leben und arbeiten, (damit) sie empfindsam gemacht werden, welches die Schwierigkeiten und Sehnsüchte der Besitzlosen sind.“ (Nr. 98) Nach einigen Jahren der Vorbereitung als Gastarbeiter in Frankreich wurden Michael Walzer aus der Süddeutschen Provinz und ich aus der Norddeutschen Provinz gefragt, ob wir bereit wären, eine neue Kommunität unter Arbeitern, Ausländern, Menschen am Rand der herrschenden Gesellschaft zu gründen. Damit war der missionarische Auftrag verbunden, diesen den meisten Kirchengemeinden fernen Menschen zuzuhören, ihre Kulturen achten zu lernen und zu entdecken, wie sehr sie in der Nähe Gottes leben. Wir wurden dann im Herbst 1978 nach Berlin gesandt. Später stießen andere Mitbrüder dazu. Zur Zeit lebt Franz Keller, ein Schweizer Jesuit, und ich mit durchschnittlich vier Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Religionen und mit reichen Lebensgeschichten in einer Wohnung zusammen.

Im Kontakt mit den Arbeitskolleginnen und Kollegen, den Nachbarn, den Gefangenen, unseren Mitbewohnern, den Menschen, mit denen wir uns in der Gewerkschaft und in Gruppen für mehr Gerechtigkeit engagieren, mit den Jesuit European Volunteers (JEV), die wir in Berlin begleiten, haben wir uns mehr und mehr verändert. In diesem Prozeß ist es wichtig, daß wir uns jede Woche über unsere Erfahrungen in der Kommunität austauschen und darüber ins Gebet kommen. Sie ist für uns eine sichtbare Zelle der Kirche, die uns im Alltag begleitet und es uns ermöglicht, dem gegenwärtig verachteten, ausgegrenzten und neu gekreuzigten Gott in unserer Gesellschaft nachzuspüren und um die Einheit mit ihm zu beten.

Oft möchten wir die Tische der Wechsler in Seinem Heiligtum, das ja die ganze Welt ist, umwerfen (vgl.Mt 21,12) und manchmal tun wir es auch in Solidarität zusammen mit Obdachlosen, Streikenden, … Aber häufig geht die Wiederentdeckung der Würde einen stilleren Weg. Das Jagen nach Besitz, Macht und Ansehen hat tiefe Wunden hinterlassen. Ihre Heilung ist möglich, sagt uns der Glaube gegen alle Resignation. Deshalb ist unser Leben in Berlin-Kreuzberg nicht so schmerzhaft, wie viele meinen: denn ein Stück weit in die sichtbare Nähe Gottes gerufen zu sein und ihn zu begleiten, ist eine große Freude.

Jetzt könnte ich viele Geschichten erzählen. Eine nicht ganz alltägliche will ich herausgreifen: Nach dem Fall der Mauer hatten in unserer Nähe einige Obdachlose auf dem alten Grenzstreifen ein Zuhause gefunden. Alte Bauwagen, Bretterbuden, ausrangierte Autos, Lastwagen, ein Bus standen beieinander und dienten als Unterkunft. Dieses „Wohnquartier“ für etwa sechzig Personen hatte Ähnlichkeiten mit den Armenvierteln an den Rändern der großen Städte in Afrika, Südamerika, Asien. „Das ist ja wie bei uns,“ sagten Menschen von dort. In der Nähe gab es auch Wagendörfer von Aussteigern, die ein einfacheres, umweltbewußteres, kommunikativeres Leben in der Stadt führen wollten. Doch die Bewohner der Wagenburg in unserer Nähe waren Menschen, die schon oft rausgeflogen waren. Viele machten einen Bogen um sie. Aber die Kirchengemeinde nebenan hat sich mit den Bewohnern angefreundet. Es gab einen regen Austausch. Die Gemeinde wurde auch von Nachbargemeinden in ökumenischer Eintracht bei ihrem Engagement unterstützt. Zwei Ordensleute lebten mit auf der Wagenburg. Trotz all ihres Engagements stellten sich die Politiker taub. Sie hatten die Vertreibung – oder vielleicht besser: die Entsorgung – beschlossen. Am 7. Oktober 1993 schickten sie tausend Polizisten, um ihre Entscheidung – unter Mißachtung eines gegenteiligen Gerichtsentscheides – durchzusetzen.

