Buchtitel, Video

Der Titel des Buches Brücke sein – Vom Arbeiterpriester zum Bruder ist uns nach langer Suche vom Verlag geschenkt worden. Viele haben sich darüber gefreut. Aber er kann auch missverstanden werden. Deshalb möchte ich hier den Text auf der Buchrückseite festhalten:

Bis heute stehe ich mit einem Bein in einer Welt und mit dem zweiten in einer anderen. Als Arbeiter entdeckte ich die Solidarität mit meinen KollegInnen und das gemeinsame Engagement. Als Priester erinnere ich an die anvertraute Lebenskraft und die liebende Einladung Jesu. Die Brücke führt mich auch in andere gesellschaftliche Bereiche – im Stadtteil, im Gefängnis, zu Ausländern ohne Papiere, zu jungen Erwachsenen. Meine Mitmenschen fordern mich heraus, ihnen in Gleichheit als Bruder zu begegnen, im Wechselspiel von Mitleben und Engagement. Die Brücke wird mir zum Bild für den Weg der Menschwerdung.

Christian Herwartz

—–

Ein Gespräch mit Christian Herwartz über das Buch

——

Worte in den Tag mit dem Titel  BRÜCKE SEIN
vom Montag 11.11.13    bis Samstag 16.11.13

BRÜCKE SEIN: St. Martin

An manchen Orten bin ich persönlich kaum, an anderen gut bekannt. An den einen engagiere ich mich, habe vielleicht eine Funktion, an anderen bin ich einfach Mensch.
Auf dem Weg dazwischen wechsele ich mein Verhalten, meine Sprache, vielleicht sogar meine Kleidung, um der neuen Situation zu entsprechen.
Manchmal verweile ich auf meinen Lebensbrücken und bin nicht mehr zerrissen in dem Nicht-mehr oder dem Noch-nicht. Ich spüre das Jetzt mitten im Trubel oder der Einsamkeit.
Dann darf ich vieles ganz neu sehen. Gewohnte Reaktionen kann ich hinterfragen.

Die Brücken zwischen uns Menschen planen, bauen, sichern, verstärken, also pflegen wir, sonst werden sie vom Strom mitgerissen. Überraschend anschwellender Rassismus, Geldgier oder ähnliches reißt lebendige Verbindungen mit sich.
Auch die persönlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau oder die in gleichgeschlechtlichen Paaren verbindende Brücken.
Auch Menschen, die beide Geschlechter in sich spüren, suchen zwischen ihren verschiedenen Gefühlswelten suchen Verbindungen, damit sie sich nicht als Personen aufspalten.
In Familien und anderen Gemeinschaften sorgt ein Geflecht von Beziehungsbrücken dafür, dass die Verbindungen den sich veränderten Situationen jeweils neu angepasst werden.

Am heutigen 11. November wird an den Heiligen Martin erinnert. Er hat auch eine Brücke gebaut, zwischen dem Bettler und sich, indem dem er seinen Militärmantel jeweils zur Hälfte mit ihm teilte.
Brücken werden dann zu Orten, an dem wir das Leben gemeinsam feiern können.

BRÜCKE SEIN: Berlin-Kreuzberg

Vielleicht liegt es an meinem Bart: Meine Umgebung nimmt mich manchmal als Ausländer wahr und behandelt mich dann abweisend – ein andermal behandelt man mich besonders zuvorkommend, so als bräuchte ich eine besondere Orientierungshilfe. Dann gehe ich wie über eine Brücke, die zwei Länder verbindet.

Vielleicht entsteht diese Wahrnehmungen deswegen, weil ich in Berlin-Kreuzberg wohne: Manche Arbeitskollegen besuchten mich nicht, weil ich in diesem Stadtteil mit seinen multikulturellen Bewohnern aus aller Herren Länder lebe. Doch ich bin gerne hier. Und meine Kollegen verreisten im Urlaub doch auch in fremde Länder.

Einer aus meiner Ordensgemeinschaft der Jesuiten ist jetzt Papst geworden. Er hat die katholische Welt und auch die Welt der Nichtkatholiken und der Nichtgläubigen schon gehörig aufgerüttelt. Auch hier wird eine große Leidenschaft zum Brückenbauen sichtbar. In einem seiner Interviews betonte er kürzlich: „Was die Kirche heute braucht, ist die Fähigkeit, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen.“ Dann brachte er einen originellen Vergleich: „Die Kirche ist wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht.“ Da gehe es nicht darum, einen Schwerverwundeten nach Cholesterin oder hohen Zuckerwerten zu befragen, sondern zuerst mal seine Wunden zu verbinden.

