2000 Christian Herwartz, Arbeiterpriester – Ein Überblick

Im Zweiten Weltkrieg sind Menschen aus ganz Europa zur Arbeit in Deutschland gezwungen worden. In dieser schwierigen Zeit durfte kein Priester aus dem Heimatland die Arbeiter und Arbeiterinnen begleiten. Seelsorge war verboten; zuwiderhandelnde Priester wurden nach Dachau ins Konzentrationslager gebracht. Trotzdem meldeten sich französische Theologiestudenten und Priester als Arbeiter nach Deutschland. Sie waren in unterschiedlichen Betrieben beschäftigt und teilten das oft sehr harte Leben ihrer Landsleute, suchten sie in ihren Unterkünften auf, organisierten Hilfe und feierten mit ihnen im Verborgenen Gottesdienst.

Einer von ihnen war Henri Perrin. Seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1943/44 sind auf deutsch unter dem Titel „Tagebuch eines Arbeiterpriesters“ veröffentlicht und von vielen gelesen worden. Wir können ahnen, wie Christen in dieser urchristlichen Situation inmitten der Katastrophe das Geheimnis des Glaubens neu entdeckt haben.

Auch schon vor dem Krieg versuchten in Frankreich Intellektuelle, das Leben der Arbeiter zu teilen, um es besser zu verstehen und um für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Ein Beispiel dafür ist die Philosophin Simone Weil, deren „Fabriktagebuch“ ebenfalls auf Deutsch herausgekommen ist.

Nach dem Krieg wollten einige Priester das Leben als Arbeiter fortsetzen, weil sie so denjenigen Menschen näher bleiben konnten, deren Stimmen in der Gesellschaft nicht hoch geschätzt wurden. Sie organisierten sich mit den Kolleginnen und Kollegen in den christlichen Organisationen der jüngeren und älteren Arbeiter und ihren Familien – der CAJ und KAB in gewissem Sinn vergleichbar -, in den Gewerkschaften und den dazugehörigen Parteien, nämlich vor allem der sozialistischen und der kommunistischen.

Da bekamen einige der christlichen Arbeitgeber und Verantwortliche in der Kirche Angst, dass diese Priester kommunistische Agitatoren würden und nicht mehr das Evangelium so verkünden, wie sie es gewohnt waren. Die Lebenssituation verändert ja immer das Hören auf die Frohe Botschaft Gottes und läßt in ihr Neues entdecken Der Ruf nach Gerechtigkeit wird entschiedener und die Anwesenheit des Heiligen Geistes wird im Alltag unter vielen Namen deutlicher erfahren. – 1953 wurde dieser Weg der Arbeiterpriester vom Papst weitgehend verboten.

Doch die ermutigenden Erfahrungen waren nicht mehr beiseite zu schieben. Viele Ordensleute und andere Menschen waren ähnliche Wege gegangen und hatten ihren Glauben und ihre soziale Verantwortung neu entdeckt. Manche Priester arbeiteten weiter in der Industrie oder anderswo; viele unterstützten die Aufhebeung des päpstlichen Verbotes. Es wurde immer deutlicher, wie sehr das eigene Land ein Missionsgebiet ist, wo es menschliche Werte unter den „Kirchenfernen“ zu entdecken und zu achten gibt. Die Solidarität im menschlichen Suchen war als einigendes Band zwischen allen Menschen entdeckt.

Während des II. Vatikanischen Konzils wurde 1966 das Verbot aufgehoben und hunderte von Priestern nahmen mit Zustimmung ihrer Bischöfe und Ordensoberen eine manuelle Arbeit ganztags auf. Dazu kamen viele, die halbtags arbeiten gingen. Einer von ihnen wurde zum Bischof geweiht. Mindestens 800 Priester haben in Frankreich einen solchen Schritt getan. Eine ähnliche Entwicklung gab es in Spanien, Italien und Belgien. Viele Ordensschwestern und andere engagierte Menschen gingen ähnliche Wege.

Heute sind die meisten dieser Priester mit ihren Kolleginnen und Kollegen auf Rente. Jüngere gehen diesen Weg der Inkulturation unter den von der Gesellschaft beiseitegeschobenen und abgeschriebenen Menschen an unterschiedlichen Orten weiter, indem sie ihr Leben mit ihnen teilen. Weil sich in den letzten vierzig Jahren die Arbeitsplätze, die Rolle der Gewerkschaft und der Kirche geändert haben, mußten Jüngere oft neue Wege gehen. Aber es bleibt wichtig, jede Überheblichkeit, jeden Paternalismus abzulegen und die Gleichheit mit allen Menschen zu suchen, um so der Menschwerdung Gottes unter uns nachzugehen und sich auf den Weg Jesu einzulassen.

Auch in Deutschland haben einige aus religiösen und sozialen Gründen ihren gesellschaftlichen und kulturellen Standort verlassen und eine manuelle Arbeit aufgenommen. Sie treffen sich seit fast 30 Jahren zweimal jährlich zum Austausch ihrer Erfahrungen. Der Kreis nennt sich Arbeitergeschwister und beherbergt evangelische und katholische Christen, Alleinstehende und Verheiratete, Priester und Ordensleute. Was sehen wir auf Grund unserer Erfahrungen neu in der Gesellschaft, in der Kirche und wie ändert sich unser Engagement? Das sind Grundfragen des Austausches dieser etwa 50 Menschen aus Deutschland und der Schweiz. Das Erzählen, Nachfragen und gemeinsame Feiern der Geheimnisse des Glaubens sind für alle wichtig zur Stärkung auf dem eingeschlagenen Weg, aber auch um sich Gott immer neu anzuvertrauen, jede und jeden dorthin weiterzuführen, wohin Gott vorausgeht und uns ruft.

Veröffentlicht in „19“ – Jugendzeitschrift der Steyler Missionare 12/2000