2016 Christian Herwartz, Unser Nein leben

unter diesem Titel ist – nach einer Podiumsdiskussion „Kampf und Kontemplation“ auf dem Katholikentag in Leipzig 2016 – im Sommer 2016 ein Artikel in Publik Forum EXTRA „Taizé heute – das kleine Gleichnis für eine versöhnte Welt“ erschienen. – Mein Entwurf hatte den Titel „Im Konflikt zwischen Tätern und Opfern“

Die Gemeinschaft in Taizé entstand auf vom zweiten Weltkrieg verwüsteten Boden. Schritte des Friedens wurden zwischen den langjährigen Feinden Deutschland und Frankreich gesucht. Dieses Bemühen wird in der Wegbeschreibung „Kampf und Kontemplation“ eindrucksvoll zusammengefasst. Wir Christen werden ja schon in der Taufe aufgefordert – ähnlich wie es Jesus in der Versuchungsgeschichte tat – zuerst Nein zu sagen, also den Kampf mit den lebenszerstörenden Kräften aufzunehmen. Treten wir danach in der Kontemplation vor Gott, dann kann sich die angestrebte Lebensveränderung bis in die Wurzeln der Existenz durch Gott und in Solidarität mit allen Menschen realisieren. Dieser Weg ins Leben führt angesichts der Barmherzigkeit Gottes aus den alten Konflikten heraus in die Offenheit für den Nächsten und uns selbst. Sie ist die Straße des Friedens, die alte Grenzen überschreitet.
Heute befinden wir uns wieder mitten in der Konfrontation von Tätern und Opfern, bei der unsere individuellen moralischen Vorstellungen die Wirklichkeit nicht begreifen und überwinden können. Weltweit stehen sich wirtschaftliche Gewinner und Verlierer gegenüber. Durch Krieg und materielle Existenzangst in Lebensnot geratene Menschen suchen nun bei denen Zuflucht, die in den Herkunftsländern ihren Einfluss gelten machen, die dortige Arbeitskräfte, Bodenschätze und Ackerflächen weitgehend für ihren Wohlstand nutzen, bewaffnet in einzelne Länder einfallen, wenn ihr Einfluss schwindet, die von ihnen produzierten Waffen den gegnerischen Parteien verkaufen und die Umwelt in ihrer Erneuerungsfähigkeit überreizen. Wir alle erleben, wie sich Menschen aus den Länder der Opfer und der Täter bei uns gegenüberstehen. Viele Menschen auf der Täterseite üben sich jetzt anerkennenderweise in Barmherzigkeit und erleben sich als mildtätig. Vieles ist nicht wieder gut zu machen. Die Fluchtursachen treiben Tausende und Tausende in den Tod. Die Gerechtigkeitsfrage und unser Verantwortung an dem Leid wird häufig ausgeklammert.
Die Verteidiger des eigenen Wohlstands spüren die Überforderung, sich auf die neue Situation einzulassen. Verbale Entschuldigungen greifen nicht mehr. Die barmherzigen „Gutmenschen“ werden verspottet, rechthaberisch eine Verschärfung der Ausländergesetze und die Ausweisung der Bittsteller gefordert, die den Weg der aus ihren Ländern angeeigneten Gütern gefolgt sind.
Jetzt können wir mit aller Kampfeslust unser Nein leben. Den Hilfesuchenden in die Augen sehen, uns anrühren lassen. Wir können die Fragen stellen, auf die wir selbst in solch einer Situation hoffen, und mitten in all unseren Ängsten wieder ins kontemplative Hören finden. Dann legen wir den für uns unlösbaren Konflikt in Gott Hände und die Gewalt kann ein Ende finden, ähnlich wie nach dem letzten Krieg zwischen Deutschland und Frankreich oder beim Fall der Mauer in Berlin. Wir durften das Glück des Neuanfangs erleben. Ich bin hungrig auf die Begegnung mit den Heimatvertriebenen heute und ein Ende der kolonialen Reaktionen.
Christian Herwartz

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