Nehmen wir uns der Schwachen an, verachten wir nicht das Fremde. Lasst uns Brücken bauen und Brücke sein…..

BRÜCKE SEIN: Berlin-Schönefeld

Am dritten Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, habe ich mit einigen Freunden vor dem Tor des Flughafengeländes in Berlin-Schönefeld eine Mahnwache abgehalten. Wir – Menschen mit vielen Nationalitäten – haben dort gebetet und gesungen.

Dort, auf dem Flughafengelände befindet sich nämlich ein Gefängnis. Es ist vorgesehen für Flüchtlinge, die mit dem Flugzeug bei uns ankommen. Kommen sie aus Not- oder sehr armen Situationen, dann verweigern unsere Botschaften in ihren Heimatländer oft die nötigen Papiere. Deshalb werden sie hier wie Verbrecher eingesperrte. Dabei sind es doch Menschen, die ihr oder das Leben ihrer Familien retten wollten.

In einem Schnellverfahren soll ihr Asylantrag geprüft werden – mit hohem Fehlerrisiko, in einer fremden Sprache, in der Regel ohne Beistand. Auch Kinder und Jugendliche werden dort inhaftiert.

Ich bin der Ansicht, dass Flucht niemals als Verbrechen angesehen werden darf. Hätten die Schlesier nach dem Krieg ihre Heimat nicht verlassen dürfen, als sie bedroht, gedemütigt, schikaniert wurden?

In Berlin und Brandenburg wissen die Menschen genau, was es heißt, einem Unrechtsregime zu entfliehen. Die Erinnerung an die Mauer und ihren Schrecken ist noch wach. Die Mauer zwischen den zwei deutschen Ländern ist gefallen. Eine neue Mauer um Europa ist aufgerichtet worden.

Die toten Flüchtlinge im Mittelmeer mahnen uns. Und immer mehr Menschen begreifen: Hier ist ein Umdenken erforderlich. Die Gewinne aus der deutschen Produktion von Waffen oder Giftgas passieren unbehindert die Grenzen. Aber die vom Einsatz betroffenen Minderheiten und Rechtlosen bleibt oft nur die Flucht mit vielen Risiken.

BRÜCKE SEIN: Offen für Hilfesuchende

Zerrissen sind wir zwischen unseren Wünschen – gesund und erfolgreich zu sein – und der Wirklichkeit, in der wir uns oft funktionsgehemmt, krank, erfolglos erleben. Welche Brücke verbindet diese beiden Wirklichkeiten in unserem Leben?

Ich lebe in Berlin-Kreuzberg in einer Wohngemeinschaft, die geöffnet ist für Fremde und Hilfesuchende. Unsere Tür soll möglichst nicht verschlossen, damit Menschen in ihren unterschiedlichen Nöten und Stärken anklopfen können. Das verstehe ich unter Gastfreundschaft.

Im Bett neben mir schlieft mal ein Gast, der hatte so etwas wie eine Phobie. Er dachte, dass ihn jemand vergiften wolle. Abends packte er alle Lebensmittel, alles was ihm wichtig war, in Plastiktüten und nahm sie mit ins Bett. Und so raschelte es die ganze Nacht. Ich wachte immer wieder auf. Dann gaben wir ihm Leinensäcke, in denen er seine Sachen aufbewahren konnte.. Die Nachtruhe war wieder gerettet.

Es ist manchmal mühsam, mit anderen klarzukommen. Aber wenn wir zueinander mit Geduld reden, dann finden wir auch Lösungen. Damit entstehen Brücken zueinander. Und wir können wieder aufeinander zu gehen.

