2016 Werkbrief zur Sozialenzyklika Laudato si‘

Exerzitien auf der Straße – Was ist das?

Wer auf dem Land wohnt, kann deutlicher den Raubbau an der Natur bemerken als die Leute in der Stadt: Die bäuerlichen Betriebe werden größer und sollen ähnlich wie Industriebetriebe geführt werden. Die Krisen meinen viele durch den Einsatz von Dün- ger, giftigen Mitteln gegen Schädlinge oder genmanipulierter Saat zu überwinden ohne die gesellschaftlichen Folgekosten zu benennen, wie Arbeitslosigkeit oder die vie- len neuen Krankheiten. Denn die produzierten Lebensmittel werden für immer mehr Menschen unverträglich. Das Szenario wird ausführlich in der Umwelt- und Sozialen- zyklika „Laudato si“ beschrieben.
Mitten in dieser Öffentlichkeit suchen wir in den Geistlichen Übungen (Exerzitien) nach der Gegenwart des Auferstandenen und werden von ihm oder seinen Boten über- rascht. Wir folgen seinen Anweisungen: Ähnlich wie er die 72 Jünger/innen wie Läm- mer in die von Wölfen dominiere Welt schickte (Lk 10,3), lassen wir uns sagen: Seid aufmerksam und lasst alles los, an das ihr euch ängstlich klammert. Auch wir wollen in der Zeit dieser Übungen a) kein Futter für die Wölfe mitnehmen und möglichst die Geldbörse zu Hause lassen, b) ebenso kein Überlebenspaket mitnehmen, also wir lassen auch den Rucksack zurück. c) Ungeschützt dürfen wir den Boden ohne Schuhe berüh- ren, und d) uns den Blick auf die Wirklichkeit nicht durch unangepasste Verhaltensre- geln verstellen lassen, wie jeden grüßen zu müssen (Lk 10,3f). Besonders die letzte Regel fordert heraus Lebenssituation deutlich zu unterscheiden und zu einem ange- messenen Verhalten zu finden, also u.U. jetzt gerade die zu grüßen, denen wir sonst aus dem Wege gehen.
Mit diesen Regeln des Lassens schicken wir bei den Exerzitien auf der Straße Men schen in den Geistlichen Übungen (Exerzitien) in die Öffentlichkeit (die Straße). Dort entdecken sie wie die Jünger entdecken wie sie im Gärtner (Jo 20,14), einem Fremden (Lk 24,15), dem Mann am Feuer (Jo 21,9) und in vielen anderen Situationen über- raschend dem Auferstandenen begegnen, der uns neu seine ungewöhnliche Liebe mitten in oft aussichtslosen Situationen zeigt.
Nach diesem ersten Schritt in die Aufmerksamkeit und der Verlangsamung hilft den Übenden ein zentraler Text aus dem Buch Exodus, dem 2. Buch in der Bibel. Im dritten Kapitel steht, wie Mose von Gott den Auftrag bekommt, sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit zu führen. Mose aus dem Volk der Hebräer wurde als kleines Kind das Leben von einer Tochter des Pharaos gerettet. Er wuchs fern der Unterdrückung seines Volkes in ihrem Elternhaus auf. Mit 40 Jahren suchte er sein Volk auf (Apg 7,23) und erschlug einen der Aufseher. Er flüchtete außer Landes. Dort fand er Aufnahme und Arbeit bei seinem Schwiegervater als Hirte, heiratete seine Tochter und nannte seinen Sohn Gerschom (Gast