Als ich davon im Betrieb hörte, bin ich sofort zu den Freunden gefahren, die sich an ein großes Kreuz in der Mitte ihres Zuhauses angekettet hatten. Auch andere Gemeindemitglieder stellten sich schützend dazu, so daß die Räumung der letzten sechs Bewohner der Wagenburg vertagt wurde. Die Bauwagen und die anderen Behausungen wurden fortgeschafft, bis am dritten Tag nur noch das Kreuz mit den angeketteten Personen stand. Da kam der Kardinal von Berlin durch die Polizeisperren zu uns und hat das, was er sah, mit der dramatischen, die Menschen auseinanderreißenden Situation des Mauerbaus verglichen. Als er weg war, wurden wir losgeschnitten und weggetragen. Die Räumung war vollstreckt. Wieder ein Schritt weiter zur Reinigung der Stadt von den Menschen, die die Geschäfte stören, wie später ein Politiker sagte; der Wert der Grundstücke in der Nähe sei sofort gestiegen.

Noch am selben Tag begannen wir mit einer Mahnwache vor dem Roten Rathaus. Sofort waren dieselben Polizisten da, um uns auch von dort zu vertreiben. Aber es sahen viele Menschen zu und so ließen sie von ihrem Ansinnen erst einmal ab. – Wir wollten mit Politikern über eine Perspektive für die geräumten Wagenburgler sprechen und ein Zeichen gegen die andauernde Vertreibung der Armen aus der Stadt setzen.

Es war eisig kalt. Das Wasser fror nachts in den Trinkflaschen. Doch es kamen Menschen aus der Nachbarschaft und halfen uns mit Decken. „Wir sind die Nächsten, die vertrieben werden, wenn sie mit euch fertig sind,“ sagten manche. Eine Frau kam die erste Zeit jeden Abend mit Wärmflaschen. Nach vier Tagen verdrängte uns die Polizei morgens unbeobachtet vom Bürgersteig vor dem Rathaus. Aber auf dem Platz gegenüber blieben wir dann über einen Monat, bis wir auch dort nochmals vertrieben wurden. Hundert Polizisten kamen am Sonntagmorgen um sieben Uhr. Die Stadt war leer. Einige Pfarrer waren bei uns. Als sie zu den Gottesdiesten gingen, rückten sie vor und gaben auf Anweisung des Stadtteilbürgermeisters der Mahnwache Aufenthaltsverbot auf allen öffentlich Plätzen und Grünanlagen der Innenstadt. Sie wurde dann vor einem Theater auf privatem Grund fortgesetzt.

Ich hatte meinen Jahresurlaub angespart und konnte so über vier Wochen dabeibleiben, sehen, spüren, lachen und weinen mit der Not und der Freude der Menschen auf der Straße. Erfahrene habe ich kennengelernt, die sich zu unserer Gemeinschaft gesellten oder nur kamen, uns zu helfen. – Wie oft feierten wir einen 14. Geburtstag von Mädchen und Jungen auf der Straße? Ich weiß es nicht mehr. – Verzweifelte Menschen setzten sich schutzsuchend zu uns. – Besonders beeindruckte uns der Toilettenmann in der Nähe, der kein Geld von uns annahm. Statt dessen schenkte er uns einen Kaffee ein, wenn wir zu ihm kamen und erzählten.

Jeden Tag gab es solche frohmachenden Erlebnisse, die das Leben in der Gemeinschaft auf der Straße häufig zu einem Fest werden ließen. Dies möchte ich dick unterstreichen, weil beides geblieben ist: das Wissen um die Härte der Realität und die Freude der Begegnung mit den Ausgekernten.

Wir hatten viel Besuch, auch von Christen, die Gottesdienste auf dem Platz feierten, eine Musikveranstaltung organisierten, usw. Auch eine rechte Bande kam mit Knüppeln, nachdem von uns im Fernsehen berichtet wurde. Da hat uns die Polizei, die uns Tag und Nacht bewachte, einmal geschützt.

Doch die Politiker, mit denen wir sprechen wollten, die sind von hinten ins Rathaus gegangen, um uns nicht zu begegnen. Trotz aller gerichtlichen Nachspiele, den Verlust von Freunden … waren diese Wochen für mich eine ganz reiche Zeit der Begegnung mit Menschen in der Nähe Gottes und mit mir selbst. Die täglichen Bibeltexte legten unsere Erfahrungen aus, als wären sie einzig für uns herausgesucht.

veröffentlicht in Canisius 1997