Der Weg über diese Brücke lädt uns ein, beides anzuerkennen, was uns schmerzt und was uns freut in unserem Leben. Dieses Hin- und Hergehen auf der Brücke ist Teil unserer Menschwerdung. Wir werden unserem Nächsten ähnlicher und wir können unserem Bruder Jesus begegnen. Er zeigte sich ja bekanntlich als ein Obdachloser als er sagte: „Die Füchse haben Höhlen, die Vögel haben Nester, ich aber habe nichts, wohin ich meinen Kopf legen kann.“

BRÜCKE SEIN: Franz von Assisi

Zwischen verfeindeten Parteien Brücken zu bauen und über sie zu gehen, ist wohl die Meisterschaft in der Zunft der Brückenbauer. Der heilige Franziskus war mit seiner gelebten Gewaltlosigkeit und Entschiedenheit solch ein Brückengeher. In der Zeit der Kreuzzüge, als sogenannte christliche Ritter gegen moslemische Heere in den Krieg zogen, verließ er den Schutz des Kreuzfahrerheeres und suchte den gegnerischen Sultan in seinem Lager auf.

Er sprach mit ihm, gewann sein Vertrauen und kehrte zurück ins Lager, um die christlichen Ritter von ihrem nächsten Waffengang abzuhalten. Sie aber lachten ihn aus, ließen sich auf die Strategie der Gewaltlosigkeit nicht ein und erlitten eine einschneidende Niederlage.

Der Gang über die Friedensbrücke ist oft schmerzhaft. Wir werden vielen gegenüber einsam. Doch während wir angefeindet werden, spüren wir zugleich, dass etwas in uns wächst, das ich Menschwerdung nenne. Hier gelangen Menschen zu ihrer wahren Größe: indem sie in ihrer Wertschätzung allem Leben gegenüber etwas riskiert und etwas geben, auf eigenes Risiko und ohne auf eine Gegenleistung zu warten.

Eine andere Brücke mitten im Leben ist eine besondere Herausforderung. Wir können das andere Ufer meist nicht sehen. Ich meine die Brücke, die unser Leben hier und das in der Ewigkeit verbindet. Wie bei vielen anderen Situationen würden wir uns gern in unserer Angst vergraben. Wir könnten uns aber auch einladen lassen von einem Menschen, dem wir vertrauen. Für mich ist es mein Bruder Jesus, der mich einlädt, auch über diese Brücke der Unwissenheit zu gehen. Dieses Vertrauen will geübt werden. Deshalb gehe ich über alle Brücken, in das jeweils Unbekannte, zusammen mit ihm. Und deshalb kann ich – trotz meiner Angst – beruhigt gehen.

BRÜCKE ZUM HEILIGEN: brennender Dornbusch

„Gott existiert! Ich bin ihm begegnet“ – so lautete der Titel eines Büchleins, das vor einigen Jahrzehnten sehr populär war. Geschrieben von André Frossard, einem französischer Journalisten.

Heute erlebe ich mit vielen Menschen, dass Gott uns begegnen will. Geht das? Gar auf Kommando? Muss ich dazu in eine Kirche oder in den Wald gehen? Das werde ich häufig gefragt.

Dann antworte ich mit meiner oft geprüften Erfahrung: es gibt keinen bestimmten Ort, an dem ich die Botschaft Gottes wahrnehmen kann, also sicher finde. Vielmehr ist eine Sinnes- und Geisteshaltung der Offenheit gefragt. Wie kommen wir in eine solche Offenheit?

Eine etwa 3500 Jahre alte Erzählung in der Bibel weist uns auch heute noch den Weg dahin: Als Mose über die Steppe hinaus, wo es Futter- und Wasserstellen für die Tiere gibt, in die Wüste kommt, sieht er einen Dornbusch, der brennt und zugleich nicht verbrennt. Was ist das für ein Zeichen? Moses wird neugierig, biegt vom Weg ab und kommt näher. Auf dem Weg dorthin ereignet sich ein besonderer Moment. Der Gott seiner Vorfahren will mit ihm sprechen und er hört eine Stimme sagen: „Zieh dir die Schuhe aus, denn dies ist heiliger Boden….“ Alles Materielle verbrennt, aber hier spricht die schöpferische Liebe mit ihm.

Dazu brauchen wir nicht ins Heilige Land zu reisen, um Gott zu begegnen. Heiliger Boden kann auch in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg gefunden werden. Vor einem Dornbusch, den wir in einem Gefängnis oder Krankenhaus oder den wir auf einer Landstraße im Brandenburger Hinterland wahrnehmen, also dort wo wir die Erfahrung des Anderen, des Fremden, an uns heranlasse….

Worte für den Tag / Worte auf den Weg gesendet auf:
rbb Radio Berlin 88.8 / Antenne Brandenburg / Kulturradio

Advertisements