in der Fremde), denn die Sehnsucht nach seinem Volk war nicht erloschen. Sie trieb ihn mit 80 Jahren über das vertraute Weideland in der Steppe hinaus in die Wüste bis zum Berg Horeb. Dort sah er einen Dornbusch, der brannte aber nicht verbrannte. Mose wurde neugierig und nähern uns näherte sich dem Dorn- busch, in dem die Liebe brennt und nicht verbrennt (Ex 3,2). Mose wurde aus dem kratzigen Strauch mit seinem Namen angesprochen. Er solle die Schuhe ausziehen – also ganz die Wirklichkeit des Heiligen Bodens spüren -, denn der Gott seiner Väter wollte ihm etwas sagen. Mose verhüllte sein Gesicht.
Diese Geschichte gibt den Übenden eine Orientierung in der Begegnung mit dem Erstaunlichen und letztlich dem Göttlichen in der Schutzlosigkeit der für alle offenen Straße. Auch dort stoßen wir auf brennende und nicht verbrennende Dornbüsche, vor an denen wir Heiligen Boden für uns entdecken. Das mag eine Begegnung in uns selbst sein oder mit einem anderen Menschen, einer Erinnerung an Grausamkeiten an einem Denkmal oder in einer Straße der Prostitution, auf einem Friedhof, vor einem Hospiz, einer Fabrik oder einem Gefängnis. Wo auch immer wir die Spur einer Liebe entdecken und ihr ganz offen begegnen, können wir mit diesem Ruf aus dem Feuer beschenkt werden. Dann dürfen wir voll Ehrfurcht die Schuhe des Herzens, auch die an unseren Füßen ausziehen und diese Wirklichkeit mit unserem ganzen Körper wahrnehmen. Wenn wir abends von dieser Begebenheit erzählen, dann werden uns die Augen für die darin liegende Botschaft der Befreiung geöffnet.
Denn auch in den Exerzitien wollen wir die eigenen Versklavungen erkennen und den Weg in die Freiheit entdecken und einzuschlagen. Wenn wir in den Exerzitien auf der durch keine Besitzverhältnisse oder andere Bevormundungen verstellten Straße nach dem Dornbusch suchen und unsere Schuhe der Distanz abstreifen, dann kann uns uns ähnliches geschehen. Wir entdecken im Gespräch mit einem obdachlosen Menschen seine Sehnsucht nach dem Feuer der Liebe und bemerken, wie uns in ihm unverdient das Göttliche begegnet. Die Übenden suchen mitten im Jetzt nach den Zeichen der Gegenwart Gottes. Sie begegnet uns besonders deutlich in den schwachen, unterdrückten, verfolgten oder kranken Menschen – auch in uns -, in die sich Jesus ausgrenzen lässt.
Die Übenden berichten bei den Exerzitienkursen abends von ihren bewegenden Erfah- rungen des Tages, ähnlich wie die 72 JüngerInnen bei ihrer Rückkehr (Lk 10,17-20; vgl. auch Mk 6,30-34).
Wer sich über diese Berichte von Menschen mitten in Europa freuen will, kann in dem von fünf BegleiterInnen herausgegebenen Buch „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ (2016 Neukirchener Aussaatverlag) weiter lesen. Beim Wunsch den eigenen Erfahrungen in einer Exerzitiengruppe zu machen/zu sammeln finden sich Informa- tionen auf der Webseite:
http://www.strassenexerzitien.de

