2016 Christian Herwartz, Vier geistliche Impulse

Aufmerksam werden

In den letzten zehn Jahren wurde bei Kirchen­ und Katholikentagen eine Aufmerk­sam-keitsübung angeboten. Jeweils etwa 50 Menschen gingen zwei oder drei Stunden auf die Straßen der Stadt. Als Hilfestel­lung bekamen sie zwei Sätze aus dem Lu­kasevangelium (10,3+4) mit auf den Weg. In diesem Bibeltext bereitet Jesus 72 Jünger und Jüngerinnen darauf vor, in die Städte und Ortschaften zu gehen, in die er noch kommen will. Anschließend erzählten die Teilnehmenden in kleinen Gruppen von ihren überraschenden Erfahrungen. Ähn­ lich nahm Jesus sich die Zeit, den Jüngern zuzuhören. Bei uns hörten jeweils einige Begleiterinnen und Begleiter mit Erfah­rungen aus Straßenexerzitien zu. Jetzt möchte ich Sie an dieser Stelle einladen, sich auf solch eine Zeit der Aufmerksam­keit einzulassen.

In der biblischen Vorlage weist Jesus zu­ erst auf die Situation hin, die die Jünger vorfinden werden. Ähnliches gilt auch für uns. Die Jünger gingen aus dem geschütz­ ten Kreis hinaus in ein oft feindlich ge­ sinntes Umfeld. Im eigenen Kreis hatten sie sich unter dem Schutz von Jesus, der wohl jeden zu Wort kommen ließ, eine Stellung erarbeitet. Doch das wird sich auf der Reise ändern: „Ihr überschreitet eine Grenze. Legt deshalb alle Besserwis­ serei ab. Hört aufmerksam zu. Nun geht! Ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe“, lauten die Worte Jesu.

Dann gibt Jesus noch vier Anweisungen:

1. Lasst das Futter für die Wölfe weg. „Nehmt keinen Geldbeutel mit.“ Ohne Geld seht ihr eure Geschwister bes­ ser, die auch ohne Geld auf der Stra­ ße sind, und könnt ihre Bedürfnisse besser spüren: Durst, Hunger, den Zu­ gang zu einer Toilette, Regenkleidung. Dann seid ihr keine Kunden mehr, de­ ren Bedürfnisse auf Zuruf befriedigt werden. Auch andere Abhängigkeiten, die uns zur Beute von Wölfen werden lassen, können wir wenigstens für ei nige Zeit weglegen: die Uhr, Handy, Online­Präsenz …

2. Kauft kein Überlebenspaket ein. „Lasst auch den Rucksack weg.“ Die Jünger dürfen jede Absicherung vermeiden, außer der, sich ganz auf die Frohe Bot­ schaft Jesu zu verlassen.

3. Geht in die Haltung der Achtung vor euren Gastgebern. „Zieht eure Schu­ he sofort aus“, nicht erst beim Betre­ ten der Häuser, sondern schon hier. Vertagt eure Geste der Achtung nicht! Legt die Schuhe der Distanz weg: Die Schuhe mit hohen Hacken, durch die wir auf andere hinabsehen können; die Turnschuhe, mit denen wir oft bei Konflikten schnell weglaufen; die Schuhe mit Stahlkappen, mit denen wir zutreten können …. Jeder von uns trägt andere „Schuhe“, die eine Distanz zum Boden und zur Wirklichkeit vor Ort herstellen.

4. „Und grüßt nicht unterwegs.“ Wie können wir diese Anweisung verstehen? Als ich in einer überschaubaren Runde den Text aus dem Lukasevangelium vorlas, sprang eine ältere Ordensfrau auf und schrie gerade­ zu: „Ich will doch nicht unhöflich sein!“ Doch auch diesen Ratschlag müssen wir in unseren Alltag übersetzen. Ich schlage vor: Lasst euch von einengenden Regeln nicht aufhalten und grüßt vielleicht mal diejenigen, die ihr sonst nicht grüßt. Mit manchen Höflichkeitsregeln können wir den Ruf Gottes in den Hintergrund drü­ cken. Er wird in vielen Alltagskonventio­ nen beiseitegeschoben.