Ein Beispiel zur Einübung:      Sich von der Sehnsucht führen lassen

In unseren Herzen finden wir die Handschrift unseres Schöpfers, die uns bewusst oder unbewusst leitet und unsere Würde begründet. Wie können wir eine lebendige Ver- bindung zu diesem inneren Lebensmotor finden? Drei im Alltag bewerte Möglichkeiten bieten sich während der Exerzitien auf der Straße an und führen die Übenden ins per- sönliche Gebet ein.

a) Worüber ärgerst du dich?
Sehr unterschiedliches Grummeln über die eigene Lebenssituationen, das Verhalten anderer und von uns selbst, die erlernten oder unbewusst übernommenen Gewohn- heiten oder über politische Entscheidungen anderer und allgemeine Tendenzen wer- den uns bewusst. All diese Gefühle werden im Inneren angetrieben von unserer je eigenen Sehnsucht, die das schmerzhaft Erlebte gewandelt sehen möchte. Die unter- schiedlichen Sehnsüchte in der Exerzitiengruppe erleben wir im Wechselspiel zuein- ander und lassen uns die Fülle ahnen, die in unseren Gemeinschaften und beson- ders in der Kirche Wirklichkeit sein soll.
Jeder von uns hat eine Idee, wie die Menschen um uns herum, die Welt und wir selbst sein sollten, damit unser Ärger auf keinen fruchtbaren Boden fällt? Das Benennen der eigenen Blickrichtung fällen oft nicht leicht. Da kann ein Gespräch mit einer/m guten Zuhörer/in helfen, dicht an den spontan genutzten Worten bleibend, die eigene Zielwelt anzusprechen – ohne die Worte des Ärgers nur zu verneinen. Wenn wir die nun anfänglich ins Wort gekommene Sehnsucht mitnehmen, verdichtet sie sich immer mehr in wenige Worte, auch wenn verschiedene Aspekte in ihr zum Ausdruck kommen. Wir finden in diesem Prozess einen direkteren Zugang zu unserer Sehnsucht und können mit Gott über diesen Schatz sprechen. Fragen wir ihn einmal, was er sich bei dieser Grundausrichtung dachte und welchen Auftrag er uns damit anvertraute. Ja wir können ihn sogar mit unserer Sehnsucht ansprechen. Wenn jemand einen deutlichen Widerstand gegen Ungleichbehandlung spürt, kann er/sie Gott vielleicht mit dem Namen ansprechen: Du, der Du mir an Deiner gleichgroßen Liebe zu allen Menschen Anteil gibst. Mit dieser Beziehung wird Neues in der Umwelt sichtbar.

b) Worüber wirst Du traurig?
Manche Menschen ärgern sich nicht so schnell sondern werden eher traurig. Sie kön- nen nach den Umständen suchen, bei denen sie traurig werden. Auch dieses Gefühl wird von der inneren Sehnsucht angestoßen.

c) Wann muss ich NEIN sagen?
Ein/e Alkoholiker/in findet zum Leben über das Nein zum ersten Glas. Das Nein schützt ihr/sein Ja zum Leben.
Jesus sagt nach der Taufe im Jordan und einem 40tägigen Fasten dreimal Nein zu den in ihm auftauchenden Versuchungen, sein Leben auf die Bedürfnisse der materiellen Versorgung, die Bestätigung seiner Sendung durch frappierende Zeichen oder den Einsatz von Macht zu reduzieren. So lese ich die Erzählungen bei Matthäus und Lukas jeweils im 4. Kapitel. Diese Neins schützen die einzelnen Aspekte seines Glaubensbe-kenntnisses: Unser Leben ist in jedem Wort Gottes begründet, wir brauchen es nicht auf die Probe stellen, bei ihm liegt alle Macht. Das dritte Nein in den Versuchungsge- schichten ist wird nötig, als der absolute Vorrang Gottes in Frage steht. Ein Nein, des- sen Begründung sich über Gott stellen würde.
Die Auseinandersetzung mit unserem vielfältigen Nein ist nötig, um zur Taufe zugelassen zu werden. Jedes Nein weist auch auf einen Aspekt unsere Sehnsucht hin, die Hunger nach Größeren hat und deshalb eine schnelle Befriedigung weiterer Bedürfnisse verneint, so faszinierend die Kunststücke auch sein mögen oder all die schillernden Machtangebote.
Jedes Nein schützt ein Ja zum Leben. Durch sie finden wir unsere Wegweiser zur größeren Freiheit.

Christian Herwartz

Bild:

Die BegleiterInnen mit den zurück gelassenden Geldbörsen, Rucksäcken und Schuhen auf dem Katholikentag in Leipzig 2016 warten auf die Übenden

Die BegleiterInnen mit den zurück gelassenden Geldbörsen, Rucksäcken und Schuhen auf dem Katholikentag in Leipzig 2016 warten auf die Übenden

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