Soweit einige Erläuterungen zu dem Bibel­ text. Nun lade ich die Sie ein, sich auf eine Zeit der Aufmerksamkeit mit diesen Anwei­ sungen Jesu einzulassen. Was sehen wir alles – auch in gewohnter Umgebung – neu, wenn wir einige vertraute Dinge weglegen? An­ schließend hilft ein Gespräch mit Freundin­ nen und Freunden, um die Erfahrungen zu sichten. Manchmal weitet das Lesen der Er­ fahrungsberichte auf der Webseite unseren Blick: <www.strassenexerzitien.de>, oder im Buch: „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen – Persönliche Begegnungen in Stra­ ßenexerzitien“ (Neukirchener Verlage 2016).
in: Jesuiten1/2016

Der eigenen Sehnsucht folgen

Im Herzen jedes Menschen liegt seine ganz eigene Sehnsucht. Sie zu entdecken ist in jedem Leben ein großer Schritt nach vorne. Niemand hat sich diese Sehnsucht selbst gemacht. Sie ist ein persönliches Geschenk, das unser Handeln von innen her bestimmt. Diese persönliche Sehnsucht können wir nicht durch Gedankenspiele ergründen, aber wollen uns doch von ihr leiten lassen. Kein Fremder kann sie mir wie ein Geheimwort zuflüstern. Besonders ist die Sehnsucht für gläubige Menschen die persönliche Richtungsweisung Gottes im Leben. Wie kann ich ihr auf die Spur kommen?

Gute Erfahrungen habe ich am Anfang von Exerzitien damit gemacht, nach dem Ärger der TeilnehmerInnen zu fragen oder, wenn jemand keinen Ärger kennt, darum zu bitten, auf die Auslöser ihrer Trauer zu schauen. In beiden Fällen sind sie von einer Si- tuation betrübt, die ihrer Lebenssehnsucht widerspricht. So kann mit der Frage offen angesprochen werden: Wie sollte die Situation sein, mit der Sie zufrieden wären?

Auf die erste wie auf die zweite Frage kann jeweils ein Bündel Antworten kom- men. Gute Zuhörer und Zuhörerinnen helfen nach zentralen Schlüsselwörtern zu suchen, mit denen der Ärger oder die Traurigkeit und dann die Sehnsucht ausgedrückt wurden. Die Begleiterinnen und Begleiter spüren sofort, wenn die Übenden bei den vorgeschlagenen Schlüsselwörtern innerliche Widerstände spüren. Im nächsten Schritt werden sie aufgefordert, die vorläufigen Aussagen mitzunehmen und auf ihre Stimmigkeit zu prüfen.
Die eigene Sehnsucht führt oft mehrere Aspekte zusammen. So können pauschale Aussagen vermieden werden und die Übenden können auch später an der Feinabstimmung arbeiten.

Auch im Exerzitienbuch nutzt der Ignatius einen ähnlichen Einstieg in die Übungen. Er formuliert ihn in einem einfachen Ge- bet, was nicht jedem Übenden heute sofort möglich ist. Doch er ist noch einen Schritt weiter gegangen, der auch für uns sinnvoll ist. Versuchen wir einmal von der gefundenen Sehnsucht her nach dem Namen des Gottes zu fragen, der oder die uns unsere Sehnsucht mit auf den Weg gab.

Hagar ist in der Bibel die erste Person, deren persönlichen Namen Gott ausspricht (Gen 16,8). Mitten im heftigen Ärger mit Sarei floh Hagar – verzweifelt und hochschwanger – in die für sie besonders le- bensbedrohliche Wüste. Dort spricht sie Gott an: „Du, der Du nach mir schaust.“ Die Frau Abrahams hatte sich sehr abweisend ihr gegenüber verhalten, die den Kinderlosen einen Nachkommen schenken sollte. Mit diesem Namen Gottes und mit einer Verheißung konnte sie sogar wieder an ihren alten Platz zurückkehren und einen vitalen Sohn gebären, der der Vater des arabischen Volkes werden sollte.

Auch Mose lebt mit einer herausfordernden Sehnsucht. Er sucht sein Volk. Mose wurde als kleines Kind inmitten einer Vernichtungsaktion des Pharaos von einer von dessen Töchtern gerettet. Mit 40 Jahren fand er dieses Volk bei harter Fronarbeit, durch die es klein gehalten werden sollte. Vor Wut erschlug Mose einen der Peiniger. Ihm gelang die Flucht in die Steppe. Dort heiratete er und hütete das Vieh seines Schwiegervaters. Seinen Sohn nannte er Gerschom, Gast in der Fremde. Doch mit 80 Jahren machte er sich nochmals auf die Suche und ging über die Steppe hinaus (Ex 3) und bekam von Gott den atemberaubenden Auftrag, sein Volk aus der Knechtschaft zu befreien. Da fragte er ihn in seiner Not: „Wie heißt Du?“ Und er hörte: „Ich bin da und werde da sein. Das ist mein Name.“ Nun hatte er in ihm eine mitziehende Heimat gefunden.

Diese Heimat ist jedem Menschen mit dem eigenen persönlichen Namen verheißen, mit dem wir uns auf den Weg machen.

Eine junge Frau fand nach Ausgrenzungserfahrungen ihren Gottesnamen in den Straßenex- erzitien: „Du, der (und später die) Du mich schön ansiehst.“ – Ich selber fand über meinen Wunsch nach Solidarität seinen Namen: „Du, der Du mit uns Menschen solidarisch bist“ – mitten in einer Gesellschaft, die so stark am Kapital orientiert und damit oft zutiefst unsolidarisch ist.
in: Jesuiten 2/2016

Kommt und seht!

Mit dieser Einladung Jesu beginnt der Bericht über sein öffentliches Leben im Johannesevangelium. In einer Einführung (Prolog) wird vorher vom schöpferischen Wort gesprochen, dem wir in der Person Jesu begegnen. Ähnlich wie in den anderen Evangelien kommt dann Johannes der Täufer in den Blick. Eine Abordnung aus Jerusalem ist bei ihm und fragt: „Wer bist du?“ Mit einem Satz des Propheten Jesaja antwortet er: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft.“ Danach soll er seine Taufpraxis rechtfertigen. Jetzt wird der Text ganz aktuell: „Ich taufe mit Wasser“, sagt Johannes, „mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.“ Das ist unsere Situation. Mitten unter uns lebt der Auferstandene, den wir in der Regel übersehen.

Am nächsten Tag geht Jesus nochmals zu Johannes, der über ihn sagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt.“ Am dritten Tag wiederholt er diese Aussage. Zwei seiner Jünger hören dies und gehen Jesus nach. Er fragt sie: „Was wollt ihr?“ Die beiden antworten: „Wo wohnst du?“ Wohnen kann unterschiedliches bedeuten. Ich höre: „Wo ist dein persönlicher Schutzbereich, dein Lebensmittelpunkt?“ Luther übersetzt: „Wo bist du zur Herberge?“ Wir stellen uns in Mitteleuropa Wohnen meist nur in einem Haus – also mit einer Wohnadresse – vor. In unserer Rechtsordnung können Wohnungslose beim kleinsten Verdacht inhaftiert werden, da ihnen ein Gerichtsterminnicht zugestellt werden kann.

Jesus antwortet mit keiner Ortsangabe, sondern lädt die beiden Männer zu sich ein: „Kommt und seht!“ Das ist ein großer Schritt, Fremde einzuladen und sie zu bitten, sich aufmerksam umzusehen. Nachdem Jesus die ersten Phasen seiner Menschwerdung in geschützten Räumen durchlief, spricht er jetzt diese Einladung aus. Ein neues Kapitel in seinem Leben ist aufgeschlagen.

Wir müssen unser Schutzbedürfnis und das der Gemeinschaften, in denen wir leben, ernst nehmen und die dazugehörenden Räume des Vertrauens. Auch später zog sich Jesus in die Berge zurück, um die Einheit mit unserem Vater lebendig zu halten. Ebenso lädt er uns ausdrücklich zu diesem vor der Öffentlichkeit verborgenen Gespräch mit der Basis unseres Lebens ein.

Doch wenn wir dem Auferstandenen in uns nicht das Wort verbieten, kann er uns auch spontan durch wildfremde Menschen einladen, diese Grenze zwischen öffentlich und privat zu überschreiten, in einer Notlage vielleicht oder aus einem Liebesimpuls heraus. Das Brotbrechen, dieses Teilen des Lebens, ist dann aus der Sicht vieler unvernünftig. Doch ist es gut, den inneren Impuls zu bemerken und ihm manchmal ohne langes Abwägen zu folgen.

Als die beiden Männer Jesus nachgingen, sahen sie vielleicht den Wegabschnitt, an dem Jesus Menschen begegnete. Lebte er dort vieleicht obdachlos? Die beiden blieben nur einen Tag. Doch dieser kurze Besuch hatte einschneidende Folgen für alle drei. Andreas, einer von den beiden, geht zu seinem Bruder Petrus und sagt ihm: „Wir haben den Messias, den Gesalbten, gefunden.“ Jesus ruft sie aus ihrem Alltag heraus und sie schließen sich ihm an.

Mit der offenen Einladung – Kommt und seht! – tritt Jesus ins Licht der Geschichte und wir hören sein Wort. Der Same seiner Botschaft war in der verborgenen Zeit seines Lebens herangewachsen. Die beiden Jünger des Johannes öffnen uns mit ihrem Interesse ein neues Kapitel der Weltgeschichte.

Wann und in welchen Schritten ist es uns möglich, Fremde zu uns einzuladen? Was werden sie sehen und mit welchen Menschen werden sie uns bekannt machen? Das Interesse der beiden Jünger des Johannes und die offene Einladung Jesu hatten überraschende Folgen.

Auch wir werden von Jesus eingeladen, Schritte ins Leben zu gehen. Oft haben sie nicht vorhergesehene Folgen in unserer Beziehung zu anderen Menschen und zu Gott, der oder die mit uns solidarisch mitgeht. Jesus wurde mit der Auferstehung ein Teil unseres Lebens.
in: Jesuiten 3/2016